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Alles glänztAlles glänzt

Alles glänzt

Jacqueline Woodson
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Roman

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Alles glänzt — Inhalt

„Mit ihrer Schlagkraft und Poesie beschwört Woodsons Prosa Toni Morrison herauf.“ People

Mit sechzehn stellt Melody ihre Mutter zur Rede. Klagt sie an, weil Iris als Teenager mit ihr schwanger wurde. Weil Iris sie wollte und dann auch wieder nicht. Weil Iris aufs College ging, während Melodys Vater bei den Großeltern einzog.
Alles glänzt fängt facettenreich ein, was Identität, Begehren, Ambition und sozialer Status für eine Familie bedeuten, in der die Gräuel der Sklaverei bis in die Gegenwart fortwirken. Selten wurde so lyrisch und leicht, so eindringlich und versöhnlich erzählt, was es heißt, in der Geschichte verwurzelt zu sein – und sich am Ende wie Melody aus ihr zu erheben.

Alles glänzt ist ein spektakulärer Roman, wie nur eine Legende ihn bewältigen kann.“ Ibram X. Kendi, The Atlantic

„Ein wirklich magisches Buch. Woodson gehört zu den wenigen Schriftstellerinnen, die einem das Gefühl geben, dass man alles schaffen kann – und darum alles versuchen sollte.“ Ocean Vuong

„Jacqueline Woodsons Blick ist absolut originell, ihre Stimme absolut einzigartig.“ Ann Patchett

„Jacqueline Woodson vermittelt mit leichter Hand, weshalb das Wissen um die eigene Herkunft der erste Schritt in Richtung Zukunft ist.“ Deutschlandfunk

„Woodson fängt mit filigraner Genauigkeit und starken Bildern die Gefühlszustände ihrer Protagonisten ein.“ Der Tagesspiegel

„Hinter nicht wenigen Sätzen lassen sich weitere Bedeutungsebenen vermuten, doppelte Böden, die sich je nach Erfahrungen und Wissen der Lesenden auftun.“ Berliner Zeitung

„Woodson stupst mit jedem Satz Neugier und Fantasie des Lesers an.“ NDR Kultur

Alles glänzt wird flankiert von Tragödien, aber es wird nicht durch sie bestimmt. … Woodson gleitet anmutig durch die Generationen und ihre Geschichten, sie tanzt zu der Musik der Zeit.“ Times Literary Supplement

„Die Schönheit dieses Buches besteht in den samtenen Übergängen zwischen Vergangenheit und Gegenwart.“ Tayari Jones, O: The Oprah Magazine

„Das ist großartige Literatur, die jeder und jede lesen sollte.“ rbbKultur

„Ein scharf geschliffenes Juwel.“ Sunday Times

Jacqueline Woodson vermittelt mit leichter Hand, weshalb das Wissen um die eigene Herkunft der erste Schritt in Richtung Zukunft ist.“ Deutschlandfunk

„Woodson fängt mit filigraner Genauigkeit und starken Bildern die Gefühlszustände ihrer Protagonisten ein.“ Der Tagesspiegel

„Hinter nicht wenigen Sätzen lassen sich weitere Bedeutungsebenen vermuten, doppelte Böden, die sich je nach Erfahrungen und Wissen der Lesenden auftun.“ Berliner Zeitung

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 01.04.2021
Übersetzt von: Yvonne Eglinger
208 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-07041-6
Download Cover
€ 18,99 [D], € 18,99 [A]
Erschienen am 01.04.2021
Übersetzt von: Yvonne Eglinger
176 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99838-3
Download Cover
„Woodson stupst mit jedem Satz Neugier und Fantasie des Lesers an.“
NDR Kultur

Leseprobe zu „Alles glänzt“

1
An jenem Nachmittag aber spielte ein Orchester. Das Sandsteinhaus von Musik erfüllt. Schwarze Finger, die Geigenbögen zogen und Cellosaiten zupften, dunkle Lippen, die das Mundstück eines Horns umschlossen, ein kleines braunes Mädchen mit hellrosa Nägeln an der Flöte. Malcolms jüngerer Bruder, mit glänzend dunkler Haut, der ernst die Mundharmonika blies. Eine breitschultrige Frau an der Harfe. Von meinem Platz auf der Treppe aus konnte ich durch die Fenster ein paar neugierige Weiße sehen, die vor dem Gebäude stehen blieben, um zuzuhören. Und als ich [...]

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1
An jenem Nachmittag aber spielte ein Orchester. Das Sandsteinhaus von Musik erfüllt. Schwarze Finger, die Geigenbögen zogen und Cellosaiten zupften, dunkle Lippen, die das Mundstück eines Horns umschlossen, ein kleines braunes Mädchen mit hellrosa Nägeln an der Flöte. Malcolms jüngerer Bruder, mit glänzend dunkler Haut, der ernst die Mundharmonika blies. Eine breitschultrige Frau an der Harfe. Von meinem Platz auf der Treppe aus konnte ich durch die Fenster ein paar neugierige Weiße sehen, die vor dem Gebäude stehen blieben, um zuzuhören. Und als ich hinabstieg, wurde die Musik weicher, der Text in meinem Kopf ein Flüstern: I knew a girl named Nikki, I guess you could say she was a sex fiend.



Kein Sänger. Das kleine Mädchen kannte den Text nicht. Die breitschultrige Frau, die ihn einst laut unter der Dusche geschmettert hatte, war jetzt darüber hinweg und wollte sich nicht erinnern. Iris hatte nicht erlaubt, dass er gesungen wurde, und Malcolms Bruder hatte den süßen siebenjährigen Mund voll. Dennoch zogen mir die Wörter durch den Kopf, als stünde Prince höchstpersönlich neben mir. I met her in a hotel lobby masturbating with a magazine.



Und als ich einzog, waren da das Rosa und Grün der Studentinnenverbindung meiner Großmutter, das Schwarz und Gold der Alpha-Brüder meines Großvaters – graues Haar und gerade Rücken, strahlende Goldzähne und strahlender A-Phi-A!-Bariton. Die hohen Skee-wee-Rufe der Frauen als Antwort. In ihrem Zuruf lag ein weiterer Traum für mich. Natürlich wirst du eines Tages in eine Verbindung eintreten, sagte meine Großmutter mir immer wieder. Als Kind überraschte sie mich einmal mit einem in Geschenkpapier eingewickelten Hoodie, hellrosa mit knallgrünen Buchstaben darauf: „Meine Großmutter ist eine AKA“. Das ist einfach Familienerbe, Melody, sagte sie. Ich war in einer Verbindung, dein Großvater war in einer …



Iris nicht.



Stille. Dann, leise, ihre Lippen an meinem Ohr: Das liegt daran, dass deine Mama nicht Familienerbe ist.



Das, flüsterte ich zurück und zitierte das Motto ihrer Verbindung, ist eine ernste Angelegenheit.



Meine Großmutter lachte und lachte.



Sieh auf mich zurück an diesem letzten Tag im Mai. Endlich sechzehn und der Moment wie eine Hand, die mich der Welt entgegenstreckt. Regen, der gleißendem Sonnenschein weicht. Die Strahlen, durch die Buntglasscheiben gesprenkelt, springen vom Parkett ab. Die Musik des Orchesters schwebt durch die offenen Fenster und über den gesamten Block, als hätte sie schon immer in Brooklyns Luft gelegen. Sieh mich an. Mein geglättetes Haar in Wellen bis über die Schultern. Roter Lippenstift, kohlschwarze Augen. Das Kleid, Iris’ Kleid, ungetragen in ihrem Schrank bis zu diesem Augenblick. Damals, als es Zeit war für ihre Feier, war ich schon unterwegs. Damals, mit knapp sechzehn, erzählte ihr Bauch bereits eine Geschichte, die ein Fest niemals erzählen kann. Die übergroßen Anzughemden meines Großvaters untermalten den Babyspeck, der da noch ihre Wangen rundete, das feine Lanugohaar, das sich noch an ihren Nacken schmiegte. Dennoch, an jenem Nachmittag hätten es fünfzig Jahre sein können, die uns trennten – Iris am Fuß der Treppe, wie sie mich beobachtete. Ich, wie ich an ihr vorbeisah. Wo sah ich hin? Zu meinem Vater? Meinen Großeltern? Zu irgendwas. Irgendwem. Nur nicht zu ihr.



Früher an jenem Tag war sie in mein Zimmer gekommen, als ich mir gerade lange Strümpfe über die Schenkel streifte und mich abmühte, sie mit Strumpfhaltern an ein elfenbeinfarbenes Korsett zu knipsen. Auch die hatten einmal ihr gehört – ungetragen, noch in der Schachtel und in Seidenpapier gewickelt. Der empfindliche Strumpf, der dagegen ankämpfte, in den Halter gehakt zu werden – das hatte mir meine Großmutter beigebracht – und ihre Mutter ihr und immer so weiter; mein Fest das einzige, das eine Generation von Töchter unterweisenden Müttern übersprang. Das alles – das Korsetttragen, die Strumpfhalter, die Seidenstrümpfe – war so alt wie das Haus, das mein Vater und ich mit meinen Großeltern bewohnten. Dieses Ritual, ein Ausdruck von Klassenzugehörigkeit und Zeit und Übergang, taumelte zurück auf die Tage der Debütantinnenbälle, hatte sich gewandelt und gewandelt, bis es zu dem hier geworden war, zum Strumpfhalterkorsett einer vergessenen Ahnin – und einem Paar neuer Seidenstrümpfe, fein wie Staub.



Ich schätze, der Punkt geht an dich, sagte sie. Es gibt Prince.



Ich sah zu ihr auf. Am Vorabend hatte sie ihr Haar zu dichten Kringeln gedreht und festgesteckt, und als sie nun vor mir stand, fing sie an, die Haarnadeln zu lösen, sodass ihr die dicken rötlichen Strähnen in federnden Spiralen über die Ohren sprangen. Der Babyspeck war längst aus ihrem Gesicht verschwunden und durch umwerfend hohe Wangenknochen ersetzt worden. Ich drückte die Hand an mein eigenes Gesicht, spürte die gleichen Knochen unter der Haut.



Ich wusste nicht, dass das ein Wettstreit ist, Iris.



Einst, vor langer Zeit, war sie Mommy, und ich hielt ihren Hals, ihre Arme, ihren Bauch ganz fest, mit Babyhändchen voller Grübchen. Das weiß ich noch. Wie ich mich nach ihr reckte und reckte und reckte. Mommy. Mommy. Mommy.



Das Kleid, weiß und ungetragen, lag ausgebreitet neben mir auf dem Bett. Dahinter ein gerahmtes Poster vom Rage-Against-the-Machine-Konzert 1997. Mein Vater und ich waren hingegangen, weil Wu-Tang als Vorband gespielt hatte. Da war ich zwölf, und wir zwei schrien und rappten und jubelten so heftig, dass wir am nächsten Tag beide zu Hause blieben und heiße Zitrone mit Honig tranken, um unsere wunden Kehlen zu schonen. Das Poster war professionell gerahmt – rote Buchstaben in einem grauen Passepartout, der übergroße schwarze Rahmen nahm die gedeckten Farben des Schwarz-Weiß-Fotos auf. Daneben ein weiteres Poster. Würde jemand verlangen: Wähl zwischen deiner Mom und deinem Dad, würde ich nicht einmal blinzeln. Nicht stottern. Ich würde losrennen wie ein kleines Kind und mich meinem Daddy in die Arme werfen.



Scheint so, als wäre mittlerweile alles ein Wettstreit. Irgendwann bin ich zu deiner Feindin geworden. Sie legte die Hand eng um ihre Kehle und ließ sie dort, strich sanft mit den Fingern über ihr Schlüsselbein, als wollte sie fühlen, ob es noch heil war. Ein goldenes Armband rutschte ihr übers Handgelenk. Winzige Diamanten funkelten im Licht. Ich schluckte, beneidete und bewunderte zugleich all die Arten, auf die das Wort hinreißend auf meine Mutter zutraf. Noch immer fand ich es seltsam, wie verschieden wir waren.



Ich hatte es aufgegeben, die Strümpfe in diese albernen Strumpfhalter zu fummeln, saß einfach nur da und starrte sie an, die Ellenbogen auf den Knien, mit schlaff herabhängenden Händen.



Ich kapier’s nicht. Das ist mein Fest, und du willst einfach nicht auf die Musik klarkommen. Deins hast du platzen lassen, weißt du noch …



Nein, das Baby in meinem Bauch hat meins platzen lassen. Weißt du noch?



Lass das, Iris. Dann, wie schon so oft, entglitten mir kurz die Worte. Ich sah sie fallen … Nein. Sich verflüchtigen, aus der Luft zwischen uns. Verflüchtigen. Das Wort war immer wieder in meinen Vorbereitungstests für die Unizulassung aufgetaucht, bevor es hier in diesem Zimmer landete. Zwischen meiner Mutter. Und mir. Lass das. Ich habe nicht darum gebeten, geboren zu werden. Ich habe nicht gesagt … ich habe nicht gesagt: Mach das, was du mit Dad gemacht hast. Ihr hättet warten können.



Iris sah mich an und hob eine Braue. Du willst doch jetzt sicher kein Enthaltsamkeitsgespräch mit mir führen, oder?



Hättet ihr machen können. Gab ja keine Eile, das zu tun, was ihr getan habt.



Du meinst Sex? Kannst du es wirklich nicht einmal aussprechen? Sex, Melody. Es sind nur drei Buchstaben.



Kann ich schon. Aber ich muss es jetzt halt nicht.



Und wenn wir … gewartet hätten, wie du sagst. Wo wärst dann du?



Ich könnte mir diese Welt ohne dich nicht vorstellen.



Was stört dich dann?



Sie kam zum Bett, setzte sich auf die andere Seite des Kleides und strich sehnsüchtig mit der Hand darüber. Um den Ärmelsaum liefen gehäkelte weiße Blumen. Die abnehmbare Schleppe bestand aus Seiden- und Satinbahnen. Die Schneiderin hatte damals monatelang an dem Kleid gearbeitet, bis meine Großeltern herausfanden, dass Iris schwanger war. Als man es Iris allmählich ansah, war das Kleid so gut wie fertig und bezahlt.



Ich weiß nicht …, sagte sie mehr zu dem Kleid als zu mir. Es ist wegen Prince. Wegen meinen Eltern. Wegen deinem Vater. Wegen mir. Wegen dir, die du jetzt schon sechzehn bist. Wo sind all die Jahre hin? Es ist verrückt.



In ihrer Stimme war ein Stocken, das ich nicht hören wollte. Mit dem ich mich nicht auseinandersetzen wollte. Nicht jetzt. Nicht an meinem Tag.



Das ist doch nur Prince, verfickt noch mal! Ist ja nicht so, als wollte ich meinen Einzug zu N. W. A oder Lil’ Bow Wow machen wollen …



Hör auf zu fluchen, Melody. So bist du doch gar nicht. Und N. W. A, Lil’ keine Ahnung was … Ich weiß nicht mal, was du da redest. Sie sah mich nicht an, strich nur weiter mit der Hand über das Kleid. Wir hatten die gleichen Finger, lang und schmal. Klavierhände, sagten die Leute. Aber nur sie spielte.



Ich sag ja nur, dass es Prince ist. Das ist mein Fest, und er ist ein Genie, also warum reden wir überhaupt noch darüber? Du hast schon den Text rausgekickt. Lass mir wenigstens die Musik. Daddy ist es egal. Er mag Prince auch. Man, ey!



Zu lange schwiegen wir. Irgendetwas fuhr mir wie ein Rasiermesser in die Brust – damals wusste ich nicht, ob es Wut oder Trauer oder Angst war. Vielleicht spürte Iris es auch, denn sie rückte näher an mich heran, legte die Hand in meinen Nacken und drückte die Lippen auf mein Haar. Ich wollte aber mehr – eine Umarmung, ein nettes, in mein Ohr geflüstertes Wort. Ich wollte von ihr hören, dass ich schön war, und dass es ihr egal war, welche Musik gespielt wurde. Dass sie mich liebte. Ich wollte, dass sie mit mir über die Lächerlichkeit von Strumpfhaltern und Seidenstrümpfen lachte.



Doch stattdessen stand sie auf, ging zum Fenster hinüber und zog den Vorhang beiseite. Sie starrte auf den Block hinunter, während sie die restlichen Locken befreite. Draußen war es grau, nieselig. Unten traf das Orchester ein. Ich hörte Bögen auf Geigensaiten. Hörte meinen Großvater auf dem Klavier Monk spielen und stellte mir seine dunklen Finger vor, die knotigen Knöchel.



Magst du Malcolm?



Sie drehte sich wieder zu mir um. Eine Falte zwischen den Brauen, die Augen – Augen, für die ich als Kind gebetet hatte: Bitte, Gott, lass mich mit Mommys schönen Bernsteinaugen aufwachen – nun von roten Äderchen durchzogen. Bitte, Gott, lass mich nie solche Augen haben wie sie jetzt.



Malcolm? Klar. Sicher. Er ist immer noch so ein süßer Kerl. Sie sah mich an, verzog die Mundwinkel zu einem halben Lächeln.



Was?



Was genau willst du von mir hören, Melody?



Magst du ihn … für mich? Meinst du, er ist ein guter – ach keine Ahnung.



Ich sah zu ihr auf. Wen sonst hätte ich fragen können, der all das schon durchlebt hatte? Vom Anfang bis zum Baby. Erster Kuss, Hände auf der Haut, erster Sex. Wie fing man es überhaupt an? Hielt es am Laufen? War nicht jetzt der Moment, um mir all das zu beantworten? Mir alles zu erzählen?



Ihr zwei kanntet euch schon, als ihr noch Windeln anhattet, und er war schon immer … oder etwa nicht?



War schon immer was?



Nichts. Vergiss es. Sie hob die Hände, kapitulierte. Er wirkt …, sagte sie dann noch, lächelnd. Du wirkst einfach nicht wie … sein Typ.



Als wüsstest du irgendwas über ihn. Oder mich.



Wie ich schon sagte, ich kannte diesen Jungen schon in Windeln.



Ja, Iris. Aus dem Windelalter sind wir beide lange raus.



Wir schwiegen. Vielleicht gab es überall auf der Welt Töchter, die ihre Mütter als junge Mädchen und als alte Frauen kannten, in- und auswendig, wahrhaftig. Ich gehörte nicht zu ihnen. Selbst wenn ich an die Zeit denke, als ich noch ganz klein war, ist sie in meiner Erinnerung nur halb anwesend.



Ich hab dich vor ihnen versteckt, weißt du, sagte sie, als blickte sie endlich in meinen Kopf. Sähe dort etwas. So kamst du hierher, erinnerst du dich? Verdammt gute Katholiken waren das damals, aber du wärst erledigt gewesen.



Vor wem versteckt? Was soll ich erinnern?



Sich, Melody. Es heißt sich erinnern.



Allmählich schwitzte ich unter dem Korsett.



Vor deinen Großeltern. Deinen geliebten Großeltern.



Du wusstest es nicht. Du hast mir gesagt, du wusstest es nicht.



Ich habe nie gesagt, dass ich es nicht wusste. Ich habe gesagt, dass ich nicht wusste, was ich tun sollte.



Sie verstummte plötzlich und musterte mich. Sehr genau.



Hast du regelmäßig deine Tage?



Was … ja! Was zur Hölle, Iris?



Sie atmete hörbar aus. Schüttelte den Kopf. Okay, also wenn du regelmäßig deine Tage hast, und dann hört das einfach auf, und es hört nicht auf, weil du plötzlich superviel Sport machst oder so – dann bist du wahrscheinlich schwanger. Ich sage dir das jetzt nur für den Fall, dass es kein anderer tut.



Ich hielt mir die Ohren zu. Alles gut. Brauch ich nicht. Nicht heute. Nicht von dir. Danke.



Mir hat das nie jemand gesagt. Deshalb sage ich es jetzt dir. Wir können darüber reden. Sogar als ich schon im vierten Monat war, wusste ich noch nicht, dass jenseits der Schwangerschaft die Mutterschaft liegt.



Natürlich tut sie das, sagte ich.



Ja, natürlich, sagte sie. Das weiß ich jetzt auch.



Wie konntest du denn nicht wissen … du weißt schon. Ach, egal. Ich kapier dich nicht.



Das Orchester spielte sich mit „Jeannine, I Dream of Lilac Time“ warm. Ich konnte hören, wie mein Großvater zusammen mit Malcolms kleinem Bruder dazu sang. Eine Stimme hoch. Die andere tief. Eine Stimme jung und unsicher, die andere alt und klar und dunkel. Ich schloss für eine Minute die Augen. Der Song war älter als jeder Mensch in diesem Haus. Als der Trompeter zu einem Solo ansetzte und sich über die Stimmen erhob, die da eben noch gewesen waren, fühlte es sich an, als würden meine Rippen bersten. In alldem lag so viel. Einfach. So. Viel. Ich wollte zu Iris sagen: Das fühlt sich alles so an, als versuchte es, in jemandes Ewigkeit hinauszutreiben. Doch als ich wieder zu ihr aufsah, kaute sie an ihrem Daumennagel herum, und ihre linke Augenbraue zuckte, wie sie es immer tat, wenn sie angespannt war.



Ich hab’s Aubrey erzählt, sagte sie, nahm den Finger vom Mund und musterte ihn. Und dann haben wir beide ein paar Monate so getan, als wäre nichts. Weil wir Kinder waren und dachten, wenn wir es ignorieren, geht es weg. Ich habe dich versteckt, bis es nicht mehr ging, habe die Anzughemden von deinem Opa getragen und ihm erzählt, das wäre jetzt in.



Wolltest du eine Fehlgeburt mit mir haben?



Ich war ein Kind, Melody. Ich war jünger als du jetzt! Ich wollte, dass du geboren wirst. Ich wollte dich im Arm halten. Ich war überwältigt, dass es stimmte – dass man mit jemandem Sex haben und aus Sex ein neuer Mensch werden konnte.



Ich versuchte, sie mir in den Klamotten meines Großvaters vorzustellen. Alles an ihr war weiblich und tailliert und perfekt. Alles an ihr fühlte sich wie das Gegenteil von mir an. Ich konnte mir mich in den Klamotten meines Großvaters vorstellen. Aber nicht sie.



Ich wollte dich. Ich wollte, dass du in meinem Körper wächst, ich wollte dich in den Armen halten, wollte dich an meine Schulter legen …



Sie verstummte.



Und dann war das Wollen weg, nicht?



Sie schüttelte den Kopf. Noch mehr Zeit verging, bevor sie weitersprach.



Es war nicht weg. Nur anders. Das wirst du noch lernen. Ich meine, ich hoffe, du lernst es. Die Liebe wandelt und wandelt sich. Und dann wandelt sie sich wieder. Heute besteht die Liebe daraus, dass ich dich in diesem Kleid sehen will, sagte sie. Ich will mich selbst in dir sehen, weil es mich in diesem Kleid schon lange nicht mehr gibt. Sechzehn ging vorbei. Dann siebzehn, achtzehn – alles.



Ich zog das Kleid näher zu mir heran: Spitze über Seide und Satin, wadenlang, Mandarinkragen. Ein Schneider hatte es an der Taille gerafft und an den Hüften ausgelassen. Er hatte den Saum angehoben, um zu prüfen, ob es genug Stoff zum Verlängern gab. Weil es gerade so reichte, nähte er den offenen Saum mit Satin ab, um so viel Länge wie möglich rauszuholen. Meine Großmutter war unglaublich stolz auf das Ergebnis. Als ich in seinem Geschäft stand und mich für die beiden im Kreis drehte, nickte der Schneider beifällig, und meine Großmutter tupfte sich die Augen.



Iris wandte sich erneut zum Fenster. Schwieg wieder.



Ich starrte ihren Rücken an. Vielleicht war das der Moment, in dem ich verstand, dass ich Teil einer langen Reihe beinahe ausgelöschter Geschichten war. Ein Kind des Verleugnens. Des magischen Denkens. Das Kind einer Zeit, als Iris und mein Vater sich auf diese Art … wollten. Das, was sie aneinander so sehr begehrten, wurde ich. Ich, die ich Iris so sehr liebte, dass ich als kleines Kind jedes Mal losheulte, wenn mein Vater sie umarmte. Dass ich sagte, das ist meine, und umso lauter heulte, wenn sie lachten. Eine lange Reihe gellender Auseinandersetzungen, die zu uns führten, jetzt, hier. Sechzehn Jahre des Wegstoßens durch die eine oder die andere von uns. Sie hatte gewonnen. Nicht ich. Und nun das hier: sie mit dem Rücken zu mir, die Haare halb gelöst, Unterrock und BH unter ihrem Satinkleid, eine Frau, die zu oft für meine Schwester gehalten wurde. Da stand sie, in all ihrem tiefen, unwissenden Wissen, dass dies der Ort, dies die Zeit war, mich hier festzuhalten, indem sie mich spüren ließ, wie einfach es gewesen wäre, fünfzehn zu bleiben. Dass die Menschen, die ich fast so sehr liebte wie meinen Vater, mich für optional befunden hätten. Ich bin schwanger – drei Wörter, früh genug ausgesprochen, hätten das Ende meines Anfangs bedeutet. Das Ende so vieler Anfänge.



Ihr Rücken war schmal und gerade, die Schultern hatte sie unter dem zarten Satin ihres Kleides gestrafft. In vierzehn Monaten würde sie dreiunddreißig. Das Alter Christi, als er starb, ans Kreuz genagelt, wo man ihn langsam verbluten ließ. In der Schule hatten wir dieses Bild erörtern müssen – wörtlich oder metaphorisch. Wahrheit oder Erfindung. Whitman hat gesagt: Streite nicht wider Gott. Wir waren damals in der neunten Klasse – kaum vertraut mit unseren Überzeugungen und der Macht unserer Stimmen. Also stritten wir. Inzwischen wusste ich jedoch, dass es unglaublich viele Arten gibt, ans Kreuz genagelt zu werden – die Liebe deiner Mutter, die sich in etwas Unverständliches verwandelt. Ein Kleid, das durch die Träume einer anderen Generation geistert. Eine Geschichte von Feuer und Asche und Verlust. Familienerbe.



An jenem Abend, als die Musik anhob, stieg ich langsam die Treppe in den überfüllten Raum hinab. Ich suchte Iris in der Menge und entdeckte sie neben meinem Vater, er in Schwarz, sie in Dunkelblau. Ihre Hand auf dem nun flachen Bauch, der mich hätte verstoßen können. Als das Orchester in „Darling Nikki“ hinüberschwebte, atmete ich flach, um die Tränen zurückzuhalten. Das hatte ich nicht erwartet: zu spüren, wie ein Kapitel zu Ende geht. Die Mädchenjahre meines Lebens nun vorüber.



Amen. The End. Amen.



Kameras blitzten, als Malcolm meine Hand ergriff, mich in die Mitte des Raumes führte, wo meine Großeltern saßen, ernst und stolz.



Das war ihr perfekter Augenblick. Eine weitere beinahe ausgelöschte Geschichte, die nicht abbrach. Und dieses Haus mit seinen über hundert Jahren. Dieses Haus mit seinen bunten Bleiglasfenstern. Dieses Haus mit seinen Generationen, die jubelten und riefen: Tanzt, ihr alle und Ashé und Die Ahnen sind im Haus, was geht? Ich und alles und alle um mich herum, wir waren ihr endlich wahr gewordener Traum. Wäre dieser Augenblick ein Satz, dann wäre ich der Punkt.



Dieses Haus und diese Leute, dachte ich immer wieder. Dieses Haus und diese Leute. Wer zur Hölle sind sie überhaupt? Ich kenne Iris doch gar nicht. Aber jetzt mal im Ernst, kannte ich irgendjemanden hier? Wirklich? Innig? Mit Haut, Blut, Mark und Bein?



Malcolm legte mir die Arme um die Taille, flüsterte mir ins Ohr: Wir so dunkel und schön, da schmerzt denen allen das schwarze Herz.

~

Sieh genau hin. Wir sind im Frühjahr 2001, und ich bin endlich sechzehn. Wie viele Aberhunderte meiner Ahnen haben einen Augenblick wie diesen erlebt? Bevor sich die Erzählung ihres Lebens mal wieder für immer veränderte, waren da Bach und Ellington, Monk und Ma Rainey, Hooker und Holiday. Bevor die Welt, wie sie sie kannten, endete, traten sie mit Absätzen und Verbrennungen vom Glättkamm an den Ohren, mit Strumpfhaltern und Lippenstift zum ersten Mal ins Licht.



Nun hebt Malcolm meine Hand, und wir beginnen einen langsamen Cakewalk, während eine Trompete Armstrong in den Saal bläst. Malcolm lächelt und zwinkert mir zu, unsere Beine schnellen vor und schwingen nach hinten. Der restliche Hofstaat wirbelt auf die Tanzfläche, um mitzumachen – unsere Teenagerfüße vollkommen synchron, unsere Hände hoch erhoben. Sieh, wie wunderschön schwarz wir sind. Und während wir tanzen, bin ich nicht die sechzehnjährige Melody, bin ich nicht die uneheliche Tochter meiner Eltern – ich bin eine Erzählung, jemandes fast vergessene Geschichte. Erinnert.

Jacqueline Woodson

Über Jacqueline Woodson

Biografie

Jacqueline Woodson, geboren 1963, zählt zu den bedeutendsten Jugendbuchautorinnen der USA. Sie hat mehr als zwanzig Jugendbücher geschrieben. Für „Brown Girl Dreaming“ wurde ihr 2014 der renommierte National Book Award zugesprochen, 2018 erhielt sie mit dem Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis die...

Pressestimmen
NDR Kultur

„Woodson stupst mit jedem Satz Neugier und Fantasie des Lesers an.“

Recklinghäuser Zeitung

„›Alles glänzt‹ hinterlässt einen bleibenden Eindruck und ist gefüllt mit aufschlussreichen Observationen, welche die Komplexität und Komplikationen einer Generationen-Familie in wunderbar realistischer Art und Weise aufzeigt.“

Bayern 2 „radioTexte – Das offene Buch“

„Mit Empathie, aber ohne direkte Anklage, schmal aber voller Facetten. Großartig.“

Deutschlandfunk „Bestenliste“

„Leicht, eindringlich und versöhnlich erzählt.“

kulturnews

„Einzelne schnappschussartige Szenen zeichnen mosaikartig das Bild einer Schwarzen Familie in den USA, die durch die Jahrzehnte mit Rassismus, Armut, Trauer und Krankheit kämpft.“

kulturtipp (CH)

„Jacqueline Woodson (…) hat bereits in ihren Jugendbüchern Themen wie Klassenzugehörigkeit, Herkunft und Rassismus verhandelt. Auch in ihrem zweiten Roman für Erwachsene findet sie dafür starke, berührende Bilder. Aus Fragmenten lässt sie nach und nach das Bild einer Familie entstehen, die von der Vergangenheit geprägt ist und doch zukunftsgerichtet und hocherhobenen Hauptes ihren Weg geht.“

literaturreich.de

„Die locker bedruckten, im eher unüblichen Flattersatz gesetzten Seiten versprühen (…) eine ungemeine Unmittelbarkeit, in die man hineingesogen wird.“

pagesonpaper

„Ich wünsche mir ›Alles glänzt‹ auf all euren Nachttischen.“

3sat „Kulturzeit“

„Ein Roman wie ein Kosmos afroamerikanischen Lebens – aus mehreren Perspektiven erzählt, als Mosaik aus kleinen Kapiteln montiert und aufgeladen mit Verweisen auf Jazz oder Popmusik.“

filmsoundmedia.at (A)

„Selten wurde so lyrisch und leicht, so eindringlich und versöhnlich erzählt, was es heißt, in der Geschichte verwurzelt zu sein – und sich am Ende wie Melody aus ihr zu erheben. Ein großes Lob auch an die Übersetzerin Yvonne Eglinger, die genau den richtigen Ton fand.“

Barbara

„Eindrücklich erzählt Jacqueline Woodson aus verschiedenen Perspektiven von Liebe, Teenagerschwangerschaft und Identität im Kontext afroamerikanischer Geschichte.“

literaturundfeuilleton.com

„Kurzweilig und doch kraftvoll nimmt Autorin Jacqueline Woodson den Leser mit auf eine emotionale Reise aus verschiedenen Perspektiven.“

Der Tagesspiegel

„Woodson erzählt einfach. Und doch fängt sie mit filigraner Genauigkeit und starken Bildern die Gefühlszustände ihrer Protagonisten ein. Umrundet sie in immer enger werdenden Kreisen, bis sie sichtbar werden in ihrem Kern.“

karinhahnrezensionen.com

„Immer sind es doch die großen Gefühle, die verhandelt werden und diese kann Jaqueline Woodson in ihrer Geschichte bestens zum Glänzen bringen.“

Badische Zeitung

„Als hätte sie Sternbilder neu geordnet, hat Jacqueline Woodson einen Chor von Stimmen geschaffen, ihre Erinnerungen rhythmisch verflochten.“

Deutschlandfunk Kultur „Buchkritik“

„Jacqueline Woodson vermittelt mit leichter Hand, weshalb das Wissen um die eigene Herkunft der erste Schritt in Richtung Zukunft ist.“

headoverbook

„Wer Worte liebt, sollte dieses Buch lesen.“

Berliner Zeitung

„Die Komplexität der Themen trifft sie durch einen so träumerischen wie deskriptiven Stil. Und hinter nicht wenigen Sätzen lassen sich weitere Bedeutungsebenen vermuten, doppelte Böden, die sich je nach Erfahrungen und Wissen der Lesenden auftun.“

neues deutschland

„›Alles glänzt‹ ist ein kurzer Roman (…), dafür aber umso dichter, ein Puzzle, das sich langsam zusammensetzt.“

superheldliestgern

„Japp, dieser Roman glänzt. Aber sowas von. Ganz groß.“

echo_books

„Eine sehr authentische und dichte Atmosphäre.“

Zeit für mich

„Tief berührend“

mojoreads.de Newsletter

„Spektakuläre Prosa, einzigartig und ergreifend“

rbbKultur

„Das ist großartige Literatur, die jeder und jede lesen sollte.“

Flow

„›Alles glänzt‹ ist die berührende Geschichte zweier schwarzer Familien, erzählt aus verschiedenen Perspektiven. Man lernt nicht nur übers Elternsein, sondern auch über Identität und Status.“

Donna

„Von großer Aktualität“

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