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Auf der Seidenstraße

Zwei Räder, eine legendäre Route und keine Grenzen

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Auf der Seidenstraße — Inhalt

13000 Kilometer mit dem Fahrrad durch zehn Länder

Vom Bosporus bis in den Himalaja – zwei Frauen auf der Reise ihres Lebens. Schon als Teenager träumte Kate Harris davon, eine Entdeckerin zu werden und als Astronautin zum Mars zu fliegen. Doch während ihres Wissenschaftsstudiums strauchelt sie. Und gemeinsam mit ihrer Freundin Mel bricht sie auf, um die sagenumwobene Seidenstraße mit dem Fahrrad zu erkunden: von Istanbul aus entlang des Schwarzen Meers über den Kaukasus bis nach Tibet und Indien. Dabei taucht sie ein in eine Welt jenseits aller Grenzen, die so ungestüm ist wie sie selbst. Ein brillantes Buch über Sehnsüchte und Forscherdrang, über die unnatürliche politische Zerteilung der Welt und die Wildheit der Natur.

€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Erschienen am 02.04.2019
Übersetzt von: Henriette Zeltner
336 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-89029-517-6
€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erschienen am 02.04.2019
Übersetzt von: Henriette Zeltner
336 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99286-2

Leseprobe zu „Auf der Seidenstraße“

Prolog
Das Ende der Straße war immer gerade nicht sichtbar. Der rissige Asphalt verschmolz außer Reichweite unserer Stirnlampen mit der Nacht. Die spärlichen Strahlen wurden von der Schwärze verschluckt, die vor uns zurückwich, egal, wie schnell wir auch fuhren. Das Licht war wie ein Straßenbelag, der vor unsere Räder geworfen wurde, und die Straße ging einfach immer weiter. Ich erinnere mich, dass mir der Gedanke kam, wenn ich je das Ende erreiche, fliege ich vom Rand der Welt. Ich trat noch fester in die Pedale.
Am Vorabend hatten Melissa und ich die [...]

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Prolog
Das Ende der Straße war immer gerade nicht sichtbar. Der rissige Asphalt verschmolz außer Reichweite unserer Stirnlampen mit der Nacht. Die spärlichen Strahlen wurden von der Schwärze verschluckt, die vor uns zurückwich, egal, wie schnell wir auch fuhren. Das Licht war wie ein Straßenbelag, der vor unsere Räder geworfen wurde, und die Straße ging einfach immer weiter. Ich erinnere mich, dass mir der Gedanke kam, wenn ich je das Ende erreiche, fliege ich vom Rand der Welt. Ich trat noch fester in die Pedale.
Am Vorabend hatten Melissa und ich die orangefarbenen Reflektoren an unseren Reifen sorgsam mit Isolierband überklebt. Gleich nach Mitternacht waren wir dann in langer schwarzer Funktionswäsche aus den Schlafsäcken gekrabbelt, hatten all unsere Sachen gepackt und waren auf die Fahrräder gestiegen. Während wir auf Kudi, einen winzigen Außenposten im Westen Chinas, zufuhren, verrieten uns nur unsere Stirnlampen. Zwei schwache Lichter unterm Sternenhimmel. Sobald wir uns der Stadt näherten, schalteten wir auch die aus.
Es war drei Uhr morgens und eine mondlose Nacht. Für Juli war die Luft kühl, und sie duftete süß nach Pappeln und Weiden, die schlank am Flussufer aufragten. Himmel und Erde, Licht und Schatten ließen sich nicht klar unterscheiden. Es gab nur eine satte, absolute Schwärze. Ich konnte die Berge rundherum nicht sehen, aber spüren. Den scharf gezackten Fels. Eine Landschaft, die nur aus Kanten bestand.
Manchmal stießen Mel und ich blind zusammen, wobei unsere prallen Packtaschen als Puffer fungierten. Wir orientierten uns am Geräusch unserer Reifen: Gedämpftes Surren wies auf Asphalt hin, knirschender Kies signalisierte den Straßenrand und dass wir unseren Kurs korrigieren mussten. Wenn man mit dem Rad reist, nimmt man die grundlegenden Dinge des Lebens ernst: Hunger, Durst, Freundschaft, das Wetter, das Gemurmel der Welt unter den Reifen. Ich lauschte dermaßen konzentriert auf die Straße, dass ich das schimmernde Metall nicht bemerkte. Mel sah es.
„Da ist er“, flüsterte sie. „Der Grenzübergang.“
Eine Schranke ragte halb hochgezogen vor uns über die Straße. Irgendwo dahinter lag, mythisch und verboten, die Tibetische Hochebene. Obwohl Kudi sich genau genommen nicht in der Autonomen Region Tibet, wie China das ehemals autonome Land nennt, befindet, liegt hier der erste und am besten gesicherte Grenzübergang an der einzigen Straße, die in den Westen Tibets führt. Ausländer benötigen Genehmigungen und Führer, um die Gegend zu besuchen. Mel und ich hatten beides nicht. Wir wollten die chinesischen Besatzer nicht finanziell unterstützen, indem wir für unseren Besuch bezahlten, abgesehen davon, dass wir das Geld für die Genehmigungen sowieso nicht besessen hätten. Wir hatten gerade erst unseren Universitätsabschluss gemacht, fühlten uns jung und frei und leichtsinnigerweise unangreifbar – noch nie waren wir auf ein unüberwindliches Hindernis gestoßen. Also holten wir tief Luft, schauten nach links und rechts und radelten schnurstracks unter dem geöffneten Schlagbaum hindurch.
Nichts passierte. Irgendwo links von mir rauschte ein Fluss wie der Wind. Die Sterne sahen aus wie frisch angelötet über dem dunklen Gestein der Berge. Sie waren schwach zu erkennen, nachdem unsere Augen sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Mel war nur ein vager Schatten links neben mir. Ich spürte, wie aufgekratzt sie war, doch vielleicht war es auch nur meine eigene Aufregung, die die Luft irgendwie schimmern ließ. Alles wirkte wie übernatürlich vergrößert, unser Blick und unser Gehör geschärft. Ich sah eine Sternschnuppe hinterm Horizont verschwinden. „Hast du die auch gesehen?“, flüsterte ich. Als die Sternschnuppe in umgekehrter Richtung wieder auftauchte, stießen wir unsere Räder in den Graben und rannten los.
Das Licht der Taschenlampe glitt über die Straße und kam in deutlichen gelben Strichen immer näher. Mel duckte sich ein paar Meter von unseren Fahrrädern entfernt an die Böschung, während ich wie von Sinnen auf das nächste Gebäude zurannte und mich dann flach an eine Mauer presste. Ich hörte Schritte näher kommen, das Geräusch von Absätzen auf Beton, und tiefe Reue erfasste mich. Jetzt würde ich niemals den Mars erforschen, sondern stattdessen den Rest meiner Tage in einem chinesischen Gefängnis fristen, wo ich mir verzweifelt etwas zu lesen wünschte. Die Wange an die Mauer geschmiegt, starrte ich nach oben. Wenn nur ein einziges Sternbild am Himmel sichtbar wäre, redete ich mir ein – der Große Bär oder Kassiopeia –, dann wären wir gerettet. Ich scannte den Nachthimmel auf der Suche nach einem beruhigenden Zeichen, irgendeiner vertrauten Konstellation, an der ich mich orientieren könnte. Eigentlich ein Witz, wenn ich daran denke, dass damals das große Ziel meines Lebens war, mich dem Unbekannten hinzugeben. Doch die Sterne wirbelten irgendwie herum und weigerten sich, ihre vertrauten Positionen einzunehmen. Die Schritte kamen näher und näher und hielten inne.
Da entdeckte ich den Großen Bären, der über den Himmel tapste. Die Stiefelschritte waren wieder zu hören, näherten sich und verloren sich dann in der Ferne. Ich wagte nicht, mich zu bewegen oder einen Blick in Mels Richtung zu werfen, die sich offenbar noch irgendwo im Graben tot stellte. Ein paar Minuten oder auch eine ganze Ewigkeit später fuhr ein Lastwagen stotternd an und entfernte sich in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Die Nacht wurde wieder ganz still.
Wir nahmen unsere Räder und setzten unsere rasende Fahrt durch Kudi reuelos fort. Aus Furcht wurde rasch Euphorie, eine gewisse irrationale Hoffnung. Der Mann mit der Taschenlampe hatte uns bestimmt gesehen, wie wir erbärmlich und betend im Graben gekauert und an der Wand gelehnt hatten. Wie zwei Hunde, die die Köpfe unters Sofa schieben und glauben, perfekt versteckt zu sein. Zumindest musste er unsere Fahrräder im Graben bemerkt haben, deren Reifen sich nutzlos in der Luft drehten. Warum er sich entschieden hatte weiterzugehen, war ein Rätsel, über das wir nicht sprachen. Nicht zuletzt, weil wir zu sehr außer Atem waren.
Aber während Mel und ich Richtung Tibetisches Hochland in die Pedale traten, bemerkte ich das Tickern eines zu langen Stücks Klebeband über dem Reflektor, das ständig gegen die Lenkergabel schlug. Es erinnerte mich an eine Zeitbombe. Ticker-ticker-ticker-ticker-ticker, ein leises, aber bedrohliches Stottern. Das sollte ich wegschneiden, dachte ich. Doch in diesem Moment tauchte auch schon ein zweiter Kontrollposten, der richtige Grenzposten, wie ein böser Traum aus der Dunkelheit auf. Diesmal war der Schlagbaum unten und zudem mit Ketten gesichert. Beleuchtete Wachhäuschen aus Beton standen rechts und links davon. Wir konnten darin allerdings niemanden sehen.
„Äh ...“ Ich hörte auf zu treten und ließ mein Fahrrad nur noch rollen.
„Tja ...“, bemerkte Mel, aber ihre Stimme kam von irgendwo weiter vor mir.
Ich zögerte nur noch einen Herzschlag lang und begann wieder zu treten. Wenn Mel keinen Rückzieher machte, würde ich auch nicht kneifen. „Wirf dein Herz über das Hindernis“, hatten die Reitlehrer in unserem Ponyklub uns immer aufgefordert. „Dann kommt der Rest von euch schon hinterher. Hoffentlich auch das Pferd und der Sattel“, pflegten sie grinsend hinzuzufügen. Die einzige Methode, um zu überprüfen, ob eine Grenze wirklich existiert, besteht darin, in hohem Tempo darauf zuzusteuern und dann drüberzuspringen – oder, wenn die Umstände es erfordern, unter ihr durchzukriechen. Im bleichen Licht der Wachgebäude warfen Mel und ich einander einen letzten Blick zu. Dann krabbelten wir auf allen vieren unter der Schranke durch, zerrten unsere schwer beladenen Räder hinter uns her und radelten anschließend, so schnell wir konnten, in das verbotene Gebiet.


Erster Teil
Wie wir unsere Tage verbringen,
so verbringen wir auch unser Leben.
ANNIE DILLARD, THE WRITING LIFE


Marco Polo war schuld
Nordamerika
Vielleicht beginnt jede bedeutsame Reise mit einem Fehler. Mit einer Übertretung, falschen Entscheidung oder dummen Idee, die eine unaufhaltsame Odyssee in Gang setzt. Nachdem ich in einer Kleinstadt im kanadischen Bundesstaat Ontario aufgewachsen bin, wo die höchste Erhebung ein Heuhaufen war und der Horizont mit einem Maisfeld endete, schien mein Fehler unvermeidlich, war aber zugleich nicht wirklich meine Schuld: Anscheinend war ich für das mir vorbestimmte Leben einfach Jahrhunderte zu spät geboren.
Rastlosigkeit liegt bei uns in der Familie, auch wenn meine Eltern ihre vor allem in Form von Umzügen auslebten. Die ersten zehn Jahre meines Lebens verbrachten wir in Oakville, einem Vorort von Toronto. Aber nachdem die beiden in ihrer Jugend regelmäßig Pferdeställe ausgemistet und im elterlichen Gemüsegarten geholfen hatten, wünschten sich mein Vater, ein Diplomingenieur, und meine Mutter, eine Künstlerin, die gleiche rustikale Umgebung für mich und meine kleinen Brüder. Also zogen wir auf ein paar Morgen Zedernwald und Sumpf nördlich von Ballinafad. Dieses Dörfchen ohne Ampel ist heute eine idyllische Touristenfalle mit einem Gemischtwarenladen, der bestickte Satteldecken und überteuerte Potpourris aus Trockenblumen verkauft. In meiner Jugend war es noch ein Kaff, in dem sogar der Schulbus Gas gab, um schnell wieder wegzukommen. Als ich vierzehn war, zogen wir wieder um, diesmal in den Südosten von Ballinafad, auf eine ehemalige Pferderanch mit siebzig Morgen Wald und Weiden, zwei von Quellen gespeisten Teichen, einem Stall voll leerer Boxen und staubiger Sonnenstrahlen, einer Holzhütte, so winzig, dass man mit ausgestreckten Armen fast gleichzeitig die einander gegenüberliegenden Wände berühren konnte, und mit einem zerfallenden Gebäude, das einst als Schafstall gedient hatte – aber ohne Haus.
Irgendwie quetschten sich dann drei rastlose Kinder, zwei geduldige Erwachsene, ein nicht ganz stubenreiner Labradorwelpe und eine nur ans Haus gewöhnte Abessinierkatze mit Fluchttendenz während der ersten sechs Monate, die wir dort verbrachten, in einen knapp vier Meter langen Wohnwagen. Das musste reichen, um den heruntergekommenen Schafstall so weit zu renovieren, dass er als eine Art menschliche Behausung dienen konnte. Ich sage „eine Art“, weil es anstelle einer Toilette mit Wasserspülung nur ein Trockenklo gab, weil eine Maus einmal als blinder Passagier im Rucksack meines Bruders mit in die Schule kam und weil ein andermal im Frühling, als ich gerade meine Hausaufgaben machte, eine Schlange über meinen Fuß glitt. Diese Details waren meinen Eltern peinlich, aber ich hatte Spaß daran, da sie das Abenteuer, dort zu leben, nur noch aufregender machten. „Wer als Erster beim Schafstall ist“, forderte ich meine Brüder heraus, wenn wir nach einem Einkauf in der Stadt aus dem Kombi meiner Eltern sprangen. „Beim Cottage“, pflegte meine Mom mich zu verbessern. Sie bestand nämlich darauf, dass der wahre Charakter einer Sache mehr von ihrem Geist bestimmt wird und weniger von ihrer ursprünglichen Bezeichnung. Aber da war ich längst auf und davon.
Verglichen mit dem Wohnwagen, kam einem der renovierte Schafstall mit seinen gut achtzig Quadratmetern wie ein Palast vor. Es machte mir nicht einmal etwas aus, ein paar Jahre lang ein Zimmer mit meinen Brüdern zu teilen. In unserem früheren Haus, in dem ich noch ein eigenes Zimmer gehabt hatte, hörte ich Dave und James immer durch die Wand lachen, Witze reißen oder Lehrer nachmachen, die uns im Laufe der Jahre unterrichtet hatten, wie Mrs Dingwall, deren komischer Name einen herrlichen Kontrast zu ihrem eleganten britischen Akzent bildete, oder Miss Pillon, eine Physiklehrerin, die Kreide durchs Klassenzimmer warf, um die schwache Erdanziehung zu demonstrieren, und so bei ihren Schülern die lebenslange Assoziation von theoretischer Wissenschaft und dem Instinkt, sich zu ducken, verankerte. Ich war oft rübergegangen, und morgens pflegten unsere Eltern mich, in mein Federbett gekuschelt, auf dem Fußboden im Zimmer meiner Brüder vorzufinden. Ich war einfach nicht bereit, zugunsten einer weichen Matratze auf den ganzen Spaß zu verzichten.
Da es in der Nähe kaum Kinder unseres Alters gab, mussten wir drei uns selbst unterhalten. So tuckerten wir auf dem Rasentraktor zum Teich hinunter und transportierten im Anhänger Sand, um uns einen Strand zu bauen. Das funktionierte, bis Dave ein bisschen zu nah an den Rand fuhr und die schwere Ladung den Traktor ins Wasser zog. Oder wir übten auf dem Trampolin stundenlang Rückwärtssalto und taten dabei so, als befänden wir uns auf kleineren Planeten, Pluto oder Mars, wo die Schwerkraft uns nicht so stark nach unten zog. In einem Winter versuchte James, das Trampolin für eine Übungseinheit außerhalb der Saison eisfrei zu kriegen, und hackte dabei mit der Spitzhacke ein Loch hinein. Wir sprangen jahrelang trotzdem weiter darauf herum und wichen dabei dem Loch gekonnt aus, bis einmal ein Freund, der uns besuchte, durchkrachte und unseren hochfliegenden Experimenten ein Ende bereitete. Nachdem unsere Großmutter uns verraten hatte, dass wir mit William Clark von der legendären Lewis-und-Clark-Expedition verwandt waren, zogen wir auf rostigen Rädern los, um eine neue Route Richtung Pazifik zu finden. Dabei legten wir Pausen im Gemischtwarenladen von Ballinafad ein, um die Vorräte an roten Lakritzen aufzufüllen.
Aber in welche Richtung wir auch loszogen, immer stießen meine Brüder und ich unvermeidlich an Grenzen. Manchmal war es ein Zaun, über den wir klettern konnten, aber meistens ein Highway oder eine langweilige Siedlung identischer Häuser, asphaltiert und abweisend, die uns aufhielt. Je älter ich wurde, desto verschrobener und limitierter kam mir unsere Gegend vor, eher hinterwäldlerisch als rau. Dave und James, die drei beziehungsweise fünf Jahre jünger sind als ich, schien das nicht zu stören. Sie waren drinnen genauso glücklich. Dort bauten sie Raumschiffmodelle wie die Enterprise aus der gleichnamigen Fernsehserie oder komponierten Songs auf dem Synthesizer, den Dad gebaut hatte. Doch je zahmer meine Umgebung wurde, desto stärker sehnte ich mich nach dem Gegensatz: nach Wüsten und polarer Tundra, nach Bergen und Gletschern, nach windumtosten Klippen und steilen Felsen. Kurz gesagt, nach der Art von Wildnis, die mich auslöschen würde, wenn ich nicht ebenso vorsichtig wie mutig wäre. Im Südwesten Ontarios fand ich solche Gegenden hauptsächlich in Büchern.
Mein literarischer Geschmack neigte wie meine Fantasie zum Fremdartigen und Extremen. Zwischen Hausaufgaben und Ausmisten der Pferdeställe, im Schulbus und am Abendbrottisch – bis meine Eltern drohten, mir den Nachtisch zu streichen, wenn ich das Buch nicht weglegte – durchstreifte ich mit Bedu die Rub al-Chali, suchte auf Cape Royds nach einem Pinguinei, plagte mich auf Holzskiern von Ost nach West durch Grönland, schoss Fotos von der dunklen Seite des Mondes, folgte dem Ruf der Wildnis im Yukon und durchquerte das Hochland von Tibet, getarnt als buddhistischer Pilger. „Ich habe Heimweh nach einem Land, das nicht das meine ist“, schrieb Alexandra David-Néel über ihre heimliche Reise durch Tibet, das 1924 für Ausländer noch verbotener war als heute. „Die Steppen, die Einsamkeit, das ewige Eis und der weite Himmel verfolgen mich.“
David-Néels Buch über diese Expedition, Arjopa – Die erste Pilgerfahrt einer weißen Frau nach der verbotenen Stadt des Dalai Lama, kam für mich dem Porträt einer jungen Frau als Entdeckerin am nächsten. Es spielte keine Rolle, dass sie schon fünfundfünfzig war, als sie sich ihren Umhang aus Schaffell über die Schultern warf und verwegen nach Tibet marschierte (begleitet von ihrem tibetischen Adoptivsohn Yongden). Das Alter interessierte mich weniger als die Motivation. David-Néel versuchte nicht, beim Reisen „sich selbst zu finden“. Sie floh auch nicht vor der Langeweile einer häuslichen Existenz oder aufgrund einer emotionalen Krise – als ob eine Frau nur aus Trauer oder wegen eines Verlusts oder auf der Suche nach Liebe Risiko und Abenteuer auf Reisen suchen dürfte. Wie erfrischend, dass David-Néel sich selbst durchaus kannte, und falls sie überhaupt etwas suchte, dann eine Umgebung, die so wild war, wie sie sich fühlte. Und sie konnte, was Tibet betraf, nicht einmal eine literarische oder geografische Lücke schließen. Dutzende Europäer waren bereits dort gewesen, als Diplomaten, Missionare oder Soldaten. Sie hatten Landkarten gezeichnet, Berichte verfasst, sogar in Lhasa Immobilien erworben. Dass nichts davon diese Französin abschreckte, tröstete mich sehr. Auch wenn vor ihr andere dort gewesen waren, so war Erkundung dennoch möglich, und willkürlich gezogene Grenzen stellten per Definition Grenzen dar, die man schon aus Prinzip durchbrechen sollte. Was David-Néel ins Tibetische Hochland brachte, waren ihre ausgeprägte Fähigkeit zu staunen, extreme Gewieftheit und eine Vorliebe für Reisen unter dem nächtlichen Sternenhimmel – nicht zuletzt, um tagsüber nicht erwischt zu werden. Zu ihrer Zeit galt es nicht, der chinesischen Polizei zu entgehen, sondern den tibetischen Behördenvertretern.
Aber schon früher hatte Tibet mich fasziniert, mit vielleicht zehn oder elf, als ich auf eine illustrierte gekürzte Fassung von Marco Polos Reisen entlang der Seidenstraße gestoßen war. Auf dieser uralten Karawanenroute waren Tausende Jahre lang Menschen mit Waren, Glaubensüberzeugungen und Ideen zwischen Europa und Asien gereist. Das Buch hatte meiner Mutter als Kind gehört, und ich liebte es, ihren Mädchennamen in Schönschrift auf dem Vorsatzblatt zu lesen, als hätte sie damit die im Buch beschriebenen Abenteuer bestätigt. Auf den Illustrationen sah man den siebzehnjährigen Polo, wie er mit einer Kamelkarawane hinter sich ferne Länder durchstreifte und zum Horizont blickte, wo Fata Morganas schillerten: Kuppeln mit türkisfarbenen Kacheln, Wanderdünen, labyrinthische Basare und schneebedeckte Berge. Polo sah kühn und zäh aus, ein furchtloser Abenteurer durch und durch. Ich beschloss, genau wie er zu werden, wenn ich einmal groß war.
Inzwischen kartierte ich seine Reisen auf den Seiten eines Atlas und zeichnete darin die Seidenstraße nach, die ja in Wirklichkeit aus vielen Straßen besteht und teilweise ausgefranst über Konstantinopel, Trabzon, Erzurum, Buchara, Samarkand, Badachschan, Kashgar, Hotan nach Cathay führt, wobei jeder dieser Namen bereits eine Einladung in den nächsten Ort bedeutet. Damals wie heute fand ich das Hinterland zwischen diesen Handelsstützpunkten sogar noch faszinierender. Nicht nur das Hochland von Tibet, diese Erhebung aus Fels, Eis und Himmel, sondern auch das Pamir-Gebirge, wo Herden von Schafen mit unglaublich riesigen Hörnern Lawinen ausweichen und Schneeleoparden sich mit einer Eleganz bewegen, die an Fliegen grenzt. Oder die Taklamakan, eine Wüste mit Wanderdünen, die an Größe nur von der Wüste Gobi und der Sahara übertroffen wird und deren Name zwar nicht wörtlich, aber der Legende nach bedeutet: Wer sie betritt, findet nie mehr heraus.
Nur zu gern wäre ich dorthin gereist, wo zuvor noch nie jemand gewesen war, ohne Versprechen auf Rückkehr, um auch nur die Spur einer Ahnung von den grundlegenden Rätseln des Daseins zu bekommen: Woher kommen wir, sind wir allein im Kosmos, und was genau – oder auch nur ganz ungefähr – bedeutet das alles? Orte wie das Hochland von Tibet oder die Taklamakan-Wüste schienen zwar nicht gerade Antworten zu versprechen, dafür aber eine Lebensweise, die der Wildheit der Existenz an sich entsprach. Noch verlockender als entlegene Berge und Wüsten waren die Sterne darüber und noch weiter dahinter ferne Sonnen, die in wer weiß welchen anderen Welten schienen. Nur konnte ich mir nicht vorstellen, wie diese zu erreichen wären: Die Raumschiffe Voyager I und Voyager II waren, als ich geboren wurde, längst abgeflogen.
1977 von der NASA ins All geschossen, um die fernsten Planeten des Sonnensystems zu erforschen und dann für immer im interstellaren Raum zu schweben, waren die Voyager-Sonden die fernsten von Menschenhand gemachten Objekte im Universum. So lernte ich es im Naturwissenschaftsunterricht der achten Klasse. Ich bekam Gänsehaut, wenn ich mir vorstellte, wie diese robotischen Emissäre über die Heliopause – die äußere Grenze unseres Sonnensystems – hinaus in die unvorstellbarsten Gefilde überhaupt rasten. Was würden sie dort sehen? Wem würden sie begegnen? Wie konnten wir es aushalten, all das wegen der Probleme beim Datentransfer über Galaxien hinweg nie zu erfahren?
Ich hätte sofort die Chance genutzt, an Bord einer der Voyagers mitzufliegen, und mich von fehlenden Lebenserhaltungssystemen nicht abhalten lassen. Natürlich hätte ich mich nach Familie und Freunden gesehnt, wenn ich ohne Fluchtweg oder Rückflugticket zu einem so fernen Ort aufgebrochen wäre. Aber immerhin wäre ich der Wahrheit, dem größten Wunder, auf der Spur gewesen. Drunter machte ich es nicht. Über „das Das“ schrieb Wallace Stevens in einem Gedicht, das ich Jahre später las. Ich war froh, dass es immerhin jemand geschafft hatte, zu artikulieren, was auch mich bewegte.

Die ursprüngliche Bedeutung des englischen Wortes desire, also „Sehnsucht“, lautet „von den Gestirnen erfleht“, und als ich auf die Highschool kam, wurde das nur allzu offensichtlich. Nachdem ich alle Atlanten studiert hatte, die ich in die Finger bekommen konnte, folgerte ich mit einer gewissen Panik, dass ich offenbar ungezähmter war als die Welt, egal, wohin ich schaute. Nicht nur meine direkte Umgebung wurde von einem wachsenden Netz aus Autobahnen und Trabantenstädten eingeschnürt; der größte Teil des Planeten befand sich in einer Art Belagerungszustand. Meine Familie konnte es sich nicht leisten, ins Ausland zu reisen, und ich befürchtete, wenn ich irgendwann endlich genug Geld gespart hatte, um Tibet mit eigenen Augen zu sehen, würde es dort wahrscheinlich genauso zahm zugehen wie in Ballinafad. Anscheinend gab es nur noch wenige Möglichkeiten, der Rastlosigkeit in mir nachzugeben, diesem verrückten Wunsch nach einer Welt ohne Straßenkarten. Letztendlich stellte ich fest, dass meine einzige Hoffnung darin bestand, die Erde hinter mir zu lassen. Also verfasste ich einen Brief, in dem ich auf eine bemannte Mission zum Mars drängte, und schickte ihn an zweiundzwanzig Staatsoberhäupter in aller Welt.
„Ich bin ein siebzehnjähriges Mädchen, das einen Traum hat“, erklärte ich 1999 Bill Clinton, Tony Blair, Jean Chrétien, Jacques Chirac und anderen einflussreichen Staatschefs. „Dieser Traum ist, dass die Menschheit zum Mars reist.“
Warum ausgerechnet der Rote Planet angesichts der Vielzahl möglicher Welten? Weil die menschliche Physiologie genauso pingelig ist wie Goldlöckchen im Märchen Goldlöckchen und die drei Bären und es auf den meisten anderen Planeten entweder zu heiß oder zu kalt ist oder sie zu groß oder zu gasförmig sind, um bewohnbar zu sein. Der Mars jedoch, selbst wenn er wegen seiner giftigen und tödlich dünnen Atmosphäre nicht ganz passt, kommt der Sache zumindest relativ nah: ein Planet, der unserem in Konsistenz und Größe grob vergleichbar ist, allerdings mit einem Tag, der dank seiner langsameren Bewegung neunundzwanzig Minuten länger dauert als auf der Erde, und mit einer aufgrund geringerer Masse etwas schwächeren Anziehungskraft. Sich leichter bewegen zu können – was für ein zeitgemäßes Geschenk! Was sollte einem daran nicht gefallen? Mit Schluchten, fünfmal tiefer als der Grand Canyon, Wüsten, um ein Vielfaches trockener als die Taklamakan, und einem Berg, dreimal so hoch wie der Mount Everest, ist der Mars ein Ort der geologischen Superlative, der nur darauf wartet, zum ersten Mal erkundet zu werden. Und auch wenn es auf dem Roten Planeten vermutlich keine kleinen grünen Bewohner gibt, so existieren dort vermutlich kleine grüne Mikroben, die für Menschen eine echte Überlebenschance darstellen. Denn diese einzelligen Organismen überstehen ähnlich kalte, trockene Bedingungen wie auf der Erde. Die Oberfläche des Mars ist darüber hinaus pockennarbig und mit Hinweisen auf eine wärmere, feuchtere Vergangenheit übersät, als dort die Umstände für ein Leben, wie wir es kennen, gnädiger gewesen sein müssen. Kurz gesagt, diese Nachbarwelt könnte eine Antwort sein auf die uralte Frage: „Sind wir im Universum allein?“
In meinem Manifest schwärmte ich den Staatsoberhäuptern davon vor, dass der Drang, das Unbekannte zu erforschen, tief in der menschlichen Seele verwurzelt sei. Ich schlussfolgerte damals, wir hätten zwar die gesamte nötige Technologie, um Menschen zum Mars zu schicken, doch was uns fehle, sei einzig und allein politischer Wille. Ich erklärte, dass das Wissen, das wir auf dem Mars sammeln könnten, wie zum Beispiel der Nachweis von außerirdischem Leben, unermessliche Vorteile für die Menschen auf der Erde haben könnte, etwa weil wir uns dann weniger einsam fühlten. Ich betonte, dass eine solche Reise die Leidenschaft der Jugend der Welt entfachen würde. „Es ist der vorbildliche Forschergeist mutiger Träumer und Entdecker wie Magellan und Kopernikus, die dazu beitragen, die Grenzen des Wissens zu sprengen, damit die Menschheit mehr verstehen und über den Tellerrand hinausschauen kann“, schrieb ich und bemerkte, dass eine bemannte Mission zum Mars das moderne Äquivalent zu berühmten historischen Reisen wäre – und ein Unternehmen, das außerdem für immer an die Namen der Staatschefs erinnern würde.
Als Antwort erhielt ich nur ein paar halbherzige Formbriefe. Aber obwohl mein Schrieb keine neue Ära der interplanetaren Erforschung einleitete, gewann ich doch den von der Mars Society verliehenen Hakluyt-Preis für den besten Schüleraufsatz über die menschliche Erforschung und Besiedlung des Mars. Ich erhielt ein acht Zoll großes Bushnell-Teleskop, durch das ich mithilfe meines Vaters eines Nachts auf dem Rasen vor dem Schafstall zum ersten Mal die Ringe des Saturn sah. Zur Auszeichnung gehörte außerdem eine Einladung zur International Mars Society Convention, die all meine Reisekosten abdeckte.
Die meisten Teenager träumen von anderen Welten, aber soweit ich das in Ballinafad überblicken konnte, sehnte ich mich als Einzige nach dem Mars. Der internationale Kongress fand in jenem Jahr in Boulder, Colorado, statt und bedeutete das Ende meiner inneren Isolation. Ich stand schüchtern auf einem Podium und las mein Manifest einem Auditorium voller Wissenschaftler, Ingenieure und anderer anachronistischer Forschertypen vor, die sich vielleicht genau wie ich auf einem deprimierend eingezäunten und zugepflasterten Planeten gestrandet fühlten. Unter den Zuhörern waren aber auch der oscarprämierte Filmemacher James Cameron und der Astronaut Buzz Aldrin, der schon auf dem Mond herumspaziert war. Als ich fertig war, bekam ich vom Publikum stehende Ovationen. Nichts weiter als eine süße, ermutigende Geste für ein Kind, aber in diesem Moment, als ich das Gefühl hatte, gehört worden zu sein, spürte ich keine inneren Grenzen mehr. Das waren meine Leute, jubelte ich innerlich. Ich schwor mir, eine von ihnen, nämlich Wissenschaftlerin, zu werden und zum Mars zu reisen.

Nicht nur wegen des Roten Planeten waren die Naturwissenschaften schon seit Langem meine Lieblingsfächer in der Schule. Die Projekte für die alljährliche Wissenschaftspräsentation waren immer ein großartiger Grund für mehrere Wochenendübernachtungen in Folge bei meiner besten Freundin Melissa, die fast eine Stunde entfernt wohnte. Abgesehen vom Ponyklub, für den man sich nur im Sommer traf, konnte ich sie sonst nur selten außerhalb der Schule sehen. In der sechsten Klasse testeten sie und ich, ob der menschliche Speichel bakteriell vielfältiger (um nicht zu sagen „ekelhafter“) war als Hundesabber – ein Experiment, das zunächst unsere jüngeren Brüder in Verlegenheit bringen sollte, weil wir sie mit dem Anliegen überrumpelten, uns ihre Spucke zu spenden. Aber dann gewannen wir bei der Wissenschaftsausstellung eine Medaille, auch wenn in der Jury einige pikiert die Augenbrauen hochzogen. Ich staune noch heute darüber, dass ich jemals gedacht habe, meine Zukunft liege in der Mikrobiologie.
Schuld war das Mikroskop, das ich mit ungefähr dreizehn zu Weihnachten bekommen hatte. Schnell wurde mir klar, dass dieses Geschenk meiner Eltern weniger ein wissenschaftliches Instrument war als vielmehr eine Möglichkeit, alles mit ganz neuen Augen zu sehen. Gewöhnliche, alltägliche Dinge – die Nagelhaut meines Daumens, ein Tropfen Teichschaum – wirkten bei genauerer Betrachtung fremd, mit nicht kartierten Bergketten und namenlosen Ozeanen, die vor Leben nur so strotzten. Mein Magen drehte sich geradezu um, als ich in die weite Ferne einer einzelligen Alge starrte, deren langer lateinischer Name und zuckende, durchsichtige Form mir ein Beweis dafür zu sein schienen, dass das Leben so war, wie ich es schon immer vermutet hatte: ein Geheimnis, das wir kaum begreifen, geschweige denn im Blick behalten können. Ein paar Jahre später in der Highschool schuf dann die darwinsche Evolutionstheorie eine ganz neue Dimension der Existenz für mich. Als hätte ich jahrelang nur auf ein Porträt der Biologie gestarrt, ihre Augen, Ohren und Nase studiert, die Poren und Falten ihres Gesichts gespeichert, um dann plötzlich ihren Ausdruck zu erfassen. Darwins siebenjährige Reise auf der Beagle, mit der er um Südamerika segelte, seltsame Lebensformen sammelte und begann, seine Theorie der natürlichen Auslese zu formulieren, brachte mir eine weitere wertvolle Lektion über Wissenschaft bei: Mit ihr kann man zu einigen wirklich weit entfernten Orten reisen. Und als mir die Morehead-Cain Foundation ein Vollstipendium für ein Biologiestudium an der University of North Carolina in Chapel Hill anbot, nahm ich es telefonisch, ohne zu zögern, an, obwohl ich den Campus nie zuvor besucht hatte und nichts vom amerikanischen Süden wusste. Dieses Stipendium beinhaltete aber die Förderung von Forschungsreisen im Sommer, und das war alles, was ich wissen musste. Denn ich wollte das Hochland Tibets oder die Taklamakan-Wüste unbedingt anders als nur in Pixeln oder über geschriebene Worte in einem Buch kennenlernen.
Im Sommer vor meinem ersten Studienjahr, also noch bevor mein eigentliches Stipendium begann, bekam ich bereits stabile Wanderstiefel und einen vierwöchigen Expeditionskurs unter freiem Himmel in Utah finanziert. Bis dahin hatte ich lediglich mit der Familie in den provinziellen Naturparks von Ontario gecampt. Trotz meiner unersättlichen Leseleidenschaft und aller Abenteuer von Ballinafad aus entmutigte mich die Aussicht auf eine ernsthafte Expedition zunächst, weil sie technische Fähigkeiten und Ausrüstung erforderte, die ich einfach nicht besaß. Aber Utah war eine Offenbarung: Ich lernte, wie man sich über Berge und durch Wüsten schlägt, und trug einen zwanzig Kilo schweren Rucksack mit allem, was ich zum Überleben brauchte – hauptsächlich Haferflocken, eine Plane, einen Schlafsack und natürlich einen geheimen Vorrat an Büchern. Ich lernte in den Umrissen der Karten zu lesen, wo verborgene Wüstenquellen zu finden sind, und andernfalls, wie man aus Regenpfützen mit toten Fröschen Trinkwasser gewinnt. In meinen Poren sammelte sich so viel roter Staub, dass ich anfing, dem Roten Planeten zu ähneln. Täglich zwang mich das raue Wunder dieser Gegend und dieser Erfahrung in jeder Hinsicht in die Knie. Es war eine Qual. Es war erhaben. Es war im Grunde alles, was ich mir je gewünscht hatte.
Und deshalb verbrachte ich auch die nächsten vier Sommer damit, mich durch ähnliche Großartigkeiten aus Stein und Himmel zu schleppen, bewaffnet mit Büchern, die quasi genauso viel wogen wie ich. Ich reizte diese Reiseförderungen so weit wie nur möglich aus, was, wie sich herausstellte, immer und überall so ziemlich einer Marsexpedition glich. Obwohl die Finanzierung dieser Reisen selbst Stipendiaten nicht zugesichert wurde, konnte ich mir, wenn ich gute Gründe dafür vorbrachte, einen Ort zu erkunden, und diese in einem schriftlichen Antrag darlegte, praktisch mein eigenes Ticket ausstellen. Und so folgte ich Sumatra-Nashörnern im Dschungel von Borneo, wilden Pferden durch die Wüste Gobi in der Mongolei und fuhr mit Skiern über das Juneau-Eisfeld im Rahmen eines Gletscherkundekurses, zu dem ich mich angemeldet hatte, obwohl ich noch nie einen Gletscher gesehen hatte, und nach dem ich nur wenig anderes mehr sehen wollte. Die kalte Eisfläche, der Fels und der Himmel, die an Alaska und British Columbia grenzten, brachten mich mit ihrer ganzen Pracht wirklich ins Schleudern, oder vielleicht war es auch mein mangelndes Können auf Skiern. So oder so, zurück an der Uni, wurde die Internetsuche nach Hütten, die in der abgelegenen Stadt, in der unser Gletscherkundekurs geendet hatte, also in Atlin in British Columbia, zum Verkauf standen, zu meiner Lieblingsbeschäftigung, um nicht lernen zu müssen. Außerdem entwickelte ich eine gewisse Besessenheit von der Antarktis, einem Kontinent, den ich mir als überdimensionales Juneau-Eisfeld auf Anabolika vorstellte. Doch eine Reise dorthin würde weit mehr kosten, als mein Stipendium abdeckte.
Dann wurde mir auf einmal klar, dass ich mir immer noch mein eigenes Ticket dorthin ausstellen konnte, wenn ich nur den richtigen Leuten zum richtigen Zeitpunkt die richtige Idee auf so überzeugende Weise schilderte, dass sie unmöglich Nein sagen konnten. Und so kam ich während meiner Zeit an der Universität zum Schreiben. Weniger aufgrund meiner Liebe zu Worten (obwohl es die sicher auch gab), sondern vielmehr, weil es mich an Orte brachte wie die antarktischen McMurdo-Trockentäler. Dorthin reiste ich als Forschungsassistentin eines brillanten, generösen Wissenschaftlers, den ich jahrelang umworben hatte. Mit einem ähnlichen Maß an Hingabe, Fleiß, Training, Opferbereitschaft und noch mehr Lobbyarbeit in eigener Sache und in Form einer schriftlichen Bewerbung gelang es mir danach, zum Mars zu reisen – beziehungsweise zumindest nach Hanksville in Utah, einem Ort, der fast ebenso rot und weit entfernt von menschlichen Belangen ist. Einst das Wüstenversteck von Butch Cassidy und seiner „Wild Bunch“, die in dem Labyrinth aus roten Schluchten die Gesetzeshüter abschüttelten, beherbergt Hanksville mittlerweile Teams von Wissenschaftlern und Ingenieuren, die sich in Raumanzüge gekleidet auf zweiwöchige simulierte Marsmissionen begeben. Stellen Sie sich Raupenfahrzeuge inmitten von Wüstengras vor und daneben eine weiße Raumkapsel, die kinofilmmäßig funkelnd vor einer komplett verrosteten Kulisse steht.
Für eine Weile machte das echten Spaß, ein Erwachsenenspiel mit der Fantasie. Doch als ich gemeinsam mit vier Crewmitgliedern in Raumanzügen aus Segeltuch durch Utah tappte, nervte es mich irgendwann, dass mein Blick auf die Berge durch Plexiglas ging. Und dass ich, als ich die glutroten Wände der Schlucht berührte, statt des glatten, sonnengewärmten Sandsteins nur den synthetischen Stoff meines Handschuhs spürte. Während außerhalb meines Raumanzugs alle Arten von Wetter heulten, hörte ich entweder das Rauschen des Funkverkehrs oder mein durch den Kunststoffhelm verstärktes Keuchen, als würde ich in meinem eigenen Hals Luft holen. Ausgerechnet die Technologien, die mich auf dem Mars am Leben erhalten würden, führten dazu, dass ich mich entfremdet fühlte und mir meine Handlungen seltsam unfruchtbar und steril und mehr als nur leicht absurd vorkamen.
„Okay, Crew“, befahl Commander Roger, ein Ingenieur in den Fünfzigern. „Schwärmt aus, und sucht uns frisches Essen!“
Nachdem uns nämlich auf dem Roten Planeten die Nahrung ausgegangen war, streiften wir durch die Gänge des örtlichen Lebensmittelgeschäfts. Dabei trugen wir unsere Raumanzüge, um zu vermeiden, dass die Simulation komplett unterbrochen würde. Das wäre nämlich das schlimmste denkbare Vergehen künftiger Marskolonisten. Ich begab mich mit Tiffany, einer Molekularbiologin, zur Gemüseabteilung, während ein Ingenieur namens Allan und ein Geologe namens Shahar in Richtung Gefrierschränke mit Hamburgerfleisch abschoben. Dann fiel mein Blick auf Gernot, einen Astronomen, der mit von innen beschlagenem Helm wie erstarrt vor dem Regal mit getrocknetem Rindfleisch die Geschmacksrichtungen bestaunte, die es in seiner österreichischen Heimat nicht gab: Honigglasur, Salt ’n’ Pepper, Teriyaki, Chipotle und Mesquite Barbecue.
„Geh weiter, Gernot“, schimpfte Roger. „Ich sagte frisches Essen.“
Eine halbe Stunde später trafen wir uns an der Kasse wieder, und in unseren Armen türmten sich irdische Köstlichkeiten. Die Kassiererin mittleren Alters hatte unsere Spezies schon einmal gesehen: „Wie ergeht es euch im Weltraumcamp?“
Roger echauffierte sich in seinem etwas zu engen Raumanzug aus Segeltuch sichtlich. „Das ist kein Weltraumcamp“, rief er durch seinen Helm, „sondern eine Marssimulation!“
„Ruhig Blut, Kumpel“, beschwichtigte Allan ihn schulterklopfend. Gernot, der seine Chance witterte, schob unauffällig zwei Beutel Dörrfleisch aufs Band. Tiffany blätterte durch eine Boulevardzeitung, als würde sie uns nicht kennen und wäre nur irgendeine Touristin, die zufällig auch wie die Astronautin Sally Ride gekleidet war. Eine ältere Dame schlurfte in den Laden, erblickte uns und schlurfte eilig wieder hinaus.
„Also“, meinte die Kassiererin, nachdem sie unsere Rationen sorgfältig eingepackt hatte, „ich nehme mal an, die Rechnung dafür geht an die NASA?“
Vielleicht unterschieden sich meine Motive doch nicht so sehr von Butch Cassidys und seinem wilden Haufen: der Realität entkommen, in weniger bekannte und gesetzestreue Gebiete fliehen und als Streuner leben. Seltsamerweise schienen meine Crewmitglieder auf dem Mars nichts zu vermissen, weder die frische Luft noch den Gesang der Vögel, nicht mal die Freiheit, ihren Tag selbst zu gestalten. Aber natürlich beschwert sich der ideale Marskolonist auch nicht. Tatsächlich muss der ideale Marskolonist eine zutiefst paradoxe Mischung von Persönlichkeitsmerkmalen besitzen: Er muss emotional belastbar und einfühlsam sein, um unter stressigen Bedingungen in einer so kleinen sozialen Gruppe zurechtzukommen, sich aber dennoch derart weit vom Leben auf der Erde verabschiedet haben, dass er sie für immer hinter sich lassen kann. Er muss mutig und rebellisch genug sein, um in Bereiche des Möglichen vorzudringen, wie es niemand zuvor gewagt hat, aber nicht so unabhängig oder rebellisch, dass er sich Anordnungen widersetzt, wenn diese endlich dort eintreffen. Ein geselliger Einsiedler beziehungsweise ein gefügiger Abenteurer. Ich hatte mich immer für die perfekte Kandidatin gehalten.
Doch nach zwei Wochen, die geprägt waren vom Ausführen von Befehlen, Sprechen in Abkürzungen und Inhalieren recycelter Luft, hatte ich genug davon, in einer Blase zu leben. Gegenüber der Crew habe ich es nie zugegeben, aber ich hatte Heimweh nach meinem Heimatplaneten. Darum rutschte ich in der letzten Nacht der Simulation, als alle schliefen, heimlich durch die Luftschleuse, ohne meinen Helm oder den Raumanzug zu tragen, ohne die Einsatzleitung zu informieren und ohne ein Funkgerät, das jedes Hatschi übertrug. Hätte ich die entsprechende Schwelle auf dem Mars überschritten, wäre ich auf viele Arten gleichzeitig gestorben: vergiftet, erfroren, erstickt. Aber hier machte sich die Erde unter einem klaren Sternenhimmel einfach mit einem Windstoß bemerkbar, der von Salbeiduft getränkt war.

Das erste Anzeichen von Zweifel ist zunehmender Fanatismus. Zurück an der Universität, arbeitete ich in der Hoffnung, Astronautin zu werden, härter als je zuvor. Und das, obwohl ich mir tief im Inneren die Frage stellte, ob ich überhaupt dauerhaft zum Mars auswandern wollte, wenn das lebenslanges Eingesperrtsein bedeutete. In meiner Freizeit leitete ich einen Weltraumklub und war ehrenamtlich in einem mikrobiologischen Meereslabor tätig, wo ich lange, unsichtbare DNA-Fäden aus der Basaltkruste des Pazifischen Ozeans hervorlocken sollte. Obwohl für mich nicht die Möglichkeit bestand, diese Meeresbodenproben von einem U-Boot aus zu sammeln, befand sich das Labor trotzdem passenderweise in einem fensterlosen Keller, der eine ähnliche Erfahrung der sensorischen Entbehrung bot – nur ohne jegliches Abenteuer. Wann immer ich nach draußen zurückkehrte, blass und blinzelnd, fühlte ich mich, als wäre ich monatelang unter Wasser gewesen. Bücher hielten mich am Leben wie Sauerstoffblasen im Ozean. Eines Nachmittags schirmte ich mein Gesicht nach mehreren Stunden im Flackern der schwachen Laborlampen mit einer Hand vor der Sonne ab und ließ mich mit meinem alten Freund Marco Polo auf dem Rasen des Campus nieder. Voller Hoffnung, dass sich meine Augen mithilfe eines Helden aus der Kindheit wieder an weite Horizonte gewöhnen würden – diesmal in seiner vollständigen und ungekürzten Pracht.
Aber als ich Il Milione: Die Wunder der Welt las, war ich schockiert darüber, in dem venezianischen Entdecker auf einmal einem Fremden zu begegnen, jemandem, der es nicht mochte, durch Länder zu stolpern, die mich vor Sehnsucht fast schwindelig machten. Stattdessen ging dieser Polo so weit wie möglich an den Wanderdünen der Taklamakan vorbei und versperrte kleinmütig die Ohren vor geisterhaften Stimmen, von denen er fürchtete, dass sie ihn in den weglosen Sand locken wollten. Vermutlich hatte er nie ein lebendiges Argali-Schaf im Pamir gesehen, bloß seine Hörner, aus denen Schalen geschnitzt oder die als Zaunlatten verwendet wurden, obwohl diese Spezies, Ovis ammon polii, später nach ihm benannt wurde: das Marco-Polo-Schaf. Als er das Tibetische Hochland bereiste, tat er es als verdorbene Ödnis ab. Man reite zwanzig Tage lang, ohne einen bewohnten Ort zu finden, beschwerte er sich, sodass die Reisenden verpflichtet seien, all ihre Vorräte mitzunehmen, und ständig wilden Tieren, die so zahlreich und gefährlich seien, begegnen könnten. Immer wieder ließ der sogenannte Entdecker Berge und Wüsten so schnell wie möglich hinter sich und verfluchte die Wildnis als bloßes Hindernis beim schnellen Vorankommen und Geschäftemachen.
Ich konnte ihm das nicht mal verübeln, denn schließlich war die Seidenstraße im 12. Jahrhundert eine Handelsstraße, und Polo ein Kaufmann. Nachdem er seinen Onkeln, die allesamt Geschäftsleute waren, nach Cathay, also ins heutige Nordchina, gefolgt war, wo Kublai Khan den venezianischen Teenager ins Schwärmen brachte, wurde Polo damit beauftragt, den Wert und die Vielfalt der Waren im gesamten mongolischen Reich, das damals von Asien bis an den Rand Europas reichte, aufzulisten und zu schätzen. Polo nahm diese Aufgabe sehr ernst, und so liest sich sein Reisebericht eher wie ein Katalog. Das Buch zählt die Kostbarkeiten entlang der Seidenstraße auf: Silber in Armenien, Rubine in Badachschan, Amulette schwarzer Magie in Kashgar, Elfenbein in Indien. In Bezug auf weniger offensichtlich auszubeutende Länder wie Tibet fällt sein Text hingegen recht knapp aus.
Ich war enttäuscht. Wie so viele Entdecker, die in meinen Geschichtsbüchern an der Highschool fälschlicherweise als edle Wegbereiter dargestellt wurden – von Christoph Kolumbus bis Sir John Franklin –, schien also auch Marco Polo bloß nach Ruhm und Reichtum gestrebt zu haben. War denn niemand außer Alexandra David-Néel um des Aufbruchs willen losgezogen, angetrieben von dem grundlegenden Bedürfnis, etwas komplett Neues zu entdecken, und ohne Hintergedanken bezüglich Vermögensbildung und Eroberung fremder Länder? Als ich da im Hof der Universität saß und mich meiner Illusion beraubt fühlte, beschloss ich, die Seidenstraße selbst kennenzulernen, auf einer Pilgerreise in die Wildnis, die Marco Polo am meisten gefürchtet und gemieden hatte. Ich dachte kurz darüber nach, zu Pferd zu reisen, aber der Wassermangel in der Taklamakan war besorgniserregend. Kamele waren für solch trockene Gegenden besser geeignet, doch das Gelände an sich war schon buckelig genug. Ein Fahrrad erschien mir als der perfekte Ersatz: Ich konnte es selbst antreiben, und es war unwahrscheinlich, dass es mich anspuckte.
Noch am gleichen Abend rief ich meine Eltern an und skizzierte meinen absurden Plan. Am anderen Ende der Leitung herrschte lange Schweigen. Dann sagte meine Mutter: „Kannst du bitte eine Freundin mitnehmen?“
Also fragte ich Mel, ob sie mich auf einer Fahrradtour begleiten wolle. Für den Anfang nur entlang des chinesischen Teils der Seidenstraße, beruhigte ich sie, dort gebe es schließlich die höchste Konzentration von Orten, vor denen sich Marco Polo am meisten gefürchtet habe. Nachdem wir im Sommer zum Aufwärmen eine Tour durch die Kontinentalstaaten der USA gemacht hatten, schlossen wir im folgenden Jahr das Studium ab und reisten danach zur Seidenstraße. Und so landeten wir also bei den Erdrutschen im Pamir-Gebirge, denen wir gerade noch rechtzeitig ausweichen konnten, spürten nach Sandstürmen in der Taklamakan-Wüste, wie es zwischen unseren Zähnen knirschte, und schlichen uns Richtung Tibet, während die Sterne in die andere Richtung schauten.

Kate Harris

Über Kate Harris

Biografie

Kate Harris, Jahrgang 1983, ist eine kanadische Autorin und Abenteurerin. Ihre preisgekrönten Reisereportagen erschienen u.a. in The WalrusCanadian Geographic TravelSidetracked und The Georgia Review und werden in den Bänden „Best American Essays“ und...

Inhaltsangabe
Prolog

Erster Teil
Marco Polo war schuld – Nordamerika
Das Dach der Welt – Tibetisches Hochland
Naturgeschichte – England und Neuengland

Zweiter Teil
Unterströmungen – Das Schwarze Meer
Die kalte Welt erwacht – Kleiner Kaukasus
Einfallswinkel – Großer Kaukasus
Grenzlandien – Kaspisches Meer

Dritter Teil
Wildnis/Ödland – Hochplateau von Ustjurt und Aralsee-Becken
Der Ursprung eines Flusses – Pamir-Knoten
Staubkorn in einem Sonnenstrahl – Tarimbecken und Tibetisches Hochland
Am Ende der Straße – Indus-Ganges-Ebene und Himalaja
Epilog
Dank
Literaturauswahl
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