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Als Mutter verschwandAls Mutter verschwand

Als Mutter verschwand

Roman

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Als Mutter verschwand — Inhalt

Die überwältigende Kraft der Mutterliebe – der koreanische Roman, der weltweit zum Bestseller wurde.

Sie sind auf dem Weg, ihre erwachsenen Kinder in Seoul zu besuchen. Doch als sie mit ihrem Mann in die überfüllte U-Bahn steigen will, passiert es: Mutter geht in der Menschenmenge verloren. Und sie bleibt spurlos verschwunden. Die Suche zieht sich über Wochen und Monate hin und wird immer aussichtsloser. Dabei wird sowohl ihren Kindern als auch ihrem Mann zum ersten Mal bewusst, was diese Frau für sie alle war – und vor allem, wer sie eigentlich war.

Erschienen am 10.03.2014
Übersetzer: Cornelia Holfelder-von der Tann
256 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30389-7
Erschienen am 12.09.2012
Übersetzer: Cornelia Holfelder-von der Tann
256 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95853-0

Leseprobe zu »Als Mutter verschwand«

O lieb, solang du lieben kannst.
Ferdinand Freiligrath

 

1

 

Was niemand weiß

 

Eine Woche ist es jetzt her, dass Mama verschwunden ist.

 

Die Familie ist bei deinem ältesten Bruder Hyong - Chol versammelt und diskutiert, was sie unternehmen soll. Ihr beschließt, Flugblätter zu drucken und in der Gegend zu verteilen, wo Mama abhandengekommen ist. Als Erstes, befinden alle, gilt es, das Flugblatt zu entwerfen. Das ist zwar eine ziemlich altmodische Maßnahme in einer solchen Situation, aber es gibt nun mal nicht viel, was man tun kann, wenn jemand [...]

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O lieb, solang du lieben kannst.
Ferdinand Freiligrath

 

1

 

Was niemand weiß

 

Eine Woche ist es jetzt her, dass Mama verschwunden ist.

 

Die Familie ist bei deinem ältesten Bruder Hyong - Chol versammelt und diskutiert, was sie unternehmen soll. Ihr beschließt, Flugblätter zu drucken und in der Gegend zu verteilen, wo Mama abhandengekommen ist. Als Erstes, befinden alle, gilt es, das Flugblatt zu entwerfen. Das ist zwar eine ziemlich altmodische Maßnahme in einer solchen Situation, aber es gibt nun mal nicht viel, was man tun kann, wenn jemand vermisst wird, auch wenn dieser Jemand die eigene Mutter ist. Eure Möglichkeiten sind : Vermisstenanzeige zu erstatten, was ihr schon getan habt, die Gegend abzusuchen, Passanten zu fragen, ob sie eine Frau gesehen haben, die aussah wie Mama. Dein jüngerer Bruder, der einen Onlineshop für Kleidung betreibt, hat schon einen Aufruf auf seine Internetseite gestellt mit der Angabe, wo sie verschwunden ist, einem Foto von ihr und der Bitte an jeden, der sie gesehen hat, sich zu melden. Du würdest gern überall da nach ihr suchen, wo sie hingegangen sein könnte, aber du weißt ja nur zu gut, dass sie in dieser Stadt nirgends allein hinfinden würde. Zuerst gilt es, das Flugblatt zu verfassen, Hyong - Chol beauftragt dich damit, weil Schreiben doch dein Beruf sei. Du wirst rot, als ob man dich bei etwas Verbotenem ertappt hätte. Du weißt nicht recht, wie deine schriftstellerischen Fähigkeiten dabei helfen sollen, Mama zu finden.

 

Du schreibst als Mamas Geburtsdatum » 24.  Juli 1938 « hin, aber dein Vater korrigiert dich, nein, sie sei 1936 geboren. In ihrem Ausweis stehe zwar 1938, aber in Wirklichkeit sei es 1936. Das hörst du zum ersten Mal. Dein Vater sagt, das sei damals üblich gewesen. Zu viele Kinder hätten die ersten drei Monate nicht überlebt, also habe man sein Kind erst mal ein paar Jahre alt werden lassen, ehe man es amtlich gemeldet habe. Als du » 38 « durch » 36 « ersetzen willst, sagt Hyong - Chol, 1938 müsse stehen bleiben, weil das ja das offizielle Geburtsdatum sei. Du findest, dass man so exakt nicht sein muss, wenn es doch nur um ein selbst gemachtes Flugblatt geht, schließlich seid ihr ja nicht auf irgendeinem Amt. Aber du lässt brav » 38 « stehen und fragst dich, ob denn wenigstens der 24.  Juli stimmt.

 

Vor ein paar Jahren hat eure Mama gesagt : » Wir brauchen meinen Geburtstag nicht extra zu feiern. « Vaters Geburtstag ist einen Monat vor ihrem Geburtstag. Früher seid ihr Geschwister zu allen Geburtstagen und sonstigen Familienfesten zu euren Eltern nach Chongup gefahren. Insgesamt umfasste die engste Familie zweiundzwanzig Personen. Mama mochte es, wenn ihre sämtlichen Kinder und Enkel beisammen waren und im Haus für Trubel sorgten. Ein paar Tage vorher machte sie immer frisches Kimchi, kaufte auf dem Markt Rindfleisch und legte einen Vorrat an Zahnpasta und Zahnbürsten an. Sie presste Sesamöl und röstete und zerstieß Sesam -  und Perillasamen, damit sie ihren Kindern bei der Abreise etwas davon mitgeben konnte. In dieser Zeit der Erwartung lebte Mama sichtlich auf : Wenn sie mit Nachbarn oder Bekannten redete, sprach ihr Stolz aus jedem Wort und jeder Geste.
In Mamas Schuppen standen Glasflaschen verschiedenster Größe mit Pflaumen -  oder Walderdbeersaft, den sie in der Erntezeit herstellte. Außerdem hortete Mama Gläser mit winzigen fermentierten Fischen und Muscheln oder Sardellenpaste, um sie der Familie in der Stadt zu schicken. Wenn sie hörte, dass Zwiebeln gesund seien, presste sie Zwiebelsaft, und bevor der Winter kam, machte sie Kürbissaft mit Süßholz. Mamas Haus war wie eine Fabrik ; sie bereitete Pasten und fermentierte ungeschälten Reis, produzierte das ganze Jahr Sachen für die Familie.
Irgendwann wurden die Besuche der Kinder in Chongup seltener, und Mama und Vater kamen öfter nach Seoul. Dann fingt ihr an, ihre Geburtstage dadurch zu feiern, dass ihr sie zum Essen ausführtet. Das war einfacher. Und schließlich schlug Mama sogar vor : » Wir können doch meinen Geburtstag am Geburtstag eures Vaters mitfeiern. « Sie sagte, es sei doch eine Last, zweimal zu feiern, weil ihre Geburtstage beide im heißen Sommer lägen, wo es außerdem noch zwei Ahnenrituale im Abstand von nur zwei Tagen auszurichten gelte. Zuerst lehnte die Familie diese praktische Lösung kategorisch ab, auch wenn Mama darauf beharrte und sich weigerte, zu ihrem Geburtstag nach Seoul zu kommen – ein paar von euch fuhren dann eben nach Hause, um mit ihr zu feiern. Nach und nach aber gingt ihr dazu über, auch Mama an Vaters Geburtstag zu beschenken. Und so spielte es sich allmählich ein, dass ihr eigentlicher Geburtstag ganz übergangen wurde. Die Socken, die sie für alle Familienmitglieder zu kaufen pflegte, stapelten sich unbenutzt in ihrer Kommode.
Name : So - Nyo Park
Geburtsdatum : 24. Juli 1938 ( Alter 69 )
Äußeres : Kurzes, grau meliertes Haar ( Dauerwelle ), ausgeprägte Wangenknochen, zuletzt bekleidet mit hellblauer Bluse, weißer Jacke und beigefarbenem Faltenrock Zuletzt gesehen : U - Bahnstation Seoul - Hauptbahnhof

 

Ihr könnt euch nicht entscheiden, welches Foto von Mama man nehmen sollte. Alle finden, dass es das aktuellste Foto sein muss, aber niemand hat ein aktuelles Foto von ihr. Dir fällt wieder ein, dass Mama irgendwann nicht mehr fotografiert werden wollte. Selbst wenn Aufnahmen von der ganzen Familie gemacht wurden, schlich sie sich davon. Das jüngste Foto von Mama ist ein Familienfoto von Vaters siebzigstem Geburtstag. Mama sah hübsch aus in ihrem hellblauen Hanbok – der traditionellen koreanischen Tracht – ; sie kam frisch vom Friseur und hatte sogar roten Lippenstift aufgelegt. Dein jüngerer Bruder findet, dass sie auf diesem Bild ganz anders aussieht als zum Zeitpunkt ihres Verschwindens. Er glaubt nicht, dass die Leute sie nach dem Foto wiedererkennen würden, nicht mal nach einer Ausschnittvergrößerung. Er sagt, als er dieses Bild von ihr auf die Internetseite gesetzt habe, hätten die Leute geantwortet : » Ihre Mutter sieht toll aus, gar nicht wie eine Frau, die sich einfach so verirrt. « Ihr beschließt nachzuschauen, ob jemand ein anderes Foto von Mama hat.
Hyong - Chol sagt, du sollst noch mehr auf das Flugblatt schreiben. Als du ihn fragend ansiehst, sagt er : » Denk dir was aus, was die Leute emotional packt. « Was soll das sein ? Wenn du schreibst, Bitte helfen Sie uns, unsere Mutter zu finden, sagt er, das sei zu schlicht. Wenn du schreibst, Wir suchen unsere Mutter, sagt er, » Mutter « sei zu formell, du sollst
» Mama « schreiben. Wenn du schreibst, Wir suchen unsere Mama, findet er es zu kindlich. Wenn du schreibst, Bitte benachrichtigen Sie uns, falls Sie diese Frau gesehen haben, blafft er : » Was bist du denn für eine Schriftstellerin ? « Dir fällt einfach nichts ein, womit Hyong - Chol zufrieden wäre.
Dein zweiter Bruder sagt : » Das ist doch ganz leicht : Man muss nur schreiben, dass es eine Belohnung gibt. «
Als du Großzügige Belohnung ! hinschreibst, sagt deine Schwägerin, dass man das so nicht schreiben könne : Die Leute würden nur reagieren, wenn man eine bestimmte Summe angebe.
» Welche Summe soll ich denn nennen ? «
» Eine Million Won ? «
» Das reicht nicht. «
» Drei Millionen Won ? «
» Das scheint mir immer noch zu wenig. «
» Dann eben fünf Millionen Won. «
Gegen fünf Millionen hat niemand etwas einzuwenden. Du schreibst : Die Belohnung beträgt fünf Millionen Won, und machst einen Punkt dahinter. Dein zweiter Bruder sagt, du sollst Belohnung : 5 Millionen Won schreiben. Dein jüngster Bruder sagt, du sollst 5 Millionen Won in größerer Schrift schreiben. Alle versprechen, dir ein besseres Foto von Mama zu mailen, wenn sie eins finden. Du wirst beauftragt, das Flugblatt noch zu ergänzen und drucken zu lassen, und der jüngste Bruder bietet sich an, die fertigen Exemplare abzuholen und allen Familienmitgliedern welche zu bringen. Als du vorschlägst, doch jemanden für das Verteilen der Flugblätter zu bezahlen, sagt Hyong - Chol : » Das müssen wir selbst machen. Unter der Woche verteilt jeder welche, wenn er Zeit hat, und am Wochenende machen wir’s alle zusammen. «
Du brummelst : » In dem Tempo finden wir Mama nie. «
» Besser, als einfach herumzusitzen. Wir tun doch schon, was wir können «, gibt Hyong - Chol zurück.
» Was heißt › was wir können ‹ ? «
» Wir setzen Anzeigen in die Zeitung. «
» Dann ist alles, was wir können, Anzeigenplatz bezahlen ? «
» Was sollen wir denn deiner Meinung nach tun ? Sollen wir alle morgen unsere Arbeit aufgeben und nur noch durch die Stadt streifen ? Wenn wir Mama so finden könnten, würde ich auch das tun. «
Du hörst auf, mit Hyong - Chol zu streiten, weil dir klar wird, dass du ihm die Verantwortung zuschiebst – wie immer. Ihr lasst Vater bei Hyong - Chol und geht alle nach Hause. Wenn ihr jetzt nicht gingt, würdet ihr weiterstreiten. Das habt ihr schon die ganze Woche lang getan. Ihr habt euch getroffen, um darüber zu reden, wie ihr Mama finden könntet, und plötzlich fing einer davon an, wie ein anderer von euch sich Mama gegenüber irgendwann nicht richtig verhalten hatte. Kleinigkeiten, die jahrelang unter den Teppich gekehrt worden waren, wurden nun aufgebläht, bis alle zu viel rauchten, brüllten und Türen knallten.
Als du erfuhrst, dass Mama verschwunden war, hast du ärgerlich gefragt, warum niemand aus eurer großen Familie sie und Vater am Hauptbahnhof abgeholt habe.
» Und wo warst du ? «
Ich ? Du bist verstummt. Du hast erst nach vier Tagen erfahren, dass Mama verschwunden war. Ihr habt euch gegenseitig die Schuld gegeben und wart alle gekränkt.

 

Von Hyong - Chols Wohnung aus nimmst du die U - Bahn nach Hause, steigst aber am Hauptbahnhof aus, wo Mama verschwunden ist. Menschenmassen drängen sich an dir vorbei, als du die Stelle aufsuchst, wo sie zuletzt gesehen wurde. Du schaust auf die Uhr. Drei Uhr. Genau die Uhrzeit, zu der Mama hier zurückblieb. Während du auf dem U - Bahnsteig stehst, da, wo sie von Vater getrennt wurde, schubsen dich Leute, und keiner entschuldigt sich. So haben die Leute wohl auch gedrängelt, als Mama hier stand und nicht wusste, was tun.
Vor Jahren, ein paar Tage, bevor du in die große Stadt gingst, nahm Mama dich zu einem Kleiderstand auf dem Markt mit. Du hattest dir ein schlichtes Kleid ausgesucht, aber sie griffsich eins mit Rüschen auf den Trägern und am Saum. » Wie wär’s mit dem hier ? «
» Nein «, sagtest du und schobst es weg.
» Warum denn nicht ? Probier’s doch mal an. « Mama, damals noch jung, sah dich verständnislos an. Das Rüschenkleid war Welten entfernt von dem dreckigen Handtuch, das sie sich, wie andere Bäuerinnen auch, stets um den Kopf band, damit ihr der Arbeitsschweiß nicht in die Augen rann.
» Es ist kleinmädchenhaft. «
» Ach ja ? «, sagte Mama, hielt das Kleid aber immer noch hoch und inspizierte es, als wäre sie nicht willens, es dazulassen. » Ich würde es anprobieren, wenn ich du wäre. «
Aus Schuldgefühl, weil du das Kleid kleinmädchenhaft genannt hattest, sagtest du : » Das ist doch überhaupt nicht dein Stil. «
Und Mama sagte : » Doch, ich mag solche Kleider, ich hatte nur nie die Gelegenheit, so was zu tragen. «
Wie weit reicht die Erinnerung an einen Menschen zurück ? Deine Erinnerung an Mama ?
Seit du gehört hast, dass Mama verschwunden ist, kannst du dich auf nichts mehr konzentrieren, weil immerzu lang vergessene Erinnerungen auftauchen. Und jede dieser Erinnerungen mit Reue verbunden ist.
Ich hätte es anprobieren sollen. Du gehst in die Knie, hockst dich an der Stelle hin, wo Mama es vielleicht auch getan hat. Ein paar Tage, nachdem du darauf bestanden hattest, das schlichte Kleid zu nehmen, kamst du mit ihr hier auf diesem U - Bahnhof an. Deine Hand fest umfasst, bahnte sie sich mit einer Entschlossenheit, die wohl selbst die streng auf euch herabblickenden Gebäude einschüchtern sollte, einen Weg durch das Menschenmeer und über den Platz, um am Fuß des Uhrturms auf Hyong - Chol zu warten. Wie kann so jemand einfach verloren gehen ? Als die U - Bahn-Scheinwerfer nahen, stürmen die Leute los und schauen dich komisch an. Sie ärgern sich wohl, dass du ihnen im Weg hockst.

 

In dem Moment, als sich das Drama hier auf diesem Bahnsteig abspielte, warst du in China, mit deinen Schriftstellerkollegen auf der Buchmesse in Peking. Du hast wohl gerade in der chinesischen Übersetzung eines deiner Bücher geblättert, als Mama im Hauptbahnhof von Seoul verloren ging.
» Warum habt ihr kein Taxi genommen, Vater ? Das wäre nicht passiert, wenn ihr nicht die U - Bahn genommen hättet ! «
Vater sagt, er habe gedacht : Warum ein Taxi nehmen, wenn die U - Bahn - Station gleich im Bahnhof ist ?
Auf die meisten Geschehnisse, vor allem auf die schlimmen, folgt die Reue, man geht immer wieder einzelne Momente durch und denkt : Wenn es da doch nur anders gelaufen wäre ! Als Vater deinen Geschwistern erklärte, er und Mama könnten allein zu deinem Bruder fahren, warum haben deine Geschwister das da zugelassen, obwohl doch sonst immer jemand zum Hauptbahnhof oder zum Busbahnhof gefahren war, um die Eltern abzuholen ? Was trieb Vater, der sich bei Besuchen nie anders durch Seoul bewegt hatte als per Taxi oder im Auto eines Familienmitglieds, an diesem Tag dazu, die U - Bahn zu nehmen ? Er und Mama rannten zur U - Bahn, die gerade eingefahren war. Vater stieg ein, und als er sich umdrehte, war Mama nicht mehr da. Es war ausgerechnet ein hektischer Samstagnachmittag. Mama wurde im Getümmel abgedrängt, und als sie gerade die Orientierung wiederzufinden versuchte, fuhr die U - Bahn los. Vater wurde panisch : er hatte ihre Tasche.
Als Mama also allein und ohne alles auf dem U - Bahnsteig zurückblieb, warst du gerade auf dem Weg von der Buchmesse zum Tiananmen - Platz. Du warst schon zum dritten Mal in Peking, hattest den Tiananmen - Platz aber noch nie betreten, sondern immer nur aus dem Bus oder Auto gesehen. Der Student, der eurer Gruppe als Fremdenführer diente, hatte sich erboten, euch vor dem Abendessen noch hinzubringen, und die Gruppe hatte das für eine gute Idee gehalten. Was hat deine Mama wohl gemacht, ganz allein dort auf dem Hauptbahnhof von Seoul, als du gerade vor der Verbotenen Stadt aus dem Taxi stiegst ? Die war nur teilweise geöffnet, weil dort gebaut wurde, genau wie zwischen der Verbotenen Stadt und dem Tiananmen - Platz ; man musste ein regelrechtes Labyrinth durchqueren, um dorthin zu gelangen. Außerdem war gleich Schließungszeit. In ganz Peking wurde wurde wegen der Olympischen Spiele im folgenden Jahr gebaut. Also kehrte eure Gruppe wieder um.
Du musstest an die Szene in Der letzte Kaiser denken, wo der alt gewordene Pu Yi in die Verbotene Stadt, sein Kindheitszuhause, zurückkehrt und einem jungen Touristen eine Dose zeigt, die er damals hinter dem Thron versteckt hat. Als er die Dose öffnet, ist die Grille darin, sein Haustier aus Kindertagen, immer noch am Leben.
Als du dich auf den Weg hinüber zum Tiananmen - Platz machtest, stand da deine Mama mitten im Gedränge und wurde von allen Seiten geschubst ? Wartete sie darauf, dass jemand sie holen kam ? Während du die Drachen in der Luft über dem Tiananmen - Platz betrachtetest, brach deine Mama vielleicht in der Unterführung in Tränen aus und rief deinen Namen. Während du zusahst, wie sich die Stahltore am Tiananmen - Platz öffneten und eine Abteilung Soldaten im Stechschritt hinausmarschierte, um die rote Fahne mit den fünf Sternen einzuholen, irrte deine Mama vielleicht gerade durch das Labyrinth des Hauptbahnhofs von Seoul. Dass sie das getan hat, weißt du, weil es dir Leute erzählt haben, die zu der Zeit auf dem Bahnhof waren. Sie sagten, ihnen sei eine alte Frau aufgefallen, die sehr langsam ging, sich manchmal auf den Boden setzte oder mit leerem Blick bei den Rolltreppen stand. Manche hatten eine alte Frau lange Zeit im Bahnhof hocken und dann in eine gerade eingefahrene U - Bahn steigen sehen.
Ein paar Stunden, nachdem deine Mama verschwand, fuhrt ihr, deine Gruppe und du, mit dem Taxi durch die nächtliche Innenstadt zur hell erleuchteten, belebten Straße mit den Essständen, um dort unter roten Laternen einen sechsundfünfzigprozentigen chinesischen Schnaps zu probieren und enorm scharfe, in Chiliöl gebratene Garnelen zu essen.

 

Vater stieg an der nächsten Station aus und fuhr zum Hauptbahnhof zurück, aber Mama war nicht mehr da.
» Wie kann sie denn einfach verloren gegangen sein, nur weil sie es nicht mit in diesen Waggon geschafft hat ? Dort sind doch überall Schilder. Mutter ist doch in der Lage zu telefonieren. Sie hätte doch von einer Telefonzelle aus anrufen können. « Deine Schwägerin beharrte darauf, dass eurer Mama etwas passiert sein musste. Es sei doch völlig unlogisch, dass sie keine Möglichkeit gehabt habe, zum Haus ihres Sohns zu finden, nur weil sie nicht mit Vater in diese U - Bahn gekommen sei. Mama war etwas passiert. Aber das konnte nur jemand denken, der darauf bestand, Mama als die Person zu sehen, die sie einmal gewesen war.
Als du sagtest, » Mama kann sich schon verirren «, riss deine Schwägerin erstaunt die Augen auf. » Du weißt doch, wie sie inzwischen ist «, erklärtest du, und deine Schwägerin machte ein Gesicht, als ob sie keine Ahnung hätte, wovon du sprachst. Aber deine Familie wusste sehr wohl, wie Mama inzwischen war. Und dass ihr sie vielleicht nie finden würdet.

 

Wann ist dir klar geworden, dass Mama nicht lesen konnte ?

 

Der erste Brief, den du je geschrieben hast, war der von Mama an Hyong - Chol, den sie dir diktierte, kurz nachdem er in die Stadt gezogen war. Hyong - Chol hatte die Oberschule in dem kleinen Ort besucht, wo ihr alle geboren seid, ein Jahr zu Hause auf die Prüfung für den Verwaltungsdienst gelernt und ging dann in die Stadt, um seine erste Stelle anzutreten. Es war das erste Mal, dass Mama von einem ihrer Kinder getrennt wurde. Damals hattet ihr im Dorf noch kein Telefon, und die einzige Kommunikationsmöglichkeit waren Briefe. Hyong - Chol schrieb seine Briefe an sie in Großbuchstaben. Irgendwie wusste Mama intuitiv, wann Hyong - Chols Briefe eintreffen würden. Der Postbote erschien so um elf mit einer großen Tasche an seinem Fahrrad. An den Tagen, an denen Hyong - Chols Briefe eintrafen, kam Mama vom Feld oder vom Wäschewaschen am Bach ins Haus zurück, um den Brief persönlich entgegenzunehmen. Dann wartete sie, bis du aus der Schule kamst, führte dich auf den Maru, die traditionelle Veranda hinter dem Haus, und nahm Hyong - Chols Brief heraus. » Lies vor «, sagte sie.
Hyong - Chols Briefe begannen immer mit » Liebste Mutter «. Als ob er einer Anleitung zum Briefeschreiben folgte, erkundigte er sich nach der Familie und sagte, es gehe ihm gut. Er schrieb, dass er einmal die Woche seine Wäsche der Frau von Vaters Cousin bringe, die sie für ihn wasche, wie Mama sie gebeten habe. Er berichtete, dass er ordentlich esse und einen Platz zum Schlafen gefunden habe, da er jetzt erst mal auf der Arbeit bei der Stadtverwaltung übernachten könne. Sie solle sich um ihn keine Sorgen machen. Dann schrieb Hyong - Chol noch, er habe das Gefühl, in dieser Stadt alles schaffen zu können, und er habe viel vor : Er wolle es zu etwas bringen, damit sie es im Leben leichter hätte. Und ungemein erwachsen setzte der zweiundzwanzigjährige Hyong - Chol hinzu : » Also mach Dir um mich keine Gedanken, Mutter, und achte bitte auf Deine Gesundheit. « Wenn du über das Blatt hinwegblicktest, sahst du Mutter auf die Taropflanzen im Garten schauen oder auf den Sims voller hoher Tontöpfe mit Pasten. Sie spitzte die Ohren wie ein Kaninchen, damit ihr nur ja kein Wort entging.
Wenn du den Brief vorgelesen hattest, wies dich deine Mama an aufzuschreiben, was sie sagen würde. Ihre ersten Worte waren » Lieber Hyong - Chol «. Du schriebst, Lieber Hyong - Chol. Mama sagte nicht, dass du einen Punkt dahinter setzen solltest, aber du tatest es. Wenn sie » Hyong - Chol ! « sagte, schriebst du, Hyong - Chol !. Wenn Mama nach seinem Namen eine Pause machte, als ob sie vergessen hätte, was sie sagen wollte, strichst du dir Strähnen deines kinnlangen Haars hinters Ohr und wartetest aufmerksam, den Kugelschreiber in der Hand, den Blick auf den Briefbogen gesenkt. Wenn sie sagte, » Es ist kalt geworden «, schriebst du, Es ist kalt geworden. Auf » Lieber Hyong - Chol « folgte immer irgendetwas übers Wetter : » Die ersten Blumen sind da, jetzt, wo Frühling ist. « » Es ist Sommer, also wird das Reisfeld jetzt trocken und rissig. « » Es ist Erntezeit, und die Bohnen wuchern bis ins Reisfeld. « Mama sprach den Dialekt eurer Gegend, außer wenn sie Briefe an Hyong - Chol diktierte. » Mach Dir keine Sorgen um irgendetwas hier zu Hause und kümmere Dich bitte gut um Dich selbst. Das ist das Einzige, was Deine Mutter sich von Dir wünscht. « Unterwegs wurden Mamas Briefe immer emotionaler. » Es tut mir leid, dass ich Dir keine Hilfe sein kann. « Während du ihre Worte sorgsam niederschriebst, vergoss sie eine dicke Träne. Die letzten Worte ihrer Briefe waren immer dieselben : » Achte darauf, keine Mahlzeiten auszulassen. Mama. «

 

Als mittleres von fünf Geschwistern hast du zweimal – bei deinen beiden älteren Brüdern – Mamas Kummer, Schmerz und Angst miterlebt, wenn eins ihrer Kinder aus dem Haus ging. Nachdem Hyong - Chol nach Seoul gegangen war, säuberte Mama jeden Morgen bei Tagesanbruch die glasierten Tontöpfe auf dem Sims im hinteren Garten. Da sich der Brunnen vor dem Haus befand, war es mühsam, Wasser nach hinten zu bringen, aber sie reinigte jeden einzelnen Topf. Sie nahm alle Deckel ab und rieb sie innen und außen ab, bis sie glänzten. Dabei sang deine Mama leise : » Ohne das Meer zwischen dir und mir gäbe es nicht diesen schmerzhafte Abschied … « Während ihre Hände geschäftig den Lappen in kaltes Wasser tauchten, wieder herausnahmen und auswrangen, sang Mama : » Ich hoffe, du verlässt mich nicht eines Tages. « Wenn du sie in diesem Moment riefst und sie sich umdrehte, standen in ihren großen, arglosen Augen Tränen.
Mamas Liebe zu Hyong - Chol drückte sich darin aus, dass sie extra für ihn eine Schale Ramen machte, wenn er, nachdem er noch bis weit in den Abend hinein zum Lernen in der Schule geblieben war, schließlich nach Hause kam. Als du das später deinem Freund Yu - Bin erzähltest, sagte er : » Na und ? Es war doch nur Instantnudelsuppe. «
» Was heißt hier › na und ‹ ? Ramen war damals das Größte ! Es war etwas, das man möglichst heimlich aß, damit man es mit niemandem teilen musste ! « Auch als du es ihm erklärtest, schien er, der in der Großstadt aufgewachsen war, nicht zu verstehen, was daran so toll gewesen sein sollte.
Als diese neue Delikatesse namens Ramen in euer Leben trat, stellte sie alles, was Mama je gekocht hatte, in den Schatten. Sie versteckte das gekaufte Ramen in einem Tontopf zwischen den übrigen Tontöpfen, um es für Hyong -Chol aufzuheben. Doch selbst zu später Stunde weckte der Duft von frisch zubereitetem Ramen dich und deine Geschwister. Wenn Mama dann streng sagte, » Ihr geht jetzt alle wieder ins Bett «, schautet ihr Hyong - Chol an, der gerade anfangen wollte zu essen. Mitleidig gab er jedem von euch einen Löffel ab. Mama sagte : » Warum seid ihr nur alle so fix zur Stelle, wenn es ums Essen geht ? «, und setzte Wasser auf, um noch mehr Ramen zu machen und unter euch übrigen Kindern aufzuteilen. Hochzufrieden machte sich schließlich jedes Kind über eine dampfende Schale her, die mehr Brühe als Nudeln enthielt.
Wenn Mama, nachdem Hyong - Chol aus dem Haus gegangen war, beim Säubern der Tontöpfe zu dem Topf kam, in dem sie immer das Ramen für ihn versteckt hatte, rief sie » Hyong - Chol ! « und sank zusammen. Dann nahmst du ihr den Lappen aus der Hand, hobst ihren Arm hoch und legtest ihn dir um den Nacken. Mama schluchzte, außerstande, die Sehnsucht nach ihrem Erstgeborenen zu kontrollieren.
Wenn Mama nach dem Weggang deiner Brüder in Trauer versank, war alles, was du für sie tun konntest, ihr die Briefe deiner Brüder vorzulesen und ihre Antwortbriefe auf dem Schulweg in den Briefkasten zu stecken. Selbst da ahntest du noch nicht, dass sie nie einen Fuß in die Welt der Buchstaben gesetzt hatte. Warum kamst du gar nicht auf die Idee, dass deine Mutter nicht lesen und schreiben konnte ? Nicht einmal, wo sie dich, die du noch ein Kind warst, die Briefe vorlesen und die Antworten niederschreiben ließ ? Für dich war das einfach nur eine Pflicht, die du eben zu erfüllen hattest, so wie im Garten Malvenblätter zu pflücken oder Kerosin kaufen zu gehen. Als du dann aus dem Haus warst, übertrug Mama diese Aufgabe offenbar niemand anderem, denn du hast nie einen Brief von ihr bekommen. Weil du ihr nie schriebst ? Wohl eher wegen des Telefons.
Etwa um die Zeit, als du in die Stadt gingst, wurde im Haus des Dorfvorstehers ein öffentlicher Fernsprecher installiert. Das war das erste Telefon in deinem Geburtsort, einem kleinen Bauerndorf, wo ab und zu ein Zug über die Schienen zwischen den Häusern und den ausgedehnten Feldern ratterte. Jeden Vormittag hörten die Dorfbewohner den Dorfvorsteher das Mikrofon testen und dann verkünden, Soundso möge ans Telefon kommen, da sei ein Anruf aus Seoul. Deine Brüder gingen dazu über, den öffentlichen Fernsprecher anzurufen. Jeder, der Kinder oder sonstige Verwandte irgendwo in der Stadt hatte, spitzte selbst bei der Feldarbeit die Ohren, sobald die Lautsprecherstimme erschallte.

Kyung-Sook Shin

Über Kyung-Sook Shin

Biographie

Kyung-sook Shin ist verheiratet und wohnt in Pyeongchang-dong einem Teil von Seoul. Ihre Mutter lebt immer noch in Chongup, einem Dorf im Südwesten der koreanischen Halbinsel, in dem Haus, in dem Shin geboren wurde. In Korea ist Shin eine Autorin mit einem Millionenpublikum. Mit diesem Roman...

Medien zu »Als Mutter verschwand«

Pressestimmen

Hessisch/Niedersächsische Allgemeine

»Eine herzerwärmende Erzählung über eine nicht beendete Beziehung, die einen in den Bann zieht, nachdenklich stimmt und das Gemüt bewegt.«

Mannheimer Morgen

»Ein einfühlsames Porträt einer einfachen, charakterstarken Frau. Zwar ist die Geschichte in Korea angesiedelt, doch das Thema ist universell.«

Südwest-Presse

»Eine wunderschöne Geschichte um die Familie, die Gefühle, die Generationen und die Beziehungsprobleme.«

Hamburger Morgenpost

»Mit feinen Strichen zeichnet die Koreanerin Kyung-Sook Shin in ihrem Roman "Als Mutter verschwand" das einfühlsame Portrait einer einfachen, aber charakterstarken Frau. (...) Universell und zeitlos«

Ruhr Nachrichten

»Die herzerwärmende Erzählung, die uns zudem einen Blick auf das ländliche Korea werfen lässt, zieht den Leser in Bann, stimmt nachdenklich und bewegt das Gemüt.«

SWR 2 - Forum Buch

»"Als Mutter verschwand" ist auch deshalb so lesenswert, weil Kyung-Sook Shin Spannung erzeugt, indem sie die Gegensätze von Moderne und Tradition, Stadt und Dorf aufeinanderprallen lässt.«

Brigitte Extra: Last-Minute-Geschenke

»Eine der schönsten Entdeckungen des Jahres.«

dpa-StarLine

»Mit feinen Strichen zeichnet die Koreanerin Kyung-Sook Shin in ihrem Roman das einfühlsame Porträt einer einfachen, aber charakterstarken Frau. Zwar ist die Geschichte in Korea angesiedelt, doch das Thema ist universell und zeitlos.«

Tagesanzeiger

»"Als Mutter verschwand" hat einen Nerv der koreanischen Gesellschaft getroffen, die traditionell Respekt und Fürsorge gegenüber den Eltern hochhält, durch den abrupten Sturz in die Moderne jedoch diese zentrale Regel der konfuzianischen Ethik zusehends aus den Augen verliert.«

taz.die tageszeitung

»Die Koreanerin Kyung-Sook Shin hat mit 'Als Mutter verschwand' einen Roman geschrieben, der einen packt. Am schlechten Gewissen, an der Sehnsucht. Er erzählt meisterlich, nostalgisch und dabei nie verkitscht von Mutterliebe, von Entsagung und Reichtum, von Familienopfern und -wurzeln.«

Elle

»Feinfühlig folgt Kyung-Sook Shin einer koreanischen Familie auf der Suche nach ihrer Mutter, die in der Metropole Seoul plötzlich verloren ging.«

NDR Kultur

»(...) tief berührend (...)«

Frau und Mutter

»Dieses große und glänzend übersetzte Buch ist überwältigend in seiner Intensität und ermahnt den Leser zu Umsicht und Nachsicht mit der eigenen Familie.«

GEO Saison

»Als die Mutter am Bahnhof verloren geht, machen sich ihre Kinder auf die Suche. Und finden eine starke Frau, die, verankert in der ländlichen Tradition, ihren Kindern den Absprung in die Moderne ermöglicht.«

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