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Ambach – Die Suite / Die FalleAmbach – Die Suite / Die Falle

Ambach – Die Suite / Die Falle

Kriminalroman

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Ambach – Die Suite / Die Falle — Inhalt

Ambach – Band 5+6

 

Nach der Aufregung um den Picasso-Coup läuft es für Felix Ambach gar nicht gut. Seine Freundin wendet sich unerklärlicherweise von ihm ab, er braucht immer öfter Drogen, um kreativ zu sein, und dann enthüllt seine Exfreundin auch noch ein Geheimnis aus Felix' Vergangenheit – kurz darauf ist sie tot. Von seinem Partner Gabriel de Moño kann Felix keine Hilfe erwarten. Als sich ein Ermittler der Mordkommission an seine Fersen heftet, sieht er nur noch eine Möglichkeit, um aus dem teuflischen Pakt mit de Moño auszusteigen und seine Haut zu retten. Er schmiedet einen riskanten Plan …

Erschienen am 03.07.2017
320 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-31034-5
Erschienen am 01.03.2017
140 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97087-7

Leseprobe zu »Ambach – Die Suite / Die Falle«

Eins

Um Punkt zehn Uhr würde Pablo Picassos Tochter das Pariser Hotel Ritz betreten. Es war ein bedeutender Tag: Maya Widmaier-Picasso würde mit ihrer Expertise einen gigantischen Kunstdeal über zwanzig Millionen Euro ermöglichen – oder eben platzen lassen.

Bereits um neun Uhr siebenundvierzig nahm Felix Ambach einen Platz in der Lobby ein. Der Kunstfälscher war sich nicht sicher, ob dies ein kluger Entschluss war, aber er wollte die Frau, die in wenigen Minuten über sein weiteres Leben entscheiden würde, wenigstens ein einziges Mal sehen: Eine karge [...]

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Eins

Um Punkt zehn Uhr würde Pablo Picassos Tochter das Pariser Hotel Ritz betreten. Es war ein bedeutender Tag: Maya Widmaier-Picasso würde mit ihrer Expertise einen gigantischen Kunstdeal über zwanzig Millionen Euro ermöglichen – oder eben platzen lassen.

Bereits um neun Uhr siebenundvierzig nahm Felix Ambach einen Platz in der Lobby ein. Der Kunstfälscher war sich nicht sicher, ob dies ein kluger Entschluss war, aber er wollte die Frau, die in wenigen Minuten über sein weiteres Leben entscheiden würde, wenigstens ein einziges Mal sehen: Eine karge Gefängniszelle oder unfassbarer Reichtum, das waren die beiden Optionen für seine Zukunft.

Der Ledersessel, den Felix ausgewählt hatte, stand seitlich neben dem Eingang. Von dieser Position aus konnte er jeden neuen Gast, der die Lobby durch die Drehtür betrat, ins Visier nehmen, ohne selbst aufzufallen. Um sein Gesicht zusätzlich vor Maya Picassos Blick zu verbergen, legte er auf dem Beistelltischchen aus Zedernholz eine Ausgabe von »Le Monde« bereit. Die Zeitung würde er hoch halten, wenn es so weit war. Zwar fand er diesen uralten Agententrick selbst ein wenig unkreativ, aber etwas Raffinierteres war ihm nicht eingefallen. Nun rebellierte sein Magen. Die Übelkeit, die ihn befallen hatte, als sein Geschäftspartner Gabriel de Moño das Telefonat mit der Kaufinteressentin Viviane Metancourt beendet hatte, war er seither nicht losgeworden.

Um neun Uhr zweiundfünfzig erntete Felix einen irritierten Blick des Kellners, weil er eine Tasse Kamillentee orderte. Umgehend erkundigte sich dieser in einem von starkem französischem Akzent verfärbten Englisch, ob er noch etwas für den Gast tun könne – vielleicht einen Arzt rufen? Man verfüge über exzellente Kontakte zu den besten …

»Warum?«, blaffte Felix den Hotelbediensteten auf Englisch an. »Mir geht es gut!« – Eine höfliche Lüge! Der Teint des talentiertesten Kunstfälschers seit Wolfgang Beltracchi erinnerte an eine vergilbte Raufasertapete. Felix hatte kaum geschlafen und zu viel geraucht. Natürlich hatte der Kellner ganz richtig bemerkt, dass dieser Mann in der Lobby das Potenzial hatte, ihm erhebliche Probleme zu bereiten. Er konnte hier alles brauchen, nur keinen kollabierenden – oder noch schlimmer: kotzenden Gast. Dennoch entschuldigte sich der Ober mit unterwürfiger Sachlichkeit für seine Indiskretion und verschwand.

Felix hatte den kurzen Dialog mit dem Kellner schon vergessen. Seine Gedanken – sofern man das Gewitter aus Bildern und Worten in seinem Kopf als solche bezeichnen konnte – wanderten zu den besorgniserregenden Informationen, die Dana am Vorabend noch im Internet gefunden hatte. Maya Picasso war die Tochter des Models Marie-Thérèse Walter, jener Geliebten Picassos, die sich 1977 im malerischen Strandort Juan-les-Pins erhängt hatte. Die betagte Dame nutzte heute ihren berühmten Namen, um sich etwas Taschengeld dazuzuverdienen: Sie galt in der Szene als angesehene Kunstexpertin. Würde sie den Schwindel durchschauen? Eine als »Menschen am Strand« betitelte Skulpturenserie hatte es schließlich nie gegeben. Erst vor fünf oder sechs Jahren hatte die Alte in einem aufsehenerregenden Gerichtsverfahren vor dem Amtsgericht Rosenheim – ausgerechnet vor einem bayerischen Gericht! – ein ihrem Vater zugeschriebenes Werk für falsch erklärt. »Wegen Stil- und Motivfehlern«, so war es in dem Zeitungsbericht formuliert, den Dana entdeckt hatte.

Diese Frau ließ sich nicht so leicht hinters Licht führen, so viel war klar. Und daran würde auch Gabriels gewinnende Art nichts ändern, selbst wenn der gegenüber Madame Picasso seinen besten Auftritt hinlegte.

Um neun Uhr vierundfünfzig schrie Felix auf. Der Kamillentee stand mittlerweile dampfend vor ihm, und er hatte sich beim vorsichtigen Nippen die Lippe verbrannt. Scheppernd balancierte er die Tasse zurück aufs Tablett. Sofort näherte sich mit gedämpfter Eile der Kellner. Doch Felix’ feindseliger Blick ließ ihn abdrehen und im Rahmen einer Übersprunghandlung ein nur für ihn sichtbares Staubensemble vom Nebentisch wischen.

Exakt um eine Minute nach zehn war es endlich soweit. Die Tochter des vermutlich bedeutendsten Künstlers aller Zeiten passierte die Drehtür des Ritz. Eine einzigartige Aura umgab sie. Auch die anderen Gäste in der Lobby schienen dies wahrzunehmen: Ein junges Pärchen drehte sich ehrfürchtig zu ihr um, ein vom Hauch der Dekadenz umwehter Araber unterbrach seine lauthals an der Rezeption vorgebrachte Beschwerde, und auch die vielleicht eineineinhalbjährigen Zwillinge, die gerade noch auf dem Teppichboden herumgetollt hatten, gaben für einen Moment Ruhe. Maya Picassos Bewegungen muteten trotz ihres hohen Alters elegant und energiegeladen an, ihr blondiertes Haar wippte wie in Zeitlupe. Als sie ihren Kopf kurz in seine Richtung drehte, bestand für Felix kein Zweifel mehr: Die Strahlkraft ihrer Augen, die markante Nase und sogar die Falten um den Mund – sie war ihrem berühmten Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Mochte die ganze Welt Täuschung, Fälschung, Einbildung sein, diese Frau im uniformartigen weißen Hosenanzug mit Goldknöpfen und der dünnen Pelzweste war eine echte Picasso. Gebannt vom Anblick dieser faszinierenden Person, die in wenigen Augenblicken über sein Schicksal entscheiden würde, riss Felix viel zu spät die Zeitung nach oben. Nach einem kurzen heftigen Laut verursachte das Papier ein merkwürdig regelmäßiges Rascheln. Ein Blick auf seine Knie vergegenwärtigte Felix, dass seine Beine in nervösen Zuckungen auf dem weichen Hotelteppich auf und nieder wippten wie eine Nähmaschine auf Speed. Erst nach einigen Atemzügen wagte er einen erneuten Blick über die schützende Deckung hinweg.

Dicht hinter der Grande Dame folgte die potenzielle Käuferin Viviane Metancourt. Sie war gut halb so alt wie die über achtzigjährige Künstlertochter und gehörte der beinahe skandalfreien Lamasse-Dynastie an, welche die Kunstwerke, sollten sie für echt befunden werden, für zwanzig Millionen Euro zu kaufen gedachte. Die kleine Frau trug ein schwarzes Abendkleid von Dior, dessen Schlichtheit lediglich durch ein fein gesticktes, in Weiß gehaltenes Blumenmuster aufgelockert wurde.

Die beiden Damen wechselten einige Worte mit der Rezeptionistin, dann eilte ein Page herbei und begleitete sie zu den Fahrstühlen. Als die Aufzugtür sich hinter ihnen schloss, legte Felix die Zeitung auf den Tisch zurück – seine Tarnung hatte funktioniert – und fischte fahrig eine Schachtel Zigaretten aus der Hosentasche. Geistesabwesend erhob er sich, ging durch die Drehtür, zitterte sich eine Zigarette aus der Box, steckte sie sich zwischen die Lippen und öffnete mit derart unsicheren Händen eine Streichholzschachtel, dass ihm ein Großteil der Hölzer auf die Füße fiel. »Scheiße«, entfuhr es ihm leise. Er wollte sich gerade bücken, da kam ihm schon ein aufmerksamer Concierge zu Hilfe und pflückte die Zündhölzer von Felix’ nicht sehr eleganten Turnschuhen. Er hätte den Mann erwürgen können. Der jedoch sammelte in aller Ruhe die Streichhölzer auf, sortierte sie in die Schachtel ein – mit den Köpfen in dieselbe Richtung –, beließ aber eines in der Hand. Eine Sekunde später hielt er es Felix mit brennender Flamme unter die Nase. Der Kunstfälscher inhalierte tief – ein Zug, zwei Züge, drei Züge –, dann wurde es ihm schwarz vor den Augen.

Zwei

»Du verschwindest jetzt, das ist mein letztes Wort!« Gabriels Laune schwankte zwischen Wut und Nervosität. Sein Lover Hugo bestand darauf, wie schon bei der ersten Präsentation, zu der Madame Metancourt allein gekommen war, in seiner Funktion als »Bodyguard« während der Verhandlungen anwesend zu sein. Doch die Nerven des Kunstberaters lagen blank. Mit allem hatte er gerechnet – renommierten Wissenschaftlern, weltbekannten Kunsthändlern, ausgebufften Sammlern –, aber nicht damit, dass Madame Metancourts Kontakte sogar bis in die Familie Picasso hineinreichen würden. Um für den Termin gut gerüstet zu sein, hatte er schon vor dem Frühstück eine Line Koks gezogen. Und nun musste Hugo raus aus der Suite! Gabriel liebte diesen Mann, aber das Primitive, das ihn sonst so anzog, empfand er jetzt als Bedrohung, als unkalkulierbares Risiko. Alles andere hatte er perfekt vorbereitet: Die Zimmer der Suite waren aufgeräumt, die vier Skulpturen standen im größten der drei Räume zur Begutachtung bereit. Die Koffer waren bereits gepackt, und Gabriel hatte schon um acht Uhr ausgecheckt und bezahlt. Bis zwölf Uhr mittags durften sie die Räume nutzen. Dann sollten alle Zimmer des Hotels für die Geburtstagsparty von Madonna geräumt werden. Wenn alles nach Plan lief, würde das zeitlich gerade so funktionieren.

Der Kunstberater sah auf die Uhr: noch fünf Minuten bis zehn. Dana, die bereits beim ersten Zusammentreffen mit der Interessentin als Gabriels Assistentin aufgetreten war, nutzte die verbleibenden Minuten, um noch die letzten Staubflusen von den vier gefälschten Picassos zu zupfen: »Badender Junge mit ausgebreiteten Armen«, »Strandmädchen mit Sonnenschirm«, »Mann mit Ball« und »Badende Schönheit«. Gabriel nickte ihr zu. Dana war attraktiv und kooperativ. Sie verstand es, sich in den besseren Kreisen der Gesellschaft zu bewegen. Aber Hugo …

»Hugo, die Damen können jeden Moment hier sein. Ich sage es dir jetzt ein letztes Mal: Bitte verlass sofort die Suite!«

Der Latino mit dem von Pockennarben zerfurchten Gesicht spielte mit seiner Pistole herum und zog eine Grimasse. »Puta madre! Und warum darf sie hierbleiben?«

»Weil sie meine Assistentin ist!«

»Und ich bin die Security«, entgegnete Hugo trotzig.

»Hugo, das ist nicht gut für die Atmosphäre! Schon allein die Waffe …« Gabriel schüttelte verzweifelt den Kopf. Hugos geistige Schlichtheit war manchmal kaum zu ertragen. »Komm, hab ein Einsehen.« Der Kunstberater griff seufzend in die Innentasche seines Jacketts, fummelte einen Hundert-Euro-Schein heraus und steckte ihn seinem Freund in die Brusttasche des blütenweißen Hemds. Dann trat er noch näher und sagte leise und in zärtlichem Tonfall: »Wir brauchen jetzt absolute Ruhe. Geh nach unten zu Felix und bestell dir einen Gin Tonic. Ich liebe dich …«

Noch während Hugo schließlich die Suite durch das für ihn und Gabriel reservierte Schlafzimmer verließ, klopfte es bereits an der Tür. Dana eilte herbei und öffnete die massive Flügeltür. Zunächst sah sie nur den Hotelpagen, der sich ehrerbietig verneigte. Dann traten die ihr bereits bekannte Madame Metancourt und Maya Picasso ein. Dana fiel es schwer, ihre Verblüffung über die Ähnlichkeit der alten Dame mit ihrem Vater zu verbergen. Diesen kurzen Moment des Zögerns durchbrach Madame Metancourt jedoch umgehend, indem sie ihre berühmte Begleiterin vorstellte. Dana fing sich sofort wieder, griff nach der mit teuren Ringen verzierten Hand und deutete einen Knicks sowie einen Handkuss an. Sie konnte kaum glauben, dass dies nicht nur einfach eine Frau war, die den großen Maler persönlich gekannt hatte – sondern seine veritable Tochter! Gabriel dagegen war nicht so einfach zu beeindrucken; er war hier, um diese historische Persönlichkeit von der Echtheit der vier, aus südfranzösischem Sperrholz zusammengenagelten Kunstwerke zu überzeugen. »Bonjour, Madame, Gabriel de Moño mein Name. Ich freue mich ganz außergewöhnlich, Sie kennenzulernen. Es ist ein Geschenk, dass Sie uns Ihre Expertise zur Verfügung stellen. Wir lieben jede Art von Kunst, aber die Ihres grandiosen Vaters am allermeisten. Keiner verstand es besser, die Komplexität des Lebens in einfachere, verspieltere, humanere, ich würde sogar behaupten: liebevollere Formen zu …«

»Sie wissen, dass mein Vater meine Mutter bereits betrog, als ich noch keine zwei Jahre alt war?« Die Dame hatte eine leise, aber durchdringende Stimme, ihr Englisch war grammatikalisch perfekt, der Akzent unüberhörbar. Mit einer derartigen Erwiderung hatte Gabriel nicht gerechnet. Seine Gesichtszüge entgleisten für einen Augenblick. Madame Picasso schien dies gleichgültig zu sein. »Aber das ist lange her …« Ihre ausdrucksstarken Augen musterten Gabriel auf eine Weise, dass er sich nackt vorkam. »Also, Monsieur de Moño, machen wir uns an die Arbeit.« Sich von ihm abwendend, meinte Maya Picasso beiläufig: »Ich kann mir ja die Existenz dieser Skulpturen nicht so recht erklären. Jedenfalls habe ich von einer Serie dieses Namens noch nie gehört.«

»Aber das Werk Ihres Vaters ist ja auch von überbordendem Reichtum, seine Produktivität war sensationell«, brachte Gabriel hervor, doch das schien die Achtzigjährige nicht weiter zu interessieren. Sie näherte sich mit kleinen, festen Schritten den vier Skulpturen und blieb in einem Abstand von eineinhalb Metern stehen. Dann setzte sie ihre Brille auf. Gabriel konnte nicht erkennen, ob sie eine bestimmte Skulptur ins Auge fasste oder das Ensemble als Ganzes betrachtete. Madame Metancourt postierte sich schweigend eine Armlänge hinter der Tochter des berühmten Malers – und Dana hielt die Luft an. In diesem Moment hätte man die vier in ihrer konzentrierten Reglosigkeit verharrenden Menschen auch für Teile eines Wachsfigurenkabinetts halten können. Durch die geschlossenen Fenster drang der gedämpfte Lärm der Großstadt herein. Nach etwa zwei Minuten machte Picassos Tochter einige Schritte nach vorn und nahm das »Strandmädchen mit Sonnenschirm« genauer in Augenschein. Dana wusste durch ihre Internetrecherche, dass Madame Picasso für ihre Expertise vermutlich nur sechstausend Euro bekommen würde. Es war in der Kunstszene allgemein bekannt, dass ein solch niedriger Geldbetrag für viele andere Gutachter im Falle einer Unsicherheit den Ausschlag für ein positives, die Echtheit bestätigendes Urteil geben konnte. Man wollte ja im Geschäft bleiben … Im Fall Maya Picassos war dies wohl völlig ausgeschlossen. Alle Sprösslinge der Picasso-Dynastie galten als finanziell unabhängig. Der so fruchtbare wie lebenslustige Vater hatte mit seinem künstlerischen Schaffen für Generationen von Picassos vorgesorgt. Seinen vier Kindern, deren drei Müttern und sonstigen Nachkommen blieb der Gang zum Sozialamt erspart, und so würde es auch auf lange Zeit bleiben.

»Und woher, Monsieur de Moño, soll diese Serie stammen?«

Gabriel räusperte sich. »Ich hatte es bereits Madame …«, er nickte in Richtung Viviane Metancourts, »… mitgeteilt: Amerika … Sie müssen verstehen: Die Angelegenheit ist diffizil. Ein namhafter amerikanischer Sammler hat mir diese Werke anvertraut. Allerdings befindet er sich derzeit in einem unglückseligen Scheidungskrieg mit seiner Frau und möchte deshalb auf keinen Fall, dass der Verkauf publik wird …« Da der Kunstberater erkannte, dass diese Information im Gesicht der Expertin nicht die erhoffte Wirkung erzielte, fühlte er sich bemüßigt, fortzufahren: »Uns ist bewusst, dass diese Auskunft nicht befriedigend ist, aber nur unter dieser Bedingung – der absoluten Wahrung der Anonymität meines Klienten – bin ich überhaupt befugt, Ihnen diese Preziosen zu zeigen … Ich meine, es ist ja auch nachvollziehbar, dass er den Erlös aus dem Verkauf nicht mit seiner Frau teilen möchte, nicht wahr?« Sah Gabriel richtig – schüttelte Madame Picasso kaum merklich den Kopf? Verunsichert bemühte er sich um eine Wendung des Gesprächs: »… Ich denke aber, die Parallelen zur ›Badenden‹-Serie sind unübersehbar. Oder was meinen Sie? Natürlich bleibt stets eine gewisse Restunsicherheit, aber …«

»Na ja«, unterbrach ihn plötzlich Dana mit sanfter Stimme und in perfektem Französisch. Weil dies nicht abgesprochen war, traf sie umgehend ein stechender Blick Gabriels, doch davon ließ sie sich nicht beirren: »… und dann gibt es ja auch noch den Kunstband aus dem Jahr 1974, in dem die ›Menschen am Strand‹ ausführlich gewürdigt werden. Die Fotos der Werke und der dazugehörige Text bestätigen aus unserer Sicht auf sehr eindeutige Weise die Existenz dieser phantastischen Serie. – Apropos, Madame Metancourt, haben Sie das schöne Buch heute gar nicht mit dabei?« Diese Frage war direkt an die Kaufinteressentin gerichtet und kam einer vorsichtigen Kampfansage gleich. Dana würde dieser Kunstmatrone das Feld nicht ohne Gegenwehr überlassen. Gabriel nickte beeindruckt.

Während die vermeintliche Käuferin zur Antwort ansetzte, klingelte Madame Picassos Handy. Sie nahm ab und sprach einige sehr leise Worte auf Spanisch, denen weder Gabriel noch Dana folgen konnten. Madame Metancourt nahm von dem Telefonat scheinbar keine Notiz, sondern erwiderte auf Danas Frage: »Oh nein, verzeihen Sie bitte – das Buch war mir einfach zu schwer. Aber natürlich habe ich es Madame Picasso gezeigt. Und jetzt liegt es bei mir zu Hause im Salon.« Viviane Metancourt hob beim Sprechen den Blick, schenkte Dana ein Lächeln und legte ihr vertrauensvoll die Hand auf den Arm.

Diese war sich nicht sicher, ob das Gewicht des von einer Expertin in Gabriels Auftrag gefälschten Kunstbands wirklich der wahre Grund dafür war, dass die Kaufinteressentin das Buch nicht zur Begutachtung der »Strand«-Serie mitgebracht hatte. Lag es bereits unter dem Mikroskop eines Wissenschaftlers? »Darf ich den Damen eigentlich einen Champagner anbieten?« Dana rechnete nicht mit einer positiven Reaktion auf ihr Angebot – wer trank schon morgens bei einem Geschäftstermin Sekt? –, aber da hatte sie sich getäuscht.

»Eine gute Idee«, brummelte Picassos Tochter, die ihr Telefonat inzwischen beendet hatte. Sie stand nun in leicht gebeugter Haltung direkt vor der »Badenden Schönheit« und ließ ihre Finger vorsichtig über den Besenstiel gleiten, den Felix quer zu dem kräftigeren Längsholz angebracht hatte, um die ausgebreiteten Arme der Figur darzustellen. An den beiden Enden dieses Besenstiels hatte er aus den Brettern einer der alten Weinkisten, die Gabriel und Hugo aus Frankreich mitgebracht hatten, zwei grobe Hände herausgesägt, deren Finger dreiecksförmig endeten. Bei der Gestaltung dieser Figur hatte sich Felix vor allem an der »Frau mit ausgebreiteten Armen« aus der »Badenden«-Serie von Picasso orientiert; ohne diese allerdings zu kopieren. Anders als bei dem zum Bestand der Stuttgarter Staatsgalerie zählenden Werk hatte er auf ein Brett, das den Brustbereich der Frau darstellen sollte, verzichtet.

Das Perlen des Champagners unterbrach die konzentrierte Stille. Als sie vier Gläser gefüllt hatte, nahm Dana zwei davon und reichte erst Madame Picasso das eine und dann Madame Metancourt das andere. Um Gabriel seines zu geben, musste sie zum Fenster gehen, wo der Kunstberater stand und auf die Place Vendôme hinabschaute. Dana folgte Gabriels ernstem Blick und sah gerade noch, wie der letzte von sechs großen Mannschaftswagen der französischen Polizei vor dem Hotel Ritz zum Stehen kam. Weiter gelangte Dana mit ihren Beobachtungen nicht, denn schon prostete die Tochter des Meisters ihr mit einem freundlichen »Santé« zu. Nachdem Madame Picasso mit einem Schluck das halbe Glas geleert hatte, meinte sie anerkennend: »Gut, gut! Der schmeckt! Das belebt! – Nicht wahr, Madame?« Sie lächelte ihrer Begleiterin beschwingt zu. Dana war sich unschlüssig, was sie von diesem plötzlichen Stimmungswechsel halten sollte: Hatte die Alte bereits eine Entscheidung getroffen? Oder brauchten Frauen dieser Gesellschaftsschicht einfach morgens ein Gläschen, das den Kreislauf in Schwung brachte?

»Ja. Nicht schlecht, oder? Was sagen Sie, Madame?«, erkundigte sich jetzt Viviane Metancourt in munterem Ton bei Dana. Auch sie schien aufzutauen. Nickend stimmte die junge Tänzerin zu.

Die alte Picasso zog die Mundwinkel nach unten und hob die Schultern, es war die Andeutung einer Geringschätzung. »Wir sollten gleich mal kurz unter vier Augen sprechen …«

Als Dana dies hörte, musste sie sich zusammenreißen, um nicht die Fassung zu verlieren. Was hatte Maya Picasso vor? Jedenfalls hörte es sich nicht gut an. Unfähig zu einer Reaktion, schwieg sie betreten. Es war Gabriel, der das Wort übernahm, und zwar mit einer Lockerheit, die Dana in Staunen versetzte: »Aber, Mesdames, das ist ja gar kein Problem! Sollen wir Sie für einen Moment allein lassen?«

»Wäre dies denn möglich?«, stieg Madame Metancourt sofort auf das Angebot ein.

»Aber natürlich! Natürlich!« Der Kunstberater rief diese Worte beinahe, stellte sein Glas, das er kaum angerührt hatte, ab und forderte Dana mit einem Nicken auf, ihm zu folgen. Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, sagte er: »Los, wir hauen ab. Die hat uns durchschaut.«

Matthias Edlinger

Über Matthias Edlinger

Biographie

Matthias Edlinger, Jahrgang 1972, studierte Kommunikationswissenschaft in seiner Geburtsstadt München. Er ist ein erfolgreicher Regisseur, drehte Musikvideos für namhafte Künstler sowie Werbe- und Imagefilme für bekannte Unternehmen. Als Redakteur, Headwriter und Berater für TV-Produktionen...

Jörg Steinleitner

Über Jörg Steinleitner

Biographie

Jörg Steinleitner, geboren 1971 im Allgäu, studierte Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien. 2002 ließ er sich nach Stationen in Peking und Paris als Anwalt in München nieder. Er veröffentlichte mehrere Bücher – neben den bei...

Pressestimmen

Murnauer Tagblatt

»Rasant und mitreißend gestaltet sich die Geschichte um den Protagonisten Felix Ambach, der als junger Kunstfälscher Karriere macht.«

Penzberger Merkur

»So baut man Spannung auf – und stimmt ein auf einen Abend, der sich zwischen Comedy, Musikclip und szenischer Lesung bewegt ... Musik und das periskophafte Ineinanderfließen der Bilder lassen den Text lebendig werden, egal ob es sich um das Entstehen einer Holzskulptur oder die spannende Suche nach Verdächtigen handelt.«

süddeutsche.de

»Spannende Lesung.«

Bayerisches Fernsehen, Abendschau

»Spannende Show. Herzerfrischendes und komisches Spektakel. Ein konsequentes Best-Of ihres gemeinsamen Werkes, garantiert langeweilefrei. (...) Ein Besuch bei den beiden – im Netz und bei der Krimi-Show – lohnt sich.«

Bayern 2 "KulturLeben"

»Jörg Steinleitner und Matthias Edlinger haben den Kunstkrimi mit Ambach wieder zurück zwischen zwei Buchdeckel geholt.«

Süddeutsche Zeitung

»Auslöser für die neue, sechsteilige Serie war der Fall des Kunstfälschers Beltracchi, der bis zu seiner Verhaftung mit seinen Bildern die Kunstwelt hinters Licht führte (...) Ungewöhnlich ist die Konstruktion der Folgen. Jede endet mit einem Cliffhanger, den Ausgang der Schlussszene erfährt man erst im nächsten Buch.«

Erdinger Anzeiger

»Spannend und lustig.«

In-München

»lm Zentrum steht Felix Ambach. Er hat es dank seines Talents geschafft, schwer reich zu werden. Doch glücklich wurde er nicht. Wegen der Bekanntschaft mit einer geheimnisvollen Frau, der er mehr und mehr verfällt, verstrickt er sich sogar in ziemlich kapitale Verbrechen. Diesmal verschlägt es ihn in die Kunstfälscherszene zwischen Bayern und Paris.«

buchSZENE

»Er zweifelt. Er liebt. Er tötet. Felix Ambach ist der Kunstfälscher (...) In ihrer Erzählweise ließen sich Steinleitner & Edlinger von hochwertigen Fernsehserien inspirieren. Die Cliffhanger am Ende jeder Folge erhöhen die Vorfreude auf den nächsten spannenden Band dieser raffiniert erzählten Kunstfälscher-Serie.«

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