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Ascheträume

Ascheträume

Roman

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Ascheträume — Inhalt

Thara ist ein 17-jähriges Mädchen, das ihre violetten Augen hasst. Sie möchte nichts lieber als ein ganz normales Leben führen. Alles ändert sich jedoch, als sie an einer Schwertlilie riecht und der Duft sie an einen düsteren Ort entführt: Eine Welt aus Asche, in der alles, was in der Realität verbrannte, wieder aufersteht. In dieser lebensfeindlichen Welt lernt sie Nate kennen, der dort gefangen gehalten wird. Thara verliebt sich in Nate, auch wenn jede Berührung für sie bedeutet, dass sie zu Asche zerfällt. Beim Versuch, ihn zu befreien, öffnet Thara unwissentlich einem Wesen ein Tor, das nur darauf gewartet hat, ihre Welt in Schutt und Asche zu legen …

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 14.07.2014
Übersetzer: Gaby Wurster
448 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98142-2

Leseprobe zu »Ascheträume«

Für Giuliano Giunchi, den ich manchmal im Rauch sehe.
Für den Bruder, den ich noch kennenlernen muss.
Für alle, die auf die Welt kommen, und alle,
die sie verlassen – in der Annahme,
dass es kein so großer Unterschied ist.

 

»Denk immer daran … Denk immer daran,
dass der Mond ein Loch im Himmel ist,
durch das wir das Licht sehen können,
das Licht des nächsten Tages.«
Kolor

 

 

 

Schwarzer Schnee

 

Er lief barfuß, und das Feuer rückte neben ihm vor.
Meine Mutter sah ihn als Erste. Das war vor siebzehn Jahren.
In jenem Moment lag sie auf dem Rücksitz des [...]

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Für Giuliano Giunchi, den ich manchmal im Rauch sehe.
Für den Bruder, den ich noch kennenlernen muss.
Für alle, die auf die Welt kommen, und alle,
die sie verlassen – in der Annahme,
dass es kein so großer Unterschied ist.

 

»Denk immer daran … Denk immer daran,
dass der Mond ein Loch im Himmel ist,
durch das wir das Licht sehen können,
das Licht des nächsten Tages.«
Kolor

 

 

 

Schwarzer Schnee

 

Er lief barfuß, und das Feuer rückte neben ihm vor.
Meine Mutter sah ihn als Erste. Das war vor siebzehn Jahren.
In jenem Moment lag sie auf dem Rücksitz des Wagens, die Hände auf den Bauch gepresst und den Mund zu einem Schrei verzogen. Der Grund für ihren Schmerz war ich. Ich war im Begriff, auf die Welt zu kommen.
Mein Vater drückte auf die Hupe, als könne er dadurch die Autos vor ihm verschwinden lassen. Er raste so schnell durch die Straßen wie noch nie. Mit seiner warmen Stimme versuchte er, meine Mutter zu beruhigen, sagte, dass sie gleich im Krankenhaus seien. Er sprach davon, wie schön der Moment sein würde, wenn er mich zum ersten Mal im Arm hielte. Meine Mutter hatte darauf nur eine Antwort – die einzigen Worte, die sie unter den Schmerzen der Wehen hervorbringen konnte: »Los, los, los!«
Und dann passierte es.
Dad bog gerade Richtung Park ab, als eine Explosion den Wagen an den Straßenrand schleuderte. Ein glühender Pilz aus Flammen und Rauch schoss in den Himmel. In Panik rannten die Leute aus der brennenden Fabrik. Kurz darauf war die Luft mit dichtem, stickigem Qualm erfüllt.
Mein Vater bremste jäh ab, um nicht in die Menschenmenge zu fahren. Hastig kurbelte er das offene Fenster hoch, dennoch drang ein bisschen von dem schwarzen Gift in den Wagen. Er hustete, und seine Augen brannten. Sie brannten, als hätte man ihm Säure ins Gesicht gespritzt. Deshalb sah er ihn nicht.
Meine Mutter hingegen, die sich auf die Ellbogen gestützt hatte, sah ihn sehr wohl.
Er erschien nur für die Zeit eines Atemzugs.
Er schritt durch die Feuerwand wie durch einen Vorhang.
Er blickte sich um, während er sich die langen Haare aus dem Gesicht strich, und schrie. Er schrie in rasender Wut, mit der Gewalt eines wilden Tieres, das seit Jahren nichts mehr gefressen hatte.
Der Wagen fuhr weiter, bevor die Flammen ihn einholen konnten. Meine Mutter drehte den Kopf und sah durchs Rückfenster, wie er sich auflöste. Sie erzählte mir später, er sei verweht worden wie Asche, weggefegt von einem heißen Windstoß.
Ich habe diese Geschichte nie geglaubt. Ich dachte, es sei nur eine Halluzination gewesen, eine Wahnvorstellung, hervorgerufen von den Geburtswehen.
Doch das war nicht das einzig Seltsame, das in dieser irrwitzigen Stunde geschah. Es war Mitte August, und dennoch begann es zu schneien. Ein Schnee, wie es ihn noch nie gegeben hatte. Schwarzer Schnee.
Er bedeckte die Stadt mit einem dunklen Mantel, während ich in den Armen meiner Mutter die ersten Atemzüge tat. Sie erinnert sich noch daran, wie die Krankenschwestern und Ärzte am Fenster standen und dieses merkwürdige Ereignis bestaunten.
Die Presse behauptete später, dieser Schnee sei eine Folge des Rauchs aus der Chemiefabrik gewesen, die in Flammen aufgegangen war. Eine rationale Erklärung für etwas, das die Grenzen der Wirklichkeit überschritten hatte.
Heute weiß ich, was dieses schwarztintige Schneegestöber zu bedeuten hatte. Es war das düsterste Omen. Das Zeichen für die Ankunft eines Wesens aus dem Feuer.
Doch das war nur ein kleiner Vorgeschmack auf den Schmerz und das Grauen, das über die Welt, meine Welt, kommen sollte – siebzehn Jahre später, als er aus der Asche zurückkehrte, um mich zu verfolgen.

 

 

 

Thara

 

Es war in der Dämmerung.
An jenem Abend jagten sich hinter den Wohnblöcken große goldene Wolken im warmen Wind. Ich wusste, dass ich nicht hässlich war, aber in den Augen der anderen war ich eine sonderbare Person. Mit einem Jungen essen zu gehen erschien mir wie ein Traum. Ein abwegiger Traum zum Sonnenuntergang, bevor die Nacht kommt.
Ich war aufgeregt. Ich hatte das Gefühl, ich müsse jeden Moment erwachen. Ich zog die Sonnenbrille hoch, um auf dem Handy die Uhrzeit abzulesen.
Genau in diesem Moment sah ich Esteban, und ich ließ die Brille wieder auf meine Nase rutschen. Er kam mit diesem verhaltenen Lächeln um die Ecke wie ein Popstar. Vor dem Restaurant befand sich niemand außer mir.
Wem würde Esteban nicht gefallen? Ein bisschen verwegen, ein bisschen ungehorsam, aber schlau genug, um sich nie erwischen zu lassen. Er war neunzehn, zwei Jahre älter als ich. Ganz kurz fragte ich mich, ob er sich wirklich für mich interessierte, vertrieb diesen blöden Gedanken aber gleich wieder.
Ich hatte mir immer gewünscht, spontaner zu sein als ich es war – ich wollte locker sein und stellte mir deshalb vor, wie er mich später zu einer Spritztour auf seinem Motorrad mitnehmen würde und wer weiß, zu was noch.
Esteban war bestimmt ein interessanter Typ. Ich war mir dessen zwar überhaupt nicht sicher, denn wir hatten noch nie miteinander gesprochen, aber alle Mädchen redeten über ihn. Irgendjemand musste ihm meine Telefonnummer gegeben haben, denn vor zwei Tagen hatte ich eine SMS bekommen: »Samstag um acht? Esteban«. Ich hatte zugesagt, auch wenn wir noch nie ein Wort gewechselt hatten. Der Abend durfte auf keinen Fall eine Enttäuschung werden.
Während er die letzten Schritte auf mich zu machte, zog er eine Zigarettenschachtel hervor, klopfte auf die Unterseite und ließ sich eine Zigarette in den Mund springen. Er blieb stehen und sah mich an, während er sie anzündete. Ich lächelte schüchtern. Zum Glück konnte er wegen der Sonnenbrille, die ich immer trug, und wegen des Dämmerlichts nicht sehen, dass ich rot wurde. Ich hingegen bemerkte seine Verlegenheit, als ich ihm die ersten Worte dieses Abends sagte – die schlimmsten, die ich hätte wählen können: »Esteban … Ich glaube, du hast die Zigarette falsch herum angezündet.«
Er ließ sie wie zufällig fallen und lächelte breit.
»Thara! Gehen wir rein?«
Wir setzten uns an einen abgelegenen Tisch. Das Lokal war nichts Besonderes, es gab im Grunde nur Sandwiches – aber hausgemacht, wie Esteban betonte.
Na toll, dachte ich. Ein rauchender Gesundheitsapostel!
Doch andererseits hatte auch ich übertrieben, denn mit meinem langen, violetten Kleid, das ich irgendwann mal für einen besonderen Anlass gekauft hatte, war ich viel zu elegant angezogen.
Als ich die Speisekarte las, nahm Esteban meine Hand. »Was nimmst du?«, fragte er in einer Art, die er wohl für verführerisch hielt und fügte hinzu: »Und warum setzt du deine Sonnenbrille nicht ab?«
Bei dieser Frage zitterten mir die Knie und die Stimme. Zum Glück saß ich! Richtig: Warum nahm ich sie nicht ab? Ich musste mich nicht schämen.
»Ich hatte keine Zeit, mich zu schminken …«, antwortete ich in der Hoffnung, dass das als Entschuldigung durchgehen würde, doch er rümpfte nur die Nase.
Da ich ihn nicht verstimmen wollte, strich ich mir die Haare aus dem Gesicht und zog langsam die Brille ab.
Meine Mutter ist Apothekerin und sagt immer, dass man sich von lästigen Dingen mit einem Ruck befreien soll wie von einem Pflaster. Vielleicht hat sie damit sogar recht. Zumindest hatte ich Estebans Reaktion, als er mir in die Augen sah, nicht erwartet.
»Wow!«, rief er und beugte sich vor.
Ich lächelte schwach. Noch hatte ich nicht ganz begriffen, was dieser Ausruf bedeutete.
Er starrte mich an. Einen Moment lang hatte ich den Eindruck, beim Augenarzt auf dem Stuhl zu sitzen. Und das gefiel mir gar nicht. Schon von klein auf hatte ich viel zu viel Zeit als Versuchskaninchen bei irgendwelchen Spezialisten verbracht. Dann stützte er sein Kinn in die Hand, und ich wusste, dass ich mich entspannen konnte: Meine violetten Augen schienen ihm zu gefallen.
Es war wirklich eine Erleichterung. Ich hoffte nur, dass sich das Gespräch nun nicht bloß um meine Augen drehen würde, denn auf die war ich nicht unbedingt stolz.
Ich brauchte eine Pause von der Verlegenheit, die ich verspürte. »Ich gehe schnell mal zur Toilette und schminke mich«, sagte ich und stand auf.
Esteban wollte mich zurückhalten.
»Aber du bist spitze! Und du hast tolle Augen. Violett wie zwei Rubine. «
»Amethyste«, korrigierte ich ihn. »Rubine sind rot.«
Und dann ging ich.
Natürlich wollte ich mich nicht wirklich schminken, es war ein Vorwand, damit ich mich eine Weile verziehen konnte. Also nahm ich vorsorglich meine Handtasche mit.
Ich ging zur Toilette. Vor dem Spiegel waren zwei Mädchen eifrig mit ihrem Aussehen beschäftigt. Ich lächelte ein wenig ungeduldig und holte meine Wimpertusche aus der Tasche.
Ich stellte mich vor den Spiegel und sah mich an. Auch wenn es meine eigenen waren, diese violetten Augen mit den gelben Einsprengseln hatten mir immer Angst gemacht. Ich weiß, dass es verrückt klingt, so von einem Teil des eigenen Körpers zu sprechen, aber der Punkt war: Ich hatte das Gefühl, dass diese Augen nicht mir gehörten.
Ich hob den Blick und inspizierte meine Haare. Die waren ziemlich normal. Ich hatte hellbraunes, glattes Haar, was ich als ein Glück betrachtete, denn so brauchte ich wenigstens kein Glätteisen. Es wäre die Hölle gewesen, wenn ich mich darum mit meiner Mutter, die widerspenstige, blonde Haare hatte, hätte streiten müssen.
In diesen Augenblicken dankte ich meinem Vater, auch wenn ich ihn nie kennengelernt und noch nicht einmal auf einem Foto gesehen hatte.
Er war gestorben, als ich noch klein war.
Während ich die schwarze Tusche auf die Wimpern auftrug, schielte ich zu den beiden anderen hinüber, die sich wahrlich Zeit ließen. Fast hätte ich mir mit dem Bürstchen ins Auge gestochen. Vor ihnen konnte ich mich nicht konzentrieren. Dann endlich gingen sie.
Hastig wühlte ich in meiner Tasche nach der Thermoskanne. Meine Finger spürten das Metall, ich war erleichtert. Ich schraubte den Deckel ab und führte sie an meine Lippen.
Ich riss die Augen auf.
Sie war leer! Hohl wie das Gehirn unseres Sportlehrers! Vor lauter Aufregung, pünktlich zu sein, hatte ich vergessen, sie zu füllen, bevor ich aus dem Haus gegangen war.
Ich ließ mich mit dem Rücken gegen die Wand fallen. Ich wusste nicht, ob es meine Unsicherheit war, die dieses Gefühl der Kälte in mir hervorrief, oder die Kacheln, an die ich mich lehnte. Ich hatte keine Ahnung, was ich nun tun sollte. Vielleicht könnte ich noch eine Stunde durchhalten. Aber dann?
Ja, dachte ich, ein Stündchen schaffe ich noch …
Ich kehrte mit einem so angespannten Lächeln an den Tisch zurück, dass es aussah, als hätte ich es mir mit Lippenstift aufgemalt. Die Speisekarten waren weg.
»Ich habe schon für uns beide bestellt. Ich hoffe, es stört dich nicht«, sagte Esteban, kaum dass ich mich wieder gesetzt hatte.
»Nein, nur zu«, gab ich zurück.
Natürlich störte es mich! Es passte mir nicht, wenn andere über mich bestimmten. Dafür hatte ich ja meine Mutter.
»Weißt du, nachher treffe ich mich mit ein paar Freunden, und deshalb muss es schnell gehen«, fügte er hinzu.
Ich konnte ihn schon jetzt nicht mehr ertragen.
»Macht nichts«, antworteten meine guten Manieren.
Wenn das ein Test war, um zu sehen, wie weit meine Geduld reichte, würde ich in wenigen Minuten durchgefallen sein. Zum Glück – oder leider – musste ich das nicht mehr abwarten.
Mir wurden die Lider schwer, meine Umgebung verschwamm, und bevor ich noch etwas dagegen tun konnte, schlief ich ein. Ich sah noch flüchtig, wie die Tischplatte auf mich zukam, und fiel vornüber, mit der Stirn auf den leeren Teller.

 

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war, als ich wieder aufwachte, ich weiß nur, dass es draußen dunkel war, als ich die Augen aufschlug – und der Kellner ungeduldig. Ich versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken.
Als ich merkte, dass Esteban nicht mehr da war und offensichtlich allein gegessen hatte, während er mich hier in aller Seelenruhe hatte schlafen lassen, kam ich mir vollkommen lächerlich vor. Gleich darauf wurde ich sehr traurig: Wie lange würde ich wohl warten müssen, bis sich wieder ein Junge mit mir verabredete? Seufzend ließ ich den Kopf hängen. Wenn Esteban jetzt auch noch herumerzählte, wie die Sache gelaufen war, würde sich meine Lage auf nicht wiedergutzumachende Weise verschlechtern. Die sonderbare Thara würde mutterseelenallein in ihrer kleinen Welt weiterleben.
Ich stellte mir schon vor, was er seinen Freunden sagen würde: »Thara ist eingepennt! Ich schwör’s, wie ein erlegter Büffel ist sie auf ihren Teller gesunken! Das hättet ihr sehen müssen! «
Wie schön wäre es, ein Frosch zu sein, mit verträumtem Blick und ohne denken zu müssen, es sei denn an kleine Fliegen. Ich hätte nichts dagegen.
Doch stattdessen wurde mir allein beim Gedanken, das nächste Mal zur Schule gehen zu müssen, übel. Und ich hatte nicht einmal gegessen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich am Montag verhalten sollte.
Als der Kellner kam und mir die Rechnung brachte, wurde mir klar, dass nicht ich, sondern in Wirklichkeit Esteban die erbärmliche Fliege war. Er hatte nicht nur ohne mich gegessen, er hatte noch nicht mal die Rechnung beglichen!
Ich lächelte dem Kellner zu, der mich ansah, als hätte man mich gerade aus der Klapsmühle entlassen, und suchte in der Handtasche nach meinem Geldbeutel. Ich opferte meine Ersparnisse und kratzte noch die letzten Münzen zusammen, die vereinzelt in den Taschenfächern lagen.
Als der Kellner wegging, stand ich auf, wobei ich versuchte, nicht aufzufallen, doch ich spürte die Blicke der anderen Gäste auf mir, als wäre ich ein Nadelkissen. Ich ließ den Kopf gesenkt, aber ich konnte es spüren. In dem Lokal waren noch andere Jugendliche, die ich aus meinen Kursen kannte.
Ich schlich mich hinaus und blickte hinauf zum Mond. Die Lichter der Stadt verschleierten den Himmel und maßten sich an, die Sterne zu überstrahlen. Nur der Mond konnte sich in diesem Kampf der Lichter und Neonleuchten behaupten.
Dann zog ich mein Handy heraus und suchte Christines Nummer. Ich schluckte und hoffte, sie würde mich nicht zum Teufel schicken. Immerhin war es Samstagabend. Dann verflog meine Sorge – im Grunde war ich ihre einzige Freundin.
Das Freizeichen. Als sie abhob, musste ich wegen der brüllend lauten Musik das Handy von meinem Ohr weghalten.
»Hallo?«, schrie ich. »Bist du auf einem Konzert?«
Die Musik verstummte plötzlich, und Christines Stimme, lustlos und ein bisschen feindselig wie immer, sagte zu mir: »Ja, stell dir vor, Tokio Hotel spielt in meinem Zimmer!« Sie kaute kurz auf ihrem Kaugummi. »Wo soll ich dich abholen? «

 

Christine fand mich auf einer Bank auf der anderen Straßenseite vor dem Park. Ohne ein Wort setzte sie sich neben mich. Sie drückte mir einen dreifachen Kaffee in die Hand, den sie auf dem Weg gekauft hatte. Ich lächelte, hatte aber noch nicht den Mut, ihr ins Gesicht zu sehen.
Sie war wirklich eine gute Freundin, dachte ich, als ich den Deckel von dem Pappbecher nahm. Immer kümmerte sie sich um mich. Wäre sie meine Schwester, könnte ich mir nichts Besseres wünschen. Sie war kein einfacher Mensch, im Gegenteil, sie hatte ein eher kompliziertes Wesen. Ich wusste nie, wie ich sie nehmen sollte, aber dafür wusste sie, wie sie mich zu nehmen hatte.
»Danke, dass du gekommen bist«, sagte ich schlürfend.
Der Kaffee war ohne Zucker. Mir genügte es, dass er mich wach hielt. Christine sagte nichts.
»Inzwischen hasst du mich wahrscheinlich … Immer bist du es, die kommen muss, wenn mir das passiert«, sagte ich, während ich auf den Gehweg starrte, wo alte Kaugummis klebten. »Du bist wirklich die Beste. Ich weiß einfach nicht mehr, wie ich mit diesem Problem umgehen soll … Es ist schrecklich, und die Ärzte haben dafür keine Erklärung. Ich werde immer müder. Tagsüber, nachts … Nur in der Morgen- und Abenddämmerung geht es mir gut. Meiner Mutter wäre es am liebsten, ich würde immer zu Hause bleiben, das weißt du ja, und wenn sie sich nicht auf dich verlassen könnte, würde sie mich gar nicht mehr allein aus dem Haus gehen lassen. Ich mag dich wirklich gern, Christine. Ich hoffe, du weißt, wie wichtig du für mich bist.«
Dann hatte ich endlich den Mut, mich zu ihr zu drehen. Ich war richtig aufgewühlt, weil ich ihr gesagt hatte, was mir unsere Freundschaft bedeutete, sie aber wirkte völlig abwesend. Sie hatte die Augen geschlossen und wackelte rhythmisch mit dem Kopf. Ich berührte ihren Arm. Da drehte sie sich zu mir um.
»Hast du was gesagt?«, fragte sie und nahm die Kopfhörer ab.
Ich brach in schallendes Gelächter aus, als sie mich anstarrte, als sei ich bescheuert – das sagte sie mir daraufhin auch ins Gesicht –, dann gab sie mir einen Ohrstöpsel.
»Willst du mithören?«
Ich lehnte dankend ab und schlug vor, besser nach Hause zu gehen. Der Abend war schon aufregend genug gewesen – wenn auch nicht im positiven Sinn.
Wir standen von der Bank auf und liefen durch den Park, den kürzesten Weg zu mir nach Hause.
Nachts durch den Park zu gehen war ein bisschen leichtsinnig, aber zusammen fühlten wir uns sicher. Außerdem konnte Christine mit ihrem Blick einen Dobermann zum Winseln bringen, wenn es sein musste.
Als wir uns in der Schule zum ersten Mal begegnet waren, war sie gerade neu in die Stadt gezogen und hätte mich fast verhauen. Denn an ihrem Spind hatte sie Beschimpfungen entdeckt, und unsere Mitschüler hatten behauptet, ich sei es gewesen. Doch Christine hatte gleich begriffen, dass ich nicht die Schuldige sein konnte und man sie, genau wie mich, von Anfang an zur Außenseiterin abstempeln wollte. »Also«, hatte sie zu mir gesagt, »wenn die anderen uns schon nicht mögen, dann sollten wenigstens wir beide versuchen, uns nicht allzu sehr zu hassen.«
In ihrem Inneren war sie kein Goth, aber nach außen hin tat sie alles, um so rüberzukommen. Sie kleidete sich schwarz und trug komische Strümpfe. Sie war zu niemandem nett – würde ihr jemand die Hand reichen, sie würde wohl hineinbeißen. Bei mir verhielt sie sich völlig anders. Natürlich verschonte sie mich nicht mit giftigen Antworten und zynischen Kommentaren, aber ich hatte sie auch schon mehr als ein Mal getröstet, wenn sie in Tränen aufgelöst gewesen war. In der Rolle der Unausstehlichen hatte man eben ein schweres Leben.
»Und? Wie war der Abend mit dem schönen Esteban?«, fragte sie mich mit hochgezogener Augenbraue. »Warte – lass mich meine hellseherische Gabe nutzen …« Sie legte eine Hand auf ihre Stirn, als müsse sie sich konzentrieren: »Ein totaler Scheiß! Hab ich recht?«
»Volle Punktzahl. Aber ich glaube nicht, dass man übersinnliche Kräfte braucht, um das herauszufinden – es genügt, mich anzusehen«, antwortete ich, während ich den Kaffee austrank und den Becher dann in einen Abfalleimer warf. »Ich bin eingeschlafen, bevor wir überhaupt angefangen haben, uns zu unterhalten.«
»Pah. Wenn es dich tröstet: Dir sind lediglich Gespräche über Fußball, Motorräder und diversen anderen Blödsinn entgangen. «
»Sagen deine hellseherischen Fähigkeiten das auch?«, fragte ich, als wir am anderen Ende des Parks angelangt waren.
»Nein, das sind die Erkenntnisse einer Frau, die einfach mit Jungs reden kann.«
Christine überquerte bei Rot die Straße, ich wartete, bis es grün wurde. Wir gingen an geschlossenen Geschäften vorbei. Hin und wieder blieben wir stehen, warfen einen Blick in ein Schaufenster und machten eine imaginäre Liste der Kleider, die Christine niemals anziehen würde. Ich sagte immer: »Schau mal, das da ist super!«
Und sie sagte dann: »Nein.« Oder: »Ja, damit würdest du eine tolle Figur abgeben, wenn es gerade Mode wäre, sich in Geschenkpapier zu hüllen!«
Wir brauchten eine halbe Stunde für den Weg, den man schnelleren Schritts in zehn Minuten hätte zurücklegen können. Doch irgendwann kamen wir zu meinem Haus. Das grüne Kreuz leuchtete und beschien die ganze Straßenkreuzung – ich wohne über der Apotheke meiner Mutter.
Bevor ich hineinging, erzählte ich Christine, dass Esteban mir sogar die Rechnung überlassen hatte. Ich erwartete, dass sie schimpfte – doch sie lachte nur.
»Wirklich witzig!«, gab ich zurück, nahm den Schlüssel und schloss die Tür auf.
Wir gingen die Treppen hoch. Ich sagte zu Christine, dass sie nicht leise sein müsse, meine Mutter sei sicher mit irgendeinem neuen Verehrer ausgegangen. Dann schaltete ich das Licht an, und wir warfen unsere Jacken aufs Sofa.
Bevor meine Freundin sich setzen, den Fernseher einschalten und nach einem Musiksender zappen konnte, fiel mir etwas ein: »Christine! Ich habe vergessen, dir die Neuigkeit zu zeigen!«
Sie sah mich perplex an.
»Thara … Neuigkeit … Zwei Wörter, die nicht zusammenpassen. Dich nervt es ja schon, wenn sie die Erkennungsmelodie einer Fernsehserie ändern.«
Ich packte sie am Arm, schleppte sie in mein Zimmer und drückte den Lichtschalter.
»Stark! Ganz in Schwarz hätte es mir allerdings noch besser gefallen«, rief sie aus.
In den zwei Tagen vor der Verabredung mit Esteban war ich so aufgeregt gewesen, dass ich mich irgendwie hatte austoben müssen. Malen war schon immer eine meiner Leidenschaften gewesen, und ich hatte beschlossen, meinem Zimmer einen neuen Look zu verpassen. Ich hatte die Wände gestrichen und überall violette Iris aufgemalt – von jeher meine Lieblingsblumen. Sie hatten die Farbe meiner Augen und – Zufall oder nicht: Der Name der Schwertliliengattung und die Bezeichnung der Regenbogenhaut des Auges sind ein und dasselbe Wort.
Ich erklärte Christine, warum ich diese Veränderung gebraucht hatte, und gleich darauf überkam mich wieder diese unermessliche Traurigkeit. Wir setzten uns aufs Bett, sie legte mir eine Hand auf die Schulter.
»Weißt du, Thara … ich bin nicht gut in diesen Dingen, aber wenn ich am Boden zerstört bin, mache ich immer eins … «
Ich sah sie an und hoffte auf eine erhellende Antwort. » Was denn? «
»Entweder mischen wir Eis, Schokolade, Erdnussbutter und Popcorn in einer Schale zusammen und essen alles auf, oder … «

 

Zehn Minuten später saßen wir auf dem Dachsims, rissen Seiten aus unserem Mathebuch, knüllten sie zusammen und warfen sie auf die Straße.
»Irre! Das gibt mir jedes Mal einen Kick!«, sagte Christine und blickte hinunter. »Wer rechnet jetzt mit wem ab? Ich mit dir oder du mit mir?« Sie hielt sich das Buch ans Ohr, als würde es mit ihr sprechen: »Was, was? Du willst auch was dazu sagen? Komm, friss diese Formel!«
Sie fletschte die Zähne, riss die nächste Seite heraus und schleuderte sie weit von sich. Zum Glück hatte ich ihr das Mathebuch vom vorigen Jahr gegeben.
Am Ende hatte auch ich bei der Bestrafung der Arithmetik mitgemacht und mich tatsächlich ein bisschen besser gefühlt. Etwas besonders Dummes zu tun, hilft manchmal, sich darüber klar zu werden, dass gerade das, was wichtig erscheint, oft noch dümmer ist. Natürlich habe ich nicht gelacht wie eine Verrückte, aber ich habe gern mitgespielt. Dann wanderte mein Blick zwischen den Antennen der Häuser und dem Smog, der langsam aufstieg, umher. Meine Euphorie verflog.
»Was ist?«, fragte Christine besorgt. »Willst du lieber die Geometrieseiten? «
»Nein«, flüsterte ich. »Ich dachte nur … wenn ich einen Vater hätte, würde ich mich bei den Jungs vielleicht nicht so blöd anstellen. «
»Sieh mal«, versuchte meine Freundin mich zu trösten, »ich habe einen Vater, und das ist, wie zwei Mütter zu haben, nur dass er die schlimmere Mutter ist. Wenn du mit einem Vater über Jungs redest, sagt er dir nur, du sollst einen großen Bogen um sie machen.«
Ich seufzte und spürte den Knoten im Nacken, als hinge ich am Galgen.
»Kann sein … Aber zumindest würde ich mehr über mich selbst wissen. Manchmal kommt es mir so vor, als würde ich mich gar nicht kennen, oder nur zur Hälfte.«
Christine verzichtete eine Weile auf ihren Sarkasmus und rückte näher. Sie blickte mir so tief in die Augen, wie nur sie es sich traute.
»Thara, ich kenne dich, du bist ein guter Mensch, vernünftig, vertrauenswürdig. Ganz im Gegensatz zu mir. Vielleicht bist du der einzige Mensch, in dessen Hände ich mein Leben legen würde. Du musst an dich selbst glauben. Ich jedenfalls tue es. Ich bin sicher, dein Vater wäre stolz auf dich.«
Sie merkte, dass ich gerührt war.
»Ich hätte ihn eben gern kennengelernt«, erwiderte ich leise. »Warum ist er gestorben, kurz nachdem ich geboren wurde? Was habe ich so Unmögliches an mir?«
»Es ist diese Welt, die unmöglich ist.«
»Ich hätte ihn so gern getroffen – und sei es nur für eine Stunde. «
An diesem Punkt konnte sich Christine eine bissige Bemerkung nicht verkneifen: »Und ich würde gern Johnny Depp treffen, und sei es nur für eine Stunde …«
Wir lachten und umarmten uns.

Über Maurizio Temporin

Biografie

Maurizio Temporin, geboren 1988 in Broni bei Pavia, begeisterte sich schon als Kind für Kunst, Literatur und Film. Als Gymnasiast verfasste er seinen ersten Roman und schreibt heute außerdem für Film und Theater, illustriert Comics und organisiert Ausstellungen. Seine »Ascheträume«-Saga, mit deren...

Pressestimmen

Abenteuer & Phantastik

»Ascheträume ist eine richtig erfreuliche Überraschung in der Romantasy. Mit diesem Buch beweist der ivi-Verlag, dass er ein gutes Händchen für spannende und interessante Romane hat.«

Münchner Merkur

» (...) spannend, geheimnisvoll und ideenreich.«

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