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Auf der Fährte des Teufels

Auf der Fährte des Teufels

Zu Fuß durch Sierra Leone und Liberia

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Auf der Fährte des Teufels — Inhalt

Selbstherrliche Diktatoren, gnadenlose Machtkämpfe, drohende Bürgerkriege: Als junger Kriegsreporter berichtete Tim Butcher über die verheerenden Zustände in Sierra Leone und Liberia. Zehn Jahre später kehrt er zurück in die von archaischen Ritualen und Rohstoffkonflikten gezeichneten Staaten und lotet aus, ob es einen Ausweg aus der Spirale von Armut und Gewalt geben kann. Er legt 300 Kilometer auf Dschungelpfaden zurück, von Freetown bis nach Monrovia, einer Route, die 75 Jahre vor ihm der britische Schriftsteller Graham Greene bereist hat, und begibt sich damit auf einen lebensgefährlichen Fußmarsch mit ungewissem Ausgang.

€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 15.09.2014
Übersetzt von: Klaus Pemsel
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96474-6

Leseprobe zu »Auf der Fährte des Teufels«

Einleitung

Der Regenwald wurde allmählich dichter, der Pfad immer unkenntlicher. Vor mir konnte ich gerade noch die Gestalt des jungen Führers ausmachen. Er bewegte sich rasch und sicher und kam gut voran auf der Fährte, die ich in dem Wirrwarr aus Bäumen und UnterholZ kaum erkennen konnten. Gelegentlich wurde er ganZ vom afrikanischen Busch verschluckt, doch dann sirrte die Klinge seiner Machete, mit der er sich den Weg freischlug, worauf er ein bisschen weiter vorn wieder auftauchte.
Ich musste mir größte Mühe geben, mitZuhalten. Gebeutelt von der [...]

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Einleitung

Der Regenwald wurde allmählich dichter, der Pfad immer unkenntlicher. Vor mir konnte ich gerade noch die Gestalt des jungen Führers ausmachen. Er bewegte sich rasch und sicher und kam gut voran auf der Fährte, die ich in dem Wirrwarr aus Bäumen und UnterholZ kaum erkennen konnten. Gelegentlich wurde er ganZ vom afrikanischen Busch verschluckt, doch dann sirrte die Klinge seiner Machete, mit der er sich den Weg freischlug, worauf er ein bisschen weiter vorn wieder auftauchte.
Ich musste mir größte Mühe geben, mitZuhalten. Gebeutelt von der HitZe und Feuchtigkeit Westafrikas, mühte ich mich auf dem unebenen Boden ab, meine Stiefel verhedderten sich in vorstehenden WurZeln und herabgefallenen, efeuüberwucherten Ästen. Nach schlaflosen Nächten in vor Ratten wimmelnden Behausungen fühlten sich meine Glieder wie Blei an. Dornige Kriechpflanzen Zerrten an meiner dreckigen Kleidung und Zerschrammten mein Gesicht. An der Zerknautschten Krempe meines Sonnenhuts hatte sich eine weiße SalZkruste gebildet, Gezeitenmarke unzähliger schweißgetränkter Wandertage, die mich so weit gebracht hatten, und jeder Tritt jagte mir wegen der Blasen an meinen Füßen neue SchmerZen durch den Leib. Selbst meine pendelnden Arme taten weh, an der Innenseite wundgescheuert von dem Bemühen, den Stakkatorhythmus meines Marsches beizubehalten.
Doch langsam trat eine Veränderung ein. Nervosität packte mich, anfänglich noch schwach, dann wallte sie mit solcher Macht auf, dass sie jegliches Gefühl körperlichen Unbehagens überrollte.
Ich wanderte durch Liberia, eines der gesetZlosesten und instabilsten Länder Afrikas, eine Nation, die durch mehrere Putsche und Gegenputsche, durch jahrZehntelang schwärende Rebellionen und Invasionen in Trümmer gelegt worden war. Dieser Konflikt ließ viele der beunruhigendsten Erscheinungen des modernen Afrika hervortreten – Kindersoldaten, Blutdiamanten, Ritualmorde –, und obwohl der Krieg offiZiell beendet war, galt das Hinterland mit seinen undurchdringlichen Wäldern vielen immer noch als unbetretbar.
Die Krise kam vier Tage nach meinem Aufbruch, als mein ortsansässiger Führer und verlässlicher Freund Johnson Boie nicht mehr laufen konnte. Von Blasen geplagt, willigte er widerstrebend ein, sich auf einem Motorrad Zum Dorf Duogomai mitnehmen Zu lassen, wo ich Zu übernachten beschlossen hatte. Die Motorradfahrt bedeutete einen weiten Umweg, doch ich wollte Zu Fuß einen direkteren Weg durch den Regenwald Zurücklegen. Dies hieß, sich bei der Orientierung auf einen neuen, fremden Gefährten einzulassen.
In seinem eher trockenen Englisch, das er auf einer Missionsschule gelernt hatte, bevor der Krieg die Schließung erZwang, bat mich Johnson, diesen Schritt noch einmal Zu überdenken. »Bitte Mr. Butcher, Sir«, flüsterte er mit einem Seitenblick auf den Mann, den ich als ErsatZführer ausgesucht hatte, »lassen Sie sich nicht von mir trennen. Ich kenne diesen Mann und auch sein Dorf nicht. Es macht mir große Sorgen, wenn ich nicht bei Ihnen sein kann, um für Ihre Sicherheit Zu garantieren.«
Zunächst schlug ich seine Warnung in den Wind und beteuerte, ich würde ihn vor dem Einbruch der Nacht in Duogomai treffen. Ich machte mich Zum Aufbruch bereit, doch etwas in Johnsons nervösem Tonfall und in seinem besorgten Blick weckte ein Unbehagen, das mich begleiten sollte, als ich Zum ersten Mal ohne ihn in den liberianischen Regenwald eindrang.
Auf einmal sah der neue Führer in meinen Augen verdächtig aus. Ich hatte das Gefühl, er hätte etwas länger als notwendig gebraucht, um sein Zeug aus dem Haus Zu holen, und als er schließlich auftauchte, sah die in seiner Hand schwingende lange Klinge mehr wie ein Waffe denn wie ein WerkZeug aus. Und hatte er nicht unnötig viel Zeit darauf verwendet, am Rande des Dorfes mit einer Gruppe junger Männer Zu flüstern? Nachdem er mit mir losgeZogen war, hatte mich die Macheten tragende Schar im Vorbeigehen ein wenig Zu überschwänglich gegrüßt, und es schien mir, als würde sie uns folgen. War da ein Komplott geschmiedet worden, um mich in einen Hinterhalt Zu locken?
Bei den Vorbereitungen Zu meiner Reise durch Liberia war ich wiederholt gewarnt worden, dass mein Unterfangen Zu riskant sei. Es war schon immer eine Ziemlich entlegene Region gewesen, doch die Kriegswirren hatten nur noch klägliche Überreste von Recht und Ordnung hinterlassen. Obwohl im Land nun offiZiell Frieden herrschte, drangen noch immer Geschichten von Mord und Gewalt aus dem dicht bewaldeten Innern. Die Warnungen erhielten eine ZusätZliche Bedrohlichkeit dadurch, dass die GesetZlosigkeit größtenteils in Zusammenhang stand mit düster magischen Phänomenen, die von der äußerst mächtigen, aber geheimen lokalen Überlieferung der Geisterverehrung herrührte. Ritualmorde sind in Westafrika an der Tagesordnung, vor allem in Liberia, und Zu den Zahlreichen Risiken, vor denen ich gewarnt worden war, zählten auch die nach Trophäen jagenden Killer, bekannt als »Herzjäger«. Sie stellen ihren Opfern nach, bevor sie attackieren und das HerZ oder einen anderen Körperteil entnehmen, der insbesondere von Mitgliedern von Geheimbünden verwendet wird, um Tränke mit magischen Kräften Zu versehen. »HerZjäger« sind keine imaginären Unholde, die heraufbeschworen werden, um ungeZogene Kinder in Schach Zu halten. Im ländlichen Liberia sind sie beklemmend real.
In meinem Zunehmend verängstigten Zustand setZten allmählich Gedanken an Hinterhalte und HerZjäger meinen gesunden Menschenverstand außer Gefecht, als ich ohne Johnson aufbrach. Es war ein Freitag, der 13., was auf einmal eine unheimliche Bedeutung bekam. Der Führer, ausgeruht und auf vertrautem Boden, stürmte voran, während ich hinterherstolperte und über die Schulter schaute, um Zu prüfen, ob uns die klingenschwingende Schar aus dem Dorf folgte.
Ich holte meinen Kompass heraus und beobachtete aus schweißumflorten Augen verwirrt, wie sich die Nadel drehte. Um Duogomai Zu erreichen, hätten wir nach Südosten laufen müssen, doch die unstete Route meines Führers quer durch den Wald schwang direkt nach Süden, dann nach Westen, dann Zurück nach Norden in die Richtung, aus der wir gekommen waren. PlötZlich krähte ein Hahn. Das war verstörend, da Geflügel nur dort anzutreffen ist, wo Menschen sind. Schon war ich davon überZeugt, dass mein Führer mich direkt Zurück in sein Dorf geleitete.
Ich war so von Adrenalin aufgeputscht, dass mir eine Gruppe von Bauern entgangen war, die im Wald eine vorübergehende Bleibe inklusive Hühnerstall aufgeschlagen hatten. Mein Geist gaukelte mir etwas vor und passte das, was ich vor mir sah oder hörte, in ein Muster aus Angst und Vorurteilen ein. ÜberZeugt davon, in einen Hinterhalt gelockt Zu werden, überlegte ich verzweifelt, was Zu tun sei.
Konnte ich in den Wald rennen und wieder auf den Motorradweg gelangen, wo ich Johnson irgendwie eine Botschaft zukommen lassen könnte? Nein, dieser Plan würde nicht funktionieren, weil in Liberia der unerschlossene Busch so undurchdringlich ist, dass ich bald erschöpft die Orientierung verlieren würde. Vielleicht konnte ich entschlüpfen, mich die Nacht über verstecken und dann bei Tagesanbruch auf dem Pfad Zurückfinden Zu dem Motorradweg nahe dem Dorf. Doch wir kamen an Wegkreuzungen vorbei, wo Zahlreiche Pfade sternförmig in verschiedene Richtungen ausliefen, sodass der Rückweg so gut wie unmöglich Zu finden wäre. Mir kam lediglich die Idee, insgeheim unseren Weg mit abgebrochenen Zweigen Zu markieren und Zu hoffen, sie würden mein Ariadnefaden durch den Irrgarten sein, wenn es darauf ankam.
Zwei panikerfüllte Stunden lang folgte ich dem Führer und hielt immer wieder über die Schulter Ausschau nach Dämonen, denen meine Vorurteile erst Leben eingehaucht hatten. Doch je mehr ich nach HerZjägern in den Wald spähte, desto deutlicher wurde, dass da nichts war und die Furcht ausschließlich aus mir selbst kam. Als der Führer mich schließlich sicher ans Ende des Pfads gebracht hatte, schüttelte ich ihm fest die Hand, Zahlte den vereinbarten Lohn und entschuldigte mich mit einem stummen Nicken dafür, dass ich ihm je misstraut hatte.
Nach Einbruch der Nacht stieß ich unter den unbeleuchteten Häusern Duogomais auf Johnson. Er wirkte erleichtert, mich Zu sehen, aber nicht gänZlich unbesorgt. Ich wollte gerade etwas darüber vom Stapel lassen, wie sicher der Weg gewesen war und wie wir unserer Angst vor dem Unbekannten nicht erlauben dürften, unserem Verstand etwas vorZugaukeln, als er ein paar Worte verlor, die mich verstummen ließen. Er stand vor einem Lehmhaus mit blassen, bemalten Wänden, auf denen ein großes, grobes Bild einer seltsamen nicht menschlichen Gestalt Zu sehen war. Ich bat ihn, seinen SatZ noch einmal Zu wiederholen, um keine Missverständnisse aufkommen Zu lassen.
»Dieses Dorf hat einige interessante Gepflogenheiten«, sagte er leise, während er in die Zunehmende Dunkelheit spähte. » Schauen Sie, das ist das Haus, wo der Teufel lebt.«

 

Kapitel 1
Ein Steinchen in meinem Schuh

 

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wann ich meine erste Todesdrohung erhielt. In den 13 Jahren als Kriegsberichterstatter hatte ich etliche Reibereien mit autoritären Regimen erlebt. Die angolanische Regierung hatte sich gegen mich gewandt, weil ich über Korruption in ihren Reihen berichtet hatte, und mir mitgeteilt, ich würde nie mehr ein Einreisevisum in ihr Land erhalten. Die offiZielle RegierungsZeitung Simbabwes hatte mich namentlich auf ihrer Titelseite denunZiert. Und die Tochter von Radovan KaradZic, des bosnisch-serbischen Warlords, hatte einmal versucht, meine PresseZulassung Zu annullieren, nachdem ich sie als überspannt beZeichnet hatte.
Der Anruf aber, den ich eines Tages in meiner Wohnung in Südafrika erhielt, war viel ernster als alle vorherigen Misshelligkeiten. In der Leitung war ein befreundeter Diplomat der britischen High Commission in Pretoria mit einer Nachricht aus Liberia, das damals von Charles Taylor regiert wurde, einem der übelsten Kriegstreiber Afrikas. Das war im Juli 2003, und Taylors Regime lag in den letZten Zügen, denn feindliche Rebellen hatten den größten Teil des Landes besetZt und waren dabei, die Hauptstadt Monrovia anZugreifen. TrotZdem fand seine Regierung noch Zeit, sich ernsthaft mit ausländischen Korrespondenten anZulegen.
»Tim, du solltest wissen, dass unser Vertreter in Monrovia von den dortigen Machthabern eine Drohung gegen dich aufgeschnappt hat«, erklärte mein Freund.
»Was für eine Drohung?«, fragte ich.
»Die schlimmstmögliche«, kam die diplomatisch formulierte, aber unmissverständliche Antwort. Mir war klar, dass es Zumindest in absehbarer Zeit Zu gefährlich sein würde, wieder nach Liberia Zu reisen.
Einige Wochen Zuvor war ich nach Monrovia geflogen, um für den Daily Telegraph über das Vordringen der Rebellen Zu berichten. Ich war damals der Afrikakorrespondent der Zeitung. Obwohl Taylors Regime immer wieder ernsthafte Rückschläge erlitten hatte, seit es sich in den 1990er-Jahren an die Macht gekämpft hatte, stand fest, dass der Angriff in der RegenZeit 2003 der Anfang vom Ende war.
Es war nicht leicht gewesen, nach Monrovia Zu kommen. Die notorisch unZuverlässigen Fluglinien Westafrikas weigerten sich in UnruheZeiten, in Liberia Zu landen, daher gab es kaum Flüge, seit das StadtZentrum von Monrovia von Rebellen bedroht war. Als ich in Ghana Zu meinem gebuchten Flug aufkreuZte, überraschte es mich kaum, als ich erfuhr, dass er gestrichen war. Während ich mir am Nachmittag die Zeit vertrieb, entdeckte ich in einer örtlichen Zeitung einen Artikel, der davon berichtete, dass das gesamte Personal von Ghana Airways kürZlich an einer dreistündigen Gebetsandacht teilgenommen und um Gottes Hilfe gebeten habe, den Flugverkehr am Laufen Zu halten.
Ich war nicht sicher, ob es an den Gebeten lag, jedenfalls brachte mich Ghana Airways in einer Feuerpause schließlich doch auf den internationalen Flughafen in Robertsfield, einst eine der betriebsamsten und strategisch überaus wichtigen Verkehrsdrehscheiben Afrikas. In der Zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte der Planungsstab der NASA aufgrund der Stabilität der damals uneingeschränkt proamerikanischen Regierung und der Lage unter der äquatorialen Raumschiffflugbahn dafür gesorgt, dass die Landebahn in Robertsfield als möglicher NotlandeplatZ für die Space Shuttle ausgebaut wurde. Liberia und sein internationaler Flughafen hatten also eine UnterstütZerrolle bei einem der großen Technologieprojekte des 20. Jahrhunderts gespielt.
Das Mitwirken der NASA war Teil einer bewährten Verbindung Zwischen den Vereinigten Staaten und Liberia, einer Eltern-Stiefkind-BeZiehung, die eng, aber nicht ohne gelegentliche Spannungen war. Ein bilateraler Vertrag hatte der amerikanischen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg die NutZung von Robertsfield gestattet, was auch daZu geführt hatte, dass ein Ort dort einen ganZ besonderen Namen bekommen hatte. »Smell-No-Taste« liegt direkt neben dem FlugplatZ und war gegründet worden, um die liberianischen Arbeiter Zu beherbergen, die in den 1940er-Jahren dorthin migriert waren, um die Anlagen Zur UnterstütZung der amerikanischen Kriegsführung aufZubauen. Amerikanische Luftwaffenangehörige verschmähten das landesübliche Essen, also ließen sie alles Nötige einfliegen, so auch unZählige Steaks Zum Grillen. Der Grillgeruch und die Tatsache, dass die Amerikaner ihr Essen nicht mit den einheimischen Arbeitern teilen wollten, begründeten den Ortsnamen.
Der vorherrschende Geruch bei meinem Eintreffen in Liberia war der der ZersetZung. Er kam von den Zwischen den Geschosshülsen verwesenden Leichen auf Bushrod Island, der dem Zentrum von Monrovia nächsten Stelle, die von den Rebellen damals erreicht worden war. Und er kam vom Abwasser aus geborstenen Abflussrohren, die vor der berüchtigt intensiven RegenZeit in Liberia kapituliert hatten. Doch vor allem haftete er auch Taylors Regime an, dessen letZte Monate an der Macht wie das bluttriefende Finale eines Gangsterfilms waren.
Weil Monrovia so viele Jahre durch den Konflikt gelähmt war, glich es einer Zombiestadt, einem Ort der lebenden Toten. Autos waren eine Seltenheit, und der Handel war Zum Erliegen gekommen, daher war die Bevölkerung daZu verurteilt, auf den matschigen, vergammelten Straßen in einer Tretmühle des Überlebens herumZugeistern. Einige durchsuchten den Abfall nach noch Verwertbarem, andere sammelten Regenwasser in alten Flaschen, manche lebten unter den Toten in einer Zwischen den Grabsteinen auf einem Friedhof im StadtZentrum errichteten Hüttensiedlung. Die Stromversorgung war Zusammengebrochen, daher trugen die Verwaltungssekretärinnen ihre mechanischen Schreibmaschinen aus düsteren Amtsstuben auf den löchrigen Gehsteig, wo die Beamten Schlange standen, um Briefe Zu diktieren. Wenn die Schreibkader bei einem Wolkenbruch fluchtartig Deckung suchten, wirbelten Schreibmaschinenbänder und Durchschlagpapiere auf. In der RegenZeit hingen dunkle Wolken bedrohlich über den grün und braunrot gefärbten HäuserZeilen – grün vom tropischen Buschwerk, das verlassene Gebäude überwucherte, und braunrot von rostenden Eisenträgern.
Ein Besuch im ausgeplünderten Nationalmuseum in einem dreistöckigen, schuppenartigen Gebäude, in dem sich im 19. Jahrhundert das erste liberianische Parlament konstituiert hatte, brachte mich in Gefahr, als ich eine Treppe hochsteigen wollte. Nach Jahren des Verfalls aufgrund des durch das löchrige Dach strömenden Regens Zerbröselten die Stufen unter meinem Tritt Zu nichts, und nur ein paar winZige Querbalken bewahrten mich davor, auf den Boden Zu krachen. Ich machte auf ZehenspitZen kehrt, hielt die Luft an, als würde mich das leichter machen, und huschte wieder nach unten. Jahrelang hatte der Krieg Monrovia ZugesetZt, doch in der RegenZeit 2003 waren die Auswirkungen am unmittelbarsten spürbar, als jeder Schulhof von entsetZten Menschen auf der Flucht vor den vordringenden Rebellen gestürmt wurde, als Kontrollpunkte von schlotternden Kindersoldaten, die noch keine Teens waren, bemannt wurden – wenn das überhaupt der passende Ausdruck ist –, und als gelegentlich Detonationen von Granaten Zu hören waren, die über eine Frontlinie, nur einen SpaZiergang vom StadtZentrum entfernt, abgeschossen wurden.
Aus all dem Verhau stachen Zwei Gebäude hervor, weil sie so auffällig sauber waren. Vor dem ersten standen bullige amerikanische Transporter, die mit getönten Scheiben und glänZender schwarZer Lackierung bedrohlich aufgemöbelt wirkten. In einer Stadt voller arthritisch aussehender Autos, die gepanschtes Benzin, das am Straßenrand in Plastikflaschen verhökert wurde, verbrannten, fielen diese muskelprotZigen Spritschlucker genauso auf wie das großspurige Auftreten der für Taylor kämpfenden Paramilitärs, die sich ihrer bedienten. Es waren mörderische, gewissenlose Halsabschneider, deren Grausamkeit Zunahm, je näher die gegnerischen Kräfte dem StadtZentrum kamen. Einige Jahre später kam es durch Taylors Sohn Chuckie Zu einem Novum in der amerikanischen Rechtsgeschichte, da er als BesitZer eines amerikanischen Passes der erste US-Bürger wurde, der für Verbrechen verurteilt wurde, die er außerhalb des Geltungsbereichs des amerikanischen Rechts begangen hatte. Tatort der von ihm befohlenen und selbst durchgeführten Folterungen war Monrovia, als sein Vater sich noch an die Macht klammerte und Chuckie eine von etlichen paramilitärischen Gruppen anführte.
Das andere schmucke Gebäude, frisch gestrichen und dank eigenem Generator mit Strom versorgt, war die FirmenZentrale von LoneStar, der einZigen damals noch arbeitenden Mobilfunkgesellschaft. Aus mir unerfindlichen Gründen standen die Router für die LoneStar-Nummern in Monaco, also war eine Nummer in Monte Carlo Zu wählen, damit in Monrovia ein Handy klingelte. Die Gesellschaft, profitabel und in Geld schwimmend, war in den Händen der Taylor-Familie und ihrer Kumpane. Da die Rebellen Taylors traditionelle illegale Einkommensquellen aus dem Diamantenschmuggel und heimlicher AbholZung hatten versiegen lassen, war die Telefonfirma sein letZter Goldesel.
Ich brannte darauf, über die letZten Züge von Taylors Regime Zu berichten, also begab ich mich in strömendem Regen ins Mamba Point Hotel, eine rare Zuflucht für Monrovia-Besucher während des Krieges, wo ich 80 Pfund pro Nacht für ein Zimmer mit ungewaschenen Laken und Moskitos hinlegen musste, die wie Sturzkampfbomber dröhnten. Vom düsteren Hotelrestaurant aus beobachtete ich nach der Ausgangssperre eines der schlimmsten Unwetter durch die im Wind Zitternden Spiegelglastüren Zum Balkon, während draußen die Wedel der Kokosnusspalmen wie Derwische vor dem grauen Atlantik herumwirbelten.
Krieg bedeutete, dass es kaum etwas Zu essen gab, doch wenn ein Verlassen des Hotels nicht ratsam war, verbrachte ich dennoch die Zeit im proviantlosen Restaurant und sprach manchmal mit dem gestrandeten Botschafter Sierra Leones in Liberia, dem einzigen Hotelgast, der kein ausländischer Reporter war. Seine Exzellenz Patrick James Foyah war geZwungen gewesen, sich ins Mamba Point Hotel abZusetZen, als vor ein paar Tagen seine PrivatresidenZ von Plünderern Zerstört worden war.
Ich verbrachte einige Tage in einer der gefährlichsten und kaputtesten Städte der Welt, um Material für meinen Hauptbericht Zu sammeln, und hoffte, auf etwas Zu stoßen, womit ich meine Rivalen ausstechen konnte. Ich bat um ein Interview mit Taylor persönlich, wurde aber abgewiesen. Ich ging Zu einer Gruppe von Frauen, die gewaltlos gegen den Krieg protestierten. Während ihnen die weißen T-Shirts vom Regen an den Körper geklatscht wurden, standen sie knöcheltief im Schlamm auf offenem Gelände nahe dem verlassenen Fischmarkt, sangen Hymnen und deklamierten Parolen. Da die Ausgangssperre strikt durchgesetZt wurde, war es für sie nur sicher, wenn sie sich am frühen Morgen versammelten, doch sie hielten den ganZen Tag über aus, egal bei welchem Wetter, und protestierten standhaft in ihrem verzweifelten Bemühen um ein Ende des Teufelskreises aus Gewalt, Gesetzlosigkeit und Auflösung. Auch wenn sie gegen Meuchelmörder wie Chuckie Taylor chancenlos waren, war ihr Triumph der Hoffnung über das erlebte Leid erhebend, sodass ich ursprünglich erwogen hatte, sie in den Mittelpunkt meines Berichts Zu stellen.
Dann inspirierte mich ein düsteres Grab, das ich auf dem Hauptfriedhof der Stadt gesehen hatte und das den Namen von jemandem trug, der erst kürZlich gestorben war, EliZabeth T. Nimley. Jemand hatte ihren Namen in einem wirren Gemisch aus Groß- und Kleinbuchstaben mit schwarZer Farbe, die inZwischen verlaufen war, hingeschmiert. Das war gespenstisch, beinahe voodoomäßig, und ich fragte mich, wie leicht die Toten wohl an einem Ort mit solchen Gräbern ruhen mögen. Vielleicht war das ein Aufmacher, der das Zombiehafte dieser Stadt vor Augen führte.
Doch als ich schließlich in einer Pause Zwischen den Gewittern über mein Satellitentelefon meinen Ressortchef erreichte. sagte der mir genau, was er wollte.
»Bei Liberia denken die Leute an drogenvernebelte Bewaffnete mit magischem KopfputZ, also liefern Sie mir das«, meinte er.
Ich suchte den SchauplatZ eines kürZlichen Feuergefechts auf, wo die Leichen toter Aufständischer auf der Straße dem Verwesen überlassen worden waren. Neben einem Schädel lag ein blutiger und verknoteter KopfputZ – genau das, was der Ressortchef bestellt hatte.
Perücken, oft mit grell bemalten, irrwitZigen Frisuren, wurden in Liberia regelmäßig von Aufständischen getragen, Zusammen mit Brautkleidern, Kopftüchern und anderem biZarren Zubehör. Manche behaupteten, die Kostüme würden ihnen magische Macht verleihen; andere verfeinerten die Erklärung mit der Aussage, das gebe dem Träger eine andere Identität und bewahre ihn selbst vor Unheil; und wieder andere verwiesen auf eine Magie, die Zu geheim sei, um sie Uneingeweihten anZuvertrauen.
Diese Antworten passten Zu einem KennZeichen der Kämpfe in Liberia, dem düsteren Ritualismus – ein äußerst frustrierender Themenbereich, weil ihm so schwer auf den Grund Zu gehen war. Als ich weiter nachforschte, vertrauten mir Zahlreiche Quellen an, die Praxis reiche bis in die SpitZe der Regierung, und beschuldigten Taylor selbst, wie andere liberianische Kriegsherren Kannibalismus Zu praktiZieren, nicht aus Hunger, sondern um seine Macht durch den VerZehr von Organen seiner Feinde Zu stärken. Als sein Regime wankte, sagten sie, sei Taylor Zunehmend bereit gewesen, alles ausZuprobieren, was den Sieg über die Rebellen hätte befördern können, einschließlich ritueller Morde und kannibalistischer Praktiken. Mein Bericht darüber brockte mir die Todesdrohung seiner Gefolgsleute ein.
Ich habe sie nie schriftlich bekommen, doch mein Diplomatenfreund ließ mich wissen, es sei für mich Zu riskant, nach Liberia ZurückZukehren, solange Taylor noch an der Macht war. Mir blieb nichts anderes übrig, als von außerhalb des Landes darüber Zu berichten, wie die Rebellen einige Wochen später sein Regime Zu Fall brachten. Zwei seiner Vorgänger als Präsidenten waren im Amt ermordet worden, doch Taylor entZog sich diesem grausigen Gesetz der Serie, indem er im August 2003 einwilligte, nach Nigeria ins Exil Zu fliegen – allerdings wurde er schließlich doch noch vor dem Sondergerichtshof für Sierra Leone in Den Haag angeklagt, den Krieg im Nachbarland Sierra Leone angefacht Zu haben. Damit war er der erste afrikanische Staatsmann, dem wegen Kriegsverbrechen der ProZess gemacht wurde.
Ich war beschämt und enttäuscht darüber, nicht AugenZeuge des Niedergangs seines Regimes gewesen Zu sein. Als Reporter hatte ich versagt. Ich hatte mir die Einreise nach Liberia vermasselt und die Gelegenheit verpasst, von einem wichtigen historischen Wendepunkt Zu berichten. Doch das war nicht das erste Mal, dass ich in Westafrika eine bittere Enttäuschung erlebte.

Tim Butcher

Über Tim Butcher

Biografie

Jahrgang 1967, ist seit 1990 Journalist beim englischen »Daily Telegraph«. Er arbeitete für die Zeitung als Kriegsberichtserstatter, u. a. in Basra und Sarajewo, und war einige Jahre Afrikakorrespondent mit Sitz in Johannesburg. Inzwischen lebt er als freier Autor mit seiner Frau und zwei Kindern...

Pressestimmen

Outdoor Guide

»Die mit historischen Fakten unterlegten Schilderungen fesseln, faszinieren und schocken zugleich.«

Wiener Zeitung

Butcher versteht sein Erzähler- Handwerk und beweist. Dass ihm die Fußstapfen Graham Greenes nicht zu groß sind.

Inhaltsangabe

Einleitung

Ein Steinchen in meinem Schuh

Provinz der Freiheit

Auf der Suche nach Bruno

Keinen Ärger provozieren

Peace Garden

Der Falloe-Stock

Flaschenpost

Schreie im tiefen Busch

Der Guineawurm

Der Lärm des Büffelhorns

»Hier ist Daventry«

Des Teufels letzter Tanz

Bibliografie

Danksagung

Karte

Bildnachweis

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