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Als der Zufall sich verliebteAls der Zufall sich verliebte

Als der Zufall sich verliebte

Roman

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Als der Zufall sich verliebte — Inhalt

Was wäre, wenn der dummerweise verschüttete Kaffee oder der Zug, der einem vor der Nase wegfährt, keine zufälligen Vorkommnisse sind? Was, wenn es so etwas wie Zufall gar nicht gibt? Was, wenn in Wahrheit jemand anderes die Fäden des Schicksals zieht? Guy, Emily und Eric sind scheinbar ganz normale Menschen. Was keiner weiß: Sie sind Teil einer Geheimorganisation, deren Aufgabe es ist, Zufälle zu stiften – kleine, scheinbar willkürliche Gegebenheiten, die, sorgfältig inszeniert, große Veränderungen im Leben ihrer Zielpersonen bewirken. Sie helfen Wissenschaftlern, die kurz vor dem Durchbruch stehen, Künstlern, die nach Inspiration suchen, oder Paaren die Liebe auf den ersten Blick zu finden. Eines Nachts erhält Guy den wohl tückischsten Auftrag, den er bislang erfüllen musste. Doch nicht einmal der Zufallsstifter kann ahnen, dass diese Mission auch sein eigenes Leben und das seiner Freunde verändern wird …

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 04.09.2018
Übersetzt von: Helene Seidler
336 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-86612-447-9
€ 16,99 [D], € 16,99 [A]
Erschienen am 04.09.2018
Übersetzt von: Helene Seidler
336 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99171-1

Leseprobe zu »Als der Zufall sich verliebte«

Aus der Einführung in die Zufallsstiftung, Teil I

Seht euch die Zeitlinie an.

Sie ist natürlich nur eine Illusion. Die Zeit ist eine Fläche, keine Linie.

Seht sie euch an und erkennt, dass jedes Ereignis eine Ursache und eine Wirkung hat. Versucht, den Anfang auszumachen. Das wird euch natürlich nicht gelingen.

Jedes »Jetzt« hat ein »Vorher«.

Das scheint das zentrale Problem zu sein. Es ist allerdings nicht ohne Weiteres zu erkennen, wenn man ihm bei der Zufallsstiftung begegnet.

Deswegen beginnen wir, bevor ihr Theorie und Praxis, Formeln und [...]

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Aus der Einführung in die Zufallsstiftung, Teil I

Seht euch die Zeitlinie an.

Sie ist natürlich nur eine Illusion. Die Zeit ist eine Fläche, keine Linie.

Seht sie euch an und erkennt, dass jedes Ereignis eine Ursache und eine Wirkung hat. Versucht, den Anfang auszumachen. Das wird euch natürlich nicht gelingen.

Jedes »Jetzt« hat ein »Vorher«.

Das scheint das zentrale Problem zu sein. Es ist allerdings nicht ohne Weiteres zu erkennen, wenn man ihm bei der Zufallsstiftung begegnet.

Deswegen beginnen wir, bevor ihr Theorie und Praxis, Formeln und Statistiken lernt, mit der einfachsten Aufgabe.

Schaut noch einmal auf die Zeitlinie.

Findet den richtigen Punkt, legt den Zeigefinger dorthin und entscheidet einfach: Hier geht es los.

1

Wie immer, so hing auch in diesem Fall alles vom Timing ab. Fünf Stunden, bevor er die Südwand seiner Wohnung zum zweihundertfünfzigsten Mal streichen würde, saß Guy in einem kleinen Café und nippte mit wohldosierter Muße an seinem Kaffee. Er lehnte sich leicht zurück, eine Haltung, von der er hoffte, sie würde die Gelassenheit widerspiegeln, die er sich mit jahrelanger Selbstdisziplin antrainiert hatte. Das zierliche Tässchen hielt er wie eine kostbare Muschel. Aus dem Augenwinkel verfolgte er den Sekundenzeiger der großen Uhr über der Kasse. Frustriert bemerkte er, dass er sich, wie stets in den letzten Augenblicken vor der entscheidenden Aktion, seines Atems und seiner Herzschläge bewusst war. Sie übertönten das Ticken der öffentlich angezeigten Sekunden.

Das Café war ungefähr halb voll.

Guy ließ seinen Blick von einem Gast zum anderen wandern. Vor seinem geistigen Auge erschien wieder das luftige Spinngewebe, zusammengehalten von allerfeinsten Knotenpunkten, das mit bloßem Auge nicht zu erkennen war.

Ihm gegenüber, auf der anderen Seite des Raums, saß, den Kopf an die Fensterscheibe gelehnt, ein Mädchen mit weichem, rundem Gesicht. Es ließ sich durch dünne Kopfhörerkabel mit Musik überschwemmen, die Marketingexperten und Romantik-Alchimisten für unschuldige junge Mädchen wie sie produziert hatten. Die großen klaren Augen und ihre entspannte Miene sprachen von friedlicher Ruhe. Guy wusste nicht genug über sie, um mit Gewissheit sagen zu können, ob sie innerlich wirklich so gelassen war. Sie selbst spielte momentan in seiner Gleichung keine Rolle, ihr leises Summen dagegen aber sehr wohl.

Am Tisch ihr gegenüber versuchte ein unsicheres junges Paar beim ersten oder zweiten Date sich einen Weg zu etwas zu bahnen, was teils eine freundschaftliche Unterhaltung, teils ein Bewerbungsgespräch um den Posten des Partners und teils ein unterschwelliger Wettbewerb zu sein schien, wer von beiden wohl scharfsinniger war. Dabei lächelten sie und blickten gelegentlich seitwärts, um sich nicht gegenseitig anstarren zu müssen, was zum Gefühl einer falschen Intimität hätte führen können. Im Grunde genommen stellte dieses Paar eine Art Prototyp für alle zu überstürzt aufgenommenen Beziehungen dar, die sich nervös um sich selbst drehten. Von denen gab es in letzter Zeit leider immer mehr.

Etwas weiter hinten in der Ecke saß, etliche eng beschriebene Seiten auf dem Tisch vor sich ausgebreitet, ein Student und starrte in seinen Kakaobecher. Er war noch dabei, eine quälende alte Liebe zu verdrängen, und gab sich unter dem Deckmantel akademischer Konzentration einem Tagtraum hin. Guy kannte seinen Namen und war vertraut mit der Geschichte seiner medizinischen und emotionalen Probleme, seiner Grübeleien, seiner Träume, seiner verborgenen kleinen Ängste. Alles, was einer wie er wissen musste, um die Möglichkeiten abzuschätzen und sie in eine komplizierte Statistik von Ursachen und Wirkungen einzufügen, hatte Guy irgendwo bei sich gespeichert.

Und dann waren da die beiden Kellnerinnen, die mit müden Blicken irgendwie noch ein Lächeln zustande brachten und sich neben dem geschlossenen Küchendurchgang im Stehen leise und intensiv unterhielten. Genauer gesagt: Eine von ihnen führte das Gespräch, die andere hörte scheinbar zu, nickte hin und wieder und machte dann und wann die erforderlichen Gesten, aber man sah ihr an, dass sie in Gedanken ganz woanders war.

Auch die Geschichte dieser jungen Frau war Guy vertraut, davon ging er jedenfalls aus.

Die Uhr über der Kasse zeigte siebzehn Minuten vor vier. Guy stellte die Tasse ab und zählte die Sekunden rückwärts. Ihm war bewusst, dass bei jedem der Anwesenden die Uhr ein wenig anders ging, eine halbe Minute zu früh oder zu spät vielleicht, aber das war ziemlich egal.

Die Menschen leben ja nicht nur an unterschiedlichen Orten, sie leben in gewisser Weise auch in verschiedenen Zeiten und bewegen sich in ihrer ganz persönlichen Zeitblase. Die Kunst in diesem Job, hatte der General erklärt, liege darin, die verschiedenen Zeiten zusammenfallen zu lassen, ohne dass es gewollt wirkte. Der General selbst trug keine Uhr, seit er gemerkt hatte, dass er sich ihrer ohnehin nicht bediente. Die Zeit war ihm so bewusst, dass er auf einen Zeitmesser verzichten konnte.

Guy hatte die Wärme, die ihn im Moment vor der Ausführung eines Auftrags fast bis auf die Knochen durchrieselte, schon immer genossen, dieses Gefühl, dass er gleich den Finger ausstrecken und damit den Erdball oder den Himmel vielleicht ein wenig bewegen würde. Die ihm allein vorbehaltene Gewissheit, dass er so manches, das sich vor einem Augenblick noch in eine ganz andere Richtung bewegt hatte, aus der gewohnten Bahn bringen würde und dadurch etwas Neues entstände. Wie ein Maler, der wunderbare, kompliziert komponierte Landschaften malte, ohne zum Pinsel zu greifen, einfach nur durch die feine, präzise Drehung eines riesigen Kaleidoskops.

Wenn es mich nicht schon gäbe, dachte er manchmal, dann müsste man mich erfinden. Unbedingt.

Scheinbar bedeutungslose Fingerbewegungen wurden jeden Tag millionenfach gemacht. Sie verbanden sich oder hoben sich gegenseitig auf, wiegten sich in einem tragikomischen Tanz zukünftiger Möglichkeiten. Diejenigen, die sie ausgeführt hatten, verschwendeten normalerweise keinen weiteren Gedanken an sie. Guy dagegen würde die Veränderung beobachten können, die er durch eine minimale, elegante, ruhig ausgeführte Geste in Gang setzte. Geübt und unauffällig. Selbst wenn man ihn dabei beobachtete, könnte niemand die Absicht dahinter ahnen. Und dennoch überkam ihn vorher stets ein kaum spürbares Zittern.

»Vor allem«, hatte der General ihnen damals gesagt, »seid ihr Geheimagenten. Alle anderen sind in erster Linie Agenten und zusätzlich noch geheim, aber ihr seid in erster Linie geheim und dazu in gewisser Weise auch noch Agenten.«

 

Guy holte tief Luft, und die Dinge nahmen ihren Anfang.

Das Mädchen gegenüber bewegte sich immer ein wenig, wenn ein Lied zu Ende war und das nächste begann. Sie richtete sich auf, öffnete die Augen und starrte hinaus.

Der Student rührte sich ebenfalls.

Das nach Gemeinsamkeit suchende Pärchen lachte verlegen, als gäbe es keine andere Art zu lachen.

Der Sekundenzeiger hatte eine Vierteldrehung zurückgelegt.

Guy atmete kurz aus, dann zog er sein Portemonnaie aus der Tasche.

Genau zur rechten Zeit beorderte ein ärgerlicher Ruf eine der beiden Kellnerinnen in die Küche.

Guy legte einen Geldschein auf den Tisch.

Der Student machte sich an das Ordnen der vor ihm liegenden Blätter, immer noch langsam und versonnen.

Guy stellte seine halb volle Tasse zwei Zentimeter vom Tischrand entfernt ab und schob den Schein darunter. Als der Zeiger bei zweiundvierzig angekommen war, stand Guy auf und winkte der Kellnerin, die nun allein vor dem Eingang zur Küche stand, dankend zu.

Sie winkte zurück und setzte sich in seine Richtung in Bewegung.

Der Sekundenzeiger hatte genau eine Dreivierteldrehung zurückgelegt, als Guy auf die sonnenüberflutete Straße trat und sich damit den Blicken der Cafébesucher entzog.

Drei, vier und …

 

Der coole Typ in der Ecke schien gehen zu wollen, denn er packte seine Sachen zusammen. Das war zwar Julies Tisch, aber anscheinend würde sie sich jetzt um ihn kümmern müssen. Damit hatte sie kein Problem. Sie mochte Studenten. Sie mochte coole Typen. Ehrlich gesagt, ein cooler Student war eine vielversprechende Kombination.

Shirley wiegte den Kopf leicht hin und her.

Nein! Derartige Gedanken sind verboten! Nichts mit »cool« oder »toll« oder mit anderen netten Eigenschaften, die du meinst, Männern zuschreiben zu müssen. Du hast es doch versucht, du bist dort gewesen, hast vom Glück gekostet, warst ganz high und bist dann hart auf den Boden geknallt. Hast du die Lektion noch nicht gelernt? Aus, vorbei. Du brauchst eine P-a-u-s-e.

Der Typ mit den traurigen Augen hob die Hand und deutete auf den Geldschein, den er auf den Tisch gelegt hatte.

Sie kannte ihn bereits, wenn man den stummen allwöchentlichen Besuch »Bekanntschaft« nennen konnte. Er hatte seine Tasse bestimmt wie immer bis auf den letzten Tropfen geleert und nur den Kaffeesatz zurückgelassen, als wartete er auf eine Wahrsagerin, die nie kam. Der Schein lag wie gewohnt säuberlich gefaltet unter der Tasse.

Er ging hinaus, und Shirley meinte, in seinem Gang eine gewisse Spannung zu entdecken. Sie steuerte auf den leer gewordenen Tisch zu und zwang sich, nicht zu dem coolen Studenten hinüberzuschauen.

Sie war eben auch nur ein Mensch. Die Trennung lag ein Jahr zurück. Klar, dass ihr eine nahe persönliche Beziehung fehlte. Sie hatte sich noch nicht an den Gedanken gewöhnen können, dass »allein« ihre neue Lebensweise sein sollte. Sie müsste eben stark sein. Und authentisch. Eine schöne einsame Wölfin im Schnee – oder eine wilde Tigerin in der Wüste, so etwas. Der jahrelange Genuss von Mädchenfilmen, süßlicher Popmusik und einfach gestrickten Büchern hatte in ihrem Kopf Vorstellungen hinterlassen, die allesamt nur romantische Illusionen waren.

Es würde schon alles gut werden.

Irgendwie.

Von diesen Gedanken leicht verstört, streckte sie ihre Hand nach der Tasse aus.

Hinter ihr setzte ein sanftes Geräusch ein, sie drehte sich um. Das Mädchen mit den Kopfhörern summte vor sich hin. Noch bevor Shirley sich wieder zurückwendete, wusste sie, dass sie einen Fehler gemacht hatte.

Ihr Gehirn registrierte das jetzt einsetzende Geschehen, sah es mit der Präzision einer Atomuhr sogar voraus, wenn auch um eine tausendstel Sekunde verzögert.

Ihre Hand hatte die Tasse nur ein wenig verrückt, und da sie diesmal aus irgendeinem Grund sehr nahe am Tischrand stand, rutschte sie runter.

Rasch streckte Shirley auch die zweite Hand aus, um die Tasse noch aufzufangen. Vergeblich. Das Ding zerschmetterte auf dem Boden, und Shirley ließ einen frustrierten Schrei hören.

Der coole Student – ach nein, der völlig uninteressante Typ – hob den Kopf, bewegte dabei einen Arm, und schon ergoss sich Kakao über die eng beschriebenen Blätter.

Und zu allem Übel stürmte Bruno aus der Küche.

Mist.

 

»Manchmal werdet ihr zu obsessivem Handeln gezwungen sein«, hatte der General gesagt, »das lässt sich nicht vermeiden. Mir selbst hat das immer Spaß gemacht. Um das zu verstehen, muss man kein Sadist sein. Es ist im Prinzip ganz einfach.«

Guy ging die Straße entlang. Dabei zählte er seine Schritte, bis er aus sicherem Abstand einen Blick zurückwarf. Die Tasse musste nun schon heruntergefallen sein. Nur ein einziger kurzer Blick Richtung Café, um sich zu vergewissern, dass alles richtig lief. Das war nicht kindisch, sondern gesunde Neugier. Niemand würde ihn beachten, er stand ja auf der anderen Straßenseite. Das durfte er sich erlauben.

Als Nächstes war die Sabotage des Wasserrohrs dran.

 

Shirley sah, dass der Student fluchend seine eng beschriebenen Blätter zu retten versuchte.

Rasch bückte sie sich, um die Scherben aufzuheben, dabei schlug ihr Kopf gegen die Tischkante.

Mist, das zweite Missgeschick.

Sie versuchte, die größeren Scherben aufzusammeln, ohne sich zu schneiden. Ihre Schuhe waren mit Kaffee bespritzt, ein Giraffenfellmuster deutete sich an, wurde aufgesogen und zum Bestandteil des Materials.

Ging Kaffee in der Wäsche raus? Durfte man diese Schuhe überhaupt waschen?

Im Stillen wünschte sie die ganze Welt zum Teufel. Das war nun schon das dritte Mal, dass ihr etwas schiefging, und Bruno hatte ihr ganz klar verkündet, was beim dritten Mal passieren würde.

»Lass das sein!« Rot vor Zorn kniete Bruno neben ihr.

»Tut mir leid«, sagte sie. »Ich hab das wirklich nicht mit Absicht gemacht. Ich hab mich nur kurz umgedreht und war für eine halbe Sekunde unkonzentriert. Wirklich.«

»Das ist das dritte Mal«, zischte Bruno. Er schrie nicht gern in der Anwesenheit von Gästen. »Beim ersten Mal hab ich gedacht, was soll’s. Beim zweiten Mal hab ich dich gewarnt.«

»Bruno, es tut mir leid!«, stammelte sie. Das war ein Fehler, denn nun fixierte Bruno sie mit blitzenden Augen.

Er konnte es nicht leiden, wenn man ihn beim Vornamen nannte. Meistens passierten ihr solche Fehler nicht. Was war heute nur mit ihr los?

»Lass das sein.« Er betonte jedes Wort. »Gib die Uniform zurück, nimm dir deinen Anteil vom Trinkgeld und verzieh dich! Du arbeitest hier nicht mehr!« Noch bevor sie antworten konnte, hatte er sich aufgerichtet und war in der Küche verschwunden.

 

Jetzt rannte Guy. Er musste auf die Schnelle noch einiges schaffen. Manches konnte man erst im letzten Moment erledigen, wie zum Beispiel überprüfen, ob die Dinge reibungslos abliefen, wenn ihre Zeit gekommen war.

Er hatte das Niveau noch nicht erreicht, auf dem ein Zufallsstifter sich hinsetzen konnte, um in aller Ruhe den Ablauf der Ereignisse zu verfolgen. Er musste in Echtzeit vor Ort immer noch ein wenig nachhelfen.

 

Die meisten Seiten müsste er wohl noch einmal fotokopieren. Eine der Kellnerinnen, nicht die, die gerade die Scherben aufgesammelt hatte und dabei aussah, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen, kam mit einem großen Packen Papierhandtücher und tupfte auf, was die Blätter noch nicht aufgesogen hatten. Beide reinigten schweigend den Tisch. Die meisten Seiten ließ er einfach liegen. »Die können Sie wegwerfen«, sagte er zu ihr, »die kann ich nicht mehr neu fotokopieren.«

»Wirklich ärgerlich«, meinte sie und verzog mitleidig den Mund.

»Bringen Sie mir bitte die Rechnung. Ich glaub, ich geh dann mal.«

Sie nickte und drehte sich um, ein Hauch ihres Parfüms stieg ihm in die Nase. Eine altbekannte Warnlampe blitzte in seinem Kopf auf. Das Parfüm kannte er von Sharon. Das hatte ihm gerade noch gefehlt.

Er blinzelte kurz und steckte den Rest der trocken gebliebenen Papiere ein. Ein paar Minuten später, als der Tisch wieder vor Sauberkeit glänzte, brachte die Kellnerin ihm die Rechnung.

Er bemerkte nicht einmal, dass er die Luft anhielt. Nur nicht noch einmal das Parfüm riechen!

Sie entfernte sich, und er hob den Blick. Die Kellnerin, der die Tasse heruntergefallen war, verließ das Café in Straßenkleidung.

 

Guy saß an der Bushaltestelle und öffnete sein Notizbuch.

Dort konnte sie ihn zwar bestimmt nicht sehen, aber sicherheitshalber blätterte er in seiner Agenda. Er öffnete sie bei den Eintragungen zu einer seiner ersten Zufallsstiftungen überhaupt. Er hatte dafür zu sorgen gehabt, dass ein bestimmter Arbeiter in einer Schuhfabrik seinen Job verlor. Der Mann hatte das Zeug zu einem genialen Komponisten, wusste aber nichts davon. Als Erstes hatte Guy veranlasst, dass dem Mann gekündigt wurde. Als Nächstes brachte er ihn mit der Art von Musik in Berührung, die ihn zu einem eigenen Kompositionsversuch anregen würde.

Für einen Anfänger auf dem Gebiet der Zufallsstiftung eine recht komplizierte Aufgabe. Guy träumte aber von ganz anderen, spannenderen Aufträgen.

Damals war er ziemlich arrogant gewesen und hatte sich auf etwas eingelassen, das sein Planungsvermögen überstieg. Beim Blättern im Heft fiel ihm wieder ein, wie riskant es gewesen war, eine Grippeimpfung zu initiieren und einen Stromausfall herbeizuführen, der die ganze Fabrik lahmlegte.

Natürlich war es schiefgegangen. Jemand anderes wurde vor die Tür gesetzt, nicht der verkappte Komponist, denn Guy hatte die Ankunftszeiten der Arbeiter falsch berechnet. Das war zu einer Zeit gewesen, als er nur auf der individuellen Ebene kalkuliert hatte, anstatt das ganze Umfeld zu berücksichtigen. Damit hatte er gegen alle Regeln verstoßen, die der General ihnen eingetrichtert hatte. Er hatte die Dauer der Verkehrsstaus am Donnerstagmorgen im Wohngebiet seines Schützlings nicht genau genug berücksichtigt, und so war ein anderer zur entsprechenden Zeit am vorbestimmten Ort gewesen.

Der Plan war auf vier Seiten seines Büchleins skizziert. Nur vier Seiten! Verdammt, was hatte er sich dabei gedacht?

Nach fünf Monaten brachte ein Kollege die Sache in Ordnung. Der schaffte es auch, den irrtümlich Entlassenen an dem nun frei gewordenen Arbeitsplatz unterzubringen. Wie ihm das gelungen war, erfuhr Guy nie. Er befürchtete, dass der Welt seinetwegen ein paar geniale Kompositionen verloren gegangen waren.

Aber nicht alle Fehler ließen sich wieder ausbügeln. Nicht in jedem Fall gab es eine zweite Chance.

Gerade jetzt erreichte die Kellnerin, die seine Tasse umgeworfen hatte, die Bushaltestelle auf der anderen Straßenseite.

 

Ihr war, als drehte die Welt sich in diesem Augenblick einzig und allein um das rhythmische Klappern ihrer Schritte auf dem Bürgersteig. Um das kaum hörbare Knistern, mit dem ihr Arm die Kleidung streifte. Um das Kratzen des Blusenetiketts im Nacken.

Wenn sie gestresst war, achtete sie immer besonders auf Nebensächlichkeiten. Das hatte sie erst vor Kurzem gemerkt.

Seltsam, der Rausschmiss hatte sie kaum bekümmert, eher schon die Tatsache, dass er anders vor sich gegangen war, als sie es sich ausgemalt hatte. Durfte sich das Leben innerhalb einer Sekunde so dramatisch verändern? So sollte das Schicksal nicht mit einem umgehen dürfen! Es sollte einem die Botschaften, die guten wie die schlechten, schonend beibringen. Und sie nicht wie Steine in den See werfen und dann auch noch voller Schadenfreude auf die Kreise im spiegelglatten Wasser hinweisen.

Was soeben geschehen war, glich dem Frontalzusammenstoß mit einem entfernten Bekannten, der im selben Moment wie sie um die Ecke bog.

Es hatte offenbar zum ersten Mal in diesem Herbst geregnet, und obwohl die helle Sonne die Straße schon wieder erwärmte, lag ein neuer, frischer Geruch in der Luft, und im Rinnstein rauschte ein braunes Bächlein. Genau dort, wo ein rücksichtsloser Bus an ihr vorbeibrauste und ihre Schuhe ein zweites Mal bespritzte. Wieder einer dieser Tage. Hoffentlich überstand sie ihn ohne schwere Schäden. Morgen sähe vielleicht alles besser aus. Sie könnte in aller Ruhe den angerichteten Schaden einschätzen, ihre Lebensgrundlagen einer genauen Prüfung unterziehen und eine intelligente Entscheidung über ihre Zukunft treffen. Und wohin sie führen sollte.

Sei nicht so dramatisch, schalt sie sich selbst. Viele Menschen wurden irgendwann mal gefeuert. Das ist kein schicksalhaftes Ereignis, von dem du deinen Enkeln oder deinem Psychologen erzählen musst. Nicht mehr als ein verdorbener Tag. Solche Tage kennst du doch schon. Ihr seid gute Freunde.

Sie hob den Arm. Bis der nächste Bus käme, könnte noch viel Zeit vergehen. Lieber rasch per Anhalter nach Hause, dann eine lange Dusche und unter die Bettdecke kriechen. Morgen würde sie weitersehen, vielleicht nach einem neuen Job schauen, abklären, wie sie die nächste Monatsmiete bezahlen sollte, und sich im Netz eine Waschanleitung für die Schuhe suchen.

 

Guy erspähte die entlassene Kellnerin und musterte sie besorgt. Sie wirkte nicht kaputt genug. Er hatte mit einem mittleren Enttäuschungsniveau gerechnet. Aber vielleicht war weniger sogar besser. So würde sie offener sein für neue Ideen.

Andererseits könnte ein gehöriger Frust, gewürzt mit einer Prise Wut, eher die Sehnsucht nach einer Schulter zum Anlehnen auslösen. Oder würde die bittere Erfahrung sie nur noch weiter von ihren Mitmenschen entfernen?

Wie idiotisch von mir, ich hätte ihr Enttäuschungspotenzial genauer berechnen müssen. Das Fehlerrisiko muss stets auf ein Minimum reduziert werden. Das haben wir schon in der ersten Lektion gelernt. Na gut, vielleicht nicht gerade in der ersten, in der fünften vielleicht. Oder war es in der zehnten? Ich weiß es schon nicht mehr genau.

Auf jeden Fall wirkte sie nicht erledigt genug.

 

»Was ist da vorne los?«, erkundigte er sich.

Einer der Passanten blieb stehen. »Wie bitte?«

»Was ist da passiert, warum geht es nicht weiter?«

»Irgendein Rohrbruch«, erklärte der Mann. »Sie haben die Straße gesperrt.«

»Verstanden, danke!«

Er müsste die Stelle umfahren. Wenn er gleich rechts abbiegen würde und dann links, käme er auf die Parallelstraße … ach nee, das war eine Einbahnstraße. Vielleicht zweimal rechts, dann erst links und dann durch die andere Einbahnstraße? Oder war das gar keine Einbahnstraße, sondern eine Sackgasse? Sharon hatte ihn oft ausgelacht. »Wie hast du den Offizierskurs bestanden, wenn du dich nicht einmal in der Stadt zurechtfindest?«

»In der Stadt ist das anders«, hatte er dann erwidert.

»Sollte es nicht eigentlich leichter sein?«

»Beim Kurs warst du noch nicht dabei«, scherzte er, »aber wenn du neben mir sitzt, kann ich mich nicht konzentrieren.«

Darauf lächelte sie ihr besonderes Lächeln und senkte den Kopf. Eine Art zur Seite blickende Mona Lisa.

Dann beugte sie sich, wie meistens in so einer Situation, zu ihm und flüsterte an seinem Ohr: »Links, am Ende rechts und am Platz geradeaus, Herr Major.«

Die Texte waren unleserlich geworden, na und? Das sollte ihm den Tag nicht vermiesen. Zu Hause würde er all die blöden Papiere in die dunkelste Ecke befördern, sich vom Video-Automaten unten eine Komödie ziehen, die albernste, die sich finden ließ, über amerikanische Collegestudenten oder neurotische Briten oder spanische Señoras mit flinkem Mundwerk. Und dann würde er sich ohne Schuldgefühle mit einem Bier und einer Tüte Erdnüsse vor dem Fernseher niederlassen.

An den Strand könnte er auch mal wieder gehen, fiel ihm ein.

Wohin auch immer, ein Bier müsste auf jeden Fall dabei sein, er durfte doch sein Lieblingsgetränk nicht vernachlässigen. Mit Bier sollte man sich nicht anlegen, das hatte er auf schmerzliche Art und Weise erfahren.

Er legte den Kopf in den Nacken und brüllte aus Leibeskräften. Wenn er gezwungen war, etwas aufzuschieben, was mit seinem Studium zu tun hatte, bekam er immer gute Laune. Fühlte er sich richtig lebendig. Er liebte diese unbekümmerte Seite seines Wesens. Die Fähigkeit, glücklich zu sein. Die Fähigkeit, im Leben mehr als das Notwendige zu sehen. Das war wie ein Strom, der ihn erhob.

Wenn ich eines Tages Zen-Lehrer werde, dachte er, dann setze ich die Leute in ein Auto und lasse sie brüllen, bis sie zum Leben erwachen.

Bis dahin müsste er sich damit begnügen, den netten jungen Mann zu spielen. Einer alten Frau die Einkaufstasche tragen, einen Anhalter mitnehmen, irgendeinem Mädchen auf der Straße eine Blume überreichen.

Er brüllte gleich noch einmal.

 

Jeder Mensch hatte seine Schwächen und reagierte auf seine Art und Weise. Die Schwächen des Studenten hatte Guy irgendwann bei seinen Nachforschungen entdeckt. Keine von ihnen bereitete ihm Kopfzerbrechen, nur die Unfähigkeit, sich in den Straßen der Stadt zurechtzufinden.

Deswegen hatte er für den Abend davor einen militärischen Dokumentarfilm organisiert. Änderungen des Fernsehprogramms nahm er besonders gern vor. Es gefiel ihm, die Gedanken von Leuten auf diese Art zu beeinflussen, denn es war verhältnismäßig einfach und hatte etwas von einem Glücksspiel. An größere Glücksspiele wagte er sich schon nicht mehr heran.

Nach dem Film von gestern Abend bestanden gute Aussichten, dass der Student, wenn er in Echtzeit nicht wüsste, wie er fahren sollte, sich an etwas wie »links, rechts, links« erinnerte. Alle anderen Straßen wären ohnehin verstopft.

 

Sie hatte schon zu viel Zeit verloren. Jetzt brauchte sie dringend ein Auto, das anhielt und sie mitnahm. Oder den Bus. Je nachdem, was zuerst kam. Während sie sich die Chancen ausrechnete, noch in dieser Woche einen neuen Job zu finden, hob sie träge den Arm. Sie kam zum Ergebnis, eine solche Chance wäre eher unwahrscheinlich. Ausgerechnet jetzt hielt ein kleines blaues Auto neben ihr und die Scheibe wurde heruntergelassen.

Rasch und wie abwesend klärte sie mit dem Mann am Steuer das Fahrziel und stieg ein. Erst als sie die Tür zugemacht hatte, erkannte sie den coolen Studenten aus dem Café. Er lächelte sie von der Seite an, legte den Gang ein und fuhr los. Selbst wenn die Erde gewollt hätte, hätte sie Shirley jetzt nicht mehr verschlucken können.

 

Hübsch war sie und schweigsam dazu. Aus seiner Sicht eine interessante Mischung. Anscheinend musst du immer, wenn du neben einem weiblichen Wesen sitzt, gleich von einer Beziehung fantasieren, rügte er sich im Stillen. Und jetzt lächeln, mein Freund.

Da er aber sowieso vorhatte, mit einem Bier an den Strand zu gehen …

 

Er gibt sich Mühe, stellte sie erfreut fest. Im Stillen zählte sie die Sekunden. Es dauerte eine ganze Minute, bis er anfing zu reden.

»Ich hoffe, er hat dich nicht angeschrien«, meinte er mit einem kleinen Lächeln.

»Nein, er gehört nicht zu der Sorte, die schreit. Wenn er sauer ist, spricht er besonders klar.«

»Klar?«

»Ja. Er wirft dir Wort – um – Wort wie ein Kieselsteinchen an – den – Kopf.«

»Wie klar war er diesmal?«

»Er hat mich gefeuert.« Sie zuckte die Achseln.

Ein kurzer, besorgter Blick von der Seite. »Ehrlich?«

»Ehrlich!«

Nie war ein »Ehrlich« schneidender ausgesprochen worden. Mehr wirst du aus mir nicht herauslocken, mein Lieber, hoffentlich kapierst du das.

Sie hatte ihre eigene Art, Small Talk zu torpedieren. Mit Vorliebe unterbrach sie das übliche Frage- und Antwortspiel, indem sie irgendein unpassendes Wort dazwischenwarf oder einen Satz äußerte, der jeden verstummen ließ. Dann fühlte ihr Gegenüber sich unwohl, rutschte nervös herum und dachte sich: Die hat anscheinend wirklich keinen Bock auf eine Unterhaltung.

Ich will mit dir nicht über meinen Job reden. Ich will überhaupt nicht mit dir reden. Achte du lieber auf den Verkehr.

Ich sitze rein zufällig neben dir.

Fahr weiter und halt den Mund.

»Tut mir leid, äh, das zu hören.«

»Mir tut es um deine Papiere leid. Ich hab gesehen, wie sie in der Kakaoflut versanken.«

»Nicht der Rede wert. Einiges kann ich noch fotokopieren.« Jetzt war er mit dem Achselzucken dran.

»Okay.«

»Wirklich nicht der Rede wert.«

»Ich hab’s geschnallt. Okay, dann tut es mir eben nicht leid.« Sie lächelte vor sich hin.

»Äh … ja.«

»Ich bin Dan.«

»Shirley.«

»So heißt eine meiner Tanten.«

Was geht mich das an? »Ehrlich? Na, so was!«

»Ja, nicht wahr?«

 

Guy zählte seine Atemzüge. Das sollte effektiver sein als das Sekundenzählen. Problematisch wurde es nur, wenn der Atem unregelmäßig ging, so wie jetzt bei ihm.

Er zog sein Handy aus der Tasche und wartete noch ein wenig.

Und noch ein wenig.

Man könnte das Gespräch, das er für diesen Zeitpunkt eingeplant hatte, als »Rückversicherung« bezeichnen. Er gab die Nummer ein.

 

»Ich halte an der Ecke davor, okay? Wenn ich hier abbiege, lande ich in einer Einbahnstraße, äh, glaube ich.«

»Prima, kein Problem.« Sie erlaubte sich ein Lächeln.

»Nicht weit vom Strand, deine Wohnung, oder?«

»Ja, ziemlich nah.« Ein Schritt voran.

»Gehst du oft hin?« Er versuchte es weiter.

»Manchmal. Nicht besonders oft.« Zwei Schritte zurück.

»Ich bin gern am Meer. Es lüftet den Kopf aus.«

»Meinen nicht. Bei dem Wellenrauschen kann ich mich nicht konzentrieren.«

»Um seinen Kopf auszulüften, muss man sich doch nicht konzentrieren.«

»Wie du meinst.«

Sie lächelte. Das war ein gutes Lächeln. Sollte heißen, es war gut, dass sie überhaupt lächelte.

»Vielleicht gehe ich heute Abend mal wieder hinunter. Hast du nicht Lust mitzukommen?«

»Jetzt hör mal zu …«

»Nichts Besonderes, wirklich. Ich bring das Bier mit und du könntest was zum Knabbern mitnehmen, wenn du magst. Einfach nur am Strand sitzen und reden. Im Ernst.«

»Ich glaube, eher nicht.«

»Normalerweise würde ich natürlich warten, bis sich zwischen uns ein echtes Gespräch entwickelt hat. Würde dich mit allen möglichen Einsichten erstaunen. Ich gehöre nicht zu denen, die es eilig haben. Es ist nur, weil wir jetzt gleich da sind …«

»Das ist zurzeit nicht mein Ding.«

»Was meinst du damit?«

»Na, die ganze Beziehungskiste.«

»Überhaupt nicht?«

»Überhaupt nicht!«

»Eine Art Enthaltsamkeit?«

»Eher eine Art Streik.«

»Warum denn?«

»Das ist kompliziert.«

»Und wie lange streikst du schon?«

»Ich glaube nicht, dass wir … was ist das für ein Geräusch?«

»Das scheint aus deiner Tasche zu kommen.«

»Ach, das ist mein Handy. Mist.« Sie kramte und kramte und kramte. »Hallo?«

»Schalom.«

»Ja?«

»Spreche ich mit Dana?«

»Nein.« Shirley spürte, dass eine ihrer Augenbrauen sich ärgerlich hob.

»Hallo.«

»Nein, ich bin nicht Dana.«

»Dana?«

»Hier gibt es keine Dana. Das ist ein Irrtum. Hallo?«

»Hallo?«

»Das ist ein Irrtum, ein Irrtum!«, schrie sie, drückte das Gespräch weg und warf ihr Handy zurück in die Tasche, die zu ihren Füßen auf dem Boden stand. »Uff, so ein verrückter Tag aber auch!«

 

Guy steckte sein Handy wieder in die Hosentasche. Das war geschafft. Jetzt konnte er nach Hause gehen und die Daumen drücken. Und die Wand neu streichen.

 

»Ich glaub, wir sind da.«

»Prima. Danke.«

»Dann sieht man dich also nicht mehr im Café?«

»Nein, ich bin doch entlassen worden.«

»Besteht gar keine Aussicht, dass du deinen Streik irgendwann mal einstellst?«

»Keine.«

»Ich bin geistig gesund. Das haben die Sachverständigen mir versichert.«

»Ich glaube es dir.«

Ein in die Länge gezogenes Lächeln, angehobene Augenbrauen.

»Ich könnte der Eine unter Tausend sein. Willst du mir nicht wenigstens deine Handynummer dalassen?«

Er hätte es längst aufgeben sollen.

»Nein. Danke.«

Jetzt reicht es wirklich. Nichts wie weg.

 

An der Südwand seiner Wohnung prangte ein riesiger Ablaufplan der gerade vollendeten Mission mit Farben, Kreisen und unzähligen Querverbindungen. In einem Kreis stand »Shirley«, im anderen »Dan«, und von beiden gingen viele Linien aus. An den Seiten befanden sich lange Listen von Charaktereigenschaften, Wünschen, Absichten und Zielen. Sehr viele Kreise waren mit blauen Linien (auszuführende Aktivitäten), roten Linien (Risiken), gestrichelten Linien (unter Umständen eintretende Ereignisse) und schwarzen Linien (in Betracht zu ziehende Verbindungen) untereinander verbunden. In jedem Kreis stand, in behutsamen kleinen Buchstaben geschrieben, ein Name oder eine Bezeichnung – »Bruno«, »Julie«, »Wasserrohr« und »Linie 65« – und noch Dutzende von anderen, auf den ersten Blick sachfremden Elementen wie zum Beispiel »Grundausbildung und Traum, ein Dokumentarfilm« oder »David, Techniker beim Kabelfernsehen« oder »Monique, Davids Frau«. Ein Bereich in der linken unteren Ecke war für Berechnungen in winzigen Buchstaben und verschiedenen Farben reserviert: Die Kaffeemenge, die das Umkippen der Tasse besonders wirksam machte. Wie viel Parfüm sollte in Julies Flasche verbleiben. Wie viel Kubikmeter Wasser flossen stündlich durch das Rohr, wünschenswerte Tiefe der Pfützen auf der Busspur. Lieder, zu denen junge Mädchen gerne summten.

Auch eine Liste von Klimatechnikern gab es, von Gesprächsthemen, die mit Pelikanen zu tun hatten, die Codenummern von mindestens neun Banken, Zutaten für irische Biere, Programme von Fernsehstationen aus drei Ländern, der Zuruf »Viel Erfolg« in mehreren Sprachen, die Zeitzonen der Erde, mögliche Assoziationen zu Peru und Ziegenmilch und noch tausend weitere Einzelheiten in winzigen Buchstaben und verschiedenen Farben. Ein Gewirr hin und her gezogener Linien zeigte alle nur denkbaren Varianten und Nebenvarianten an, Verbindungen und Gedanken und Kombinationen, die schließlich alle zu einem Punkt hinführten.

Auf sein Notizbuch verließ er sich bei derartigen Unternehmungen schon lange nicht mehr.

 

»Hi.«

»Hi.«

»Dan, nicht wahr?«

»Ja.«

»Ich fürchte, ich hab mein Handy in deinem Auto liegen gelassen.«

»Genau, ich hab’s auf dem Boden gefunden.«

»Anstatt in meine Tasche muss ich es daneben geworfen haben.«

»Sieht ganz so aus. Nun hast du mir doch noch deine Telefonnummer hinterlassen!«

»Sieht ganz so aus.«

Ein halbes Schweigen, ein Viertel Stille, ein Zehntel gespannte Erwartung.

»Äh … könntest du es vielleicht vorbeibringen?«

»Ja, klar.«

»Schön!«

»Ich hab eine bessere Idee.«

»Ja?«

»Ich bin jetzt am Strand. Komm doch her und hole es dir.«

»Äh … okay.«

»Schön!«

»Ich brauche eine Viertelstunde.«

»Ich hab’s nicht eilig.«

»Also bis gleich.«

»Und … Shirley?«

»Ja.«

»Bier hab ich dabei. Magst du vielleicht was zum Naschen mitbringen?«

Der genau berechnete Winkel eines ärgerlichen Handywurfs, lange dünne Risse im Staudamm der Einsamkeit, das Echo eines herzhaften Brüllens, das in einem Auto noch minutenlang nachhallte – all das führte am Ende zu einem einzigen Punkt.

»Mach ich!«

 

Ein Abend. Das Meer. Zwei junge Menschen, die sich unterhalten. Nichts Besonderes. Dann und wann ein vorsichtiges Lächeln, von der Dunkelheit diskret beschützt.

Zeitungen wurden auf dem Boden ausgebreitet, die Wand, die einen winzigen Ausschnitt der Welt aus allen Winkeln kannte, erhielt eine zusätzliche Farbschicht.

Auf einer elektronischen Anzeigetafel in irgendeinem nicht existenten Flughafen erschien unter der Überschrift »Gelandete Lieben« eine neue, leuchtende Zeile. In der Spalte »Erklärung« hieß es »Zufallsstiftung zweiten Grades«.

Wieder war ein Tag vergangen.

Yoav Blum

Über Yoav Blum

Biografie

Yoav Blum, geboren 1978, ist Autor und Softwareentwickler. Sein Debütroman »Als der Zufall sich verliebte« wurde in seiner Heimat Israel zu einem Mega-Bestseller und hat sich seither in 15 weitere Länder verkauft. Wenn er nicht gerade Buchstaben oder Programmcodes tippt, denkt er darüber nach, was...

Pressestimmen

lenasbuecherlounge.blogspot.com

»›Als der Zufall sich verliebte‹ ist eine fantastische Liebesgeschichte der etwas anderen Art, bei der mir vor allem die originelle Idee um die Geheimorganisation der Zufallsstifter gefallen hat. (…) Das Buch über das Suchen und Finden von Liebe und Glück regt zum Nachdenken an und regt einen optimistischen Blick in die Zukunft an, in dem Glauben, dass am Ende alles gut wird.«

buchsichten.de

»Der Autor hat seine kreative Grundidee gelungen umgesetzt und lässt nach und nach alle Puzzlestücke an ihren Platz fallen. Ich spreche eine klare Leseempfehlung aus!«

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