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Als ich dich verlorAls ich dich verlor

Als ich dich verlor

Roman

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Als ich dich verlor — Inhalt

Der Tag, an dem Jess ihre Tochter Anna bei einem Lawinenunglück verliert, ist der Tag, der alles verändert. Und zwar viel weitreichender, als Jess in ihrer unfassbaren Trauer zunächst glaubt. Während sie sich um Annas fünfjährige Tochter Rose kümmert und versucht, zurück ins Leben zu finden, wird nach und nach klar, dass ihre Tochter ein ganz anderes Leben geführt hat, als alle glaubten. Das Geheimnis erschüttert Jess und stellt auch die beginnende Liebe zu Theo auf eine harte Probe, und sie muss sich einen eigenen Weg zur Versöhnung bahnen…Eine herzzereißende, lebenskluge Geschichte um Liebe, Verlust und die Frage, wie gut wir unsere Nächsten kennen.

Erschienen am 12.01.2017
Übersetzer: Ulrike Thiesmeyer
432 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-1072-0
Erschienen am 12.01.2017
Übersetzer: Ulrike Thiesmeyer
480 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7902-2

Leseprobe zu »Als ich dich verlor«

Prolog

Es gibt immer ein Davor und Danach. Einschneidende Momente, wenn das Leben unversehens aus dem Gleichgewicht gerät, wie ein hochaufgelöstes Foto aus feinsten Pixeln, das mit einem Mal verschwimmt und unscharf wird.

Der 7. Dezember 2014, der Tag, an dem es geschah, war nicht weiter bemerkenswert, ein Tag wie jeder andere. Ein arktisches Tiefdruckgebiet sorgte für klirrende Kälte, die mir ein taubes Gefühl in Fingern und Zehen bescherte, trotz Handschuhen und schaffellgefütterten Stiefeln, und der Himmel war wolkenlos, winterlich klar und [...]

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Prolog

Es gibt immer ein Davor und Danach. Einschneidende Momente, wenn das Leben unversehens aus dem Gleichgewicht gerät, wie ein hochaufgelöstes Foto aus feinsten Pixeln, das mit einem Mal verschwimmt und unscharf wird.

Der 7. Dezember 2014, der Tag, an dem es geschah, war nicht weiter bemerkenswert, ein Tag wie jeder andere. Ein arktisches Tiefdruckgebiet sorgte für klirrende Kälte, die mir ein taubes Gefühl in Fingern und Zehen bescherte, trotz Handschuhen und schaffellgefütterten Stiefeln, und der Himmel war wolkenlos, winterlich klar und kristallin-blau, nur hier und da von Kondensstreifen schlierig durchzogen.

Theo und ich waren zusammen auf dem Weihnachtsmarkt, wir verbrachten den ganzen Nachmittag am Irish-Coffee-Stand – die junge Belegschaft, das weiß ich noch, unfähig, eine ebene Schicht Sahne auf dem Kaffee hinzubekommen, war dafür eine Spur zu freigiebig mit dem Alkohol. Doch es war ja Advent, die Jahreszeit des allgemeinen Wohlwollens. Überall blinkten Lichterketten; selbstgebastelte Knallbonbons aus Klopapierrollen wurden entzweigerissen; Kinder sangen mit hohen, hellen Stimmen Weihnachtslieder; es gab frische Mince Pies aus fettigem Blätterteig, der überallhin krümelte und auf dem blankgebohnerten Parkettboden der Schulaula festgetreten wurde, und ein intensiver Duft nach Zimt und Nelken lag in der Luft.

Ein rundum netter, amüsanter Nachmittag, meiner Erinnerung nach.

Als ich wieder zu Hause war, setzte ich Teewasser auf und drehte die Heizung hoch. Danach saß ich eine Zeitlang auf dem Sofa, mit übergeschlagenen Beinen und einem Becher schwarzen Tee, an dem ich mir die Hände wärmte, und blickte hinaus in den dämmrigen Garten. So lieb ich sie auch hatte – Tage ohne Rose boten mir eine willkommene Verschnaufpause. Ihretwegen war ich sonst so eingespannt, dass es schon eine Wohltat war, einfach nur dazusitzen, zu sein, mich dem bloßen Nichtstun anheimzugeben. Bis zu dem Moment, als es an der Tür klingelte, ist es die Normalität dieses Tages, die sich mir eingeprägt hat.

Es klingelte, doch ich rührte mich nicht – bis ich Dougs Stimme hörte, die durch den Briefschlitz drang. Erst da sprang ich auf, flink wie eine Gazelle.

»Jess. Ich bin’s, Doug. Machst du bitte auf?«

Ich ging in den Flur hinaus, konnte ihn draußen auf der Veranda hören; er trat von einem Fuß auf den anderen. Doug ist schon ewig nicht mehr bei mir vorbeigekommen.

Mein Handy klingelte in der Tasche meiner Jacke, die an der Garderobe hing. Im Display sah ich seine Nummer. Mit anderen Worten, er hatte das Klingeln wahrscheinlich auch gehört.

»Mach bitte auf, Jess. Es ist wichtig.«

Ich nahm den Anruf an und beendete ihn gleich wieder per Tastendruck.

»Was ist los, was willst du?«, fragte ich, durch die vier soliden Holztafeln meiner Haustür.

»Ich muss mit dir sprechen. Bitte.« Bei dem letzten Wort schien ihm die Stimme zu versagen. Ich ließ den Riegel aufschnappen und öffnete die Tür.

Mein Exmann Doug, der Mann, den ich angeblich »mit meiner Liebe erdrückt« hatte, stand fröstelnd vor mir.

»Darf ich reinkommen?«

Ich warf einen Blick über seine Schulter, in der Erwartung, Carol dort zu sehen, seine Frau. Sie ließ ihn nie aus den Augen, war eigentlich immer an seiner Seite.

»Was willst du, Doug?«, fragte ich abermals.

»Darf ich reinkommen?«, wiederholte er.

Und da machte ich den Fehler, ihm in die Augen zu sehen; die kobaltblauen Augen, die Anna, unser einziges Kind, von ihm geerbt hatte, die gleichen Augen, die, eine Generation weiter, auch Rose hat. Das war der entscheidende Augenblick – zwischen dem, was war, und dem, was sein würde. Seine nächsten Worte pochten einen langsamen, rhythmischen Takt in meinem Kopf; jedes einzelne davon brannte sich mir ins Hirn wie eine Tätowierung, für immer. Und es geschieht etwas, wenn der Körper gezwungen ist, eine unerwünschte Neuigkeit zu hören; grausame, das Leben umwälzende Worte. Adrenalin schießt durch die Extremitäten, sorgt dafür, dass man sich weiter aufrecht hält, obwohl einem spontan zumute ist, als müsse man zu Boden sinken. Sorgt dafür, dass das Herz in der Brust weiterschlägt, obwohl es sich anfühlt, als wolle es in hundert Stücke zerspringen.

Dann knickten mir unvermittelt die Knie ein, es war, als würde ich gefällt. Mir brach am ganzen Leib der Schweiß aus, er quoll aus jeder Pore, ich spürte ihn an den Fingerspitzen. Würgende Angst überkam mich, als ich Doug in die Arme sank und sein vertrauter Duft mich umfing. Und so, von einem Moment zum nächsten, war nichts mehr wie zuvor. Die Welt, wie ich sie kannte, gab es nicht mehr.

 

1. Jess

Zehn Wochen später –
Freitag, der 13. Februar 2015

Ich wache mit einem salzigen Geschmack auf den Lippen auf. Es dauert einen Moment, bis sich meine Augen im schummrigen Licht, so früh am Morgen, zurechtfinden; mein Verstand braucht etwas länger, um zu begreifen, dass ich im Schlaf geweint habe. Blinzelnd, mit noch tränenfeuchten Wimpern werfe ich einen Blick auf die Leuchtanzeige meines Weckers. Es hilft nichts – jetzt werde ich nicht mehr einschlafen.

Langsam, mit schweren, steifen Gliedern kämpfe ich mich aus dem Bett hoch und gehe leise über den Treppenabsatz, um im Zimmer gegenüber nach dem Rechten zu sehen. Alles in Ordnung, sie liegt in ihrem Bett, schläft tief und fest. Ich widerstehe dem Drang, sie zu berühren, ihr kurz prüfend die Hand auf die Stirn zu legen. Das ist so eine Angewohnheit von mir, ein Überbleibsel von früher, als sie als Baby eine Brustfellentzündung hatte und wir das Fieber erst mit Verspätung bemerkt haben.

Sie atmet leise, rhythmisch und regelmäßig wie ein langsam schlagendes Metronom, während sich ihre Brust unter der Bettdecke hebt und senkt. Sie dreht sich auf den Bauch, fort von mir, mit oben um den Kopf herumgebogenem Arm. Ihre andere Hand hängt schlaff über die Bettkante. Ich hebe ihren Arm behutsam an und stecke ihn unter die Decke.

Das Zimmer neben ihrem gehört Anna. Ich nehme mir ein Kissen von ihrem Bett, das ich fest an mich drücke, während ich gemächlich die Treppe hinuntersteige. Wenig später gurgelt und zischt die Kaffeemaschine und verheißt mir meinen Morgennektar.

Ich bereite Roses Pausenbrotdose vor. Es ist der letzte Schultag vor den Winterferien, und ich ahne, dass sie früh aufwachen wird, voller Vorfreude, weil heute kein Unterricht stattfindet, sondern nur gespielt wird, von den Ferien ganz zu schweigen … Die Schule endet früher als sonst, deshalb gebe ich ihr nur einen leichten Imbiss mit; eine Scheibe Brot, dünn mit Butter bestrichen, halbiert und mit Schinken belegt. Ohne Kruste. Kruste mag sie nämlich überhaupt nicht. Eine Satsuma, leicht zu pellen, und ein Fläschchen Wasser.

Ich halte in meinem Tun kurz inne, überlege, ob ich den Fernseher anschalten soll, zur Ablenkung, als mögliche Stütze, denn ich spüre innerlich, dass dies ein schlechter Tag wird. Ehe ich mich’s versehe, habe ich die Hand an ein gerahmtes Foto gelegt, das in der Nähe steht. Ich sehe es nicht einmal an, hebe einfach nur den Arm und schleudere es von mir. Es segelt wie ein Frisbee durch die Luft und landet, wie von mir vermutlich erhofft, auf einem Sofa drei Meter weiter weg. Ich setze mich in Bewegung, gehe von der Küche in die andere Hälfte des Zimmers, das sich an der Rückseite meines schmalen Hauses entlangzieht. Hier gehörte eigentlich ein Esstisch hin. Stattdessen steht dort, neben einem Sessel mit Lederbezug, ein betagtes Zweiersofa, schäbig und ungeliebt, das Anna und ich mal vom Sperrmüll geholt haben, mit der festen Absicht, es schön neu zu beziehen. Ich lasse mich darauf niederplumpsen und fahre mit der Hand über den abgeschabten, knubbeligen Bezug. Blindlings taste ich nach dem Bilderrahmen und drücke ihn kurz an mich, ehe ich ihn auf meinen Schoß sinken lasse – mit dem Foto nach unten.

Ich greife zum Telefon und wähle eine vertraute Nummer. »Sag mir, dass ich die Fotos nicht kaputt schlagen soll. Erinnere mich daran, dass ich das bitter bereuen würde.«

»Jess, es ist sechs Uhr morgens.«

»Tut mir leid, entschuldige. Sag’s mir. Bitte.«

»Na schön.« Leah räuspert sich, und ich sehe vor mir, wie sie sich im Bett aufsetzt, während Gus neben ihr verschlafen brummelnd Protest einlegt. »Finger weg von den Fotos. Schön heile lassen, nicht kaputt schlagen. Du würdest es bereuen.«

»Gut.« Meine Hand krampft sich noch fester um den Silberrahmen. Ich brauche das Foto nicht anzusehen. Es ist bei einem Campingurlaub in Frankreich entstanden, als Anna vierzehn war, damals in dem Sommer, als sie anfing, sich für Jungs zu interessieren.

Leah bemüht sich hörbar, ein Gähnen zu unterdrücken. »In einer Stunde hätte ich dich selbst angerufen.«

»Ich weiß.«

»Alles Gute zum Geburtstag, große Schwester. Herzlichen Glückwunsch. Kommst du klar?«

Ich lache einmal kurz trocken auf. »Sicher doch. Entschuldige, dass ich dich geweckt habe. Bitte auch an Gus weitergeben. Bis später.«

Ich beende das Telefonat, streiche mit der Hand über die Rückseite des Fotorahmens. Heute ist mein Geburtstag, ich werde achtundvierzig. Auch sie hat heute Geburtstag. Vor fünfundzwanzig Jahren kam sie förmlich aus meinem Leib in die Welt hinausgeschossen. Nur gut, dass die Hebamme sie so geschickt aufgefangen hat, sonst wäre sie womöglich vom Bett geflogen, an der Nabelschnur hängend, durch die wir weiter verbunden waren.

»Herzlichen Glückwunsch, Kleines. Alles Gute zum Geburtstag.« Ich spreche die Worte laut aus, aber niemand ist da, um sie zu hören.

»Omi?«

Ich schnelle herum und sehe Rose, die mit ausgestreckten Armen auf mich zukommt. Es wirkt so, als würde sie sich in Zeitlupe bewegen, und ich achte darauf, mir dieses Bild gut einzuprägen; wie sie auf mich zuwankt, schlaftrunken und mit zerzausten Ringellocken, die bei jedem ihrer Schritte leise wippen. Als sie bei mir ankommt, beuge ich mich hinab und drücke sie an mich. Sie schlingt mir die Arme um den Hals, und ich spüre ihre Finger, die sich in meine eigenen Locken graben. Unwillkürlich kommt mir die Zeit in den Sinn, als sie ein Säugling war und noch kaum Haare hatte. Bloß einen seidig zarten Flaum, der allerdings nicht glatt war, sondern korkenzieherlockig, schon damals. Es kam häufig vor, dass sie das Händchen nach meinen Haaren ausstreckte, sich eine gelockte Strähne griff und sie sachte in die Länge zog, ganz in den Bann geschlagen von ihrer elastisch-spiraligen Struktur. Auch ich war vollkommen fasziniert. Sie war nicht mein Kind, und doch hatten wir durch die Zufälle und Launen gemeinsamer Gene das gleiche von Natur aus wellige, in sich geringelte Haar.

Und jetzt sitze ich hier, mit den Fingern in ihrer Mähne, und massiere ihr sanft den Kopf, so, wie sie es am liebsten hat.

»Ich hatte einen schlechten Traum.« Bei diesen Worten umklammert sie mich noch fester.

Ich auch. Ich habe geträumt, deine Mummy hätte uns verlassen. Jede Nacht träume ich, deine Mummy hätte uns verlassen. Dann schrecke ich aus dem Schlaf auf, drücke mir ihr Kopfkissen an die Nase und sage mir, dass es bloß ein Traum war.

»Beruhige dich, Liebes.« Ich drücke ihr einen Kuss aufs Haar. »Es war doch nur ein Traum.«

»Mit wem hast du geredet?«

»Mit niemandem. Bloß ein Selbstgespräch, mehr nicht.«

»Daddy sagt, Leute führen Selbstgespräche, wenn sie alt werden.« Sie lässt mich los, weicht etwas zurück und blickt mir direkt in die Augen. »Bist du heute alt, Omi?« Ihr Mund lächelt, doch ihre Augen, umrahmt von langen, bildschön gebogenen Wimpern, scheinen richtig zu lachen. Vor Staunen darüber stockt mir schier der Atem.

Ich kitzle sie unter den Armen. »Freches kleines Ding«, sage ich tadelnd. »So alt auch wieder nicht. Na komm, ab mit dir unter die Dusche, dann gibt’s Frühstück.« Sie quietscht vor Vergnügen und saust los, stürmt vor mir die Treppe hoch und ruft, dass sie eine Karte für mich hat. Mit ihren gerade einmal fünf Jahren weiß sie nichts mehr davon, dass heute auch ihre Mutter Geburtstag hat. Was vielleicht, alles in allem, auch besser so ist.

Am Schultor treffe ich auf Leah, die von der Seite her neben mich tritt. Nach einer Umarmung zum Abschied, die länger als sonst ausfällt, lasse ich die Kleine los, und wir winken Rose gemeinsam zu, während sie auf die Schule zuläuft.

Vor dem Eingang macht sie noch einmal kehrt, stürmt zu mir zurück und flüstert: »Ich hab dich lieb, Omi.«

»Bis zu den Sternen und darüber hinaus.« Ich werfe ihr ein Kusshändchen zu, sie fängt den Kuss mit einer Hand auf und wirft ihn zu mir zurück, und ich klopfe mir sacht aufs Herz. Das ist ein kleiner Brauch zwischen uns; etwas, womit wir angefangen haben, als ich sie zum ersten Mal zu der Schule »für Große« gebracht habe. Etwas, das ich schon mit Anna immer gemacht habe, früher, als sie klein war.

Sie flitzt davon, zu ihrer Freundin Amy, die sie an der Klassenzimmertür schon ungeduldig erwartet und sich bei ihr unterhakt, ehe sie in den Raum verschwinden.

Es fühlt sich eigenartig an, sie nicht in das Gebäude zu begleiten. Aber da es mir nun schon einmal gelungen ist, einen seltenen freien Tag zu ergattern, indem ich mit Trish, der anderen Assistenzlehrerin der sechsten Klasse, die Schicht getauscht habe, will ich lieber kein Risiko eingehen, für den Fall, dass es sich doch noch jemand anders überlegt. Für mich fangen die Winterferien jetzt schon an, basta. Auf dem Schulhof entdecke ich Finn, Theos Sohn, der mir scheu zuwinkt. Er ist groß für sein Alter, locker einen Kopf größer als seine Mitschüler, und er rätselt offenbar, warum ich noch auf dieser Seite des Schultores stehe, das kann ich ihm ansehen.

»Ist das eine Kontrolle?«, frage ich meine Schwester, während ich Finn meinerseits kurz zuwinke und mich dann auf den Weg zurück zum Auto mache.

»Ja.« Leah hat die erfrischende Angewohnheit, nicht lange um den heißen Brei herumzureden.

»Es geht mir gut. Ich komme schon klar.«

Sie schüttelt den Kopf. »Was soll denn der Unfug, es geht uns doch allen an die Nieren. Da, für dich …« Sie reicht mir ein kleines Päckchen mitsamt Karte, und ich lasse beides umgehend in meine Tasche verschwinden. »Ich weiß, dass du deinen Geburtstag nicht feiern wirst. Ihren Geburtstag«, sagt sie. »Aber vergessen sollten wir diesen Tag trotzdem nicht.« Sie streckt die Arme nach mir aus und drückt mich flüchtig an sich. Es ist keine richtige Umarmung. Leah ist nicht der Typ Mensch, der einen umarmt. Ich nutze die Gelegenheit dennoch und schließe kurz die Augen.

»Sean holt sie direkt von der Schule ab, richtig?«, sagt sie.

Ich nicke wortlos. Er war am Vorabend da, nachdem sie schon zu Bett gegangen war, um ihr Reisegepäck abzuholen.

»Es ist ja nur für zehn Tage. Sie wird mit ihrem Daddy eine wunderbare Zeit verleben, und es ist gut, dass auch seine Eltern dabei sind und etwas helfen können.«

Ich mache mich von ihr los. Die Vorstellung, wie Sean, Roses Vater, mit ihr in einer All-inclusive-Ferienanlage auf den Kanaren den Daddy spielt, weckt in mir nicht im Entferntesten die Euphorie, die alle Welt von mir zu erwarten scheint. Weil er sie eigentlich gar nicht richtig kennt. Dass sie etwa zum Nachtisch gern Fruchtzwerge mag; im Schnitt dreimal die Woche nachts aufwacht und weinend nach ihrer Mutter ruft; morgens immer am liebsten selbst entscheidet, was sie anziehen möchte; und abends immer erst einschlafen kann, wenn man vorher eine Runde mit ihr gekuschelt hat – all das weiß er nicht.

Ich spreche es laut aus. »Er kennt sie ja nicht mal richtig.«

»Aber er gibt sich Mühe. Schon vor Annas Tod …«

Ich wende ihr ruckartig das Gesicht zu. »Nicht.«

»Damit will ich doch nur sagen, dass ihr beide, du und Anna, zusammen eine Art Naturgewalt wart. Schwierig für ihn, gegen euch anzukommen und auch eine Rolle zu finden. Lass ihn sein Glück als Vater versuchen, Jess. Denk auch an Rose, sie wird ihn ebenfalls brauchen.«

Ich schlinge fröstelnd die Arme um mich.

»Komm, gehen wir irgendwo frühstücken«, sagt sie.

»Nein.« Ich wollte, sie würde mich in Frieden lassen, frage mich, warum sie noch nicht unterwegs zur Arbeit ist.

»Entschuldige. Tut mir leid.« Ihr ist bewusst, was sie angerichtet hat. »Das hätte ich nicht sagen sollen.«

»Allerdings.« Niemand. Niemand darf aussprechen, dass Anna tot ist. Niemand. Mag sein, dass ich damit die Augen vor der Realität verschließe, ist mir egal. Mag sein, dass die Chancen, dass sie noch lebt, gleich null sind, ist mir egal. Tatsache ist, ich habe keinen Leichnam, den ich beerdigen könnte.

Leah streckt die Hände aus, nimmt mich erneut in die Arme. »Es tut mir leid«, beteuert sie abermals. »Das war sehr taktlos von mir, gerade heute.«

»Sie fehlt mir so sehr«, flüstere ich und beiße mir auf die Unterlippe, so fest, dass ich Blut schmecken kann.

»Ich weiß.« Sie hält mich weiter umarmt, drückt mich fester an sich, als es sonst ihre Art ist. »Ich bin ja hier. Ich hab dich lieb, hörst du.«

Das ist nicht genug. Aber das sage ich ihr nicht.

»Frühstück?«, fragt sie noch einmal.

»Um Himmels willen, was soll ich denn bloß tun?«, frage ich, unterwegs zu unseren Autos.

Leah zuckt die Achseln. »Einfach weiter ein- und ausatmen.«

»Das ist alles? Mehr fällt dir dazu an Ratschlägen nicht ein?«

»Du willst ja nicht –«

»Was will ich nicht? Sag’s mir, Leah. Was genau will ich nicht? Du hast ja keine Ahnung, verdammt nochmal.«

Damit wende ich mich unwirsch ab und steuere auf mein Auto zu. »Auf Frühstück kann ich verzichten«, brülle ich noch, ohne mich umzusehen. »Wenn du dich beeilst, erwischst du noch den Zehn-nach-neun-Zug zur Waterloo Station.«

»Jess, halt. Warte doch!«

Ich sitze bereits im Wagen und schnalle mich an. Sie versteht es einfach nicht. Aus Borniertheit, aus völliger Lebensfremdheit. Weil sie selbst nie Mutter geworden ist, deswegen. So bastele ich an einer Rechtfertigung dafür, weshalb ich sie so schroff habe stehen lassen, während ihre Gestalt im Rückspiegel immer kleiner wird, bis sie nicht mehr zu sehen ist. Dabei weiß ich im Grunde, dass ich maßlos überreagiert habe, und könnte mich im Stillen dafür ohrfeigen. Denn sie gibt sich redlich Mühe. So wie wir alle. Aber Leah weiß nun einmal nicht, was das ist, bedingungslose Liebe. Sie weiß nicht, wie übermächtig der Schmerz um ein vermisstes Kind sein kann, so übermächtig, dass dieser Schmerz eine Art Eigenleben entwickelt.

Nachdem ich die kurze Strecke von der Schule nach Hause zurückgelegt habe, versuche ich, mich mit Hausarbeit abzulenken. Auf dem Weg nach oben komme ich in der Diele an einem Sammelsurium von Schuhen vorbei. Annas Schuhe. Flache Schuhe, Schuhe mit Absätzen, bunt durcheinandergewürfelt – kniehohe, hochhackige Wildlederstiefel schmiegen sich an ein Paar flacher Schnürschuhe. Ich rühre die Schuhe nicht an. Aus der abergläubischen Furcht heraus, dass sie nicht nach Hause zurückkommt, wenn ich sie forträume, und sei es nur in ihr Zimmer. Also lasse ich sie, wo sie sind. Versuche zu verdrängen, wie oft ich sie lautstark aufgefordert habe, ihren Mist von der Haustür wegzuräumen. So habe ich sie nämlich genannt, diese Sachen, die Anna gehörten – einen Haufen Mist.

Ich schwinge in Roses Zimmer den Staubsauger, wo der Teppich voller Glitzerstaub ist, von der Geburtstagskarte, die sie mir gebastelt hat. Als ich ihr Bett abziehe, stoße ich zwischen den Laken hier und da auf Legosteine, die ich in eine große Kiste unter dem Bett werfe. Die Bettwäsche duftet nach ihr, unverkennbar. Auf der Treppe und unten im Flur, unterwegs zur Waschmaschine, vorbei an Annas Schuhen, atme ich diesen Duft ganz tief ein.

Unten im Erdgeschoss vibriert mein Handy: eine SMS von Theo. Er ist ein enger Freund, seit wir uns vor über zehn Jahren bei der Arbeit kennengelernt haben, und ich weiß, dass ich mit meiner heutigen Verfassung bei ihm auf vollstes Verständnis stoße.

›Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag‹ klingt total verkehrt. Costa um 12? x

Ich überfliege die SMS und überlege, ob ich dankend ablehnen soll. Theo hat wahrscheinlich nur eine Stunde Pause, ehe er in die Praxis zurückmuss, und ich sollte eigentlich zusehen, dass ich mit meiner finsteren Stimmung nicht auch noch andere belästige. Die Vorstellung eines langen, einsamen Geburtstags, der mir ansonsten bevorstünde, hält mich jedoch davon ab, das einzig Richtige zu tun.

Es ist Punkt zwölf Uhr, und er erwartet mich schon in der Sitznische im hinteren Teil des Cafés, unserem üblichen Stammplatz, wenn wir uns treffen, um über Gott und die Welt zu plaudern. Sogar zwei Becher Kaffee hat er bereits vor sich auf dem Tisch stehen. Das intensive Aroma gemahlener, bitterer Kaffeebohnen, das mich empfängt, ruft Erinnerungen wach. Erinnerungen an den Tag, an dem Anna verschollen ist, den Tag auf dem Weihnachtsmarkt.

»Eins vorab, ehe ich mich setze«, verkünde ich, als ich vor ihm stehe.

Theo zieht die Augenbrauen hoch, sieht mich fragend an.

»Ich möchte nicht über meinen Geburtstag reden.«

Seine Augenbrauen wandern noch höher, er runzelt die Stirn, ein wenig befremdet.

»Theo?« Erst muss er mir seine Einwilligung geben, eher setze ich mich nicht.

»Na schön. Wie du willst.« Er schiebt den einen Kaffee über den Tisch, und ich nehme ihm gegenüber in der Nische Platz. »Also. Wie kommst du so damit zurande, dass heute Annas Geburtstag ist?«

Ich schließe die Augen. Stoße langsam die Luft aus.

»Was denn?«, fährt er fort. »Du hast mir verboten, über deinen Geburtstag zu reden. Von ihrem Geburtstag war nicht die Rede.«

Ich gehe nicht darauf ein. Trinke ein Schlückchen Kaffee, verziehe das Gesicht und tausche unsere Becher aus. »Da ist schon Zucker drin«, erkläre ich.

Ich würde ja gern reden, aber ich kann nicht. Würde auch gern weinen, bin aber offenbar nur im Schlaf imstande, den Tränen freien Lauf zu lassen. Schweigen senkt sich zwischen uns herab, aber das macht nichts. Das kommt bei uns schon mal vor. Weil wir nun schon so lange so gut befreundet sind, dass wir uns durchaus auch mal anschweigen können. Theo hebt die Hand, reibt sich beiläufig an der Nase.

Schließlich gebe ich mir einen Ruck. »Es wird und wird nicht leichter. Ich schwör’s. An manchen Tagen bin ich schon froh, dass ich noch atmen kann.« Bei diesen Worten wird mir erneut schmerzlich klar, wie schlecht ich Leah behandelt habe. »Dieser Spruch, die Zeit heilt alle Wunden, das ist Quatsch«, sage ich zu Theo. »Eine absolute Lüge. Die Zeit heilt überhaupt nichts.«

»Das wird schon werden. Tage wie heute sind natürlich besonders schlimm.«

Ich schüttle den Kopf. »Ja, der Tag heute ist schlimm. Aber gestern war es noch schlimmer – die Anspannung … Es ist wie ein körperlicher Schmerz, der mich lähmt, überall, in jedem Muskel, jedem Nerv.« Ich suche Halt am Henkel des Bechers, so fest, dass meine Knöchel weiß hervortreten. »Früher … wenn wir zusammen Geburtstag feierten, war das etwas ganz Besonderes. Als hätte sie immer schon gewusst, dass sie das beste Geburtstagsgeschenk war, das ich je bekommen habe.«

Er trinkt wortlos einen Schluck Kaffee; signalisiert mir durch sein Schweigen, dass er mich versteht. Dann wechselt er unvermittelt das Thema.

»Und heute Abend? Machst du irgendwas?«

»Ich bin zum Essen bei Leah eingeladen. Gus kocht«, erwidere ich. »Aber ich muss erst sehen, wie es mir geht. Weiß noch nicht, ob ich hingehe.«

»Täuscht der Eindruck, oder könnte es helfen, wenn du einfach mal in den Arm genommen wirst?«

Ich sehe mich einmal rasch im Costa um. »Danke für das Angebot, ist schon gut. Ihr lebt zwar getrennt, aber hier sind sicher ein halbes Dutzend deiner Patienten, und du bist immer noch ein verheirateter Mann.«

»Hmmm«, mehr sagt er nicht.

»Was soll das heißen, ›hmmm‹?«

»Nichts. Wir sind hier, um über dich zu reden. Magst du was essen? Du solltest was essen. Sieh dich an, nur Haut und Knochen.«

Ich schüttle ablehnend den Kopf. »Wie geht’s Finn?« Seit Harriet ausgezogen ist und ihre Ehe damit faktisch beendet hat, frage ich mich, wie sie es fertiggebracht hat, gleichzeitig ihren elfjährigen Sohn zu verlassen.

»So weit ganz gut, anscheinend. Diese Winterferien sind die ersten, die er bei beiden Elternteilen verbringt, halb und halb. Wird schon seltsam. Du verbringst in der Schule mehr Zeit mit ihm als ich.« Er sieht mich lächelnd an, ein wenig fragend – doch ich bin nicht bereit, jetzt darauf einzugehen, nicht heute. Finn ist in der Schule nicht er selbst, zeigt ein starkes Bedürfnis nach Beachtung. Was aber wohl nicht weiter verwunderlich ist.

»Schön. Tja, nun sollte ich mal besser los.« Er schlägt mit den Händen leicht gegen die Tischkante und steht dann auf. »Mein Angebot steht. Darf ich dich jetzt umarmen?« Er blickt mich ruhig an, mit seinen Augen, die ebenso grün sind wie die khakifarbene Hose, die er heute trägt.

Wir umarmen uns. Er drückt mich fest an sich. Ich kann sein Aftershave riechen, und dennoch denke ich einzig nur an Anna. Ich schließe die Augen, tue so, als wäre ich jetzt ihr nahe. Als wäre es ihr Parfüm, das ich gerade einatme, süß und blumig, statt der Moschusnote, die ich tatsächlich wahrnehme. Ich muss mich beherrschen, um mich nicht an ihn zu klammern wie eine Ertrinkende.

»Dieser Abend, letztes Jahr um diese Zeit«, flüstert er. »Erinnerst du dich?«

Allerdings. Wir waren aus, ich und ein ganzer Trupp vom Schulausschuss, um meinen Geburtstag zu feiern, und am Ende habe ich auf dem Tisch getanzt. Rose war an dem Abend bei Sean, und Anna war am Ende vorbeigekommen, um mich mit dem Taxi einzusammeln, nachdem sie selbst mit Freundinnen um die Häuser gezogen war. »Taxi für die betrunkene Mutter!«, hatte sie durch den Pub gerufen.

»Es tut gut, sich an fröhliche Zeiten zu erinnern«, sagt er.

Theo scheint genau zu wissen, was für Bilder mir gerade durch den Kopf gehen. Er lässt seine Hand auf meiner Schulter ruhen, und kurz habe ich den Eindruck, dass er nun etwas Tiefgründiges sagen wird, etwas, das mir wirklich helfen könnte – einen klugen Ratschlag, wie ich mit diesem Verlust fertigwerden könnte, der Tag und Nacht an mir zehrt, der mir all meine Kraft raubt. Aber nein. »Es ist Scheiße, Jess«, stellt er fest. »Egal, was ich sage, nichts kann es besser machen. Aber ich werde mich trotzdem weiter bemühen.«

Zwar nicht sehr tiefschürfend, aber irgendwie helfen mir seine Worte trotzdem.

Es ist zwanzig vor elf, am Abend meines achtundvierzigsten Geburtstags, und ich liege im Bett. Meine Mutter hat mir zweimal auf den Anrufbeantworter gesprochen, aber ich habe es nicht über mich gebracht, sie zurückzurufen. Mein Exmann hat mir eine SMS geschickt, dass er heute an mich denken würde. Meine einzige Schwester ist sauer auf mich, weil ich sie am Morgen so schnöde behandelt und dann auch noch das Essen bei ihr zu Hause abgesagt habe. Meine geliebte Enkelin ist mit ihrem Vater und seinen Eltern verreist. Mein Freund steht vor den Trümmern seiner Ehe, und obwohl er mir helfen will, habe ich meine Zweifel, ob dazu irgendjemand imstande ist. Der einzige Mensch, von dem ich gern hören würde, ist Anna.

Ich gieße mir einen Wodka ein. Nehme mir eine Valium aus der Packung, die Theo mir verschrieben hat. Was ich heute Abend brauche, ist Schlaf.

Ich treibe auf einer Luftmatratze auf einem ruhigen Meer, spüre unter mir das sanfte Auf und Ab des dunkelblauen Ozeans – so dunkelblau wie ihre Augen … Ich erkenne den Strand, von einem Urlaub, den wir dort vor Jahren verbracht haben, Doug, Anna und ich. Sie ist dort, steht am Rande des Wassers und winkt mir zu. Ich freue mich so sehr, sie zu sehen, dass ich mich von der Luftmatratze gleiten lasse, um zum Strand zurückzuschwimmen, zu ihr. Dabei lacht sie die ganze Zeit, winkt mir zu und ruft: »Mama! Hier bin ich, hier!« Und ich schwimme auf sie zu, so schnell ich nur kann, die Tränen laufen mir übers Gesicht, und dabei denke ich in einem fort: »Sie ist gar nicht verschollen, na also. Schau! Da ist sie doch, du kannst sie sehen.«

Dann halte ich inne, trete kurz Wasser; sosehr ich mich auch anstrenge, ich komme beim Schwimmen rätselhafterweise kaum vorwärts, bin noch genauso weit von ihr entfernt wie zuvor, und das entmutigt mich. »Mama!«, ruft sie weiter. »Hier! Hier drüben!« Und dann sehe ich es, eine gewaltige weiße Flutwelle, hinter ihr. Sie rollt rasend schnell heran, und das verwirrt mich. Wie soll das gehen, dass eine weiße Welle auf sie zukommt? Ich bin es doch, die hier im Meer schwimmt. Als die Welle sie verschlingt, mit Haut und Haar, merke ich, wie ich in den Fluten untergehe. Und während ich unaufhaltsam in der Tiefe versinke, sage ich mir, dass sie noch lebt, doch zugleich weiß ich … tief in meinem Herzen, dass sie Rose niemals im Stich gelassen hätte. Nie und nimmer.

Da wache ich auf, benommen und desorientiert. Mein Gesicht ist tränennass.

Ich kann nicht weinen. Und doch scheint es, als würde das Meerwasser, das ich regelmäßig im Traum schlucke, Nacht für Nacht aus meinen Augen wieder austreten.

 

2. Anna

Raw Honey Blogspot, 02.09.2013

Ich singe für mein Leben gern! Das wissen alle, die mich kennen; ob ich nun in der U-Bahn ungeniert mitsinge, wenn ich ein Stück auf meinem iPhone höre, umgeben von Leuten, die mich befremdet ansehen, oder meinen Beitrag im Chor leiste, in der letzten Reihe. Ich bin immer diejenige in der Karaoke-Bar, die nicht auf den Bildschirm zu schauen braucht, um die Texte zu kennen. Ich bin diejenige, die beim Autofahren aus voller Kehle mitsingt, während das Radio läuft. Bis heute singe ich gern zu Hause vor dem Spiegel, mit der Haarbürste als Mikro. Schon gut, ich weiß. Traurig, aber wahr.

Diese Liebe zum Gesang hat meine süße Tochter (ST) auf jeden Fall von mir geerbt. Neben den langen Beinen. Bis jetzt gerade hat sie mich eine Dreiviertelstunde so richtig auf Trab gehalten; hat darauf bestanden, jeden einzelnen Hut aus meiner Sammlung aufzuprobieren (über vierzig, als ich sie das letzte Mal gezählt habe) und mit diesen Beinen in meinem Zimmer herumzustolzieren, während sie bei Katy Perrys »Roar« mitgesungen hat. Den Refrain haben wir immer zusammen gesungen, und das Tigerbrüllen dabei hat sie wirklich gut drauf, meine ST; als würde sie schon vollauf erfassen, worum es in dem Song geht; als wollte sie der Welt klarmachen, dass sie sich von niemandem irgendwas bieten lässt, und das mit gerade dreieinhalb Jahren. Das liebe ich an ihr, diesen aufmüpfigen Zug.

Hinterher lassen wir es ruhig ausklingen. Zehn Minuten mit ihr in ihrem Bett und einem Buch ihrer Wahl, aus dem ich ihr Märchen vorlese, die immer glücklich enden, eine Möglichkeit, an die auch ich zu glauben wage. Und wenn sie mir dann diese kleinen Ärmchen um den Hals legt und »Gute Nacht, Mummy« flüstert, schmilzt mir regelrecht das Herz dahin.

Mama hat schon ganz recht. Es gibt nichts, was damit zu vergleichen wäre. Diese Liebe, die man von einem Kind empfängt; dieses blinde Vertrauen, diese Zuversicht, dass man als Mutter jedes seiner Bedürfnisse stillt. Einfach nur genial. Es erfüllt mich voll und ganz. Ihr Lachen, ihr Lächeln, ihr Kichern, ihr sonniges Gemüt. Natürlich bin ich nicht unparteiisch, aber sie ist schon perfekt.

Und sie ist wie ihr Dad; diese unermüdliche Wissbegier, diese neugierigen Augen, die sich an den Rändern kräuseln. Seine Augen waren das Erste, was mir an ihm aufgefallen ist. Dieser erste Blick; an jenem Tag, als wir uns kennenlernten, war mir, als würde er tief in mich hineinschauen. Ich fühlte mich entblößt, preisgegeben, verletzlich. Dann lächelte er und gab mir damit zu verstehen, dass das, was er in meiner Seele erblickt hatte, wunderschön war, dass ich wunderschön war und dass er das erkennen konnte.

Kommentar: Crash-bambam

Ich habe gerade mein erstes Kind bekommen und kann das, was Sie über Mutterliebe schreiben, absolut nachvollziehen. Hin und wieder fühle ich mich total überwältigt von allem!

Antwort: Honey-Girl

Versuchen Sie einfach, einen Gang runterzuschalten und alles in Ruhe auszukosten. Es wird leichter mit der Zeit, Ehrenwort!

Kommentar: Idiotlove

Wo haben Sie den kennengelernt, diesen Seelenerforscher? Kennen Sie noch mehr Typen wie ihn?! Wenn es um Liebe geht, bin ich eine absolute Idiotin (siehe Blogname) und habe eine solche Verbindung noch nie gespürt, kein einziges Mal. Diese Gewissheit, wenn man merkt, dass jemand einen auf Anhieb versteht, voll und ganz? Da haben Sie wirklich Glück gehabt.

Antwort: Honey-Girl

Wir sind nicht mehr zusammen, aber er war schon etwas Besonderes …

 

3. Theo

Theo Pope erinnerte sich glasklar an den Moment, als ihm klar wurde, dass seine Ehe gescheitert war. Es war an dem Abend, als Leah ihm telefonisch mitgeteilt hatte, dass Anna und ein Freund von ihr nach einem Lawinenabgang als vermisst galten. Harriet, die Frau, mit der er seit zwölf Jahren verheiratet war, war ganz in der Nähe gewesen, sie legte gerade die Wäsche zusammen. Ihre Reaktion auf die Neuigkeit fiel angemessen bestürzt aus, sie hatte ihr Mitgefühl für Jess und ihre Familie bekundet. Die Kissenbezüge wurden währenddessen weiter gefaltet, viermal, ehe sie zum Schluss mechanisch mit der Hand die Falten glatt strich; und dabei schielte sie fortwährend mit einem Auge auf ihr Blackberry. Ihr Verhalten hatte Theo schon etwas befremdet; irgendwie unbeteiligt und distanziert, ohne echte Anteilnahme an der Tragödie, die sich da anbahnte.

Im Fernsehen sang Johnny Mathis gerade über ein Kind, das da geboren würde. Die elektrischen Christbaumkerzen, die Theo gerade auf seinem Schoß instand gesetzt hatte, waren auf dem Boden gelandet; einige Lichter brannten, wie es sich gehörte, während andere starrsinnig dunkel blieben. Er war sofort zu Jess gefahren, und als er nach seinem Besuch bei ihr und ihrem Ex Doug – beide völlig am Boden zerstört, beide mit Vorbereitungen beschäftigt, um sich noch am selben Abend ins Auto zu setzen und in der Nacht in die französischen Alpen zu fahren, in das Dorf, wo es geschehen war – nach Hause zurückkam, hatte er gehört, wie Harriet telefonierte. In dem kleinen Fernsehzimmer im hinteren Teil des Hauses, ohne mitzubekommen, dass er gerade durch die Tür gekommen war. Er hörte ihre vertraulich gesenkte Stimme, ihr leise gurrendes Kichern. Er stellte sie sich vor, in dem Zimmer hinter der Tür, an die er gerade seine Stirn drückte. Meinte, sie vor sich zu sehen, gemütlich auf dem Ledersofa zurückgelehnt, mit übergeschlagenen Beinen. Das Telefon in der linken Hand, während sie mit der rechten an ihrem langen, glatten Haar herumspielte, gedankenverloren eine mahagonibraune Strähne nach der anderen auf ihren Finger aufwickelte.

Er hatte die eichenholzgetäfelte Tür geöffnet, für deren Einbau sich Harriet zwei Jahre zuvor mit so viel Nachdruck starkgemacht hatte; im Rahmen einer gründlichen Renovierung ihrer vier Wände, die er schon damals als hilflose Kosmetik der ersten Risse in ihrer Beziehung empfunden hatte. Er war nicht eingetreten, stand einfach nur da in der offenen Tür, und sie hatte erschrocken aufgeblickt, mit völlig erstarrter Miene.

»Es reicht«, hatte er gesagt. »Schluss damit. Geh. Geh zu ihm und werde glücklich. Ich habe es so satt, diese ewige Heimlichtuerei.«

Und sie hatte ihn beim Wort genommen. Zwei Tage später. Zwei Wochen vor Weihnachten. Sie war ausgezogen. Um fortan mit ihm glücklich zu werden.

Zehn Wochen darauf, es war ein Samstag im Februar, an dem es wie aus Kübeln schüttete und der Regen nur so gegen die Fenster der Praxis prasselte, sammelte er die Unterlagen zusammen, die er gerade auf seinem Schreibtisch studiert hatte, und steckte sie in seine Aktentasche. Die erste Patientin an diesem Morgen war nun jeden Moment fällig, und er schaffte es gerade noch, auf seinem Bürostuhl Platz zu nehmen, als es auch schon an der Tür klopfte.

»Herein«, sagte er.

Die Tür ging auf, und Jess steckte den Kopf ins Zimmer. »Nein, ich bin nicht Sarah Talbot, die jetzt eigentlich dran wäre. Entschuldige – ich habe Sue am Empfang überredet, mich vorzulassen. Einer der Vorteile, wenn man früher mal hier gearbeitet hat. Es dauert nicht lang, versprochen.«

Er winkte sie herein, stand auf und begrüßte sie mit Küsschen links und rechts.

»Du bist ja pitschnass«, stellte er fest.

»Ist nur von dem kurzen Weg hierher, halb so wild. Ich habe einen Parkplatz ganz in der Nähe gefunden.« Sie stieß einen lauten Seufzer aus. »Ich will ganz offen sein. Ich brauche mehr von diesen Tabletten, die du mir verschrieben hast, als … du weißt schon. Ich finde keinen Schlaf. Und, bitte, keine Vorträge darüber, wie leicht man davon abhängig werden kann. Ich habe schreckliche Träume, Theo. Der Schnee wälzt sich heran, um sie zu verschlingen, und dann versinke ich im Meer, als würde ich ertrinken, und –«

»Langsam, beruhige dich. Setz dich erst mal, Jess.« Er deutete auf den Stuhl neben seinem Schreibtisch.

Sie tat wie geheißen. »Ich wollte gestern schon was sagen, aber –«

Er nickte, während er gleichzeitig ihre Daten auf seinem Computer aufrief. »Ich verschreibe dir eine Packung für sieben Tage, Jess. Mehr nicht, vorläufig. Mach einen Termin klar, dann können wir dich mal gründlich untersuchen. Wenn du nicht zu mir willst, könnte das auch Jane übernehmen, was hältst du davon?«

Jess nickte. »Ja. Gute Idee.«

Theo musterte seine Freundin näher: ihre übermüdeten, dunkel umschatteten Augen; ihr Haar, das sie am Vortag zu einem dicken Pferdeschwanz gebändigt hatte und das heute ein einziges Gewirr durchnässter Locken war. Ihm fiel ein, dass sie im Café nichts hatte essen wollen. »Du bist sehr mager«, sagte er. »Isst du überhaupt noch was?«

»Immer, wenn ich Rose etwas zu essen mache. Wirklich.« Sie tippte auf ihre Armbanduhr. »Mrs Talbot wartet. Meinetwegen müssen sich heute Morgen noch alle gedulden.«

»Ja, aber das wird dir ja klar gewesen sein, als du dich vorgemogelt hast.« Er druckte das Rezept aus und reichte es ihr. »Komm doch heute Abend vorbei. Jetzt, wo Rose nicht da ist, wirst du gar nichts mehr zu dir nehmen. Komm vorbei und iss was mit uns. Ich habe dir noch gar nicht erzählt, dass ich endlich eine Hilfe für uns gefunden habe – wir haben jetzt ein Au-pair im Haus, und sie kann sogar kochen! Bea heißt sie.« Er grinste.

»Bia?«, fragte sie zurück.

»Nein, Bea, B-E-A, kurz für Beatrice. Schwedin. Blond. Bildhübsch.«

Jess sah ihn stirnrunzelnd an.

»Nein, kleiner Scherz. Sie ist brünett, Spanierin, und ihr Paprika-Hähnchenauflauf schmeckt ziemlich genial.«

»Nein, tut mir leid.« Sie faltete das Rezept zusammen und steckte es in die Jackentasche. »Heute werde ich bei Leah erwartet. Weil ich mich gestern Abend gedrückt habe und Gus mich unbedingt zum Geburtstag bekochen will.« Ihrem Gesichtsausdruck nach hätte sie diesen Abend wohl gern ein zweites Mal sausen lassen. »Ich bin einfach nicht in der Verfassung für gesellige Abende. Nicht bei Leah und Gus, nicht bei dir und Finn. Ich bin völlig mit den Nerven runter. Zucke ja schon zusammen, wenn nur das Telefon läutet.«

Wie aufs Stichwort hin klingelte das Telefon auf Theos Schreibtisch.

»Das wird wegen Mrs Talbot sein, die langsam ungehalten wird.« Jess sprang auf. »Ich gehe mal besser. Vielen Dank, Theo.«

Und husch, war sie wieder fort.

Den restlichen Vormittag über hatte er so viel zu tun, dass er zwischendurch kaum zum Luftholen kam. Obwohl er sich mit Kollegen turnusgemäß abwechselte und diese Sprechstunde am Samstag nur alle vier Wochen abhielt, empfand er diesen Dienst zunehmend als lästig; vor allem aus dem Gefühl heraus, dass er am Wochenende mehr Zeit mit seinem Sohn verbringen sollte. Finn hing jetzt wahrscheinlich vor seinem Laptop herum, statt etwas mit ihm zu unternehmen. Etwas Spaßiges. O nein. Nach einer endlosen Abfolge von Kindern und ihren typischen Ferienerkältungen merkte Theo nun, wie sich auch seine eigenen Nebenhöhlen verengten.

Sein Blick fiel auf den Kalender, vor ihm auf dem Schreibtisch. Ein Geschenk von Finn, schon ein paar Jahre alt, ein Holzblock, auf dem das Datum auf beschrifteten Karten angezeigt wurde. Rechts darüber war ein kleineres Kärtchen für den Monat und links daneben eine weitere Karte mit der Jahreszahl. Er sortierte die richtige Tageskarte nach vorn. Samstag, der 14. Februar 2015. Zehn Wochen, wie er rasch im Kopf nachrechnete, seit seine Frau ausgezogen war. Zehn Wochen, seit Anna als vermisst gemeldet wurde. Siebzig Tage, in denen sie beide, er und Jess, notgedrungen hatten lernen müssen, sich im Leben ganz neu zurechtzufinden.

Harriet hatte sich eine Wohnung in London genommen, in für sie günstiger Lage; die Kanzlei, in der sie seit fünf Jahren als Anwältin beschäftigt war, war von dort aus bequem zu Fuß zu erreichen. In dieser Wohnung, in einem anderen Bett und einem anderen Schlafzimmer, schlief Harriet nun Nacht für Nacht mit einem anderen Mann. Theo bemühte sich, nicht zu oft darüber nachzudenken, aber dies war das Bild, das sich ihm dann jedes Mal aufdrängte: Harriet, beim Liebesspiel mit einem anderen. Ein anderer, der ihr leises Seufzen und Stöhnen hörte, das nach und nach lauter wurde, bis sich ihr schließlich ein zartes Wimmern entrang. Er überlegte: Hasste er Roland, ihren Liebhaber? Hasste er Harriet? Oder war er eifersüchtig auf sie, ganz insgeheim, beneidete er sie in Wirklichkeit um ihre Freiheit? Dann fiel ihm Finn ein. Finn war nun die Hauptsache. Und seit seine Mutter in seinem Leben nur noch besuchsweise auftauchte, erwies sich Finn zunehmend als Herausforderung.

Theo massierte sich kurz die Nasenwurzel mit Daumen und Zeigefinger, ehe er ein goldgerahmtes Foto vom Schreibtisch nahm und kurz betrachtete: sie alle zu dritt im Skiurlaub. Aber mehr noch als seine zerbrochene Familie kam ihm dabei Anna in den Sinn. Wo war sie jetzt? Ihm krampfte sich spontan der Magen zusammen, so wie jedes Mal, wenn er an sie dachte. Weil er sie automatisch vor sich sah, begraben unter Massen von gefrorenem Schnee. Er sprach ein stummes Gebet, das er einst als Kind gelernt hatte; betete zu anonymen Heiligen, deren Namen ihm inzwischen längst entfallen waren. Anfangs, in der ersten Zeit nach dem Unglück, hatte er darum gebetet, dass Anna ebenfalls diese Doku kannte, die vor Jahren mal im Fernsehen gelaufen war; die Doku, in der davon die Rede war, dass man, wenn man das Pech hatte, von einer Lawine verschüttet zu werden, gegen den Schnee spucken sollte, um zu bestimmen, wo oben war und wo unten. In welche Richtung es, zumindest theoretisch, ins Freie ging. Doch Anna war nicht mehr aufgetaucht, und so betete er mit der Zeit nur noch zu allen Göttern, dass sie wenigstens nicht hatte leiden müssen. Dass es kurz und schmerzlos gegangen war.

Anna. Erst mit Verzögerung wurde ihm bewusst, dass er ihren Namen laut ausgesprochen hatte.

Er zog die Schublade links neben sich auf und tastete kurz darin herum, bis er den Umschlag ausfindig gemacht hatte, ganz hinten. Er nahm ihn heraus und lehnte sich im Sessel zurück. Fuhr mit dem Zeigefinger um den Namen herum, mit dem sie den Umschlag beschriftet hatte. Ihre Handschrift war eigenwillig und kühn, ganz wie sie selbst, und leicht nach links geneigt. Das »O« am Ende seines Namens war oben mit einem kleinen Häkchen versehen, wie ein Komma. Theo. Er merkte, wie sich ihm vor jäher Panik die Kehle zuschnürte, und schob den Umschlag hastig in die Schublade zurück. Ein andermal. Lieber ein andermal.

Für heute war sein Tagwerk getan, er hatte alle Patienten abgearbeitet. Nachdem er sich gegen die Witterung warm eingepackt hatte, hob er die Aktentasche auf den Schreibtisch und prüfte noch einmal, ob er alle Unterlagen hatte, die er unterschreiben musste. Harriets berufliche Qualifikation als Juristin machte sich bezahlt, sie hatte die rechtlichen Aspekte ihrer Trennung auf gerade einmal vier Seiten zusammengefasst.

Draußen auf seiner Windschutzscheibe hatte sich bereits eine dünne Schicht Eis gebildet. Fröstelnd, trotz seines dicken Mantels, öffnete er die Wagentür und stellte die Aktentasche auf dem Beifahrersitz ab. Dann streifte er ein Paar fellgefütterter Handschuhe über, denn das Lenkrad war eiskalt, startete den Motor und drehte die Heizung voll auf.

Fünf Minuten später parkte er in seiner Auffahrt. Bei dem Haus, dem Heim, das Harriet und er gestaltet hatten, handelte es sich um eine moderne »repräsentative Villa«, wie der Architekt, der die Bauarbeiten zehn Jahre zuvor geleitet hatte, zu sagen pflegte, freistehend und mit insgesamt vier Zimmern. Es war eins von zehn Häusern in einer kleinen geschlossenen Wohnanlage. Finn oder vielmehr seine Klassenkameraden nannten es eine »Nobelhütte«.

Die in Fischgrätmuster gepflasterte Auffahrt, in der sein Auto nun stand, war erst nachträglich angelegt worden. All die Kataloge, die er und Harriet stundenlang gewälzt hatten, um die Farbe der Pflastersteine genau mit den Backsteinen des Hauses abzustimmen, damit alles perfekt passte … was war das im Nachhinein für eine lächerliche Zeitverschwendung. Beim Blick zum Wohnzimmerfenster stellte er fest, dass die Vorhänge nicht zugezogen waren. Genau darauf hatte Harriet immer penibel geachtet, um ja nicht den Blicken irgendwelcher Passanten ausgesetzt zu sein. Finn und ihn dagegen störte das nicht groß. Tatsächlich hatten sie die Vorhänge mit den farblich abgestimmten Raffhaltern seit ihrem Auszug nicht mehr zugezogen, wie er mit einem Lächeln feststellte. Bei Jess dagegen waren die Vorhänge fest zugezogen, wie er einige Minuten zuvor gesehen hatte, als er durch ihre Straße fuhr; nur ein dünner Lichtstreifen an der oberen Vorhangkante verriet, dass sie zu Hause war.

Ob sie hinter ihren Vorhängen wohl gerade geweint hatte? Es wäre das erste Mal gewesen. Seit sie von dem Unglück erfahren hatte, war sie zum Weinen nicht imstande gewesen. Fast so, als würde ihr Körper die Tränen blockieren, um sich nicht dem Schlimmsten stellen zu müssen. Ohne Tränen dagegen bestand noch Hoffnung … Als er die Haustür aufschloss und vom Fernsehzimmer her Finns Gelächter hörte, schoss ihm die schlichte Wahrheit durch den Kopf; nämlich, dass er mit dem Scheitern seiner Ehe jederzeit eher leben konnte als mit dem Verlust seines Kindes.

Beas Auflauf war perfekt. Sie selbst war mit ihrem Freund, den sie seit Neuestem hatte, im Kino, und Theo und Finn aßen allein in der Küche. Sein Sohn war auffallend still. Das Gelächter, das eben zu ihm gedrungen war, hatte der neuesten Folge der Simpsons im Fernsehen gegolten.

»Warst du heute beim Klettern?«, fragte Theo.

»Ja. Das weißt du doch«, erwiderte Finn, ohne den Blick vom Teller zu heben.

Klettern war die einzige sportliche Aktivität, für die sich Finn erwärmen konnte, in einem hiesigen Kletterclub namens »The Wall«. Es hatte einige Zeit gedauert, diesen Sport für ihn ausfindig zu machen. Er hasste Fußball, Rugby war ihm zu ruppig, und auch mit Tennis konnte er nicht viel anfangen. »Viel Rennerei nach einem kleinen Ball«, wie er abfällig bemerkte. Entsprechend erleichtert waren Harriet und er gewesen, als Finn schließlich auf den Geschmack kam und das Kraxeln an der Kletterwand für sich entdeckte; besser als nichts, denn ansonsten spielte er mit Vorliebe Minecraft auf seinem Laptop oder las, hauptsächlich »Bücher für Computerfuzzis«, wie Harriet sie nannte. Insgeheim machte Theo sich Sorgen. Sein Sohn war ein stiller Typ, der gern allein war. Ein wenig zu eigenbrötlerisch für einen Jungen seines Alters.

»Und, wie war’s?«

»Okay.«

»Sehr gesprächig bist du heute nicht.«

Finn zuckte bloß die Achseln.

»Hat deine Mum dich angerufen?«

»Ja.«

»Und? Was meinst du?« Theo lehnte sich zurück und starrte seinen Sohn an, beschwor ihn innerlich, ihn endlich anzusehen.

»Ich möchte eher nicht, glaube ich.«

Theo seufzte. »Ich weiß, dass es nicht leicht ist, Finn. Aber deine Mum möchte dich gern sehen.«

»Sie kommt doch immer her. Wieso soll ich denn zu ihr?«

»Weil es sie freuen würde? Nur ein Mal, über Nacht?«

»Wird er auch dort sein?« Jetzt endlich blickte Finn auf und sah ihn an.

»Nein. Nein, natürlich nicht.« Theo wandte den Blick ab, um seinem Sohn nicht länger in die Augen sehen zu müssen.

»Ganz sicher?«

»Ja. Ganz sicher.« Theo stand auf und machte sich daran, den Tisch abzuräumen. Wenige Minuten später tippte er eine SMS an seine Frau in sein Handy.

Finn unruhig wegen Besuch bei dir. Möchte sicher sein, dass Roland nicht dabei ist.

Fast umgehend traf eine Antwort ein, angekündigt durch das Piepsen des Handys.

Theo, wie wär’s mit Fragen, wenn ihr wissen wollt, ob R dabei sein wird?! Und nein – wird er nicht. Bloß ich und Finn. Den ganzen Abend.

Er machte sich nicht die Mühe, ihr zu antworten. Blickte nur schweigend seinem Sohn hinterher, der sich ohne ein Wort aus der Küche entfernte. Unter normalen Umständen hätte Theo ihn wohl zurückgerufen. Hätte ihn aufgefordert, nicht so ein mürrisches Gesicht zu machen und ihm beim Geschirrabräumen zu helfen. Aber er entschied, ihn gehen zu lassen. Weil die derzeitigen Umstände für sie beide neu und alles andere als einfach waren.

Fionnuala Kearney

Über Fionnuala Kearney

Biografie

Fionnuala Kearney wurde im irischen Cork geboren und wuchs mit sechs Geschwistern in Dublin auf. Sie arbeitete als Immobilienmaklerin in London, wo sie bis heute mit Ehemann und zwei Töchtern lebt. Seit fünf Jahren widmet sie sich ausschließlich dem Schreiben. Wohin die Liebe geht ist ihr erster...

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