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Am Ende gibt´s ein FeuerwerkAm Ende gibt´s ein Feuerwerk

Am Ende gibt´s ein Feuerwerk

Roman

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Am Ende gibt´s ein Feuerwerk — Inhalt

Ein außergewöhnliches Abenteuer und eine Liebeserklärung an das Leben!

Viel hat der achtundachtzigjährige Duffy nicht erreicht im Leben. Karriere? Frau? Familie? Fehlanzeige. Wenigstens hat er im Seniorenheim seinen besten Freund Carl kennengelernt. Gemeinsam vertreiben sich die beiden die Zeit mit allerlei Späßen. Doch ihr Alltag gerät gehörig durcheinander, als plötzlich eine junge Frau durch Duffys Zimmerfenster klettert und sich als Carls Enkelin Josie vorstellt. Und Josie braucht dringend Hilfe. Duffy ist zunächst wenig begeistert, doch dann erkennt er: Das ist seine Chance, doch noch etwas Bedeutsames zu vollbringen! Und vielleicht das Herz von Heimbewohnerin Alice zu gewinnen, in die er schon lange heimlich verliebt ist. Ehe er sich’s versieht, steckt Duffy mitten im größten Abenteuer seines Lebens …

„Fosseys Debütroman ist eine warmherzige und höchst witzige Betrachtung der Leben zweier Senioren, die lernen, dass es niemals zu spät ist, um in Würde zu altern. Voller flotter Dialoge ist diese liebenswerte Geschichte von Menschen, die neuen Lebenssinn und eine neue Familie genau an den Orten finden, an denen sie es am wenigsten erwarten.“ Booklist 

„Charmant und stimmgewaltig – Ein ergreifender Roman, erzählt von einem grummeligen alten Kauz namens Duffy Sinclair ...“ Minneapolis Star Tribune   

„Ein entzückendes Debüt... Nach dem völlig logischen und doch irgendwie unerwarteten Ende bleibt man als LeserIn lächelnd und voller Vorfreude auf Fosseys nächsten Roman zurück.“ Publisher's Weekly

„Brooke Fossey erzählt von der Unvernunft und der Weisheit des Alters und sie tut dies voller Menschlichkeit und auf eine zugleich herzzerreißende und herzerwärmende Weise.“ Dallas Morning News  

„Fossey liefert einen witzigen, abenteuerreichen Roman über zweite Chancen, Verzeihen und darüber, wie das Leben genau dann, wenn es so aussieht, als ob es zu Ende ginge, eigentlich gerade erst anfängt.“ Shelf Awareness

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erscheint am 03.08.2020
Übersetzt von: Sonja Rebernik-Heidegger
368 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-86612-480-6
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erscheint am 03.08.2020
Übersetzt von: Sonja Rebernik-Heidegger
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99716-4

Leseprobe zu »Am Ende gibt´s ein Feuerwerk«

 

Centennial Seniorenresidenz

Tagesprogramm

Samstag, 26. August

 

8:00 Uhr Frühstück

9:00 Uhr Mach mit, sei fit! Atrium

10:00 Uhr Wocheneinkauf Walmart

12:00 Uhr Mittagessen

15:00 Uhr Heiteres Melodienraten, Atrium

17:00 Uhr Abendessen

18:00 Uhr Kinoabend, Fernsehzimmer

 


1 

Der Tag begann wie immer. Schwester Nora klopfte an die Tür, und ich forderte Carl auf, seinen verdammten Hintern aus dem Bett zu hieven, damit wir nicht wieder zu spät zum Frühstück kamen. Kurz darauf betrat Nora das Zimmer. Sie summte einen Gospel-Song, und als sie sich [...]

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Centennial Seniorenresidenz

Tagesprogramm

Samstag, 26. August

 

8:00 Uhr Frühstück

9:00 Uhr Mach mit, sei fit! Atrium

10:00 Uhr Wocheneinkauf Walmart

12:00 Uhr Mittagessen

15:00 Uhr Heiteres Melodienraten, Atrium

17:00 Uhr Abendessen

18:00 Uhr Kinoabend, Fernsehzimmer

 


1 

Der Tag begann wie immer. Schwester Nora klopfte an die Tür, und ich forderte Carl auf, seinen verdammten Hintern aus dem Bett zu hieven, damit wir nicht wieder zu spät zum Frühstück kamen. Kurz darauf betrat Nora das Zimmer. Sie summte einen Gospel-Song, und als sie sich über mich beugte und mir aus dem Bett half, roch ich, dass ihr Atem nach Kaffee duftete. Sie zog mir die Hose hoch und warf mir einen tadelnden Blick zu. Doch im nächsten Moment zwinkerte sie auch schon wieder und sagte, ich solle keine schlafenden Hunde wecken. Warum können Sie nicht einfach mal nett sein, Mr Duffy? Woraufhin ich erwiderte, dass mich wohl gar niemand mehr leiden könnte, wenn ich nett und gut aussehend wäre.

Und da musste Nora natürlich lächeln, weil ich nun mal diese Wirkung auf meine Mitmenschen habe. „Wer sagt, dass Sie gut aussehen?“

„So etwas weiß ein Mann eben“, erwiderte ich, zog mich an ihrer Schulter hoch und schlüpfte in meine Schuhe. „Hey, Carl! Hast du gehört, Nora hat dich einen Hund genannt.“

„Ich habe nur gehört, dass du hässlich bist.“ Carls Rollator quietschte über den grünen Linoleumboden, während er um sein Bett herumschlurfte und das Laken glatt strich. „Und sie hat recht. Ich würde ja gern sagen, dass du aussiehst wie Margaret Thatcher persönlich, aber ich fürchte, es wäre ein Kompliment für dich.“

„Klar“, sagte ich. „Die alte Maggie hatte größere Eier als ich.“

„Na ja, wer hat die nicht?“, kicherte Carl.

Himmel, ich liebte diesen allmorgendlichen Schlagabtausch! Es gab nichts Besseres, um fit und wach in den Tag zu starten. „Was sollen diese Kampfparolen, Kamerad? Wären wir nicht in Gesellschaft einer Dame, würde ich dir zeigen, was Sache ist.“

„Meine Herren!“, ermahnte Nora uns. Oder besser gesagt: meine Nora. Mein wunderschönes, toughes Singvögelchen mit der honigfarbenen Haut, den üppigen Brüsten, den langen Fingernägeln, der schmalen Taille und den ausladenden Hüften. Der Prototyp einer guten Krankenschwester.

»Die Rühreier werden schnell kalt, und Sie brauchen gute zehn Minuten in den Speisesaal …«

„Das schaffen wir schneller.“

„Hm. Aber nicht, wenn Sie auf dem Weg wieder ein Schwätzchen einlegen.“

Sie strich mir die zu Berge stehenden Haare glatt und schwebte anschließend zu Carl, um ihm die Schuppen von den Schultern zu wischen.

„Sie sind einfach die Beste, Nora“, schwärmte er und drückte das Kinn auf die Brust, damit sie nichts übersah. „Wollen Sie mal wieder eines meiner Bücher haben? Oder vielleicht ein paar Salzcracker? Ich habe gestern extra welche beiseitegelegt.“

„Was sage ich Ihnen immer, Mr Carl? Wenn Sie weiter alles herschenken, sind Sie am Ende arm wie eine Kirchenmaus.“ Sie ging in die Knie, schloss den Klettverschluss seiner Schuhe, wischte sich die Hände an ihrer Hose sauber und richtete sich wieder auf. „Okay, wir sehen uns dann später. Ich muss Mrs Zimmerman noch beim Baden helfen.“

Carl pfiff anerkennend durch die Zähne, während ich zu würgen begann.

„Sie sind echt schrecklich“, stellte Nora beim Hinausgehen an mich gewandt fest, und damit hatte sie recht.

Ich drehte mich zu Carl um und betrachtete ihn von oben bis unten. Die dürren Beine und die viel zu weite Strickjacke auf den schmächtigen Schultern. Er sah aus wie ein kleiner Junge, der sich die Klamotten seines Vaters ausgeliehen hatte. „Warum um alles in der Welt hast du gerade gepfiffen? Läuft da etwa was zwischen dir und Mrs Zimmerman?“

Carl stieg nervös von einem Bein aufs andere und sah mich mit wässrigen Augen an. Sie saßen tief in ihren Höhlen, und die Wimpern waren kaum noch erkennbar.

„Also?“, fragte ich.

„Natürlich nicht! Aber du sollst keine Witze über sie machen.“

Ich winkte ab und trat an die Kommode, um die offenen Schubladen zu schließen. Carls Blick bohrte sich in meinen Rücken, das spürte ich regelrecht. Er versuchte, mir telepathisch etwas Anstand einzupflanzen, denn er wusste genau, dass ich gleich eine ziemlich geschmacklose Interpretation von Mrs Zimmerman zum Besten geben würde. Er konnte es nicht leiden, wenn ich mal wieder den Alzheimerpatienten mimte, ihm hinterherlief und mit schriller Stimme Obszönitäten von mir gab, als wären wir vor langer, langer Zeit mal ein Liebespaar gewesen.

Nachdem ich die letzte Schublade schwungvoll geschlossen hatte, drehte ich mich wieder um. Carl sah mich besorgt an. Als würde ich in der Hölle landen, wenn ich mich nicht bald anständig benahm.

„Entspann dich“, seufzte ich. „Ich halte mich zurück.“

„Danke!“

„Aber du hättest trotzdem nicht pfeifen sollen.“

„Du hast recht“, lenkte er ein. „Keine Scherze mehr auf ihre Kosten.“

„Gut.“

„Vor allem, weil sie die meiste Zeit nicht einmal weiß, wo sie ist“, fügte er hinzu, als hätte ich nicht schon längst klein beigegeben.

„Genau.“

„Hast du gehört, wie sie neulich nach ihrer Tochter gerufen hat?“

„Jap.“

„Sie scheint manchmal wie besessen. Es ist eine Schande.“

„Das ist wahr.“

»Und sie hat keine Ahnung, was sie hier macht. Stell dir mal vor, sie weiß nicht einmal, dass sie bald von hier fort –«

„Verdammt noch mal, Carl!“, unterbrach ich ihn. „Halt die Klappe!“

Er verstummte und sah mich verletzt an.

Einen Augenblick lang tat es mir leid, dass ich ein solcher Arsch war, aber das Gefühl ging wie immer schnell vorbei. Außerdem war es sein Fehler gewesen, nicht meiner. Er wusste es ganz genau. Er wusste ganz genau, dass wir niemals über die nächste Station unserer Reise sprachen. Genauso wenig wie über die Holzkiste, die bereits auf uns wartete.

Ja, Mrs Zimmerman war beinahe am Ende ihrer dreißigtägigen Kündigungsfrist angelangt, und ja, man würde sie bald in dieses katastrophale Pflegeheim abschieben, dessen Namen ich sicher nicht in den Mund nehmen werde. Und ja, natürlich tat sie mir leid. Aber es war kein Thema für einen beiläufigen Plausch. Ich wollte am Abend friedlich einschlafen können und nicht an die Decke starren und mir überlegen, was danach kam. Ich wollte nicht an meinen Onkel denken, der in seinem nach Pisse stinkenden Bett dahinvegetiert war. Sonst würde ich wieder einige Tage brauchen, bis ich mich davon erholt und sämtliche Gedanken daran in den hintersten Winkel meines Gehirns verbannt hatte, wo sie nur auf die nächste Gelegenheit warteten, mir nachts den verdammten Schlaf zu rauben.

Und genau deshalb wollte ich jetzt auf keinen Fall über Mrs Zimmermans Schicksal reden. Wir würden alles hautnah miterleben, das reichte.

Carl drückte den Rücken durch und räusperte sich. „Also, gehen wir?“

„Blöde Frage“, erwiderte ich erleichtert.

Wir gingen gemeinsam zur Tür und machten uns bereit, unseren Untertanen gegenüberzutreten. Und das ist jetzt nicht übertrieben. Carl und ich waren die gütigen Herrscher der Centennial Seniorenresidenz, und man hatte uns dazu auserkoren, weil wir körperlich mehr oder weniger fit, geistig auf der Höhe und außerdem unglaublich attraktiv waren, woran ich meine Nora jedes Mal erinnerte, wenn ich sie sah. Natürlich war Carl hässlich wie die Nacht, wenn er seine Zahnprothese vergaß, aber das tat er im Prinzip nie, und das war alles, was zählte. Außerdem spielte Carl lieber den Denker im Hintergrund, während ich als Sprachrohr fungierte. Was auch der Grund war, warum er endlich in die Gänge kommen musste. Wir mussten uns unseren Untertanen zeigen, sonst hielten sie uns womöglich für tot.

Ich ließ ihm mit einer ungeduldigen Geste den Vortritt, denn sonst würde er mir ständig den Rollator in die Fersen rammen. Er warf mir einen genervten Blick zu, ging jedoch an mir vorbei.

Carls Gehhilfe quietschte, und ich murmelte gerade: „Na, wird’s bald?“, als jemand ans Fenster klopfte. Wahrscheinlich Jorge, der Rasenmähermann. Jorge und ich kannten uns schon lange, auch wenn immer das Fenster zwischen uns war. Wir klopften, um uns zu begrüßen, wir winkten uns zu, und manchmal schrieb ich Gracias auf einen Zettel und klebte ihn für Jorge ans Fenster. Heute war ich allerdings schon fast durch die Tür, weshalb wir die Sache auf ein anderes Mal verschieben mussten.

Doch da klopfte es erneut, und dieses Mal klang es ganz und gar nicht nach Jorge. Es war lauter, fordernder. Ich blieb wie angewurzelt stehen, packte Carl von hinten an der Jacke und deutete in Richtung Fenster, dessen Jalousie noch heruntergelassen war.

Er drehte sich gerade um, als sich das Fenster quietschend öffnete. Metall schrammte über Metall, sodass Carl zusammenzuckte und sich die Ohren zuhielt. Sein Hörgerät war etwas empfindlich. Ich trat auf das Fenster zu, hielt aber erneut inne, als plötzlich ein schwarzer Schatten davor auftauchte.

Carl ließ langsam die Hände sinken und formte mit den Lippen ein Wer ist das?. Ich schüttelte den Kopf und bedeutete ihm, still zu sein. Wir warteten und lauschten. Spatzengezwitscher drang durch das offene Fenster, aber ansonsten war es totenstill.

Eine Sekunde später begann die staubige Aluminiumjalousie zu zittern und zu beben und ein Stück in die Höhe zu wandern und machte dabei einen Höllenlärm. Im Fensterrahmen erschien ein Fuß – ein einzelner, nackter Fuß mit pink lackierten Zehennägeln und einer sehr schmutzigen Sohle. Und kurz darauf folgten der zweite Fuß, die Unterschenkel und schließlich die Knie. Glatte Oberschenkel, abgeschnittene Jeans, eine Cocktailschürze, ein nackter Bauch, ein ausgefranstes Shirt, ein Hals und glatte schwarze Haare. Es war eine junge Frau, kaum älter als zwanzig.

Sie landete wie ein Kartoffelsack auf dem Boden, und der Inhalt ihrer Schürzentaschen verteilte sich überall. Vielleicht war ihr durch den Sturz ein wenig schwindelig, denn sie sah nicht auf, sondern robbte auf allen vieren durchs Zimmer, um ihre Habseligkeiten einzusammeln. Sie stopfte alles wieder in die Taschen und hielt erst inne, als sie nach einem halben Schokoriegel griff, der genau vor meinem Schuh lag. Ihr Blick wanderte an meinem Bein hoch und bis zu meinem Gesicht. Ich sah zu ihr hinunter und bemerkte ein eindrucksvolles Veilchen unter ihrem zugeschwollenen Auge.

„Scheiße!“, krächzte sie.

„Was zum Teufel soll das?“, fragte ich, nachdem ich den ersten Schock überwunden hatte.

»Ich … ich hole Nora«, stammelte Carl.

Die junge Frau kämpfte sich hoch. „Nein, nein, nein! Nicht!“

Es klang wie eine Mischung aus Bitte und Befehl, und Carl war so verwirrt, dass er stehen blieb.

„Nun geh schon!“, sagte ich entnervt. „Sie will uns bestimmt beklauen.“

Er setzte sich wieder in Bewegung.

„Halt! Moment mal!“, rief die junge Frau. „Ich will Sie nicht ausrauben! Das ist bloß ein kleines Missverständnis. Ich dachte, das Zimmer wäre leer.“

„Nicht bewegen“, warnte ich sie.

„Jetzt bleiben Sie mal locker.“ Sie hob die Hände und fixierte mich mit ihrem guten Auge, als wäre ich hier der Verrückte. »Ich will nichts klauen. Ehrlich nicht. Ich suche bloß jemanden …«

„Ja, klar.“

„… namens Carl.“

Ich erstarrte und hielt mir eine Hand hinters Ohr, obwohl ich noch sehr gut hörte. „Sagen Sie das noch mal.“

Carl drehte den Kopf zu uns um.

„Carl Thomas Upton.“

Ich ließ sie nicht aus den Augen, während meine Hand zu dem Notfallknopf glitt, den ich an einer Kette um den Hals trug. Die meiste Zeit tat ich eher so, als gäbe es ihn gar nicht, aber in diesem Fall wollte ich eine Ausnahme machen. Ich war kurz davor, den Knopf zu drücken, als Carl den Rollator wieder umdrehte und die Tür schloss.

Ich fragte mich, warum eine junge Barkeeperin wohl durch unser Fenster stieg und Carls vollständigen Namen kannte … Vielleicht kam der Tod gar nicht auf einem weißen Pferd und mit einer Sense in der Hand? Vielleicht stürzte er zum Fenster herein und sah aus wie diese Frau. Obwohl das natürlich ein ziemlich makabrer Gedanke war.

„Er ist Carl Thomas Upton“, platzte ich heraus und deutete mit dem Finger auf Carl. Ihn zu verpfeifen, war die einzige logische Konsequenz.

Die junge Frau erstarrte, und ich ballte die Hände zu Fäusten. Ich war auf alles gefasst. Wir sahen uns mehrere Sekunden lang in die Augen.

Dann fragte sie: „Echt jetzt?“

Carl öffnete den Mund und murmelte etwas, das vielleicht ein Ja war. Aber selbst wenn, klang es so seltsam, als würde er lügen.

„Gibt’s ja nicht!“, sagte sie so leise, dass ich es kaum hörte, dann machte sie einen Schritt nach vorn und breitete die Arme aus. „Ich bin Josie.“

Er zuckte zurück. „Wer?“

Sie blieb wie angewurzelt stehen, ließ die Hände sinken und stieß ein Geräusch aus, als hätte ihr jemand einen Schlag in die Magengrube verpasst. »Ich bin’s … Josie!«

„Josie?“ Carl klappte den Sitz des Rollators aus und ließ sich darauf nieder.

Ich wartete, dass einer der beiden noch etwas sagte, aber nichts passierte.

„Also?“, herrschte ich sie deshalb an. „Was ist jetzt?“

„Ich bin seine Enkeltochter“, erklärte die junge Frau in einem Ton, als hätte mir das längst klar sein müssen.

„Netter Versuch“, erwiderte ich bissig. „Aber Carl und Jenny hatten keine Kinder. Oder, Carl? Sag’s ihr!“

Seine Augen flackerten, dann richtete er den Blick ins Leere. Er wirkte wie weggetreten, aber ich wusste, dass er nachdachte. Er war eben ein wenig langsamer als ich. Josies Blick wanderte abschätzend zwischen uns hin und her. Schließlich trat sie etwas näher an mich heran – sie roch nach Kaugummi und Haarspray und diesen anderen rosafarbenen Mädchendingen – und flüsterte mir ins Ohr: „Hat er Alzheimer?“

„Nein.“

„Ist er dement?“

Carl hob ruckartig den Kopf. „Ich bin nur überrascht.“

„Ja, das kann ich mir vorstellen“, erklärte ich. „Wenn man bedenkt, dass du keine Kinder hast.“

„Meine Mom ist seine Tochter“, widersprach Josie und starrte Carl böse an. Er senkte den Blick.

„Hör mal“, fauchte sie. „Willst du das jetzt echt durchziehen?“

Ich starrte ihn an und fragte mich dasselbe. Er musste doch nur den Mund aufmachen und etwas erwidern, aber stattdessen sorgte er dafür, dass sogar ich mich fragte, wer von den beiden log. Dabei schummelte Carl doch nicht mal bei Kartenspielen. Und es war ja auch wirklich eine clevere Masche: Sie machte sich an alte, einsame Pensionäre heran und behauptete, deren Enkelkind zu sein. Wahrscheinlich staubte sie dabei ordentlich Geld ab. Rein äußerlich sah sie Carl mit seiner blassen Haut und dem hageren Körper allerdings wirklich ähnlich. Auch wenn sie charakterlich offensichtlich vollkommen verschieden waren.

Sie ertappte mich dabei, wie ich ihr blaues Auge musterte, und berührte ihre Wange.

Ich legte den Kopf schief. „Was soll das alles?“

„Was geht Sie das an?“

„Oh“, erwiderte ich, „ich bitte um Entschuldigung! Ich werde es anders formulieren: Warum kletterst du an einem Samstagmorgen durch unser Fenster und siehst dabei aus wie eine erfolglose Fliegengewichtsboxerin?“

Sie atmete tief durch. So, wie man es eben macht, wenn man geduldig sein und besonders langsam und laut mit einem älteren Menschen reden muss. Ich tat es ihr gleich, um zu zeigen, dass ich weder dumm noch schwerhörig war.

Ich hielt in meinem dämlichen Versuch, ihr meine Zurechnungsfähigkeit zu beweisen, sogar die Luft an, doch sie seufzte nur und sammelte den Rest ihrer Habseligkeiten ein. Ein Männerdeo, ein paar Kohlestifte, Münzen und einen Bestellblock. Dann ging sie zu einem zusammengefalteten Blatt Papier, das direkt unter dem Fenster gelandet war, und hob es hoch. Doch anstatt es auch in die Schürzentasche zu stopfen, steckte sie es behutsam in die hintere Jeanstasche.

Ich stieß frustriert die Luft aus und stellte eine dringende Frage in den Raum: „Ist Einbruch eigentlich ein Kapitalverbrechen?“

Sie ignorierte mich und wanderte durchs Zimmer. Ihre Finger glitten über die Kommode, und schließlich blieb sie vor dem Spiegel stehen, an den Carl sein Hochzeitsfoto geklebt hatte. Sie beugte sich so nahe heran, dass sie es beinahe mit der Nase berührte.

„Bitte nicht anfassen“, mahnte Carl.

„Ah! Er hat endlich die Sprache wiedergefunden!“, höhnte ich.

Die junge Frau wandte sich mit zusammengebissenen Zähnen an Carl. „Pass auf, ich wollte dich einfach sehen.“

„Netter Versuch“, erklärte ich ihr erneut. „Aber Besucher kommen normalerweise durch den Haupteingang.“

„Wirklich?“, fragte sie. „Aber ich stehe ganz sicher nicht auf der Besucherliste.“

„Es gibt keine Liste. Wir sind hier doch nicht im Gefängnis. Das hier ist unser Zuhause. Wir haben sogar eine Gästegarderobe.“

„Nett. Aber ich hatte heute ausnahmsweise keine Lust, mich mit den Leuten am Empfang herumzuschlagen, also dachte ich, ich mache mich auf die Suche nach der Hintertür. Und dann habe ich den Zettel am Fenster entdeckt.“

„Wovon zum Teufel redest du?“

»Ich habe seinen Namen auf dem Zettel gelesen, und …«

„Da ist kein Zettel.“

Sie grinste schief. „Ach, hören Sie schon auf!“

„Nein, du hörst auf.“ Ich trat zum Fenster und zog die Jalousie ganz hoch. Die Sonne war so hell, dass ich einen Moment lang geblendet war, doch dann entdeckte ich die ausgebleichte Karteikarte, die ich irgendwann einmal für Jorge an der Scheibe befestigt hatte. Carl macht ein Nickerchen. Leise sein! (Por favor)

Ihr Grinsen wurde breiter. „Also habe ich einfach mal nachgesehen.“

Ich riss die Karte herunter und zerknüllte sie. Meine Stimme klang so tief und ernst wie schon seit Jahren nicht mehr. »Genug! Warum bist du hier, du kleines Stück –«

„Duffy!“, ermahnte mich Carl und wollte aufstehen, doch ich wusste, dass es nur eine leere Drohung war.

Sie sah ihm in die Augen und blieb vollkommen ernst. Das Mädchen war ein Profi, eindeutig. »Ich dachte echt, du würdest dich freuen, mich zu sehen. Ich wollte sogar ein paar Tage hierbleiben …«

„Nein, nein. Auf keinen Fall. Das geht nicht“, erwiderte ich und trat auf die Tür zu.

Ich war beinahe dort angelangt, als Carl mich panisch zurückpfiff. „Warte!“ Sein Ausbruch überraschte ihn offenbar genauso wie mich. Trotzdem wiederholte er das Wort noch einmal, dieses Mal aber in einem leisen Flüstern. „Warte.“

„Worauf denn?“, fragte ich. „Dass sie dir das letzte Hemd auszieht?“

Sein Adamsapfel hüpfte auf und ab, und er öffnete den Mund, doch es kam nichts heraus.

Ich betrachtete ihn blinzelnd und konnte selbst kaum sprechen. »Genau das hat sie doch vor … oder?«

Er schluckte noch einmal. „Sie sagt die Wahrheit.“

„Allmächtiger!“

„Danke“, seufzte Josie, bevor sie sich an mich wandte. „Sehen Sie?“

Einen Moment lang drehte sich alles. Vielleicht war es die Überraschung. Oder es war das Messer, das man mir in den Rücken gerammt hatte. Als ich den Schock endlich überwunden hatte, hörte ich Nora singen. Wir alle hörten sie. Das Loblied an den Herrn hallte durch den Flur bis in unser Zimmer, und es wurde immer lauter.

Ich stapfte fluchend hin und her, während Carl versuchte, seine Gehhilfe so auszurichten, dass er damit die Tür blockierte. Es hatte keinen Zweck, sie zuzusperren. Nora hatte einen Schlüssel und benutzte ihn auch, wenn sie Grund zur Sorge hatte.

Josie beobachtete uns verwirrt. „Was macht ihr denn da?“

„Du solltest nicht hier sein“, erklärte Carl.

„Nein, sie darf nicht hier sein! Das ist schlimmer als bei Milton, der seine Katze und seine Zigaretten reingeschmuggelt hat. Und du weißt ja, was mit ihm passiert ist.“ Als Josie sich nicht von der Stelle rührte, hielt ich inne. „Was ist? Versteck dich!“

„Okay. Na schön. Aber ich dachte, das hier ist kein Gefängnis?“ Sie schlüpfte an uns vorbei ins Badezimmer, stieg in die Dusche und zog den Vorhang zu.

Nora stand mittlerweile direkt vor der Tür. Carls Rollator wackelte gefährlich, als sie versuchte, die Tür zu öffnen. „Alles okay bei Ihnen? Warum sind Sie noch nicht beim Frühstück?“

„Wir kommen schon!“, rief ich und zischte Carl zu: „Das Mädchen kann nicht bleiben.“

„Können wir das später besprechen?“, flüsterte er zurück.

„Da gibt es nichts zu besprechen.“

Er sah mich verzweifelt an. „Bitte!“

Der Rollator glitt zur Seite, als Nora energisch ins Zimmer trat. „Was ist hier los?“

Wir standen uns eine Sekunde lang gegenüber, und ein seltsames Gefühl machte sich in mir breit, das ich nicht wirklich einordnen konnte. Es saß irgendwo unter meinem Herzen und erschwerte mir das Atmen. Es wurde schlimmer, je länger ich Carl ansah, dessen gerunzelte Augenbrauen beinahe bis zum Scheitel seiner schütteren Haare reichten.

Ich zog die Tür zum Badezimmer zu und klopfte Carl auf den Rücken. „Wir reden darüber, aber mehr nicht.“

Nora verschränkte ihre dicken braunen Arme und hob damit ihren ausladenden Busen an. Ich setzte einen dümmlichen Blick auf, der hoffentlich über die Röte hinwegtäuschte, die sich von meinem Hals nach oben ausbreitete. Carl fummelte an seiner Strickjacke herum und überprüfte gewissenhaft, ob alle Knöpfe geschlossen waren. Wir verhielten uns so lange möglichst unauffällig, bis Nora ein wenig überzeugtes Hm ausstieß und unsere Zimmertür mit dem Rücken aufhielt, damit wir an ihr vorbeigehen konnten.

„Ich sage den beiden immer wieder“, verkündete Nora im Flur, als wollte sie eine Rede an die Bewohner halten, »dass sie nicht so tun sollen, als wären sie etwas Besonderes, denn das sind sie nicht. Trotzdem benehmen sie sich andauernd daneben, inhalieren Janelle Pratts Sauerstoff …«

„Das ist doch schon ewig her“, protestierte Carl.

„Und es war ein Scherz“, fügte ich hinzu. „Wir wollten nur ein wenig Spaß haben.“

Nora wackelte mit dem Zeigefinger und sagte leise: „Sie wissen, dass Miss Sharon Ihren Platz sofort für das Doppelte vermieten könnte, wenn Sie ihr einen Grund geben. Und bei Ihnen, Mr Duffy, würde sie sich sogar mit weniger zufriedengeben.“ Sie legte eine bedeutungsvolle Pause ein und wandte sich dann wieder an die unsichtbaren Zuhörer im Flur. „Ich sage es ihnen ständig, aber hören sie auf mich?“

Sie lächelte herausfordernd. Warnend. Nora spürte es jedes Mal, wenn wir etwas ausgefressen hatten. Und Gott sei Dank bewahrte ihr Gespür uns davor, Dinge zu tun, für die man uns auf die Straße setzen konnte. Dinge wie die Sache mit dem Mädchen im Badezimmer zum Beispiel.

„Wir hören ganz gewiss auf Sie“, erklärte ich nach einer Sekunde.

„Na, dann ist ja gut. Und jetzt vorwärts. Die Zeit läuft.“

„Tut sie das nicht immer?“

Carl schlurfte nach draußen. Er warf einen letzten Blick über die Schulter, und ich tat es ihm nach. Es war nichts Ungewöhnliches zu sehen, aber ich spürte es. Die Energie glich einer Supernova, die ganze Sterne ins Verderben stürzen und die Schwerkraft außer Kraft setzen konnte. Sie drang aus unserer Dusche mit dem Haltegriff und dem Notrufknopf, und sie umfing mich, sodass meine Ohren dröhnten und mich ein Schaudern überlief. Denn eines war mir klar: Die Energie brauchte ein neues Sonnensystem – am besten ganz, ganz weit fort von uns –, und falls Nora es nicht schon geschafft hatte, würde ich Carl später klarmachen, was auf dem Spiel stand. Nachdem ich meinen Kaffee getrunken und das kalte Rührei aus Eipulver gegessen hatte.

Brooke Fossey

Über Brooke Fossey

Biografie

Brooke Fossey arbeitete als Luft- und Raumfahrtingenieurin, bevor sie sich ganz dem Schreiben zuwandte. Wenn sie nicht gerade an einer neuen Geschichte arbeitet oder zum Spaß Mathematikaufgaben löst, verbringt sie ihre Zeit am liebsten mit ihrer Familie und Hund Rufus in Dallas, Texas. »Am Ende...

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