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Allmählich wird es Tag

Allmählich wird es Tag

Roman

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Allmählich wird es Tag — Inhalt

Atwater, Los Angeles, ist eines der besseren Viertel der Stadt. Hier hat Tim, 49, Banker, die meiste Zeit seines Lebens verbracht. Hier hat er sein Haus gebaut und mit seiner Frau Liz die Geburt ihres Sohnes Derek gefeiert. Das ist lange her. Inzwischen ist Tim am Tiefpunkt seines alten Lebens angekommen, denn er hat soeben seinen Job und seine Frau verloren. Mit zwei Koffern ist sie über den Rasen gestolpert und wortlos zu einem anderen ins Auto gestiegen. Nachdem seine Rachegedanken verraucht sind und er mithilfe von Whiskey und der sexuell freizügigen Nachbarin Aida sein Selbstmitleid überwunden hat, beginnt Tim nachzudenken, was geschehen ist – und wie es weitergehen soll.

»Allmählich wird es Tag« ist ein souveräner Gesellschaftsroman und zugleich das sensible Porträt eines Mannes, der gezwungen wird, seinem Leben auf den Grund zu gehen, bevor es endgültig zu spät ist.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.03.2014
304 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96468-5

Leseprobe zu »Allmählich wird es Tag«

Ein leichter Wind wehte. Morgensonne am tiefblauen Himmel.

Jeden Herbst erreichten die Santa-Ana-Winde Los Angeles. Fallwinde, die feinen roten Staub aus der Sierra Nevada und der Mojave-Wüste mit sich brachten. Erst kam der rote Wind, dann der Regen, der Straßen in Sturzbäche verwandelte und die Erde ins Rutschen brachte. Herbst und Winter. Zeit der Aufruhr.

Feiner roter Staub hatte sich über Blätter und Blüten gelegt. Schwächte die Kraft der Farben. Dennoch sah der Garten einladend aus. Orangerot blühte die Akelei, Lupinen wiegten sanft ihre schweren [...]

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Ein leichter Wind wehte. Morgensonne am tiefblauen Himmel.

Jeden Herbst erreichten die Santa-Ana-Winde Los Angeles. Fallwinde, die feinen roten Staub aus der Sierra Nevada und der Mojave-Wüste mit sich brachten. Erst kam der rote Wind, dann der Regen, der Straßen in Sturzbäche verwandelte und die Erde ins Rutschen brachte. Herbst und Winter. Zeit der Aufruhr.

Feiner roter Staub hatte sich über Blätter und Blüten gelegt. Schwächte die Kraft der Farben. Dennoch sah der Garten einladend aus. Orangerot blühte die Akelei, Lupinen wiegten sanft ihre schweren Blüten im Wind. Daneben ein blauer Natternkopfbusch.

Der Rasen im vorderen Teil des Gartens war auf ordentliche vier Zentimeter gekürzt. Das Grün hatte sich auch hier mit Rostrot gemischt, der Rasen hatte eine stumpfe braune Farbe angenommen.

Ascheflocken waren vom Pool herübergeweht und bedeckten vereinzelte Grashalme. Sandsteinplatten führten zum Pool. Dorthin, wo sich der Garten zu einer großen Fläche öffnete, die von dichten, haushohen Büschen umschlossen wurde.

Grau gefärbter Sandstein auch rund um den türkis gekachelten Pool. Dort, wo die Flammen geleckt hatten, war Ruß zu sehen. Filigrane Zitronenbäume in sorgfältiger Reihe. Geschmackvolle türkisfarbene Kübel, flankiert von großen azurblauen Tonbottichen, in denen »Mule’s Ears«, eine kalifornische Art der Sonnenblume, wucherten.

Es roch verbrannt.

Wie ein gefällter Baum lag er da. Über zwei Meter lebloses Fleisch. Neben dem Pool, die Wange auf dem aschegrauen Sandsteinboden. Beine leicht verdreht. Blau gestreifte Pyjamahosen, ein abgewetzter offener Bademantel, dessen loser Gürtel in den Pool hing.

Ein trockenes Blatt hatte sich in seinem Haar verfangen.

Zerbrochenes Glas neben der großen Hand. Zwischen Daumen und Zeigefinger hatte er sich geschnitten, getrocknetes Blut auf dem Sandstein. Gesicht und Haar stumpf von Staub und Asche. Der rechte Hausschuh war in den Pool gefallen. Den trockenen Pool, dessen Boden jetzt mit einem riesigen Berg verkohlter Gegenstände und Ruß bedeckt war. Die Überreste seines vorherigen Lebens. Kein Türkis mehr zu sehen. Der Hausschuh lag unversehrt obenauf, er musste nach dem Feuer hineingefallen sein.

Weinroter Filz mit dunkelgrünen Karos.

 

1

Vier Wochen zuvor

Der steife Hemdkragen schnitt in den Hals. Umständlich versuchte er, den Karton auf dem rechten Knie zu balancieren. Unerbittlich brannte die Sonne auf sein dunkelblaues Baumwolljackett. Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn und Oberlippe gebildet. Feucht lief ihm der Schweiß den Rücken herunter.

Das Türschloss klemmte. Er drückte so fest an dem Schlüssel herum, bis er sich zu verbiegen begann.

Fuck!

Er biss die Kiefer so hart aufeinander, dass ihm das Gesicht wehtat. Schließlich gab das Schloss nach, und er konnte die Tür öffnen. Da rutschte der Karton ab und fiel krachend zu Boden.

Genervt trat er nach dem Locher. Das Metall hinterließ beim Aufprall ein Loch in der weißen Wand.

Kurz schloss er die Augen, atmete heftig aus, lockerte die Krawatte. Ein hastiger Blick. Die Straße war leer. Kein Nachbar, kein Passant zu sehen. Nur flirrende Hitze, grelles Sonnenlicht, das parkende Autos stumpf und staubig erscheinen ließ.

Dann fiel die Haustür hinter ihm ins Schloss. Die Stille entspannte ihn sofort. Er löste die Krawatte vollends und ließ sie achtlos auf den Boden fallen. Irgendwo zwischen die Dinge aus dem Karton. Das Jackett dazu. Er riss so heftig am Kragen, dass die Knöpfe vom Hemd absprangen.

Bevor er es in die Ecke warf, rieb er sich das Gesicht damit ab.

Schummriges Licht. Die Luft stand. Seit Tagen hatte er kein Fenster geöffnet. Aus der Küche das leise Brummen des Kühlschranks.

Die Muskeln in Gesicht und Nacken lösten sich, der Atem entspannte sich. Schwer lehnte er sich an die Wand und ließ sich langsam hinuntergleiten.

Mit halb geschlossenen Augen saß Tim Wilkins da. Die Geräusche des Alltags, den er jahrelang gekannt hatte, wichen jetzt sirrender Einsamkeit. Seit fast dreißig Jahren lebte er in diesem Haus. Sie hatten es nach der Hochzeit gekauft. Der Sohn war hier aufgewachsen. Vor zehn Jahren hatten sie renoviert, irgendwann später den Pool eingebaut. Die Kacheln aus Mexiko importiert.

Unzählige Geburtstage gefeiert. Weihnachten zu dritt, dann zu zweit. Zu Thanksgiving Truthahn gegessen, Unabhängigkeitstag, Freunde, Verwandte waren ein und aus gegangen.

Früher war er jeden Morgen eine Runde geschwommen. California living. Seit zwei Jahren aber war der Pool bis auf das gelegentliche Regenwasser im Winter leer geblieben.

Mühsam streifte er die Schuhe ab. Stand auf. Spürte die schweren Beine.

Der Spiegel im Flur hing schief. Nur unmerklich. Vorsichtig justierte er den Metallrahmen. Betrachtete sich. Bis auf einige dunkle Strähnen hatten sich fast alle seine Haare grau gefärbt. Das Gesicht sauber rasiert, aber blasser als sonst. Dunkle Schatten unter grünblauen Augen. Ein leichter Bauchansatz, der dank seiner zwei Meter zehn kaum auffiel. Neunundvierzig Jahre alt.

Müde wandte er sich ab.

Im Wohnzimmer war es heiß. Er hatte vergessen, die Klimaanlage anzustellen, bevor er gegangen war. Mittags knallte die Sonne auf die Rückseite des Hauses.

Er zog die Vorhänge etwas auf, um mehr Licht hereinzulassen.

Tim Wilkins atmete schwer. Was für ein Tag. Er stellte die Klimaanlage an, und sofort flutete eiskalte Luft ins Beige. Er spürte die unangenehme Nässe unter den Achseln.

Im Licht der Sonne warf er einen langen Schatten ins Wohnzimmer.

Er war es gewohnt, zu Hause zu stehen. Die meisten Möbel waren zu klein für ihn.

Das Haus war geschmackvoll eingerichtet: vornehmlich sandfarben und beige. Neutral. Austarierte Raumsymmetrien. Im Wohnzimmer um den runden Couchtisch, halb Glas, halb Kirschholz, das schmale Sofa gruppiert, an den Enden zierliche Tischchen mit dimmbaren Lämpchen und zwei Sessel, wie das Sofa mit beigem Baumwoll-Seiden-Gemisch bezogen, fleckenfrei. Sideboard mit DVD-Player und Hi-Fi-Anlage, ordentlich aufgereiht diverse Fernbedienungen, an die Wand darüber montierter Flat-Screen-TV. Auf der anderen Seite des Zimmers auf cremefarbenem Teppich ein Esstisch in dänischem Design. Zu zierlich für die sechs Stühle. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er zuletzt an dem Esstisch gesessen hatte. Die Stühle jahrelang unverrückt.

An der langen Wand ein Regal, nicht zu wuchtig, mit Büchern und kleinen Vasen bestückt. Im Vitrinenschrank daneben sechs große Weingläser und sechs Sektflöten.

Dafür hatte er jahrelang gearbeitet.

Sie waren selten in den Urlaub gefahren. Lange Arbeitstage waren immer länger geworden. Derek war in Princeton aufs College gegangen, davon abgesehen, hatte seine Frau Liz sein Geld ausgegeben. Für zierliches Mobiliar. Meist hatte sie lesend dagesessen. Still, mit angezogenen Beinen. Auf der beigen Couch oder im Garten.

Sie hatte davon gesprochen, wieder arbeiten zu wollen. Das kam allerdings nur zur Sprache, wenn sie Gäste hatten und Liz zwei Gläser Wein getrunken hatte. Sie war niemand, der sich beschwerte. In den letzten Jahren hatte sie oft traurig gewirkt. Oder nachdenklich. Still war sie immer gewesen.

Als Derek aufs College ging, hatte sie eine Ausbildung zur Yogalehrerin begonnen. Danach betrieb sie mit einer Freundin zwei Jahre lang eine Boutique in West Hollywood. Das konnte man wohl kaum Arbeit nennen.

Gesehen hatte er den Laden nur ein Mal. Enge Räumlichkeiten versetzten ihn in Stress. Zudem war ihm Liz’ Freundin körperlich unangenehm gewesen. Meredith hatte immer etwas spürbar Vorwurfsvolles und Angriffslustiges ihm gegenüber gehabt. Rotes, lockiges Haar, viel Silberschmuck, wallende, bunte Gewänder und große Brüste, die sie stolz vor sich hertrug. Sie hatte ihren Mann damals für einen Jüngeren verlassen.

Liz dagegen war zurückhaltend und von unaufdringlicher Schönheit. Ernste grüne Augen, dunkles Haar, zum Pferdeschwanz gebunden, wenig Make-up auf heller Haut. Sie trug immer viel Schwarz und Burgunderrot.

Wenn sie lachte, neigte sie den Kopf und bedeckte den Mund mit der Hand, wie ein Schulmädchen.

Schon den ganzen Tag über hatte er sich zusammengerissen, hatte nicht an sie gedacht. An sie und an die gebräunte Hand, die jetzt wahrscheinlich auf ihrem blassen Schenkel ruhte.

Jeder Gedanke an Liz war niedergeschossen worden wie ein ahnungsloses Stück Wild.

Seit einer Woche war sie weg. Seine Frau war seit fast einer Woche weg. Seit fünf Tagen genau. Liz.

Am Sonntag war sie in das große Auto gestiegen. Er selbst hatte am Küchenfenster gestanden. Das Bild einer gebräunten Männerhand, souverän und ruhig auf dem Steuer ruhend, hatte sich in sein Gedächtnis gebrannt.

In der Eile hatte sie den Weg zum Auto über den Rasen abgekürzt. Ein Absatz war im Gras stecken geblieben. Einen riesigen Kleidersack über dem einen Arm, mit der anderen Hand den Koffer ziehend, war sie gestrauchelt, hatte sich gefangen und hastig den Sack aufgehoben.

Die braune Hand hatte sich währenddessen nicht bewegt. Ruhig hatte der Mann am Steuer gewartet. Hatte Liz’ Hast, den Moment, in dem sie, starr nach vorne blickend, an ihrem Ehemann vorbeigeeilt war, unbeteiligt abgewartet. Er hatte nichts mit diesem Drama zu tun. Er hatte sie nur abgeholt.

Gerettet in einen besseren Tag.

Seitdem sie fort war, watete er wie durch Nebel. Immer noch perplex, erschrocken darüber, wortlos verlassen worden zu sein.

Der Gedanke, sie anzurufen, war ihm nicht in den Sinn gekommen. Bis heute war es ihm gelungen, nichts davon an sich heranzulassen.

Nun begann sich der Nebel zu lichten, und er sah klarer auf das, was ihm zugestoßen war.

Es war letzten Sonntag gewesen. Tim hatte mit Derek Golf gespielt.

Irgendwann erhielt Derek einen Anruf. Über zehn Minuten lief er mit vorgehaltener Hand auf und ab. Gestikulierte. Tim hatte den erwachsenen Sohn betrachtet. Gewartet. Gestresst kam Derek zurück.

Er müsse sich um eine dringende Sache kümmern. Downtown. Ein Schauspieler. Eilig hatte er dann sein Equipment gepackt, dem Vater im Gehen auf die Schulter geklopft. »Ich ruf dich an!«

So war Tim Wilkins einige Stunden früher nach Hause gekommen.

Er kam, sie ging. Schweigend hatte er ihrem Abgang zugesehen. Wie ein Idiot hatte er groß und unbewegt auf dem Weg gestanden, der zum Haus führte. Die Golftasche geschultert.

Langsam war er in die Küche gegangen. Hatte vom Fenster aus beobachtet, was geschah. Erst als der Wagen abfuhr, wurde ihm klar, dass er verlassen worden war.

Dann hatte er einen doppelten Scotch getrunken, war ins Büro gefahren und hatte gearbeitet.

Erst später hatte er den handgeschriebenen kurzen Brief gefunden. Jeden Tag war er pünktlich ins Büro gegangen, hatte zwei Stunden länger gearbeitet, abends eine Stunde ferngesehen und Scotch getrunken. Morgens um sechs dann der Wecker.

Vermisst hatte er sie nicht.

Es hatte keinen Impuls gegeben zu kämpfen. Vielleicht war er nicht der Typ dazu. Vielleicht wollte er sie sowieso loswerden. Ihre Ehe hatte kaum noch existiert in den letzten Jahren.

Alles war seinen Gang gegangen, nichts hatte ihm gefehlt.

Bis heute, heute war etwas anders.

Immer noch verschwitzt stand er jetzt da, den Kopf im kalten Luftstrom der Aircondition. Bis heute hatte sich kein Gefühl in ihm geregt. Alles war im Fluss gewesen. Er hatte sich unter Kontrolle gehabt.

Aber jetzt spürte er etwas heraufziehen, kämpfte dagegen an. In jeder Faser fühlte er das unterdrückte Gefühl von Ohnmacht. Einen tumben Schmerz, der ihn lähmte.

Nach der Scheiße im Büro hatte es eingesetzt. Kaum dass die Bürotür hinter ihm ins Schloss gefallen war. Seither hatte er dagegen angeatmet, versucht, sich zu zerstreuen.

Das Gefühl war ihm nicht unbekannt. Er hatte es nur längst vergessen. Das Bedürfnis zu schreien, Dinge zu zerstören, jemanden zu verletzen.

Damals war er ein paarmal beim Therapeuten gewesen, er konnte sich kaum erinnern. Dann hatte er ein Jahr lang Tegretol genommen, und das Problem war gelöst. Die Wut hatte sich zurückgezogen, irgendwohin in entfernte dunkle Ecken seines Kopfes.

Bis heute.

Als das Telefon klingelte, zuckte er heftig zusammen. Er meinte, den schrillen Ton in den Zähnen zu spüren. Wie Eiswürfel. Bewegungslos saß er da. Wartete mit geschlossenen Augen auf den verdammten Anrufbeantworter.

»Oh, Dad? … Hey … Ruf mich an wegen Sonntag! Spielen wir achtzehn Löcher? Ich kann dich auch abholen. Hab einen neuen Wagen!«

Einen neuen Wagen. Derek. Ihr Sohn. Siebenundzwanzig Jahre alt, Agent bei einer großen Schauspieler-Agentur in Beverly Hills. Sie sahen sich ausschließlich sonntags zum Golfen.

Ob Derek es auch im Büro versuchen würde? Tim biss einen Hautfetzen vom Daumen. Unwahrscheinlich. Derek rief nie im Büro an.

Fuck. Wusste Derek, dass Liz weg war? Er war seiner Mutter nah. Näher als Tim, das war klar. Verdammt, ob er gewusst hatte, dass sie ihn verlassen wollte?

Derek hatte sich nichts anmerken lassen. Möglich war alles.

Als Tims Augen zu tränen begannen, zog er das Gesicht aus dem kalten Luftstrom der Klimaanlage. Er spürte Hunger und ging in die Küche. Seit Tagen hatte er nicht eingekauft. Das hatte immer sie gemacht. Cornflakes, Ahornsirup und Gewürze. Ansonsten war der Schrank leer.

Im Hängeschrank ordentlich gestapeltes weißes Porzellan. Teure Gläser in ordentlicher Reihe. Tassen daneben.

Auch Kühlschrank und Kühlfach waren bis auf Eiswürfel und eine Flasche Wodka leer. Ratlos stand er da.

Der Gedanke, ins Auto zu steigen, um in einem der großen Supermärkte einzukaufen, erschöpfte ihn. Es gab einen Cornerstore, einige Straßen weiter. Er war seit Jahren nicht dort gewesen.

Er griff sich die dunkelblaue Baseballkappe mit dem Wappen seines Golfclubs von der Ablage, zog die Schuhe wieder an und trat in Unterhemd und Anzughose vor die Tür.

Gleißendes Sonnenlicht. Stehende Hitze, die den Asphalt in Pfützen zu verwandeln schien.

Er wandte sich nach rechts und hielt an der nächsten Ecke inne. Auf der anderen Straßenseite standen zwei Häuser zum Verkauf. »For Sale«-Schilder steckten im Gras. Zu verkaufen, wie so viele.

Einige der Gärten wirkten verwildert. Man sparte an Gärtnern. Statt Ford Explorern und großen SUVs parkten überall kleinere Autos. Die Rezession war sichtbar.

Eine Frau mit Hund ging vorbei. Sie trug eine riesige Sonnenbrille und einen türkisfarbenen Jogginganzug. Als sie die Hand zum Gruß hob, bemerkte er lange pinke Plastiknägel. Vielleicht eine Nachbarin.

Der Hund hockte mitten auf dem Gehsteig. Die pinken Krallen fischten den Haufen eilig mit einem Plastiktütchen auf. Angeekelt sah er weg. Tiere waren nicht seins. Plastiknägel auch nicht.

Und plötzlich stand er vor Heffners Einfahrt. Ehemaliger Einfahrt.

Wann waren Heffners ausgezogen? Vor drei Jahren? Vier? Er konnte sich nicht erinnern.

Wenn er von der Arbeit kam, fuhr er von der anderen Seite heran, sodass er Heffners Haus, obwohl es kaum einen Block von ihrem entfernt lag, nie zu Gesicht bekam.

Man hatte sich aus den Augen verloren. Wie das eben so ist, wenn die Kinder erwachsen werden. Oder?

Mein Gott, sie waren so gut befreundet gewesen. Ein Wochenende hatten sie mit Ehefrauen in Carmel verbracht. An den Wochenenden Golf. Zigarren auf Heffners Terrasse.

Wohin waren die Heffners gezogen? Es musste mindestens drei Jahre her sein. Er sah Peters sonnengebräuntes Gesicht vor seinem inneren Auge. Lachend. Im rot karierten Flanellhemd. Er würde ihn anrufen. Später. Auch wenn es ewig her war, dass sie gesprochen hatten, er war sich sicher, dass Peter sich freuen würde, von ihm zu hören.

Er rieb sich den Nacken. Die Sonne brannte auf der Haut.

Manchmal waren Peter und er auch zusammen fischen gegangen. Heffners besaßen ein kleines Boot in Marina del Rey.

Irgendwann hatte es einen Streit gegeben. Daran erinnerte er sich noch.

Der Store war kleiner, als er ihn in Erinnerung hatte. Es roch nach Kohl. Hinter der Ladentheke saß ein alter Chinese. Er verfolgte ein Baseballspiel im Radio. Tim sah sich um. Vollgestopfte Regale. Enge. Er musste sich seitlich an den Waren vorbeischieben. Vorsichtig bewegte er sich durch die schmalen Gänge. Chipstüten, Klopapier, in Plastik verpackte Kuchen.

Er griff sich einen der kleinen Metallkörbe. Klebriger Griff.

»Ganz schön heiß, was, Mister?« Der Chinese lächelte.

Tim nahm ein Sixpack Heineken aus dem Kühlregal. Zwei Fertigsuppen, Klopapier, zwei Tüten Chips. Als er zahlte, bemerkte er den kleinen Ventilator hinter der Kasse.

»Stimmt so.«

Er ließ sich kein Wechselgeld herausgeben. Der Mann tat ihm leid. Im Alter sollte jeder Aircondition haben.

Noch im Hinausgehen riss er eine Chipstüte auf. Salz und Paprikapulver brannten auf der Zunge. Der Geschmack von Collegepartys und Kinobesuchen.

Liz hatte immer gesund eingekauft. Auf dem Farmers Market oder im Bioladen.

Er trat auf den Gehsteig. Einige Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben. Es wurde angenehm kühler. Er war nass geschwitzt. Enge strengte ihn an.

An der nächsten Ecke hatte er die Chipstüte zur Hälfte geleert. Im Vorbeigehen bemerkte er die Frau im parkenden Auto. Ihre Schultern zuckten, und sie bedeckte ihr Gesicht mit einer Hand.

Heffners Einfahrt.

Er machte kehrt und ging zurück. Sanft klopfte er an die Scheibe. Die junge Frau sah verheult aus. Eine schwarze Strähne klebte ihr in der Stirn. Mascara war die linke Wange hinuntergelaufen. Grüne Augen, langes schwarzes Haar. Hübsch. Olivfarbenes, üppiges Dekolleté, Goldkette und eine tätowierte Rose.

»Willst du?«

Er hielt ihr die Chipstüte hin. Sie strich sich das Haar aus der Stirn und wischte sich über die Wange.

»Nein, danke.«

Raue Stimme, bockig, Akzent, vielleicht Puerto-Ricanerin. Sie zündete sich eine Zigarette an, blies den Rauch in seine Richtung.

»Ich nehm auch eine.« Er hatte vor zehn Jahren aufgehört. Jetzt hatte er Lust. Er brauchte eine Zigarette.

Die grünen Augen fixierten ihn. Langsam zog die junge Frau an der Zigarette, während sie das Fenster herunterließ.

Der Filter war feucht, als er daran zog. Ihm wurde schwindelig, und er musste heftig husten.

Ein breites Grinsen aus dem Auto. Zahnlücke. Sexy.

»Ich nehm eins davon.« Sie zeigte auf die Heineken.

»Gute Wahl!«

Das Bier war noch kalt. Sie prostete ihm zu.

»Aida.«

Toller Name, dachte er und sagte: »Wie die Oper.«

Sie schloss die Augen, seufzte behaglich. »Wieso macht ein kaltes Bier gleich alles besser?«

»Ja, ganz schön heiß heute …« Er hatte keine Übung mehr in Smalltalk.

»Zu heiß, um im Auto zu sitzen.« Er lächelte sie an.

»Hey, was ist denn hier los?« Der blonde Typ trug Badelatschen. War aus dem Haus gekommen, Peters Haus. Er reckte angriffslustig sein Kinn und verschränkte die Arme.

Kanadischer Akzent. Die rötlichen Oberarme waren tätowiert, dazwischen Sommersprossen. Nackter Oberkörper. Er trat nah an Tim heran, der noch immer zum Auto heruntergebeugt stand. Es roch nach Schweiß, Bier und billigem Aftershave.

Tim blickte Aida an, ihr Gesicht hatte wieder den bockigen Ausdruck angenommen.

Er leerte sein Heineken und richtete sich auf. Überragte den Kanadier um zwei Köpfe.

Eingeschüchtert trat der andere ein paar Schritte zurück. Hob beschwichtigend die Hände.

Aus dem Auto kam ein unterdrücktes Kichern.

Tim nickte dem Mädchen zu. Amüsiert. Die leere Dose gab er dem Blonden in die Hand. »Wärst du so nett …?«

Im Haus hatte die Aircondition ihre Wirkung getan. Tim zog sich bis auf die Boxershorts aus. Die Sachen ließ er im Flur liegen. Aber der Karton musste weg. Aus seinem Blickfeld verschwinden. Unterm Küchenschrank war noch Platz. Hinter den Spaghettitöpfen.

 

2

Als er gegen Mittag erwachte, schmerzte sein Kopf. Er rutschte vom Sofa und schlug mit dem Knie auf die Fliesen. Zwei Bierflaschen fielen klirrend um. Er blinzelte, rieb sich den Kopf.

Im Wohnzimmer war es hell. Hell und kalt. Die Aircondition war noch immer voll aufgedreht, die Vorhänge halb geöffnet. Sein rechtes Bein war eingeschlafen, der Nacken steif.

Langsam kam er zu sich. Im Fernsehen stritten sich zwei Mädchen, die nur mit Slip bekleidet waren. Reality-TV samstagmorgens. Er richtete sich auf und setzte die Füße auf den Boden. Er konnte die Fernbedienung nicht finden. Überall lagen leere Bierflaschen, der Scotch stand vor der Couch, Chipskrümel klebten ihm unter den Füßen.

Fehlte das Glas im Vitrinenschrank? Angestrengt kniff er die Augen zusammen. Es fehlte tatsächlich, ebenso die Weingläser.

Kleine Splitter glitzerten am Boden in einem Sonnenstrahl. Scherben lagen verstreut im Raum. Ein Teil seines Traums kam zurück. Die Faust im Glas.

Ungläubig starrte er auf die Splitter. Bemerkte dann das getrocknete Blut an den Knöcheln seiner rechten Hand. Er hatte nicht geträumt.

Bier, Scotch, eine alte Flasche Rum, irgendwann hatte er alles getrunken, alles, was im Haus war. Nachdem er das Bier geleert hatte, war ihm Liz’ Nachricht wieder in die Hände gefallen. Ein Abschiedsbrief. Eher eine kurze Notiz.

Dann war das Bild wiedergekommen, Liz’ Schuhabsatz im Rasen, die braune Hand am Steuer. Die Erinnerungen der letzten Tage. Das Gespräch mit Frank im Büro. Das geheuchelte Mitleid in seiner Stimme: »Soll dir jemand beim Packen helfen?«

Matt ließ er sich auf die Couch zurückfallen. Er schloss die Augen. Stilles, schwarzes Nichts. Noch vor einer Woche hatten Zahlen, Anrufe, Gesprächsfetzen in seinem Kopf gewirbelt. Jetzt war es erschreckend still.

Von Weitem hörte er Vogelzwitschern. Der Garten beherbergte um diese Jahreszeit Spatzen und Wanderdrosseln.

Auf steifen Beinen stakste er hinaus ins Licht. Vielleicht würde er den Pool wieder füllen lassen. Es würde bestimmt noch acht Wochen lang warm sein. Schwimmen tat gut.

Neben der kleinen Bank fand er einen alten Zigarettenstummel. Hatte Liz geraucht? Sie hatte oft abends hier gesessen, wenn er nach Hause kam. Wie war dein Tag? Seine Standardfrage. Lächelnd hatte sie unmerklich mit den Schultern gezuckt. Im Kühlschrank ist noch Lasagne.

Was hatte sie tagsüber gemacht? Er hatte nie nachgefragt, nicht ernsthaft jedenfalls.

Fuck. Sie hätten abends zusammen draußen rauchen können. Ein Glas Rotwein dazu. Das hätte ihm gefallen. Verdammt, er war ein echtes Arschloch gewesen.

Er setzte Kaffee auf, als es an der Haustür klingelte. Ein kurzer Blick durchs Küchenfenster. Eine Frau, graues Kostüm. Er konnte sie nur von hinten sehen.

Er öffnete in Boxershorts und T-Shirt.

Cynthia Sheldon zuckte zusammen, hielt ihm sein Jackett entgegen. Das braune Arbeitsjackett.

»Ich … hatte was in der Gegend zu tun. Das hast du im Schrank vergessen.« Sie errötete und sah zu Boden. Ihre silbernen Kreolen zitterten.

Es war drei Jahre her, dass sie ihm bei der Betriebsfeier einen geblasen hatte. Auf der Toilette. Sie war betrunken gewesen. Danach hatten sie sich eine Zeit lang nicht gegrüßt.

»Danke. Ich mache gerade Kaffee …«

Ihr Gesicht war so rot wie das gefärbte Haar. Nervöses Lachen. Sie blieb im Türrahmen zwischen Flur und Küche stehen, während er Kaffeetassen holte. Blickte verstohlen umher. »Ist Liz … unterwegs?«

Es nervte ihn, dass sie flüsterte. Er drehte sich nicht um. »Liz ist weg.«

Der Kaffee lief dampfend in die Kanne.

»Das tut mir leid.« Schweiß glänzte auf ihren Schläfen. Die Luft um sie herum zitterte.

Für einen Moment dachte er darüber nach, sie im Ehebett zu vögeln. Es wäre ein Leichtes gewesen. Als er neben sie trat, wich sie zurück. Langsam nahm er einen Schluck und ließ sie dabei nicht aus den Augen.

»Danke für den Kaffee.« Sie errötete wieder.

»Danke, dass du vorbeigekommen bist.«

Sie trat von einem Fuß auf den anderen. Der Holzfußboden knarzte leise. Ihr Parfüm, Sandelholz und Opium, viel zu schwer.

»Wohnst du hier in der Gegend?«

»Nein, nein …« Sie räusperte sich. »Mein Vater ist pflegebedürftig, ich fahre an den Wochenenden hin. Er hat ein Haus fünf Minuten von hier.« Hektisch wies sie mit dem Kopf nach links.

Selten hatte er sie entspannt gesehen. Wenn er sie überhaupt wahrgenommen hatte. Verstohlen wischte sie sich mit Zeige- und Mittelfinger über die Stirn.

»Willst du dich setzen?« Leicht berührte er ihren Oberarm.

Sie schluckte. Etwas flackerte in ihren Augen. Ein Kopfzucken. Wieder Erröten bis zum Haaransatz. Dann gab sie ihm abrupt die volle Tasse zurück.

»Ich muss los … Danke für den Kaffee!« Bevor Cynthia Sheldon auf die Straße trat, zupfte sie nervös an ihrem Ärmel. »Du wirst uns fehlen im Büro.«

Er begann, im Wohnzimmer aufzuräumen, sammelte die leeren Flaschen ein, fegte die Scherben zusammen. Hinter dem Sofakissen fand er sein Handy. Keine Anrufe. Die Scherben entsorgte er in den Mülleimer in der Küche.

Ein sandfarbener Buick Riviera parkte auf der anderen Straßenseite. Baujahr ’69, schätzte er. Sofort hatte er den Geruch von echtem Leder wieder in der Nase. Sein Vater hatte damals ein ähnliches Modell besessen. Mit Dreisitzerbank vorne. Seine Schwester und er hatten immer darum gestritten, in der Mitte sitzen zu dürfen. Sonntags hatten sie geholfen, den Wagen zu waschen. Mintgrün. Baujahr ’66, da war er sich sicher. Das Rückfenster diamantenförmig. Mit dunklem Leder innen. In kurzen Hosen hatte er den vollen Eimer balanciert. Den großen Schwamm mit beiden Händen gegriffen.

Der Vater passte genau auf, wie man den Wagen einseifte. Danach kam der Schlauch. Er durfte nicht zu nah am Wagen stehen, der Wasserdruck musste stimmen. Sonst wurde er ins Haus geschickt.

Wenn der Wagen glänzte, wurde eine Runde gefahren. Manchmal durfte er aus der Einfahrt fahren. Nur er. Die Schwester nicht. Dann fuhren sie eine Sonntagsrunde. Wenn der Vater »Sonntagsrunde« sagte, wusste Tim, dass sie um die Ecke haltmachen würden, beim kleinen Laden. Der Vater hatte dann gute Laune. Lachend nahm er beide Hände vom Steuer, und Tim griff eilig zu. Dann tätschelte der Vater ihm den Kopf, ging in den Laden hinein, während Tim im Wagen blieb. Aufgeregt rutschte er hinters Steuer, strich über das glänzende Armaturenbrett.

Die Flaschen klirrten auf der Fahrt nach Hause in der braunen Papiertüte. Oft begann der Alte schon auf der Fahrt zu trinken. Dann durfte Tim eine Flasche öffnen. Vorsichtig, damit nichts überlief.

Der erste Schluck war für ihn. Das Bier schmeckte bitter, aber erfrischend. Für einen Moment fühlte er sich wie ein Erwachsener.

Der Vater setzte sich in den dunkelgrünen Cordsessel, die braune Papiertüte zu seinen Füßen. Die geleerten Flaschen sammelten sich auf dem Couchtisch. Am späten Nachmittag fiel das Sonnenlicht auf das grüne Flaschenglas. Dann streunte er immer draußen herum. Wenn er es nicht rechtzeitig schaffte zu gehen, zog der Vater den Gürtel aus. Einen Grund gab es immer.

Jetzt saß sein Vater nur noch in einem Sessel. Mit Fernbedienung in der Lehne. Die Füße in grauen Filzpantoffeln. Die Hände zittrig. Irgendwo in einem Altenheim in Arkansas. Nach dem Schlaganfall war er aus dem Haus ausgezogen. Die Schwester kümmerte sich um ihn.

Nur selten verirrten sich Tims Gedanken dorthin. Nach dem Tod der Mutter hatte er Jasper den Rücken gekehrt.

In Jasper war er geboren und aufgewachsen. Einige Hundert Einwohner, keine Arbeit, ein Ort zum Ersticken. Religiös, konservativ.

Vor sieben Jahren war er einmal mit Liz durchgefahren. Sie hatten die ganze Fahrt über geschwiegen. Der Mietwagen ein rappeliger Ford. Vorbei an Häuserfronten, an denen die silberne Haut der Glaswolle zu sehen war. Ansonsten kaum sichtbare Veränderungen. Alles wie früher. Verwilderte Vorgärten, dreckige Hunde, die ziellos umherstreunten. Vom Wetter ausgeblichene Flaggen, die zerfressen im Wind flatterten.

Später hatte Liz gescherzt: »Du hättest ein totaler Redneck werden müssen.« Dann hatten sie sich in der trostlosen Pension auf dem Queensize-Bett geliebt.

Der Besuch im Heim am nächsten Tag war kurz gewesen. Apathisch saß der Alte da, ein Kreuzworträtsel vor sich. Die Schokolade, die Fotos vom Sohn blieben unausgepackt.

Danach Kaffee mit seiner Schwester Agnes. Sie aßen Keylime Pie. Müde hatte Agnes im hellbraunen Twinset dagesessen. Sie war hängen geblieben in Jasper. Sie hatten sich nichts zu sagen. Tim gab ihr einen Scheck.

»Kommt bald wieder!«, sagte Agnes zum Abschied tonlos. Man umarmte sich mit steifen Armen und klopfte sich gegenseitig auf die Schulter. Das war der letzte Besuch in Jasper gewesen.

Einmal im Monat kam seitdem ein Brief von Agnes. Der immer gleiche Bericht. Liz hatte sie gelesen und beantwortet.

Der Chinese grüßte ihn jetzt. Er hatte ein auffallend freundliches Gesicht. Lächelnd beobachtete er, wie Tim die Süßigkeiten betrachtete. Tim war froh, dass der Laden leer war. Ständig darauf zu achten, keine Waren zu streifen, die überlangen Arme zu verschränken, um niemanden zu berühren, war anstrengend.

Er ließ sich Zeit. Inspizierte die Schokoriegel. Whatchamacallit hatte er als Kind gegessen. Er griff eine Handvoll. Unglaublich, dass es den Riegel noch gab. Creamsoda dazu. Hawaiian Sweetbread, gelber Teig in Plastik. Dann Rootbeer, Kartoffelchips. Bier und Scotch. Toilettenpapier, zwei Rollen. An der Kasse drei Schachteln Marlboro. Wenn er wieder anfing, dann richtig.

Damals hatten sie beschlossen, die Gardinen rauchfrei zu halten. Nach dem Hauskauf hatten sie gemeinsam aufgehört.

Der Chinese reichte ihm die Hand: »Shin.«

»Freut mich.« Tim fiel auf, wie schmal und fragil er war. »Tim. Tim Wikins.«

»Sind Sie gerade hergezogen?«

Tim zögerte. »Ja. Und Sie? Schon lange hier?«

Freundliches Lachen. »Bin vor vierzig Jahren aus Korea hergekommen.« Kein Chinese.

Für einen Moment hörte er auf, die Waren in die Tüte zu packen. Der kleine Ventilator brummte. Tim spürte einen leichten Luftzug.

»Da war die Welt noch eine andere«, fügte Shin hinzu.

Während der Kaffee in die Kanne lief, baute Tim sein Frühstück vor sich auf. Hawaiian Sweetbread mit kaltem Bier, dazu Kaffee.

Alfie hatte den Whatchamacallit immer in den Kaffee getaucht. Damals in Little Rock.

Hundertvierzig Meilen von Jasper hatte Tim mit siebzehn angefangen zu leben. Er hatte sich mit Alfie eine Einzimmerwohnung geteilt. Zwei Jahre lang Matratzen auf dem Boden und einen Campingkocher. Creamsoda, Chips und Bier zum Frühstück. Freiheit.

Alfie arbeitete immer Dienstag, Mittwoch, Donnerstag im Supermarkt zwei Straßen weiter und ließ häufig etwas mitgehen.

Freitag bis Montag war Wochenende.

Sie fuhren Moped. Gingen aus, knutschten mit Mädchen, hörten die Stones.

Alfie hatte ihn »Tree« getauft. Alfie selbst war klein und hager, schwarze Locken und italienischer Einwanderercharme. Wenn er Tims Lederjacke borgte, hingen ihm die Schultern bis auf die Oberarme.

Tim blies den Rauch in die Küche, suchte im Radio nach einem Sender und legte die nackten Füße auf den Tisch. Er erkannte den Song, drehte voll auf.

When I jumped off, I had a bucket full of thoughts

When I first jumped off, I held that bucket in my hand

Ideas that would take me all around the world

I stood and watched the smoke behind the mountain curl

It took me a long time to get back on the train

Er wippte mit den Zehen, öffnete eine Dose Bier und sang laut mit. Phish war immer noch gut. Von wann war der Song? 1990? Der Umzug nach Kalifornien war mehr als zehn Jahre vorher gewesen. Er war nicht gut im Erinnern.

»Back on the train« hatte er mit Liz im Konzert gehört, hatte darauf bestanden, sie auf die Schultern zu nehmen. Sie hatte sich zuerst gewehrt, quietschte dann aber vor Freude.

Das war lange her.

Die alten Platten gab es noch. Irgendwo im Haus.

Er würde in der Garage nachsehen. Vielleicht würde er auch den Plattenspieler finden.

Er leerte das Bier und musste rülpsen. Auf dem Weg zur Toilette summte er »Chalkdust Torture«. Beim Pinkeln öffnete er das kleine Milchglasfenster. Von dort konnte er Heffners Haus sehen. Nicht zum ersten Mal dachte er, dass es überraschend nah wirkte.

Hinter dem Fenster im ersten Stock bewegte sich etwas. Er kniff die Augen zusammen. Die Nachbarin stand vor dem Spiegel. Ihr schwarzes Haar floss über die schmalen Schultern.

Sie zog ihr T-Shirt aus. Schwarzer Spitzen-BH. Olivfarbene Haut.

Er duckte sich. Sie verschwand aus seinem Blickfeld. Wenige Sekunden später kam sie zurück. Ohne BH.

In der Reflexion des Spiegels ihre nackten Brüste.

Sie begann, sich einzucremen. Er atmete schneller. Konnte den Blick nicht abwenden.

Langsam strichen ihre Hände über die großen Brüste, bis die dunklen Brustwarzen glänzten. Sie trug die goldene Kette mit Anhänger.

Sein Schwanz wurde so hart, dass es wehtat. Er keuchte leise, schob die Boxershorts bis zu den Knien hinunter.

Sich selbst zu berühren fühlte sich seltsam an. Es war lange her.

Aida. Er hatte sie gleich attraktiv gefunden. Sie war anders als alles, was er kannte.

Liz hatte nichts Billiges gehabt. Obwohl er sich da nicht mehr so sicher sein konnte. Seine Gedanken drifteten ab.

Vielleicht war Liz sexuell nicht befriedigt gewesen mit ihm. Hatte sie sich deshalb einen Lover genommen?

Ihre unschuldige, naive Art war vielleicht nur eine Masche gewesen.

Fuck.

Er zwang sich, nicht an sie zu denken. Beobachtete Aida, wie sie ihr Haar zurückstrich und sich jetzt langsam den Bauch einrieb.

Aida war etwas anderes, das hatte er gleich gewusst.

Seltsam, dass sie sich noch nie vorher begegnet waren.

Er würde in ihr Haar greifen, sich an ihrem Hintern festhalten, während sie mit kreisenden Hüften auf ihm säße. Mühsam unterdrückte er ein Stöhnen. Das Bier hielt ihn zurück. Obwohl er heftig mit sich umging, kam er nicht.

Für einen Moment erhaschte er einen Blick auf sich im Badezimmerspiegel. Gerötetes Gesicht, geöffneter Mund, Schweiß auf der Stirn. Schnell schloss er die Augen. Das Blut pochte in den Schläfen.

Momente später war sie verschwunden.

Schnell schloss er das Fenster, hielt sich am Waschbecken fest, phantasierte mit trockenem Mund, wie er auf ihre Titten kam.

Endlich.

Angespannt verharrte er kurz in tiefem Stöhnen. Dann ging er auf die Knie. Auf die gelbe Frottee-Duschvorlage.

Eine Weile saß er mit heruntergelassenen Shorts da, bis sich sein Atem beruhigt hatte. Dann wischte er das Sperma mit Klopapier vom Spiegel.

Bis in den Nachmittag hinein döste er auf dem Sofa. Müde Leere im Kopf.

Eine Scherbe hatte ihm die rechte Fußsohle aufgeschnitten. Beige hatte sich mit rostroten Flecken gemischt. Der Teppich war hinüber. Träge starrte er auf das getrocknete Blut.

Eine SMS von Derek: »Dad, wann treffen wir uns morgen? Meld dich!«

Er hatte keine Lust auf Golf. Keine Lust zu reden über das, worüber er reden müsste.

»Kann am Sonntag nicht. Melde mich, Dad.«

Am Spätnachmittag raffte er sich auf, nahm den überhitzten Wagen zum großen Supermarkt. Das Bier war ausgegangen.

Es roch muffig im Auto. Er ließ beide Fenster herunter, genoss den Wind.

Dann ein Meer von Autos. Frauen mit Kindern, Einkaufswägen. Irgendwo ein Helikopter. Jemand hupte.

Die Glasschiebetüren des Supermarkts öffneten und schlossen sich geräuschlos.

Er hatte die Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen und trug eine Sonnenbrille. Überraschend jemanden zu treffen wäre ein Albtraum.

Er genoss die Kälte, die breiten Gänge, ließ sich Zeit. Niemand beachtete ihn. Der Einkaufswagen füllte sich mit tiefgefrorenen Hamburgern, Lasagne, Wein, Bier, Chips, Klopapier.

Es war lange her, dass er richtig eingekauft hatte. Ohne auf den Preis zu achten, warf er die Dinge in den Einkaufswagen. Kaffee, Schokoriegel, Pflaster. Seine Fußsohle hatte wieder zu bluten begonnen.

Er wollte noch Peter Heffner anrufen.

Jetzt mit ihm ein kaltes Bier trinken! Freude überkam ihn. Was auch immer zwischen ihnen vorgefallen war, es war verjährt. Bestimmt.

Falls Heffners Los Angeles verlassen hatten, würde er zu ihnen fahren. Am nächsten Wochenende. Vielleicht ein paar Tage bleiben.

Peters raues Lachen, wenn er ihm zuprostete. Die herzlichen Umarmungen. »Tim, mein Guter!« Das ernste Gesicht, wenn er nickte und konzentriert zuhörte.

»Entschuldigen Sie, Sir?«

Die alte Frau blickte zu ihm auf.

»Können Sie mir bitte …« Ihre fleckige Hand wies auf die oberste Regalreihe. »Tomatensuppe.«

Verwirrt kam er ins Hier und Jetzt zurück, reichte ihr die Dose.

Sie schüttelte den Kopf. »Campbells bitte. Ist 50 Cents billiger.« Sie starrte ihn an. Gleich würde sie fragen.

»Wie groß sind Sie?«

»Zwei Meter zehn.« Wie oft er diese Frage beantwortet hatte.

Lächeln. Überall Linien, die mitlachten.

»Mein Sohn ist zwei Meter zwölf.«

Überrascht lachte er zurück. Diese Antwort war neu.

Er lud die Waren auf das kleine Fließband. Lauter Flecken auf schwarzem Plastik. Etwas musste kurz zuvor ausgelaufen sein.

Die Mexikanerin an der Kasse war stark geschminkt. »Mirtha. I am happy to help«, stand auf ihrem goldenen Namensschild. Ihre Plastiknägel griffen wie die spitze Metallkralle eines Krans gekonnt zu.

»Wie geht’s?«

Sie sah nicht auf. Mechanisch scannte sie Dosen, Packungen, Flaschen. Ihr Lidschatten metallicblau.

»Gut.«

Er hatte die kleinen Pflichtunterhaltungen des Alltags vergessen. Er lud Pizza, Sixpacks und Kartoffelchips aufs Band.

Da sah er sie. Nur einen kurzen Moment. Unvorbereitet.

Liz.

Jeans, loses Haar. Sie sah gut aus. Eilig verließ sie mit zwei Beuteln den Supermarkt.

Sein Magen krampfte sich zusammen. Der Mund öffnete sich, er wollte ihren Namen rufen.

Dann schlossen sich die automatischen Glastüren hinter ihr.

»Kreditkarte oder cash?«

Mirtha. Sie klang vorwurfsvoll. Hatte zum wiederholten Mal gefragt. Überfordert kramte er nach der Plastikkarte. Einige Dollarnoten fielen zu Boden.

»Karte.«

Er packte zusammen.

Mit drei großen Tüten stand er vor der automatischen Tür. Sie öffnete und schloss sich wieder. Auf. Zu.

»Sir? Treten Sie bitte zurück.« Der Guard in schwarzer Uniform berührte fast seinen Arm. Wieder öffnete und schloss sich die Tür.

Mechanisch trat er zurück. Konnte nicht hinausgehen. Sie war noch dort draußen. Belud wahrscheinlich noch den Wagen. Telefonierte vielleicht. Es gäbe nichts zu sagen, wenn er sie sehen würde.

Ihm wurde heiß. Tränen sammelten sich hinter der Sonnenbrille.

Verdammt, er hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass sie ihm schon entglitten war. Seine Frau hatte ihn nicht einmal bemerkt. Das offene Haar. Sie hatte anders ausgesehen. In den wenigen Tagen schon hatte sich alles geändert. Etwas in ihm zerbrach. Es war vorbei.

Er begann zu weinen. Hatte sich nicht unter Kontrolle. Groß blockierte er den Ausgang.

Andere Kunden drängten an ihm vorbei. »Sorry!« Einkaufstaschen streiften seinen Arm. Man starrte ihn an.

»Sir? Alles in Ordnung?« Wieder der Guard.

Sein Körper begann zu zittern. Die Tränen rannen jetzt an den Brillengläsern vorbei. Eine der schweren Tüten rutschte ihm aus der Hand. Etwas zerbarst beim Aufprall auf dem Boden.

Jemand nahm ihm die beiden anderen Taschen ab. Die Mexikanerin mit den Plastikkrallen war hinter der Kasse hervorgekommen. Sie hatte gleich gespürt, dass mit dem Großen etwas nicht stimmte. Schluchzend stand er jetzt da, die langen Arme kraftlos neben sich.

Sanft griff Mirtha ihn am Arm. Er ließ es geschehen, ließ sich zu einem Plastikstuhl führen. Neben den Guard, der sein Pausensandwich aß.

Sie reichte ihm einen Plastikbecher mit Wasser. Ob man einen Krankenwagen rufen solle? Die Polizei?

Mirtha rieb ihm den Rücken. Er beruhigte sich allmählich.

Sie hielt seine Kappe und die Sonnenbrille, als er sich durchs Gesicht fuhr.

Er spürte die Plastiknägel auf seinem Rücken. Langsam strich die Hand seine Wirbelsäule entlang. Liebevoll. Die Geste machte ihn noch schwächer. Mein Gott. Was passierte mit ihm. Er rieb sich noch einmal das Gesicht.

Atmen. Er versuchte, ruhig zu atmen. Kam wieder zu sich. Das Wasser tat gut. Er wollte nach Hause. Auf die Couch. Die Tür hinter sich zumachen, Vorhänge schließen.

Schließlich setzte er Kappe und Brille wieder auf. »Danke, es geht schon.«

Dann nahm er seine drei Tüten und trat endlich ins Licht hinaus. Als sich die Schiebetüren hinter ihm schlossen, spürte er den sanften Wind. Ein Meer von Autos vor ihm. Frauen mit Kindern. Einkaufswagen schoben sich ungeduldig vorbei. Jemand hupte. Irgendwo ein Helikopter.

Alles wieder normal. Alles wieder im Fluss.

Nachdem er zu Hause die Tüten ausgepackt hatte, fühlte er sich besser. Die Schränke waren voll. Kühlschrank gefüllt, Bier kalt gestellt.

Barfuß ging er ins Wohnzimmer.

Als er Peters Nummer wählte, spürte er ein aufgeregtes Ziehen im Magen. Er steckte sich eine Zigarette an. Eine Computeransage teilte ihm mit, dass die Nummer nicht mehr in Gebrauch war. Ratlos stand er da.

Doreen. Peters Frau fand er nicht im Telefonspeicher. Vielleicht war sie irgendwo im Computer gespeichert. Als er sich davorsetzte, fiel ihm zunächst das Passwort nicht ein. In den letzten Jahren hatte vor allem Liz den Computer benutzt. Sie hatte das Gästezimmer zu ihrem Arbeitsplatz umfunktioniert. Das Zimmer war zu klein, zu schmal. Der Bürostuhl zu niedrig.

Ihm fiel auf, dass das Regal neben der Tür leer war. Vor einer Woche noch hatte Liz ihre unzähligen Paar Schuhe dort aufbewahrt.

»FamWilkins.3« Richtig. Erschrocken zuckte er zusammen. Der Bildschirmschoner. Liz’ lachendes Gesicht.

Er lehnte sich zurück, starrte auf den Bildschirm. Wer hatte das Bild gemacht? Das Foto war ihm unbekannt. Es musste einige Jahre alt sein, war leicht unscharf. Liz hatte ihre Augen geschlossen, den Kopf in den Nacken gelegt, ihr Gesicht war gebräunt, sie lachte entspannt. Glücklich.

Sie sah aus wie eine andere. Nicht wie die stille, anspruchslose Ehefrau, die ihm in den letzten Jahren gleichgültig geworden war.

Verdammt, wieso hatte er diese Liz nie gesehen?

Er verdrängte seine diffuse Eifersucht und klickte auf den Ordner »Adressen«. Er öffnete sich und verdeckte Liz’ Gesicht. Tim fand Doreen Heffners Nummer, darunter eine Adresse in Sherman Oaks. Liz hatte es nie erwähnt, aber sie hatte Kontakt gehalten.

Nachdenklich goss er sich einen doppelten Scotch ein. Plötzlich war er sich nicht mehr sicher. Er notierte Doreens Nummer. Er würde morgen anrufen.

Liz hatte gewusst, wohin Heffners gezogen waren. Warum hatte er nichts davon gewusst? Hatten sie sich hinter seinem Rücken getroffen? Hatte Liz Doreen erzählt, dass sie ihn verlassen würde? Rauchend ging er in dem kleinen Raum auf und ab. Hatte Peter von Liz’ Verhältnis gewusst?

Plötzlich fühlte er sich verunsichert. War er jahrelang einfach ignorant gewesen, oder hatte Liz ihm Dinge verheimlicht?

»Scheiße! Verdammte Scheiße!«

Er kippte den Scotch runter. Dann warf er das Glas mit voller Wucht an die Wand. Es zerprang mit einem hellen Splittern. Atemlos sah er sich nach anderen Gegenständen um. Die leere Flasche Scotch von gestern. Er traf den gerahmten Kunstdruck. Scheppernd fiel das Glas zu Boden.

»Scheißescheißescheiße!«

Er goss sich noch einen Doppelten ein, trank gierig aus und wischte sich über das Kinn.

Achtlos ließ er die Scherben liegen und ging in den Garten. Benommen setzte er sich auf den Rasen. Unter eine der drei großen Palmen, die den Garten säumten.

Lange Schatten.

Es wurde kühler. Er blickte auf den leeren Pool, die Terrasse. Er erinnerte sich nicht, jemals von hier auf sein Haus geblickt zu haben. Dann streckte er sich aus. Rauchte mit geschlossenen Augen.

Carmel. Küste. Das kleine Hotel am Strand. Sieben Jahre war das her. Derek war noch aufs College gegangen.

Peter gebräunt im weißen Hemd. Drei Knöpfe offen. Sie waren mit den Ehefrauen gekommen. Unternahmen Spaziergänge am Nachmittag. Es war windig gewesen. Gespräche über die Kinder, Doreens Hüftoperation. Liz war wie immer still gewesen. Lächelte. Peter charmant und einnehmend.

Tim war es nicht leichtgefallen, sich zu entspannen. Zu oft war er mit den Gedanken im Büro. Schweigend beobachtete er Peter und Doreen. Sie schienen entspannt und glücklich miteinander. Tim hatte immer öfter das Gefühl, er müsse sich daran erinnern, zärtlich zu Liz zu sein. Aufmerksamer.

Nichts fiel ihm zu. Nichts passierte natürlich.

Peters Arm lag um Doreens Schultern. Er selbst war hinter Liz gegangen, hin und wieder hatte sie Muscheln aufgehoben.

Am Abend Wein mit Meerblick. Alle vier waren ausgelassen. Hummer und Langusten. Wein flaschenweise. Peter trank Tom Collins. Eine Band spielte. Peter drehte Liz ausgelassen auf der Tanzfläche. Tim war kein guter Tänzer. Er sprach mit Doreen über ihren geplanten Europaurlaub: In Italien trinkt man Espresso mit Zitronenscheibe. Rom ist immer eine Reise wert. Während er zuhörte, betrachtete er die Tanzenden.

Peters Hand auf Liz’ Po. Nur einen Moment.

Erstaunt stellte Tim fest, dass er nicht eifersüchtig war. Erstaunt nur.

Liz mit geröteten Wangen. Verschwitzt kam sie an den Tisch zurück.

Peters Hand lag auf Tims Schulter. Ein leichter Druck. Dann legte er Doreen seinen Pullover um. Die Gesprächspausen wurden länger. Alle sprachen leiser, schauten aufs unruhige Meer und lauschten den klatschenden Wellen. Peter rauchte Zigarre.

Müde, und ein wenig angetrunken, zog man sich nach Mitternacht zurück.

Peter und Doreen hatten ein großes Zimmer mit Meerblick.

Tim hatte das kleinere mit Balkon zum Parkplatz gebucht. Liz’ Gesicht war gerötet. Ihr Körper weich, als er sie an sich zog.

Es war dunkel, als er erwachte. Gras im Haar, wieder Kopfschmerz, steifer Nacken.

Mühsam setzte er sich auf. Es war angenehm kühl. Sternenhimmel. Vor ihm das tiefe dunkle Rechteck.

Er würde wieder Wasser in den Pool lassen.

Über Franka Potente

Biografie

Franka Potente wurde 1974 geboren und gehört seit ihrer Titelrolle in Tom Tykwers »Lola rennt« zu den international gefragtesten deutschen Schauspielerinnen. Sie trat unter anderem auf in »Die Bourne Identität« und in der Literaturverfilmung von »Elementarteilchen«. Dreharbeiten für einen...

Medien zu »Allmählich wird es Tag«

Pressestimmen

BRF1 Buchtipp

»Ein souveräner Gesellschaftsroman und zugleich das sensible Porträt eines Mannes, der gezwungen wird, seinem Leben auf den Grund zu gehen, bevor es endgültig zu spät ist.«

rbb Fritz

»Eines steht fest: Franka Potente kann schreiben! Richtig gut sogar.«

Nürnberger Nachrichten

»Authentizität vor allem, aber auch die knappe, schnörkellose Sprache machen den großen Reiz des Buches aus.«

Böhme-Zeitung

»Franka Potentes Roman ist zweifellos ein literarisches Highlight im Jahr 2014.«

SonntagsZeitung

»›Allmählich wird es Tag‹ ist keine Eintagsfliege einer schreibenden Schauspielerin, sondern das Werk einer vielversprechenden Autorin.«

Nordsee-Zeitung

»Der Leser hofft, dass dies nicht der letzte Roman von Franka Potente gewesen ist.«

Freie Presse

»Franka Potentes atmosphärisch dichtes Erzählen lebt von einer sachlichen, präzisen, hastig voranpreschenden Sprache, die mit einem Wort, mit einem Halbsatz oft schon alles gesagt hat, und die schlank beschreibt und knapp erläutert.«

Focus

»Eine angenehm unprätentiös erzählte Geschichte.«

Thüringische Landeszeitung

»Sie macht das gut, in präzise lakonischen Sätzen und so aktionsreich, dass man die potenziellen Filmbilder geradezu vor sich sieht. (...) Franka Potente kann intensiv, emotional und sehr amerikanisch erzählen.«

Sächsische Zeitung

»Ein temposcharf aufgedrehter Roman, der jedoch im Unterschied zu seinem Antihelden nicht abstürzt. Franka Potente kann intensiv, emotional und sehr amerikanisch erzählen.«

Westdeutsche Zeitung

»Franka Potente beeindruckt mit ihrem ersten Roman und macht Hoffnung auf mehr.«

Siegener Zeitung

»Das Buch zeichnet sehr sensibel das Bild eines Mannes in der Lebenskrise.«

dpa

»Beachtenswertes Werk.«

Westdeutsche Allgemeine WAZ

»Spannend wie einen Krimi erzählt Franka Potente dieses Psychodrama eines verfehlten Lebens.«

Vogue

»Ein Krimi mit Roadmovie-Touch.«

Westfälische Nachrichten

»Ein toller Debüt-Roman von Franka Potente.«

Interview-Magazin

»Eine Schauspielerin, die auszog, um in Hollywood (Film-) Karriere zu machen und nebenbei einen 300-Seiten-Roman nach Hause schickt, der sich zu lesen lohnt.«

Woman (A)

»Franka Potente schrieb ein starkes Buch über die Selbstfindung eines Mannes.«

PUBLIK

»Franka Potente zeigt in ihrem starken Debütroman, was passieren kann, wenn man ausgemustert wird. Darüberhinaus räumt sie schonungslos mit dem Klischee vom lebensfrohen ›California living‹ auf: In Zeiten der Rezession helfen auch Sonne und Palmen nicht weiter.«

DONNA

»Wunderbar schnell und lakonisch.«

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