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Ancient Blades

Ancient Blades

Der Thron der Barbaren (Ancient Blades 3)

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Ancient Blades — Inhalt

Die »Ancient Blades«-Saga erreicht ihren atemberaubenden Höhepunkt: Nur um ein Haar konnten Malden und seine Gefährten aus dem Grab der Elfen entkommen, haben dabei aber einer schrecklichen Invasion den Weg in ihre Heimat geebnet. Mörderische Barbaren dringen aus den Steppen des Ostens in das Königreich und wollen die Freie Stadt zermalmen. Während Croy die Armee des Königs vereint, flüchten sich Malden und Cythera zurück nach Ness. Doch in der Metropole der Diebe herrscht Chaos – und statt für Disziplin zu sorgen, sieht Malden seine Chance gekommen: Endlich kann er nicht nur der mächtigste Mann des Königreichs werden, sondern auch Croy im Kampf um Cythera endgültig ausstechen. Wird Malden damit den richtigen Weg einschlagen?

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 15.05.2012
Übersetzer: Andreas Decker
640 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95562-1

Leseprobe zu »Ancient Blades«

PROLOG

 

Die Freie Stadt Ness war auf der ganzen Welt als Diebeshort bekannt, und für diesen Ruf trug ein einziger Mann die Verantwortung. Cutbill, der Meister der Diebesgilde, beherrschte nahezu jeden Zweig der Schattenwirtschaft innerhalb der Stadtmauern. Er beaufsichtigte ein großes Verbrechensimperium, von Schutzgeldern bis zu Taschendiebstahl, von Erpressung bis zum Ladendiebstahl. Er hatte die Finger in mehr Unternehmen, als sich irgendjemand vorstellen konnte, und sein Ehrgeiz beschränkte sich bei Weitem nicht auf die simple Anhäufung von [...]

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PROLOG

 

Die Freie Stadt Ness war auf der ganzen Welt als Diebeshort bekannt, und für diesen Ruf trug ein einziger Mann die Verantwortung. Cutbill, der Meister der Diebesgilde, beherrschte nahezu jeden Zweig der Schattenwirtschaft innerhalb der Stadtmauern. Er beaufsichtigte ein großes Verbrechensimperium, von Schutzgeldern bis zu Taschendiebstahl, von Erpressung bis zum Ladendiebstahl. Er hatte die Finger in mehr Unternehmen, als sich irgendjemand vorstellen konnte, und sein Ehrgeiz beschränkte sich bei Weitem nicht auf die simple Anhäufung von Reichtum. Seine Bemühungen galten nicht nur einer Stadt, sie galten jeder Ecke der Weltkugel, und seine Spione waren überall.
Darum bekam er auch täglich viel Post.
In seinem Kontor unter den Straßen von Ness arbeitete er diesen Stapel an Korrespondenz allein mithilfe eines Handlangers durch. Lockjaw war ein alter Dieb mit einem legendären Ruf, und er war immer zugegen, wenn Cutbill seine Briefe öffnete. Für dieses Privileg gab es zwei Gründe – zum einen war Lockjaw für seine Diskretion berühmt. Sein Spitzname rührte daher, dass er noch nie den Mund geöffnet hatte, um ein Geheimnis zu verraten. Der andere Grund beruhte auf der schlichten Tatsache, dass er nie lesen gelernt hatte.
Es war Lockjaws Aufgabe, die Korrespondenz entgegenzunehmen, für gewöhnlich von Boten, die nur lange genug blieben, um bezahlt zu werden, und zu jeder Botschaft seinen Kommentar abzugeben, nachdem Cutbill ihm den Inhalt erzählt hatte. Falls sich Lockjaw jemals fragte, warum ein so kluger Mann seine ungebildete Meinung hören wollte, behielt er es für sich.
» Schau an «, murmelte Cutbill und hielt ein Blatt Pergament ans Licht. » Das kommt aus dem Zwergenkönigreich. Anscheinend hat man dort eine neue Maschine erfunden. Eine Art Weinpresse, die statt Wein Bücher presst.«
Der alte Dieb runzelte die Stirn. »Wirklich? Kommen die dann klatschnass heraus?«
»Ich schätze, dann hätte der Produktionsprozess erhebliche Mängel«, stimmte ihm Cutbill zu. »Trotzdem. Sollte es machbar sein, könnte man Bücher für den Bruchteil der Kosten herstellen, die heutzutage ein Kopierer verlangt.«
»Also schlechte Neuigkeiten«, meinte Lockjaw.
» Ach ? «
»Bücher sind teuer«, erklärte der Dieb. »Sie zu stehlen, bringt gutes Geld. Wenn sie plötzlich so billig sind, geht uns ein erheblicher Marktanteil flöten.«
Cutbill nickte und legte den Brief zur Seite, griff nach dem nächsten. »Die wird sich vermutlich sowieso nicht durchsetzen, diese Buchpresse.« Er schlitzte den Brief in seiner Hand mit einem Messer auf und überflog den Inhalt. »Neuigkeiten von unserem Freund im Norden. So wie es aussieht, befindet sich Skilfing im nächsten Sommer mit Maelfing im Krieg. Natürlich wegen der Fischereirechte.«
» Diese Schwachköpfe in den Nördlichen Königreichen streiten sich doch ständig«, meinte Lockjaw. »Man sollte meinen, sie wüssten es mittlerweile besser.«
»Der König von Skrae hofft jedenfalls, dass es nie so weit kommt«, sagte Cutbill. »Solange sie sich gegenseitig an die Gurgel gehen, ist unsere Nordgrenze sicher. Reich mir die Rolle herüber, ja ? «
Der fragliche Brief war auf ein zusammengerolltes Stück Velum geschrieben, das in dünnem Leder steckte. Cutbill brach das Siegel und glättete das Blatt auf seinem Schreibtisch, betrachtete es aus einer Entfernung von nur wenigen Zoll. »Das kommt von unserem Mann auf den hohen Pässen der Weißwallberge. «
» Was kann sich denn in einer so abgelegenen Gegend schon groß ereignen ? «
»Nichts, gar nichts«, erwiderte Cutbill. Er blinzelte zu dem Dieb hoch. »Ich bezahle meinen Mann dafür, dass es so bleibt.« Er las noch ein paar Zeilen, wollte eine weitere Bemerkung machen – und klappte den Mund ruckartig zu. »Oh«, machte er dann.
Lockjaw enthielt sich jeden Kommentars und wartete, ob Cutbill ihm erzählte, was er gelesen hatte.
Aber der Meister der Diebesgilde schwieg. Er rollte das Blatt wieder zusammen und warf es in die Kohlenpfanne, die das Arbeitsgemach heizte. Die Rolle fing Feuer und hatte sich in wenigen Augenblicken in Asche verwandelt.
Lockjaw hob die Brauen, schwieg aber.
Was auch immer dort gestanden hatte, es sollte offensichtlich nicht weitergegeben werden, nicht einmal an Cutbills vertrauenswürdigsten Gefährten. Was nichts anderes hieß, als dass es sehr wichtig war. Also etwas Bedeutsameres als ein Bericht darüber, wer wen bestahl oder wo bestimmte Leichen vergraben waren.
Cutbill begab sich zu seinem Kontobuch, dem Hauptbuch mit seinen sämtlichen Aktivitäten und damit dem geheimsten Buch auf dem Kontinent. Es enthielt jede Einzelheit eines jeden Verbrechens, das in Ness begangen wurde, sowie vieles, das außerhalb dieser vier Wände nie jemand erfuhr. Er schlug eine Seite ziemlich weit hinten auf und legte das Messer quer darüber, vielleicht damit sie nicht zuschlug. Lockjaw entging nicht, dass sich diese Seite von den anderen unterschied. Jene waren mit ordentlichen Zahlenreihen gefüllt, endlosen Zahlenreihen. Auf dieser Seite stand nur ein Rechteck voller Zeilen, das wie eine kurze Nachricht aussah.
»Alter Mann«, sagte Cutbill, »könntest du mir einen Gefallen tun und mir einen Becher Wein eingießen? Mein Hals ist plötzlich so trocken.«
Noch nie zuvor hatte der Diebesmeister eine solche Bitte geäußert. Der Mann hatte genügend Feinde auf der Welt, um sich stets selbst Wein einzuschenken – oder ihn von jemandem vorkosten zu lassen. Lockjaw fragte sich, was sich wohl geändert hatte, aber dann hob er die Schultern und gehorchte. Er wurde für seine Zeit bezahlt. Also trat er zu einem Tisch neben der Tür und goss einen Becher voll, dann wandte er sich um, um ihn seinem Herrn zu reichen.
Aber Cutbill war nicht mehr da.
Das war an sich keine große Überraschung. Dutzende von Geheimgängen führten in Cutbills Schlupfwinkel, und allein der Gildenmeister kannte sie alle. Es war auch nicht überraschend, dass Cutbill den Raum so plötzlich verließ. Übervorsichtig, wie er war, enthüllte er nie, wohin er gerade unterwegs war.
Nein, die Überraschung bestand darin, dass er nicht zurückkehrte.
Er war buchstäblich vom Antlitz der Welt verschwunden. Jeden Tag wartete Lockjaw und mit ihm alle Diebe von Ness auf seine Rückkehr. Aber es gab kein Zeichen von ihm, und es traf auch keine Botschaft ein. In seiner Abwesenheit geriet Cutbills Organisation aus dem Gleichgewicht. Diebe entrichteten der Gilde nicht länger ihre Beiträge, Bürger, die unter Cutbills Schutz gestanden hatten, sahen sich plötzlich von Diebstählen heimgesucht, das eingehende Geld stapelte sich ungezählt und wurde für irgendwelchen Unsinn verprasst. Die Hälfte dieser Exzesse fand statt in der Annahme, dass Cutbill, der stets mit harter Hand geherrscht hatte, so darüber aufgebracht wäre, dass er einfach zurückkehren musste, um alles wieder in Ordnung zu bringen.
Wohin auch immer Cutbill gereist war, er hinterließ keine Spuren.
Es dauerte eine ganze Weile, bis jemand auf den Gedanken kam, sich das Kontobuch und die Botschaft anzusehen, die der Gildenmeister so sorgfältig markiert hatte.

 

TEIL EINS
UNTER DER PARLAMENT RSFLAGGE

 

1

 

Auf der anderen Seite des Weißwalles, in der Prärie der Barbaren, loderten im Zelt des Großen Häuptlings die Lagerfeuer, und man reichte Getränke herum, aber dabei fiel kein einziges Wort. Die versammelten Gefolgsleute des Großen Häuptlings waren viel zu beschäftigt, als dass sie sich wie üblich Geschichten erzählten und Lieder grölten. Sie waren viel zu sehr damit beschäftigt, zwei Männer zu beobachten, die ein uraltes Ritual durchführten. Beide waren Hünen, groß wie Bären, und auf ihren Armen und Beinen, die an die Stämme der Trockenlandbäume erinnerten, traten die Muskelstränge hervor. Sie standen einander gegenüber, eine Feuergrube mit lodernden Scheiten in ihrer Mitte, und hielten jeweils das Ende eines Pantherfells. Auf der einen Seite stand Torki, der Leibwächter des Großen Häuptlings, der Sieger Tausender solcher Wettkämpfe. Auf der anderen Seite stand Mörget, dessen Lippen sich zu einem irren Grinsen verzogen hatten und dessen untere Gesichtshälfte in der traditionellen Farbe des Berserkers rot angemalt war, obwohl er inzwischen ein vollwertiger Häuptling war, der Anführer vieler Clans.
Die beiden kämpften, ächzten und rangen im Dunst der brennenden Scheite nach Luft, und jeder von ihnen versuchte den anderen ins Feuer zu zerren. Jeder Mann und jede Frau im Langhaus, jeder Berserker und Plünderer des Großen Häuptlings, jede Frau und jeder Leibeigene der versammelten Krieger, sahen voll stummer Erwartung zu. Jeder von ihnen hing seinen eigenen Gedanken und seinen verzweifelten Hoffnungen nach.
Es gab nur einen, der es wagte, frei zu sprechen, denn das war nun einmal sein Recht. Hurlind, der Skalde des Großen Häuptlings, war voller Wein und Gelächter. »Du rutschst, Mörgs Sohn! So heftig du auch ziehst, er zerrt dich hinüber. Warum lässt du nicht einfach los und rettest dich vor dem Feuer? Das ist kein Spiel für Milchbärte!«
»Ruhe!«, zischte Mörget mit zusammengebissenen Zähnen.
Aber das Grinsen verging ihm, das war wohl wahr. Torkis Hände hielten das Pantherfell so hart umklammert, wie eine große Baumwurzel sich in den Erdboden krallt. Seine Arme waren angewinkelt, und mit der vollen Kraft seines Körpers, den das harte Leben in der Steppe gestählt hatte, zog er so unerbittlich wie die Gezeiten des Meeres. Mörget rutschte einen Zoll nach dem anderen auf das Feuer zu, wie stark er die Zehen auch krümmte.
Ein Plünderer des Großen Häuptlings, der auf der Metbank dicht am Feuer saß, knallte einen Beutel mit Gold auf den Tisch und stieß seinen Nachbarn an, einen Häuptling, der große Ehren errungen hatte. Er wies auf Torki, und der Häuptling nickte, dann legte er sein eigenes Geld neben das des Plünderers – allerdings warf er dabei einen verstohlenen Blick zum Großen Häuptling hinüber, der am anderen Ende des Tisches an seinem Ehrenplatz saß. Vielleicht sorgte er sich, dass sein Herr möglicherweise daran Anstoß nahm. Denn schließlich war Mörget der Sohn des Großen Häuptlings.
Allerdings bekam der Große Häuptling die Wette gar nicht mit. Keinen Augenblick lang nahm er den Blick von den Wettkämpfern. Mörg, der Mann, der diese Menschen zu einer Nation zusammengeschmiedet hatte, der Mann, der jedes Land auf der Welt kennengelernt und jede Küste geplündert hatte, der Vater unzähliger Kinder, der Drachentöter, Mörg der Große, war – gemessen an den Sitten des Ostens – ein Greis. Fünfundvierzig Winter hatten an seinen Knochen genagt. Allerdings zeigte sein wilder Bart lediglich einzelne graue Strähnen, und in seinen funkelnden Augen gab es keinerlei Anzeichen von Altersschwäche. Ohne hinzusehen, griff er nach einer Bratenkeule. Er riss ein ordentliches Stück davon ab und hielt es dem räudigen Hund zu seinen Füßen hin. Der Hund fraß immer zuerst. Wachte gerade lange genug auf, um das Stück zu verschlingen. Danach aß Mörg selbst. Fett lief ihm am Kinn hinunter und tropfte auf sein Fellgewand.
Viel hing davon ab, welcher Wettkämpfer das Pantherfell als Erster losließ. Es ging um das Schicksal des ganzen Volkes des Ostens, das Leben zahlloser Krieger stand auf dem Spiel – und eine fast zwei Jahrhunderte alte Ehrenschuld. Kein Zuschauer hätte zu sagen vermocht, auf wessen Seite Mörg stand, auf der seines Sohnes oder auf der Torkis.
Torki gab nicht den geringsten Laut von sich. Er schien sich auch nicht zu bewegen. Genauso gut hätte er eine Granitsäule sein können. Er trug die Zeichen eines Plünderers, schwarze Kreuze, die man ihm hinter die Ohren tätowiert hatte. Ein Kreuz für jeden der jährlichen Raubzüge, die er in den Bergen des Nordens unternommen hatte. So viele Kreuze, dass sie seinen Nacken bedeckten. Bisher zeigte sich kein Schweißtropfen auf seiner Stirn.
Mörget veränderte seine Haltung um den Bruchteil eines Zolles und wäre um ein Haar ins Feuer gezogen worden. Zähneknirschend kämpfte er darum, seine Ausgangsstellung zurückzugewinnen.
In der Nähe stand seine Schwester, selbst die Herrscherin über viele Clans, mit einer Flasche gesüßten Weines. Mörgain hasste ihren Bruder, wie allseits bekannt war, und das schon seit frühester Kindheit. Ganz gleich, wie sehr sie darum kämpfte, sich zu beweisen, ganz gleich, welchen Ruhm sie in einer Schlacht errang, Mörget war ihr immer um etliche Siege voraus. Ein Sieg in diesem Wettstreit würde einen Geschmack wie Asche in ihrem Mund hinterlassen. Und sie musste hier auch nicht die untätige Zuschauerin sein. Sie konnte alles unverzüglich beenden, indem sie Wein vor Mörgets Füße spritzte. Er würde sich nicht auf den schlüpfrigen Brettern halten können, und Torki würde mit Sicherheit den Sieg davontragen.
»Schwester«, fauchte Mörget, »stell den Wein weg! Dürstest du stattdessen nicht auch nach dem Blut des Westens?«
Mörg hob die Brauen – möglicherweise wollte er die Antwort auf diese Frage gleichfalls hören.
Die Clanherrscherin lachte bitter und spuckte Mörget zwischen die Füße. Aber dann schleuderte sie die Flasche gegen die Wand, wo sie weit entfernt von den Wettstreitenden harmlos zerschellte. »Ich habe Blut geschmeckt. Ich hätte die Westleute lieber lebendig – als meine Leibeigenen.«
»Der Wunsch wird dir erfüllt, und du bekommst so viele Sklaven, wie du willst«, versprach Mörget und bereute seine Worte auf der Stelle.
»Und Stahl? Besorgst du mir Zwergenstahl, besser als das Eisen, das meine Krieger tragen?«
»So viel sie tragen können! Und nun hilf mir!«
»Aber gern«, versicherte ihm Mörgain. »Ich bete für deinen Erfolg. «
Das reichte, um das allgemeine Schweigen zu brechen, wenn auch nur so lange, dass die versammelten Krieger grölend lachen und einander auf den Rücken schlagen konnten. Selbst Torkis Lippen zuckten belustigt. Die Clans im Osten kannten ein Sprichwort: Dreh dich um zum Gebet, damit deine Feinde wenigstens deine Schwäche nicht sehen. Die Clans beteten lediglich die Göttin des Todes an, und ihre Hilfe zu erflehen, war nur selten ein guter Einfall.
»Hast du das gehört, Torki?«, rief Hurlind der Skalde. »Unser aller Mutter stemmt sich nun gegen dich. Fass lieber fester zu ! «
Torkis Lippen öffneten sich ein wenig und zeigten seine Zähne. Das war die erste Gefühlsregung, die er sich seit Beginn des Streites zugestand.
Und doch war es so, als wäre ein Hexenfluch gebrochen. Vielleicht lächelte der Tod – oder ein finsteres Schicksal – Mörget in diesem Augenblick zu. Denn plötzlich spannten sich seine Arme, als hätte er eine Stärke wiedergefunden, die ihm abhandengekommen war. Er lehnte sich zurück und zog mit aller Kraft an dem Pantherfell.
Torkis Lächeln zerschmolz auf der Stelle. Sein linker Fuß verrutschte um einen Zoll. Nicht entscheidend. Eine kurze Atempause, und er hätte sich erholen können, hätte die Knie durchdrücken und seine Kraft verstärken können.
Aber Mörget gönnte ihm diese Atempause nicht. Jeder wusste, dass er trotz seiner Größe und Kraft schneller war als eine Wildkatze. Er nutzte die Gelegenheit und zog Torki auf sich zu, bis das Gleichgewicht zerstört war, der Gegner taumelte und kopfüber ins Feuer stürzte. Torki schrie auf, als die Flammen seine Haut erfassten. Er sprang aus der Feuergrube heraus, ließ das Pantherfell los und griff nach einem Becher mit Met, um ihn über den Verbrennungen auszugießen.
In dem Langhaus brach Jubel aus. Hurlind stimmte ein Lied des Sieges und des Mutes gegen eine Übermacht an, eine alte Weise, die hier jeder Mann und jede Frau kannten. Selbst Mörgain stimmte in den Refrain mit ein, Mörgain, von der man behauptete, dass immer nur ihre Eisenklinge für sie sang.
In dem Aufruhr begab sich Mörget zum Stuhl seines Vaters und kniete vor ihm nieder. In den Händen hielt er seinen Gewinn, das angesengte Fell. In den sich kräuselnden Haaren steckten noch immer rot glühende Holzstückchen.
»Großer Häuptling«, sagte Mörget und sprach den alten Mann nicht als Vater, sondern als Krieger an, »du herrschst über die hundert Clans. Sie warten auf deine Befehle. Seit nunmehr zehn Jahren hast du sie davon abgehalten, einander an die Gurgel zu gehen. Du hast einem Land Frieden gebracht, das nur Krieg kannte.«
Zehn Jahre, in denen kein Clan einen anderen befehdet hatte. Zehn Jahre ohne Krieg, zehn Jahre des Wohlstandes. Für viele der hier Versammelten zehn Jahre der Langeweile. Mörg hatte die Clans vereinigt, weil er stärker als jeder Gegner gewesen war und weil er den Häuptlingen gegeben hatte, was die Häuptlinge erwarteten. Statt sich zu bekriegen, wie es seit Urzeiten Sitte gewesen war, hatten die Clans zusammengehalten, um das Wild der Steppen zu jagen und die Dörfer der Bergvölker im Norden zu plündern. Aber mittlerweile hörte man in den Lagern, dass die Krieger keine weiteren zehn Jahre Frieden wollten, sondern nach neuen Herausforderungen verlangten, um ihre Kräfte zu messen. Mörget hatte dafür gesorgt, dass man darüber diskutierte, aber letztlich hatte er bloß ein Feuer zum Lodern gebracht, das die Kampfgier bereits entfacht hatte. Die Männer des Ostens, Häuptlinge des Ostens, konnten nicht für alle Ewigkeit den lieben langen Tag in ihren Zelten sitzen und von vergangenen Siegen träumen. Irgendwann mussten sie töten oder wären verrückt geworden.
Mörg der Große, Mörg der Weise, hatte sie so weit gebracht, wie er vermochte. Als er den Kopf wandte, um seine Häuptlinge zu mustern, entdeckte er in vielen Blicken ein neues Verlangen nach Krieg. Nun, da der Weg über die Berge geebnet war, wie lange konnte er sie da noch zurückhalten?
»Anscheinend muss alles Gute ein Ende finden«, sagte Mörg und richtete den Blick wieder auf seinen Sohn. »Genau wie man im Alten Hrush sagt. Du hast das Recht gewonnen, deine Sache vorzutragen. Sag mir, was du willst, Mörget!«
»Nur an deiner Seite stehen, wenn wir durch diesen neuen Pass gen Westen marschieren und das hochmütige Königreich von Skrae zertreten.«
» Du führst viele Clans an, Häuptling. Und ich bin nicht dein König. Du benötigst meine Erlaubnis nicht, um den Westen zu plündern. «
Das stimmte. So lautete das Gesetz. Mörg war der Große Häuptling, aber er herrschte allein durch die Zustimmung der Clans. »Aye, ich habe das Recht, den Westen zu plündern. Aber ich habe keine Lust, bloß ein paar Dörfler zu erschrecken und ihre Schafe zu stehlen«, erklärte Mörget. »Seit zweihundert Jahren tun wir nichts anderes, seit die Skraelinge die Bergpässe sperrten. Jetzt gibt es einen neuen Pass. Lange bevor auch nur einer von uns geboren wurde, sprachen unsere Krieger nicht von Überfällen, sondern von Eroberung. Von viel größerem Ruhm. Großer Häuptling, ich will Krieg führen. Jede Meile von Skrae für unser Volk erobern, wie es schon immer sein Schicksal war.«
Mörg trug als Einziger Eisen an diesem Ort, und zwar in Form eines Schwertes am Gürtel. Sämtliche anderen Waffen lagen draußen aufgestapelt, denn kein Krieger hätte es gewagt, eine Klinge in das Haus des Großen Häuptlings zu tragen. Sollte er es wünschen, sollte er andere Vorstellungen als sein Sohn haben, konnte Mörg dieses Schwert ziehen und Mörget auf der Stelle niederstrecken. Kein Mann hätte sich daraufhin gegen ihn gestellt.
Manchmal nannten sie ihn Mörg den Weisen, wenn sie ihm schmeicheln wollten. Hinter seinem Rücken nannten sie ihn Mörg den Gnädigen, was bei den Völkern des Ostens eine große Beleidigung war. Hätte er jetzt zugeschlagen, hätte dies die flüsternden Zungen möglicherweise zum Verstummen gebracht. Oder sie vielleicht zu einem Chor vereint.
Die Häuptlinge wollten das. Sie hatten Mörget zu ihrem Sprecher gemacht und an diesem Abend hergeschickt, um diese Audienz wahrzunehmen.
Und Mörg war kein König, der aus einer Laune heraus den Willen seines Volkes durchkreuzen konnte. Das war die Art des dekadenten Westens. Hier im Osten herrschten Männer aufgrund von Achtung oder Furcht, aber zumindest immer ehrlich – denn die Männer, die ihnen dienten, glaubten an sie. Mörg war nicht stärker als die Häuptlinge, die er vereinigt hatte. Er lebte und starb durch ihre Duldung. Handelte er nicht nach ihrer Vorstellung, hatten sie eine ganz einfache Möglichkeit – sie konnten ihn ersetzen. Aber das nur über seine Leiche. Große Häuptlinge herrschten auf Lebenszeit, also gab es nur eine Möglichkeit, sie ihres Amtes zu entheben. Man tötete sie.
Mörget lag auf den Knien und blickte zu seinem Vater auf, und seine Augen waren so klar und blau wie ein Bergstrom. Augen, die nicht blinzelten.
Mörg musste eine Entscheidung treffen. Es würde keine Rede und Gegenrede geben, kein Rat musste befragt werden. Er allein traf die Entscheidung. Die Blicke aller ruhten auf ihm. Selbst Hurlind schwieg und wartete auf sein Wort.
»Du da«, sagte Mörg, stand auf und deutete auf einen Leibeigenen an der Tür, »hol feuchte Myrtenzweige und wirf sie ins Feuer! Sie sollen viel Rauch erzeugen, den alle sehen und darum Bescheid wissen werden. Morgen marschieren wir über die Berge nach Westen. Morgen ziehen wir in den Krieg.«

Über David Chandler

Biografie

David Chandler wurde in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren und lebt in New York. Nachdem er für die Vereinten Nationen arbeitete, schreibt er heute phantastische Romane. Bei Piper erschien seine High-Fantasy-Reihe »Ancient Blades«, welche die aufregenden Abenteuer des Diebes Malden, des Ritters Croy...

Inhaltsangabe

Inhalt

PROLOG

TEIL EINS

UNTER DER PARLAMENTÄRSFLAGGE

TEIL ZWEI

DER SCHLAFENDE KÖNIG

ZWISCHENSPIEL

TEIL DREI

STELLUNGSWECHSEL

ZWISCHENSPIEL

TEIL VIER

DIE BELAGERUNG VON NESS

ZWISCHENSPIEL

EPILOG

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