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Als der Sommer eine Farbe verlorAls der Sommer eine Farbe verlor

Als der Sommer eine Farbe verlor

Roman

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Als der Sommer eine Farbe verlor — Inhalt

Ein sorgloser Tag im Sommer ‘76 endet für Bénédicte und ihre Familie in einer Katastrophe. Kurz darauf zieht sie mit ihrem Vater Emil und dem jüngeren Bruder in die westfälische Provinz, wo Emil die Leitung einer Klinik übernimmt. Fragen nach ihrer Mutter Aimée, einer bekannten Malerin, begegnet er ausweichend. Sie erhole sich in einem Sanatorium, schreibt sie ihren Kindern – für ungewisse Zeit … »Ein Entwicklungsroman der Extraklasse« (Wienerin) über Liebe und Verantwortung, Verlust und Annäherung und darüber, was es heißt, erwachsen zu werden, ohne den Zauber der Kindheit zu verlieren.

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 13.04.2015
496 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-1020-1
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.03.2014
496 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7699-1
»Dieser außergewöhnliche Roman ist von einer schwebenden Leichtigkeit, die man dem ernsten Thema kaum zutraut. Das Gleichgewicht von Ernst und Heiterkeit, Kinderspiel und Kindertragik, Verletzlichkeit und Tapferkeit, [...] 'malen' eine sehr lesens- und sehenswerte Geschichte.«
leselebenszeichen.wordpress.com
»Der Debütroman von Maria Regina Heinitz ist ein außergewöhnliches Buch, mit einem sehr speziellen Thema. Es berührt, aber regt auch zum Nachdenken an, denn: 'Jeder Tag, jede Minute deines Lebens ist ein Stück Glück, welches innerhalb von Sekunden brüchig werden kann'«
lesegenuss.blogspot.com
»Genialer Titel, bewegendes Romandebüt. [...] so belebend wie ein Tag am Meer, öffnet den Blick und lüftet die Gedanken.«
GRAZIA
»Ein wundervolles Buch. Ein fantastisches Cover. Eine zauberhafte Stimmung, erzeugt durch einen berührenden Schreibstil und authentische Charaktere.«
shadowsbuecher.blogspot.de
»Das Debüt von Maria Regina Heinitz ist ausdrucksstarke, gefühlsintensive Kost [...]. Eingebunden in eine wunderbare, wortreiche Sprache erhalten die Akteure den ihnen angemessenen Rahmen und fesseln den Leser bis zur letzten Seite.«
buchtips.net
»'Als der Sommer eine Farbe verlor' ist eine einfühlsame, berührende und mitreißende Familiengeschichte.«
linejasmin.blogspot.de

Leseprobe zu »Als der Sommer eine Farbe verlor«


PROLOG
Sommer 1976
Es war einer dieser besonderen Sommertage. Einer, an dem man fast durchdreht vor Glück. Wir meinten, es gehörte uns. Wir hielten es fest, wie einen Schmetterling in der hohlen Hand. Ich höre immer noch Marcels Lachen zwischen den Beerensträuchern, Schwärme von Mücken tanzen vor dem wolkenlosen Himmel, das fröhliche Geschwatze der Vögel dringt von den Bäumen he­run­ter, und ich rieche den Duft von blühendem Jasmin. Wir waren glücklich. Wenn jemand gekommen wäre und gesagt hätte: »Heute Abend ist alles vorbei«, ich hätte gelacht, wie man [...]

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PROLOG
Sommer 1976
Es war einer dieser besonderen Sommertage. Einer, an dem man fast durchdreht vor Glück. Wir meinten, es gehörte uns. Wir hielten es fest, wie einen Schmetterling in der hohlen Hand. Ich höre immer noch Marcels Lachen zwischen den Beerensträuchern, Schwärme von Mücken tanzen vor dem wolkenlosen Himmel, das fröhliche Geschwatze der Vögel dringt von den Bäumen he­run­ter, und ich rieche den Duft von blühendem Jasmin. Wir waren glücklich. Wenn jemand gekommen wäre und gesagt hätte: »Heute Abend ist alles vorbei«, ich hätte gelacht, wie man eben lacht, wenn man an das Glück glaubt.
Aber es kam so.
Wenn ich heute da­rüber nachdenke, hatte Farfadetnoir schon Tage vorher seinen Schatten über unseren Sommer geworfen. Es war nur, weil Mamique gekommen war, dass wir seine Ankunft vergessen hatten. Die Sorglosigkeit hatte uns übermannt. Noch einmal, kurz.
Ich hatte mich hoch oben in einer Tanne am Wäldchen versteckt. Durch die Zweige konnte ich über die Wiese bis zum Haus hi­naufsehen. Mamique suchte gerade nach Marcel. Er saß unter dem Magnolienbusch, den Aimée zu seiner Geburt mitten auf den Rasen unterhalb der Terrasse hatte pflanzen lassen. Hasenklein zu­sam­men­ge­kauert saß er dort.
Aimée liebte Magnolien. Sie sagte, die Blüten im Frühjahr seien die Geburtsstätte von Elfen. Aus ihrem Tau tauchten sie auf, in einer Vollmondnacht, ganz winzig klein. Mit bloßem Auge hielt man sie für Blütenstaub. Sie erzählte ständig solche Geschichten.
Der Busch hatte in einer der letzten Nächte auf einen Schlag den Großteil seiner Blätter verloren, und Aimée hatte gesagt, vielleicht sei das ein Zeichen, ohne uns zu erklären, wofür. Es hatte nur etwas Düsteres im Raum gehangen, nachdem sie es gesagt hatte, und ein bisschen war es so gewesen, dass dieses Düstere sie danach verfolgte. Als hätte sie es nicht sagen sollen, das mit dem Zeichen.
Marcel war ziemlich schlecht versteckt unter den dürren Magnolienästen. Er saß in der Hocke an den niederen Stamm gelehnt, beide Hände auf die Augen gepresst, und hielt sich für unsichtbar.
Mamique rief nach uns. Ihre tiefe raue Stimme klang über der Wiese und machte mich glücklich.
»Marcellino, wo bist du? Hast du deine alte Großmutter verlassen?« Sie schlich um die Magnolie und tat, als würde sie herzzerreißend weinen.
Mein Bruder biss sich auf die Unterlippe. Die Vorstellung gefiel ihm. Dann, ganz langsam, löste er sich aus seiner Häschenhaltung und sprang ihr mit lautem Geschrei in die Arme.
»Hier bin ich, hier«, schrie er und drängte sich mit aller Kraft an sie.
Zur gleichen Zeit schloss Aimée oben im zweiten Stock den letzten noch offen stehenden Fensterladen. Die Sonne schien ihr ins blasse Gesicht. Sie winkte kurz mit einer müden Handbewegung zu mir he­run­ter.
An einem anderen Tag hätte mich ihre Geste geschmerzt, an einem anderen Tag hätte ich versucht, ihr ein Lächeln abzuringen. Aber heute war ein besonderer Tag, heute war Mamqiue da und suchte nach uns, und so schnell, wie meine Mutter am Fenster ihres Ateliers aufgetaucht war, hatte ich sie auch schon wieder vergessen.
Ich sah Mamique und Marcel miteinander flüstern. Er war von ihrem Arm gesprungen und zog sie in meine Richtung. Er hatte gesehen, wie ich auf den Baum geklettert war. Kleiner Mistkerl! Wenn er jetzt mein Versteck verriet … Zielstrebig steuerte er auf mich zu. Etwa drei Meter vom Stamm meiner Tanne entfernt fasste er unter einen Busch und zog den roten Ball mit den schwarzen Punkten hervor. Ein halb luftleeres, nicht mehr ganz rundes Gebilde, das er sonst unermüdlich durch die Gegend kickte. Ich atmete auf.
»Regardes«, sagte er und hielt unserer Großmutter das schlappe Ding hin, »mon ballon!«
»Wir müssen Bénédicte finden«, sagte Mamique und hob meinen widerstrebenden Bruder mitsamt dem Ball auf den Arm.
Sie ging unter meiner Tanne vorbei, in das Wäldchen hin­ein, den kurzen Abhang hi­nun­ter, dorthin, wo ein Zaun unser Grundstück vom angrenzenden Wald trennte.
»Bicky!«, hörte ich Marcel albern kichern und dann in besorgtem Ton zu Mamique sagen: »Aber wenn wir sie gefunden haben, spielen wir au ballon?«
»Oui, Marcellino, oui, c’est promis!«, beruhigte sie ihn. »Auf jeden Fall, versprochen!«
Doch nicht Mistkerl, dachte ich und lauschte, während ich sie aus den Augen verlor, ihrem leiser werdenden Gespräch.
Hin und wieder knackte ein Zweig, doch der Wald dämpfte ihre Schritte, und die dicht stehenden Bäume machten aus ihrem Gespräch bald ein dumpfes Gemurmel.
Sie würden mich nicht finden. Ich beschloss, ihnen hinterherzuschleichen und sie zu erschrecken. So schnell es die spitzen, verharzten Äste erlaubten, glitt ich am Stamm hi­nun­ter. Ich landete auf dem federnden Waldboden und rieb die Handflächen kräftig aufeinander, um sie von Dreck und Rindenstückchen zu befreien. Für einen Moment steckte ich die Nase zwischen meine Hände, schloss die Augen und sog den würzigen Geruch der Tanne tief in meine Lunge ein.
Da knackte ein Ast hinter mir. Ich drehte mich um. Schallendes Gelächter. Marcel und Mamique!
Ich wartete nicht, ich rannte. Ich nahm meine ganze Kraft zusammen und rannte, rannte und rannte, und meine Großmutter rannte hinter mir her, ich hörte, wie sie außer Atem rief, ich solle langsamer machen, sie sei schließlich eine alte Frau, und ihr hinterher, auf weitaus kürzeren Beinen, rannte Marcel, der verzweifelt schrie: »Wartet, wartet doch!«
Wir warteten nicht, wir rannten um die Wette. Mamique und ich. Kurz vor dem Ziel strauchelte ich und fiel ins Gras. Sie stolperte über mich und sank an meine Seite. Sie lachte aus vollem Halse und vergrub ihr Gesicht in meinen Haaren. Ich spürte ihre Nase an meinem Hinterkopf.
»Du kleines, ausgebufftes Mädchen, deine alte Großmutter kurz vor dem Ziel zu Fall bringen …«
»Selber ausgebufft.« Ich rollte mich an ihren Bauch und schloss die Augen. Warm schien uns die Sonne ins Gesicht. Sie zog Marcel zu uns herab, schlang mit einem Seufzer ihre langen, muskulösen Arme um uns, und ich sagte: »Es ist so schön, dass du da bist!« Sie drückte uns noch ein bisschen fester an sich und raunte mit geschlossenen Augen: »Mmmmmh.«
»So. Pause.« Mamique schob uns von sich, zupfte einzelne Grashalme von ihrer Hose. Wir schauten ihr hinterher, wie sie die Stufen zur Terrasse hi­naufging, sich auf die verwitterte Bank vor dem Wintergartenfenster setzte, mit den Händen über ihre Oberschenkel rieb und sich zurücklehnte, um einen Zigarillo anzuzünden.
»Lass uns hochgehen, Mamiques neue Farben ausprobieren«, sagte ich zu Marcel.
»Ich darf damit malen?«, stieß er fast ungläubig, hinter mir die Stufen emporstapfend, hervor. Er wusste, dass mir Mamiques eigens für mich angemischte Farben heilig waren.
»Klar!« Ich zog ihn in mein Zimmer, gab ihm einen Pinsel in die Hand und schob eine Leinwand auf die kleine Staffelei.
»Ich mache das ›La vie en rose-Lied‹ an, okay?« Es war gerade mein Lieblingslied, passend zu meiner Lieblingsfarbe, ich hatte es bestimmt schon tausend Mal gehört, obwohl es eigentlich nichts mit mir zu tun hatte. Ich fand es auf irgendeine Art aufregend. Es handelte von einer Frau, die verliebt ist und deshalb alles in Rosa sieht.
Marcel fixierte die Leinwand und nickte halb abwesend. Auf seinem Pinsel leuchtete eine Version von Mamiques Rosétönen. Er machte eine wichtige Miene: »Was soll ich für dich malen?«
Ich legte die Platte der Piaf auf Aimées alten Plattenspieler und drehte den Regler auf 10.
10 war ziemlich laut. Die Nadel kratzte.
»Einen Rosenblätterregen«, sagte ich und setzte mich in das geöffnete Fenster, schlug die Beine übereinander, lehnte den Kopf an den Rahmen und war mindestens siebzehn. Ich fragte mich, ob Marcel das sehen konnte. Die Instrumente plärrten schrill, ich sang mit, so laut ich konnte. Von unten wehte Mamiques Zigarillorauch he­rauf. Ich tat, als hielte ich selbst einen Zigarillo zwischen den Fingern, ich sog die warme Sommerluft ein, den Geruch von verdorrtem Gras, süßem Blütenduft und trockenem Staub, und formte zum Ausatmen die Lippen, wie Mamique es tat, wenn sie nach einem tiefen Zug den Rauch ausstieß, die Augen leicht geschlossen.

Un grand bonheur qui prend sa place,
des ennuis, des chagrins s’ effaçent,
heureux, heureux à en mourir.

Heureux à en mourir … sterbensglücklich, dachte ich. Das war verdammt groß. Für einen Moment ahnte ich, wie groß.

»Bic!!! Maman …«, brüllte Marcel mir durch die laute Musik zu. Ich hing noch in Gedanken. Er zeigte nach oben. Ich drehte die Piaf leise und horchte. Ein Klopfen über uns. Verunsichert sahen wir uns an.
»Wir sind zu laut …«, sagten wir fast gleichzeitig und verdrehten die Augen, dass wir da­rüber lachen mussten.
»Hat sie immer noch …?« Marcel fasste sich an die Stirn, er meinte: den Kopfschmerz, den Farfadetnoir mitgebracht hatte.
»Ja, denke schon …« Ich schaltete den Plattenspieler aus. Manchmal, zwischendrin, vergaßen wir es einfach. Aimées Atelier befand sich direkt über uns. Unvermittelt war es sehr still geworden, nur Marcels Pinselborsten schabten hin und wieder über die Leinwand.
Ich sah sie vor mir, Aimées Augen in dunklen Höhlen, wie liegen gelassene Malkohle, leblos schwarz. Wir waren ihr in den letzten Tagen aus dem Weg gegangen. Nur noch auf Zehenspitzen waren wir durchs Haus geschlichen. Wenn es möglich gewesen wäre, hätten wir sogar das Vogelgezwitscher draußen leiser gedreht.
Aber heute Morgen war endlich Mamique angekommen und hatte für uns den Sommer zurückgeholt.
Wieder dieses Klopfen.
»Meinst du, wir sind immer noch zu laut?« Marcel stellte den Pinsel in ein Glas mit Leinöl und sah mich verunsichert an.
»Wahrscheinlich stört es sie schon, wenn wir hier pupsen. Komm, lass uns runtergehen.«
Er kicherte.
Ich nahm ihn an die Hand, und wir gingen nach unten. Ich musste da­ran denken, wie Aimée manchmal, wenn es irgendwo gerade am allerschönsten war, plötzlich mit düsterer Stimme sagte: »So. Jetzt gehen wir. Schluss, aus!« Sie schaute dann für ein paar Sekunden mit strengem Blick in unsere erst verunsicherten und dann entrüsteten Gesichter, bevor schallendes Gelächter in ihr emporstieg. Jedes Mal wieder fielen wir da­rauf rein und stürzten uns entrüstet auf sie, bis sie rief: »Arrêtez, arrêtez! Hört auf! Ich habe nur Spaß gemacht!«
Wenn sie das mal mit ihrer Migräne machen würde, dachte ich. Wenn sie in so einer Geisterstimmung aus ihrem Atelier käme, in die Hände klatschen und durch das Treppenhaus rufen würde: »Es gibt keine Migräne, les enfants! Farfadetnoir … mais non! C’était juste une plaisanterie!«
Genau genommen gab es zwei Aimées: die laute, helle, strahlend schöne und die stumme, geplagte, verletzliche, blasse, in der Farfadetnoir hauste.
Manchmal geschah es, dass sie traurig wurde. Ganz plötzlich überkam es sie, als habe Farfadetnoir sie gestreift. Ihr Lächeln verwehte dann, und zurück blieben nur diese kleinen, runden Fältchen an den Mundwinkeln. In diesen Momenten war mir, als rückte sie ein kleines Stück von uns ab, als seien wir zu warm oder sie zu kalt und eine Zumutung. Sie zu berühren, die Hand nach ihr auszustrecken war unmöglich, irgendetwas hielt mich davon ab, etwas, das sich anfühlte, als ob es sie wegzöge von uns, etwas, das kühl und fremd war, vor dem ich Angst hatte, es könne seine Finger auch nach mir ausstrecken.
Der köstliche Duft frisch gebackener Pfannkuchen hing im Treppenhaus, als wir nach unten gingen. Späte Sonnenstrahlen schienen durch das Küchenfenster und malten, zusammen mit den windbewegten Blättern des Nussbaums, ihre flackernden Schatten auf Mamiques Gesicht. Sie stand am Herd und verteilte Blaubeeren über den Teig in der Pfanne.
»Genug gemalt?« Sie betrachtete Marcels rosa bekleckerte Unterarme.
Wir nickten.
»Tolle Farbe!« Marcel zeigte auf ein bestimmtes Rosa an seinem Unterarm und kicherte. Mamique lachte.
Die Pfannkuchen waren die besten überhaupt, wie immer, wenn unsere Großmutter sie machte.
Mit rund gegessenen Bäuchen saßen wir nebeneinander auf der Terrassenbank: Marcel, Mamique und ich. Wir streckten uns gegenseitig die blauen Zungen he­raus, und ich meinte, so einen Blaubeerton müsse Mamique demnächst einmal mischen, und sie war der gleichen Meinung, und Marcel sagte einfach nur: »Mmh, stimmt genau«, und kicherte wieder albern.
»Bring die hier bitte Aimée nach oben«, sagte sie ein bisschen später und hielt mir einen großen Teller mit dampfenden Pfannkuchen entgegen.

Die Tür zum Atelier stand offen. Lichtstreifen drängten durch die Lamellen der geschlossenen Fensterläden und fielen in hellen Linien über den warmen Dielenboden. Aimées Chaiselongue war leer. Wie eine Gebirgskette lag ihre weiße Wolldecke auf dem dunklen Samt. Ich konnte sehen, dass ihr Körper vorher da­rin eingewickelt gewesen war. Ich ging einige Schritte in den Raum, um einen Blick auf die Staffelei zu werfen. Das Bild war fertig. Sie hatte ihr Zeichen da­run­tergesetzt. A. B. Aimée Beaufort – oder Baron. Ungewöhnlich lange hatte sie dieses Mal da­ran gemalt, mehr als sechs Monate.
»Ich muss an meiner Familie arbeiten …«, hatte sie noch letzte Woche gesagt, als Papa vorgeschlagen hatte, einen gemeinsamen Ausflug ins Moor zu machen. »… die Mutter ist noch nicht perfekt, das Herz …«, hatte Aimée gesagt, und wir waren dageblieben, damit sie die Mutter und das Herz perfektionieren konnte.
Ich starrte das Bild an. Zehn Augen starrten zurück, dass einem ganz anders wurde: Vater, Mutter, Großmutter, zwei Kinder. Ihr Blick sagte: »Verschwinde! Das geht dich nichts an hier!«
Sie sahen sich sehr ähnlich mit ihrem langen, leicht gewellten rötlichen Haar, das ihnen über die Schultern fiel. Jeder trug ein über der Brust geschnürtes Hemd. Sie saßen nebeneinander, wie auf einer Bühne, an einer langen, schlichten Tafel aus grobem Holz. Jemand, der ihnen gegenüberstand, hatte gerade ihr Gespräch unterbrochen und sie durch seine bloße Anwesenheit gezwungen, aufzusehen. Ich. Ganz außen saßen auf der einen Seite der Vater, auf der anderen die Großmutter, wie ein Rahmen, der Sohn neben dem Vater, die Tochter neben der Großmutter. Die Mutter in der Mitte. Auf ihrem Teller ein mehliger Brotlaib und ein Messer mit gezackter Klinge. An ihrer Spitze klebte Blut. Die Teller der anderen waren leer. Das Hemd der Mutter war über der Brust aufgerissen, wie in Eile, bei einem Notfall. Die frei liegende Brust war durch einen sauberen Senkrechtschnitt geöffnet. Ich sah ein tiefrotes Herz: ein akkurat gemaltes Medizinbuchherz inmitten des klaffenden Fleischs. Es war perfekt. Mit allem Drum und Dran. Aber mich fesselte nicht das Herz. Ich hing an ihrem Blick, der erfüllt war von einer dunklen Sehnsucht, die mich ängstigte.
Hinter den Personen am Tisch zeichnete sich vage ein Raum ab. Gegenstände waren schwer zu er­ken­nen, ein kleines Fenster öffnete den Blick zu einer Hügellandschaft auf der Rückseite des Hauses. Ich sah Schafe über sanfte Erhebungen laufen, und weiter hinten grasten weiße Kühe, wie es sie in Aimées Heimat, in Burgund gibt. Ich war stark an eines dieser Jesus-beim-Abendmahl-Bilder erinnert. Wir hatten eine Menge davon mit Mamique im Louvre gesehen. Auch die Stimmung war ähnlich – die Ruhe-vor-dem-Sturm-Stimmung, nur die Figuren stimmten nicht. Das Messer. Was bedeutete das Messer … und dieser Blick?
Ich würde sie fragen.
»Maman?«, sagte ich leise, um sie nicht unnötig zu erschrecken. Ich vermutete sie in dem kleinen Badezimmer, das im Schatten eines Mauervorsprungs neben dem Atelier lag.
Leise ging ich hi­nüber, hob die Hand, um an die Tür zu klopfen, als mein nackter Fuß in etwas Warmes, Klebriges trat. Verwundert hielt ich inne. Ich hob den Fuß.
Rot und dunkel floss es langsam unter der Tür hervor und sammelte sich, in drei kleinen, kreisförmigen Nasen.
Niemand hörte meinen Schrei. Er ging im Zerschellen des Tellers unter.

Maria Regina Heinitz

Über Maria Regina Heinitz

Biografie

Maria Regina Heinitz, geboren 1968 in Isny (Allgäu), studierte Deutsche Sprache, Literatur und Französisch, arbeitete als Artbuyerin und Fotoproduzentin und erhielt 2009 den Literaturförderpreis der Kulturbehörde der Hansestadt Hamburg. Sie lebt in Hamburg.

Pressestimmen

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GRAZIA

»Genialer Titel, bewegendes Romandebüt. [...] so belebend wie ein Tag am Meer, öffnet den Blick und lüftet die Gedanken.«

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SonntagsZeitung

»Die deutsche Autorin Maria Regina Heinitz beschreibt einfühlsam, wie eine Katastrophe das Leben verändert und neues Glück hervorbringen kann.«

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