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Ancient Blades

Ancient Blades

Das Grab der Elfen (Ancient Blades 2)

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Ancient Blades — Inhalt

In der Metropole der Diebe ist er bekannt wie kein Zweiter: Malden hat unzählige Schandtaten begangen – und sich damit ebenso viele Feinde gemacht. Als er plötzlich untertauchen muss, begleitet er Ritter Croy und Magierin Cythera auf eine gefährliche Mission: In den Gräbern der Elfen, die vor 800 Jahren ausgerottet wurden, regt sich neues Leben. Sind die uralten Feinde der Menschen wieder erwacht? Welche dunklen Kräfte haben dies bewirkt? Und welche Rolle spielt der Fremde, der sich Morget nennt und eine der sieben magischen Klingen der Ancient Blades führt? Malden, Croy und Cythera müssen ihr ganzes Geschick und eine ordentliche Portion Glück aufbieten, um dieses Abenteuer zu überleben.

Erschienen am 12.03.2012
Übersetzer: Andreas Decker
400 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95561-4

Leseprobe zu »Ancient Blades«

PROLOG

 

Der Hieromagus kniete im Licht der aufgehenden unterirdischen roten Sonne, umgeben von seinen Akolythen und Kriegern und den Steinwänden dieses Ortes. Er war sowohl Zauberer als auch Priester und trug ein einfaches Gewand mit klirrenden Glöckchen. Ihr Klang sollte ihn in die reale Welt zurückholen, in die Gegenwart, aber jetzt brachte er sie zum Schweigen. Jetzt musste er sich erinnern.

Die Ahnen sprachen mit ihm. Für die seit langer Zeit Verlorenen war das Vergessen eine Art Tod. Verzweifelt zerrten sie an ihm und versuchten, ihn in die [...]

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PROLOG

 

Der Hieromagus kniete im Licht der aufgehenden unterirdischen roten Sonne, umgeben von seinen Akolythen und Kriegern und den Steinwänden dieses Ortes. Er war sowohl Zauberer als auch Priester und trug ein einfaches Gewand mit klirrenden Glöckchen. Ihr Klang sollte ihn in die reale Welt zurückholen, in die Gegenwart, aber jetzt brachte er sie zum Schweigen. Jetzt musste er sich erinnern.

Die Ahnen sprachen mit ihm. Für die seit langer Zeit Verlorenen war das Vergessen eine Art Tod. Verzweifelt zerrten sie an ihm und versuchten, ihn in die Erinnerungen an uralte Wälder hineinzuziehen, an eine Zeit, bevor die ersten Menschen zu diesem Kontinent kamen. Bevor sein Volk vernichtet worden war, man es vertrieben und vergessen hatte. Er sah ihre großen Schlachten, sah die magischen Werke, die sie erschaffen hatten. Sah die kleinen, zärtlichen Augenblicke, die sie geteilt hatten, wie auch die Schuld und die Scham, die sie hinter sich zu lassen versuchten. Er sah Könige, Königinnen und einfache Leute in anständiger Kleidung. Er sah Aethlinga, die neunundsiebzigste Königin ihrer Dynastie, die später zu so viel Höherem aufgestiegen war. Eine Seherin. Eine Zukunftsdeuterin. Damals, in tiefster Vergangenheit, war sie zum ersten Hieromagus geworden. So wie er der letzte sein würde.

Sein Körper zuckte, seine Lider waren in ständiger Bewegung, als träume er. Eine junge Dienerin tupfte mit einem Stück Schwamm seine Stirn ab. Er wollte sie wegscheuchen, aber versunken in seinen Tagtraum konnte er die Finger bloß den Bruchteil eines Zolls heben.

»Ich kam, sobald ich die Segel sah. Ich wusste, das würdest du mit deinen eigenen Augen sehen wollen«, sagte der Jäger. Gemeinsam erklommen die beiden den bewaldeten Kamm, der sich über dem südlichen Meer erhob. Ein Baum, eine uralte Eberesche, reichte höher als der Rest. Aethlinga war alt und gebrechlich, trotzdem kletterte sie an den Ästen in die Höhe, um besser sehen zu können.

Auf dem Meer verharrten die Schiffe mit gerefften Segeln bewegungslos auf den Wogen; Flüchtlinge drängten sich in den Wanten. Weniger verzweifelt als vermutlich noch zuvor. Sie hatten ihr Ziel erreicht. Unten am Strand legten Boote an, lange schmale Holzboote voller Männer. Behaart, ungewaschen, mit aufgesprungenen, vom Skorbut mit Geschwüren versehenen Lippen. Nach ihrer langen Reise waren ihre Gesichter grimmig und hager.

In den Händen hielten sie Waffen aus Eisen.

»Wer sind sie?«, fragte der Jäger. »Sie haben eine gewisse Ähnlichkeit mit Ogern, aber… was sind sie? Was wollen sie?«

Achthundert Jahre später bewegten sich die Lippen des Hieromagus. »Sie wollen Land. Einen Ort für einen Neuanfang. Was sie sind? Sie sind unser Tod.«

Wo der Hieromagus endete und Aethlinga begann, war schwer auseinanderzuhalten, wenn die Erinnerung ihn gefangen nahm. Er hatte diese spezielle Vision so oft gesehen. Hatte sie seiner Erinnerung anvertraut, denn sich lediglich daran zu erinnern, war ein geheiligter Ritus. Das war die Geschichte seines Volkes. Die eine Sache, die man nie vergessen durfte.

Später, als das erste Scharmützel vorüber war und die Männer aus den Booten blutend und kalt im Sand lagen – die anderen auf den Schiffen aber noch immer auf den Wellen trieben und alles beobachteten –, begab sich Aethlinga zu einem abgeschiedenen Hain, tief versteckt im Wald. Ein Ort, an dem sich die Ahnen um die Äste wanden und ihr Flüstern niemals verstummte. Sie hatte ihre eigenen geheiligten Erinnerungen, die sie sich ins Gedächtnis rufen musste.

Aber jetzt wandte sie sich einem Teich zu, einem einfachen Spiegel. Sie schaute in ihre eigenen Augen. Erschuf ihre eigene Erinnerung. »Ich weiß, dass du das hier sehen wirst«, sagte sie, und sie sprach einen Namen.

Sie sprach den wahren und geheimen Namen des letzten Hieromagus. Diese Erinnerung war für ihn bestimmt.

»Du musst dich daran erinnern. Diesmal nicht an die Vergangenheit, sondern an die Zukunft. Schau nach vorn und finde heraus, was kommen wird. Ich habe es auch gesehen, und du weißt, dass ich nicht darum bäte, wäre es nicht von entscheidender Notwendigkeit.«

Der Körper des Hieromagus, der so weit weg war, verkrampfte sich und zuckte. Die Dienerin wich zurück, weil sie Angst hatte, er könnte zuschlagen und sie vernichten. Das war schon zuvor geschehen.

Manche Erinnerungen waren weniger angenehm als andere, und diese hier war die schlimmste von allen. Dabei war sie keine Erinnerung. Sie war ein Blick in die Zukunft. Für jemanden wie den Hieromagus, der Vergangenheit und Zukunft zugleich sah, hatte dieser Unterschied nur wenig Bedeutung.

Er schaute nach vorn und sah den Ritter. Er sah die bemalte Frau. Er sah den Dieb. Wie er es schon viele Male zuvor getan hatte. Bevor er ihre Bilder wieder aus dem Kopf verbannen konnte. Sich einreden konnte, dass bis zu ihrer Ankunft noch viele Jahre vergehen würden.

Jetzt bedrängten sie ihn, als würden sie ihm in die Ohren brüllen. Er konnte sie nicht länger zurückhalten, und er gab sich auch gar nicht erst Mühe. Er versuchte lediglich, sie voneinander zu trennen, sie nacheinander sprechen zu lassen.

»Manche Dämonen sind kleiner als andere«, sagte die Frau. Sie war es, auch wenn die Bilder von ihrer Haut verschwunden waren, sie war es, und eine krallenartige Hand traf ihre Wange und schleuderte sie zu Boden.

Sie war es, die der Hieromagus suchte, sie war es … aber sie war in der falschen Zeit … sie war noch immer von ihm getrennt und dennoch so nah, so …

Ein Mann mit dem Antlitz eines Priesters, aber den Augen eines Mörders. Er lächelte bloß und sprach kein Wort. Zeigte lediglich die Zähne eines Raubtiers.

Er wagte es nicht, diesen Mann zu lange zu betrachten, nicht einmal in einer Erinnerung.

Zwei Ritter mit demselben Namen; der eine von ihnen gab nur vor, ein Ritter zu sein, war es in Wahrheit gar nicht. Er stellte etwas völlig anderes dar, etwas Verhasstes, und doch war er der Schlüssel zur Befreiung. Ein Aufguss aus Klette, äußerst kostbare Öle, Messwein. Eine Elfenkönigin, die sich in der Art der Huren auf einem Bett herumwälzte.

Nun war es viel näher bei ihm – näher, aber in Fragmente zerfallen. Der Hieromagus trommelte kraftlos mit den Fäusten auf den Boden, versuchte die Erinnerungen – die Vorahnungen – in die richtige Form zu zwingen. In eine Reihenfolge, die er verstehen konnte. Er musste den Pfad erkennen. Er musste für sein Volk eine Wahl treffen.

Drei Schwerter, tödliche Schwerter. Etwas Schlimmeres, etwas bedeutend Schlimmeres, eine Waffe von unfassbarer Zerstörungskraft. Zwei Männer, die ein Fass eine steile Rampe hinaufrollten.

Ja. Ja, er hatte es …

Ein Lichtblitz. Eine grelle Entladung der Macht. Geschmolzener Stein floss durch einen Korridor.

Da, das war die Zukunft, die er suchte. Auf die er so oft einen flüchtigen Blick geworfen hatte, nur um sich voller Angst davon abzuwenden. Von der er sich selbst überzeugt hatte, dass sie noch weit entfernt war.

Dieses Mal musste er die Bilder bis zum Ende sehen. Sie alle.

»Malden!«, rief die bemalte Frau verzweifelt nach ihrem Liebhaber und sah zu, wie er dem sicheren Tod entgegenging. Das Schwert in seiner Hand würde ihm nicht helfen.

So nahe jetzt. Nach so langer Zeit. So vielen Jahren der Furcht vor dem, was da kam. Der verzweifelten Suche nach einer Möglichkeit, es zu verhindern. Während man es doch gar nicht verhindern konnte.

Der menschliche Ritter beugte sich mit hassverzerrtem Gesicht über seine Gegner. Speichel flog von seinen Lippen, als er die in Bronze gekleideten Krieger anbrüllte. »Ihr werdet sterben! Jeder Einzelne von euch wird sterben! Und das ist das Mindeste, das ihr für das verdient habt, was ihr Cythera angetan habt!«

Dieser Hass … der kommende Tod … der Aufruhr …

»Er wusste es«, sagte die bemalte Frau. Ihre Stimme war schwer vom Verlust, voller Entsetzen über die Opfer, die gebracht worden waren. »Der Hieromagus hat die Zukunft gesehen. Er sah das alles hier. Er wusste, dass das, was er sah, nicht geändert werden konnte. Das war für sein Volk die einzige Möglichkeit, um zu überleben.«

Der Hieromagus riss schlagartig die Augen auf.

»Nein!«, brüllte er.

Nein.

Er sah die Toten, die vor ihm aufgeschichtet lagen. Er sah sich selbst, der Hieromagus sah sich durch die eigenen Augen, wie er über Leichenberge kletterte und auf die Gesichter derjenigen trat, die er geliebt hatte.

Nein … nicht so. Dazu konnte es unmöglich kommen, zu einer so drastischen Wende. Und dennoch …

So würde es geschehen. So musste es geschehen.

Die bemalte Frau hatte recht. Was vorausgesehen war, konnte man nicht ändern. Und jetzt gab es nur einen Weg nach vorn. Es war völlig unmöglich, die Richtung zu ändern, auch wenn der Weg von Tod und Zerstörung beherrscht wurde.

Er öffnete den Mund, um zu sprechen. Es fiel so schrecklich schwer, die Worte herauszubekommen. Er fühlte sich so fürchterlich weit weg.

»Sie sind auf dem Weg«, sagte er, und Bewegung kam in die Akolythen und Krieger. Sie tauschten entsetzte Blicke, ergriffen hoffnungsvoll die Hände. »Schon sehr bald kehren sie zu uns zurück.«

Gemurmel und geflüsterte Fragen folgten nun an diesem Ort, an dem die unterirdische Sonne rot brannte. Aber davon bekam der Hieromagus nichts mit, denn seine Erinnerung war noch nicht vollendet. Es gab noch mehr zu sehen.

In dem heiligen Hain betrachtete Aethlinga die Visionen zusammen mit ihm. Die kommenden Ereignisse verzerrten ihr schmales und wunderschönes Gesicht mit Furcht und Trauer. Wegen der Ereignisse, die auf ihn zukamen.

»Sei stark«, sagte sie. »Ich weiß, was wir von dir verlangen. Es ist nicht gerecht – aber du wurdest geboren, um diese Aufgabe zu erfüllen. Aus diesem bitteren Kelch musst du allein trinken. Es tut mir leid.«


TEIL EINS

DIE FLUCHT

 

1

Eine schmale Mondsichel erhellte die Dächer der Freien Stadt Ness, ließ die Glocken in den Spitzen des Turmviertels funkeln und tünchte die Strohdächer im Stinkviertel weiß. Die Schmiedeöfen im Qualmbezirk tosten die ganze Nacht, aber der Rest der Stadt schlief – oder hielt sich hinter verschlossenen Fensterläden in von Kerzen beleuchteten Räumen auf.

Es war jene Zeit der Nacht, in der die Spielhäuser langsam den Betrieb einstellten und die Bordelle ihre Pforten schlossen. Es war jene Zeit, in der ehrliche Männer und Frauen in ihren Betten lagen, um den Schlaf zu finden, den sie für den nächsten langen Arbeitstag brauchten. Von der gewaltigen Arbeiterschar der Stadt ging nur eine Handvoll weiterhin ihrer Tätigkeit nach. Natürlich patrouillierten die Stadtwächter die ganze Nacht lang durch die Straßen. Und natürlich waren Diebe unterwegs.

Malden lief die Dachränder entlang und beeilte sich, zu seiner heimlichen Verabredung zu kommen. Dabei machte er so wenig Lärm wie ein Eichhörnchen, und er gab sich Mühe, nicht von der Straße aus gesehen werden zu können. Trotzdem kam er ausgesprochen schnell voran, als er von einem Dach zum anderen sprang und Wegen folgte, die er dank jahrelanger Übung kannte; er wusste, ohne hinzusehen, wohin er die Füße setzen musste, und an welchen Stellen ein Dach zu schwach geworden war, um sein Gewicht zu tragen. Er tanzte zwischen den Türmen, schwang sich an Steinsimsen über schmale Gassen. Sein Weg führte ihn um die große offene Fläche des Marktplatzes herum und dann weiter hügelabwärts über die Dächer der Herrenhäuser auf dem Goldenen Hügel. Er war seinem Ziel schon sehr nahe, als er unter der ledernen Schuhsohle fühlte, wie ein Dachziegel brach.

Augenblicklich erstarrte er und nahm das Gewicht von dem zerbrochenen Ziegel, während der Rest seines Körpers noch immer schwankend nach seinem Gleichgewicht suchte. Er bückte sich und schnappte sich den zerbrochenen Ziegel, bevor der nach unten auf die Straße stürzen und Lärm verursachen konnte. Betont vorsichtig legte er die Trümmer in die Dachrinne, dann eilte er weiter. Es war fast Mitternacht.

Er erreichte sein Ziel und klammerte sich an einen qualmenden Schornstein, duckte sich gegen die Dachziegel, um seine Silhouette zu verbergen. Er war da. Er ließ den Blick über die Häuser in seiner Umgebung schweifen – seine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt – und hielt nach jeder Art von Bewegung Ausschau. In der Gasse zwanzig Fuß unter sich erspähte er eine Ratte, zwei Häuserblöcke weiter umkreisten Fledermäuse einen Kirchturm. Und dann entdeckte er, was er suchte.

Auf der anderen Straßenseite kletterten drei schwarz gekleidete Männer an der Seite eines Hauses ein Abflussrohr hinauf. Als der oberste ein Fenster im zweiten Stock erreichte, wickelte er sich einen Lappen um die Hand und schlug das Glas ein.

Es war laut genug, um jede Katze aus der Gasse unter ihnen zu verscheuchen. Malden zuckte vor Mitgefühl zusammen. War er je so laut gewesen? Aus langer Erfahrung wusste er genau, wie sich die drei Diebe fühlen mussten. Das Blut würde in ihren Adern pochen, ihr Herzschlag wäre der größte Laut, den sie hörten. Das, was sie nun taten, konnte sie alle an den Galgen bringen, nach einem schnellen Verfahren, das kaum mehr als eine Formalität darstellte.

Der Oberste – das musste der Anführer sein – griff durch das Glas und öffnete den Riegel. Er stieß die Fensterflügel weit auf und verschwand in dem dunklen Haus. Die anderen beiden Männer folgten ihm.

Malden veränderte vorsichtig seine Position, um dafür zu sorgen, dass seine Beine während der Wartezeit nicht verkrampften. Er musste den Männern die nötige Zeit geben, damit sie ihre Arbeit richtig erledigten. Im Fenster daneben erschien plötzlich ein Licht, dann bewegte es sich unruhig durch das Haus. Die Diebe nahmen sich Zeit bei der Arbeit, vielleicht weil sie sichergehen wollten, nichts zu übersehen.

Vor Ungeduld schnaubend, wünschte sich Malden, sie würden sich beeilen. Unten auf der Straße kam ein Stadtwächter in die Richtung. Auf seinen Umhang waren Augen aufgestickt. Am Ende seiner Stangenwaffe baumelte eine Laterne. Der Mann hatte kaum einen Blick für die Häuser auf beiden Seiten übrig, aber sollte er den Kerzenschein sehen, der sich so verstohlen durch ein ansonsten völlig dunkles Haus bewegte, würde das möglicherweise sein Misstrauen wecken.

Malden wäre schlau genug gewesen, eine abgedunkelte Laterne mit einem Schieber vor dem Licht mitzubringen und den Strahl nur zu benutzen, wenn es absolut notwendig war. Natürlich hätte er das Haus mittlerweile bereits wieder verlassen. Und er hätte für ein Gebäude dieser Größe auch keine zwei Komplizen gebraucht.

Die Diebe hatten Glück – der Wächter bekam nichts mit. Er ging an dem Haus vorbei, ohne einen Blick darauf zu werfen. Als Malden sicher war, dass der Mann außer Hörweite war, stand er vorsichtig auf und trat ein paar Schritte zurück, um Anlauf zu nehmen. Mit einem schnellen Sprung überquerte er die Gasse und landete auf dem Dach des dunklen Hauses.

Die Diebe befanden sich im Erdgeschoss. Vermutlich hörten sie ihn nicht, denn Maldens Landung erfolgte so leise wie die einer Taube. Er ließ sich am Dachrand hinunter und stellte die Füße vorsichtig auf der Fensterbank ab, dann glitt er mühelos hinein.

Er nahm sich einen Moment, um sich mit der neuen Umgebung vertraut zu machen. Er befand sich in einem Schlafzimmer, vermutlich das des Hausherrn. Das Bett hatte ein Dach aus Brokatstoff, wohl um Ungeziefer davon abzuhalten, seine Benutzer zu belästigen. Der Boden war mit Schilf bestreut, das man mit einem Duftwasser behandelt hatte. An der einen Wand standen zwei Holzstühle und eine Waschschüssel. Unter dem Bett entdeckte Malden einen Nachttopf.

Er konnte die Diebe im Erdgeschoss hören. Dabei fragte er sich, wie schlau sie wohl waren. Er musste eine Entscheidung treffen. Wenn sie auch nur einen Funken Verstand hatten, würden sie das Haus auf dem Weg verlassen, auf dem sie gekommen waren. So wenig Spuren des Einbruchs hinterlassen wie nur möglich. Waren sie dumm, würden sie durch die Küchentür im Erdgeschoss gehen. Vermutlich der einfachere Fluchtweg, aber das würde sie in das Blickfeld der Fenster von vier anderen Häusern bringen – und damit möglicherweise in das einer unbekannten Zahl von Augenzeugen.

Nein, dachte Malden. So dumm würde diese Gruppe nicht sein. Cutbill, der Meister der Diebesgilde von Ness und damit auch sein Meister, hielt stets nach neuem Talent im kriminellen Handwerk Ausschau. Von allen freiberuflichen Dieben in der Stadt hatte er diese Männer als Maldens nächsten Auftrag herausgepickt. Und Cutbill schickte ihn nie ohne gute Gründe auf eine solche Mission.

Also würden sie wieder durch das obere Fenster hinauswollen. Was bedeutete, dass er noch etwas warten musste. Er schlug den Umhang zurück und enthüllte die Ahle in ihrer Scheide an seinem Gürtel. Dann griff er in den langen Holzkasten, den er am Oberschenkel festgeschnallt trug, und zog drei schlanke Pfeile hervor. Dabei gab er sich beträchtliche Mühe, nicht mit ihren Spitzen in Berührung zu kommen.

»Los, los, Beeilung!«, zischte einer der Diebe auf der Treppe. Ein anderer murmelte einen Fluch. Es ertönte das vertraute Klirren von metallischen Gegenständen in einem Sack. Und dann trat der Erste von ihnen in das Schlafzimmer und spähte nur für alle Fälle in die Schatten.

Allerdings dachte er nicht daran, nach unten zu sehen, also trat er direkt in den Nachttopf, den Malden vor die Tür gestellt hatte.

»Hurensohn!«, heulte der Dieb auf, als er ins Zimmer stolperte und an Malden vorbeischoss, der flach auf dem Bett lag. Die anderen beiden eilten hinter ihrem Gefährten her. Der eine hielt die Kerze in die Höhe, der andere hatte ein bösartig aussehendes Messer in der Hand. Jeder von ihnen schleppte einen prall gefüllten Sack mit sich.

»Was ist los?«, wollte der mit der Kerze wissen. Im flackernden Lichtschein wirkte sein Gesicht ganz gelb, und seine Augen funkelten.

Der mit dem Messer war schneller und entdeckte Malden, der sich gerade auf dem Bett aufsetzte. »Man hat uns ertappt!«, rief er aus und stürzte mit erhobenem Messer auf ihn zu.

Malden ließ die Hand vorschnellen, und ein Pfeil bohrte sich in die Brust des Messermannes, direkt über dem Herzen. Als der Kerzenhalter den Kopf wandte, warf Malden den zweiten Pfeil und erwischte ihn am Hals.

Der Mann, der über den Nachttopf gestolpert war, kam gerade wieder auf die Füße, als Malden den dritten Pfeil hob. Der Dieb wollte furchtsam aufschreien, doch Malden hatte seinen Wurf schon ausgeführt. Der Pfeil traf seine Zunge, und er verstummte.

Die drei Diebe sahen sich an und wussten, dass alles vorbei war. Ein Gesicht nach dem anderen erschlaffte. Dann landeten sie mit einem dreifachen Dröhnen auf den Bodendielen.

Als Malden sicher war, dass sie alle unschädlich waren, erhob er sich vom Bett und kümmerte sich um ihre Säcke, um zu sehen, was sie ihm für hübsch funkelnde Geschenke gebracht hatten.

Über David Chandler

Biographie

David Chandler wurde in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren und lebt in New York. Nachdem er für die Vereinten Nationen arbeitete, schreibt er heute phantastische Romane. Bei Piper erschien seine High-Fantasy-Reihe »Ancient Blades«, welche die aufregenden Abenteuer des Diebes Malden, des Ritters Croy...

Pressestimmen

Belles Leseinsel

»Auch der 2. Band der Trilogie kann wieder mit einer spannenden, mitreißenden Story und wunderbar beschriebenen Charakteren überzeugen.«

Phantastik-Couch.de

»Das hat Tempo, jede Menge Dramatik, setzt bekannte Versatzstücke zu etwas Eigenem zusammen und bietet dem Leser gute Unterhaltung.«

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