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Auf dem Tretroller durch Deutschland

Auf dem Tretroller durch Deutschland

2473 Kilometer im Schneckentempo

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Auf dem Tretroller durch Deutschland — Inhalt

Entschleunigung mal anders - Michael Wigge will mit seinem Tretroller Ferdinand vom nördlichsten bis zum südlichsten Punkt Deutschlands gelangen; von der idyllischen Nordseeinsel Sylt bis zum Haldenwanger Eck auf fast 2000 Höhenmetern. Er sucht nach Superlativen wie der ältesten Eiche, der größten Kuckucksuhr und dem schiefsten Turm. Trifft Ufo-Forscher und Weltmeister im Kunstbügeln, findet Radarblitzer in Fußgängerzonen und landet urplötzlich in Kalifornien und Brasilien. Bizarre und außergewöhnliche Begegnungen entschädigen den Autor für die mühsame Art der Fortbewegung – doch ihm bleiben nur 80 Tage, um sein Ziel zu erreichen ... Ein höchst originelles Deutschlandporträt voller Überraschungen.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 15.10.2013
256 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96354-1
»Ein höchst originelles Deutschlandportrait voller Überraschungen.«
City Guide Rhein-Neckar

Leseprobe zu »Auf dem Tretroller durch Deutschland«

Vorwort

Als ich Michael Wigge zum ersten Mal sah, dachte ich mir gleich: Der Junge ist verrückt. Inzwischen – sieben Jahre später – muss ich feststellen: Mit diesem vorschnellen Urteil hatte ich absolut recht. Wigge ist wirklich verrückt. Doch um das gleich mal festzuhalten: auf eine angenehme, lebensbejahende, menschenfreundliche, immer wieder lehrreiche und unterhaltsame Art.

Aber der Reihe nach: Ich begegnete Wigge zum ersten Mal an einem Werktag im Herbst 2006 bei meiner täglichen Postroutine in der Redaktion unseres TV-Magazins »euromaxx«. Da fiel [...]

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Vorwort

Als ich Michael Wigge zum ersten Mal sah, dachte ich mir gleich: Der Junge ist verrückt. Inzwischen – sieben Jahre später – muss ich feststellen: Mit diesem vorschnellen Urteil hatte ich absolut recht. Wigge ist wirklich verrückt. Doch um das gleich mal festzuhalten: auf eine angenehme, lebensbejahende, menschenfreundliche, immer wieder lehrreiche und unterhaltsame Art.

Aber der Reihe nach: Ich begegnete Wigge zum ersten Mal an einem Werktag im Herbst 2006 bei meiner täglichen Postroutine in der Redaktion unseres TV-Magazins »euromaxx«. Da fiel mir eine DVD in die Hände mit seiner aktuellen Filmproduktion, die er im Programm der Deutschen Welle unterbringen wollte. Und was gab’s da zu sehen? Michael Wigge im Regenwald, der sich von Baum zu Baum schwingt – an einer Liane. Ungelogen.

Der Reporter hatte seinerzeit beschlossen, eine Weile bei den Sanema-Indianern im Amazonasgebiet zu leben. Und da wollte er auch beim Freizeitsport nicht negativ auffallen. Im Film konnte man übrigens außerdem sehen, wie er fürs Abendessen erfolglos einen Ameisenbären jagt oder so lange auf einem Klumpen aus Tabak und Holzasche (eine Art Red Bull der Sanema) herumkaut, bis ihm schlecht wird. Und dabei filmte er sich immer selbst, die Kamera am ausgestreckten Arm. Wigge in der Hängematte, Wigge am Tümpel, Wigge beim Stampfen der Yuccawurzel.

Nach diesem filmischen Erlebnis war klar: Der Junge hatte was. Also verabredeten wir uns zu einem Treffen. Er sah damals ganz anders aus als im Film an der Liane. Ziemlich normal eigentlich. Das ist einer seiner Tricks.

Den Indianerfilm haben wir bis heute nicht gesendet. Dafür realisierten wir gemeinsam zwei TV-Reihen für »euromaxx«, die sich online immer noch großer Beliebtheit erfreuen: Die Wahrheit über Deutschland und Das schönste Land der Welt. Dabei geht es darum, unserem Publikum in der ganzen Welt einen anderen Blick auf Deutschland zu bieten. In Die Wahrheit über Deutschland erforscht Wigge alle wüsten Klischees über Deutschland und versucht zum Beispiel, herauszufinden, wie pünktlich, humorvoll, fleißig oder ordentlich die Deutschen wirklich sind. Und er befasst sich mit wesentlichen einsilbigen Themen wie »Bier«, »Hund«, »Wurst« oder eben »Kraut«.

Für seine Reise durch Das schönste Land der Welt flitzte er mit einem VW Karmann-Ghia (Baujahr 1962) durch alle 16 Bundesländer. Besser gesagt, er hat’s versucht, denn der Osnabrücker ging ständig kaputt (gemeint ist das Auto, Wigge selbst kommt ja aus dem Sauerland). Trotzdem schaffte er es immerhin zu den Kreidefelsen auf Rügen oder zur Wartburg in Eise­nach. Und überall machte er sich irgendwie nützlich: Auf Schloss Neuschwanstein hat er mal feucht durchgewischt, im Münchner Hofbräuhaus bis zur Erschöpfung Bierkrüge geschleppt. Typisch: Wigge will’s wissen. Er geht dahin, wo es (ihm) wehtut.

Zwischendurch war er dann plötzlich verschwunden. Auf Weltreise. Und darauf folgte noch eine Weltreise. Sehr originell! Als er zurückkam, plante er schließlich etwas ganz Neues: eine Deutschlandreise – auf einem Rasenmäher. Hoppla! Nach der Erfahrung mit dem Karmann-Ghia konnte ich gut verstehen, dass er ein zuverlässigeres Fahrzeug wollte. Aber fünf Kilometer pro Stunde Spitze plus Mulchfunktion?

Der wesentliche Reiz der Sache war freilich nicht ganz von der Hand zu weisen: die Langsamkeit. Gemütlich fahren, genau hinschauen, interessante Reportagen über spannende Geschichten am Wegesrand drehen – der total entschleunigte Reporter sozusagen. Abseits der ausgetretenen Pfade. Eine gewisse Struktur sollte allerdings erkennbar sein: vom nördlichsten zum südlichsten Punkt, in 80 Tagen. Und so allmählich fanden wir den Rasenmäher gar nicht so übel. Doch dann kam uns doch tatsächlich ein anderer Sender zuvor – mit einer Rasenmäher-Reise-Reportage! Damit konnten wir die Rasenmäheridee wirklich nur noch kompostieren …

Wigges langsame Deutschlandfahrt wollten wir trotzdem. Aber was wäre wohl das geeignete Gefährt? Ein Hochrad? Zu hoch. Ein Minimotorrad? Zu schnell. Ein Einrad? Langsam genug wäre er damit sicher. Anders gesagt: Er würde nie ankommen.

Wie so oft war die Lösung einfach. Bei meinen Autofahrten durch die Hauptstadt hatte ich ja alle verkehrsregelbefreiten Berlin-Mitte-Boys auf ihren Fixies (Risk­rider ohne Bremse) oder Hardtail Bikes (Pedalisten-SUV ohne Licht) sowieso im Blick. Doch von nun an verpasste ich auch keine einzige Fahrradrikscha mehr und kein noch so kleines Bobbycar. Keine tiefergelegte Schubkarre und kein hochprozentiges Bierbike. Und es gab wirklich alles: Segways, Skateboards, Kettcars, Dreiräder aller Art. Aber irgendwas fehlte. Irgendwas. Und dann, ganz plötzlich, sah ich ihn: den guten alten Tretroller! Ja!

Als ich Michael fragte, ob er die Nord-Süd-Tortour in 80 Tagen auf einem Roller bewältigen könne, erklärte er ohne zu zögern: »Klar, kein Ding.« Das hörte sich gut an. Aber beim Einrad war er ja auch schon recht optimistisch gewesen – bis zu den ersten Feldversuchen … Andererseits: Der Mann war hart im Nehmen und hatte ja auch die Zeit im Regenwald unter Einfluss der Tabak-Asche-Droge einigermaßen überstanden.

Keine Woche später besorgte er sich also einen echten Profitretroller. Einen nagelneuen »Folding Master« mit Luftbereifung und fünf Jahren Garantie. Ein Qualitätsprodukt der tschechischen Rollerschmiede Mibo-Scooter, entworfen vom branchenweit respektierten Chefentwickler Břetislav Michálek. Da waren sie also: der Roller und der Wigge. Und nun?

Als ich die beiden so sah, bekam ich noch mehr Zweifel, ob Wigge die »Challenge« innerhalb von 80 Tagen schaffen konnte. Das Ganze schrie förmlich nach einer Wette: »Schaffst du nie!«, sagte ich. Und er: »Schaff ich doch!«

Da »euromaxx« auch ein Lifestyle-Magazin ist und uns die Analogie zwischen Michael Wigge und Sebastian Vettel irgendwie überdeutlich erschien, war der Wetteinsatz der Deutschen Welle rasch geklärt: eine Magnumflasche Champagner. Für die (unwahrscheinliche) Taufe des strahlenden Siegers Wigge am südlichsten Punkt Deutschlands, dem Haldenwanger Eck im Freistaat ­Bayern.

Für den (wahrscheinlichen) Fall, dass er mehr als 80 Tage brauchte, war Wigges Wetteinsatz ebenso naheliegend: ein kostenloser Frondienst für die Redaktion. Da er sich schon bei seinem Wurst-Film über »Konnopke’s Imbiss« in Berlin recht gelehrig gezeigt hatte, wurde beschlossen, dass Wigge den Küchendienst bei der nächsten Redaktionsparty übernehmen sollte. Sicherheitshalber bei der Weihnachtsfeier. Bis dahin sollte er ja in jedem Fall angekommen sein. Dieser »Herausforderung« konnte er naturgemäß nicht widerstehen. Also Handschlag drauf!

Tja, so war das. Und wenig später startete Michael Wigge am nördlichsten Punkt der Republik, dem sogenannten Ellenbogen auf Sylt, seine Rollerreise durch ein unbekanntes Deutschland. So ist er halt, der Michael. Ziemlich verrückt.

Rolf Rische, Juli 2013

 

Schmerzen, Schnee und ein Scheißgefühl

Mein linker Fuß rutscht immer wieder im tiefen Schneematsch weg, ohne dass ich mit dem Tretroller auch nur ansatzweise das Ende des Berliner Tiergartens erreiche. Es ist eine Qual, mein kleines Gefährt schlittert ständig davon, ich habe fiese Rückenschmerzen und würde am liebsten den Roller nehmen und über den zugefrorenen Ententeich schmeißen. Es sind minus acht Grad, und jeder Meter Strecke in dieser Trainingseinheit kommt mir vor wie 100 Kilometer in meinem Auto – im Stau. Ich bin richtig schlecht gelaunt, vor mir türmt sich sprichwörtlich eine hohe Mauer auf, die ich überwinden muss. Aber ich habe keine Ahnung, wie.

Was habe ich mir da schon wieder eingebrockt?

Es ist der 20. März, eigentlich ein Datum, das Frühlingsgefühle wecken sollte. Doch nicht dieses Jahr. Morgen steht der offizielle Frühlingsanfang ins Haus, und Berlin liegt tief unter einer Schnee- und Eisdecke begraben. Ziemlich ungünstig, wenn man in zehn Tagen, also am 1. April, eine 2473 Kilometer lange Tretrollerreise vom nördlichsten bis zum südlichsten Punkt Deutschlands antreten möchte (so hat’s mein GPS am Roller vorberechnet), und das auch noch unter erschwerten Bedingungen: Ich habe nur 80 Tage Zeit, keinen Tag länger!

Man mag sich fragen, warum dieser Zeitdruck, ob ich Kinder zu Hause sitzen habe, die den Papa unbedingt nach 80 Tagen wiedersehen wollen. Ob mein Zwischenmieter partout nur 80 Tage in meiner Wohnung bleiben möchte. Oder ob ich ein unterwürfiges Verhältnis zu einer Dame pflege, die nach 80 Tagen die Bratpfanne zu Zwecken nutzen könnte, die weit von kulinarischen Freuden entfernt sind. Nein, nichts dergleichen, hier geht es schlicht und ergreifend um eine arglose Wette!

Nach meinen beiden bisherigen Herausforderungen Ohne Geld bis ans Ende der Welt (Wie reist man von Berlin bis in die Antarktis, ohne einen Groschen Geld in der Tasche zu haben?) und Wigges Tauschrausch (Wie tausche ich mich von einem Apfel bis zu einem Haus auf Hawaii hoch?) befinde ich mich nun kurz vor meiner dritten Feuerprobe. Eigentlich hatte ich beschlossen, mir solche Strapazen nicht mehr freiwillig anzutun, bis im Oktober das Telefon klingelte:

Stimme im Hörer: »Hallo, Rolf Rische hier, von Deutsche Welle Fernsehen Berlin. Ich habe mir dein Konzept noch mal angesehen – eine Fahrt mit dem Aufsitzrasenmäher durch Deutschland … Rasenmäher ist ja ganz interessant. Mir gefällt die Idee des sehr, sehr langsamen Reporters abseits der üblichen Wege.«

Wigge: »Prima …«

Stimme im Hörer: »Rasenmäher können wir aber nicht machen.«

Wigge: »Wieso nicht?«

Stimme im Hörer: »Ein anderer Sender macht so was Ähnliches. Außerdem ist das mit Motorantrieb sowieso irgendwie viel zu einfach. Da fehlt die Herausforderung. Wir hätten lieber so was Authentisches mit echter Anstrengung.«

Wigge: »Äääh, ohne Geld durch Deutschland reisen und dabei ein Haus ertauschen? Nee, nicht noch mal, danke!«

Stimme im Hörer: »Nein, nein, viel besser: Wir nehmen statt des Rasenmähers einen Tretroller. Weißt du, so einen Kinderroller …«

Wigge: »Ääääh …«

Stimme im Hörer: »Ja, und damit’s spannender wird, geben wir dir genau 80 Tage Zeit, um mit einem Tretroller das ganze Land zu durchqueren. So wie bei Jules Verne. Unterwegs erkundest du mit deiner Kamera die Provinz und die deutsche Kultur. Der total entschleunigte Reporter mit dem neuen Blick, verstehst du?«

Wigge: »Puuh …«

Stimme im Hörer: »Nix puuh! Trainieren heißt das Zauberwort, und schmeiß die Kippen weg, sonst wird das nichts!«

So ungefähr hat es sich abgespielt, das mit der Überredung zu meiner dritten großen Challenge, obwohl ich nach dem Tauschrausch vor 18 Monaten so unendlich groggy war, dass ich ein halbes Jahr lang um meine gute Laune ringen musste. Mich durch 14 Länder immer weiter und höher und reicher zu tauschen versetzte mich zwar während der Reise in einen angenehmen Rausch, doch der Nachhall war definitiv nicht gut. Was blieb, war ein Gefühl des Ausgebranntseins, und erst nach rund sechs Monaten kehrte meine gewohnte fröhliche Stimmung zurück.

Ich konnte noch nie gut Nein sagen zu »lustigen« Herausforderungen, das ist mein ganzes Leben so gewesen. Als Kind bin ich mal auf einen Strommast geklettert, weil mein Kumpel meinte, dass ich das nicht könne. Als Jugendlicher habe ich dann meine letzten 50 D-Mark vom Urlaubsgeld bei Hütchenspielern in Mallorca gelassen, weil mein Reisegefährte meinte, dass ich diese nicht besiegen könne. Nun, dem war auch tatsächlich so, deshalb musste ich wenig später als blinder Fähren-Passagier zurück ans Festland reisen. Genau das gleiche Spiel ereignete sich vor einigen Jahren in der Show von Sarah Kuttner. Als Reporter konnte ich zu keiner ihrer Herausforderungen Nein sagen. Auf dem Tomatenschmeiß-Festival »Tomatina« versuchte ich beispielsweise, einen blütenweißen Anzug zu behalten, und im New Yorker Central Park erschreckte ich die Leute, weil sie mir das nicht zugetraut hatte. Leider gab es dafür richtig eins auf die Mütze.

So musste es wohl unweigerlich zu einer dritten Challenge kommen. Dieses Mal sind eben 2473 Kilometer auf einem Tretroller zu absolvieren, mit Reifen, die gerade einmal 30 und 40 Zentimeter Durchmesser besitzen, und das in 80 Tagen! Doch ich will nicht jammern, natürlich hat mich dieses Unterfangen auch gereizt. Zunächst mal möchte ich mein Heimatland noch besser kennenlernen. Warum immer nur in die weite Welt hinaus, wenn man nicht weiß, wie es vor der eigenen Haustür aussieht? Am Ende dieser Reise soll eine originelle Art von Reiseführer stehen, der mehrere Videoreportagen umfasst, einen Blog, ach ja: und auch noch ein Buch.

Last, not least wäre da noch der sportliche Aspekt: Mit 36 Jahren merkt man, dass es körperlich schon ein bisschen bergab geht. Darauf habe ich keine besondere Lust, deshalb plane ich, in mein zukünftiges Leben ganz viel Sport zu integrieren und sehe diese Challenge als grandiosen Auftakt.

Nach dem anfangs geschilderten Tiergarten-Desaster beschließe ich also, noch härter zu trainieren. Bereits im Herbst nach dem Anruf der Deutschen Welle hatte ich mir einen gnadenlosen Drei-Punkte-Plan zurechtgelegt, damit ich nicht schon nach ein paar Stunden meiner Reise zusammenbreche.

Punkt 1: Weg mit den Kippen

Zu Hochzeiten des Tauschrausch-Stresses hatte ich leider wieder mit dem Rauchen angefangen und vernichtete seither täglich eine ganze Schachtel. Nun musste Schluss damit sein, ich warf alle Zigaretten weg und schwor mir ein immerwährendes Ende dieses Lasters.

Am nächsten Morgen saß ich wieder mit Kaffee und Kippe am Schreibtisch. Herrlich! Das Ganze spielte sich noch ungefähr fünf weitere Male so ab, bis ich so etwas wie konsequentes Verhalten an den Tag legte. Doch dann hatte ich es irgendwann geschafft!

Punkt 2: Ernährungsumstellung

In meinem Freundeskreis bin ich nicht gerade dafür bekannt, der beste Koch zu sein. Das ist ein Euphemismus. In Wahrheit kann ich es einfach nicht und blockiere sämtliche gemeinsame Kochabende mit Freunden. Wie dem auch sei, eine bessere Ernährung musste schnellstens her, also überlegte ich mir Dinge, für die man eigentlich nicht kochen können muss: Morgens gibt es deshalb jetzt selbst gepresste Gemüsesäfte mit Müsli, mittags Fisch, Hähnchen und Gemüse und abends meistens noch einen Gemüsesaft obendrauf. Kein Alkohol, kaum Süßigkeiten. Das Ergebnis: Nach etwa vier Monaten wiege ich mit knapp 85 Kilo unglaubliche neun Kilo weniger.

Punkt 3: Sport

Die ersten Monate lief ich jeden zweiten Morgen acht Kilometer, um meinen 36 Jahre alten Körper irgendwie wieder an Sport zu gewöhnen. Im Berliner Großstadtleben mit all seinen Verlockungen rücken schon mal andere Dinge in den Vordergrund. Als ich insgesamt 200 Kilometer Jogging hinter mir hatte, fühlte ich mich tatsächlich wieder fit.

Dann kam der Tretroller an die Reihe: Jeden zweiten Morgen schlitterte ich 15 Kilometer durch den Tiergarten. Doch nach Trainingseinheit drei kam schon das Aus: Mein Rücken, der sich bereits während des ­Tauschrauschs so laut beschwert hatte, dass ich mich wochenlang nur leicht gebückt fortbewegen konnte (und das in Indien), begann, wieder richtig wehzutun. Es blieben zu diesem Zeitpunkt nur wenige Wochen bis zum Start der Challenge, und ich kroch wie ein Invalide durch Berlin. Alles andere löste einen höllischen Schmerz aus.

Was hätte Rolf Rische bloß dazu gesagt?

Ich erfuhr es nicht, weil er erstens keinen Schimmer davon hatte und zweitens auch in Zukunft keinen Schimmer davon haben sollte, denn ich wollte unter gar keinen Umständen schon im Vorfeld als Verlierer dastehen. Doch was tun?

Hatte ich mich aufgrund meiner Unfähigkeit, Wetten abzulehnen, vielleicht doch ausnahmsweise mal ein ganz klein wenig überschätzt? Ich machte mir auf einmal große Sorgen. Was, wenn das »Wow, Wigge!« meiner Fans auf einen Schlag zum traurigen Bemitleiden eines Gestürzten würde?

Meine erste sinnvolle Gegenmaßnahme bestand aus einem Besuch beim Orthopäden, nennen wir ihn hier diskret Dr. R. aus B., oder – dem Thema entsprechend – einfach Dr. Rücken.

In der Praxis von Dr. Rücken kam mir ein Endfünfziger im weißen Kittel durch die Tür entgegen, der mich stark an den Schauspieler Wolfgang Völz erinnerte (allerdings ohne die Warze am Kinn).

Dr. Rücken: »Heeeeerr Wiiiiiigge! Wo zwickt es denn schon wieder, Sie Schlawiner? Hahaha.« (Wir begegneten uns das erste Mal.)

Wigge: »Das alles hat vor zwei Jahren bei einer Tauschreise in Indien angefangen, da konnte ich wegen Rückenschmerzen kaum mehr gehen.«

Dr. Rücken: »Iiiiindien! Ich denk da gleich an Goa und Sie mit ’nem Haufen Hasch in der Tasche. So schlimm war’s doch bestimmt nicht. Hahahaha!«

Wigge: »Na ja, ich hatte damals wirklich schlimme Schmerzen, und auch leider jetzt wieder.«

Dr. Rücken: »Acht kleine Piekser mit dieser Spritze, und das Cortison macht alle wieder glücklich. Hahahaha!«

Wigge: »Ist das nicht dieses starke Schmerzmittel, von dem man impotent werden, Muskelschwund und Hautblutungen bekommen kann?«

Dr. Rücken lachte erneut laut vor sich hin, während seine Entscheidung, mir umgehend achtmal Cortison zu spritzen, längst gefallen war. Kurz nach dem überfallartigen Stich mit der Nadel hörte ich ihn noch philosophieren, dass man mit 36 bei körperlichen Höchstleistungen unbedingt aufpassen sollte, da der Leistungspeak eindeutig überschritten sei. Während er mir beim Rausgehen feixend einen Rückenstützgürtel, Tabletten und obendrauf noch ein Rezept für Schuheinlagen überreichte, erzählte er von einem kolumbianischen Torwart, der noch in seinen Vierzigern aktiv war und schließlich schon mit sechzig abgekratzt ist.

Zu Hause machte ich mir natürlich so meine Gedanken über Dr. Rücken – nicht so sehr über sein Talent, konstant in wildes Gelächter auszubrechen, sondern vielmehr über seine weisen Worte bezüglich großer Herausforderungen und darüber, dass man selbige von Jahr zu Jahr schwerer bewältigen kann. Ja, ich wusste, dass ich keine 28 mehr war, und hoffte inständig, dass mein Körper das alles halbwegs unbeschadet überstehen, dass er die 80 Tage durchhalten und das Tretrollerspiel geduldig mitspielen würde.

Deshalb ging es ab sofort mit Stützgürtel – der mich übrigens stark an den Bauchweggürtel aus der Tele-5-Werbung in den 1990ern erinnert –, Schuheinlagen, dem Rücken voller Cortison sowie einer neuen Tretrollertechnik regelmäßig morgens durch den Berliner Tiergarten. Wichtig beim Tretrollerfahren, so die Auskunft diverser Profis, die nebenbei die meisten Fahrradfahrer als überheblich rasende Konkurrenten ansehen, ist Folgendes: Fuß und Unterschenkel sollten stets einen 90-Grad-Winkel bilden, alle zehn Tritte muss ein Beinwechsel erfolgen, und der Rücken sollte so gerade sein, dass sich der Druck auf Po und Oberschenkel verteilt.

Es stimmt tatsächlich: Alle diese Maßnahmen wirken! Nach wenigen Tagen wurde es besser, und nach insgesamt 300 Kilometern Tretrollertraining bin ich nun bereit, trotz Schmerzen, Schnee und einem Scheißgefühl die neue Herausforderung anzutreten.

Aus dem Tretroller wird Ferdinand, mein kleiner bester Freund und treuester Gefährte in den nächsten Monaten. Er ist mit Blumenaufklebern und Lederstreifen geschmückt, die aus den Lenkerenden hängen, und er schafft wenige Tage vor dem Start sogar eine unglaubliche Höchstgeschwindigkeit von 18,5 Kilometern pro Stunde – bevor ich mich keuchend im Tiergarten über eine Bank hängen muss.

Los geht’s!

Michael Wigge

Über Michael Wigge

Biografie

Michael Wigge, 1976 geboren, arbeitet seit 2002 als Reporter für private und öffentlich-rechtliche Fernsehsender. Bekannt wurde er als Außenreporter für die „Sarah Kuttner Show“ bei VIVA und MTV, für die er sich u.a. vier Tage lang im Kölner Jugendknast inhaftieren ließ. Er erhielt mehrere...

Pressestimmen

City Guide Rhein-Neckar

»Ein höchst originelles Deutschlandportrait voller Überraschungen.«

Die Rheinpfalz

»Eine amüsante, kurzweilige Lektüre.«

Die Rheinpfalz

»Am Ende steht die Erkenntnis, dass der Weg das Ziel ist - und dass es immer lohnt, unterwegs zu sein. (...) Eine amüsante, kurzweilige Lektüre.«

hr-online

»Eine amüsante, kurzweilige Lektüre.«

Stuttgarter Zeitung

»Herausgekommen ist ein skurriles Deutschlandporträt.«

Inhaltsangabe

Vorwort

Schmerzen, Schnee und ein Scheißgefühl

Im Sand versunken

Ferdinand im Huckepack

Samba in Brasilien

Der Erfinderclub

Der tiefste Punkt Deutschlands

Tort(o)ur bis zur Hunde-Wellnessoase

Die Volkswagen-Currywurst

Mit dem Tretroller auf die Walz

Tagesstreckenrekorde zum Rekordhaus

Vom kleinsten Haus zur Unabhängigkeit

Die beinahe älteste Eiche Deutschlands

Einer der sechs deutschen Mittelpunkte

Der schiefe Turm von Thüringen

Bergfest mit deutschen Gartenzwergen

Desaster vor der Höhle der Sandmänner

Schiebend zum Hochsicherheits­sicherungsstreifen

Schwerelos im Rhönrad

130 000 Zuckerstücke

Deutschland, eine Lachnummer?

Tretrollerexpertentreffen

Das Frankensteinmonster

Hilfe beim Bürostuhlrennen

Außerirdische im Anmarsch

Das Welthotel

Tagesstreckenrekorde zum ­Stadtbeleuchtungsautomaten

Vom Tankstellenmann verfolgt

Knapp 70 000 Kalorien verbrannt!

Unrasiert bei den Bartweltmeistern

Noch mehr deutsche Superlative

Der geheimste Ort Deutschlands

Endspurt – gewinnen oder verlieren!

Die kleinste mobile Privatbrauerei – und ich muss weiter

Unordnung in Oberstdorf

No more Tretroller!

Danksagung­

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