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An jenem Tag in ParisAn jenem Tag in Paris

An jenem Tag in Paris

Alex George
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Roman

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An jenem Tag in Paris — Inhalt

Ein Tag in der Stadt der Lichter. Eine Nacht auf der Suche nach der verlorenen Zeit.
Paris, 1927. Eine Stadt, die von berühmten Künstlern, Schriftstellern und Musikern wimmelt, ein wahrer Schmelztiegel des Genies. Inmitten dieser schillernden Stadt ringen vier ganz normale Menschen mit ihren Geheimnissen: die ehemalige Haushälterin von Marcel Proust, die heimlich eines seiner Tagebücher behalten hat und es jetzt verzweifelt sucht; ein Journalist, der nicht aufhören kann, in den Gesichtern der Pariser nach etwas ganz Bestimmtem Ausschau zu halten; ein liebeskranker Künstler, dessen einzig geldbringendes Gemälde eigentlich unverkäuflich ist; und ein armenischer Flüchtling, der Tag für Tag ein ungewöhnliches Marionettentheater betreibt. Ihre Wege werden sich im Laufe eines einzigen Tages auf unvergessliche Weise kreuzen …

Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an Paris, eine anspruchsvolle Erzählung auf höchstem Niveau und zugleich ein wunderschön betörendes und raffiniert geschriebenes Werk, in dem Gertrude Stein, Josephine Baker und Ernest Hemingway zur Abwechslung einmal die Nebenrollen spielen. Perfekt für die Leser von Christy Lefteri und Anthony Doerr! 

„Faszinierend ... Indem er fiktive Charaktere und historische Figuren mit der gleichen Lebendigkeit heraufbeschwört und sich wiederholende Motive klug einsetzt, vereint George seine Erzählstränge in einer überraschenden und doch völlig überzeugenden Auflösung. Elegant und eindringlich, wird dieses Buch einen besonderen Reiz für Paris-Liebhaber und Fans von Paula McLains ›Madame Hemingway‹ haben.“ Publishers Weekly

„Was für ein Konzept! George springt gekonnt zwischen verschiedenen Plots hin und her und führt sie im Laufe des Abends immer näher zusammen. Der Zunder ist gelegt und das Feuer wird entfacht, während die Handlung im ausgelassenen Nachtleben von Montmartre gipfelt.“ The New York Times

»Ein aus dem Feuer gezogenes Notizbuch, ein vermisstes Kind, eine belastende Schuld, eine traumatische Erinnerung: Aus diesen Elementen entwirft Alex George meisterhaft eine Geschichte von verzweifelten, trauernden Menschen, die Trost, Erlösung und Antworten auf die Fragen suchen, die sie plagen. Wie Anthony Doerrs ›Alles Licht, das wir nicht sehen‹, zeichnet ›An jenem Tag in Paris‹ die Brutalität des Krieges und seine anhaltenden Nachwirkungen mit filmischer Intensität nach. Das Ende wird Sie sprachlos machen.« Christina Baker Kline, Autorin des Bestsellers „Der Zug der Waisen“

„George schreibt ergreifend über menschliche Beziehungen, über verlorene und wiedergefundene. Seine lebendige Schilderung der Leben, die sich im Paris des frühen 20. Jahrhunderts kreuzen, wird Sie mit seiner Poesie begeistern und mit seiner Menschlichkeit berühren. Die Hauptfiguren sind so schön gezeichnet, dass sie Ihnen noch lange nach dem Ende der Geschichte im Gedächtnis bleiben werden.“ Melanie Benjamin, Autorin von „Die Königin des Ritz“

„Eine vollkommen fesselnde Geschichte! Alex George beschwört auf brillante Weise eine Zwischenkriegswelt voller unvergesslicher Figuren herauf. Ein Buch mit Paris als Herzstück, das ich gelesen habe ohne innezuhalten, weil ich unbedingt herausfinden wollte, ob diese wunderbaren Figuren dem Schmerz ihrer Vergangenheit würden entkommen können.“ Will Schwalbe

Der gebürtige Engländer Alex George studierte Rechtswissenschaften an der Universität Oxford. Als Jugendlicher ging er in den nördlichen Vororten von Paris zur Schule, später arbeitete er als Wirtschaftsanwalt in Paris und London. Mittlerweile lebt er mit seiner Familie im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten. Er ist Gründer und Leiter des „Unbound Book Festival“ und Inhaber einer unabhängigen Buchhandlung in der Innenstadt von Columbia, Missouri.

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 03.05.2021
Übersetzt von: Sabine Thiele
400 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-86612-494-3
Download Cover
€ 16,99 [D], € 16,99 [A]
Erschienen am 03.05.2021
Übersetzt von: Sabine Thiele
400 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99811-6
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Leseprobe zu „An jenem Tag in Paris“

Kapitel 1
Stiche

Der Armenier arbeitet im Licht einer einzelnen Kerze. Vor ihm auf dem Tisch liegen seine Werkzeuge: eine Spule mit Baumwollfaden, ein rechteckiges Stück Stoff, eine Schere, eine Nadel.

Die Flamme flackert, die Schatten wandern wie tanzende Geister über die Wände des winzigen Zimmers. Souren Balakian faltet den Stoff in der Mitte, überprüft, ob die Kanten sauber aufeinanderliegen, dann nimmt er die Schere. Er spürt den Widerstand unter den Fingern, als die Stahlklingen in das Material schneiden. Wie immer genießt er diesen kleinen Moment [...]

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Kapitel 1
Stiche

Der Armenier arbeitet im Licht einer einzelnen Kerze. Vor ihm auf dem Tisch liegen seine Werkzeuge: eine Spule mit Baumwollfaden, ein rechteckiges Stück Stoff, eine Schere, eine Nadel.

Die Flamme flackert, die Schatten wandern wie tanzende Geister über die Wände des winzigen Zimmers. Souren Balakian faltet den Stoff in der Mitte, überprüft, ob die Kanten sauber aufeinanderliegen, dann nimmt er die Schere. Er spürt den Widerstand unter den Fingern, als die Stahlklingen in das Material schneiden. Wie immer genießt er diesen kleinen Moment des Trotzes, bevor er leichten Druck ausübt und die Schere durch den doppelt gelegten Stoff gleitet. Er führt sie einen wohlbekannten Umriss entlang und vertraut dabei allein auf sein Augenmaß. Unzählige Male schon hat er diese Arbeit ausgeführt, in so vielen Nächten, dass er nichts mehr messen muss. Torso, Arme und der Halsausschnitt – ein weiter Bogen, um Platz für den übergroßen Kopf zu schaffen.

Als er fertig ist, liegen zwei identische Stoffstücke auf dem Tisch vor ihm. Er wischt die Reste auf den Boden und greift zu Nadel und Faden. Auf die Trennung folgt die Wiedervereinigung. Er hält die zwei Stoffstücke exakt übereinander und schiebt die Nadel durch beide Schichten. Dann zieht er den Faden fest. Als würde er sein Leben wieder zusammensetzen, so wild entschlossen arbeitet er. Er kneift die Augen zusammen und achtet auf eine gleichmäßige Länge der Stiche. Als er fertig ist, reißt er den Faden mit einer scharfen Drehung seiner Finger ab und hält das Kleidungsstück mit einem zufriedenen Laut ins Halbdunkel.

Nacht für Nacht sitzt Souren an seiner Werkbank und näht ein neues Gewand. Am nächsten Abend wird es verschwunden sein, eine Wolke aus grauer Asche im Wind, und dann wird er sich hinsetzen und wieder eines nähen.

Er legt das fertige Kleidungsstück auf den Tisch, steht auf und mustert die Reihen blickloser Augen, die in den Raum starren. Handpuppen mit hölzernen Köpfen hängen nebeneinander an der Wand. Beleibte Könige und wunderschöne Prinzessinnen. Tapfere Männer mit gefährlichen Augen, eine hagere Hexe mit Warzen am hässlichen Kinn. Pausbäckige Kinder mit Augen, die zu groß und zu unschuldig für diese kunterbunte Truppe sind. Ein Wolf.

Sie alle sind jetzt Sourens Familie.

Er nimmt einen Jungen namens Hector vom Haken und trägt ihn zum Tisch, wo er ihm die soeben genähte Tunika über den Kopf zieht. Er dreht die Puppe zu sich und begutachtet sein Werk. Hector ist ein hübscher Bursche mit einer Knopfnase und rosigen Wangen. Das Gewand passt ihm gut. Die Puppe verbeugt sich ein wenig und winkt ihm zu.

„Ah, Hector“, flüstert Souren traurig. „Du freust dich immer so, mich zu sehen, auch wenn du weißt, was dir bevorsteht.“ Er sieht auf die Uhr an der Wand. Mitternacht ist schon lange vorbei. Der neue Tag hat bereits begonnen.

Jeden Abend kämpft Souren so lange wie möglich gegen den Schlaf an. Er arbeitet bis spät in die Nacht, verpasst den Puppen einen neuen Anstrich und näht ihnen im Kerzenlicht neue Kleider. Bis ihm die Augen zufallen, bleibt er an seiner Werkbank. Das Unausweichliche kann er nicht ewig von sich fernhalten. Seine geliebten Puppen können ihn nicht vor den Dämonen beschützen, die ihn durch die dunkelsten Tiefen der Nacht verfolgen.

Am Ende holen ihn seine Träume immer ein.

Kapitel 2
Ein unangenehmes Erwachen

Tock-tock-tock.

Guillaume Blanc setzt sich abrupt im Bett auf. Sein Herz hämmert gegen die Rippen, sein Atem geht hektisch und stoßweise. Er sieht zur Tür und wartet auf die nächste Attacke.

Die geflüsterten Worte, die er durch die Tür gehört hat, dröhnen jetzt laut in seinen Ohren: drei Tage.

Tock-tock-tock.

Er lässt die Schultern sinken. Niemand klopft, nicht heute. Das Geräusch kommt aus der Nähe. Guillaume dreht sich um und späht durch das Fenster über dem Bett. Das erste Morgenlicht überzieht den Himmel. Von hier oben im sechsten Stock erstrecken sich die Dächer der Stadt unter ihm, ein glitzerndes Füllhorn aus Schiefer und Glas, ein Teppich aus Kuppeln und Türmen. Da ist der Übeltäter: ein Specht mit üppig schwarz-weiß-rotem Gefieder. Er kauert auf halber Höhe am Fensterrahmen, starrt mit schwarz glänzenden Augen auf das Holz, als überlege er, was er als Nächstes tun soll.

Tock-tock-tock.

Es ist früh, viel zu früh, als dass an diesem Morgen etwas Gutes passieren könnte.

Das Adrenalin ebbt ab, und Guillaume spürt seine pochenden Schläfen. Er rollt sich herum, entdeckt ein Glas mit milchigem Wasser auf dem Boden neben dem Bett und trinkt es durstig aus. Mit seiner schmutzigen Handfläche reibt er sich über die Stirn. Ein Ozean aus Schmerz, genug, um darin zu ertrinken. Eine leere Weinflasche liegt in der Mitte des kleinen Zimmers. Er hat sie aus der hintersten Reihe in Madame Cuillasses Küchenschrank genommen, als er am Abend zuvor ins Haus gestolpert war. Sie war mit Staub überzogen und in Vergessenheit geraten, nicht einmal gut genug für ihr Coq au Vin. Doch Guillaume war schon zu betrunken, um sich noch darum zu scheren.

Tock-tock-tock.

Der Specht scheint auf Guillaumes Nasenspitze zu sitzen und ihm den scharfen kleinen Schnabel genau zwischen die Augen zu rammen. Wie bezeichnend für sein Glück, denkt er. So ein Vogel hat in den schmutzigen, engen Straßen von Montmartre nichts zu suchen. Er sollte frei mit seinen Brüdern und Schwestern im Bois de Boulogne herumfliegen, fröhlich auf Baumstämme einhämmern und nicht den Fensterrahmen von Guillaumes Atelier malträtieren. Und trotzdem ist er hier.

Tock-tock-tock.

Der Kopf des Spechts verschwimmt beim erneuten, rasend schnellen Angriff auf den Fensterrahmen, dann wieder verharrt er bewegungslos. Was geht ihm in solchen Momenten nachdenklicher Stille durch den Kopf?, wundert sich Guillaume. Fragt sich der Specht: Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht auf Holz einhacke? Bin ich dann – Gott bewahre – nur ein Vogel?

Drei Tage.

Guillaume stöhnt leise. Blitze explodieren hinter seinen Augen. Seine Gedanken wandern zurück zur vergangenen Nacht. Er marschierte durch Montmartre und versuchte verzweifelt, seinen Problemen zu entfliehen, als er Emile Brataille allein in der Bar am Ende der Straße sitzen sah. Brataille ist ein Kunsthändler, der einen Großteil seiner Zeit am Tresen des Cafés Closerie des Lilas verbringt, den Sammlern und Künstlern Honig ums Maul schmiert, Geschäfte macht und bei jedem verkauften Gemälde eine fette Provision einstreicht. In Montmartre gibt es für ihn nichts mehr zu tun: Die Maler, deren Werke an den Wänden seiner prunkvollen Galerie am Boulevard Raspail hängen, haben Guillaumes quartier gegen die belaubten Boulevards von Montparnasse eingetauscht, wo der Wein besser ist, die Austern fetter, die Frauen schöner. Guillaume schob die Tür auf und setzte sich auf den Stuhl neben Brataille.

Der Alkohol schwappt noch immer träge durch seine Adern. Wie viel haben sie in dieser Nacht eigentlich getrunken?

Nachdem sie drei oder vier Karaffen geleert hatten, machte Emile Brataille sein trauriges Geständnis: Er war nach Montmartre gekommen, um Thérèse seine Liebe zu gestehen, doch sie wollte nichts von ihm wissen. Und jetzt saß er hier und ertränkte seine Trauer.

Thérèse ist eine Prostituierte, die an der Ecke Rue des Abbesses und Rue Ravignan arbeitet, neben dem Le Chat Blanc. Guillaume kennt sie, wenn auch nicht durch ihren Beruf: Er hat sie schon oft gemalt. Befeuert vom Wein schmückte er diese Bekanntschaft zu einer ergebenen Freundschaft aus und bot Brataille an, er könne vielleicht ein gutes Wort für ihn einlegen. Da weinte der Kunsthändler betrunkene Tränen der Dankbarkeit. Wie kann ich mich dafür je erkenntlich zeigen?, fragte er. Guillaume kratzte sich am Kinn. Du kennst nicht zufällig ein paar reiche, Kunst liebende Amerikaner, oder?

Brataille begann zu lachen.

Und so waren sie im Geschäft. Guillaume würde mit Thérèse reden, und im Gegenzug würde Brataille ein paar reiche Ausländer zu ihm schicken. Und wer wusste schon, was sich daraus ergab? Wunder geschahen: Der versoffene Bock Soutine hatte einen amerikanischen Arzt überzeugt, jedes verdammte Gemälde zu kaufen, das er je produziert hatte. Guillaume prostete dem Kunsthändler zu, den er nicht besonders mochte, und mit jedem Schluck Wein wurde der Weg zum Erfolg immer deutlicher. Seine betrunkene Fantasie jagte geradewegs auf eine Zukunft voller Ruhm und unermesslicher Reichtümer zu.

An den Heimweg kann er sich nicht erinnern.

Die Euphorie hat die Nacht nicht überlebt.

Die flüsternde Stimme vor der Tür. Drei Tage.

Heute ist der dritte Tag.

Kapitel 3
Rhapsodie

Jean-Paul Maillard schließt die Augen und träumt von Amerika.

Mit einem hauchfeinen statischen Seufzen setzt die Nadel auf der rotierenden Schallplatte auf.

Verzaubert lauscht er der Musik.

Diese Klarinette! Der erste leise Triller voller Verheißung – dann das Solo, das sich in den Himmel hinaufschraubt und geschmeidig durch die Register schwebt. Als diese ekstatische hohe Note, die so klar und wunderschön ist, seine Ohren erreicht, ist Jean-Paul bereits weit weg.

Er fliegt durch das offene Fenster auf die Rue Barbette und über die Kopfsteinpflasterstraßen des Marais, immer weiter nach Westen. Im nächsten Moment ist er über den dunklen Weiten des Atlantiks.

Die Musik lockt ihn, nimmt ihn mit sich.

Er schwebt hoch über der Stadt mit ihren Wolkenkratzern, die von ihm erobert werden will. Im vorwärtstreibenden Zusammenspiel des Orchesters hört er das tiefe, einschmeichelnde Rattern eines Zugs der Linie A nach Harlem. In den glühenden Arpeggio-Attacken des Klaviers ahnt er neue Welten. Bilder streichen an ihm vorbei wie der Verkehr, der die pfeilgeraden Straßen entlangströmt. Perfekte Reihen von hüft- und beinschwingenden Revuetänzerinnen, deren kirschrote Lippen im Scheinwerferlicht glänzen. Ein livrierter Türsteher eilt auf die belebte Straße und hält ein Taxi an. Elegante Damen treten durch die Türen des Kaufhauses Bergdorf Goodman. Nach der neuesten Mode gekleidete Männer mit Two-Tone-Schuhen, die Hüte tief ins Gesicht gezogen, stecken an einer Straßenecke die Köpfe zusammen.

Wenn Jean-Paul Maillard von Amerika träumt, dann von New York City.

Doch die überwältigenden Synkopen enden irgendwann. Die Musik verstummt, der Zauber ist gebrochen. Zögernd öffnet Jean-Paul die Augen. Amerika hat sich wieder aus seiner schäbigen französischen Wohnung zurückgezogen. Er sieht sich um. Früher einmal war es hier so hell und ordentlich, so sauber. Jetzt ist jede Oberfläche mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Die Tapete schält sich langsam von den Wänden. Ein dunkelbrauner Fleck hat eine Ecke der Zimmerdecke erobert. Die Schallplatte dreht sich immer noch auf dem Grammophon. Die Stille wird sanft von dem weichen, rhythmischen Sprung der Nadel auf dem Vinyl unterbrochen, so regelmäßig wie ein Herzschlag. Jean-Paul steht nicht auf, um das Grammophon auszuschalten. Ihm gefällt das Geräusch.

Das dämmrige Morgenlicht fällt durch das Fenster. Es ist Jahre her, dass Jean-Paul eine Nacht durchgeschlafen hat. Jeden Tag reißt ihn sein kaputtes Bein in den frühen Morgenstunden aus dem Schlaf. Dann sitzt er in seinem Lehnsessel, hört George Gershwin und denkt an die Lichter von Manhattan.

Soldaten waren die ersten Amerikaner, denen er begegnete. Seine Aufgabe war es, über ausländische Truppen zu berichten, die in Frankreich kämpfen sollten. Dafür besuchte er ein Militärkrankenhaus, in dem sich Soldaten von ihren Kriegsverletzungen erholten. Trotz ihrer schwerbeschädigten Körper waren sie überraschend fröhlich. Diese jungen Männer kamen aus Gegenden, von denen Jean-Paul noch nie gehört hatte – Maine, Missouri, Montana –, und befanden sich auf dem ersten großen Abenteuer ihres Lebens. Auf fremdem Boden für den Frieden zu kämpfen – was konnte aufregender sein? Sie waren so groß, so gut aussehend, so völlig frei von Zweifeln. Nicht einmal die Verletzungen konnten dem Glauben dieser Männer an ihr großartiges persönliches Schicksal etwas anhaben. Jean-Paul war gefangen in seinen Erinnerungen an das Gemetzel auf den Schlachtfeldern im Norden des Landes, doch die Amerikaner ließen das alles mühelos hinter sich, abgelenkt von den Verheißungen der Zukunft.

Amerika: Das war für Jean-Paul ein Synonym der Hoffnung.

Diese jungen Soldaten erschufen ganze Welten in ihren Köpfen, während sie sich in ihren Krankenhausbetten erholten. Sie träumten von Geld, Autos und Liebe – aber vor allem von Geld. Le rêve américain – der amerikanische Traum beherrschte ihre fieberhaften Fantasien. Sie malten sich ihre Zukunft in den prächtigsten Farben aus, stärkten ihre aufwendigen Traumgebilde mit der Kraft ihres jungen Willens gegen die unnachgiebige Realität. Es kümmerte sie nicht, wie unwahrscheinlich das alles war. Optimismus in diesem geradezu überirdischen Ausmaß war eine Kunst, und die verwundeten Kadetten bildeten keine Ausnahme. Das ganze Land scheint ein verblüffendes, ein geradezu überwältigendes Talent dafür zu haben. Nichts von dem Zynismus, vom Überdruss an der Welt ist da zu spüren, der den Einwohnern des müden, alten Frankreichs die Kraft raubt; Amerika ist zu unerfahren, um es besser zu wissen. Natürlich muss Jean-Paul dieses Land lieben. Seit dem Ostersonntag 1918 weiß er nur zu gut, was es heißt, eigentlich keine Chance zu haben.

Mit einer Grimasse hievt er sich auf die Füße. Sein Knie knackt in grellem Schmerz. Mittlerweile hätte er in der brutalen Vertrautheit der Qualen eine Art morbiden Trost finden müssen, doch immer noch stöhnt er jeden Morgen in frischem Entsetzen. Er hinkt zum Badezimmer.

Zeit, sich einem neuen Tag zu stellen.

Kapitel 4
Ritual und Gedenken

Die Frau und ihre Tochter verlassen die Metro-Station und bleiben einen Moment am Kopf der Treppe stehen. Die Frau blickt in den wolkenlosen blauen Himmel. Als sie von ihrem Hotel aufgebrochen sind, hat das erste Licht des Tages die Straßen von Saint-Germain noch kaum erhellt. Jetzt scheint die Sonne. Es wird ein warmer Tag.

Auf der anderen Seite des Boulevard de Ménilmontant befindet sich ein Café, das zu dieser Stunde bis auf ein, zwei Frühaufsteher leer ist, die sich über dampfende Tassen mit Kaffee beugen, und einen Kellner, der hinter dem Tresen Gläser poliert. Die Morgenbrise weht den buttrigen Geruch nach frisch gebackenen Croissants herüber. Das Mädchen umklammert einen kleinen Kamelienstrauß. Im Gegensatz zur Schönheit des Morgens ist sein Gesicht eine einzige Gewitterwolke. Die Frau blickt auf ihre wütende Tochter hinunter und bedauert – nicht zum ersten Mal –, darauf bestanden zu haben, dass sie sie heute begleitet. Kurz überlegt sie, ihren Plan aufzugeben, sie kann später immer noch allein wiederkommen.

Das Mädchen deutet über die Straße. „Kann ich ein Croissant haben?“, fragt es.

Es ist unglaublich, denkt die Frau, wie Kinder so viel übellaunige Ablehnung in fünf einfache Wörter legen können. Frische Entschlossenheit lässt sie den Rücken straffen. „Nein, Marie“, antwortet sie scharf. „Kein Croissant. Komm weiter.“

Das darauffolgende Seufzen drückt zu gleichen Teilen Wut und triumphale Bestätigung aus. Natürlich bekommt sie kein Croissant.

Zu dieser Uhrzeit ist die Avenue Gambetta verlassen, bis auf einen Taubenschwarm, der müßig auf dem Gehsteig herumpickt. Schweigend gehen die beiden die Anhöhe hinauf. Die hohen Mauern des Friedhofs werfen Schatten auf die Straße. Er wird erst in ein paar Stunden geöffnet, doch in der nordwestlichen Ecke befindet sich, halb verborgen hinter einer bröckelnden Mauer, ein kleines Tor, das unbewacht und unverschlossen ist.

„Ich verstehe immer noch nicht, warum du Blumen auf das Grab legen willst“, sagt das Mädchen, bestimmt zum zehnten Mal heute Morgen.

„Weil wir, ma chérie, so die Toten ehren.“

„Aber er weiß doch gar nicht, dass die Blumen da liegen.“

„Vielleicht nicht. Aber alle anderen, die sein Grab besuchen, werden sie sehen.“

Noch ein ungläubiges Seufzen. „Wer besucht denn das Grab außer dir?“

„Ich glaube, du wärst überrascht.“

Marie schweigt. Sie ist nie überrascht. Sie ist zehn Jahre alt. Sie weiß alles.

Endlich, das Tor. Die Frau sieht sich um, ob man sie beobachtet, und scheucht erst ihre Tochter hindurch, dann folgt sie selbst.

Um diese Uhrzeit ist der Friedhof der friedlichste Ort von Paris. Keine Trauernden wandern mit gebeugtem Rücken zwischen den Grabsteinen umher. Nirgends sind Gärtner bei der Arbeit zu sehen. Die Vögel schweigen, sie haben ihr Tagwerk noch nicht begonnen. Selbst die Blätter hängen reglos an den Bäumen.

Ein Meer aus Krypten und Mausoleen erstreckt sich auf der Anhöhe vor ihnen. Die Frau betrachtet den polierten Marmor, der in der Morgensonne glänzt. Der Friedhof ist eine eigene Stadt, mit Vierteln und Straßen, dauerhaften Bewohnern und Besuchern. Sie geht einen Schotterweg entlang, Marie hinter ihr her, ihre Seufzer ein leises Crescendo der Empörung.

Nur ein Mal, denkt die Frau traurig. Nur ein Mal sollte sie mitkommen, damit sie es versteht.

Sie hält nicht inne, um die Grabsprüche von Fremden zu lesen oder die imposanten Familiengrabstätten der Pariser Aristokratie zu bewundern. Sie geht an den Reihen weinender Steinengel vorbei, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen.

„Maman!“, keucht Marie und eilt ihr außer Atem hinterher. „Warte auf mich!“

Doch sie wartet nicht.

Endlich erreicht sie ihr Ziel, einen eleganten, liegenden Block aus schwarzem Marmor mit einfacher Goldinschrift:

MARCEL PROUST

1871–1922

Neunzehnhundertzweiundzwanzig. Seit fünf Jahren kommt sie schon her.Das ist alles. Inmitten all diesen kunstvollen Flehens um Unsterblichkeit ziert den Stein nicht einmal ein bescheidenes „écrivain“ – „Schriftsteller“. 

Atemlos holt ihre Tochter sie ein. Sie ist gerannt, will nicht allein auf dem Friedhof sein.

„Schau, Marie, es war noch jemand hier. Siehst du?“ Eine Handvoll Iris liegt auf dem Grab verstreut, doch die Blumen sind verwelkt und tot, die Blütenblätter ein trauriges Mosaik aus verblichenem Lavendelblau. Die Frau wischt sie beiseite, nimmt ihrer Tochter den Strauß aus der Hand und arrangiert die Kamelien auf dem Marmor.

Dann kniet sich Camille Clermont vor den Grabstein ihres toten Arbeitgebers und beginnt zu weinen. Sie versucht, die Tränen vor ihrer Tochter zu verbergen, doch sie ist zu langsam.

„Maman“, flüstert Marie. „Was ist los?“ Beim Anblick der weinenden Mutter vergisst das Kind seine Feindseligkeit. Jetzt ist das Mädchen besorgt und bekümmert, voller Angst, was Camille nur noch stärker weinen lässt.

„Ich vermisse ihn, Marie“, sagt sie und erhebt sich. „Ich vermisse ihn jeden Tag.“

„War er ein netter Mann?“

„O ja. Er war sehr nett. Sehr freundlich. Ich wünschte, du hättest ihn besser kennengelernt.“ Sie lächelt ihrer Tochter zu. „Aber er fand, an Kindern sollte man sich am besten aus der Entfernung erfreuen.“

„Hatte er denn keine?“

„Lieber Himmel, nein.“ Camille lacht und schüttelt den Kopf. „Er hatte die Figuren in seinen Büchern. Das waren seine Kinder, vermute ich.“

„Hast du ihn geliebt?“, flüstert Marie.

„Sehr.“

„Mehr als papa?“

„O nein. Auf keinen Fall mehr als papa. Und auf ganz andere Weise.“

„Wie anders?“

„Eher so, wie du und Irène einander mögt.“

Maries Augen werden groß. „War er dein bester Freund?“

„In gewisser Weise. Wir haben uns Geheimnisse anvertraut, so wie du und Irène. Wir haben einander Dinge erzählt, die niemand sonst wusste.“ Sie verstummt. „Deshalb komme ich her und lege Blumen auf sein Grab. Ich sage Hallo und dass ich ihn vermisse, und ich danke ihm für seine Freundschaft.“

Und, denkt sie, spricht es aber nicht laut aus, ich sage ihm, dass mir mein Verrat leidtut. Und ich vergebe ihm den seinen.

Marie nickt. „Ich würde auf Irènes Grab auch Blumen legen.“

Camille nimmt die Hand ihrer Tochter. „Na komm“, sagt sie. „Zeit für ein Croissant.“

Alex George

Über Alex George

Biografie

Der gebürtige Engländer Alex George studierte Rechtswissenschaften an der Universität Oxford. Als Jugendlicher ging er in den nördlichen Vororten von Paris zur Schule, später arbeitete er als Wirtschaftsanwalt in Paris und London. Mittlerweile lebt er mit seiner Familie im Mittleren Westen der...

Pressestimmen
Solinger Tageblatt

„Kluger und spannender Roman“

echo_books

„Trotz der erlittenen Schicksalsschläge der Figuren, stellt dieser Roman für mich den perfekten Wohlfühlroman dar, der durch eine wunderbar austarierte Portion von Melancholie und lebensbejahenden Nuancen weder zu kitschig noch zu gefühlsüberladen ist. Eine stimmige und äußerst lesenswerte Komposition fürs Herz.“ ⠀

TV Star

„Erzählt wird in verschiedenen Plots, die am Ende raffiniert ineinanderfließen.“

wanderer.of.words

„›An jenem Tag in Paris‹ ist ein anspruchsvolles, forderndes aber sehr lohnenswertes Buch.“

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