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Fürchte die Unsterblichkeit

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Arrivals — Inhalt

Feuerspuckende Lindwürmer, von Dämonen besessene Mönche und weitaus schrecklichere Wesen lauern in der ewigen Wüste Wasteland. Hier ist Chloe gestrandet, ohne zu wissen, wie sie dorthin kam. Um zu überleben, schließt sich die junge Frau den Arrivals an, einer Gruppe kämpferischer Menschen, die unsterblich zu sein scheinen: Niemand von ihnen altert, ihre Wunden heilen in kürzester Zeit, und wenn sie sterben, wachen sie nach sechs Tagen wieder auf. Kann Chloe ihnen vertrauen? Ist sie eine von ihnen? Und warum will ihr Anführer Jack sie um jeden Preis auf seine Seite ziehen? Gefangen in einer fremden Welt, muss Chloe nicht nur um ihr Leben kämpfen, sondern auch um eine unsterbliche Liebe.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.03.2014
336 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96213-1

Leseprobe zu »Arrivals«

1. Kapitel

 

Kitty sah, wie die Kugeln in Marys Bauch eindrangen und sich ein roter See auf dem geblümten Kleid ausbreitete, das sie gerade erst für ihre beste Freundin geändert hatte. Ihr erster Gedanke war, dass sie diesen Riss auf keinen Fall flicken konnte. Das Kleid war ruiniert. Gleich darauf folgte der nächste Gedanke: Jemand musste den Bastard, der Mary erschossen hat, töten.

Das hier hatte eine Konferenz sein sollen, friedliche Verhandlungen mit Vertretern eines hiesigen Mönchsordens, bei denen Waffen unnötig waren. Sie hatten eine Zahlung [...]

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1. Kapitel

 

Kitty sah, wie die Kugeln in Marys Bauch eindrangen und sich ein roter See auf dem geblümten Kleid ausbreitete, das sie gerade erst für ihre beste Freundin geändert hatte. Ihr erster Gedanke war, dass sie diesen Riss auf keinen Fall flicken konnte. Das Kleid war ruiniert. Gleich darauf folgte der nächste Gedanke: Jemand musste den Bastard, der Mary erschossen hat, töten.

Das hier hatte eine Konferenz sein sollen, friedliche Verhandlungen mit Vertretern eines hiesigen Mönchsordens, bei denen Waffen unnötig waren. Sie hatten eine Zahlung eintreiben sollen. Es war definitiv nicht geplant gewesen, dass sie sich mit schießwütigen Mönchen herumschlugen. Doch einige Minuten und mehrere Leichen zuvor war die Realität mit ihren Erwartungen kollidiert, als die Mönche Waffen unter ihren grauen Roben hervorgezogen hatten. Und es kam noch schlimmer. Als Kitty nach ihrem Revolver griff, hörte sie das monotone Gemurmel, mit dem mehrere Mönche zu beten begannen.

Sie ließ die Waffe wieder in das Holster gleiten. Viel lieber hätte sie geschossen, als sich mit der Alternative auseinanderzusetzen, aber Kugeln und Zauber vertrugen sich nur selten. Edgar, ihr Partner, warf Kitty ein Messer zu. Sie fing es auf, lief weiter und suchte dabei ihre Umgebung mit den Augen ab. Zwei Mönche beteten, zwei weitere hatte sich ihr Bruder Jack vorgenommen, und einen hatte sie beim ersten Schusswechsel aus den Augen verloren. Auf die Betenden konnte sie nicht schießen, und Jack wurde mit seinen Gegnern fertig. Aber der fehlende Mönch – derjenige, der Mary erschossen hatte – musste sofort sterben. Sie musste ihn aus seiner Deckung heraustreiben oder hervorlocken. Wild um sich zu schießen war albern, daher blieb sie stehen, drehte sich langsam im Kreis, hielt Ausschau nach ihrem Ziel und wartete darauf, dass er das Naheliegende tun würde.

Edgars Miene war angespannt. Er hatte es noch nie gemocht, wenn sie vorpreschte, und wenn sie ehrlich war, würde sie sich noch schlimmer anstellen, wenn die Rollen vertauscht wären. Sie wandte den Blick von ihm ab und wollte sich auf das dunkle Innere des nächstgelegenen Bauwerks zubewegen, als von dem Gebäude eine Kugel geflogen kam und ihre Schulter streifte.

»Hab ich dich«, flüsterte sie, als die zweite Kugel neben ihr in den Boden einschlug.

Nachdem der Mönch jetzt seine Stellung preisgegeben hatte, trat er aus dem Gebäude, im gleichen Moment griff sie ihn an. Der Mönch schloss die Augen und fiel in das Gebet der anderen Mönche ein, mit dem sie ihren Dämon beschworen, ihnen zu helfen. Er sprach schneller, und als Kitty ihn erreichte, spürte sie, wie sich die Luft um sie herum auflud. Es sah ganz danach aus, dass er den Dämon in sich aufnehmen würde.

Kitty stieß dem Mönch die Klinge in die Kehle und drehte sie. Während sie ihn erstach, zwang sie ihren Geist in den Körper des Mönchs und konzentrierte sich darauf, ihre Worte zu bilden. Wo das Blut des Mönchs auf ihr Gesicht und ihren Unterarm gespritzt war, brannte es.

Er öffnete die Augen. Der Farbwechsel darin zeigte Kitty, dass der Dämon schon im Begriff war, Besitz von seinem blutüberströmten Körper zu ergreifen. Er konnte seinen Zauber nicht weitersprechen, aber sie war nicht schnell genug gewesen, um den Dämon ganz zu stoppen. Das Letzte, was sie wollte, war ein Dämon, der als blutverschmierter, toter Mönch herumspazierte.

»Dann braucht es eben Magie«, sagte sie.

Der Mönch taumelte einen Schritt zurück und versuchte ihr auszuweichen. Seine Lippen bewegten sich, obwohl sie nichts hörte. Sie war sich nicht sicher, ob es ausreichte, die Beschwörungsformel nur zu flüstern, aber sie hatte nicht vor, das Risiko einzugehen.

»Sprich nicht mehr.« Sie zog das Messer aus seiner Kehle, stieß ihm die Klinge erst in das linke Auge, dann mit der gleichen Bewegung schnell in sein rechtes Auge. »Sieh nicht mehr.«

Als sie das Messer zurückzog, begann er auf den Sandboden zu sinken. Sie rief ihren Geist in den eigenen Körper zurück und sah zu, wie das Leben aus seinen Wunden rann.

Dann beugte sich Kitty über ihn und rammte ihm mit aller Kraft die Klinge in die Brust. »Lebe nicht mehr.«

Als sie dem Mönch das Messer in die Brust stieß, trat Edgar hinter sie. Sein Schatten fiel über die Leiche, und kurz war sie versucht, ihn um Hilfe zu bitten. Doch sie fragte nicht, und er verzichtete darauf, die Arme auszustrecken, um sie auf die Füße zu ziehen – wahrscheinlich, weil sie ihn beim letzten Versuch angeknurrt hatte.

Vorsichtig stand Kitty auf. Sie schwankte nur leicht, als die Nachwirkung der Blutmagie sie traf. »Mir geht’s gut«, log sie, bevor er eine Bemerkung machen konnte.

Edgar berührte sie nicht, aber sie wussten beide, dass er ihr so nahe war, dass sie, wenn sie gefallen wäre, sofort in seinen Armen gelegen hätte. Sie war kein zerbrechliches Wesen, doch Edgar bestand nur aus Muskeln und hätte sie leicht tragen können. Das hieß aber nicht, dass sie hochgehoben werden wollte. Für sie war es eine Frage des Stolzes, dass sie auf ihren eigenen Füßen stehen konnte, nachdem sie Magie gewirkt hatte.

Langsam drehte sie sich zu ihm um. »Du hast Blut an der Hose.«

»Stimmt.« Er sah sie eindringlich an und deutete ihr Schweigen und ihre Bewegungen mit einer Vertrautheit, die in unzähligen Jahren gewachsen war. »Du solltest noch nicht versuchen zu gehen.«

Kitty zog einen Schmollmund. Sie war die einzige der Arrivals, die Zauber wirken konnte wie einige Bewohner des Wastelands. Aber sie hatte dabei immer das Gefühl, als werde sie von innen heraus zerrissen. Was es auch war, das sie alle aus ihrer eigenen Zeit und ihrer angestammten Welt hierher versetzt hatte, es hatte Kitty verändert. Sie hatte mehr mit den hier ansässigen Wastelandern gemeinsam, als ihr lieb war. Aber leider reichte die Ähnlichkeit nicht so weit, dass sie Magie wirken konnte, ohne die Folgen zu spüren.

Einen Moment später lehnte sie sich ein bisschen bei ihm an. »Ich hasse Magie.«

»Wird es eigentlich mit der Zeit leichter, oder verbirgst du den Schmerz nur besser?«

»Was für einen Schmerz?«, witzelte sie. Die kurze Benommenheit, die der Kampfrausch und die Magie hervorgerufen hatten, wich. Jetzt überfiel sie der bohrende Schmerz der Schusswunde, die sie bisher ignoriert hatte, und das Brennen des Bluts auf ihrem Gesicht und ihren Armen vereinte sich mit dem Stechen in ihrer Schulter. Sie spürte, wie ihr die Tränen über die Wangen rannen, aber sie war nicht so dumm, sich die Augen zu wischen, solange sie noch Mönchsblut an den Händen hatte. Stattdessen beugte sie den Kopf vor, sodass ein paar Locken, die sich gelöst hatten, nach vorn fielen und halfen, die Tränen zu verbergen. So ruhig sie konnte, griff sie nach unten und zog das Messer aus der Leiche. Übervorsichtig wischte sie es an der grauen Tunika des Mönchs ab.

Doch in der kurzen Zeit gelang es ihr nicht, ihren Schmerz zu überspielen. Bei einem der anderen wäre ihr das vielleicht gelungen, aber Edgar beobachtete sie so genau, dass sie nicht viel vor ihm verbergen konnte. Als sie aufstand, hielt Edgar eines seiner albernen Spitzentaschentücher in der Hand.

»Es ist keine Schande, eine Pause zu machen.« Er strich ihr lockiges Haar zurück und wischte ihr Tränen und Blut vom Gesicht.

»Ich brauch keine Pause«, erwiderte sie, legte aber eine Hand an seine Brust. Der Schmerz würde vergehen. Die Wunden würden heilen. Sie musste nur abwarten.

Edgar sagte nichts dazu, dass sie zitterte. »Jack hat die letzten beiden erledigt. Wir beide könnten hier warten, während ich wieder zu Atem komme.«

Kitty schüttelte den Kopf. Edgar mochte ja vieles sein, aber ganz bestimmt nicht erschöpft von einem Scharmützel mit ein paar Mönchen. Ohne die Nachwirkung des Zaubers hätte sie sich auch nicht erschöpft gefühlt.

»Damit wird Jack auf keinen Fall einverstanden sein.« Kitty zitterte etwas, während ihr Körper die Folgen der Magie verarbeitete. »Das waren die Mönche, die wir gesehen haben, aber es könnten noch mehr sein. Jack will bestimmt aufbrechen.«

Als ihr Zittern stärker wurde, schlang Edgar einen Arm um sie und stützte sie. »Verdammter Jack.«

Kitty lehnte ihren Kopf bei Edgar an. »Mir geht es gut. Ich erhole mich heute Nacht im Gasthaus, und morgen, wenn wir zum Lager marschieren, bin ich wieder in Ordnung.«

Obwohl Edgar keine Einwände erhob, ließ sein finsterer Blick keinen Zweifel an seiner Meinung. Wenn sie wirklich nicht reisefähig war, würde sie es ihnen schon sagen, aber bis nach Gallows würde sie es schaffen. Sie wollte auf keinen Fall schuld daran sein, dass die beiden Männer, die für ihre Gruppe verantwortlich waren, in Streit gerieten. Sie lehnte sich noch einen Moment bei Edgar an und trat dann von ihm weg.

Als sie sich umdrehte, stellte sie fest, dass Jack und Francis sie beobachteten. Francis stellte eine bewusst ausdruckslose Miene zur Schau und stand regungslos da, wodurch der Gesamteindruck einer argwöhnischen, leicht angeschlagenen Vogelscheuche entstand. Sein langer, zotteliger Pferdeschwanz war am Ende angesengt, und er hatte einen Blutfleck an seiner Schläfe übersehen.

Kitty lächelte Francis aufmunternd zu und ließ den Blick dann zu ihrem Bruder schweifen. Jack wirkte immer unerschütterlich, ganz gleich, wie schwierig eine Auseinandersetzung war oder wie viele von ihnen getötet oder verletzt wurden. Er war ihr Anführer, und für ihn bedeutete das, sich auf das Jetzt zu konzentrieren. Er sah so aus, wie er den größten Teil von Kittys Leben ausgesehen hatte: wie eine Mischung aus Prediger und Bandit. Seine schlanke Gestalt kam ihm in Kämpfen gut zustatten, und mit seinen babyblauen Augen sah er so engelhaft aus, dass er auf einer Kanzel hätte stehen können. Jetzt gerade musterte er sie aufmerksam.

Er trug Mary in seinen Armen, und Kitty zwang sich, ihrem Bruder in die Augen zu sehen und nicht auf Mary. Den Blick von ihrer Freundin zu wenden, half nur wenig, aber Kitty hegte noch die kindliche Hoffnung, ihr Bruder könne irgendwie alles in Ordnung bringen. Doch das konnte er nicht, sonst nicht und erst recht nicht heute.

Sie brauchte es nicht zu hören, doch Jack sagte es trotzdem. »Sie ist tot, Katherine.«

»Das habe ich angenommen.« Es tat schon weh, die Worte nur auszusprechen, aber es war auch sinnlos, sich etwas vorzumachen. Mary war tot. Jetzt konnten sie nur noch abwarten – und ihre Rache planen. Kitty trat näher an Jack heran und strich der Toten übers Haar.

In einer Art Prozession traten sie ihren Rückweg in die Stadt an. Edgar und Francis behielten die Fenster des ausgebrannten Klosters und alle Stellen, an denen Feinde in Deckung liegen konnten, im Auge. Die Mönche hatten gesagt, sie wären die Einzigen, die hier wohnten, aber sie hatten auch behauptet, sie wollten in Frieden das Brot mit ihnen brechen.

Die Schatten wurden dichter, und Kitty fragte sich, ob sie nicht alle im Kloster sicherer wären, statt sich mit dem anzulegen, was im Dunkeln vielleicht auf sie lauerte. Diese Welt barg so viele Bedrohungen, dass sie lieber gar nicht darüber nachdachte, und ihre Gruppe schien immer öfter auf der Verliererseite zu stehen.

»Wir könnten die Nacht auch hier abwarten«, schlug sie vor. »Wir sind alle müde, und die Monster sind uns im Dunkeln zu stark überlegen.«

»Nein«, gab Jack zurück. »Wir müssen in Bewegung bleiben.«

Edgar warf Jack einen finsteren Blick zu, und Kitty tat, als hätte sie es nicht gesehen. Edgar wusste besser als alle anderen, dass sie momentan schwächer war, als sie sich anmerken ließ. Aber Jack musste an alle denken. Sie würde tun, was ihr Bruder entschied.

Francis beteiligte sich nicht an der Entscheidung, das tat er nie. Stattdessen betrachtete er sie und machte sich ein Bild von ihren Wunden. Sie wusste, dass er ihr morgen früh irgendeine Tinktur, Salbe oder einen ekelhaften Tee bringen würde. Ständig probierte er Heilmittel aus, die er von allen möglichen Quacksalbern kaufte, oder er mixte seine eigenen experimentellen Mittelchen zusammen. Eine ganze Anzahl seiner selbstgemachten Gebräue hatten immerhin etwas Nutzen, auch wenn viel zu viele davon so übel schmeckten, dass man vielleicht lieber die Verletzung in Kauf nahm.

»Hey, Francis? Wenn wir wieder in Gallows sind, könnte ich einen von deinen muskelentspannenden Badezusätzen gebrauchen.« Kurz legte sie ihm eine Hand auf den Unterarm. Als er stehen blieb, streckte sie die Hand aus, um das Blut an seiner Schläfe abzuwischen, und tätschelte ihm liebevoll die Wange.

»Wir können heute nicht im Gasthaus übernachten, Katherine. Es ist nicht sicher genug. Wir gehen zurück ins Lager.« Jack war gleichzeitig mit ihr stehen geblieben. Ihr Bruder würde nicht zugeben, dass er sah, wie erschöpft sie war. Aber er passte seine Schritte an ihre an, damit sie es nicht einzugestehen brauchte.

Sie lächelte ihm zu. Bis nach Gallows schaffte sie es, aber die zusätzlichen Meilen bis zum Lager würden ihr zu viel werden. »Nein«, widersprach Kitty. »Wir können in Gallows bleiben.«

»Im Moment ist das Gasthaus nicht sicher genug.« Jack würde die Gruppe nie unnötig in Gefahr bringen, nicht einmal um ihretwillen. »Wenn wir in Gallows sind, packen wir zusammen und sind unterwegs, bevor es ganz dunkel ist.«

»Morgen«, sagte sie.

»Wahrscheinlich hat die Bruderschaft noch mehr Mönche hier zusammengezogen. Wir können es heute Nacht bis zum Lager schaffen. Das Gasthaus ist nicht …«

»Ich kann auf Kit aufpassen«, unterbrach Edgar ihn. »Du und Francis, ihr könnt Mary noch heute Nacht zurück ins Lager bringen.«

»Aber …«, sagten Kitty und Jack gleichzeitig.

»Kit braucht Ruhe.« Edgars Stimme klang ausdruckslos.

»Wir sollten zusammenbleiben«, wandte Jack ein.

Edgar bedachte ihn mit einem warnenden Blick. »Wir sind schon fast in Gallows, Jack. Entweder bleiben wir alle dort, oder wir teilen uns auf. Kit braucht Ruhe, ob sie das freiwillig zugibt oder nicht.«

Kurz warf Jack Kitty die Art durchdringenden Blick zu, der in ihr den Wunsch weckte, ihn anzulügen. Das gelang ihr nicht oft; aber sie fühlte sich wie eine Versagerin, weil sie ihn in diese Lage gebracht hatte. Er begriff nicht, wie stark jede Art von Todesmagie sie erschöpfte.

Kitty wollte behaupten, es gehe ihr gut genug, um heute Nacht zu reisen; sie wolle Mary nicht verlassen; sie sei nicht erschöpft, nachdem sie angeschossen, vom Blut des Mönchs verätzt und von der Magie ausgelaugt worden war. Aber bevor sie diese Lügen vorbringen konnte, meldete sich Edgar in diesem furchtbar vernünftigen Ton zu Wort. »Mary ist tot, Kit. In diesem Zustand nützt du niemandem, und Mary wird während der nächsten sechs Tage nicht aufwachen.«

»Wenn überhaupt«, setzte Jack hinzu. Als er sie musterte, sah sie ihm an, dass er seine Meinung geändert hatte. »Wenn überhaupt«, wiederholte Edgar.

Jack nickte, und sie gingen schweigend weiter. Viel gab es auch nicht zu sagen. Mary würde entweder aufwachen oder nicht. Niemand wusste, warum manche Arrivals nach ihrem Tod wieder zum Leben erwachten. Die allermeisten wachten ein paarmal auf, aber für das Wie und das Warum gab es keine Erklärung. Sie wurden vergiftet, erschossen, aufgeschlitzt oder starben alle möglichen anderen Tode, häufig standen sie aber am sechsten Tag lebendig und vollkommen gesund auf, als hätten sie nur geschlafen. Außer – sie taten es eben nicht.

Erst als sie die Abzweigung erreichten, an der sie getrennte Wege einschlagen mussten, meldete sich Jack mit einem Vorschlag zu Wort. »Vielleicht sollte Francis mit dir …«

»Nein«, unterbrach ihn Kitty. »Du trägst Mary, und du hast den weiteren Weg. Wenn du in Schwierigkeiten gerätst, brauchst du ihn.«

»Sei vorsichtig, ja?«

»Als würde Edgar etwas anderes zulassen, wenn ich verletzt bin.« Sie versuchte sich an einem beruhigenden Lächeln.

»Und ihr kommt morgen früh sofort ins Lager nach?«, hakte Jack nach.

Kitty hätte am liebsten entgegnet, er solle es nicht so genau nehmen, aber sie hatte sich seinen Argwohn verdient. Außerdem war sie zu müde, um zu streiten. Sie nickte. »Versprochen.«

Weder Francis noch Edgar sagten ein Wort, aber sie wusste, dass beide einem direkten Befehl von Jack gehorchen würden. Sie hätte es nicht laut gesagt, doch sie wusste auch, dass sie Jack gehorchen sollten. Nach all diesen Jahren im Wasteland glaubte sie nicht mehr an allzu viel. Doch die eine Wahrheit, an der sie festhielt wie an einer Religion, lautete, dass ihr Bruder es wert war, seine Anordnungen zu befolgen. Sie wäre ihm in die Hölle gefolgt, ohne einen Moment zu zögern. In den ersten Jahren nach ihrer Ankunft hier war sie sich sogar ziemlich sicher gewesen, dass sie ihm tatsächlich in die Hölle gefolgt war. Im Wasteland lebten unzählige unmögliche Wesen. Das Einzige, an das alle Bewohner des Wastelands glaubten, war, dass die Arrivals die unnatürlichsten Wesen auf diesem Planeten waren. Manchmal fand Kitty, dass sie recht hatten.

Heute Abend jedoch waren sie einfach ein müder Trupp aus ihrer Heimat vertriebener Menschen. Kitty beobachtete, wie Jack Mary davontrug, und sah zu, wie Francis die Umgebung nach Bedrohungen absuchte. Sie hoffte, dass am Morgen nicht noch jemand tot sein würde – und dass Mary in sechs Tagen wieder zum Leben erwachte.

Melissa Marr

Über Melissa Marr

Biografie

Melissa Marr hat Literatur studiert und unterrichtete an verschiedenen Colleges. Berühmt wurde sie als Autorin für Jugendbücher und trug zu zahlreichen Fantasy-Anthologien bei. Mit ihrem Roman »Graveminder« schrieb sie erstmals einen Roman für Erwachsene, gefolgt von »Arrivals. Fürchte die...

Pressestimmen

LoveLetter Magazin

»Es ist faszinierend, wie es Melissa Marr immer wieder gelingt, neue Welten zu erschaffen.«

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