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Erica Fischer
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Alt — Inhalt

„Nichts kommt unvorhergesehener als das Alter“, schreibt Simone de Beauvoir. Auch Erica Fischer hat eine Weile gehadert. Heute erlebt sie diese Lebensphase auch als eine Zeit der Freiheit. Neugierig spürt sie dem Zustand nach, den wir als ALT bezeichnen - im Selbstversuch, in der Literatur. Aber auch im Gespräch mit inspirierenden Alten über Liebe, Sex, Politik, Lebenslust und Tod. Eine kluge Annäherung an das, was wirklich zählt im Leben.

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 01.04.2021
304 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-8270-1418-4
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€ 18,99 [D], € 18,99 [A]
Erschienen am 01.04.2021
256 Seiten, WMePub
EAN 978-3-8270-8026-4
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„Ein sehr persönliches Buch“
Deutschlandfunk Kultur „Lesart“

Leseprobe zu „Alt“

Ein empörender Vorgang

„Mir ist etwas Empörendes zugestoßen!“, schrieb die 49-jährige Veza Canetti am 3. Februar 1946 an ihren Schwager Georges: „Ich bin alt geworden!“

Veza Canetti sah eines Tages ein anderes Spiegelbild von sich, als es ihrem inneren Bild entsprach. Wir kennen das alle: dieses Gefühl, dass wir plötzlich und unmerklich gealtert sind.

Aber eigentlich ist der Alterungsprozess ein kontinuierlicher Vorgang. Die Zeitschrift Der Spiegel hat es im November 2019 zusammengefasst: Schon ungefähr im Alter von fünfzehn Jahren nimmt die Elastizität [...]

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Ein empörender Vorgang

„Mir ist etwas Empörendes zugestoßen!“, schrieb die 49-jährige Veza Canetti am 3. Februar 1946 an ihren Schwager Georges: „Ich bin alt geworden!“

Veza Canetti sah eines Tages ein anderes Spiegelbild von sich, als es ihrem inneren Bild entsprach. Wir kennen das alle: dieses Gefühl, dass wir plötzlich und unmerklich gealtert sind.

Aber eigentlich ist der Alterungsprozess ein kontinuierlicher Vorgang. Die Zeitschrift Der Spiegel hat es im November 2019 zusammengefasst: Schon ungefähr im Alter von fünfzehn Jahren nimmt die Elastizität der Linse ab, mit etwa vierzig lässt die Sehfähigkeit in der Nähe merklich nach; etwa ab zwanzig nimmt die Zahl der für die Wahrnehmung von Tönen wichtigen Haarzellen in der Gehörschnecke ab, ab sechzig setzt oft eine Altersschwerhörigkeit ein; mit zwanzig nimmt die Produktion von Lungenbläschen ab, das Lungenvolumen wird kleiner; ab dem Alter von etwa fünfundzwanzig Jahren nimmt die Fruchtbarkeit der Frau ab, der Testosteronspiegel des Mannes sinkt; ab dreißig verliert der Knorpel des Bewegungsapparats an Elastizität, die Bandscheiben werden steifer; mit dreißig sieht man erste Spuren des Alterns, die Haut bindet weniger Feuchtigkeit und verliert an Elastizität; ab Mitte dreißig beginnen die Haare zu ergrauen; zwischen dreißig und vierzig beginnt der Knochenabbau den Knochenaufbau zu überwiegen; ab vierzig beginnt der Abbau der Muskeln; ungefähr ab vierzig wird mehr Fett eingelagert, der Energieverbrauch sinkt, und das Gewicht kann um ein bis zwei Kilo pro Jahr steigen; mit fünfzig lässt die Filtrationsleistung nach, die Blutreinigung dauert länger und ist weniger effektiv; ab sechzig sinkt die Reaktionsfähigkeit, und Gedächtniseinbußen machen sich bemerkbar, das Koordinationsvermögen verschlechtert sich, und die Geschmacksknospen schwächeln; mit fünfundsechzig Jahren kann das Herz Zeichen von Altersschwäche aufweisen, weil beispielsweise die Blutgefäße verkalken; die Anfälligkeit für Infekte erhöht sich.

»Nimm’s leicht – mehr brauchst du nicht zu tun«, rät die US-amerikanische Dichterin Dorothy Parker. „Kämpf nicht dagegen an. Du bist die einzige, die sich leidenschaftlich für dein Alter interessiert; andere Leute haben selber Sorgen. Es wird vermutlich nie Thema werden, außer du selbst bringst es aufs Tapet.“

Das ist wahr. Ich bin nun achtundsiebzig, alle vom Spiegel aufgezählten Prozesse habe ich bereits durchlaufen. Glücklicherweise waren sie so schleichend, dass außer mir selbst kaum jemand anders es wahrgenommen hat. Jetzt wird mir auch bald noch der Graue Star behoben. Ich werde besser sehen, und niemand wird es merken. Aber trotzdem: Alt werden ist ein empörender Vorgang, eine unerhörte Verletzung der Eigenliebe. Es schmerzt, das jugendliche Aussehen und die jugendliche Kraft zu verlieren.

„Heute wie gestern glaube ich, dass gesellschaftlich alles unternommen werden muss, um alternden und alten Menschen ihr missliches Geschick zu erleichtern“, schrieb der österreichische Schriftsteller Jean Améry im Frühjahr 1977 im Vorwort zur vierten Auflage seines Buches Über das Altern. »Und zugleich beharre ich noch immer darauf, dass alle hochherzigen und hochachtenswerten Bemühungen in dieser Richtung zwar möglicherweise etwas zu lindern vermögen – also: gleichsam harmlose Analgetica sind –, dass sie aber am tragischen Ungemach des Alterns nichts Grundsätzliches zu verändern, zu verbessern imstande sind.« Als Jean Améry sein unerbittliches Buch über das Altern schrieb, war er fünfundfünfzig Jahre alt.

Alt werden ist ein empörender Vorgang, obwohl wir alle wissen, dass wir irgendwann alt werden, wenn wir nicht jung sterben wollen. Doch wir bewahren vom Alter, so Marcel Proust, eine „rein abstrakte Vorstellung“. „Nichts sollte erwartungsgemäßer eintreten, aber nichts kommt unvorhergesehener als das Alter“, schreibt Simone de Beauvoir. »Oft ist der Arbeitende verblüfft, wenn die Stunde der Pensionierung schlägt: Das Datum stand seit langem fest, er hätte sich drauf vorbereiten können. … Jung oder in der Blüte der Jahre denken wir nicht wie Buddha daran, dass das künftige Alter schon in uns wohnt.« Und sie appelliert: „Hören wir auf, uns selbst zu belügen; der Sinn des Lebens ist in Frage gestellt durch die Zukunft, die uns erwartet; wir wissen nicht, wer wir sind, wenn wir nicht wissen, wer wir sein werden: Erkennen wir uns in diesem alten Mann, in jener alten Frau. Das ist unerlässlich, wenn wir unsere menschliche Situation als Ganzes akzeptieren wollen.“

Einfach ist das nicht, denn laut einer Studie ist der Anteil der Befragten, die angeben, 2007 Opfer von Diskriminierung geworden zu sein, bei keiner Diskriminierungsart so hoch wie bei der aufgrund des Alters. Die heutige Gesellschaft in den hoch industrialisierten Ländern hat die von ihr selbst geschaffene Langlebigkeit der Menschen noch nicht bewältigt. Es ändert sich derzeit etwas, aber immer noch haben wir keine Kultur, die sich positiv auf alte Menschen bezieht – es sei denn als ökonomisch interessanter werdende Zielgruppe.

Im Berufsleben gehört man schon ab fünfundvierzig zum „alten Eisen“, und verliert man in diesem Alter den Job, können Altersklischees die Wahl, wer eingestellt wird, beeinflussen. So haben sich bei zwei gleich qualifizierten Job-Kandidaten und -Kandidatinnen laut einer amerikanischen Studie von 2016 80 Prozent der Teilnehmenden für das jüngere Profil entschieden, egal um welche Tätigkeit es sich handelte. Viele Ältere berichten über Probleme beim Abschluss von Versicherungen und bei der Kreditvergabe durch Banken, selbst wenn sie über eine eigene Immobilie verfügen. Auch Schöffinnen und Schöffen dürfen bei Amtsantritt nicht älter als siebzig sein. Als mein Mann und ich eine Reise mit einem Cargo-Frachtschiff buchen wollten, waren wir knapp davor aufzugeben, weil alle angefragten Reedereien eine Altersgrenze von sechsundsiebzig Jahren vorsehen. Schließlich haben wir eine italienische Reederei gefunden, die Passagiere bis fünfundachtzig mitnimmt. Wir haben es nicht als Altersdiskriminierung wahrgenommen, sondern als notwendige, wenn auch vielleicht veraltete Vorsichtsmaßregel, weil es an Bord keinen Arzt gibt.

Wie man im Fall der Reedereien und der Schöffinnen sieht, hat die Festlegung eines bestimmten Alters mehr mit überkommenen Konventionen und Vorstellungen zu tun als mit der gesundheitlichen und geistigen Realität. Denn wann jemand als alt gilt, ist äußerst relativ. Den typischen alten Menschen gibt es nicht. Skilaufende müssen schon früh aus Altersgründen aus dem aktiven Wettkampfsport ausscheiden. Geistig Tätige bleiben oft bis ins Greisenalter „rüstig“. Arme und Schwerarbeiter altern früher.

„Keine Frau entkommt dem Schock, vierzig zu werden“, schrieb Susan Sontag 1972. „Nach Überwindung des ersten Erschreckens hilft ein liebenswerter, verzweifelter Überlebensimpuls vielen Frauen beim Eintritt in ein neues Jahrzehnt, die Grenze um weitere zehn Jahre hinauszuschieben. In der späten Adoleszenz erscheint dreißig das Ende des Lebens. Mit dreißig wird das Urteil auf vierzig verlegt. Mit vierzig geben sie sich noch zehn Jahre.“

Die Missachtung alter Frauen hat eine lange Geschichte. In der Berliner Gemäldegalerie betrachte ich das Gemälde „Der Jungbrunnen“, das Lucas Cranach d. Ä. 1546 malte. Inmitten einer Weltlandschaft befindet sich ein Becken für Nichtschwimmerinnen, in das aus einem hohen Brunnen Wasser fließt. Männer, junge Frauen und Pferdegespanne bringen gebrechliche Greisinnen auf dem Rücken, in Schubkarren und auf Leiterwagen an den Rand des Beckens, wo sie entkleidet werden. Sie haben Hängebrüste und faltige Pos und Bäuche. Junge Frauen helfen ihnen beim Einstieg ins Wasser. Kaum haben sie die Hälfte des Beckens überwunden, werden ihre Brüste prall und ihre Haare nehmen Farbe an. Am anderen Beckenrand werden sie von einem selbstredend angekleideten Mann mit galanter Geste begrüßt und in ein bereitstehendes rotes Zelt gewinkt. Drinnen werden sie eingekleidet, und schon warten die Galane auf sie. Im rechten Vordergrund des Bildes vergnügt sich hinter einem Busch ein Paar beim Liebesspiel. Im Hintergrund ist auf einer Wiese ein großer Tisch weiß gedeckt, an dem die nunmehr jungen Frauen unter den bewundernden Blicken der Männer speisen und sich zum Tanz auffordern lassen.

Ausgehend von Interviews mit Frauen um die vierzig schrieb ich 1983 das Buch Jenseits der Träume. Ich zitiere aus dem Vorwort: „Ja wie alt bist du denn?, fragen mich die jungen Frauen aus der Frauenbewegung, wenn es unüberhörbar wird, dass mir mein Alter ein Problem ist. Bald vierzig, antworte ich verschämt. Was, das hätte ich nie gedacht! Das sieht man aber nicht!“ Wehmütig denke ich an die Zeit zurück, als ich vierzig war. Fotos von damals zeigen mir meine Schönheit und Tatkraft. Dennoch ging es mir schlecht, wahrscheinlich wegen irgendeiner misslungenen Liebe, und ich dachte, ich hätte meine besten Jahre hinter mir.

Heute ist mir mein Alter nur selten ein Problem, bloß eine unleugbare Tatsache, mit der ich offensiv umzugehen versuche. Ich bin alt. „Zu alt“ für so manches, was früher einmal Spaß gemacht hat. Doch die Reaktion fällt immer noch ähnlich aus wie mit vierzig: „Was! Das sieht man aber nicht!“ Es ist die Ziffer, die beeindruckt und augenblicklich ein klischeehaftes inneres Bild abruft, das mit meiner äußeren Erscheinung, vor allem aber mit meiner Lebendigkeit und Neugier auf die Menschen und die Welt nicht übereinzustimmen scheint. Und natürlich fühle ich mich geschmeichelt. Wer möchte nicht jünger wirken. Jünger auszusehen ist für Frauen überlebenswichtig, und sie sind bereit, vieles zu unternehmen, um die Niederlage des sichtbaren Alters hinauszuzögern. Gleichzeitig bedeutet das Kompliment aber auch, dass es mir auf Kosten anderer Frauen gegeben wird, denen man ihr Alter angeblich ansieht.

„Bei Strafe des Ausschlusses“, schreibt Charlotte Wiedemann in einem Kommentar in der tageszeitung. Eine, die in der Öffentlichkeit steht und nichts „an sich machen lässt“, vor allem eine Schauspielerin, wird für ihren Mut gelobt. Stets geht es um die erotische Ausstrahlung, ohne die eine Frau in unserer Gesellschaft nichts mehr zählt. Der Sex-Appeal von Männern hingegen hat ein wesentlich längeres Verfallsdatum. Ein ergrauter Dreitagebart und Falten im kantigen Gesicht machen einen Mann wesentlich anziehender als ein Jungspund, der aussieht wie ein halbes Kind. Bei Frauen ist das anders. Models, die das Schönheitsideal der heutigen Zeit prägen, sollten mit achtzehn längst Karriere gemacht haben. Aber natürlich: Die Aufgabe von Männern ist es auch nicht, zu gefallen, sondern Macht, Finanzkraft und Selbstbewusstsein auszustrahlen. „Die Art, wie Männer sich das Alter ausmalten und wie Frauen es erlebten und erleben, hat wenig miteinander zu tun. Auch im Alter gibt es zwei Kulturen“, schreibt Hannelore Schlaffer in Das Alter. Ein Traum von Jugend.

Die Scham, die das Eingeständnis des eigenen Alters in unserer auf Jugendlichkeit fokussierten Gesellschaft auslöst, lässt sich überall dort beobachten, wo ältere Leute, Frauen ebenso wie Männer, sich weigern, der Schwerhörigkeit durch das Tragen eines Hörgeräts abzuhelfen. Während die Brille ein allgemein akzeptiertes Hilfsmittel ist, das ja auch junge Menschen bisweilen benötigen, gilt das Hörgerät immer noch, wenn auch zunehmend weniger, als unwiderrufliches Zeichen des Alters. Lieber nehmen Menschen soziale Isolierung in Kauf, als sich und der Umwelt einzugestehen, dass der Alterungsprozess eben auch zu Schwerhörigkeit führen kann. Anders als früheren Generationen steht uns aber heute eine ausgereifte Technik zur Verfügung, die es uns ermöglicht, dieser Behinderung fast unsichtbar zu begegnen. Ich selbst habe festgestellt, dass der offensive Umgang mit meiner Schwerhörigkeit, die bei mir bereits mit fünfundsechzig Jahren einsetzte, der beste Weg ist, diese Scham über eine geringfügige Behinderung abzulegen. Aber ich gebe zu, dass die Mitteilung des Hörakustikers, ich würde ein Hörgerät benötigen, erst einmal einen Schock ausgelöst und mich in eine tagelange Depression gestürzt hat.

Einiges hat sich geändert und wird sich weiter ändern. Was als alt wahrgenommen wird, verschiebt sich nach hinten. Zum ersten Mal in der Geschichte können die meisten Menschen auf der Welt damit rechnen, sechzig Jahre und älter zu werden. Ein 2015 in Brasilien oder Myanmar geborenes Kind hat heute eine um zwanzig Jahre höhere Lebenserwartung als noch vor fünfzig Jahren, behauptet der 2016 veröffentlichte WHO-Weltbericht über Altern und Gesundheit. Vorausgesetzt, es fällt nicht einem Krieg, einer Hungersnot, einer durch den Klimawandel verursachten Überschwemmung oder einer „ethnischen Säuberung“ zum Opfer, füge ich hinzu. Diese höhere Lebenserwartung weltweit hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Gesundheitssysteme und deren Haushalte sowie auf die im Gesundheitswesen beschäftigten Arbeitskräfte.

Anfang des 20. Jahrhunderts war eine Frau mit vierzig nicht „älter“, sondern „alt“. Am Ende. Abgeschrieben. Heute, schreibt Susan Sontag, beginnt die Alterskrise bei Frauen früher, dauert aber länger; sie erstreckt sich über den Großteil ihres Lebens. „Die Krise kann jederzeit einsetzen.“ Ähnlich Simone de Beauvoir: „Lange vor der endgültigen Verstümmelung wird die Frau vom Schrecken des Alters verfolgt.“

Für den damals dreiundsechzigjährigen Grafiker der Taschenbuchausgabe meines Buches Jenseits der Träume Celestino Piatti sah eine Frau mit vierzig einer unerfreulichen Zukunft entgegen. Auf dem von zwei Flächen in düsterem Lila und Rotbraun eingefassten Schwarz-Weiß-Foto runzelt eine skeptisch dreinschauende Frau auf grauem Hintergrund nachdenklich die Stirn. Kein Bild, das zum Kauf des Buches einlädt. Seine persönliche Ablehnung älterer Frauen erwies sich als stärker als das Vermarktungsinteresse des Verlags.

„Man sollte von Jugend auf die Forderung beherzigen, den Tod gering zu schätzen, ein Grundsatz, ohne den niemand ruhigen Sinnes zu sein vermag“, schrieb der zweiundsechzigjährige Cicero in De Senectute – „Über das Alter“ im Jahr 44 v. Chr. „Denn sterben muss man gewiss, und ungewiss ist nur, ob man es nicht bereits an diesem Tag muss. Wie könnte also einer festen Sinnes sein, wenn er sich vor dem Tode fürchtet, der zu jeder Stunde droht?“ Cicero ist voller guter Empfehlungen. Dem Nachlassen sexueller Aktivität, heute eines der zentralen Themen von Ratgebern, kann er nur Gutes abgewinnen: „Welch herrliches Geschenk des Lebens, wenn es uns wirklich das nimmt, was in der Jugend die schlimmste Qual des Lasters ist!“ So manche ältere Frau, deren sexuelle Erlebnisse mit ihrem Mann nicht immer berauschend waren, denkt sich das wohl heute auch noch.

Unleugbar ist, dass die vor uns liegende Zeit mit den Jahren schrumpft, auch wenn der Tod laut Cicero theoretisch zu jeder Stunde drohen kann. Aber eben nicht muss, mit fortschreitendem Alter allerdings immer wahrscheinlicher wird. Je weniger Zeit wir vor uns haben, schreibt Améry, desto mehr Zeit sei in uns. Aufgesammelte, abgelebte Zeit. Wir blicken zurück, erinnern uns. Wir werden alt durch die Zeit, die in uns lastet. Die Zukunft, so Améry, sei nicht Zeit, sondern vielmehr Welt und Raum. »Alt sein oder auch nur altern sich spüren, heißt: Zeit haben im Körper … Jung sein, das ist: den Körper hinauswerfen in die Zeit, die keine Zeit ist, sondern Leben, Welt und Raum.«

Welt und Raum würden im Alter schrumpfen, schreibt Améry. Die Welt stehe uns nicht mehr offen. Der Autor spürt, dass er immer mehr verstummt. Was hat er in dieser rasant fortschreitenden Zeit und Welt noch zu sagen? Und er wird auch nicht mehr gefragt. Was er zu sagen hat, sei nicht mehr relevant, sei Meinung von gestern.

Alt werden, so Améry weiter, heißt, sich selbst fremd zu werden. Der Spiegel zeigt uns wie Veza Canetti eine Person, die nicht übereinzubringen ist mit dem Ich, das wir in uns tragen. „Vielleicht die stärkste Komponente des Überdrusses ist eben diese Selbstentfremdung, diese Unstimmigkeit von dem durch die Jahre mitgebrachten jungen Ich und dem Ich der alternden Spiegelfrau. Aber in den gleichen Atemzügen wird ihr […] greifbar, dass sie sich samt Gelbflecken und glanzlosem Auge näher, überdrussvoll traulich-vertrauter ist denn je zuvor und dass sie verurteilt ist, vor ihrem fremdgewordenen Spiegelbild auf immer drangvollere Weise sie selber zu werden.“

Wer kennt diesen verdrießlichen Blick in den Spiegel nicht? Wie Menschen, die sich satt essen können, ihren Magen vergessen, so war unser Gesicht, das wir in jungen Jahren ohne Missvergnügen im Spiegel betrachteten, eine solche Selbstverständlichkeit, dass wir es vergessen konnten. Es war Teil der Welt. Améry spricht von einer narzisstischen Melancholie, die den alternden Menschen erfasst, wenn er sein Spiegelbild betrachtet. Und er rebelliert gegen das seinem Gefühl nach falsche Ich, welches sich ihm offenbart. Bin das noch ich? Aber welches Ich ist eigentlich gemeint? Das Kinder-Ich, das Adoleszenz-Ich, das Ich der erwachsenen Person auf dem Höhepunkt ihrer Kraft?

Das letzte Wort hat der Körper. „Ich bin ich im Altern durch meinen Körper und gegen ihn: ich war ich, als ich jung war, ohne meinen Leib und mit ihm“, schreibt Améry. Erst im Alter entdecken wir den Körper und die Zeit, die wir in unserer Jugend vergessen konnten. „Als Alternde werden wir unserem Körper fremd und seiner trägen Masse zugleich näher als je zuvor.“

Die gut gelaunten, hellwachen Alten, mehrheitlich Frauen, die Museen, Theater, Ausflugslokale, Reisebusse und Kreuzfahrtschiffe bevölkern, scheinen sich mit ihrem fremd gewordenen Körper versöhnt zu haben. Ohne Zahlen zu kennen, behaupte ich, dass der Tourismus und die Kulturindustrie ohne die Generation 60plus blass aussehen würden. Ihre grauhaarigen Konsumentinnen fühlen sich offensichtlich wohl in ihrer Haut und sind fest entschlossen, ihre verbleibende Lebenszeit in vollen Zügen zu nutzen – so sie denn die finanziellen Mittel dazu haben. Denn die Alten bilden keinen monolithischen Block. Der oder die Alte „muss schon immer als Mensch behandelt worden sein“, um mit Simone de Beauvoir zu sprechen.

Der Statistik zufolge ist es den Alten noch nie so gut gegangen. Das Zentrum für Altersforschung weiß, dass es bei den über Sechzigjährigen noch nie so viele Partnerschaften gab wie heute, möglich gemacht unter anderem durch die Angebote des Internets. Partnerschaft ist mehr als Sex, denn gleichzeitig haben ab dem Alter von siebzig ein Drittel bis die Hälfte der Senioren keinen Sex mehr. Es gibt aber andere Herausforderungen: Noch nie haben so viele Senioren an deutschen Hochschulen studiert wie heute, wobei das Fach Geschichte am beliebtesten ist. Nach der U-Kurve des Glücks in Europa sind die Zwanzig- bis Fünfundzwanzigjährigen, deren Leben vor ihnen liegt, am glücklichsten, der Tiefpunkt liegt in der Mitte des Lebens zwischen vierzig und fünfzig, und danach steigt die Kurve kontinuierlich wieder an. Die Psychologie erklärt das damit, dass die Alten, deren Lebenszeit begrenzt ist, sich weniger Sorgen um die Zukunft machen müssen. Allerdings handelt es sich hier um einen Mittelwert, der nicht ausschließt, dass es arme, kranke, depressive und einsame Alte gibt.

Die vergnügten und wissbegierigen Seniorinnen und Senioren sind die sichtbarste Seite des demografischen Wandels, der zu Amérys Zeiten noch nicht so ausgeprägt war. Die Zahl der älteren und hochbetagten Menschen steigt. „Ältere Menschen werden zukünftig unsere Gesellschaft mehr und mehr prägen“, heißt es im Siebten Altenbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von 2016. Seit dem 19. Jahrhundert habe sich die Lebenserwartung fast verdoppelt. Aktuell gehört hierzulande mehr als jede vierte Person der Generation 60plus an. Im Jahr 2050 werden zwischen 33 und 40 Prozent der Bevölkerung sechzig und älter sein. Die meisten älteren Menschen der Altersgruppe 65plus, so der Bericht, fühlen sich gesundheitlich wohl. Erst im hohen Alter steigt der Pflegebedarf deutlich an, in der Altersgruppe der über Neunzigjährigen sind dann zwei Drittel pflegebedürftig.

Die Pflege, so der bekannteste deutsche Pflegekritiker Claus Fussek, sei ein gigantisches Geschäft, ein riesiger Wachstumsmarkt, auf dem Milliardenbeträge verdient werden. „Wenn man auf einen Altenpflegekongress geht, hat man das Gefühl, auf der CEBIT zu sein“, sagte er dem Online-Nachrichtenticker Telepolis im August 2013. „Wir haben als Gesellschaft ohne Protest die Güter Pflege und Gesundheit der freien Marktwirtschaft übergeben, und nun herrschen dort die Gesetze des Marktes.“ Seit Einführung der Pflegeversicherung 1995 ist der Anteil der privaten Betreiber von Alten- und Pflegeheimen von 26 auf 40 Prozent gestiegen. Da Personalkosten 70 Prozent und mehr der Gesamtkosten ausmachen, sind Personalkürzungen ein beliebtes Mittel, um die Rendite zu steigern.

In ihrer leidenschaftlichen Anklage gegen die moderne Gesellschaft und ihre Einstellung zu alten Menschen – Das Alter – bezeichnet Simone de Beauvoir Frankreich mit seinen mageren zwölf Prozent der Bevölkerung über fünfundsechzig als Land mit dem höchsten Prozentsatz an Alten weltweit, „verurteilt zu Armut, Einsamkeit, Krankheit, Verzweiflung“. Das war 1970, und Beauvoir sah sich auch vor einer kulturellen Wüste, in der bei Büchern, Filmen, Fernseh- und Radiosendungen die Alten als Zielgruppe fehlten.

Das ist heute anders geworden. Der Markt ist dabei, sich dem steigenden Alter der Kulturkonsumentinnen anzupassen, bisweilen bis zum Überdruss. Immer häufiger erobern Filme über alte Menschen die Leinwand: „Wolke 9“, „Sein letztes Rennen“, „Marigold Hotel“, „Der Hundertjährige“, „Harold and Maude“, „Liebe“, „Mr. Morgan’s Last Love“, „About Schmidt“, „Das Leuchten der Erinnerung“, „Lucky“, „Mrs. Fang“, „Back in the Game“, „Im Labyrinth der Erinnerung“, „Lara“ … Und während sich Greta Garbo schon im Alter von sechsunddreißig Jahren von der Leinwand zurückzog, können wir uns heute an einer wachsenden Zahl in die Jahre gekommener Schauspielerinnen erfreuen.

Nach wie vor erobern im Film faltige Männer über fünfzig kaum zwanzigjährige Schönheiten, und doch ist etwas in Bewegung geraten. Mit dreiundfünfzig denkt die strahlend schöne Julia Roberts noch lange nicht ans Aufhören, ebenso wenig Iris Berben, Corinna Harfouch oder Meryl Streep, von der großartigen Helen Mirren und der 1937 geborenen Jane Fonda ganz zu schweigen. Sie verschweigen auch nicht mehr ihr Alter, wie es früher üblich war und wie auch ich es eine Zeit lang verschämt praktiziert habe.

Vor allem aber der Buchmarkt reagiert auf die „Vergreisung“ der Gesellschaft, wie es abschätzig heißt. Die Liste der Titel zum Altwerden ist endlos: Entscheide selbst, wie alt du bist, Vom Vergnügen, entspannt alt zu werden, Alt werden war gestern, Bin ich schon alt oder wird das wieder?, Das Glück der späten Jahre, Alt werden, ohne alt zu sein, 50 ist das neue 30, Wie kluge Frauen alt werden, Mut zu mir selbst: Alt werden ist nichts für Feiglinge, Ich bin alt und das ist gut so, Alt werden und jung bleiben, Wenn der Wecker nicht mehr klingelt, Klüger werden und Demenz vermeiden, Wer nicht alt werden will, muss früher sterben, Vom Abenteuer, alt zu werden, Die neue Lust am Älterwerden, Für Träume ist man nie zu alt, Lebensplanung für Fortgeschrittene, Fit im Alter, Gesund und glücklich hundert werden, Alt werden nur die anderen, Sex Deluxe: Sinnlich älter werden, Amor altert nicht, Sex in deinem Alter?!, Partnerschaft im Alter, Ziemlich heiße Jahre, Wenn Paare älter werden, Sex Ü60, Partnersuche im Internet für die zweite Lebenshälfte, Liebe bis in den späten Herbst, Wenn Kinder aus dem Haus sind und der Hund gestorben ist …

Alles im Handel erhältlich. „Genieße dein Alter, wenn es ja doch nicht zu ändern ist“, rufen uns diese Bücher zu. Und natürlich haben sie recht. 1970 galt, so de Beauvoir, Liebe und Eifersucht von Alten noch als „widerwärtig oder lächerlich“, Sexualität als „abstoßend“. 2008 hingegen sorgte Andreas Dresens Film „Wolke 9“, in dem das „Tabuthema Sex im Alter“ überraschend offenherzig behandelt wurde, in Cannes für einen zehnminütigen Beifall im Stehen.

Nun füge ich also der langen Liste von Büchern über Alter und Altern ein weiteres hinzu, wenn auch keinen Ratgeber. Über Ratschläge verfüge ich nicht, ich befrage nur mich selbst und spreche mit unterschiedlichen Menschen, die mir erzählen, wie sie ihr Leben im Alter gestalten – je nach ihren früheren und jetzigen Lebensumständen gestalten können. Die Statistiken und Analysen entnehme ich der Arbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. ´

Zu den zufriedenen Alten gehöre auch ich. Mit achtundsiebzig tut mir, außer an manchen Tagen das linke Knie, nichts weh, ich treibe Sport, lese so viel wie zuletzt als Kind und lebe sorglos mit einem Mann mit guter Rente, den ich erst mit fünfundsechzig kennengelernt habe. „Spätes Glück“ wird das genannt. Vor allem aber arbeite ich, was ich als noch größeres Glück empfinde. Als Freiberuflerin war ich schon immer darauf eingestellt, so lange zu arbeiten, wie es meine geistige und körperliche Verfassung erlaubt. Insofern habe ich mich nie verstärkt um meine Rente gekümmert. Mit Erstaunen konnte ich beim Eintritt des Rentenalters feststellen, dass ich tatsächlich eine – wenn auch bescheidene – Rente beziehe. Zum ersten Mal im Leben habe ich nun ein regelmäßiges Einkommen. Ich habe einen Schreibtisch in einer Bürogemeinschaft, die mir soziale Kontakte zu Jüngeren sichert. Hobbys habe ich keine, ich bin nicht ehrenamtlich tätig und habe keine Kinder und folglich auch keine Enkel, die mich auf Trab halten. Meine Lieblingsbeschäftigung ist die Arbeit. Mit ihr tue ich etwas einigermaßen Sinnvolles und befriedige meine Neugier auf die Welt.

So erlebe ich mein Alter tatsächlich als eine Zeit der Freiheit. Auch als Frau. Während ich mit fünfzig noch darunter litt, trotz gefärbter Haare nicht mehr gesehen zu werden, ist es für mich heute – mit weißen Haaren – entlastend, ich selbst sein zu dürfen, keine Rolle spielen, den Erwartungen an Weiblichkeit nicht mehr entsprechen zu müssen und mich ohne Angst vor sexueller Belästigung frei in der Welt zu bewegen. Wenn ich mich dennoch schminke und sorgfältig kleide, tue ich es für mich selbst und bin froh, dass mein Äußeres von anderen nicht mehr begutachtet wird.

Über Komplimente, vor allem von Frauen, freue ich mich dennoch. Aber manchmal fühlt es sich eben gut an, nicht gesehen zu werden. „Von einem Jahr aufs andere ist die Zeit meine Verbündete geworden, wie für jede Frau“, schreibt die polnische Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk in ihrem Roman Unrast. „Ich bin unsichtbar, durchsichtig geworden.“ So kann sich ihre Protagonistin durch die Welt bewegen wie ein Gespenst, kann den Leuten unbemerkt über die Schulter schauen und ihren Gesprächen lauschen. Nicht immer ist es jedoch angenehm, unsichtbar zu sein. Um doch noch gesehen zu werden – etwa, wenn mich der Kellner im Restaurant hartnäckig übersieht, während er später eingetroffene Männer und Paare bedient, oder der Spanischlehrer mich nicht aufruft, obwohl ich direkt vor seiner Nase sitze und mich melde –, musste ich lernen, selbstbewusst und fordernd aufzutreten. Als Lernschritt für das vierte Lebensquartal ist das gar nicht schlecht.

Der melancholische Blick in den Spiegel auf den sich verändernden Körper ist allerdings ein Luxusproblem. Dem Altenbericht ist zu entnehmen, dass viele seiner Autorinnen und Autoren „von einem relevanten Anstieg der Altersarmut in den kommenden Jahren und Jahrzehnten“ ausgehen. Insbesondere in Ostdeutschland. Wer sich Sorgen um das tägliche Überleben machen muss, hat wohl keine Muße, mit dem Aussehen zu hadern. „Deutlich ist, dass das Niveau der Eingangsrenten in der gesetzlichen Rentenversicherung seit Jahren sinkt“, urteilt der Altenbericht. Ein Skandal in einem reichen Land wie Deutschland, in dem es immer mehr Superreiche gibt.

„Dass die gesetzliche Rente derart kaputt gemacht wurde, ist der größte sozialpolitische Skandal der Nachkriegszeit“, urteilt Sahra Wagenknecht in Rente und Respekt! Insbesondere alleinstehende Frauen, Menschen ohne Berufsausbildung, Personen mit Migrationshintergrund, Menschen mit chronischen Erkrankungen und Langzeitarbeitslose sind von Altersarmut bedroht. Sollte die Politik eine solche „soziale Polarisierung des Alters“ nicht wünschen, dann wird sie sich Gedanken machen müssen – über den sozialen Wohnungsbau und bezahlbare Mieten, über existenzsichernde Mindestlöhne, die Umverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit sowie über eine Umstrukturierung der Renten- und Steuerpolitik, um nur einige Minimalanforderungen zu nennen.

Norberto Bobbio zitiert in seinem Buch Vom Alter. De Senectute aus dem Jahr 1996 erschütternde Aussagen von Menschen in italienischen Altenheimen, deren Einsamkeit so umfassend ist, dass sie nur noch den Tod herbeisehnen. Studien zeigen, dass chronische Einsamkeit, also soziale Isolation, ein größeres Sterberisiko mit sich bringt als fünfzehn Zigaretten am Tag, Fettleibigkeit oder Bluthochdruck. Der Psychiater Manfred Spitzer bezeichnet Einsamkeit mit ihren körperlichen Folgen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einer höheren Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, als „Todesursache Nummer eins“.

Das viel zitierte und auch belächelte Einsamkeitsministerium in Großbritannien hat einen Haken: Gesprochen wird über einen emotionalen Zustand, nicht jedoch über öffentliche Strukturen, die soziale Isolation schaffen, über die sterbenden Dörfer, die Ausdünnung der Verkehrsverbindungen, die Entmischung der Innenstädte, die keine Orte der Begegnung mehr anbieten, über die Ausbreitung extremer Berufsanforderungen, die kein Privatleben zulassen. Gesprochen wird nicht über Armut, die Einsamkeitsproduzentin Nummer eins.

Die Armutsforscherin Irene Götz hat in ihrem Buch Kein Ruhestand Frauen zwischen sechzig und achtzig Jahren porträtiert, die im reichen München Not leiden. Mehr als 70 Prozent der Frauen in Bayern leben unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze. Die Autorin berichtet von alten Frauen, die ihr Leben lang erwerbstätig waren und nun auf einem Klappbett im Flur der Tochter schlafen, Straßenzeitungen verkaufen, im Callcenter im Akkord arbeiten. Auf die Generation der Babyboomer, die heute älter als fünfzig sind, sieht sie ein Katastrophenszenario zukommen. Der Anteil an Frauen, die in Teilzeit oder geringfügiger Beschäftigung arbeiten, ist weiterhin hoch, und ihre spätere Rente wird entsprechend niedrig ausfallen. Einen Ausgleich durch betriebliche und private Altersvorsorge haben gerade die unteren Einkommensgruppen kaum zu erwarten.

Den verzweifelten Alten in Italien stellt Bobbio die selbstzufriedene Rede aus der rhetorischen Tradition eines Cicero gegenüber, und die armen Frauen von München und anderswo in Deutschland sind die Schattenseite der in die Jahre gekommenen gut bestallten deutschen Bewohnerinnen und Bewohner von Mallorca mit den verheißungsvollen Lebensratgebern im Gepäck. So wie die Kluft zwischen Arm und Reich allgemein in Zeiten des Neoliberalismus größer wird, so wird die Verteilung der Lebenschancen im Alter ungleicher. Schlimm daran ist zudem, dass die Altersarmut in der Regel endgültig ist.

Wer sich über die „Vergreisung“ unserer Gesellschaft Sorgen macht, sollte sich von Japan warnen lassen, dessen Alte für ihre Langlebigkeit bekannt sind, aber zunehmend ein Problem darstellen. Ein Blick zurück: In einigen Gebieten Japans waren die Dörfer bis in die jüngste Zeit so arm, dass man die Alten opfern musste, schildert Simone de Beauvoir in Das Alter. Man brachte sie auf sogenannte Totenberge und ließ sie dort zurück. Man veranstaltete ein Totenfest mit kostbaren Speisen und Reiswein. Im Morgengrauen danach wurden die Todgeweihten von einem Verwandten an ein Brett gebunden und auf den von Raben umkreisten Berg getragen, dessen Gipfel von Knochen übersät war.

Die Atago-Siedlung am Stadtrand von Tokio ist ein Gebäudekomplex mit 1698 Wohneinheiten, einer von Hunderten ähnlichen Komplexen rund um Tokio. In diesen nicht als Altenheime konzipierten Sozialwohnungen leben heute fast nur noch alte Leute, das Ergebnis einer Sozialpolitik, die jüngere Bewohner ab einer gewissen Einkommenshöhe nicht mehr dort wohnen lässt. Zurück bleiben die Alten, doch die fünfstöckigen Gebäude haben keine Aufzüge, und in der Umgebung gibt es weder einen Supermarkt noch eine Apotheke. Die 1976 eröffnete Grundschule musste 2016 mangels Schülern schließen. Die britische Zeitung The Guardian zitiert einen siebzigjährigen Mitarbeiter des Atago-Wohnkomitees, dem zufolge in den letzten fünf Jahren über 2300 alleinstehende Alte in Japan einen Kodukushi gestorben sind, einen „Tod in Einsamkeit“. So nennen die Japaner den Tod, der erst Wochen später entdeckt wird, ein Damoklesschwert, das über den Bewohnern von Atago schwebt.

Manches, was der ehemalige Journalist des Spiegel Wieland Wagner in seinem 2018 erschienenen Buch über Japan – Abstieg in Würde. Wie ein alterndes Land um seine Zukunft ringt – beschreibt, lässt an den Totenberg denken. Seit neun Jahren in Folge schrumpft die japanische Bevölkerung. Mehr als ein Viertel war 2018 fünfundsechzig Jahre alt und älter, so viele Menschen wie noch nie. Damit war der Anteil der Alten mehr als doppelt so hoch wie jener der unter Fünfzehnjährigen. Während heute die Alten immer älter werden, rücken zu wenige Junge nach. 2017 betrug die Geburtenziffer 1,43 Kinder pro Frau, eigentlich nur geringfügig weniger als in Deutschland. Immer weniger Arbeitsfähige müssen immer mehr Arbeit verrichten, mit derart katastrophalen Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit der noch Erwerbstätigen, dass sich die Regierung 2015 genötigt sah, ihre Landsleute zu fünf Zwangsurlaubstagen im Jahr zu verpflichten.

„Die Vergreisung liegt wie ein grauer Schleier über Japan“, schreibt Wagner. „Allenthalben ist vom Altern und vom Sterben die Rede.“ Katastrophal sind auch die Folgen für die Wirtschaft. Immer weniger Waren werden verkauft, Firmen suchen verzweifelt nach Personal, Betriebe, deren Besitzer in Rente gehen, finden keine Nachfolge, junge Erwerbstätige haben vor lauter Überstunden keine Zeit und wegen der niedrigen Löhne auch kein Geld, eine Familie zu gründen, Alte müssen bis ins hohe Alter schuften, weil ihre karge Rente zum Überleben nicht reicht, Wohnungen und Häuser bleiben unbewohnt und verfallen, die Bettenzahl in Krankenhäusern wird drastisch gesenkt, während das Personal im Pflegebereich heillos überfordert ist.

Immer wieder kommt es vor, dass Pflegende und Angehörige sich nicht mehr zu helfen wissen und als letzten Ausweg ihre Schutzbefohlenen ins Jenseits befördern. Und Karoshi – „Tod durch Überarbeitung“ – ist ein Euphemismus für den Suizid von Mitarbeitern, denen so viele Überstunden abverlangt werden, dass ihnen der Tod wünschenswert erscheint. Selbst die Gefängnisbelegung altert, sodass man dazu übergeht, jüngere Gefangene in der Altenpflege auszubilden.

Während Deutschland sein Demografieproblem durch Zuwanderung lindert, bleiben die Japaner lieber unter sich. Notgedrungen will das Land bis 2025 seine strengen Zuwanderungsregeln lockern und eine halbe Million ausländische Arbeitskräfte ins Land lassen. Schon heute sieht man auf Baustellen, in Supermärkten, Restaurants, Altenheimen und landwirtschaftlichen Betrieben nicht nur japanische Beschäftigte. Doch der rechtlich unsichere Status der Zugewanderten erlaubt es ihnen nicht, sich dauerhaft niederzulassen und eine Familie zu gründen. Stattdessen bevorzugt man in Japan technische Lösungen. „Um Alte und Demente psychisch zu betreuen, setzen viele Heime auch Roboter-Seehunde und Roboter-Katzen ein“, berichtet Wagner. In einem Seniorenheim in Tokio konnte er 2005 noch bestaunen, wie Bewohner von Waschrobotern geduscht und getrocknet wurden, zwölf Jahre später sei man davon wieder abgekommen. „Zwischen den Visionen der amtlichen Planer und dem Alltag der Pfleger klafften offensichtlich Welten“, schließt der Autor.

Auf Deutschland bezogen hat sich die Bertelsmann Stiftung in einer jüngst veröffentlichten Studie mit dem demografischen Wandel beschäftigt. Rein rechnerisch wäre es möglich, mit höherer Zuwanderung den Altenquotienten bis 2035 annähernd konstant zu halten. Auf Bruttobasis würde das jedoch innerhalb von fünfzehn Jahren eine Zuwanderung von knapp 45 Millionen Personen erforderlich machen, was vermutlich in Zeiten von zunehmendem Rassismus und Fremdenfeindlichkeit politisch nicht durchsetzbar ist. Die tatsächliche Alterung der Gesellschaft würde dadurch aber nur auf später verschoben, denn langfristig altern auch die Zugewanderten oder wandern wieder ab.

„Mögliche Instrumente sind eine schnellere Erwerbsintegration von Zuwanderern, ein Anstieg der Erwerbstätigkeit und des Arbeitsvolumens bei Frauen und Migranten sowie eine Erhöhung der Regelaltersgrenze, die sich an der steigenden Lebenserwartung orientiert“, schlussfolgert die Demografie-Expertin der Bertelsmann Stiftung Martina Lizarazo López. Eine bessere flächendeckende Kinderbetreuung, eine Änderung des sozialen Sicherungssystems, eine kinder- und familienfreundliche Umgestaltung der Arbeitswelt, eine Umverteilung entlohnter und nicht entlohnter Arbeit und eine Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von oben nach unten, würde ich ergänzen.

 

Heute und morgen erreichen Menschen in Deutschland das Rentenalter, die eine andere Jugend durchlebt haben als frühere Generationen, sie kennen weder Krieg noch Hunger, viele haben sich in jungen Jahren für soziale Gerechtigkeit eingesetzt, haben ihr Leben nicht in der „Normalfamilie“ verbracht und sind Feministinnen, die weniger fügsam sind als frühere Frauengenerationen. „Sie fürchten nicht die Schwierigkeiten, die sie mit ihren Kindern bekommen, weil sie nicht als ›richtige Omas‹ für die Betreuung der Enkel zur Verfügung stehen, sondern einen eigenen Terminkalender haben“, schreibt Gisela Notz. Sie zitiert den „Freiwilligensurvey“ aus dem Jahr 2009, der diagnostiziert, dass sich die Freiwilligen von heute wegen ihrer besseren körperlichen Verfassung und ihres höheren Bildungsniveaus in steigendem Maße als kritische und selbstbewusste Engagierte erweisen. Zunehmend richte sich ihr Engagement direkt auf das Gemeinwesen. Zum Erfahrungswissen der Alten komme nun auch kritische Kompetenz. Sie werden als „unwürdige Greisinnen“ (Brecht) zum Sand im Getriebe der nur auf Verwertbarkeit ausgerichteten neoliberalen Maschinerie.

Angesichts der Vereinsamung und oft desolaten Wohnsituation älterer Menschen entwickeln manche schon in jüngeren Jahren Ideen, wie sie ihr Alter in Gemeinschaft mit Jüngeren und Kindern gestalten wollen. Doch ohne Förderung durch die öffentliche Hand werden diese wunderbaren Ideen nur von einer kleinen finanziell gut ausgestatteten Elite umgesetzt werden können.

Das Alter, schreibt Simone de Beauvoir, „ist nicht nur eine biologische, sondern eine kulturelle Tatsache“. Und eine politische.

Die Alten genießen den Luxus, nicht mehr Teil der Leistungsgesellschaft zu sein. Wahrscheinlich sind deshalb so viele von uns zufrieden. Wir dürfen uns den Müßiggang erlauben. „Müßiggang“ ist ein schönes Wort: sich die Muße nehmen, den Gang zu verlangsamen. Zu schlendern. Auf Italienisch heißt es ozio. Das ist viel zu kurz. „Unser Tatendrang entspringt dem unbewussten Hang, uns für Mittelpunkt, Ursache und Endziel der Zeit zu halten“, schreibt Émile M. Cioran in Lehre vom Zerfall. Alte können sich diese Illusion nicht mehr erlauben. Aber, so Cioran, „Müßiggänger erfassen mehr von den Dingen als Geschäftige, dringen tiefer als diese in sie ein: ihren Horizont begrenzt keinerlei Arbeit.“ Sie tun weder Gutes noch Böses, sind bloß „Zuschauer der in Zuckungen sich windenden Menschheit“.

Heute sagen Wissenschaftler voraus, dass die Menschen eines Tages hundertdreißig Jahre alt werden könnten. Emma Morano aus dem piemontesischen Verbania starb 2017 im Alter von 118 Jahren. Sie wurde 1899 geboren und war die letzte Person der – westlichen Journalistinnen bekannten – Welt, die das gesamte zwanzigste Jahrhundert durchlebt hat. Verständlicherweise wurde sie immer wieder von Leuten aufgesucht, die auf das Geheimnis ihrer Langlebigkeit neugierig waren. Ein Arzt habe ihr geraten, gegen Blutarmut täglich zwei rohe Eier zu essen, gab sie zu Protokoll, daran habe sie sich ihr Leben lang gehalten. Doch der eigentliche Grund für ihr hohes Alter sei ein anderer: Nachdem ihre große Liebe im Ersten Weltkrieg gefallen und ihr zweiter Versuch mit einem Mann an dessen Gewalttätigkeit gescheitert war, verbrachte sie ihr restliches Leben allein, wenn auch nie einsam. Dadurch, verriet sie verschmitzt, habe sie sich eine Menge Ärger erspart.

Erica Fischer

Über Erica Fischer

Biografie

Erica Fischer wurde 1943 in St. Albans bei London geboren, wohin die Eltern aus Wien geflüchtet waren. Sie wuchs in Wien auf und studierte am Dolmetschinstitut der Universität Wien. 1972 war sie eine der Mitbegründerinnen der autonomen Frauenbewegung in Wien. Sie arbeitet als freie Journalistin,...

Veranstaltung
Lesung und Gespräch
Donnerstag, 15. Juli 2021 in Heidenheim an der Brenz
Zeit:19:00 Uhr
Ort:Stadtbibliothek Heidenheim ,
Willy-Brandt-Platz 1
89522 Heidenheim an der Brenz
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Deutschlandfunk Kultur „Lesart“

„Ein sehr persönliches Buch“

Neue Presse

„Eine unterhaltsame Geschichte“

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