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Alles was Sie sehen ist neuAlles was Sie sehen ist neu

Alles was Sie sehen ist neu

Roman

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Alles was Sie sehen ist neu — Inhalt

„Freiheit geht uns gar nichts an“

Sie kannten die Plätze, Kaiser und Pagoden aus den Nachrichten. Aber sie wollten alles sehen, hören und schmecken. Deshalb stehen sie nach einem langen Flug in Kirthan, vor ihnen der Reiseleiter, der Welterklärer. Er heißt Nime, ein junger Mann mit einer Stimme wie ein Märchenerzähler. Er wird ihnen den Tempel der ewigen Freundlichkeit zeigen, die schnurgeraden Prachtstraßen und das asiatische Essen. Doch plötzlich ist Nime nicht mehr da. Und es stellt sich die Frage nach seinem Verschwinden und der Wahrheit hinter dem, was ihre Blicke erfassen. - „Alles was Sie sehen ist neu“ kommt im Gewand des romantischen Reiseromans daher und zeigt die Begegnung mit dem Leben unter totalitärer Herrschaft, wie es westliche Reisende nicht erwarten.

€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Erschienen am 02.03.2020
192 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-07010-2
€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erschienen am 02.03.2020
160 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99620-4
„Was diesem Roman sehr gut gelingt, ist auch diesen Tourismus von beiden Seiten zu beleuchten also aus der Perspektive von denjenigen, die unterwegs sind und die etwas sehen und aus der Perspektive derjenigen die sozusagen betrachtet werden, also den Einheimischen und auch dem Geschäftsmodell Tourismus in diesem autoritären Land.“
SWR2 „LesenswertMagazin“
„Exzellenter Roman“
Frankfurter Allgemeine Zeitung
„Ein Roman wie ein Sog, der uns in Chinas Tempel und Vorstädte holt und den man nicht aus der Hand legen will.“
Bayern 5 „aktuell“

Leseprobe zu „Alles was Sie sehen ist neu“

Die Gruppe

2019

Als wir in Kirthan ankamen, war der Flug uns in die Gesichter geschrieben. Die Haut spannte auf meiner Stirn, unsere Rücken zusammengestaucht.

Eine Zumutung, sagte Vater leise, aber während des Fluges hatte er sich mit keinem Wort beschwert. Während ich unruhig auf dem schmalen Sitz herumgerutscht war, meine kalten Füße geknetet und den Nacken massiert hatte, zwischendurch aufstehen und über meinen Vater hinwegsteigen musste, saß er in gerader Haltung und unbeweglich auf seinem Platz, hatte sich weder die Schuhe ausgezogen noch die [...]

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Die Gruppe

2019

Als wir in Kirthan ankamen, war der Flug uns in die Gesichter geschrieben. Die Haut spannte auf meiner Stirn, unsere Rücken zusammengestaucht.

Eine Zumutung, sagte Vater leise, aber während des Fluges hatte er sich mit keinem Wort beschwert. Während ich unruhig auf dem schmalen Sitz herumgerutscht war, meine kalten Füße geknetet und den Nacken massiert hatte, zwischendurch aufstehen und über meinen Vater hinwegsteigen musste, saß er in gerader Haltung und unbeweglich auf seinem Platz, hatte sich weder die Schuhe ausgezogen noch die hellblaue Fleecedecke aus der Plastikhülle geschält, hatte das Essen, das wir immer wieder gebracht bekamen, sorgfältig verzehrt, die Schälchen ineinandergestellt und sich bei der Stewardess bedankt.

Dann hatte er sich wieder das Buch vorgenommen, das er zum Reisebegleiter erwählt hatte, Reisen durch Kirthan in dunklen Zeiten, kleine Beobachtungen aus dem vorletzten Jahrhundert von jemandem, dessen Namen ich mir nicht merken konnte und für den Reisen eine noch größere Mühe gewesen war als für uns.

 

Es war Vaters Wunsch, mit mir gemeinsam Kirthan zu besuchen, er an meiner Seite oder ich an seiner, das nehmen wir nicht so genau. Vater hat mir die Reise spendiert, mit Einzelzimmeraufschlag. Meine Aufgabe ist es, ihn zu begleiten, seine dagegen, sein Wissen abzugleichen mit der Welt.

Für die Reise mit Vater sage ich jedes Jahr alles andere ab. Die Nachbarin schaut nach den Feuerbohnen und dem zarten Dill auf dem Balkon, das Kammerorchester probt ohne mich, und im Büro wissen es alle. Weil Vater mich sehr selten besucht, hat ihn noch niemand gesehen. Ich habe ihn immer wieder zu mir eingeladen, aber er möchte seine Bibliothek nicht verlassen. Die Reisen sind seine einzigen Ausnahmen.

Vater: im Krieg geboren. Er sagt, das tue nichts zur Sache. Die heutige Zeit, sagt er auch, interessiere ihn nur mäßig, weil sie wenig Bemerkenswertes hervorbringe. Von seiner Kindheit weiß ich wenig, ich habe mir abgewöhnt, ihn auszufragen. Es gehöre sich nicht, in die Menschen einzudringen, sagt er. Wenn ich ins Plaudern gerate, nickt er unaufmerksam und trinkt zu viel Kaffee, bis ich damit aufhöre. Meine Freunde gehen mit ihren Vätern angeln, einkaufen oder in die Sauna. Das käme uns nicht in den Sinn. Wir haben einige Geschichten an der Hand, aus der Zeit, als ich klein war, als Mutter noch lebte und als ich das Elternhaus verließ (im Frieden). Das genügt uns. Mein Vater langweilt sich nie, ist sehr beschäftigt, trägt im Winter moosgrüne Pullover und im Sommer schwarze, ungebügelte Hemden, die ihm ausgezeichnet stehen. Er musste in seinem Leben nur zweimal zum Arzt (wegen einer Nebenhöhlenvereiterung und einer Blinddarmreizung). Er verbringt seine Zeit damit, in Archiven mit weißen Baumwollhandschuhen die brüchigen Seiten von Erstausgaben umzuwenden, seine Bibliothek auf rechteckigen Pappkarten zu katalogisieren, gelegentlich Artikel zu verfassen und Dosensuppen zu erwärmen, wenn er hungrig wird. Immer trinkt er zu wenig, im Hochsommer rufe ich ihn täglich an und erinnere ihn an seine Wasserkaraffe. Seine wenigen grauen Haare lässt er regelmäßig im Damensalon von einer Friseurin schneiden, die Mutter noch kennt. Wenn er eintritt, reißt das lautstarke Geplauder der Damen kurz ab, und alle beobachten ihn freundlich, bis er sich aufrecht vor dem Spiegel eingerichtet hat. Ich habe ihm vorgeschlagen, zu einem Herrenfriseur zu wechseln, aber er hat gar nicht zugehört. Die Friseurin massiere ihm die Kopfhaut mit Birkenwasser, sagte er zufrieden, und rasiere ihm auch die Schläfen. Ich beobachte ihn das Jahr über aus der Ferne, regelmäßig bekomme ich von ihm sorgfältig aus den Zeitungen ausgeschnittene wissenschaftliche Artikel zugeschickt. Am Telefon fragt er mich dann nach meiner Einschätzung, ich muss mir Stichworte machen, um ihm zufriedenstellend antworten zu können. Seine Unnachgiebigkeit freut mich; auch ich nehme es mit allem sehr genau. Allein wie er, fürchte ich nichts mehr, als mich hängen zu lassen; nach einem verdösten Wochenende oder einer Nacht vor dem Fernseher fühle ich mich schlaff und nachlässig und verordne mir ein paar Bücher, damit ich nicht aufhöre zu denken. Eine Zeit lang habe ich morgens nicht mehr gefrühstückt, abends so viel Wein getrunken, bis meine Zunge schwarz war und meine Fingernägel nicht mehr gefeilt, aber das ist vorbei, und mein Vater hätte es nicht verstanden.

Wenn ich ihn besuche, taut er eine Gefriertorte auf, so wie Mutter es immer gemacht hat, die zu ungeduldig zum Backen war. Geduld genug hätte er, aber nicht die Zeit, um Butter und Mehl abzuwiegen, Streusel zu kneten und eine Backform zu fetten. Er möchte keine Fehler machen und mich nicht schlechter bewirten, als Mutter es immer getan hat. Servietten vergisst er trotzdem, die hole ich und verliere kein Wort darüber. Bei jedem Anruf klingt seine Stimme zuerst brüchig, weil er wenig spricht. Ich sehe ihn vor mir, wie er das Telefon zwischen seinen Papieren sucht, unter den aufgeschlagenen Büchern mit den winzigen Randnotizen, den sorgfältig fotokopierten Artikeln und den aufeinandergetürmten Zettelkästen, sortiert nach Jahren, Themen und Alphabet.

Was sollen wir mit deiner Bibliothek machen, wenn es dich mal nicht mehr gibt, habe ich einmal gefragt, aber keine Antwort bekommen. Er schaute mich streng an, als sei mir ein ungehöriger Einfall gekommen, den man nicht weiterverfolgen sollte.

Ich sorge mich manchmal um ihn, aber es gibt genug anderes zu tun, das Jahr geht vorüber, bis wir im September wieder telefonieren und unsere gemeinsame Reise im kommenden Jahr besprechen. Er wählt das Ziel. Ich frage ihn nicht nach den Gründen, denn ich weiß ja, worum es ihm geht. Meine Freunde wundern sich, dass mein Vater und ich kein Jahr auslassen; sie laden mich ein, stattdessen mit ihnen zu paddeln oder zu klettern, zu fliegen oder zu wandern. Manchmal hole ich auch wirklich meine Wanderschuhe aus dem Keller, kratze den eingetrockneten Dreck von den Sohlen und werfe mir probeweise den Rucksack über die Schulter. Früher bin ich oft so gereist, habe in Zelten Mücken totgeschlagen, auf Wiesen geschlafen und bin am Meer entlanggelaufen, bis mein Haar salzig und meine Socken sandig waren. Lange habe ich geglaubt, dass Reisen eine Form von Streunen sein müsse, dass ich auf Sofas in fremden Städten übernachten, mir den Magen an verkeimtem Wasser verderben, mein Essen mit mageren Straßenhunden teilen und nachts auf meinem Geldbeutel schlafen müsse, damit es zählt. Nach solchen Reisen war ich abgemagert und stolz. Aber Vater fragte nie nach diesen Fahrten, er wollte auch keine Bilder sehen.

Wenn wir reisen, werden wir zu einem Paar. Ich stütze ihn auf unebenem Gelände, warne ihn vor Sonnenbrand und Taschendieben und reiche ihm den Arm, wenn es bergauf geht. Doch wenn wir aus dem Fenster des klimatisierten Reisebusses schauen, ist er es, der mit dem hornigen Nagel des Zeigefingers an die Scheiben tippt und mir Straßenzüge und Dachgiebel zeigt, Architekturen, Statuen, er hat sich eingearbeitet, so wie er es auf jeder Reise tut und immer getan hat. Natürlich habe auch ich nachgelesen, aber ich weiß ja, dass ich mich auf ihn verlassen kann.

Kirthan, sagte Vater diesmal im September nach einer kleinen feierlichen Pause, wir sollten nach Kirthan fahren. Ich war überrascht. Wir reisen sonst eher in Europa, selten nach Amerika, nie nach Asien. Diesmal aber wollte er an einen Ort, über den ich ausnahmsweise nichts lernen wollte, ich kannte ihn, dachte ich, zur Genüge aus Märchen und von den rotgoldenen Imbissstuben, aus dem Museum und den Nachrichten, die Lage dort war bedrückend, und das Ganze war ein in sich gefaltetes, schwieriges Gebilde, das nur aus der Ferne glänzte. Für mich gab es keinen Grund, das zu ändern. Aber es lag nicht an mir, Vaters Entscheidung zu hinterfragen, einmal im Jahr hat er die Wahl.

 

Am Gepäckband stand der Reiseleiter mit seiner Weste, einem Schlüsselbund an der Hose und der Namensliste, Schirmmütze über dem angenehm gebräunten, schmalen Gesicht. Er hatte halblange Haare, die er sich sorgfältig hinter die Ohren strich, und schaute aufmerksam in alle Richtungen. Er war gut vorbereitet; unsere Namen kannte er schon auswendig.

Wenn ich mit Vater reise, fahren wir nie allein, und jedes Mal beobachte ich mit leichter Spannung und Gereiztheit die ersten Manöver des Reiseleiters, wie er sich anstellt, ob er geschmeidig ist, ob er laut lacht oder gar nicht und was er uns zu erzählen hat. Inzwischen bin ich in der Lage, mir sehr rasch ein Bild zu machen. Anfangs erschafft der Reiseleiter den Rahmen, in den er uns dann das Bild eines Landes hineinmalt. Man muss mit allem rechnen; wir hatten schon wilde Ölgemälde, abstrakte kühle Skizzen und verwirrende Collagen. Zum Glück sorgt die Firma, auf die wir uns seit einigen Jahren verlassen, für eine gewisse Vorhersehbarkeit. Es wird nicht wild gekritzelt, und die Farben sind generell angenehm gedeckt. Ich muss zugeben, dass es mich anfangs störte, an die Leine genommen zu werden, ich wollte mir selbst überlegen, wie ich Vater manövrieren und ihn auf die Höhen seiner Gelehrsamkeit begleiten könnte, wo wir gute Aussicht und einen freien Blick hätten. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt und bin froh, nicht über Fahrplänen hocken und auf Bahnsteigen herumstehen zu müssen, und Vater beschwert sich selten. Aber ich habe keine Lust, mich in die Hände eines Idioten zu begeben. Dieser Reiseleiter machte am Gepäckband bisher keine Fehler, er hatte seine Augen überall, war behände und lachte nicht zu viel. Vater und ich musterten die Gruppe, er mit seinem strengen Blick, ich erschöpft und ein wenig nervös.

Meinst du, die gehören zu uns?

Die sehen eigentlich nett aus, sagte ich höflich, aber ich wusste, dass es ihn nicht kümmerte, guck mal, der eine in seinen weißen Klamotten. Und das Mädchen, gehört die auch dazu? Ziemlich jung. Kann die sich das denn schon leisten?

Wir schoben die Koffer zusammen, frisch vom Band gezerrt, mit dem Logo der Reisefirma geschmückt. Vater stützte sich auf dem Gepäckwagen so ab, dass es niemand bemerken würde. Sicher hatte er sich längst eingearbeitet, hatte Bücher durchgesehen und Notizen gemacht. Er wusste von Keramik und Fischfang, Reis und Seide, wusste, wie die Städte gewachsen und die Grenzen gezogen worden waren, kannte Tempel, Plätze und Kaiser, aber er wollte das Gelesene vor Ort spüren, hören, schmecken. Nichts anderes wollte er dort vorfinden, aber auch nicht weniger. Er wollte nicht umherstreifen, sondern das Gelernte noch einmal lernen, und dafür hat unsere Firma das Monopol.

An unseren Koffern baumelten teure Lederetiketten, und unsere Pässe waren in weißes Leder eingeschlagen. Wir wischten uns mit Feuchttüchern über die trockenen Gesichter. Die Blusen waren verrutscht, die Haare wirr, es wurde Zeit, sich in Ordnung zu bringen, und das wusste der Reiseleiter, so wie er immer wissen würde, was wir brauchten, dafür war er ja geschult.

Hoffen wir mal, dass sie es sich leisten kann, sagte Vater und lächelte sein feines spöttisches Lächeln.

Liebe Kirthan-Reisende, sagte der Reiseleiter, darf ich kurz um Ihre Aufmerksamkeit bitten. Es gefiel mir, dass er uns als Reisende begrüßte und nicht als Gäste oder Kunden. Nichts ist wichtiger als der erste Satz.

Wie ich sehe, haben Sie sich ja bereits gefunden. Wir gehen nun zusammen durch den Zoll und direkt durch die Arrivals, zügig und gemeinsam. Vor der Glasfront wartet unser klimatisierter Bus und fährt uns gleich ins Hotel. Sie wollen sich sicher erst frisch machen.

Sein Deutsch war schnell und vollkommen akzentfrei, die Sätze purzelten ihm aus dem Mund, als hätte er sich das alles gerade jetzt erst ausgedacht, und vielleicht war es auch so. Ich musterte sein Gesicht, weil ich mir nicht mehr sicher sein konnte, ob er aus Kirthan stammte oder nicht, obwohl uns die Firma einheimische Experten versprochen hatte.

Wir nickten und rückten zusammen, die Gruppe war klein wie immer, auch dafür hatten wir bezahlt. Einige tuschelten gleich untereinander und tauschten erste Bemerkungen, über den Flug, die Koffer, die Reisefirma, reichten Stadtpläne und Wasser herum. Der Koffer des Mädchens war beschädigt worden, ein Riss zog sich durch den Hartschalendeckel. Der Reiseleiter fuhr prüfend mit dem Finger darüber, dann nahm er den Koffer und zog ihn zu einem gläsernen Büro, in dem uniformierte Beamte saßen. Wir seufzten, weil wir nun wirklich nicht noch länger warten wollten, aber es dauerte nicht lange, sie gestikulierten und beugten sich über den Koffer, dann zog einer der Beamten einen wuchtigen dunkelblauen Stoffkoffer aus einem Regal, fabrikneu und noch eingeschweißt, und stellte ihn dem Mädchen vor die Füße. Der Reiseleiter legte die Hände vor der Brust zusammen und bedankte sich anmutig, eine Geste, die seltsam einstudiert wirkte, und wir starrten entgeistert auf den klobigen Koffer, Kirthans erstes Geschenk an uns Gäste.

Vaters Koffer ist schwarz und schmal, es passt nur wenig hinein, sodass ich darauf achten muss, dass er dennoch sein Hemd oft genug wechselt. Er vergisst diese Dinge.

An aufrechten, unbeweglichen Zollbeamten vorbei stießen wir in die Ankunftshalle vor, wo wir in ein Meer von Einheimischen hineinströmten, Hunderte, Tausende, wir, etwas größer als sie, schauten leicht erhöht über unzählige dunkle Schöpfe, ein langsam mahlender Strudel, der uns aufnahm, auseinanderriss, vorantrieb, ich hielt Vater fest unter dem Arm, denn mit seinen langsamen, leicht ruckelnden Schritten blieb er zurück, wie Strandgut in dieser großen Bewegung, bis wir vor der Glasfront wieder alle zusammenkamen und die Ränder der Gruppe sich nach innen schlossen, unsere Schultern berührten sich, die Stöße und Bewegungen der Menge pressten uns noch enger zusammen, und der Reiseleiter sagte, mit einem verschmitzten Lächeln, willkommen in Kirthan. An seiner Weste zitterte ein weißes Namensschild, als stünde es unter Strom: Nime.

 

Dann im Bus, der Reiseleiter vorne neben unserem Fahrer, der sich von uns Joe nennen lassen wollte, saßen die Paare nebeneinander, die Einzelnen einzeln, ich neben Vater. So war es bisher auf jeder Reise, eine rasante Sortierung, die dann nicht mehr geändert wurde, als hätte jemand mitgeschrieben. Ich sitze seit jeher gern neben Vater, er riecht nach Papier und einer altmodischen Seife, die er sich im Internet bestellt, und ich frage mich, woher er sie bezog, bevor er lernte, einen Computer zu bedienen. Es war immer schon so, dass er mir hier und da etwas zeigte, aber er ist dezent, und mit seinen taktvollen Erläuterungen reichert er Orte und Zeiten an mit einem Wissen, das zu ihm gehört wie sein gekämmter, weiß gewordener Bart und seine schlanken Finger. Mit leiser Stimme erzählt er von Herrschern und Verlusten, Planungen und Veränderungen, Städte sind für ihn gebaute Geschichte, und ich kann durch keine Stadt gehen, ohne mir seine Gesellschaft zu wünschen. Die Menschen dagegen bemerkt er kaum, er schätzt manche von ihnen, mich zum Beispiel, andere sieht er gar nicht erst.

Köpfe sanken an getönte Scheiben, Schuhe wurden verschämt von den Füßen gestreift, Blusen zurechtgezupft. Zahnpastaflecken an den Krägen. Nime, unser Reiseleiter, pustete ins Mikrofon, gab ein paar Daten durch, Wetter, die genaue Ortszeit, das Programm für den Tag, vor allem erst mal frisch machen, diese Wendung benutzte er mit Vergnügen. Und er lenkte auch gleich den Blick auf die ersten bemerkenswerten Einzelheiten, die uns nicht aufgefallen wären, weil wir noch zu sehr mit uns selbst beschäftigt waren. Ich fuhr mit der Zungenspitze über die pelzigen Zähne.

Alles, was Sie sehen, ist neu, sagte der Reiseleiter, vor zehn Jahren war hier nichts, nur Schlamm. Aus den Pfützen und dem Dreck hat sich diese Stadt erhoben.

Es kann ja nicht sein, dass hier nichts gewesen ist, sagte ich leise zu Vater, es muss ja Flächen gegeben haben, vielleicht auch Häuser, Baracken oder Hütten, irgendwelche Äcker, von mir aus Reisfelder, jedenfalls kann man nicht einfach sagen, dass Kirthan erst seit zehn Jahren existiert, oder wie geht hier die Zeitrechnung.

Eine Geschichte braucht Entwicklung, Bilder, Übertreibung, sagte Vater und begann, mir die Baupolitik des letzten Jahrzehnts zu erklären. Aber Nime fuhr schon fort.

So ist es doch, Joe, und Sie werden es selbst erleben: Kirthan ist aus der Asche auferstanden, aus dem Nichts. Joe nickte heftig, ja, so ist es. Er hatte eine laute Stimme, und einige lächelten über seine Begeisterung. Vater lächelte nicht, er schüttelte nur den Kopf.

Die Straßen waren blockiert, eine festgekeilte, unübersichtliche Masse von Autos, ein Meer roter Rücklichter, die in unendlichen Rhythmen sekundenversetzt aufblitzten und sich kompliziert in den getönten Scheiben des Busses brachen. Kalte Luftströme wirbelten durch den Bus, aber draußen fädelten sich Radler mit nackten Oberkörpern und Mundschutz durch den Verkehr, drüben ein Karren mit orange glühenden Früchten, jemand zog ihn und wischte sich den Schweiß von der Stirn, auch das ist Kirthan, murmelte jemand weiter vorne im Bus, und wir nickten. Halb zu uns gewendet nannte der Reiseleiter nun, als habe er auf dieses Stichwort gewartet, Zahlen und Fakten, die Größe der Hauptstadt, die Luftfeuchtigkeit, die Hauptverkehrsadern, auf denen wir entlangkrochen bis in das Hotel, das eines der besten am Platze sein sollte. Nun sprach er nüchtern und ruhig, dieser Teil der Geschichte schien ihm leichtzufallen, er hatte alles im Kopf.

Meine Finger waren an den Kuppen taub, auch im Nacken spürte ich Spannung und die klamme Kälte der Klimaanlage, die ersten zogen Tücher und Schals aus ihren Taschen, die waren für alles gewappnet. Sie lehnten die Kameras an die beschlagenen Scheiben, die Objektive klackten gegen das Fensterglas, und machten die ersten Fotos. Auch Vater hielt seine kleine alte Spiegelreflex in der Hand, aber er wusste, dass er zu lang brauchen würde, um die passenden Einstellungen zu finden, und vielleicht auch, dass Kirthan in Schwarz-Weiß nicht funktionieren würde.

Der Dunst, unglaublich.

Ist das Smog?

Sind wir im Norden oder im Süden?

Das leise Gemurmel der Gruppe machte mich schläfrig, und ich sackte etwas in mich zusammen, während Vater immer noch aufrecht und konzentriert aus dem Fenster schaute.

Das Hotel liegt an einer der kilometerlangen, schnurgeraden Achsen, die die Stadt rechtwinklig durchschneiden, umstanden von hohen, dürren Palmen, unübersichtlich zusammengewürfelt. Durch unzählige Vorhallen, Anbauten, zwei Innenhöfe mit künstlichen Bächen, an vergoldeten Drachen und grünlich vermoosten Wasserspielen vorbei folgten wir Nime auf weichen Beinen zum Empfang. Kurz verhandelte er mit den Damen, sie lachten zusammen. Nime hatte biegsame Arme, die er ständig verschränkte und löste, als bräuchten sie dauernd Bewegung. Wie alt er wohl war, wie viele Jahre jünger als ich, war schwer zu sagen. Ich würde wenig von ihm erfahren, so war es immer, die Reiseleiter hielten sich im Hintergrund. Wir gaben die Ausweise ab, bekamen Schlüssel ausgeteilt.

Ich hoffe, dass wir die wiedersehen, sagte ich leise zu Vater und schaute den Damen zu, wie sie unsere weißledernen Pässe in zwei säuberliche Stapel sortierten. Während ich noch überlegte, warum es zwei Gruppen gab und wovon es abhing, in welchen Stapel man geriet, verteilten sich alle rasch. Nime ging, nun wieder ernst und mit gerunzelter Stirn, murmelnd noch einmal die Liste durch, während Kofferträger und Lakaien in weinroten und safrangelben Uniformen Rollwagen herumschoben und Türen aufhielten. Jemand wollte Kaffee und Kuchen, ein anderer einen Kamillentee, europäische Wünsche, die in Kirthan heimelig und unsinnig zugleich erschienen.

Ingwer, schlug Nime vor, das ist genauso gut.

Vater wartete geduldig auf mich, schaute umher und räusperte sich leise, er drehte auch langsam seinen Kopf hin und her, um die harten Muskeln zu lösen, und ich merkte, wie ich die Zähne zusammenbiss vor Müdigkeit. Rasch griff ich nach meinem leuchtend gelben Koffer und seinem schmalen dazu.

Ein Gang durch die benachbarten Zimmer, wir suchten Lichtschalter und europäische Fernsehkanäle, der Haarföhn lag im Schrank, winzig, wie für Puppen. Der Sprudel stand im Bad, und in den Fugen hinter der Dusche krochen winzige Tiere, die wir wegsprühten, und nur nicht hinlegen, sonst kommt der Schlaf. Frisch machen, Hände waschen, Klopapier falten und in die Tasche stecken für alle Fälle, und gleich würden wir unten im Restaurant lernen, wer wir waren, die Namen, woher und warum, wie oft schon und mit wem. Vater würde es sich nicht merken können, er vergisst solche Namen, manchmal sogar meinen, wenn er mich mit Mutters Namen anspricht, nur die Bauherren der Geschichte, die Geistesgrößen und Erneuerer, die Überflieger und Unternehmer, die vergisst er nicht. Bei den Runden sitzt er unbeteiligt, aber höflich, leicht abgewendet vom Nachbarn auf seinem Stuhl, ich kenne das von den letzten Reisen. Ich mustere die anderen immer scharf, ob ihre Blicke auch nur die kleinste Spur von Ablehnung verraten, doch niemand hält ihn für abweisend, und das will ich ihnen auch geraten haben.

Diesmal waren alle überrascht, als ich Vaters Alter verriet, es schien sie zu freuen, dass man in Vaters Alter solche Fahrten noch auf sich nehmen konnte, eine tröstliche Aussicht für diejenigen, die auf die Reisen mit der Firma nicht mehr verzichten konnten, es gab immer welche, die jedes Jahr zwei- oder dreimal aufbrachen und schon weltweit alle Touren der Firma mitgemacht hatten. Ich hielt mich neben Vater und drängte mich am Tisch gleich neben ihn, es war meine Aufgabe, ihn zu umsorgen, aber zugleich war es eine rettende Maßnahme. Ich esse nicht mit jedem, es kostet mich Kraft, einem fremden Nachbarn beim Kauen zuzuhören; so zurückhaltend wie Vater kauen die wenigsten, sie mahlen mit dem Kiefer und fahren sich ständig über die glänzenden Lippen, und ich wende den Blick ab und rücke näher zu Vater, der lautlos und geschickt seine Nahrung vertilgt.

Alle aßen mit Stäbchen, nur Vater versuchte es nicht, er fragte sofort nach Besteck, und der Kellner brachte es ihm so rasch, als hätte er schon darauf gewartet, wann der erste von uns aufgibt. Aber wir anderen waren entschlossen, die Gepflogenheiten des Landes zu erforschen, deswegen waren wir ja hier, und obwohl ich in Imbissstuben und in prächtigem Gold geschmückten Restaurants oft geübt hatte, stellte ich mich hier, wo es viele Zuschauer gab, reichlich dumm an und ließ kleine Brocken auf das Tischtuch und meine Oberschenkel fallen, aber Vater schien es nicht zu bemerken.

 

Und dann stießen wir noch einmal alle zusammen an: auf uns, auf Nime (wo war er?), auf den Busfahrer Joe, der nicht dabei war (schlief er im Bus?), auf die ewige Freundlichkeit, auf die Kellnerin, die uns immer mehr Cocktails des Hauses brachte (blau, mit silbernem Schimmer), auf die Scheinwerfer, die den Hotelgarten in ein perlmuttfarbenes Licht tauchten (wo vorhin noch die Katzen gebalgt hatten, flirrte nun ein geheimnisvoller Glanz zwischen den Büschen), auf die Transparenz, auf das Essen, das man uns in Dutzenden von Schalen auf Drehscheiben gestellt hatte, mit einer Drehung hundert neue Geschmäcker. Inzwischen waren wir satt und träge, der Jetlag machte uns rührselig, und wir tranken noch eine letzte Runde, bevor wir in die Betten sanken und sofort einschliefen.

 

Die Nacht war unruhig. Die Klimaanlage sprang aus und an, ich wachte auf und wälzte mich unter den Laken. Die Reise schien mir wie eine gewaltige Hausaufgabe, für die ich mehr Zeit und Kraft brauchen würde, als ich hatte. Aber so geht es mir anfangs immer. Jetlag trieb uns morgens um halb sechs aus den Betten, im beleuchteten Spiegel sah ich fahl und kränklich aus. Vor den dreifach verglasten Fenstern der Frühstückslounge dröhnte der Verkehr, während wir am Buffet hin und her gingen und zwischen den kirthanesischen Knödeln und Bällchen, Suppen und Fladen zauderten, und dann mussten wir uns, beladen mit Schalen und Bechern, Plätze suchen, Vater und ich. Das Mädchen mit dem neuen Koffer setzte sich allein ans Fenster, dahinter das verhaltene Paar aus Essen, der norddeutsche Lokalpolitiker zog seine Frau hinüber zum Tisch der jungen Ärzte, wir erinnerten uns noch an viele Namen, aber nicht an alle, das würde anders werden in den nächsten Tagen, ich jedenfalls würde mir schon Mühe geben. Ich würde Vater soufflieren, wenigstens ein paar Namen sollte er hier und da ins Spiel bringen, auch wenn seine Geselligkeit vor allem auf mich beschränkt ist. Nime, der ausgeschlafen und vergnügt grünen Tee trank, rief uns zum ersten Programmpunkt: Schattenboxen mit Joe, der nicht nur Busfahrer war, sondern unser Kontakt, unsere Schnittstelle zu Kirthan. Er frühstücke nicht mit uns, nein, er esse morgens gar nicht, erklärte Nime.

Er sitzt eine Stunde, er boxt Schatten eine Stunde, dann kommt er zu uns und fährt Bus.

Meinen Sie Sitzen als Meditationstechnik?

Warum frühstückt er nicht mit uns?

Die lokalen Kräfte nehmen die Mahlzeiten nicht mit uns ein.

Wollen sie nicht, oder dürfen sie nicht?

Nime lächelte versonnen und versammelte uns um sich. Er musste nicht lange warten, wir suchten von allein seine Nähe, wir wurden hier alle wieder zu Anfängern.

Wir stellten uns in einem der Innenhöfe im Halbkreis auf. Die Luft war schon klamm und umschloss uns wie warmes Wachs. Wir warteten auf Joe, der heute anders aussah, weiß gekleidet, ohne Kappe, er stellte sich strahlend in unsere Mitte und begrüßte uns mit aneinandergelegten Händen. Gleich begann er, mit ausgebreiteten Armen langsame Bewegungen zu vollführen. Hinter ihm am künstlichen Wasserfall rauften karamellfarbene Katzen um ein Stück totes Tier, bis einer der Lakaien durch die Schiebetür nach draußen stürzte und sie laut zischend verjagte. Joe hörte nicht auf zu lächeln, er drehte sich langsam und anmutig nach links und rechts, ging in die Knie, die Arme immer in einem weiten Kreis gespannt, und wir versuchten, es ihm gleichzutun. Leichte Befangenheit grundierte unsere ungeschickten Bewegungen, wir waren zu schnell und zu eckig, nur das Mädchen machte es sehr gut und wusste das auch, sie spähte nach links und rechts, ob wir ihr auch zuschauten, geschmeidig drehte sie sich, führte eine Hand durch die Luft, setzte den Fuß langsam auf den Boden. Auch Joe war sie schon aufgefallen, er lächelte ihr zu, während die Katzen hinter ihm auseinanderstoben und sich an den Wänden entlangdrückten. Wir wollten alle von Joe angelächelt werden, wir gaben uns noch mehr Mühe, wurden langsamer, gingen in die Knie, die T-Shirts wurden schon feucht.

Ich drehte mich zu Vater um. Er stand schräg hinter mir, und ich hoffte, dass er eine gute Figur machte. Aber ich hätte mir keine Gedanken machen müssen, aufrecht stand er da, bewegte sich kaum, sein Gesicht mit den geschlossenen Augen und der hohen, zerfurchten Stirn war ernst und erhaben und passte sehr gut.

Joe ließ den Blick schweifen, bis er nach einer Weile sagte, ihr strengt euch zu sehr an, liebe Gäste, es ist ein Tanz. Das Mädchen nickte ihm zu, als hätte sie eine besondere Einsicht und sei vor uns allen erwählt, diesen Tanz zu erlernen. Wir merkten plötzlich, dass wir von winzigen Stechmücken umgeben waren, die sich auf unseren Waden und im Nacken festsaugten. Einer fing an, sie wegzuschlagen, und plötzlich wedelten alle durch die Luft und klatschten sich auf die Arme, und Joe schüttelte kaum merklich den Kopf. Ich wusste, dass sie Vater nicht stechen würden, er hat kein süßes Blut. Der Reiseleiter war drinnen geblieben, in der klimatisierten Kühle ging er mit einem Glas Tee in der Hand bedächtig auf und ab, bis wir unseren ersten Kontakt mit Kirthan hinter uns gebracht hatten und übersät mit winzigen roten Stichen und verschwitzt wieder in die Halle strömten, Joe und das Mädchen, das ihm Fragen zu den Bewegungsabläufen stellte, als Letzte.

Doch, sagte das Paar aus Essen, etwas ist in Gang gekommen.

Eine Art warmer Fluss.

Nein, ein warmer Strom, der durch den ganzen Körper fließt.

Ich finde, eher ein kühler Strom, unterbrach der Herr in Weiß, der ein Einzelzimmer hatte, eher erfrischend.

Und warum sind Sie dann so verschwitzt?

Ich mache seit Jahren Schattenboxen, mich strengt es nicht an, sondern belebt mich.

Aber Sie haben sich doch eben genauso blöd angestellt wie wir alle.

Wir lachten. Auch der Herr lachte, und sogar das Mädchen lächelte, natürlich wusste es, dass es jünger und schöner war als wir anderen, Anmut in jeder Bewegung, gepaart mit rührender Tapsigkeit. Vielleicht ließe sich herausfinden, warum sie nicht mit ihrem Liebhaber und einem großen Rucksack durch Kirthan trampte. Ebenso würde zu erfahren sein, was es mit den weißen Jacketts und Schlaghosen des Herrn auf sich hatte. Es war nicht wichtig, und danach würde ich es wieder vergessen, und dennoch würden wir Geschichten übereinander erzählen, während wir hier waren. Nime erzählte uns von Kirthan, und wir erzählten uns von uns selbst in Kirthan.

Es kommt nicht darauf an, wer besser ist, sagte Joe in einem leicht tadelnden Ton, Schattenboxen ist ein Weg, den man einschlagen kann.

Nun, ich habe ihn bereits eingeschlagen, erklärte der Herr in Weiß feierlich.

Was ist mit den Katzen, warum hat man sie verscheucht, und wer sorgt für sie?

Man sollte es drinnen machen, da arbeitet die Klimaanlage!

Das Mädchen schaute von einem zum anderen, kratzte sich gedankenverloren die Waden und wartete ab, bis sich die Lage wieder beruhigt hatte. Ich beugte mich über Vaters linken Oberarm, wo eine saftige Quaddel sich aus der knittrigen Haut hervorwölbte.

Der Reiseleiter, der im richtigen Moment in unsere Mitte trat, erklärte sachlich, die Mücken seien harmlos, die Katzen aber in Kirthan Seuchenträger (nicht anfassen), und klopfte Joe auf die Schulter, lobte sein meisterhaftes Schattenboxen und das großartige Deutsch, fast so gut wie sein eigenes. Wir klatschten, nahmen die kleinen Trinkflaschen in Empfang, die Nime uns austeilte, und folgten ihm zu unserem kleinen, frisch gewaschenen Bus, der uns in unseren ersten Tag hineinfahren würde.

Draußen vor dem Hotel, keine zehn Meter von der Einfahrt entfernt, hockten Händler auf kleinen Decken. Sie schlugen gegen Töpfe oder Schüsseln, damit wir zu ihnen hinüberschauten, und winkten uns zu sich.

Gehen Sie nicht darauf ein, seufzte Nime, wir werden diese Leute überall sehen, sie kommen vom Land und wollen Gewinn machen, es sind Gauner, die jeden übers Ohr hauen. Seine Stimme war weich, als wolle er die Warnung etwas abmildern.

Auf dem Land herrscht in Kirthan große Armut, nicht wahr? Wie in den anderen Provinzen auch, man liest es überall. Der Lokalpolitiker musterte Nime, als wolle er ihn prüfen.

Nime schaute zur Seite, hinüber zu den winkenden Händlern auf ihren Decken; sie hatten schmale Gesichter, raue, gebräunte Haut und weite, kittelähnliche Hemden. Er zuckte die Schultern, antwortete aber nicht. Wir sahen, wie sie dasaßen zwischen aufgeschichteten Wassermelonen und eingeschweißten Handtaschen, und obwohl wir gewarnt waren, schlenderten einige von uns zu ihnen hinüber und fragten nach den Preisen. Nime schüttelte den Kopf, aber er ließ uns gewähren. Auch Vater zückte seine Geldbörse und reichte mir einen Schein, gib du ihnen das.

Das hilft ihnen doch nicht, seufzte ich, Vater, das weißt du.

Natürlich hilft es ihnen. Heute hilft es ihnen.

Die anderen mischten sich ein.

Ja, auf dem Land haben sie gar nichts, das weiß man ja.

Alles eine Frage der Politik.

Weiß ich.

In diesem Land muss niemand verhungern.

Die brauchen kein Mitleid, die haben doch ihr Leben gut im Griff.

Kann man ohne Geld sein Leben gut im Griff haben?

Jedenfalls habe ich denen ein Stück Wassermelone abgekauft.

Nicht essen, rief Nime, da können Keime dran sein, Sie sollten von den Leuten nur Heißgekochtes kaufen. Jetzt war er sich seiner Sache wieder sicher, das hörte man.

Dagmar ließ erschrocken die Melonenschnitte sinken, die sie schon zum Mund geführt hatte.

Ja, soll ich das jetzt wegschmeißen?

Während wir in den Bus stiegen, stand sie unentschlossen herum und überlegte, was sie mit der Melone tun sollte.

Kommen Sie dann auch?

Da drückte sie Joe das Stück in die Hand, vielleicht hielt sie ihn für resistent, jedenfalls schien er sich sogar zu freuen und biss gleich hinein, dass der Saft spritzte.

Der Reiseleiter schüttelte unmerklich den Kopf, griff aber nicht ein. Endlich sicher im Bus, saßen wir wieder geordnet nach Paaren, Vater und ich (nur der weiße Herr und das Mädchen allein), gut verglast und gefedert, getragen von der leisen, flüssigen Stimme des Reiseleiters und dem Rauschen der Klimaanlage, und der Jetlag umhüllte uns, beschlug die Scheiben, bis wir alle einschliefen und das grell ausgeleuchtete morgendliche Kirthan spurlos an uns vorbeizog, während Nime über uns wachte und Joe Wassermelone kaute und leise über den Verkehr fluchte.

Irgendwann schreckten wir hoch, als Nime uns mit ein paar wohlformulierten Informationen auf die Tempelanlage vorbereitete, die wir gleich besichtigen würden.

Hast du auch geschlafen, fragte ich Vater. Er rieb sich die Stelle an der Nase, wo die Brille kleine rote Abdrücke hinterließ, und sah mich fremd an.

Um uns herum kamen erste Gespräche in Gang. Nur der weiße Herr schwieg und schaute aus dem Fenster, und das Mädchen hatte Stöpsel im Ohr.

In Kassel, sagte Dagmar, leben viele von hier, diese irre scharfen Gerichte in den Restaurants, Sie wissen ja, Kirthan hat die schärfsten Gewürze, schärfer noch als anderswo im Land.

Genau, fiel der norddeutsche Lokalpolitiker ein, und die kleinen Restaurants expandierten sehr schnell, ob ihr das schon aufgefallen sei, das liege am Fleiß und an der Geschäftstüchtigkeit der Leute, wie ja überhaupt diese Wirtschaftskraft noch die Welt umkrempeln werde, und er heiße Horst. Das Paar aus Essen blieb schüchtern, und die Ärzte waren mit Fotografieren beschäftigt, sie hatten gewaltige Kameras mit raffinierten Objektiven, mit denen sie Kirthan dokumentieren würden, und zwar schonungslos, nicht nur die malerischen Seiten, erklärte der junge Arzt, im Land herrsche eben das Regime, auch in Kirthan, das müsse man mal so deutlich sagen, das könne man nicht immerzu verschweigen, und auf den Bildern könne man nicht nur Hochglanzschönheit zeigen, die wir bisher übrigens noch nirgends entdeckt hätten, man müsse es ja den Leuten von hier, diesem Joe zum Beispiel, nicht gleich unter die Nase reiben, aber die Bilder sprächen für sich, und er lasse sich in der Hinsicht nicht bestechen.

Nime drehte sich um und musterte uns, aber er sagte nichts. Die laute, empörte Stimme des Arztes störte mich, wir wussten alle, wie es im Land zuging, und nur weil er recht hatte, brauchte er nicht hier herumzutönen. Aber Nime schien gar nichts gegen die kleine Ansprache einzuwenden zu haben. Ruhig schaute er uns in die Gesichter und dann wieder aus dem Fenster.

Ich wusste, dass mein Vater diesen Gesprächen nicht folgte, er fand sie belanglos, oder er nahm sie gar nicht wahr, und wenn ich ihm später die Zusammenhänge schilderte, damit er sich nicht ausgeschlossen fühlte, winkte er ab.

Ich muss das nicht hören.

Aber man sieht doch nur, was man sehen will, rief auf einmal die Dame hinter uns, die einen Zeichenblock auf den Knien hielt.

Da schien Nime sich wieder zu besinnen, was er zu sagen hatte. Warten Sie doch einfach ab, warten Sie, bis wir am Tempel der Ewigen Freundlichkeit sind, und es wird Sie überwältigen.

Das sei es ja eben, murmelte der Arzt, überwältigen wolle er sich nicht lassen, das sei dieser Überwältigungsgedanke, auch Diktaturen arbeiteten damit, er aber wolle hinschauen, dafür sei er hier. Horst ermutigte das junge Paar, einen kritischen Blick auf Kirthan zu werfen, und sie fingen auch gleich damit an und fotografierten aus dem getönten Fenster des Busses die Wohntürme links und rechts der über- und untereinander geführten Schnellstraßen, endlos hintereinander gestaffelte zwanzig- oder dreißigstöckige Betonquader, an den Hauswänden Trauben von Satellitenschüsseln, Wäscheleinen um die winzigen Balkone gerankt, während Nime starr geradeaus blickte und beharrlich gegen diese Ödnis anredete, von der Schönheit des Tempels der Ewigen Freundlichkeit schwärmte, der Bedeutung der Symbole an der Fassade, den Götterfiguren in den Nebentrakten, den Farben der Dachschindeln.

Gelegentlich schüttelte Vater kaum merklich den Kopf. Vielleicht war eine Jahreszahl falsch oder ein Symbol nicht korrekt erklärt, er würde sich jedoch nie zu Wort melden, wie wir das auch schon in anderen Gruppen erlebt hatten. Er schwieg, aber das Wissen in seinem Körper gab keine Ruhe, und er seufzte leise oder knetete seine Finger. Früher störte mich das, ich fand es maßlos, aber inzwischen habe ich begriffen, dass er damit nichts beabsichtigt und niemandem schadet; seine Gelehrsamkeit bahnt sich eben ihren Weg.

Nime schien davon nichts zu merken. Er saß angespannt neben Joe und hielt sich, während er weiterredete, sehr gerade; beinahe hätte er es geschafft, uns in die Tempelgeschichte hineinzuziehen, wenn da nicht der junge Arzt mit seiner Kamera gewesen wäre, der nachhaltig empört fortwährend auf den Auslöser drückte.

Da verlangte Joe das Mikrofon, und wir lehnten uns wieder zurück, während er Lars, dem Arzt, einen Strich durch die Rechnung machte.

Dies ist die Neustadt, rief er, jeder will hier wohnen. Leises Murmeln unter uns, Lars ließ die Kamera sinken. Alles neu, sagte Joe, die Wohnungen haben Toiletten und kleine Küchen, verstehen Sie, das ist fantastisch, man kann für sich sein, die Familien fühlen sich wohl, sehr wohl hier, sie müssen ihre Kinder nicht mehr auf die zugigen Gänge schicken zum Waschen so wie früher, ach was, so wie vor zehn Jahren noch, also will jeder hier wohnen, verstehen Sie.

Das verstanden wir natürlich, auch wenn Horst dazwischenrief, was denn mit den dörflichen Gemeinschaften sei, die seien ja aufgelöst in solchen Wohnsilos, und sozialpolitisch gedacht fördere diese Modernisierung doch die Vereinsamung, da gebe es ja wohl keinen Zweifel.

Noch einmal schüttelte Nime den Kopf, und sofort wurde klar, dass wieder ein Fehler begangen worden war: Horst hätte nicht dazwischenrufen dürfen, hierzulande unterbricht man den Redner nicht, und wenn, dann mit Applaus. Mein Vertrauen in Nime wuchs.

Er weiß, was er tut, sagte ich leise zu Vater, der zog die Augenbrauen hoch.

Er scheint mir aber doch den ein oder anderen falschen Zusammenhang herzustellen.

Du nimmst es schon sehr genau, flüsterte ich, nun sei doch etwas gnädiger.

Du weißt, wofür wir bezahlt haben, sagte Vater und gab sich kaum Mühe, leise zu sprechen.

Joe blieb gelassen, er lächelte ins Mikrofon, Gemeinschaft ist wunderbar, aber Sie verstehen, ein Klo ist noch wunderbarer.

Auch bei uns gibt es ja Schlafstädte, warf Dagmar ein und erzählte von einem Jungen in ihrer ehemaligen Klasse, der mitten aus dem sozialen Brennpunkt kam und trotzdem sehr begabt war. Sie hatte es nicht verstanden: dass die Wohnblocks eben keine Brennpunkte waren, sondern Orte der Sehnsucht, und dass wir es nie begreifen würden.

Allmählich wurde es Zeit, dass wir etwas Schönes zu Gesicht bekamen, ich wünschte es uns allen, aber vor allem Vater mit seiner wachsenden Ungeduld. Vor uns öffnete Doris ihr Bleistiftkästchen und suchte den spitzesten heraus.

Früher dachte ich, Reisen sei eine Form der Hypnose. Wenn ich nur lange genug auf eine Fassade, eine Brücke, in ein Gesicht starrte, würde sich die Oberfläche abschälen, und darunter träte die eigentliche Substanz zutage. Deswegen habe ich auf Reisen viel Zeit damit verbracht, herumzusitzen und mit meinem Blick die Oberflächen abzutasten.

Vielleicht zeichnet Doris deswegen ständig, dachte ich, es ist nur ein Vorwand, um die Dinge unverwandt anzuschauen.

Auf dem Parkplatz des Tempels mussten wir uns mit einem Funksystem vernetzen, das der Reiseleiter jedem persönlich in die Ohren steckte, mit einer taktvollen raschen Bewegung strich er uns die Haare zur Seite und setzte die Ohrstöpsel ein. Dann nickte er uns zu und ging zügig voran. Wir drängten hinter ihm her durch die Absperrungen. Weit hinten leuchtete der Tempel der Ewigen Freundlichkeit mit seinen azurblauen Dächern, für die er berühmt ist, umspült von einer Menschenflut, die über die Wege quoll, uns gleich aufnahm und auseinanderriss. Nimes Stimme im Ohr, der uns dirigierte und zugleich erklärte, was wir sahen, ließen wir uns voranschieben. Er hatte nun auch ein Fähnchen mit dem Logo der Reisefirma ausgeklappt und reckte es weit vorne in die Luft, wir hefteten unsere Augen darauf und versuchten, schneller zu gehen, aber die Menschen um uns herum wichen nicht, im Gegenteil blieben manche stehen und drehten sich zu uns um, einige zeigten auf uns. Schon waren wir auf unzähligen Handys festgehalten, Schulklassen in Matrosenanzügen zupften an unseren Windjacken, manche wollten uns die Hand schütteln, und der Reiseleiter tönte in unseren Köpfen.

Kommen Sie weiter, halten Sie sich an die Fahne, wir müssen zusammenbleiben.

Vater fiel zurück, er bemühte sich zwar, das Tempo zu halten, und ich drängte ihn sanft voran, indem ich den Druck auf seinen Unterarm erhöhte, aber sein Atem ging flach, und ich wusste, dass ich es nicht übertreiben durfte. An den Absperrungen standen Soldaten, vielleicht auch Polizisten, sie trugen olivfarbene Uniformen und schauten unbewegt in die Menge.

Wir werden beobachtet, rief Lars und hob die Kamera vors Auge, da schritt auch schon einer der Männer auf ihn zu und herrschte ihn an.

Sorry, rief Lars, und zugleich winkte er uns triumphierend, damit wir sahen, wie man hier mit der Freiheit umsprang. Kurz vor dem Portal des Tempels bildete sich eine Traube um den Reiseleiter.

Hier erleben Sie zum ersten Mal, wie viele wir sind, lachte Nime, der ausgeruht wirkte, während die meisten von uns schon Schweißflecken auf dem Rücken und im Schritt hatten. Zu groß die Angst, verloren zu gehen, wir könnten allein hier nicht bestehen, zwar hatten wir kleine Visitenkarten des Hotels in der Tasche, aber wo waren Taxis, mit welchem Geld sollten wir bezahlen, und wo war überhaupt der Ausgang?

Bevölkerungsdichte ist untertrieben, murmelte Lars. Warum die Kinder Matrosenanzüge trügen, wollte Dagmar wissen, diese Uniformiertheit sei ja auch eine Form der Gleichmachung, und was mit den Kindern sei, die sich die Anzüge nicht leisten können.

Aber Nime ließ sich in keine Debatte verwickeln. Seine Aufgabe war, so erklärte ich es mir, uns in eine Stimmung der Andacht und Freude zu versetzen, und er tat, was von ihm verlangt wurde. Ich musterte Vaters Gesicht, um zu sehen, ob ich darin Freude lesen konnte. Es ist schwer, sich in seinem Gesicht auszukennen, in all den Jahren bin ich nicht sehr gut darin geworden, die feinen Hinweise zu suchen, die leicht gekräuselten Augenbrauen, das lautlose Räuspern, das seinen Adamsapfel auf und nieder schickt. Er ist wie eine alte Handschrift, mit weißen Handschuhen wende ich behutsam die Seiten, und manchmal finde ich etwas, das ich verstehe. Dann ließ ich meinen Blick hinüberwandern zu Nime, in dessen Gesicht keine Spur von Andacht zu sehen war, aber auch kein Widerwillen. Ruhig schaute er uns entgegen und bewegte kaum merklich die Lippen, vielleicht zählte er uns.

Im Pulk drängten wir uns durch das Portal, berührten die goldenen Dekorationen an den Toren, die sich wie große, glänzende Pickel siebenfach aus dem Holz wölbten, und niemand ging vorbei, ohne sie nacheinander anzufassen und sich dabei fotografieren zu lassen, sodass es zu einem wilden Gedränge kam und Nime uns weiter vorantrieb, bis wir endlich auf den weiten Vorplatz gelangten, der den Tempel halbmondförmig umschloss. Wir blieben stehen, eingeschüchtert von der kilometerweiten Anordnung der Mauern und Pfeiler, die sich vor uns ausdehnte, gekrönt von den im faden Licht des bedeckten Himmels schimmernden blauen Dächern. Doris versuchte, im Stehen ein paar Striche auf ihren Zeichenblock zu werfen, und wurde sofort umringt von Zuschauern, die sie beglückwünschten und die Daumen begeistert nach oben reckten. Schüchtern klappte sie den Block zu und schloss auf, wir ließen uns die weit geschwungenen Treppen hinauftreiben, die auch der Kaiser damals mit seinem Hofstaat hochgestiegen war, wie Nime uns raunend erzählte.

Vater hantierte mit seinem Ohrstöpsel und wollte stehen bleiben, aber wir mussten aufschließen, auch wenn die Treppenstufen ihn zum Keuchen brachten.

Als ich vor Jahren zum ersten Mal seinen pfeifenden Atem hörte, geriet ich in helle Aufregung. Wir liefen gemächlich auf einem gewundenen Weg zu einer Burg, die Steigung war kaum spürbar, aber Vater setzte immer langsamer einen Fuß vor den anderen, schwankte leicht, als müsse er auf einem Seil balancieren, und keuchte. Ich herrschte ihn an, ich wollte ihn zügigen Schrittes bergauf wandern sehen so wie immer, keinesfalls sollte er keuchen und nachlassen. Ich war eine unerbittliche Gegnerin des Alters. Seit diesem Spaziergang lauerte ich auf Zeichen der Schwäche und argumentierte sie weg. Wenn er am Telefon leise sprach, tadelte ich ihn; bei meinen Besuchen achtete ich auf seine Kleidung und seinen Gang, verbot ihm zu schlurfen, und vor allem Vergesslichkeit ließ ich ihm nicht durchgehen. Vater wehrte sich nicht, dazu ist er zu höflich. Er blieb still, hielt sich aufrecht und hatte es im Griff, so drückte er sich aus. Ich habe es im Griff, sagte er freundlich und ein wenig spöttisch, als hätte ich keine Ahnung, was ich ihm abverlangte. Seitdem wir zusammen reisen, bin ich gnädiger mit ihm. Ich sehe, wie er altert, aber auch ich altere, und die Reisen sind Bewährungsproben, die wir bisher alle einwandfrei gemeistert haben. In den letzten Jahren waren wir in Kanada, Spanien, Schottland und Tasmanien. Solange er es durch diese Stadt schafft, ist alles in bester Ordnung.

Annette Pehnt

Über Annette Pehnt

Biografie

Annette Pehnt, geboren 1967 in Köln, studierte und arbeitete in Irland, Schottland, Australien und den USA. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Freiburg und Hildesheim, wo sie das Institut für Literarisches Schreiben & Literaturwissenschaft leitet. 2001 veröffentlichte sie ihren ersten Roman...

Aus der Laudatio von Andreas Platthaus zum Rheingau Literatur Preis 2020

[...]

Wenn Sie, verehrte Zuhörer, einen interessanten Namen tragen, aber auch wenn Sie kleine Kinder oder alte Eltern haben, Probleme im Beruf oder in der Liebe, Freude an Haustieren oder Kultur, dann sind sie bei Pehnts Büchern genau richtig. Mutmaßlich hat sich längst ein Spiegelbild von Ihnen in eines davon verirrt. Sie müssen es nur noch finden und sich selbst erkennen. Das ist bekanntermaßen die gewagteste Geistesübung. Aber wie gesagt: Annette Pehnts Bücher sind immer auch Abenteuererzählungen.

[...]

Die große Geschichtenerzählerin Annette Pehnt erschafft in Alles was Sie sehen ist neu einen großen Geschichtenerzähler: Nime, den Reiseleiter. Schon dieser Beruf macht einen langjährigen Pehnt-Leser hellhörig, denn im Debütroman Ich muss los rettete sich der ebenso lebensuntüchtige wie lebenskluge Protagonist Dorst in eine selbstgewählte Existenz als Fremdenführer, mit lauter Lügen im Gepäck, die aber lebenswahr sind. Neunzehn Jahre später wiederholt Annette Pehnt nun diese Konstellation mit Nime. Er, der nicht das Herz, aber das Hirn auf der Zunge trägt, spürt den Stimmungen der ihm Anempfohlenen aufmerksam nach und weiß genau, wann es Zeit ist, nach all dem verstörend Neuen des modernen Kirthan etwas vertrautes Altes einzuflechten, etwa durch den Besuch im hauptstädtischen Tempel der Ewigen Freundlichkeit. „Nime“, so lesen wir dann, „hatte nun die Stimme eines Märchenerzählers, flüsterte von Kurtisanen und Erntetagen, Verbrennungen und Himmelsrichtungen und dem Mittelpunkt der Welt, der seit tausend Jahren mitten im Tempel ruht. Wir lauschten mit halb geschlossenen Augen, hier war sie, die erhabene Schönheit von Kirthan, hier und nicht auf den verstopften Straßen und in den Betonsiedlungen, und den Mittelpunkt der Welt würden wir uns nicht entgehen lassen.“

[...]

Veranstaltung
Lesung und Gespräch
Samstag, 14. November 2020 in Stuttgart
Zeit:19:30 Uhr
Ort:Haus der Wirtschaft (Eyth-Saal),
70174 Stuttgart
Im Rahmen der Stuttgarter Buchwochen Moderation: Silke Arning
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Lesung und Gespräch
Sonntag, 15. November 2020 in Karlsruhe
Zeit:19:30 Uhr
Ort:Regierungspräsidium am Rondellplatz,
76133 Karlsruhe
Im Rahmen der Karlsruher Bücherschau
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Lesung und Gespräch
Donnerstag, 26. November 2020 in Frankfurt
Zeit:19:30 Uhr
Ort:Literaturhaus,
60311 Frankfurt
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Lesung und Gespräch
Donnerstag, 03. Dezember 2020 in Oberursel
Zeit:19:30 Uhr
Ort:Kunstbühne Poststrasse,
61440 Oberursel
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Pressestimmen
SWR2 „LesenswertMagazin“

„Was diesem Roman sehr gut gelingt, ist auch diesen Tourismus von beiden Seiten zu beleuchten also aus der Perspektive von denjenigen, die unterwegs sind und die etwas sehen und aus der Perspektive derjenigen die sozusagen betrachtet werden, also den Einheimischen und auch dem Geschäftsmodell Tourismus in diesem autoritären Land.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Exzellenter Roman“

Bayern 5 „aktuell“

„Ein Roman wie ein Sog, der uns in Chinas Tempel und Vorstädte holt und den man nicht aus der Hand legen will.“

Lesart – Unabhängiges Journal für Literatur

„Das ist unverkennbar Pehnt, wie sie die einzelnen Mitglieder einer zusammengewürfelten Reisegruppe auf dem Weg ins fiktive asiatische Kirthan porträtiert – zugleich sachte und erbarmungslos, wie nur sie das kann.“

Darmstädter Echo

„›Alles was Sie sehen ist neu‹ offenbart eine erstaunliche Kenntnis über Chinas Vergangenheit und Gegenwart.“

Podcast „Papierstau“

„Ein schlauer, spannender Roman voller überraschender Wendungen.“

lokalkompass.de

„Annette Pehnt spielt mit Erinnerungen und Fantasie.“

NDR Kultur „Sonntagsstudio“

„Ein Buch, das trotz allem nicht untergehen darf!“

Allgemeine Zeitung

„Annette Pehnt gelingen liebevoll präzise Figurenzeichnungen und Spannungsbögen über Vorstellungen eines historischen Chinas gegen zeitgenössische Realität, dargestellt anhand der Biografie der Hauptfigur.“

literaturkritik.de

„›Alles was Sie sehen ist neu‹ ist ein klug komponierter Roman.“

Deutschlandfunk Kultur „Büchermarkt“

„Kein Zweifel – Pehnt ist eine sprachgewandte, reflektierte Autorin, die sich auf Zwischentöne versteht. Das macht die Lektüre lohnend.“

Bayern 2 „Diwan“

„Äußerst lesenswerter Roman!“

MDR Kultur

„Annette Pehnt berichtet mitfühlend über das Schicksal des Reiseleiters Nime und positioniert sich subtil gegen jeglichen Totalitarismus. Ihr Buch verkörpert eine aufwühlende Anklage aller Formen der Diktatur. Noch emotionaler und stilistisch glänzender lässt sich eine solche Missbilligung kaum formulieren!“

Frankfurter Rundschau

„Ein kühler, aber intensiver Roman“

Podcast auf mk-online „Ein Buch“

„Ein wunderbar erzählter schlanker Roman, dessen kurze Episoden Blicke hinter Fassaden öffnet. Klug und nachdenklich mit genau der Dosis Rätselhaftigkeit, die unsere Phantasie anspringen lässt. Ein interessanter Begleiter für Weltentdecker.“

Hildesheimer Allgemeine Zeitung

„Ein raffiniertes Buch mit einem Ausblick durch dunkel getönte Reisebusscheiben.“

Badische Zeitung

„›Alles was Sie sehen ist neu‹ ist auch ein Roman über das Erzählen, der, was er problematisiert, zugleich raffiniert einlöst.“

Augsburger Allgemeine

„Ein Lehrstück über Wohlstandstouristen“

Studiosus Rundschreiben

„Ein aufrührendes und nachdenklich machendes Buch, das uns zeigt, wie hinter der Folie unserer heilen, touristischen Reisewelt oft die Bedingtheiten und Schwierigkeiten des Lebens in einer totalitären Herrschaft auftauchen können.“

SWR1 „Buchtipps vom literarischen Quadrat“

„Das alles ist sehr witzig, auf 138 Seiten. Eine bitterböse Satire auf eine Streberin, gut geschrieben – unbedingt lesen!“

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