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Annette KolbAnnette Kolb

Annette Kolb

Dichterin zwischen den Völkern

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Annette Kolb — Inhalt

»D’Leut ärgern« wählte sich Annette Kolb (1870‒1967) schon als junges Mädchen zum Motto, doch nicht aus Bosheit, sondern weil sie ihre Meinung offen vertreten wollte. Sie war scharfsinnig und naiv, sie war Pazifistin und ging keiner Fehde aus dem Weg, sie trug als Deutsch-Französin zwei Vaterländer in ihrem Herzen und hatte Europa im Kopf. Ihre Bücher vermitteln eine große Leichtigkeit, dabei fiel ihr das Schreiben zeitlebens schwer. Diese Biografie erzählt die aufregende Geschichte ihres Lebens, die exemplarisch ist für ein von Anerkennung und Verfolgung gleichermaßen bestimmtes Schriftstellerdasein im 20. Jahrhundert.

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 02.10.2017
368 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31217-2
€ 11,99 [D], € 11,99 [A]
Erschienen am 02.10.2017
368 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97795-1

Leseprobe zu »Annette Kolb«

Vorbemerkung
Hermann Kesten, einer der engsten Freunde Annette Kolbs,
meinte einmal : » Sie ›liebt es nicht, sich zu erinnern‹ […] und
veröffentlicht ihr Leben lang Erinnerungen. Ihre Romane sind
verhüllte Autobiographien. «
Sie selbst, aufgefordert, ein Bild von sich zu zeichnen, schrieb
in Befohlenes Selbstporträt für Quartaner (1932): » Ob sie euch
noch etwas zu sagen haben wird, und ob etwas von ihren
Büchern noch bleiben wird, wenn sie tot ist, das sind Fragen, die
nur ihr werdet beantworten können. Ihr werdet also mehr über
sie wissen als sie selbst. Aber [...]

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Vorbemerkung
Hermann Kesten, einer der engsten Freunde Annette Kolbs,
meinte einmal : » Sie ›liebt es nicht, sich zu erinnern‹ […] und
veröffentlicht ihr Leben lang Erinnerungen. Ihre Romane sind
verhüllte Autobiographien. «
Sie selbst, aufgefordert, ein Bild von sich zu zeichnen, schrieb
in Befohlenes Selbstporträt für Quartaner (1932): » Ob sie euch
noch etwas zu sagen haben wird, und ob etwas von ihren
Büchern noch bleiben wird, wenn sie tot ist, das sind Fragen, die
nur ihr werdet beantworten können. Ihr werdet also mehr über
sie wissen als sie selbst. Aber was sie besser weiß als ihr : sie hat
sich, obwohl ihre Bücher nicht eben zahlreich sind, schrecklich
geplagt. […] Zum Schreiben drängte sie nicht das Talent, sondern
ihre Meinungen und in der Gedanklichkeit, was immer
man euch heute über sie erzählen mag, liegt der Schwerpunkt
ihrer Arbeiten. «
Der Chronist dieses fast ein Jahrhundert währenden Lebens
folgte ihren Romanen und Erzählungen, ihren Essays und Plaudereien,
ihren Briefen und Notizbüchern. Er tat dies in Bewunderung
für ihr Talent und in Achtung vor der Courage, mit der
sie ihre Meinungen verfocht, auch wenn er ihre Ansichten nicht
immer teilen konnte. Er hofft, dass er die Leser dieser Biografie
auf ihre Schriften neugierig macht. Franz Blei schrieb einmal an
Annette Kolb : » Wär ich ein Verleger, machte ich eine Ausgabe
deiner Werke in sechs hübschen Bändchen : das so hintereinander
zu sehen und zu lesen, müsste eine reizende Offenbarung
sein. «3 Die überarbeitete Neuausgabe dieser erstmals 2002 er schienenen Biografie wird zum 50. Todesjahr Annette Kolbs
vorgelegt. Zu diesem Anlass erscheint im Wallstein Verlag
Göttingen
auch eine vierbändige Werkausgabe.4
Abgesehen von Annette Kolbs bewunderungswürdigem literarischen
Werk hatte ihr Leben exemplarischen Charakter in
einem Jahrhundert geistesgeschichtlicher und historischer Umstürze
und Katastrophen. Ihre Vita war beispielhaft und außerordentlich
zugleich, indem sie sich ihre Überzeugungen, ihre
Eigenheiten und ihre individuelle Freiheit wahrte, dies in einer
Zeit der Diktaturen, Ideologien und Massenpsychosen. Sie selbst
fragte sich nach ihrer geglückten Flucht vor den Nationalsozialisten
: » Nur ich bin entronnen […] Warum ? Warum ? Was soll
es heißen ? «, und fand die Antwort : » Ich soll es zur Sprache
bringen!«
In einem Brief an René Schickele schrieb Annette Kolb unter
Verwendung der fürs Bayrische typischen doppelten Negation :
» Nein dafür werde ich schon Sorge tragen, dass es keine Biographie
von mir nicht gibt oder alles erst … und erlogen, das wäre
ganz wichtig. «6 Der Biograf bittet Annette Kolb an dieser Stelle
um Verzeihung, gegen ihr Verdikt verstoßen zu haben. Er hat,
um nichts » erstinken und erlügen « zu müssen, auch viele bislang
unveröffentlichte Dokumente, Briefe und Tagebücher eingesehen
und ausgewertet. Die bisweilen eigenwillige Orthografie
und Zeichensetzung Annette Kolbs wurden beibehalten, ebenso
stilistische Eigenheiten.

 

» Sympathie zwischen Bayern und Frankreich «
Herkunft und geistige Voraussetzungen

In den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts konnte man – so
wird kolportiert – bisweilen beobachten, wie der junge, 1933
geborene
Wittelsbacher Prinz Franz von Bayern in der Händelstraße
1 im Münchner Stadtteil Bogenhausen vorfuhr, um dort
den Nachmittag bei Tee und Konversation mit einer alten Dame
zu verbringen. Ihr Name : Annette Kolb. Als im Februar 1965
hochoffiziell ihr neunzigster Geburtstag gefeiert wurde, erstaunte
sie die Öffentlichkeit mit dem Eingeständnis, sie sei
bereits
fünfundneunzig und führe seit einem halben Jahrhundert
falsche Papiere.
Diese beiden Anekdoten sind bezeichnend für Leben und
Haltung der Schriftstellerin Annette Kolb. Sie lassen etwas erahnen
von der leicht skurrilen Zuneigung der überzeugten Demokratin
zum Hause Wittelsbach, von der versponnenen Eitelkeit
angesichts des eigenen Alters und von der Lust an Geheimnis
und Geheimniskrämerei. Diese Anekdoten lassen den biografischen
Blick aber auch hundert Jahre weiter zurückwandern in
eine Zeit, als Bayern noch Königreich war und es noch kein
geeintes Deutschland gab. Annette Kolbs langes und aufregendes
Leben umfasste ein Jahrhundert, das von großen politischen,
ökonomischen und soziokulturellen Umwälzungen geprägt
war, ein Jahrhundert, in dem Deutschland eine führende
und zugleich fatale Rolle spielte. In ihre Lebenszeit fallen : der
Krieg gegen Frankreich, die Gründung des deutschen Kaiserreichs,
die drängende soziale Frage, die Erstarkung der sozial demokratischen Bewegung, der Erste Weltkrieg mit dem Zusammenbruch
des deutschen Kaiserreichs und des bayrischen
Königreichs, die Räterepublik in München, die Weimarer Republik,
die nationalsozialistische Diktatur, der Zweite Weltkrieg,
die Teilung Deutschlands und die Gründung zweier deutscher
Staaten, die zweite Demokratie auf deutschem Boden mit ihrer
konservativen Ausrichtung unter Konrad Adenauer und ihren
linken Gegenströmungen in der Jugend- und Hippiebewegung
der 1960er-Jahre.
Annette Kolb hat dieses bewegte Jahrhundert kritisch begleitet,
in ihren Schriften wie in ihrem öffentlichen Engagement.
Sie war katholisch und aufklärerisch, konservativ und liberal.
Und sie strafte Kritiker Lügen durch die Kompromisslosigkeit
ihrer Zivilcourage, als sie – die die Freiheit über alles liebte und
verteidigte – um der Freiheit willen mehrmals ins Exil ging : Von
1916 bis 1922 lebte sie in der Schweiz, von 1933 bis 1941 in der
Schweiz, in Luxemburg, Frankreich und Irland, von 1941 bis
1945 in den Vereinigten Staaten von Amerika – ein Zeitraum,
dem sich noch ein » Exil nach dem Exil « anschloss : die unruhigen
Wanderjahre zwischen Irland, Frankreich und der Schweiz
von 1945 bis zu ihrer endgültigen Rückkehr in die Vaterstadt
München im Jahre 1961.
Annette Kolbs gesellschaftliche und kulturelle Prägung weist
jedoch über Deutschland und dieses Jahrhundert hinaus. Sie
führt über die Eltern zurück ins liberal gesinnte, Künste und Wissenschaften
fördernde Königreich unter Maximilian II. Joseph
von Bayern. Es waren zudem die Jahrzehnte unter König Ludwig
II. und dem Prinzregenten Luitpold, die Annette Kolbs
künstlerische und politische Anschauungen prägten. Das » Deutsche
« war ihr insofern suspekt, als es für sie lange Zeit ein Synonym
für das » Preußische « war. Erst in der Weimarer Republik
konnte sie sich als Künstlerin, Katholikin, Pazifistin und nicht
zuletzt als Münchnerin mit dem Staat aussöhnen, wenngleich
in dieser Republik das von ihr verehrte Herrscherhaus der Wittelsbacher
keine politische Macht mehr besaß. Aus ihren letzten Lebensjahren stammt ein unveröffentlichter Essay mit dem
Titel Bayern, worin sie sich an das Königreich ihrer Kindheit
und Jugend erinnert und dessen zivilisatorischen Rang rühmt –
wenngleich im nostalgischen Rückblick des Alters verklärt :
» Wir nannten Bayern berufen : Es hatte eine Dynastie wie kein
anderes Land. Der Krieg und seine Greuel waren ihr fremd. Sie
hat gelebt für die Kultur, die Schönheit, den Frieden. In unserer
schwer bedrohten Zeit war Bayern mit seiner Dynastie ein
Glück und Segen für Europa. «1
Wie Annette Kolb um ihr Alter ein Geheimnis machte, so
auch um ihre Herkunft. Es gab seit jeher Gerüchte über eine
illegitime adlige Abkunft ihres Vaters Max Kolb. Annette Kolb
selbst – so sehr sie mit der Liebe zur bayrischen Monarchie
kokettierte – wies zeitlebens alle Mutmaßungen zurück. Im
Jahre 1917 strengte sie sogar einen Rechtsstreit mit dem Genfer
Verlag Éditions ATAR an, der behauptet hatte, sie sei » verwandt
mit dem Hof des Königs von Bayern «.2 Sie selbst hat jedoch im
hohen Alter einmal ihrer Nichte ihre » wahre « Abkunft vom
Hause Wittelsbach eingestanden.3 Auch ihrem engsten Freund,
dem Schriftsteller René Schickele, hatte sie von ihrer Verwandtschaft
mit dem Königshaus erzählt.4
Max Kolb, Annette Kolbs Vater, kam am 28. Oktober 1829
in München als unehelicher Sohn der Juliana Lorz, einer Zofe
Königin Thereses von Bayern, zur Welt. Nach der Geburt des
Knaben unterschrieb der Hoflakai Dominikus Kolb eine Vaterschaftserklärung
und gab damit dem Kind auch seinen Familiennamen.
Max Kolb wuchs auf Schloss Possenhofen am Starnberger
See auf und durfte später die Schule der Benediktinerabtei
Scheyern besuchen. Die Schulkosten für den Sohn der mittellosen
Zofe wurden vom Hause Wittelsbach getragen.5 Es ist zu
vermuten, dass Juliana Lorz-Kolb ihren Sohn nicht von ungefähr
auf den Namen Max taufen ließ, und dass Kronprinz Maximilian,
der spätere König Maximilian II. Joseph, der leibliche
Vater des Knaben war. Die schulische und berufliche Förderung
Max Kolbs durch den König deutet ebenfalls darauf hin. Als junger Mann wurde Max Kolb nach Berlin geschickt, wo
er bei Peter Joseph Lenné eine Ausbildung zum Gartenarchitekten
erhielt. Es folgten Anstellungen in Potsdam-Sanssouci,
in Gent und seit 1855 in Paris als » jardinier principal «. In der
französischen Hauptstadt lernte Max Kolb seine Frau kennen.
Zu jener Zeit herrschte Napoleon III. als Kaiser der Franzosen.
Wenngleich das Empire ein Jahr nach Annette Kolbs Geburt im
Deutsch-Französischen Krieg unterging, wurden doch Stil und
Lebensweise der Pariser Gesellschaft im Kaiserreich prägend
für Annette Kolbs eigene Kindheit – dies durch Vermittlung
ihrer Mutter. Sophie Danvin wurde 1840 in Paris geboren und –
anders als ihr eher bodenständiger Mann – früh mit den Künsten
vertraut. Ihre Eltern waren die damals bekannten Landschaftsmaler
Félix Danvin (er starb bereits 1842) und Constance
Amélie Lambert-Danvin. Sophie selbst war hochmusikalisch
und studierte am berühmten Pariser Konservatorium Klavier.
Mit sechzehn Jahren gewann sie den Ersten Preis des Instituts.
Sie komponierte auch und schrieb Aufsätze zur Musik.6 Das
Haus der Danvins war weniger bohemienhaft als vielmehr bürgerlich-
akademisch. Max Kolb, der einen bürgerlichen Beruf
ausübte (später brachte er es in München noch bis zum Oberinspektor
und führte den Titel » königlicher wirklicher Rat «),
galt den Danvins deshalb als gesellschaftlich akzeptabler Schwiegersohn,
doch bedeutete die Ehe, die Max Kolb und Sophie
Danvin 1858 schlossen, für die Braut den Verzicht auf eine pianistische
Karriere.
Die Verbindung des bayrischen Gartenarchitekten mit der
französischen Pianistin war eher eine amour fou als eine tiefere
Seelenverwandtschaft. Für Annette Kolb jedoch wurden die Ehe
der Eltern und das Aufwachsen an der Schnittstelle zweier Kulturen
zum Symbol für das Verbindende dieser beiden Völker,
die zur Kaiserzeit und darüber hinaus oft als » Erbfeinde « apostrophiert
wurden. Zwar lebten Max und Sophie Kolb in ihrer
Ehe ein wenig nebeneinander her, doch zeigten sie voreinander
Achtung – wenngleich mit einer gewissen Ironie. Annette Kolb schrieb : » Daß sie mit sechzehn Jahren den ersten Preis für Klavier
am Pariser Conservatorium davongetragen hatte, imponierte
zwar meinem Vater, doch besaß er für Musik ebenso
wenig Verständnis wie sie für Botanik. […] Ein sehr anmutiges
und interessantes, aber ungereimtes Paar machte seine Hochzeitsreise
nach London. «7
Annette Kolb setzte ihrem Elternhaus später ein zweifaches
literarisches Denkmal : einmal in ihrem Essay König Ludwig II.
von Bayern und Richard Wagner, ein andermal in dem autobiografischen
Roman Die Schaukel. Noch wenige Jahre vor ihrem
Tod erhob Annette Kolb die binationale Ehe der Eltern zu
einem Symbol der Völkerfreundschaft und äußerte zugleich
Vorbehalte gegen Preußen und dessen Rolle bei der Einigung des
Deutschen Reichs : » Das alles in Folge der Kriege, an deren Ausbruch
Bayern gewiss nicht schuld war. Sie [die Bayern] liessen
sich von den Berlinern blenden. […] Es bestand von jeher eine
Neigung zur Sympathie zwischen Bayern und Frankreich […]. «8
1859 kam König Maximilian II. Joseph nach Paris und griff
erneut in das Schicksal seines illegitimen Sohnes ein : Der frisch
verheiratete Max Kolb führte den Monarchen durch die von
ihm angelegten Gartenanlagen. Wenig später erhielt Max Kolb
aus München das Angebot, die Leitung der botanischen Gärten
in der bayrischen Hauptstadt zu übernehmen. » Haus, Licht und
Holz frei, ein hübsches Gehalt, die Ermächtigung, Gärten anzulegen,
wo sich ihm Gelegenheit bot, und last not least, freie
Fahrt auf den bayrischen Staatsbahnen «, erinnerte sich Annette
Kolb. Nicht alle waren darüber glücklich : » Meine Großmutter
[Constance Danvin] war außer sich, meine Mutter mochte ihm
[Max Kolb] nichts erschweren. Die beiden Damen setzten sich
zusammen und lasen [Goethes] Hermann und Dorothea, in
welcher
Übersetzung ahne ich nicht, und meine Großmutter
schloß aus der Lektüre, die Deutschen seien zwar sehr kleinstädtisch,
mais de braves gens [aber rechtschaffene Leute]. Das
Beste war ein Kompromiß. Lang hielt man es natürlich dort
nicht aus : zwei Jahre München, dann nach Paris zurück. « 1860 zogen die Kolbs einschließlich Constance Danvin nach
München, in die Dienstwohnung des königlichen Gartenbauinspektors
in der Sophienstraße 7. Aus den intendierten zwei
Jahren wurden indes Jahrzehnte : Der Grund lag in Max Kolbs
glänzender Karriere unter Maximilian II. Joseph (gestorben
1864), Ludwig II. (1864 – 1886) und dem Prinzregenten Luitpold
(1886 – 1912). Zudem ließ es sich für Sophie Kolb und
Constance Danvin in der französischen Gemeinde Münchens
recht angenehm leben. Und schließlich vereitelte zehn Jahre
später der Krieg von 1870 / 71 eine Rückkehr nach Paris. Sophie
Kolb hat zeitlebens Deutsch kaum gesprochen, sie wollte es
wohl nie erlernen. In der Familie – Max Kolb war zudem beruflich
viel unterwegs – parlierte man überwiegend Französisch.
Mode, Umgangsformen, Kunst, Musik, Literatur orientierten
sich am Second Empire. Das Zierliche und Elegante, das Dandyhafte
und das Raffinement kamen der süddeutsch-barocken
Sinnesfreude entgegen : » Man stand noch im Zeichen des zierlichen
Jäckchens zur weiten Crinoline, der seidenen Quasten, der
aufgepolsterten Stühle und Schachteln, der wattierten Bonbonnieren.
Auch das Leben war wattiert. «10 Wenngleich das Leben
Annette Kolb nicht mit wattierten Handschuhen anfassen sollte :
Eine gewisse Eleganz – genährt aus dem Empire – in Kleidung
und Auftreten, ja selbst im Schreibstil, blieb ihr stets erhalten.
Der Haushalt der Kolbs wurde in einer bald stadtbekannten
Mischung aus Bürgerlichkeit und Bohème, aus finanziellem
Leichtsinn und Beinahe-Bankrott geführt – oder vielmehr :
improvisiert. Sophie Kolb spann sich in ihre künstlerische Welt
ein, gab hin und wieder Klavierstunden und führte einen musikalischen
Salon. Im hohen Alter definierte sie sich selbst wie
folgt – und irrte sich dabei sogar in etwas so » Unwichtigem « wie
der Anzahl ihrer Kinder (es waren in Wahrheit, die früh verstorbenen
mitgerechnet, neun): » J’avais quatre enfants et un
piano. «11 [» Ich hatte vier Kinder und ein Klavier. «] Der eigene
Anspruch an die Rolle in der Gesellschaft scheint größer gewesen
zu sein als deren tatsächliche Einlösung. Eine spöttische, dabei liebevolle Darstellung dessen findet sich in Annette Kolbs
autobiografischem Roman Die Schaukel : » Denn was brachte die
Braut schon in den Hausstand mit ? Die Sonaten von Haydn,
Beethoven und Mozart und noch einige andere Musikwerke in
roten Prachtbänden mit ihrem Namen […]. Frau Lautenschlag
[d. i. Sophie Kolb] war eine so zerstreute Hausfrau, daß es schon
besser war, sie komponierte. […]. «12 Und über den Talmiglanz
des Haushalts heißt es : » Hier glitzert auch mancher Pokal, altes
Kristall und Porzellan täuscht Luxus vor, silberne Tablette [sic],
silberne Eisbecher stehen in ihrem Glanze und werden nie gebraucht.
Womit sollten Lautenschlags eine Eismaschine beschaffen
? «13 In dem Roman spielt Annette Kolb das Familienleben
der Lautenschlags gegen die preußische Starre der Familie von
Zwinger augenzwinkernd aus und kehrt die Mélange aus französischen
und bayrischen Elementen – die für sie selbst schicksalsbestimmend
war – stolz hervor : » War der Haushalt bei
Zwingers à l’anglaise aufgezogen, so gebärdete man sich bei Lautenschlags
je nach Laune, teils penetrant bayrisch, teils sehr
weitgehend lateinisch. Niemand beanstandete dies. Das in Bayern
noch wenig beachtete Alldeutschtum lag in der Wiege. «14
Katia Mann erinnerte sich als alte Frau : » Sie [Annette Kolb]
sprach immer so etwas betont bayrisch. Das war in München
Sitte, die Aristokratie sprach bayrisch, und die Kolbs waren zwar
keine Aristokraten, aber sie hatten einen Salon, gaben pariserische
Nachmittagsempfänge, wo auch Hofgesellschaft und alle
möglichen Leute verkehrten. «15
Das Haus in der Sophienstraße 7 (es wurde im Zweiten
Weltkrieg
zerstört) lag zwischen Königsplatz und Stachus, in
unmittelbarer Nähe zum Alten Botanischen Garten und zum
Münchner Glaspalast. Diese 1854 erbaute, riesige Messe- und
Repräsentationshalle
in Stahl-Glas-Konstruktion war ein Meisterwerk
der Ingenieurskunst mit 234 Metern Länge und 25
Metern Höhe. Die Münchner waren dem Glaspalast – ähnlich
wie die Pariser dem Eiffelturm – in Hassliebe zugetan. Der
Brand der Halle im Jahre 1931 galt jedoch als Katastrophe (es verbrannten darin über dreitausend teils weltberühmte Bilder
und Skulpturen), ein symbolträchtiges Ereignis, womit Annette
Kolb ihren Roman Die Schaukel (1934) beginnen lässt.
Die Ehe der Kolbs war den damaligen Verhältnissen entsprechend
kinderreich. Die ersten drei Sprösslinge starben jedoch
kurz nach der Geburt. 1865 kam Louise zur Welt. Sie starb 1890
im Alter von nur 25 Jahren. Es folgte Germaine (1868 – 1949),
Annette Kolbs Lieblingsschwester. Nach Annette (geboren
1870) kamen zwei Knaben zur Welt : Emil (1874 – 1933) und
Paul (1876 – 1965), der sich im Alter eng an Annette anschloss
und den sie » le petit frère « [den kleinen Bruder] nannte. Als
Nesthäkchen folgte noch Franziska (1880 – 1946).
Annette Kolb stand, noch ehe sie selbst pianistisch daran teilnehmen
konnte, unter dem geistigen Einfluss des literarisch-musikalischen
Salons, den die Mutter in den Räumen der Sophienstraße
führte. Dieser Salon wurde in München nach und nach
bekannt, wenngleich er nie eine geistesgeschichtlich prägende
Rolle spielen sollte. Die gesellschaftlich pikante Mischung, die
sich ergab – es erschienen gleichermaßen arrivierte Künstler wie
Bohemiens, verkrachte Provinzaristokraten wie demissionierte
Königinnen –, verlieh der Einrichtung etwas leicht Zweifelhaftes
und Anziehendes zugleich, so zumindest stellt es Annette
Kolb im poetischen Rückblick in Die Schaukel dar.
Das geistige Klima Münchens war nicht nur von französischer
Kunst und Literatur beeinflusst, auch die Naturwissenschaften
und die Geschichtsschreibung spielten in jener positivistischen,
zukunfts- und technikgläubigen Zeit eine befruchtende Rolle.
Maximilian II. hatte Naturwissenschaftler, Historiker, Rechtsgelehrte,
Dichter und Maler nach München berufen. 1850 war die
von Ludwig von Schwanthaler geschaffene achtzehn Meter
hohe, begehbare Statue der » Bavaria « auf der Theresienhöhe
errichtet worden. Es folgte der Bau des Glaspalastes und der
Neuen Pinakothek (die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde).
Am Königsplatz wurden 1862 die Propyläen errichtet. Als
Maximilian II. 1864 starb und sein 18-jähriger Sohn als Ludwig II. den bayrischen Thron bestieg, ging der repräsentative
Ausbau der Wittelsbacher Metropole als Zentrum von Verwaltung,
Wissenschaft, Technik und Kunst weiter voran. Vor allem
für das geistige Leben gab der junge Ludwig entscheidende
Anstöße : Im Mai 1864, keine zwei Monate nach der Thronbesteigung,
rief er Richard Wagner, der sich auf der Flucht vor seinen
Gläubigern befand und seit seiner Teilnahme an der Revolution
1848 in Dresden politisch anrüchig war, nach München.
Wenngleich Wagners Intermezzo an der Isar nur anderthalb
Jahre dauerte, war diese Zeit sowohl für die Musikgeschichte im
Allgemeinen (die Uraufführung von Tristan und Isolde am
10. Juni 1865 im Münchner Hoftheater) als auch für das Haus
Kolb im Besonderen von Bedeutung. Auch wenn diese Ereignisse
in die Jahre vor Annette Kolbs Geburt fielen, beeinflusste
die von der Mutter inszenierte Begeisterung für Wagners Musik
auch sie nachhaltig. Den Begebenheiten von 1864 / 65 widmete
Annette Kolb als 77-Jährige noch ihr Buch König Ludwig II. von
Bayern und Richard Wagner. Darin schildert sie, wie Hans von
Bülow im Gefolge des Komponisten eine Anstellung als Hofpianist
erhielt und mit der Ehefrau Cosima (der Tochter Franz
Liszts und Marie d’Agoults) und den Kindern nach München
zog, in unmittelbare Nähe zur Familie Kolb. In jene Zeit fiel
auch der Beginn der Liaison Richard Wagners mit Cosima und
die Geburt ihrer Tochter Isolde im April 1865.
» Keine halbe Minute entfernt «16, ergab sich zwischen Sophie
Kolb und Cosima von Bülow bald ein reger Austausch. Cosima
sah sich damals noch ihrer mütterlicherseits französischen
Abkunft verpflichtet. Als sie zum ersten Mal den Salon Sophie
Kolbs besuchte, habe sie ausgerufen : » Que je suis heureuse, de
me retrouver dans une maison française ! «17 [» Wie froh bin ich,
in einem französischen Haus zu sein ! «] Sophie Kolb besuchte
die legendären ersten Aufführungen von Wagners Tristan und
Isolde. Max Kolb, sonst gegenüber Musik eher gleichgültig,
» plünderte den botanischen Garten zu jeder Première, um die
prachtvollsten Blumen zu schicken «.18 Einmal begegnete Sophie Kolb auch Richard Wagner, als er – die Tochter Isolde war bereits
geboren – seine Geliebte Cosima besuchte. Wagner habe auf
Französisch einige Höflichkeitsfloskeln mit ihr gewechselt, seine
deutsche Konversation mit Cosima verstand Sophie Kolb leider
nicht. Während der Komponist in der Brienner Straße aufwendig
Hof hielt, mangelte es bei Bülows mitunter an Geld. Als
Cosima, die neue Schuhe benötigte, sich in ihrer Not ausgerechnet
an Sophie Kolb wandte, musste diese – ihre Haushaltskasse
war ebenfalls leer – die Freundin abweisen.
Bald nach Wagners erzwungener Abreise aus München folgte
ihm Cosima. Unmittelbar vor ihrer Abfahrt besuchte sie nochmals
Sophie Kolb, um sich zu verabschieden. Sie werde ja
sicherlich auch bald München verlassen und nach Frankreich
zurückkehren, so Cosima. Im Übrigen könne sie Sophies Heimweh
nach Paris nachvollziehen. Sophie entgegnete : » Que voulez-
vous, j’ai le mal du pays. «19 [» Was wollen Sie, ich leide an
der Krankheit dieses Landes. «] Sie meinte die Melancholie, an
der ja auch der König litt, dem sie einmal auf einem Spaziergang
am Starnberger See begegnet war und der sie sogar gegrüßt
hatte.
Als sich für Sophie Kolb die Hoffnung auf eine Rückkehr
nach Paris endgültig zerschlug, nachdem Max Kolb einen Auftrag
vom Regensburger Fürsten von Thurn und Taxis zur Anlage
eines Parks erhalten hatte, zog auch sie sich resignativ immer
mehr in die musikalischen Welten Schumanns, Chopins und
Wagners zurück. Es glich einem inneren Exil.
Im August 1867 besuchte Kaiser Napoleon III. in Begleitung
seiner Frau Eugénie Augsburg, wo er seine Kindheit im Exil verbracht
hatte, und wurde daraufhin von Ludwig II. am Münchner
Hauptbahnhof feierlich begrüßt. Zu dem Empfang war
auch das Ehepaar Kolb geladen. Die Begegnung mit dem Kaiser
riss in Sophie Kolb die Narbe des Heimwehs wieder auf. Sie
rang damit, ihren Mann zu verlassen, und vertraute sich einem
katholischen Priester an, dem Baron Oberkamp, der im Nachbarhaus
Sophienstraße 5 wohnte. Dieser verwies natürlich auf die Unauflöslichkeit der Ehe. Auch eine offene Aussprache mit
Max führte zu keiner Lösung. Er forderte recht eigensinnig, sie
solle aufhören, einen Lebenshalt in ihm zu suchen. Sophie Kolb
rief daraufhin ihre Mutter, die zwischenzeitlich wieder in Paris
gelebt hatte, nach München zurück : So führte sie innerhalb der
engen Grenzen ihres französischsprachigen Salons weiterhin
ein Leben im Exil, ein Dasein für die Musik in einer Traumwelt,
die ihr einen gewissen Trost schenkte.
Ihren Vater schildert Annette Kolb in den nachgelassenen
Aufzeichnungen The Book of Dreams so : » Mein Vater war eine
umherschweifende Natur, ein Perpetuum mobile, sehr schwer
zu fangen, viel auf Reisen, zu Treffen und Kongressen, und,
obwohl seiner Familie verbunden, oft ungeduldig darüber, daß
er sich um jemanden zu kümmern habe. Er liebte die Familie
zärtlich aus der Ferne, kam immer zurück, beladen mit reizenden
Geschenken, aber er war mehr seinen Gärten ein Vater
denn uns. Zuerst kamen seine Gärten. […] Er war zufrieden
damit, daß wir Besuche empfingen, solange wir nicht seine Anwesenheit
erwarteten. So erschien er wie zufällig, nachdem die
Gäste gegangen waren, oder frühestens dann, wenn sie gerade
dabei waren zu gehen. «20
Später schreibt sie in ihrem Buch über Richard Wagner, Max
Kolb sei weder ein guter Vater noch ein guter Gatte gewesen.21
Doch zeichnet sie ihn im Roman Die Schaukel in der Figur des
Herrn Lautenschlag als durchaus sympathischen und warmen
Menschen, der im Herzen ein Kind geblieben war,22 der zugleich
jedoch nur für seine Gärten lebte und dem die Salonwelt
Sophies verschlossen blieb. Immerhin hinderte Max Kolb seine
Frau nicht an der Ausrichtung ihrer Soireen. Auch scheint er
tatenlos, ja, hilflos zugesehen zu haben, wenn seine Frau und
die Kinder sein Gehalt, das in seiner Position nicht gering war,
leichtsinnig und mit einem fatalen Hang zum Luxus vergeudeten.
Man leistete sich viel Überflüssiges, wie es sich für eine
» gute « Gesellschaft » schickte «, und war andererseits mittellos,
wenn es um die Anschaffung notwendiger Dinge ging. Aber sie wussten, dass » die Armut im Grunde ein Freibrief war, aller
Schablone, aller Konvention gegenüber «.23 Auch wenn man den
Familienmitgliedern bisweilen » rettungslosen Größenwahn «24
attestierte, focht sie das doch nicht an. So preist Annette Kolb
die geistige Freiheit und künstlerische Urteilsfähigkeit der Hespera
in Die Schaukel : » Blöde Urteile über Musik oder Bücher
oder Bilder unwidersprochen hinzunehmen, weil sie von Leuten
kamen, in deren Sold man geriet, das war nichts für sie, o
nein. «25
Diese Freiheit in der Armut war der Nährboden für eine liberale
Weltsicht, für einen unbelasteten Umgang mit der Kunst.
Dies und die unter Maximilian II. und Ludwig II. ohnehin
offene geistige Atmosphäre Münchens trugen dazu bei, dass
Annette Kolb als Frau aufwachsen konnte, die ihre eigenen Meinungen
und Ansichten – auch unkonventioneller Art – besaß
und verfocht, notfalls bis zur äußersten Konsequenz.
Die offene, tolerante, frankophile Geistigkeit Münchens, wie
sie sich in Sophie Kolbs Salon widerspiegelte, verlor nach dem
Krieg gegen Frankreich 1870 / 71 und der Gründung des Deutschen
Kaiserreichs unter der Führung Preußens an Glanz.
Damit
einher ging für viele Intellektuelle Bayerns ein gewisser
Identitätsverlust. Ludwig II. von Bayern hatte die Kriegserklärung
gegen Frankreich, das ihm persönlich nahestand, ungern
unterzeichnet. Auch war er nicht der Aufforderung nachgekommen,
nach Versailles zu reisen, um als Oberhaupt des
ältesten
herrschenden Adelsgeschlechts Deutschlands dem genealogisch
weit unter ihm stehenden König von Preußen die Kaiserwürde
anzutragen. Lediglich Versprechungen Bismarcks auf
Zahlungen aus dem sogenannten Welfenfonds hatten den hochverschuldeten
Ludwig geködert. Der ursprüngliche Plan, in Zukunft
die Kaiserwürde zwischen den Häusern Hohenzollern
und Wittelsbach alternieren und Bayern an Gebietsgewinnen in
Frankreich (an der Grenze zur bayrischen Pfalz) teilhaben zu
lassen, wurde jedoch fallen gelassen.
Die Untertanenhaltung, das Pflichtbewusste, Forsche, Disziplinierte, alles, was man gemeinhin als das » Preußische « gerne
belächelte, war vielen bayrischen Bildungsbürgern zutiefst suspekt
und zuwider. Ein Beispiel für die Auflehnung gegen die
Bevormundung durch Preußen in einem geeinten Reich ist der
Eklat vom September 1891, als Kaiser Wilhelm II. München
besuchte und sich mit den Worten » Suprema lex regis voluntas
! « [» Des (preußischen) Königs Wille ist oberstes Gesetz ! «]
ins Goldene Buch der Stadt eintrug. Diese absolutistische Äußerung
erregte in der bayrischen Öffentlichkeit Zorn und Protest.
Auch Annette Kolbs Haltung gegenüber Preußen wurde von
dieser Atmosphäre geprägt. Sie, die » Deutsch-Französin «, blieb
zeitlebens eine Gegnerin eines deutschen Staatsgedankens, der
auf Stärke, Nationalismus, Militarismus und Fremdenhass unter
der Führung Preußens baute. Viel zu dieser Haltung beigetragen
hat die Stimmung im Kolbschen Elternhaus. Der Krieg von
1870 / 71 jedenfalls stellte auch die Ehe von Max und Sophie
auf eine schwere Probe. Annette Kolb berichtet : » O wie verwünschte
sie [Sophie Kolb] da ihre Ehe ! Mit zwei deutschen
Kindern, als eine deutsche Staatsangehörige stand sie da, zerrissenen
Herzens auf immer. […] Mein Vater brachte sie nach
Tegernsee […]. Über Frankreichs Niederlage trauerte er mit ihr.
Mit der Vorherrschaft Preußens sah er die geistige Verheerung
des Landes heraufziehen. […] Hatte er aber früher manchmal
gewünscht, daß meine Mutter deutsch sprechen lerne, so mutete
er ihr das nie wieder zu. Mochte sie ihre französische Eigenart
ungeschmälert behalten, ihr Haus nichts anderes wie ein französisches
sein. […] Gewiß bereicherte und verschönerte es auch
das ihrer Kinder, doch um welchen Preis ! «26
Der Preis war hoch : Annette Kolb wurde zwar in ein geistig
aufgeschlossenes und liberales Haus hineingeboren, doch empfand
sie von früh an schmerzhaft das Gefühl, heimatlos im eigenen
Land zu sein, zwischen den Völkern, Sprachen und Kulturen
zu stehen, ein Vater- und ein Mutterland, eine Vater- und
eine Muttersprache zu besitzen und in allen mit dem Herzen
und der Seele zu wohnen. Ihre späteren Exilaufenthalte in der Schweiz, in Frankreich und den Vereinigten Staaten sind so gesehen
nicht nur die Antwort auf die jeweilige politische Situation
von Krieg, Diktatur und Kaltem Krieg, sondern auch logische
Konsequenz eines persönlich seit frühester Kindheit erfahrenen
Dilemmas. Sie sind Folge einer Sozialisation, die zurückreicht in
die Zeit vor der Entstehung des deutschen Kaiserreichs, eines
Staatsgebildes auf der Grundlage nationalen Empfindens. Der
Nationalismus konnte sich niemals durch objektive Reflexion
definieren, sondern nur in aggressiver Weise ex negativo, indem
er sich vom Fremden abgrenzte und das andere zum Feind erklärte.
Annette Kolb waren die Auflehnung gegen dieses ideologische
Konstrukt und die Trauer darüber gleichsam ins Blut mitgegeben.

Armin Strohmeyr

Über Armin Strohmeyr

Biografie

Armin Strohmeyr ist promovierter Germanist und Autor viel beachteter Biografien und Porträtsammlungen. Sein Buch »Verkannte Pioniere« wurde von der Zeitschrift DAMALS beim Wettbewerb »Historisches Buch des Jahres« mit dem 3. Platz prämiert und stand in Österreich auf der Shortlist für das...

Pressestimmen

augsburger-allgemeine.de

»Die stilistisch grundlegend überarbeitete Biografie spürt dem Leben einer außergewöhnlichen Zeitzeugin nach.«

Inhaltsangabe

Vorbemerkung
» Sympathie zwischen Bayern und Frankreich «

Herkunft und geistige Voraussetzungen
» Meine geistige Einzelhaft «

Kindheit und Jugend (1870 – 1888)
» Nichtstun –, das wird nicht länger gehen «

Literarische Anfänge (1888 – 1899)
» Hofnarrenposten «

Auf dem diplomatischen Parkett (1899 – 1906)
» Ich würde Ihnen alle Blumen ins Haus schicken «

Der literarische Durchbruch (1907 – 1913)
» Jene Meisterprobe männlicher Stupidität «

Erster Weltkrieg und Schweizer Exil (1914 – 1918)
» René guckst du nach meinem Rosengarten ? «

Neubeginn in Badenweiler (1919 – 1923)
» Meine Liebe, es ist ziemlich aussichtslos

Das Badenweiler Jahrzehnt (1923 – 1933)
» Aber wir werden nicht zu Schanden werden «

Europäisches Exil (1933 – 1941)
» Dankbar und unglücklich «

Amerikanisches Exil (1941 – 1945)
» Aber einer muß es ihnen doch sagen «

Schwierige Rückkehr (1945 – 1961)
» Dein Land ist schon mein Land geworden !! «

Sehnsucht nach dem Heiligen Land (1961 – 1967)

Anmerkungen
Bibliografie
Zeittafel
Bildnachweis
Danksagung

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