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Alles wird unsichtbarAlles wird unsichtbar

Alles wird unsichtbar

Roman

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Alles wird unsichtbar — Inhalt

Milano wächst in der Bronx der Siebziger auf. Als Adoptivsohn afro-kubanischer Eltern ist er der einzige spanischsprechende, bongospielende, fünfjährige Weiße weit und breit. Er ist anders als die Nachbarskinder, aber er ist glücklich. Bis zum Tag des Autounfalls.

Er erwacht im Krankenhaus und sein linker Arm ist unsichtbar geworden. Was Phantomschmerzen sind, begreift er erst nach und nach: als seine Mutter stirbt. Als sein Vater ihn wie Luft behandelt. Als er alles verliert, was ihm je wichtig war.

Lakonisch und so unsentimental, dass es einem die Tränen in die Augen treibt, erzählt Hadden in seinem Debütroman die Geschichte eines Abstiegs, der im Jugendgefängnis endet. Doch Milano erhält eine zweite Chance und macht sich auf die Suche – nach den unsichtbaren Dingen, nach seinen Wurzeln, und nach seinem Platz in dieser seltsamen Welt.

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 13.10.2017
Übersetzt von: Stefanie Jacobs, Simone Jakob
352 Seiten, Halbleinenband
EAN 978-3-492-05880-3
€ 16,99 [D], € 16,99 [A]
Erschienen am 13.10.2017
Übersetzt von: Stefanie Jacobs, Simone Jakob
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97762-3

Leseprobe zu »Alles wird unsichtbar«

KAPITEL 1

Wimple, Maine, September 1985

Eines Morgens hockst du so im Jugendknast und sinnierst vor dich hin, die Amöbenhirne von Zellengenossen kommen um die Ecke und geben dir wie selbstverständlich zum siebenhundertvierunddreißigsten Mal eins auf die Fresse, und im nächsten Moment sitzt du in einem Bus auf dem Weg zu irgendeinem College in der Nähe vom Nordpol, und der Typ neben dir spielt Buchstabierwettbewerb. Gegen sich selbst.

Du hast zwar nicht kapiert, was das soll, geschweige denn darin die zweite Chance erkannt, die es angeblich ist, aber [...]

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KAPITEL 1

Wimple, Maine, September 1985

Eines Morgens hockst du so im Jugendknast und sinnierst vor dich hin, die Amöbenhirne von Zellengenossen kommen um die Ecke und geben dir wie selbstverständlich zum siebenhundertvierunddreißigsten Mal eins auf die Fresse, und im nächsten Moment sitzt du in einem Bus auf dem Weg zu irgendeinem College in der Nähe vom Nordpol, und der Typ neben dir spielt Buchstabierwettbewerb. Gegen sich selbst.

Du hast zwar nicht kapiert, was das soll, geschweige denn darin die zweite Chance erkannt, die es angeblich ist, aber jetzt sitzt du in diesem Bus. Immerhin über den Rädern, sonst gerätst du immer nur drunter.

»M-A-Doppel-S-A-C-H-U-S-E-Doppel-T-S«, sagt der Typ. »Sean Patrick Sullivan. Barnstable, Massachusetts.«

»Wozu musst du das buchstabieren?«

»Kannst du’s?«

»Kürz es doch einfach ab«, sagte ich. »Macht die Post auch so.«

»Ah. Ein ganz Schlauer.«

Ich hatte zwar einen Platz am Gang, konnte aber trotzdem aus dem Fenster schauen. Allerdings gab es nichts zu sehen, nur Bäume.

»Mach mal das Fenster ein Stück auf«, sagte ich. »Ist arschwarm hier drinnen.«

»Genieß es, solange du kannst«, sagte Massachusetts. Er war rothaarig und so riesig, dass er außer seinem auch noch die Hälfte von meinem Platz in Anspruch nahm. Die Ärmel seines hellgrünen Hemds spannten über seinem Bizeps, als hätte er sich zu vier Fünfteln in den Hulk verwandelt. »Fängt hundertpro bald an zu schneien«, sagte er, »und dann hört’s bis Januar nicht mehr auf.«

»Sommer«, sagte ich. »S-O-Doppel-M-E-R. Sommer.«

»Nächster Halt: Wimple College!«, ertönte Powders’ Stimme aus dem Buslautsprecher. Dr. Horace Powders leitete dieses Pilotprojekt: Achieving in Maine, oder kurz: AIM. Keiner von uns wusste so genau, worum es dabei ging, nur dass es uns aus dieser unkontrolliert dahinrasenden Achterbahn namens Scheiße geholt hatte. Also aus dem Knast. Vor genau einem Tag. Ich schnupperte die Freiheit wie eine glückliche Laborratte, deren Käfigtür man aus Versehen offen gelassen hatte.

»Ich hab deine Eltern beim Abholen gar nicht gesehen«, sagte Massachusetts.

»Ach echt?«

»Bist du Waise oder so?«

»Sullivan! Prieto! Bowles!«, rief Powders. »Schnappt euch eure Fallschirme, wir sind absprungbereit.«

 

Was mit uns passieren würde, hatten wir erst am Morgen auf der ersten und bisher einzigen AIM-Einführungsveranstaltung erfahren, einem Treffen für die dreizehn von uns, die von den Organisatoren zusammengetrommelt und zu einer Pressekonferenz in einem Motel an der I-95 vor Augusta in Maine geschleift worden waren. Schön lächeln für die Kamera, Jungs. Anscheinend hatten uns unsere jeweiligen Jugendstrafanstalten für dieses experimentelle Stipendium vorgeschlagen, weil wir an irgendeinem Punkt unseres Lebens einen Funken schulischen Potenzials gezeigt hatten, oder zumindest ein Fünkchen. Ich schätze, dass sie schulisches Potenzial mit Potenzial im Allgemeinen gleichsetzten. So als könnten wir unter Umständen lernen, wie man allgemein ein anständiges Leben führt. Seine Klamotten selbst bezahlt. Sein Essen in beschichteten Pfannen mit passenden Pfannenwendern zubereitet. Als könnten wir vielleicht sogar irgendwann unsere Sonntagvormittage damit verbringen, unser eigenes Auto zu waschen, statt am Samstagabend das von jemand anderem zu demolieren. Dieser ganze alltägliche, mysteriöse Kram eben, den andere Leute ganz selbstverständlich tun, Monat für Monat und Jahr für Jahr, bis irgendwann jemand merkt, dass sie nicht mehr da sind, und ein betroffenes Gesicht macht.

Eigentlich hätten wir Powders zuhören sollen. Aber die meiste Zeit beobachteten wir uns gegenseitig, als wären wir alle zusammen in einem dieser Flucht-aus-dem-Gefängnis-Träume, die immer so grausam enden. Neben Powders stand ein Maine State Police Captain, ein gewisser Leon Bigelot. Unser Kontaktmann. Wenn Massachusetts groß war, dann war Bigelot monumental. Mit seinem Bürstenhaarschnitt erinnerte er mich an einen dieser Osterinsel-Köpfe. Er sah aus, als könnte er mich mit einer Hand an der Unterhose hochheben und auf einen Weihnachtsbaum setzen.

»Das hier ist eine Premiere, meine Herren«, sagte Powders. »Wenn Achieving in Maine ein Erfolg wird – und daran habe ich keinen Zweifel –, dann werden dieser wunderbare Staat und Mr Cal Joiner ganz Amerika zeigen, wie wichtig es ist, im Leben eine zweite Chance zu bekommen.« Obwohl er ja eigentlich mit uns sprach, wanderte sein Blick über unsere Köpfe hinweg zu den sieben Reportern und dem Fotografen ganz hinten im Konferenzsaal.

»Entschuldigen Sie«, unterbrach ihn ein Junge mit Pferdeschwanz in der ersten Reihe. Er war halb von seinem Stuhl aufgestanden und reckte hektisch eine Hand in die Luft.

»Ihr werdet es nicht leicht haben«, fuhr Powders fort. »Weil ihr die Art von Dummköpfen seid, die sich für clever hält.« Die Pressetypen schmunzelten. »Das heißt, eigentlich seid ihr schon clever. Ihr habt euch nur immer dumm gestellt. Was irgendwie schon wieder blöd ist. Aber im Grunde seid ihr doch klüger.«

Der Pferdeschwanz reckte immer noch die Hand in die Luft, die andere lag auf einem Gitarrenkoffer. »Entschuldigen Sie. Pardon. Oui.« Echt jetzt? Ein Froschfresser? Na ja, es war offensichtlich, dass mit ihm irgendwas nicht stimmte, allein für die Euroklamotten hätte er Dresche verdient: Gebügelte Jeans, bauschiges weißes Seidenhemd. Der sollte sich besser nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.

»Wenn du mal musst …«, sagte Powders und deutete zur Tür.

Der Franzose rührte sich nicht. Bigelot starrte ihn an.

Massachusetts saß neben mir. »Schöne Ermutigung, der Typ«, flüsterte er. »Wie einer dieser calvinistischen Prädestinationswichser.«

»Prädesti-was?«

»Entschuldigen Sie«, wiederholte Frenchy.

»Was willst du, Junge?«

»Erkennt die Uni uns als richtige Studenten an?«

»Im Rahmen dieses Programms werdet ihr vorzeitig aus der Haft in die Obhut des Staates Maine entlassen. Eure schulische Ausbildung wird euch als Abschluss angerechnet, was ihr der Großzügigkeit von Mr Joiner zu verdanken habt. Und seiner engen Zusammenarbeit mit den staatlichen Gesetzgebern und den Mitgliedern des College-Verwaltungsrats. Aber es liegt ganz in eurer Hand, ob ihr es schafft.«

»Dann dürfen wir ein Auslandssemester machen? Wie alle anderen auch?«

Auslandssemester? Damit hatte er meine Aufmerksamkeit. Ausland klang nach Weite und Freiheit. Freiheit ohne Rückflugticket.

»Konzentriert euch erst mal darauf, in Maine zu überleben, bevor ihr euch durch den Dschungel von Borneo schlagen wollt«, sagte Powders.

Das Ausland war potenziell so weit weg, dass man spurlos untertauchen konnte. Dass keiner einen zurückschleppen konnte.

Powders nahm ein Buch vom Tisch. Ich konnte den Titel lesen, während er damit herumfuchtelte: Jeder kann es schaffen. Oder: Wie ich Fische das Fliegen lehrte.

»Also – weiß jemand von euch, wer Cal Joiner ist?« Niemand rührte sich. »Joiner Sports? Niemand? Okay, ich sag’s euch. Er ist euer Retter. Mehr braucht ihr nicht zu wissen. Aber lest sein Buch. Der Mann hat damals in der Besserungsanstalt für junge Männer in Pembscott angefangen, Kajaks zu bauen, und jetzt ist er stolzer Besitzer von siebenundvierzig Outdoor-Sportgeschäften in elf Staaten.«

»Und wo ist er?«, fragte ein Junge in Michael-Jackson-Bomberjacke mit einem großen violetten Bluterguss im Gesicht.

»Er wäre ja gern gekommen«, sagte Powders, »aber er leitet ein Multimillionen-Dollar-Unternehmen. Jedenfalls glaubt er fest daran, dass auch ihr eure zweite Chance nutzen werdet, genau wie er.«

»Wofür hat er gesessen?«, fragte ich. Massachusetts stieß mich in die Rippen.

»Fischen auf dem Chebago Lake«, sagte Powders. »Mit Dynamit, drei Mal. Steht alles im Buch.«

»Massenmord!«, rief jemand. Das Blitzlicht des Fotografen tauchte den Raum in stroboskopisches Licht.

»Genug jetzt«, sagte Powders und schlug das Buch zu. »So, ihr habt alle eure Unis zugewiesen bekommen. Drei von euch kommen nach Wimple, sieben nach Horwitz und die anderen drei nach Zane, ganz oben im Norden.« Er sprach jetzt lauter. »Eine zweite Chance bedeutet für jeden etwas anderes«, sagte er. »Einige von euch könnten akademische Ziele erreichen. Andere lernen vielleicht nur, ihr Gegenüber nicht mit Essbesteck zu attackieren. Aber vergesst bitte nicht, was es bedeuten würde, nichts zu erreichen. Nämlich, dass ihr irgendetwas anstellt, was zur Folge hätte, dass Captain Bigelots Telefon klingelt.«

Powders machte eine große Geste, als würde er uns einen Yeti präsentieren. »Der Öffentlichkeit sei versichert, dass wir diese Jungs sehr genau im Auge behalten werden.«

Sollten sich unsere Wege also wieder mit denen von Bigelot kreuzen, hatten wir es versaut. Zack, zurück in den Jugendknast, ohne Anrechnung der in der freien Welt verbüßten Zeit. Ich hatte keine Ahnung, was diese schöne neue und freie Welt so zu bieten hatte. Aber ich würde die Stellung halten. Bis mein großer Moment kam. Dann würde ich den Schleudersitz auslösen und meinen Arsch in die Freiheit katapultieren. Irgendwohin, wo niemand ein Auge auf mich hatte. So heimlich, still und leise, dass sie sich fragen würden, ob ich überhaupt je dagewesen war.

Als wir im Gänsemarsch über den Motelparkplatz gingen, ließ Powders uns nicht mit den Reportern sprechen. Sie folgten uns trotzdem mit gezückten Kulis.

»Hey Jungs, wofür habt ihr eingesessen?«

»Wie fühlt es sich an, frei zu sein?«

»Seid ihr bereit fürs College?«

»Ist das College bereit für uns?«, rief einer.

Wir stiegen wieder in den Bus und erreichten schweigend die Interstate. Bigelot folgte uns mit aufgeblendeten Scheinwerfern. Eine Dreiviertelstunde später verließen wir die Autobahn und fuhren eine ansteigende, gewundene Straße entlang, die an Farmen vorbeiführte. Auf einem Holzschild stand in eingeschnitzter Schrift: Wimple College. Gegründet 1789.

»1789!«, rief der Froschfresser.

Wir fuhren an terrassierten Rasenflächen vorbei, die mit dreistöckigen Studentenwohnheimen aus rotem Backstein gesprenkelt waren; es kam mir vor, als würden wir in ein Gelobtes Land eindringen. Der Bus hielt in einer Sackgasse.

»Also, Gentlemen, benehmt euch«, sagte Powders, nachdem Massachusetts, Frenchy und ich aufgestanden waren. »Die Schulbücher bekommt ihr gestellt. Und ihr habt Joiners Buch. Ich melde mich im Laufe der Woche mal bei euch.« Er klopfte mir auf den Rücken, als ich nach Frenchy und Massachusetts ausstieg, dann legte er mir eine Hand auf die Schulter. »Ich zähl auf dich, Prieto«, flüsterte er. »Du sorgst dafür, dass AIM funktioniert.«

»Und wie soll ich das anstellen?«

»Hör zu.« Er beugte sich vor. Sein Atem roch nach Donuts. »Halt dich von Sullivan fern. So was hab ich im Gespür. Wenn das Schiff untergeht, versuch, nicht in den Strudel zu geraten.«

»Was hat er getan?«

»Vertraulich«, sagte er. Dann scheuchte er mich die Bustreppe runter.

Sullivan schien eigentlich ganz okay zu sein. Mein Instinkt sagte mir, dass Powders ihn falsch einschätzte, und ich hatte schon immer ein Herz für die Missverstandenen. Ich drehte mich um. Massachusetts und Frenchy gingen schon in entgegengesetzte Richtungen über den Campus, begleitet von je einem Studenten mit Clipboard.

»Keine Sorge, dir zeigen wir auch noch, wo’s langgeht.«

»Was zum …?«

Ich fuhr herum. Direkt vor mir stand Studentin-mit-Clipboard Nummer drei. Sie war der Hammer.

»Du bekommst auch eine Orientierung.«

»Wer bist du?«, fragte ich.

»Halsey.«

»Äh, seerfreut. Ich bin …«

»Ich weiß schon alles über dich«, sagte das Mädchen, und bei mir schrillten sämtliche Alarmglocken. »Mein voller Name ist Halsey Zehra Taylor. Ich bin deine Orientierungshelferin. Die Leute hier nennen mich Hal. Spitznamen sind das A und O. Keine Sorge, wir finden einen für dich.« Wenn Halsey mit einem sprach, war es, als würde jemand mit einer Knarre auf deine Füße schießen. Sie führte mich einen mit Steinplatten gepflasterten Weg entlang über den Campus. Ihr Rock war lang und schwang hin und her, so etwas hatte ich höchstens mal in einem National Geographic-Heft gesehen. Sie war barfuß. Ihre Haut wie Karamell, exakt die gleiche Farbe. Ich schulterte meinen Rucksack, griff nach dem Seesack und folgte ihr.

»Ein weiter Weg aus der Bronx hierher, was?«

»Ungefähr acht Stunden mit dem Bus«, antwortete ich, und sie sah mich aus irgendeinem Grund komisch an.

»Ach so, klar. Kilometermäßig«, sagte sie.

»Qué tu sabe’, hermana?«

»Das war ja Spanisch! Oh mein Gott, die Sprachtests bestehst du mit links. Wo hast du das gelernt?«

»Zu Hause.«

»Mit welcher Methode?«

»Einfach eintauchen.«

»Ah, Immersion. Das ist so was von cool. Ein Freund meines Vaters musste mal in ungefähr drei Wochen Arabisch lernen. Außenministerium.«

Wir erreichten eins der Wohnheime, und Halsey öffnete die Eingangstür. Wir gingen die Treppe hoch und einen Flur entlang, und sie huschte schnell an mir vorbei, um die Tür von Zimmer 204 zu öffnen. »Willkommen in deinem neuen Zuhause.«

Ich stellte mein Gepäck auf dem einzigen Bett ab und ging zum Fenster. Draußen waren Jugendliche und ihre Eltern damit beschäftigt, Kombis auszuladen, Skier und Stereolautsprecher in die Wohnheime zu tragen.

Halsey stand im Türrahmen. Und sah mich schon wieder so komisch an.

»Spanisch also«, sagte sie.

»Sieht aus wie ein Doppelzimmer.«

»Es ist ein Dreierzimmer.«

»Aber es gibt nur ein Bett.«

»Hast halt Glück gehabt«, sagte sie und presste sich den Stift an die Unterlippe. »Einfach eintauchen, hm? Das ist der Schlüssel zu allem, oder?«

Ich setzte mich. »Und was tue ich jetzt?«

Halsey kam ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich. »Was hast du getan?«, flüsterte sie.

»Wann?«

»Na, dass du hier gelandet bist. Und mit wem hast du was getan?«

»Was?«

»Ich will die Erste sein, die es erfährt.«

Dann fiel sie über mich her. Küsste mein Gesicht und meinen Hals. Fummelte an meinem Gürtel herum. »Gott, wie mich der Laden hier ankotzt«, flüsterte sie mir ins Ohr. »Ein Wald voller Jungs. Jungs und ihr dämliches Geschwaller. Bla, bla, bla, bla, bla …« Ich war wie erstarrt. Neben all den anderen ersten Malen, die ich gerade erlebte, war dies das erste Mal, dass ich ein weißes Mädchen aus der Nähe roch. Was seltsam klingt, wenn es von einem weißen Jungen kommt, ist klar. Aber was war an meinem Leben nicht seltsam?

»Was hast du getan?«

Sie zog sich das Shirt über den Kopf.

»Steuerhinterziehung«, sagte ich keuchend.

Ihr Rock fiel auf den Boden.

»Glaub ich dir nicht.«

»Hab ein Walross kaltgemacht.«

Sie hielt inne, ihre Brüste vor meinem Gesicht. Aber nur für eine Sekunde. Dann ergab ich mich einfach dieser ganzen wundersamen Sache. Als wir uns in die Augen sahen, fühlte es sich so an, als hätte das alles tatsächlich etwas mit mir zu tun.

»Na?«, flüsterte sie. »Na?« In ihrer Stimme lag etwas Dringliches. »Mr Immersion. Was. Hast. Du. Getan …«

»Mord«, keuchte ich. »Ich hab jemanden ermordet.«

»Oh, das ist ja … Oh!«

Das Ganze dauerte etwa vier Minuten. Hauptsächlich, weil sie es offenbar recht eilig hatte. Aber auch, weil … na ja, was wusste ich schon? Dann brachte sie ihre Haare in Ordnung und schrieb die Nummer ihres Zimmers auf ein Stück Papier. Als wäre nichts passiert. Wäre ich nicht so perplex gewesen, hätte ich vielleicht gesagt, super, vielen Dank fürs Entjungfern.

»Warum kotzt dich die Uni so an?«, fragte ich. Nur, um etwas zu sagen. Damit sie nicht sofort wieder verschwand.

»Warte nur ab.« Sie stand auf, zog erst ihr Höschen, dann den Rock an. »Ich wusste gleich, dass du anders bist«, sagte sie. Das ging mir wieder auf den Sack. Was wusste sie schon? Sie lächelte. Aber nicht sexy oder verschwörerisch. Eher so wie Kommt garantiert nicht noch mal vor. Ich blieb auf dem Bett sitzen und schmollte, die Hose auf halbmast. Was sollte ich noch sagen? Ich gab hier nicht den Ton an. Ich hatte ja nicht mal den Schuss gehört. Und Halsey war etliche Nummern zu groß für mich. Das konnte man allein daran erkennen, wie sie den Kopf hielt. An der klaren, direkten Art, wie sie sprach. Außerdem war sie garantiert schon im zweiten Studienjahr.

»Und was jetzt?«, fragte ich. »Gehen wir in die Bibliothek?«

»Das machen wir erst, wenn die Vorlesungen angefangen haben«, sagte Halsey und ging zur Tür. »Fürs Erste reicht’s, wenn du dich frisch machst. Fühl dich wie zu Hause.« Sie zwinkerte mir zu.

»Und wie soll …«

»Mord!«, rief sie aus dem Treppenhaus. »Ha! Das glaub ich sofort!«

Ich stieß die Tür mit einem Fußtritt zu, lauschte dem Treiben draußen, den Schritten im Flur. ›Anders‹ hatte sie mich genannt. Ein kleiner Gangster, den man verarschen konnte? Sehr lustig. Ihr Seifengeruch war überall. Mir fiel der Zettel mit ihrer Zimmernummer wieder ein. Sie hatte ihn mir nicht gegeben. Was sollte der Scheiß? War das Absicht? War ich gerade zum ersten Mal flachgelegt worden oder hatte ich wieder nur eins aufs Maul gekriegt? So leicht konnte man mich verunsichern. Das war mein Problem. Na ja, nicht ganz. Es war ein Symptom meiner Probleme. Das gewöhnlich zu noch mehr Problemen führte. In meinen Eingeweiden rumorte es: Ich sollte bei der erstbesten Gelegenheit hier abhauen.

Als dann aber immer mehr Studenten ankamen, versuchte ich es erst mal mit Halseys Ratschlag. Zum Spaß wiederholte ich immer wieder: Fühl dich wie zu Hause. Fühl dich wie zu Hause. Aber der Drang wurde nur noch stärker. Der Drang, einfach aufzustehen, rauszugehen und den nächsten halbwegs nett aussehenden Typen krankenhausreif zu prügeln. Aus keinem Grund, den er verstehen würde. Je weniger Grund, desto mehr Schmerz. Der Überraschungseffekt war schon immer mein einziger Vorteil gewesen. Aber ich widerstand mit aller Kraft. Weil ich wusste, wohin dieser Weg führte. Dieser Weg, den ich gerade erst verlassen hatte.

Der Mörderweg war eine andere Geschichte. Davon kam man nie ab. Lach, so viel du willst, Halsey. Ich ging Massachusetts und Frenchy suchen.

———

Massachusetts stand auf einer der großen Rasenflächen und spielte mit einem Wachmann der Campus-Security Frisbee. Er grinste mich an und machte mit zwei Fingern das Peace-Zeichen.

»Dir ist schon klar, dass du den Typ vielleicht eines Tages hopsnehmen musst?«, sagte ich zum Wachmann.

»Ach komm schon«, antwortete er. »Kein Grund für so ein … ähm …« Er war viel zu jung, um irgendjemandem ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Seine Uniform hing an ihm wie ein XXL-Anzug an einem zu kleinen Kleiderbügel. »Wir haben im Sicherheitssektor eine kleine ungeriebene Schegel«, sagte er. »Ach Mann. Ungeschriebene Regel. Und die lautet, wenn ihr uns keinen Ärger macht, machen wir euch auch keinen.«

Ich legte Daumen und Zeigefinger zusammen, hob sie zum Mund und zog dabei die Augenbrauen hoch.

»Echt? Geht klar.«

Wir setzten uns zwischen ein paar Birken, und Massachusetts gesellte sich zu uns. Der Security-Typ holte einen ramponierten Joint hervor und zwirbelte ihn noch einmal zwischen den Fingern, bis er wieder straff war. Ich zündete ihn an. Es war Skunk, und ich musste husten.

»Die Anbausaison in Maine ist kurz.«

»Wie heißt du, Security?«

»Don.«

»Kommst du von hier?«

»Hab mich mein ganzes Leben lang keinen Zentimeter von hier wegbewegt.«

»Dein Job ist ja ziemlich kacke«, sagte Massachusetts.

»Ist der einzige, der in der Stadt zu kriegen ist«, sagte Don. »Wer nicht am Wimple arbeitet, ist entweder ein Krimineller, ein Krüppel oder zu doof zum Scheißen.«

Don umschlang seine Knie, und für den Bruchteil einer Sekunde verrutschte sein Lächeln. Vielleicht glaubte er, er hätte mich beleidigt. Oder vielleicht dachte er über den gottverdammten Quadratzentimeter nach, aus dem sein Universum bestand. Aber wahrscheinlich versuchte er einfach nur, aus uns schlau zu werden. Es war ziemlich offensichtlich, dass wir kein bisschen wie die anderen Wimple-Studenten waren, die wir bisher gesehen hatten: ein Typ wie ich, der zusammen mit einem anderen, der aussah, als hätte er die Kleiderkammer der Heilsarmee geplündert, unter einer knochenweißen Birke saß und einen Joint rauchte.

»Dann seid ihr wohl die Kriminellen«, sagte Don schließlich, »aus diesem neuen Kriminellenprogramm.«

»Wie hast du das nur erraten?«, sagte ich.

»Na ja, ihr kommt nicht aus Choate.«

Ich wollte fragen, was das ist, aber dann musste ich kichern. Das Zeug fing an zu wirken. Bald taten mir die Rippen weh. Was war so lustig? Alles und nichts. Dieser Tag, mein Leben. Alles war so schnell so schräg geworden. Verglichen mit meinem strunzlangweiligen Leben hinter Gittern, in dem die einzige Veränderung darin bestand, dass die Fäuste mal aus einer anderen Richtung oder zu einer anderen Uhrzeit kamen, veränderte sich hier alles mit Lichtgeschwindigkeit. Madre mía, fünf Minuten hier, und schon werde ich von einer wildfremden, unerreichbaren Blaublütigen mit weichem, weißem Flaum auf den Schenkeln flachgelegt. Dann hat sie danach eben nicht wie erwartet Small Talk gemacht und mir einen Kuss auf die Stirn gegeben oder irgend so was, na und? Im Moment war das alles zum Totlachen. Zum Glück. Ich würde einfach hier rumsitzen und kichern, bis ich wie Rip Van Winkle nach zwanzig Jahren in einer völlig neuen Welt aufwachte.

———

»Sag mal, wie ist das eigentlich passiert«, fragte Massachusetts, »bist du in einen Mähdrescher gefallen?«

»Japp«, sagte ich. »Auf meiner Farm im Norden der Bronx. Comemierdas.«

Er stutzte, genau wie Halsey. »Was bist du? So eine Art mexikanischer Albinowaise?«

»Ich bin kein Albino.«

Wir waren auf dem Weg zur Mensa. Immer noch stoned. Wir kamen an einer alten Backsteinkapelle vorbei, deren Eingangstor offen stand. Vor einem der Wohnheime saßen Studenten mit Fliegersonnenbrillen in Liegestühlen und tranken Bier aus einem Fass.

»Vor einem Monat wusste ich noch nicht mal, dass es das Wimple College gibt«, sagte Massachusetts.

»Wollte ich dich eh fragen«, sagte ich. »Nicht, du weißt schon, weshalb du gesessen hast. Weil, das ist ja vertraulich.«

»Nicht, weil ich jemanden fertiggemacht habe.«

»Warum wundert mich das nicht?«

»Ich habe keinen Typen krankenhausreif geschlagen, weil er meine Freundin angemacht hat. Und du?«

»Hab keine Autos geklaut.«

»Ist besser, man weiß es nicht«, sagte Massachusetts. Dann: »Echt jetzt? Du?«

Er hielt mir die große Glastür auf. In der Mensa kamen und gingen Studenten, es roch nach Fischstäbchen.

»Hast du schon mit dem anderen Typen gesprochen?«, fragte ich.

»Nö.«

»Was kann ein Froschfresser schon getan haben, um hier zu landen?«

»Egal, was er gemacht hat«, sagte Massachusetts und schnappte sich ein Tablett, »es pisst mich total an, dass er es in Amerika gemacht hat.«

»Wieso?«

»Weil das hier Amerika ist, mothuhfuckuh. Wir sollten nach Frankreich gehen. Irgendein Verbrechen begehen. Ausgleichende Gerechtigkeit und so.«

»Ich bin dabei«, sagte ich. »Da drüben gibt’s nen Architekten, dem ich in den Arsch treten muss.«

»Ach ja? Ist deine Rechte stark genug, um die Linke wettzumachen?«

»Nicht mal ansatzweise«, sagte ich. »Aber ich g

Gerry Hadden

Über Gerry Hadden

Biografie

Gerry Hadden ist in New York geboren und aufgewachsen. Als man ihm sagte, dass er sich aufgrund seines Aussehens besonders gut beim Radio machen würde, ging er zur BBC, wo er zwanzig Jahre als Korrespondent für Lateinamerika arbeitete. Heute produziert er Dokumentarfilme, die bereits mehrfach...

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