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Aliens in Armani

Aliens in Armani

Roman (Aliens 1)

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Aliens in Armani — Inhalt

Das Leben von Marketingmanagerin Kitty war bisher eher langweilig, doch das ändert sich, als sie Zeugin eines Amoklaufs wird. Zusammen mit dem attraktiven Jeff Martini, einem Armani tragenden Alien der edlen Sorte, kämpft sie plötzlich gegen einen außerirdischen Superparasiten, der die Menschheit auslöschen will. Ob Kitty es schafft, in der Welt der »Men in Black« zu bestehen?

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.12.2013
Übersetzt von: Diana Bürgel
464 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98001-2

Leseprobe zu »Aliens in Armani«

Leseprobe

Danksagung

Man sagt, Schreiben sei ein einsames Streben, aber bei mir war es anders. Daher ist es wohl kaum überraschend, dass ich vielen Menschen aus ebenso vielen Gründen danken möchte.

Zuerst ein großes Dankeschön an meine Agentin, Cherry Weiner, dafür, dass sie mich angenommen hat, obwohl sie voll ausgebucht war. Und auch dafür, dass sie die beste Agentin und Freundin ist, die sich eine Autorin nur wünschen kann.

Auch meiner großartigen Lektorin, Sheila Gilbert, möchte ich ganz herzlich danken, weil sie das Risiko eingegangen ist, eine [...]

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Leseprobe

Danksagung

Man sagt, Schreiben sei ein einsames Streben, aber bei mir war es anders. Daher ist es wohl kaum überraschend, dass ich vielen Menschen aus ebenso vielen Gründen danken möchte.

Zuerst ein großes Dankeschön an meine Agentin, Cherry Weiner, dafür, dass sie mich angenommen hat, obwohl sie voll ausgebucht war. Und auch dafür, dass sie die beste Agentin und Freundin ist, die sich eine Autorin nur wünschen kann.

Auch meiner großartigen Lektorin, Sheila Gilbert, möchte ich ganz herzlich danken, weil sie das Risiko eingegangen ist, eine neue Autorin zu unterstützen, und dafür, dass sie aus der ganzen Arbeit etwas so Schönes gemacht hat. Ich bin verwöhnt, weil ich gleich bei meinen ersten Gehversuchen die beste aller Lektorinnen bekommen habe.

Ein besonderer Dank geht außerdem an Lisa Dovichi, meine hervorragende Kritikerin, BBFF und Barometer in einem. Ohne dich hätte ich es nicht geschafft.

Und jetzt wird die Liste richtig lang. Vielen Dank an: Phyllis, für dein »aber natürlich kannst du schreiben« vor langer Zeit, und dafür, dass du diesen Satz nie zurückgenommen hast; an Mary, weil du einfach die beste und engagierteste Test-Leserin der Welt bist, und an Sal, weil du dich nie über all die Papierberge beklagt hast, die dieser Traum verschlungen hat; an Kay, weil du immer an mich geglaubt hast, selbst dann, wenn ich es einmal nicht konnte; an all die Frauen (und Männer) des Innerlooks Salon, für die vierzehntägliche Unterstützung und Ermunterung; an Dixie, weil du mich jahrelang dazu aufgefordert hast, witzig zu schreiben; an Pauline, weil du dich immer so für meine Schriftstellerei begeistern konntest und auch andere dazu gebracht hast, sich dafür zu begeistern; an Kenne, Joe, Amy, James, Michelle, Keith und Peggy, weil ihr selbst meine mickrigsten literarischen Leistungen so klingen lassen habt, als würden sie die Welt im Sturm erobern; an Willie, für dein unglaublich schnelles Lesen und dein prüfendes Auge eines Englischprofessors; an Mum, Dad und Danny, weil ihr mich schon so begeistert unterstützt habt, noch bevor ihr gewusst habt, dass sich das Schreiben zu meiner Lebensaufgabe entwickeln würde; an Jeanne, Michelle, Melba, Carol, Barbara, Cathy und Marlene, weil ihr immer da wart, wenn ich mein Leben verteufelt habe, und weil ihr mich dann daran erinnert habt, dass das Schreiben mein Leben ist; an all die wunderbaren Frauen und Männer von »Desert Rose«, ihr wart fantastische Vorbilder, denen man gern nacheifern wollte; an Danielle, Sean und Hilary für meine klasse Mädchen aus dem fernen Europa; an Josh, meinen Komplizen; an Nick, für emotionale Unterstützung und Seelenreinigung, wann auch immer, von wo auch immer; an das Big Dawg Pack, für die moralische und schreibtechnische Hilfe; an Absolute Write Water Cooler, für das Wissen, die Unterstützung und die Motivation; an Brittany, Kathie, Kathy, Norma, Ellen, Evelyn, Amy, Suzella, Jo, Carole, Mike, Christine, Akiko, John, Jill, Miranda, John, Mike, Michelle, Tom, Talene und an alle anderen, die mir während dieses Prozesses weitergeholfen haben; ihr wisst schon, wen ich meine.

Und vor allem möchte ich von Herzen meinen anspruchsvollsten Kritikern danken: Veronica, weil du die Obsession deiner Mutter immer unterstützend, begeistert, hilfreich und verständnisvoll mitgetragen hast; und Steve, weil du der geduldigste, hilfsbereiteste und verständnisvollste Mann bist, den eine Autorin sich nur wünschen kann. Vielen Dank, vor allem dafür, dass du auch nach dem fünften kaputten Computer noch gesagt hast: »Na, komm, holen wir dir einen besseren.«

Es gibt da eine Sache,

die mir wirklich auf die Nerven geht. Wenn Menschen in Comics, Filmen oder sogar Romanen auf einmal Superkräfte entwickeln, dann kann man davon ausgehen, dass sie diese Kräfte für das Gute einsetzen.

Immer sind es irgendwelche Wissenschaftler, die nach einem Heilmittel gegen die Übel der Welt suchen und dann von Gammastrahlen getroffen werden, oder Jugendliche, die zwar Außenseiter sind, aber zum Glück einen weisen Opi in der Nähe haben, der ihnen zeigt, wo’s langgeht, sobald sie anfangen zu mutieren. Die wenigen Bösewichte, die über Superkräfte verfügen, haben ganz bestimmt eine fatale Schwäche, die sie zu einer leichten Beute für die Guten macht. Und natürlich sind die guten den bösen Jungs im entscheidenden Moment auch immer zahlenmäßig überlegen.

In Wirklichkeit ist das aber nie so. Niemals.

In Wirklichkeit gibt es gar keine Superhelden.

Was aber nicht heißt, dass es keine Wesen mit Superkräften gibt.

Aber keine Sorge – darum kümmere ich mich schon.

Okay, okay, das beruhigt jetzt nicht einmal mich selbst besonders.

Kapitel 1

Mein erstes Überwesen habe ich zufällig erledigt, es war ein Unfall, im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich war auf dem Weg vom Gerichtsgebäude zum Parkhaus. Nachdem ich meine Pflicht als Geschworene erfüllt hatte, wurde ich direkt nach der Mittagspause entlassen, was hieß, dass ich zurück zur Arbeit und versuchen musste, den versäumten halben Tag nachzuholen.

Um zum Parkhaus zu kommen, musste ich die Straße überqueren und an einer Ampel warten. Während ich noch dort stand und hoffte, mir keinen Sonnenbrand zu holen, krachte es plötzlich. Keine zehn Meter von mir entfernt, direkt vor dem Gerichtsgebäude, war ein Auto im Schritttempo auf den vorausfahrenden Wagen aufgefahren.

Beide Fahrer stiegen aus ihren Autos, aus dem vorderen ein Mann, aus dem hinteren eine Frau, und sofort begann er sie anzubrüllen. Zuerst dachte ich, er wäre einfach wütend wegen des Blechschadens, schließlich war Sommeranfang, und der macht in Arizona immer alle etwas reizbar, aber dann begriff ich, dass es seine Frau war, die er da anschrie.

Zuerst entschuldigte sie sich, doch er ging nicht darauf ein, und da wurde auch sie wütend. Aus ihrem Streit wurde wüstes Gekeife. Das hier war ein ausgewachsener Ehekrach, und zwar von der Sorte, aus der sich Polizisten verständlicherweise immer lieber heraushalten.

Die Ampel sprang auf Grün, und ich spielte mit dem Gedanken, einfach schnell weiterzugehen, um nicht in die Situation verwickelt zu werden, doch dann geschah es. Der Mann tobte und brüllte, und plötzlich brachen aus seinen Schultern Flügel hervor.

Und ich spreche hier nicht von niedlichen Flügelchen. Sie waren riesig, locker zwei Meter hoch und mit mindestens doppelter Spannweite. Sie waren gefiedert, sahen aber trotzdem ungewöhnlich aus – ist ja klar! Dieses Gefieder hatte nichts von Vogelfedern, es glänzte, aber nicht von Blut. Vielmehr schien eine dickflüssige Substanz die Flügel zu überziehen. Vor meinen Augen drehte sich der Mann zu seiner entsetzt kreischenden Frau um, aus seinen Schwungfedern jagte ein Klingenhagel und schnitt sie in schmale Streifen.

Dann wandte er sich dem Gerichtsgebäude zu und schleuderte weitere Klingen dagegen. Das Haupthaus des Gerichts von Pueblo Caliente, ein neunstöckiges, größtenteils verglastes Gebäude, war noch ganz neu und sehr hübsch, und seine moderne Fassade ließ den Betrachter fast vergessen, dass die Stadt einmal nichts weiter als ein von amerikanischen Siedlern gegründetes Kaff voller Kuhfladen gewesen war.

Als die Geschosse einschlugen, zuckte ich zurück. Das Glas zerbarst, Scherben flogen in alle Richtungen. Binnen Sekunden verwandelte sich das schicke Gerichtsgebäude in einen Trümmerhaufen. Ich hörte Schreie – alle, die aus dem Gebäude gerannt kamen oder hinter den Fenstern der unteren Stockwerke saßen, jeder, der in die Schusslinie geriet, wurde von Klingen durchbohrt, verstümmelt oder ermordet von diesem Mann. Wie weit die Geschosse flogen, konnte ich nicht beurteilen, doch es war offensichtlich, dass sie tief in das Gebäude vordrangen.

Ich weiß nicht, warum ich nicht auch versucht habe, davonzulaufen. Im Rückblick könnte man es so erklären, dass mir vielleicht einfach klar war, dass es ein sehr kurzer und sehr zweckloser Versuch sein würde. Doch das war es nicht, was mir damals durch den Kopf ging. Ich hatte Angst, aber vor allem war ich wütend und wollte ihn aufhalten. Er machte keine Anstalten, das Gemetzel zu beenden, und ich begriff, dass er es genoss – er genoss seine Macht, die Angst, den Tod.

Er wandte mir noch immer den Rücken zu, und ich sah einen Fleck an der Stelle, an der einmal seine Schulterblätter gewesen waren und jetzt die Flügel entsprossen. Dort pulsierte so etwas wie ein menschliches Herz, nur sah es nicht aus wie ein Herz, sondern eher wie eine kleine Qualle.

Fieberhaft überlegte ich, wie ich dieses Monster aufhalten könnte, aber leider gehörten Maschinenpistolen nicht zur Grundausstattung einer Marketingmanagerin. Ich fixierte weiterhin das pochende Ding zwischen den Schultern des Mannes, während ich in meiner Handtasche wühlte und sich meine Finger schließlich um eine Waffe schlossen – um meinen teuren und schweren Mont-Blanc-Füller. Mein Vater hatte ihn mir zu meiner Beförderung geschenkt. Vermutlich hatte er ihm einen anderen Zweck zugedacht, aber meine Wahlmöglichkeiten waren nun mal beschränkt.

Ich ließ meine Handtasche fallen, kickte mir die Pumps von den Füßen und rannte los, direkt auf den Rücken des Mannes zu. Er steuerte das Gerichtsgebäude an, war aber noch keine dreißig Meter entfernt, und ich war in der Schule im Leichtathletikteam gewesen. Kurzstrecken- und Hürdenlauf waren damals mein Spezialgebiet gewesen, und auch wenn es schon ein Weilchen her war – manche Dinge verlernt man nie.

Er war etwas größer als ich, ich musste ihn also im Flug erwischen. Ich peilte einen Punkt an und sprang im letztmöglichen Moment. Gerade als er sich umdrehte, rammte ich meinen Füller in das Quallending. Ich konnte seine Augen sehen – sie waren geweitet, glühten rot und hatten nichts Menschliches mehr an sich.

Als sich mein Füller in seinen Rücken bohrte, öffnete er den Mund, doch es kam kein Laut heraus. Dafür verwandelten sich seine Augen wieder in die eines Menschen, und sein Blick wurde glasig, als er starb. Dann fiel er nach vorn. Ich kämpfte mich auf die Füße, schleimüberzogen von seinen Flügeln und dem explodierten Quallending.

Dann traf die Polizei ein. Schließlich waren bereits viele Polizisten im Gerichtsgebäude gewesen. Es war ein einziges Chaos, Menschen schrien, alles war voller Glas und Blut, in der Ferne hörte man Sirenen heulen, doch das Einzige, an das ich denken konnte, während ich auf den Toten hinuntersah, war mein Füller. Sollte ich ihn wieder herausziehen oder lieber nicht?

Plötzlich und wie aus dem Nichts tauchte ein Mann vor mir auf, über 1,80 m groß und breitschultrig. Ansonsten fiel mir nur sein Anzug auf, ziemlich sicher von Armani und perfekt sitzend, was wohl bedeutete, dass er nicht zur Polizei gehörte. Meine Augen wanderten wieder zu meinem Stift, der noch immer im Rücken des Toten steckte.

»Woher wussten Sie, was Sie tun mussten?«, fragte er ohne Umschweife.

»Es kam mir einfach … richtig vor«, erwiderte ich und setzte damit klar einen neuen Standard in Sachen blöder Antworten. »Kann ich meinen Stift wiederhaben?«

Er ging in die Hocke und untersuchte die Leiche, dann zog er vorsichtig den Füller heraus. Ich hatte den Eindruck, als wollte er ihn sofort wieder hineinrammen, sollte der Tote auch nur das leiseste Lebenszeichen von sich geben.

»Ich hab seine Augen gesehen. Die waren nicht normal, und als ich ihn umgebracht habe, sind es wieder Menschenaugen geworden. Und dann habe ich gesehen, wie er gestorben ist«, erklärte ich. Ich fragte mich, ob ich eventuell einen hysterischen Anfall bekommen würde, aber ich blieb ganz ruhig, was mich sehr erleichterte.

Der Mann sah zu mir hoch. Jetzt erst fielen mir seine Gesichtszüge auf. Es war ein markantes Gesicht mit einem kräftigen Kinn, hellbraunen Augen und leicht gewelltem Haar. Zweifellos attraktiv. Ich hasste mich dafür, aber mein Blick wanderte direkt zu seiner linken Hand. Kein Ring. Ich sah sofort wieder hoch, doch er hatte meinen Blick bemerkt und grinste. »Jeff Martini. Unverheiratet und derzeit ohne feste Freundin. Und Sie sind?«

»Beunruhigt. Werde ich jetzt verhaftet?« Ich sah einige Polizisten mit entschlossenen Mienen auf uns zusteuern.

Martini erhob sich. »Das glaube ich nicht.« Er wandte sich an die Polizisten. »Das hier ist Angelegenheit unserer Behörde, Gentlemen. Bitte kümmern Sie sich um die Passanten.«

Die Polizisten blieben stehen und befolgten seine Anweisungen ohne den geringsten Protest. Jetzt war ich erst recht nervös.

Er drehte sich wieder zu mir. »Gehen wir.« In diesem Moment hielt eine lange graue Limousine mit getönten Scheiben neben uns. Martini nahm meinen Arm und führte mich zu dem Fahrzeug.

»Ich muss mein Auto holen«, protestierte ich. »Und meine Schuhe.« Ich hopste von einem Fuß auf den anderen und spielte kurz mit dem Gedanken, mich einfach auf Martinis Schuhe zu stellen, aber angesichts der kurzen Dauer unserer Beziehung ließ ich es dann doch bleiben.

»Geben Sie mir die Schlüssel«, sagte er.

»Nein, lieber nicht.« Ich entzog ihm meinen Arm und fand tatsächlich ein kleines Fleckchen Schatten, auf dem ich stehen konnte. »Was zum Teufel ist hier eigentlich los?«

Ein älterer Mann stieg aus dem hinteren Teil der Limousine. Er hatte Martinis Statur, war aber mindestens zwanzig Jahre älter. Verwandt sahen sie nicht aus, aber ich war mir ziemlich sicher, dass sie zusammenarbeiteten, für was oder wen auch immer.

Er sah mich lange an. »Geben Sie Jeffrey bitte Ihre Schlüssel. Sie verschwenden nur Zeit, Ihre und unsere.«

»Und dann darf ich Betonschuhe anziehen?«, fragte ich mit so viel Sarkasmus, wie ich aufbringen konnte.

Er lachte. »Wir sind nicht die Mafia, sondern eine von sämtlichen Regierungen der Welt autorisierte Behörde. Sie können hierbleiben und sich zum Tod dieses Bedauernswerten da von der Polizei verhören lassen, oder sie kommen mit uns. Es liegt ganz bei Ihnen.«

»Und Sie werden mir erklären, was hier passiert ist? Was wirklich passiert ist, meine ich?«

»Ja.« Er trat beiseite und wies einladend auf das Wageninnere.

»Außerdem helfen wir Ihnen, wieder sauber zu werden, und sorgen dafür, dass die Presse keinen Wind davon bekommt.«

»Warum?« Ich bewegte mich keinen Zentimeter auf die Limousine zu und machte auch keine Anstalten, meine Tasche zu holen.

Er seufzte. »Wir brauchen Agenten. Unser Job ist extrem gefährlich, und es ist sehr selten, dass eine Zivilistin genug Mut aufbringt, um zu handeln, und dann auch noch instinktiv weiß, wie und an welcher Stelle man ein Überwesen töten kann.«

Etwas stupste mich an, und als ich mich umdrehte, reichte Martini mir meine Handtasche. Meine Schuhe hatte er auch. »Gehört Taschendiebstahl auch zu eurem Job?«, fragte ich, als er einem dritten Mann meine Autoschlüssel zuwarf, der ebenfalls plötzlich und wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Noch so ein Armani-Mensch, vielleicht etwas schmaler gebaut, aber trotzdem ganz offensichtlich einer der Crew. »Ich glaube nicht, dass ich ins Kleidungsschema passe«, bemerkte ich und zog mir die Schuhe wieder an.

Martini lächelte. Er hatte ein tolles Lächeln und wunderbare Zähne. Ich hatte mich schon dafür verachtet, wie ich gleich zu Beginn nach Martinis vermeintlichem Ehering geschielt hatte, und ärgerte mich umso mehr darüber, dass ich mir jetzt auch noch Gedanken um sein Aussehen machte, während mein Leben vielleicht am seidenen Faden hing.

»Wir könnten etwas weibliche Intuition gut gebrauchen«, meinte Martini. »Das war es doch, oder? Sie wussten nicht, was los war, aber Sie wussten, was zu tun ist.«

Ich zuckte die Schultern. »Keine Ahnung. Kann ich meinen Füller zurückhaben?«

Martini lachte. »Nur, wenn Sie zu uns ins Auto steigen.« Er beugte sich zu mir herunter. »Und nur, wenn du mir deinen Namen verrätst«, flüsterte er mir ins Ohr.

Meine Knie wurden weich. Irgendwie wurde erst dadurch alles real, und mir wurde klar, dass dies kein Albtraum war, aus dem ich jeden Moment erwachen würde. Ich merkte noch, wie mir schwarz vor Augen wurde, fühlte, dass Martini mich auffing und hochhob und dann … nichts mehr.

Kapitel 2

Als ich wieder zu mir kam, fuhren wir schon. Ich saß an jemanden gelehnt, der seinen Arm um mich gelegt hatte. Auch wenn ich nach meiner Ohnmacht noch reichlich verwirrt war, musste ich nicht erst überlegen, wessen Arm das war. Dass es mir überhaupt nichts ausmachte, fand ich allerdings doch bedenklich. Vielleicht sollte ich mich schleunigst in die Obhut von Alice Schwarzer begeben, damit aus mir doch noch eine emanzipierte Frau wurde.

»… dass sie Agentin werden will?« Es war eine männliche Stimme, aber weder die von Martini noch die des älteren Mannes. Ich hielt die Augen geschlossen und versuchte, gleichmäßig weiterzuatmen.

»Na, das hoffe ich doch.« Das war Martini. »Es wäre nett, mal was Hübsches fürs Auge dabeizuhaben.«

»Jeffrey, wir sind keine Partnervermittlung.« Und das der Ältere. »Pass besser auf, dass sie ihren Stift da nicht in deiner Leistengegend versenkt, wenn sie wieder zu sich kommt.«

»Den hab ich ihr noch nicht zurückgegeben.« Martini lachte, und ich fühlte, wie er sein Gewicht ein wenig verlagerte. »Ich bin wirklich gespannt, warum sie ausgerechnet einen Stift verwendet hat.«

»Etwas anderes hatte ich nicht.« Ich öffnete die Augen und sah, wie er den anderen im Auto meinen Füller entgegenhielt. Ich schnappte ihn mir, er war noch immer voller Schleim.

»Mich würde mehr interessieren, woher du wusstest, wo du ihn hineinrammen musst.« Das war wieder der Dritte.

Ich sah mich um und erkannte, dass Martini und ich mit dem Rücken gegen die Fahrtrichtung saßen. Martini gegenüber hatte der Ältere Platz genommen, mir gegenüber der Dritte.

Er ähnelte den anderen beiden – groß, attraktiv und mit Armani-Anzug. Außerdem hatte er eine Glatze und ebenholzfarbene Haut.

»Sehen alle Männer in Ihrer Behörde so gut aus?«, fragte ich den Älteren. »Falls ja, kann ich Ihnen dabei helfen, jede Frau zu rekrutieren, die Sie nur wollen, versprochen.«

Er lachte. »Ich heiße Mr. White.«

»Okay, und der da ist Mr. Black?« Ich deutete auf den Mann neben ihm.

»Echt witzig«, bemerkte der Schwarze trocken. »Nein, ich heiße Paul Gower. Aber danke für das Kompliment. Sein Name ist wirklich White. Richard White. Sei höflich zu ihm.«

»Auch wenn er es nicht verdient hat?«

»Auch dann«, entgegnete Gower lächelnd. »Und jetzt beeindrucke doch uns alle mal mit deinen guten Manieren und verrate uns, wie du heißt.«

»Von wegen. Ich wette, ihr habt gemeinschaftlich meine Handtasche durchwühlt, während ich bewusstlos war.« Ich blickte zu Martini hoch, der eine perfekte Unschuldsmiene aufgesetzt hatte. »Na also, dann wisst ihr ja schon, wer ich bin.«

»Du bist aufgewacht, bevor ich deinen Geldbeutel finden konnte«, gab Martini zu. »Ich weiß nicht, wie du diesen Füller rechtzeitig gefunden hast, deine Handtasche ist ein schwarzes Loch.«

»Also, ich stelle sie mir lieber wie Mary Poppins Reisetasche vor. Ist ja gut«, fügte ich an, als die Blicke von White und Gower mich trafen. »Ich heiße Katherine Katt. Und bevor ihr fragt: Nein, nicht cat wie Katze, und ja, meine Eltern nennen mich natürlich Kitty.«

»Das gefällt mir.« Martini grinste hinterhältig.

»Und wie nennen dich deine Freunde?«, fragte Gower.

Ich sah ihn scharf an. »Noch sind wir keine Freunde.«

White lachte leise. »Zugegeben, Mrs. Katt.«

»Oh, lasst sie uns Miss Kitty nennen«, bat Martini.

Ich wischte meinen Füller an seiner Hose trocken. »Das ignoriere ich jetzt mal großzügig.«

»Herrje, ich glaub, ich bin verliebt«, sagte Martini lachend, ließ seinen Arm allerdings um meine Schultern gelegt.

»Ich wette, das erzählst du jeder, die ein Monster mit einem Stift ersticht.« Ich dachte lieber nicht darüber nach, wie sehr mir sein Arm auf meiner Schulter gefiel. Es gab hier schließlich anderes zu klären, und ich musste aufhören, mich aufzuführen wie in einer Singlebar.

»Nur wenn sie sexy ist«, antwortete Martini und wischte damit alle meine guten Vorsätze beiseite.

»Ich würde es mal mit ›schön‹ versuchen«, warf Gower ein. »Da stehen Frauen eher drauf.«

»Hier zählt vor allem, dass sie klug und einfallsreich ist«, sagte White und klang dabei genau wie mein Vater, wenn er genug hatte und wieder zurück zur Sache kommen wollte.

Auch Martini und Gower entging das nicht, sie ließen das Gewitzel und setzten ernstere Mienen auf. Mir dagegen waren Mr. Whites Wünsche ziemlich egal. Noch.

Mein Handy piepste, und ich fischte es aus der Tasche. Ich hatte einen ganzen Haufen Anrufe verpasst. »Reizend, dass niemand mir gesagt hat, dass ich angerufen wurde, vielen Dank auch.«

»Wir haben das Läuten gehört«, entgegnete Martini. »Aber wir konnten das Ding nicht finden.«

Ich warf einen Blick auf die Liste der entgangenen Anrufe. »Mr. Brill, Caroline, Chuckie und Janet. Normalerweise bin ich so früh am Tag noch nicht so gefragt.«

»Vielleicht sind sie einsam?«, schlug Martini vor. »Wer ist Chuckie?«

»Ein Freund, warum?« Genauer gesagt war er einer meiner ältesten Freunde, aber ich sah keinen Grund, Martini das zu erklären.

»Ist er der mit dem Bester-Freund-Klingelton?«

»Ja, warum?«

»Ich weiß nur gern, wie’s mit der Konkurrenz steht«, erwiderte er grinsend.

»Da gibt es keine Konkurrenz, weil hier nichts zur Debatte steht.« Na also, endlich bezog ich wieder feministische Stellung. Außerdem waren Chuckie und ich kein Paar, und der eine Ausrutscher vor ein paar Jahren zählte nicht. »Wie auch immer, ich muss da wirklich zurückrufen, besonders meinen Boss. Der bestimmt gern erfahren möchte, warum ich nicht längst wieder im Büro bin.«

White schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, das geht nicht.«

Mein Handy klingelte wieder. Das war Sheila. Martini schnappte sich das Handy, bevor ich drangehen konnte. »Das ist auch eine wirklich gute Freundin, ich muss da rangehen, verstehst du?« Das Klingeln hörte auf, nur um sofort wieder anzufangen.

Martini sah auf das Display. »Amy. Nein, lass mich raten … noch eine gute Freundin?«

»Richtig. Sheila und Amy sind meine besten Freundinnen und Chuckie mein bester Freund. Wir kennen uns seit der neunten Klasse, und ich muss da jetzt verdammt noch mal rangehen.« Wieder verstummte das Klingeln, und ich nahm Martini das Handy weg.

»Warum hat dann nur dieser Chuckie seinen eigenen Klingelton?«, fragte Martini.

»Das geht dich nichts an.« Ich sah auf mein Telefon, jetzt hagelte es SMS.

»Ich muss darauf bestehen, dass Sie derzeit mit niemandem Kontakt aufnehmen«, warf White ein, noch bevor ich irgendeine Antwort tippen konnte. »Ich versichere Ihnen aber, dass Sie bald zurückrufen dürfen.«

Ich hatte den Verdacht, White würde Martini befehlen, mein Handy in der Hand zu zerquetschen, sollte ich widersprechen, und Martini sah stark genug aus, um es auch zu tun. Also gab ich auf und stopfte mein Handy zurück in die Tasche. »Also, was ist hier eigentlich los? Ich glaube kaum, dass das alles bloß ein Filmset war, also wie konnten diesem Typen dann Flügel wachsen?«

White seufzte. »Das erkläre ich Ihnen in der Zentrale.«

»Und wo ist die Zentrale? Wie ich bereits erwähnt habe, erwartet man mich laut meiner Anrufliste wieder in meinem Büro.«

»Wenn Sie sich entschließen, für uns zu arbeiten, werden Sie ohnehin nicht mehr dorthin zurückkehren«, kommentierte White.

»Du bekommst ’ne tolle Krankenversicherung«, warf Martini ein. »Psychologische Beratung ist besonders gefragt.«

»Wie sieht’s mit Urlaub aus?«, fragte ich so sarkastisch wie möglich.

»Ich dachte an Westafrika oder Hawaii. Im Bikini siehst du bestimmt super aus, selbst mit Sonnenbrand«, antwortete er prompt. »Ich creme dich auch ein – überall, versprochen.«

White seufzte wieder, resignierend diesmal. »Wir erklären Ihnen alles, sobald wir Sie von Jeffrey loseisen können.«

»Keine Chance«, sagte Martini fröhlich. »Sie ist auf der Suche, ich bin auf der Suche, und betriebsinterne Beziehungen sind nicht verboten, also gewöhnt euch schon mal dran, dass wir jetzt ein Paar sind.«

»O Mann, du scheinst ja echt zu glauben, ich hätte nichts Besseres zu tun, als mich dir an den Hals zu werfen.« Ich fragte mich, ob das einfach seine Art war, mit Frauen umzugehen, oder ob er sich am Ende als einer dieser völlig verzweifelten Typen herausstellte, die einen komplett mit Beschlag belegten, klammerten, gleich beim ersten Date einen Heiratsantrag machten und ihren Exfreundinnen dann nachstellten, nachdem sie schreiend davongelaufen waren.

»Nee, aber du findest uns anscheinend alle heiß, und ich weiß einfach, wie ich am besten mein Revier abstecke«, Martini nickte Gower zu. »Also, erzähl’s rum, klar? Sie gehört mir.«

Gower schüttelte den Kopf. »Er macht gleich beim ersten Date einen Antrag, aber lass dich davon nicht unter Druck setzen. So durchgeknallt, wie er wirkt, ist er gar nicht, auch wenn dich das jetzt vielleicht nicht besonders beruhigt. Unser Jeff weiß einfach nur schneller als die meisten, was er will.«

»Na super.« Mein Blick wanderte wieder zu White, der hin- und hergerissen schien zwischen Belustigung und Frustration. »Wo genau ist denn die Zentrale? Ich frage nur, weil ich in der Gegend wohne und weiß, wie man zu welcher Tageszeit am schnellsten zum Flughafen kommt, und da wollen wir ja anscheinend hin.«

White lächelte. »Auf jemanden wie Sie haben wir gewartet.«

Kapitel 3

Wie sich herausstellte, lag die Zentrale ausgerechnet in New Mexiko. Einige Kilometer vor Roswell, um genau zu sein.

Von Saguaro aus war es nur ein kurzer Flug, und natürlich hatten sie einen Privatjet: Er war grau und trug fast keine Markierung. Der Fahrer der Limousine übernahm auch die Rolle des Piloten und er passte in den Sitz, auch wenn er definitiv kleiner war als Martini, was auf jeden Fall auch auf den Typen zutreffen musste, der mein Auto geholt hatte.

Während des Flugs machte ich einige Men-in-Black-Witze, die aber niemanden zum Lachen brachten, noch nicht mal gezwungen. Martini versprühte weiter seinen unvergleichlichen Charme, mit dem Erfolg, dass ich mich allmählich fragte, ob ich mir schon mal Gedanken über das Hochzeitsporzellan machen oder doch lieber eine Gesichtsoperation mit meiner eigenen Version des Zeugenschutzprogramms kombinieren sollte, um mich vor ihm in Sicherheit zu bringen.

Im Flugzeug bekam ich Gelegenheit, mich im Spiegel zu betrachten, und kam zu dem Schluss, dass Martini mich sowieso nur auf den Arm nehmen wollte, denn was ich sah, war furchtbar. Falls dieser Trupp nicht das beste Reinigungsteam der Welt zu seinem Personal zählte, war mein Kostüm im Eimer. Meine Frisur ähnelte einem Vogelnest, und mein Gesicht war dreckverschmiert. Einzig meine Handtasche und die Schuhe schienen alles einigermaßen unbeschadet überstanden zu haben. Ich beschloss, es einfach zu ignorieren, und dachte, dass ich das Feministische Manifest nun vielleicht doch wieder lesen konnte, ohne vor Scham im Boden zu versinken.

Gegen alle sonst auf Linienflügen geltenden Regeln durfte ich mein Handy benutzen und SMS an alle verschicken, die versucht hatten, mich zu erreichen. Hauptsächlich deshalb, weil die Liste stetig länger wurde und sich Martini strikt weigerte, mich direkt mit jemandem sprechen zu lassen. Außerdem bestand er darauf, sämtliche SMS über meine Schulter schauend mitzulesen, angeblich aus Sicherheitsgründen, aber ich wurde den Verdacht nicht los, dass er es nur tat, damit er sich über mich beugen und mir dabei ins Ohr hauchen konnte.

Alle außer Chuckie schienen sich mit der Nachricht zufriedenzugeben, dass es mir gut gehe, mich aber in Polizeigewahrsam befände und nicht wisse, wann ich wieder gehen könne. Es überraschte mich nicht, dass er mir antwortete, ich solle sofort Bescheid geben, falls ich in ernsthaften Schwierigkeiten sei. Während der Highschool war er wegen seines Hangs zu Verschwörungstheorien gern aufgezogen worden – zu Recht, wie ich leider zugeben musste. Allerdings hatte diese Sache hier tatsächlich etwas Verschwörerisches, und Chuckie lag diesmal vielleicht gar nicht so falsch.

Von der schmalen Landebahn, auf der wir aufsetzten, gelangten wir in einem geräumigen grauen SUV, einer Geländelimousine, schnell an unser Ziel. Ich riss zur Abwechslung einen Witz über Männer in Grau, den aber auch niemand lustig fand. Anscheinend mochte hier keiner alberne Science-Fiction-Filme.

Wir hielten vor einem Gebäude, das ich für die Zentrale hielt – ein langweiligeres Bauwerk war mir schon ewig nicht mehr untergekommen. Dank der in tristem Weiß gestrichenen Wellblechfassade kam man sich im Inneren sicher vor wie in einem Backofen. Einige taubengraue Akzente rundeten das Ganze zu einem perfekten Bild industrieller Eintönigkeit ab.

»Wow. Wenn für dieses Gebäude gilt: je trister, schlichter und schäbiger, desto wichtiger, dann müsst ihr ja für eine der wichtigsten Behörden der Welt arbeiten.«

»Das tun wir«, sagte White leise, während er eine dicke Metalltür mit der Aufschrift Mitarbeiter öffnete.

Er führte mich hinein und mir bot sich ein – na ja, nicht sehr spannendes Szenario. Alles war voller Kisten und Kästen. Es war ein Lagerhaus, und ich hatte recht gehabt, was die Temperatur anging.

»Das haut mich jetzt nicht gerade vom Hocker. Was soll das hier? Hat die lokale Psychiatrie Tag der offenen Tür? Oder sind wir hier im Armani-Outlet, und ihr habt mich als Erste zur Schnäppchenjagd reingelassen?«

»Sie hat den Designer erkannt«, wisperte Martini. »Unglaublich.«

»Konzentrier dich, Jeff«, flüsterte Gower zurück. »Reiß dich verdammt noch mal zusammen, du gehst ihr auf die Nerven. Und mir übrigens auch.«

»Ich glaube, sie mag es«, erwiderte Martini grinsend.

»Die echte Zentrale liegt hier drunter, stimmt’s?«, fragte ich an White gewandt und ignorierte die beiden anderen, so gut es ging. »Oder drücken Sie gleich auf einen Knopf, damit sich alles verwandelt und ganz unglaublich beeindruckend wird?«

»Weder noch«, antwortete White. Er ging zu einem der Kästen hinüber und nickte Gower und Martini zu, die den Deckel hochstemmten. »Sehen Sie hinein«, wies White mich an. Es war kein Vorschlag, sondern eine Anweisung.

Ich kam zu dem Schluss, dass mein Schicksal sowieso besiegelt war, wenn diese Typen vorhatten, mich umzubringen. Also wäre es auch nicht besonders dumm von mir, ihnen die Chance zu geben, mich in eine große Kiste zu schubsen – jedenfalls auch nicht dümmer als alles andere, was ich heute getan hatte. Ich ging also hinüber und späte in die Kiste.

»Oh.« Ich schrie nicht und war ziemlich stolz deswegen.

Martini trat hinter mich, und ich ahnte, dass er bereitstand, um mich aufzufangen, falls ich wieder ohnmächtig werden sollte. Das tröstete mich etwas, denn das, was da vor mir lag, war ganz und gar nicht schön.

Es war ein Mann, und soweit ich das beurteilen konnte, war er tot. Jedenfalls hoffte ich das. Anstelle von Fingern und Zehen hatte er lange, spitze Krallen, und aus seinem Mund ragten gezackte, rasiermesserscharfe Zähne. Seine Züge waren verzerrt und zeigten rasenden Hass.

»Er sieht genau so aus wie der, den ich getötet habe. Kurz bevor ich ihn erstochen habe, meine ich.«

»Sie sehen alle so aus«, sagte Martini leise. »Die Gesichter sind verschieden, manchmal sind es Männer, manchmal Frauen, aber sie alle schauen einen zum Schluss mit diesem Ausdruck an.«

»Was sind sie? Und behaupte jetzt nicht, es wären Mutanten«, ergänzte ich schnell.

»Wir nennen sie Überwesen«, antwortete White. »Nicht ganz passend, aber für unsere Zwecke reicht diese Bezeichnung.«

»Inwiefern?«

»Was man sich über Roswell erzählt, ist teilweise wahr«, erklärte White. »In den vierziger Jahren sind hier tatsächlich Außerirdische notgelandet. Als wir die Türen des Raumschiffs öffneten, waren sie jedoch alle tot. Unsere Wissenschaftler haben natürlich alles untersucht, allerdings fanden sie nicht viel von Interesse. Ihr Körperbau war anders, aber ansonsten ähnelten sie den Menschen mehr, als dass sie sich von ihnen unterschieden. Außerdem führten sie etwas mit sich, das wir für Bücher hielten. Sie waren in einer Sprache verfasst, die sich so grundsätzlich von unseren Sprachen unterschied, dass es Jahrzehnte dauerte, bis wir sie entschlüsselt hatten.«

»Wir brauchten einen Supercomputer«, warf Gower ein. »Bis in die achtziger Jahre gab es keine entscheidenden Fortschritte.«

»Was stand in den Büchern?«, fragte ich und versuchte erfolglos, meinen Blick von dem toten Überwesen vor mir loszureißen. Dieses Wesen würde niemals die Unschuldigen und Hilflosen beschützen, so viel stand fest.

»Wie sich herausstellte, waren diese Außerirdischen auf einer Rettungsmission«, erzählte White weiter. »Sie waren nicht die einzigen, die entsandt worden waren, aber die einzigen, die man zur Erde geschickt hatte.« Er ließ diese Information kurz wirken und fuhr dann fort. »Ihr Planet war von einer parasitären Rasse überfallen worden. Sie hatten herausgefunden, wie man diese bekämpfen konnte, doch sie wussten, dass dadurch andere Planeten ins Visier der Parasiten rückten. Also entsandten sie Boten, um die Bewohner anderer Planeten vor der Gefahr zu warnen.«

»Was tun diese Parasiten?«

»Rate mal«, sagte Martini leise.

Als White nicht protestierte, sprach ich aus, was ich dachte, und hoffte gleichzeitig, dass es nicht stimmte. »Der Parasit verbindet sich mit einem Menschen und verwandelt ihn oder sie in ein Überwesen mit mächtigen zerstörerischen Kräften. Sie werden von Angst und Wut angezogen oder von den Pheromonen, die diese Gefühle freisetzen. So wählen sie ihre Wirte aus.«

»Ich sag’s noch mal, sie gehört mir«, bemerkte Martini.

»Und«, fügte Gower hinzu, »weil der Parasit alles intensiviert, verstärken sich die Emotionen so sehr, dass der Wirt nicht mehr klar denken kann.«

»Meistens jedenfalls«, verbesserte White. »Manche Menschen haben es geschafft, die Kontrolle zu behalten.«

»Und das sind dann die Guten?« Es gelang mir endlich, meinen Blick von der krallenbewehrten Bestie in der Kiste zu lösen.

White schüttelte den Kopf. »Es gibt unter ihnen keine Guten, jedenfalls nicht, dass wir wüssten. Es gibt nur die, die es geschafft haben, ihre Reaktionen auf den Parasiten in den Griff zu bekommen, und so überlebt haben. Bis wir sie finden und aufhalten.«

»Wie kann jemand am Leben bleiben, der aussieht wie … das da?« Ich deutete auf das Ding in der Kiste.

»Die wenigen, die den Parasiten irgendwie unter Kontrolle haben, können wieder ihre menschliche Form annehmen. Wir wissen nicht, ob sie sich des Parasiten bewusst sind oder nicht.« Für einen Moment trat ein trauriger Ausdruck in Whites Augen.

Das fand ich merkwürdig. »Warum nicht?« Niemand antwortete, doch alle machten betretene Mienen. »Ihr wisst es nicht, weil ihr noch nie einen von ihnen gefangen habt, richtig?«

»Falsch«, widersprach Gower. »Wir haben einige gefangen. Aber nur in ihrer Überwesen-Form.«

»Wieder falsch«, verbesserte Martini. »Wir haben sie in ihrer Überwesen-Form getötet.«

»Ihr habt doch dieses Monster in der Kiste da. Warum packt ihr nicht auch die anderen so ein?«

»Es ist sehr viel schwieriger, diejenigen zu töten, die den Parasiten beherrschen können«, erläuterte Martini. »Wenn man selbst erst mal tot oder verletzt ist, wird’s schwierig, ihnen zu ihrem Unterschlupf oder was auch immer zu folgen. Bisher konnten wir sie nur aufhalten, indem wir sie zerstört haben – und da sind nie viele Teile übrig geblieben.«

»Je länger ein Überwesen die Kontrolle behält, desto stärker wird es«, fuhr Gower fort. »Wir wissen von einigen, die seit Jahren überleben. Sie verharren inaktiv in ihrem menschlichen Wirt, wer auch immer das sein mag, bis irgendetwas einen Ausbruch auslöst. Wir haben es bisher noch nicht geschafft, ihre menschliche Form zu ermitteln.« Leichtes Unbehagen huschte über sein Gesicht, ich hatte den Eindruck, dass er mir nicht die ganze Wahrheit sagte, doch ich war nicht in der Position, um nachzubohren.

»Wie nett. Und seit wann treiben sie sich schon hier herum?«

»Die ersten tauchten ungefähr zur gleichen Zeit auf, als wir auch die ersten kleinen Fortschritte bei der Übersetzung erzielten«, antwortete White. »Also etwa seit den späten sechziger oder frühen siebziger Jahren. Damals hatten wir bereits genug herausgefunden, um zu begreifen, dass die Außerirdischen uns vor etwas warnen wollten, und so hielt sich der Schock in Grenzen.«

Ich dachte darüber nach. »Sie sind in Vietnam aufgetaucht, nicht wahr? Die Wut auf beiden Seiten muss die Parasiten angezogen haben, so war es doch?«

»O ja, das hat sie«, erwiderte White leise. »Zweifellos hat die Angst, die dieser Krieg ausgelöst hat, sie hierher gelockt. Allerdings waren beide Seiten in der Lage, sie zu zerstören. Die Überwesen sind zwar beinahe unverwundbar, aber mit Maschinengewehren und Panzern schafft man es in neun von zehn Fällen, sie zu vernichten.«

»Und was passiert, wenn man zwar den Wirt, aber nicht den Parasiten tötet?«

»Man kann den Wirt nicht töten, es sei denn, der Parasit will, dass er stirbt. Die Parasiten können den Wirt wechseln, aber das ist nicht ganz leicht. Es geht nicht nur um die starken Empfindungen, es muss eine gewisse Verbindung zwischen Wirt und Parasit bestehen, damit die Vereinigung stattfinden kann.«

»Wenn du das Ding also nicht gleich beim ersten Versuch erwischt hättest, wäre es vielleicht zu dir übergewechselt«, warf Martini ein.

»Na vielen Dank. Ich soll also rekrutiert werden, weil ich das Zeug zur krankhaften Mörderin habe?«

»Nein«, erwiderte er leicht gereizt. »Ich meine, sie bevorzugen starke Menschen, und damit meine ich nicht nur körperliche Stärke. Sie stehen auf Mut, Intelligenz, Mitgefühl.«

»Sie suchen nach einer Liebesbeziehung?« Ich war wieder an dem Punkt, an dem ich wünschte, ich würde bald aufwachen.

»Sozusagen.« Martini zuckte die Schultern. »Sie wollen und müssen mit dem Wirt leben, warum sollten sie sich also nicht jemanden aussuchen, den sie mögen?«

»Aber wenn sie all das mögen, warum verwandeln sie ihre Wirte dann in diese … Horrorviecher?«

»Für sie sind es keine Horrorviecher«, antwortete Gower.

Auch darüber musste ich nachdenken. »Sie gehören nicht hierher, also gehört das, was sie aus ihren Wirten machen, auch nicht hierher. In der passenden Welt wären sie ein Gewinn für den Wirt, aber in der falschen sind sie eine Seuche.«

»So ist es«, übernahm White wieder das Wort. »Aber nach dem, was wir aus den Aufzeichnungen der Außerirdischen wissen, ist der Heimatplanet der Parasiten untergegangen, nachdem ihre Sonne explodiert ist. Anstatt sie zu vernichten, hat die Explosion die Parasiten in die entlegensten Winkel des Universums verstreut, wo sie jetzt nach Wirten suchen, um wieder wirklich lebendig zu werden.«

»Diese Geschichte wäre wirklich traurig, wenn diese Dinger nicht Menschen in grässliche, mordgierige Bestien verwandeln würden.« Es schüttelte mich. »Aber genau das tun sie. Also, was ist in den anderen Kisten? Noch mehr von ihnen?«

»Jep«, antwortete Martini. »Dein spezieller Freund wird auch bald hier eintreffen. Wir müssen ihn nur noch konservieren, eindosen und rüberbringen.«

»In meinem Auto?«

»Wohl kaum. Aber keine Sorge, ich bringe dich hin, wo auch immer du hin willst.«

»Ich Glückspilz. Warum bewahrt ihr sie überhaupt auf, obwohl sie euch doch nicht auf die Spur der noch gruseligeren Viecher bringen?« Ich stellte diese Frage direkt an White.

»Wir brauchen Beweise. Und wir haben Wissenschaftler, die an den Leichen Tests durchführen, um herauszufinden, ob es irgendwelche Übereinstimmungen unter ihnen gibt. In dem Fall könnten wir vorhersagen, wer ein potenzieller Wirt ist und wer nicht.«

»Und das tut ihr alles hier?« Ich sah mich um. »Das glaube ich keine Sekunde.«

»Nein«, sagte White lächelnd. »Das hier war nur ein Zwischenstopp.«

Irgendetwas passte nicht zusammen. Eigentlich passte sogar vieles nicht zusammen, doch ich entschloss mich, für den Moment nicht zu widersprechen oder meine Bedenken zu äußern. »Lasst mich mehr von ihnen sehen.«

Während wir auf meiner ganz persönlichen Gruseltour durch die Halle wanderten, tauchten immer weitere Agenten auf; zwei von ihnen rollten eine neue Kiste herein. Eine extragroße. Einer der beiden war der Agent, der meine Autoschlüssel an sich genommen hatte. Der andere sah einfach umwerfend aus, so wie alle von ihnen.

Es war heiß und ich schwitzte, und trotzdem war keine der Leichen in ihren Behältern verwest – sie rochen nicht einmal. Mit Whites Erlaubnis hielt ich meine Hand in einige der Kisten. Darin war es genauso heiß.

Noch mehr Agenten kamen und gingen. Einige schoben Kisten mit toten Überwesen vor sich her, andere liefen einfach so herum. Alle waren Männer, und während sie zwar die üblichen Abweichungen in Statur, Gesichtszügen, Hautfarbe und Ähnlichem aufwiesen, entsprachen sie doch allesamt dem gängigen Schönheitsideal. Mittlerweile hielten sich eine ganze Menge sehr attraktiver Agenten hier auf, nur war keiner von ihnen – abgesehen von meiner persönlichen Leibgarde – durch die einzige Tür gekommen, die es hier gab. Ich wusste zwar nicht, wie sie hier hereingekommen waren, doch egal, wie – es konnte nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.

Sonst gab es in diesem Lagerhaus nichts, aber ich war ihnen zahlenmäßig weit unterlegen. Und Chancen rechnete ich mir gegen White oder gar gegen einen der anderen ohne fremde Hilfe ohnehin nicht aus.

Ich lehnte mich also gegen die große Kiste, in der mein persönliches Überwesen lag, verschränkte die Arme und gab mein Bestes, um nicht verängstigt oder aufgebracht zu klingen. »Was wird hier wirklich gespielt?«

Kapitel 4

»Wie meinen Sie das?«, fragte White betont gleichgültig.

Doch ich sah nicht ihn an, sondern Martini und Gower, und beide blickten schuldbewusst drein.

»Ich meine, dass hier einiges nicht zusammenpasst.« Martini sah mich nicht an, und ich war mir ziemlich sicher, dass er Angst hatte, sich zu verraten.

»Was zum Beispiel?«, erkundigte sich White höflich.

»Ihr alle zum Beispiel.« Ich sah sie der Reihe nach an. »Ihr seht einfach zu gut aus. Ich verwette meinen Arsch darauf, dass eure Wissenschaftler auch allesamt echte Sahneschnitten sind. Es ist zwar eine schöne Vorstellung aber es kann einfach nicht sein, dass so viele attraktive Männer in ein und demselben Betrieb arbeiten, es sei denn, es ist eine Modellagentur.«

»Und das ist alles? Sie machen sich Gedanken wegen unseres Aussehens?« White klang belustigt.

»Nein, das war erst der Anfang. Das hier ist nicht die Zentrale, also habt ihr mich hierhergebracht, um mir die Leichen zu zeigen. Ich schätze, zur Einstimmung ist das recht passend, was aber nicht passt, ist diese Mordshitze. Auf der Erde lagern wir Dinge, die wir konservieren wollen, sehr kalt und nicht sehr heiß. In diesem Lagerhaus schmort alles vor sich hin, mich eingeschlossen, aber außer mir scheint niemand auch nur einen Schweißtropfen zu verlieren. Allen anderen, auch den Typen in den Kisten da, geht’s prima. Das ist nicht normal, jedenfalls nicht in dieser Welt.«

»Was noch?« White wirkte noch immer völlig gelassen. Natürlich hatte er auch Verstärkung hinter sich, im Gegensatz zu mir.

»Ich habe das Gefühl, dass ihr euch zu schnell bewegt. Ihr taucht aus dem Nichts auf, niemand versucht, euch aufzuhalten, die Polizisten tun ohne Widerrede, was ihr ihnen befehlt. Auch das ist nicht normal. Und dann haben Sie noch behauptet, dass es in diesem UFO außer ein paar Aufzeichnungen nichts Interessantes gegeben hätte. Tut mir leid, aber das kann ich einfach nicht glauben. Das Metall, die einzelnen Bestandteile, was auch immer dieses Ding zum Fliegen gebracht hat, das alles wäre für die Wissenschaft von höchstem Interesse. Zumindest die NASA würde sich die Finger danach lecken. Außerirdische, die dem Menschen so ähnlich sind, wären ungeheuer spannend, mindestens genauso spannend, als wenn sie völlig anders wären. Einfach alles in diesem Raumschiff, angefangen bei seiner bloßen Existenz, wäre für alle Vernunftbegabten faszinierend.«

»Und welche Schlüsse ziehen Sie daraus?«, wollte White wissen. Er schien wirklich gespannt auf meine Antwort zu sein, wirkte jedoch kein bisschen beunruhigt.

»Ihr kommt vom Planeten Adonis und seid zur Erde geschickt worden, um uns zu helfen und zu beschützen. Und um die Frauen glücklich zu machen.«

Martini lachte. Endlich sah er mir wieder in die Augen, und ich bemerkte, dass er den mir schon vertrauten Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte. Er wirkte selbstbewusst, interessiert und intelligent, doch genau wie White keineswegs besorgt.

»Also eins musst du ihr lassen, Boss«, warf Gower kopfschüttelnd ein. »Blöd ist sie nicht.«

»Ein bisschen komplizierter ist es dann doch«, sagte White.

»Na dann mal los, ich habe Zeit.«

White schüttelte den Kopf. »Nicht hier.«

»Doch, genau hier. Ich bin das Spielchen leid. Entweder, ihr sagt mir endlich die Wahrheit, oder ihr bringt mich zurück nach Hause und lasst mich gefälligst in Ruhe. Und damit meine ich auch dich«, fuhr ich Martini an.

Er grinste nur.

»Nein, Sie werden es leichter verstehen können, wenn Sie es sehen«, konterte White.

»Was sehen?«

»Die Absturzstelle. Unser Wissenschaftszentrum in Dulce. Und unsere Zentrale.«

»Die UFO-Tour«, kommentierte Martini fröhlich. »Viele würden dafür einen Haufen Geld zahlen.«

»Ja, Freaks und Spinner.« Und einer davon war mein bester Freund, aber das war im Moment nicht so wichtig. »Da die aber anscheinend mit allem recht hatten, sollte ich ab jetzt wohl ihren Instinkt für geheime Regierungsangelegenheiten bewundern.«

White zuckte die Schultern. »Manchmal gibt es gute Gründe für Lügen. Ich glaube, die meisten davon können Sie sich vorstellen. Aber darum geht es hier nicht. Sie mussten mit eigenen Augen sehen, dass es noch mehr von ihnen gibt, viel mehr als nur den einen, den Sie ja bereits kannten.«

»Und außerdem?«, hakte ich nach. »Ich meine, da muss es doch noch einen anderen Grund geben, warum sie mich zuerst hierhergebracht haben. Es ging doch sicher nicht nur darum, dass ich meine private kleine Horrorshow bekomme.«

»Ich wollte dich schwitzen sehen«, sagte Martini. »Ich finde das heiß, und du machst das sehr gut, weißt du.«

»Das hättest du auch in Pueblo Caliente haben können, und ihr hättet euch einen Haufen Spritkosten gespart.«

»Es ist den Preis wert. Schließlich rekrutieren wir nicht jeden Tag jemanden, der sogar für eine so heiße Gegend noch heiß ist.« Martini strahlte, anscheinend glaubte er ernsthaft, ich hätte diesen Spruch noch nie gehört. Jedes weibliche Wesen in Pueblo Caliente bekam die eine oder andere Version dieses Witzes spätestens mit zwölf zu hören.

Gower verdrehte die Augen. »Vielleicht liegt es daran, dass wir nicht mehr weibliche Agenten haben.«

»Meinst du den Geilspecht hier?« Entweder war es das – oder die Tatsache, dass dieser Beruf so klischeehaft männlich war. Ich entschied mich für das Offensichtlichere.

»Ich bin kein Geilspecht«, protestierte Martini. »Ich mag nur dich. Die anderen sind mir völlig egal.«

»Das glaubst du doch wohl selbst nicht.« Wieder sah ich mich um. Noch mehr Männer waren inzwischen erschienen, und sie alle waren eindeutig Agenten wie Martini, White und Gower. Und alle sahen mich an – alle.

Ein lautes Klingeln ließ mich und auch einige der Männer zusammenfahren. Ich erholte mich am schnellsten wieder und kramte in meiner Handtasche nach dem Handy.

»Nicht rangehen«, wies Martini mich an.

»Ich dachte, du hättest ihr das Ding im Flugzeug abgenommen«, hörte ich White sagen.

»Das wollte ich auch, aber dann hat sie es zurück in ihre Handtasche gesteckt«, verteidigte sich Martini. »Und das Einzige, was man da drin finden konnte, waren ihre Schlüssel. Überzeug dich selbst. Vielleicht zeigen sich die Sachen nur dem rechtmäßigen Besitzer, auf jeden Fall ist das Ding ein echter Albtraum.«

»Typisch Frau«, kommentierte Gower.

Ich sah auf das Display und klappte das Handy auf. »Hi Dad«, rief ich so laut wie möglich.

»Herrgott, Kitty, schrei doch nicht so. Deine Mutter ist ganz verrückt vor Angst und wollte, dass ich dich anrufe.«

»Was hat Mum denn?«

»Sie sagt, während sie am Flughafen auf den Start gewartet hat, hätte sie in den Nachrichten gesehen, wie du vor dem Gerichtsgebäude auf einen Terroristen losgegangen bist.«

»Dad? Kannst du mal kurz dranbleiben?« Ich legte meine Hand über die Sprechmuschel und sah White an. »Wann genau sollte diese Presse-Vertuschungs-Geschichte noch mal über die Bühne gehen?«, fragte ich und in diesem Moment fiel mir wieder ein, dass Amy gerade in Frankreich war, Sheila an der Ostküste lebte und Chuckie sich vermutlich in Australien aufhielt, was bedeutete, dass meine kleine Eskapade es anscheinend nicht nur in die Lokalnachrichten geschafft hatte, sondern vielmehr weltweit ausgestrahlt wurde.

»Warum?«, fragte er besorgt.

»Tja, ich habe mir ja noch nichts dabei gedacht, als mich mein Boss, die Hälfte meiner Kollegen, mein bester Freund, einige frühere Kommilitoninnen aus meiner ehemaligen Studentinnenverbindung, meine beiden besten Freundinnen, der Typ von der Videothek und mein Vermieter dringend erreichen wollten, aber wie es aussieht, hat meine Mutter, die gerade geschäftlich in New York ist, in den Sechs-Uhr-Nachrichten gesehen, wie ihr einziges Kind einen Terroristen angreift. Und das hat sie anscheinend etwas aus der Fassung gebracht.«

White sah zu dem Mann hinüber, in dem ich den neuen Besitzer meiner Autoschlüssel wiedererkannte. »Was zum Teufel ist da los, Christopher?«

Christopher hob die Schultern. »Ich hab’s dir schon oft gesagt, diese ganze Taschenelektronik macht uns die Arbeit immer schwerer. Irgendjemand hat alles mit dem Handy gefilmt und dann ins Netz gestellt. Das Überwesen konnten wir noch als Irren mit einem Haufen explosiver und halbautomatischer Waffen tarnen, aber für alles andere war die Zeit zu knapp. Das Prinzesschen hier konnten wir nicht mehr rausschneiden.«

Der Typ war mir definitiv unsympathisch.

»Und wo ist mein Auto?«

Christopher verzog spöttisch den Mund. »Es steht an einem sicheren Ort. Allerdings nicht vor deiner Wohnung. Ich hab übrigens deine Fische gefüttert.«

»Wie aufmerksam von dir.«

»Na, besser aufmerksam als ein Geilspecht.«

White unterbrach dieses geistreiche Geplänkel. »Also hat man sie auf der ganzen Welt gesehen, nicht nur in Pueblo Caliente?«

Christopher hob wieder die Schultern. »Sieht so aus.«

Ich setzte das Telefonat fort. »Dad, ich bin hier bei den Leuten vom Ministerium für Innere Sicherheit. Es ist alles in Ordnung. Ich konnte den Irren mit dem Füller aufhalten, den du mir geschenkt hast. Ich bin nicht verletzt und stecke auch nicht in Schwierigkeiten. Ich muss hier nur noch meine Aussage aufnehmen lassen.«

»Dann hast du also tatsächlich einen Terroristen angegriffen?« Stolz und Angst kämpften in seiner Stimme um die Vorherrschaft. »Ich habe es nicht gesehen, ich war den ganzen Tag mit meinen Studenten zusammen und habe sie auf die Abschlussprüfungen und das Sommersemester vorbereitet.« Mit anderen Worten, ein typischer Tag im Mai für meinen Vater. Wenigstens konnte einer von uns beiden den tröstlichen Luxus des Alltagstrotts vermelden.

»Ich wusste nicht, dass er ein Terrorist war, Dad, ich hab einfach reagiert. Das war so eine absolut einmalige Heldengeschichte, nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste.«

»Gut«, seufzte er erleichtert. »Deine Mutter wird sicher beruhigt sein, wenn sie hört, dass du in Ordnung bist, und wahrscheinlich findet sie das alles noch aufregender als ich. Bist du sicher, dass diese Typen von der Inneren Sicherheit dich nicht nach Guantánamo verschleppen?«

»Dad, meinst du, dann hätte ich mein Handy behalten dürfen?« Natürlich hatten sie es mir nur noch nicht weggenommen, weil sie es einfach nicht gefunden hatten, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, ich müsste sie in Schutz nehmen, und zumindest White sah ausgesprochen dankbar aus.

»Vielleicht rufe ich besser alle paar Stunden bei dir an, nur zur Sicherheit. Wenn du dann nicht abnimmst, rufe ich die Polizei. Wo bist du gerade? Noch in der Stadt?«

»Nicht ganz.« Meine Gedanken rasten. »Sie haben mich nach Vegas gebracht. Da hat die Innere Sicherheit anscheinend eines ihrer Büros.«

»In Vegas?« Er klang ungläubig. »Die karren dich nach Sin City, obwohl es Regierungsgebäude in der Innenstadt gibt?«

»Die perfekte Tarnung, darauf kommt niemand.« Ich war selbst erstaunt darüber, wie leicht mir dieser Blödsinn über die Lippen kam. Martini jedenfalls sah beeindruckt aus, und sogar Christopher wirkte nicht mehr ganz so spöttisch.

»Verstehe. Haben sie dir den Füller zurückgegeben?«

»Ja, Dad. Sie haben alle Proben genommen, die sie brauchten, und dann habe ich ihn gereinigt zurückbekommen.« So war mein Vater: Hast du mein sehr teures Geschenk noch? Er war nicht geizig, aber es machte ihn nervös, viel Geld auf einmal auszugeben, und wenn er es tat, war es wirklich etwas Besonderes.

»Gut. Wie spät ist es bei dir? Lass uns mal Uhren vergleichen.«

»Oh, Dad, also wirklich.«

»Schon gut. Ich stelle mir den Wecker, dann wache ich auch nachts rechtzeitig auf.«

Na, das konnte ja heiter werden. Andererseits – woher wusste ich denn, dass sie mir tatsächlich nichts tun wollten? »Okay, Dad. Aber wenn ich dir irgendwann sage, dass du nicht mehr anrufen sollst, so gegen vier Uhr morgens oder so, dann verstehst du das doch, oder?«

»Natürlich, Kitty. Ich weiß doch, was du für ein Muffel bist, wenn du geweckt wirst, genau wie deine Mutter. Vielleicht ist es am besten, wenn wir uns mit den Anrufen abwechseln.«

»Dad, Mum wird sicher einen Jetlag haben, lass sie schlafen.«

»Ihre Tochter hat gerade einen Terroristen aufgehalten, ich glaube eher, sie wird ziemlich aufgeregt sein.«

»Na super, dann lass sie eben auch anrufen. Vielleicht kann der Rest der Familie ja auch mitmachen, das wird ein richtiges Ringelreigen-Spiel.«

»Das ist eine gute Idee! Da werde ich in den nächsten zwei Stunden mal einige Telefonate erledigen.«

»Dad, das war ein Scherz. Wirklich. Bitte ruf niemanden an. Ich glaube, im Ministerium machen sie sich Sorgen, ich könnte zu einem potenziellen Angriffsziel werden. Geben wir ihnen keinen Grund, recht zu behalten.« Ich war richtig gut darin. In meinem ganzen Leben hatte ich meine Eltern so gut wie nie belogen, und jetzt führte ich meinen Vater wie ein Profi an der Nase herum.

»Na gut.« Seine Enttäuschung war nicht zu überhören. »Nicht einmal deinen Onkel?«

»Auf keinen Fall Onkel Mort.« Onkel Mort war seit über dreißig Jahren bei der Marine und ein wirklich hohes Tier. Er war der Letzte, den ich am Hals haben wollte. Es sei denn, ich geriet tatsächlich in Gefahr, dann wollte ich, dass Onkel Mort die Truppen sammelte und zu meiner Rettung eilte. Auf jeden Fall wusste Onkel Mort aber ganz bestimmt, dass es in Vegas kein Büro der Inneren Sicherheit gab. »Ich möchte nicht, dass er glaubt, er müsste kommen oder so. Ich möchte das hier allein durchziehen.«

»Okay, Kätzchen, ich verstehe. Dann rufe ich Onkel Mort nur an, wenn du nicht ans Telefon gehst.«

Damit konnte ich leben. »Klingt gut. Aber denk dran, dass du es so gegen vier Uhr morgens vielleicht öfter probieren musst. Wenn ich sicher und zufrieden schlafe, dann überhöre ich vielleicht das Klingeln, auch wenn das Handy neben mir liegt.«

»Genau drei Mal. Wenn du dich dann immer noch nicht gemeldet hast, rufe ich die Marine.«

»Super, der Plan ist perfekt. Dann hören wir uns also erst mal etwa alle zwei Stunden. Ich muss los, ich hab dich lieb.«

»Ich dich auch. Sei brav und lass dich nicht herumkommandieren. Du bist eine Heldin, und Helden verdienen Respekt.«

»Mach ich.« Ich klappte das Handy zu und sah wieder White an. »Mein Vater ruft ab jetzt alle zwei Stunden an, bis die Typen von der Inneren Sicherheit mich wieder gehen lassen. Er kann auf ein ausgedehntes Familienetz und einen großen Freundeskreis zurückgreifen, und ich könnte schwören, dass er ein paar davon anruft, obwohl ich ihm gesagt habe, dass er es lassen soll. Jetzt seid ihr dran.« Mein Blick flog zu Christopher. »Ach, und am besten kümmert sich auch gleich jemand darum, dass meinen Eltern nichts passiert.«

»Mein Bereich ist die Bildkontrolle, nicht die Abwehr«, antwortete er gleichgültig.

»Na großartig.« Ich wandte mich an White. »Und was jetzt?«

»Jetzt«, seufzte er, »haben wir wohl zwei Stunden Zeit, um Sie zu überzeugen, dass alles in Ordnung ist, damit Sie es Ihrem Vater weitersagen.«

»So ungefähr. Das kann er tagelang durchziehen, wahrscheinlich macht es ihm sogar Spaß.«

»Dann müssen wir uns wohl zeitlich festlegen«, meinte Martini. »Ich möchte nicht, dass er in einem unpassenden Moment anruft. Das könnte die Stimmung verderben. Obwohl ich es gewöhnt bin, aus dem Schlaf gerissen zu werden.«

»Das ist mir so richtig egal«, erklärte ich ihm.

Seine einzige Reaktion war ein erneutes Grinsen.

»Wir müssen gehen«, bestimmte White.

»Nein. Ich will ein paar Antworten. Fangen wir am besten mit euch Jungs an.« Mit meinem Handy deutete ich auf den Rest der Truppe, bevor ich es wieder in meine Tasche fallen ließ. »Ich will wissen, ob ich es mit Aliens oder bloß mit Freaks zu tun habe.«

»Sowohl als auch«, warf Martini ein, bevor White auch nur den Mund öffnen konnte. »Ich bin der einzige Normale hier.«

»Arme Menschheit. Mr. White? Wie wäre es mit ein bisschen Ehrlichkeit? Und zwar jetzt.«

Kapitel 5

White seufzte. »Es ist kompliziert. Können wir uns darauf einigen, dass ich Ihnen alles erzähle, während wir uns zur Absturzstelle begeben?«

Ich entschied, dass es vielleicht klüger wäre, einzuwilligen, vor allem, weil Christopher und einige der Kerle um ihn herum aussahen, als wären sie bereit, mir einfach eins über den Schädel zu ziehen und die Angelegenheit auf diese Weise zu lösen. »In Ordnung. Fangen Sie doch schon mal, während wir zum Auto gehen.«

Er nickte und wir gingen los, flankiert von Martini und Gower. »Mach dir nichts aus Christopher«, murmelte Gower mir zu. »Er ist sauer, weil er es vermasselt hat. Dein Bild da draußen bringt einen Haufen Probleme, um die wir uns kümmern müssen.«

»Außerdem ist er schwul«, fügte Martini an.

»Bin ich nicht«, rief Christopher hinter mir. Ich schaffte es, nicht zusammenzuzucken. »Aber das Prinzesschen ist einfach nicht mein Typ.«

»Das bricht mir das Herz.«

»Nicht doch. Ich stehe auf Blödchen.« Christopher ging an uns vorbei zur Tür, die zum Parkplatz führte, und hielt sie auf. Offenbar gehörte auch er jetzt zu meiner Leibgarde, also sah ich ihn mir genauer an. Er war mindestens zehn Zentimeter kleiner als Martini, aber immer noch um einiges größer als ich, etwa 1,77. Glattes braunes Haar, grüne Augen, schlank, aber muskulös. Gut aussehend, natürlich. Ich musste zugeben, dass es Schlimmeres gab, als von diesen hinreißenden Frischfleischexemplaren umgeben einen Ausflug zu machen. Nur wollte ich eben eigentlich gar nicht weg.

»Ich höre keine Erklärung«, sagte ich zu White, der jetzt neben Gower ging.

»Dieses Gebäude ist das Lagerhaus. Sie haben recht, hier ist es tatsächlich heiß. Wenn Menschen zu Überwesen werden, verändern sie sich vollkommen, sie sind dann nicht mehr von dieser Welt. Deshalb halten sie sich auch bei Hitze am besten. Im Winter haben wir ziemlich hohe Heizkosten.«

»Bedeutet das, dass ihr Planet der explodierten Sonne sehr nahe war?«

»Wir nehmen es an.« White klang beeindruckt. »Sie begreifen schnell.«

»Und darum wird Christopher mich im Gegensatz zu Martini auch niemals heiraten, ja, ja, so weit waren wir schon. Im Gegensatz zu euch mache ich hier ja auch keinen auf zugeknöpft. Keine blöden Witze jetzt«, sagte ich und blitzte Martini an. »Ich will wirklich ein paar Antworten.«

Er nickte scheinheilig, und White fuhr fort. »Sie haben recht, im Raumschiff waren bei Weitem nicht nur Bücher, und ja, seit dem Absturz untersuchen wir alles bis ins Kleinste.«

Etwas an der Art, wie er das Wort »wir« aussprach, ließ mich wie angewurzelt stehen bleiben. »Ihr gehört gar nicht zur amerikanischen Regierung, richtig?«

»Nun ja«, antwortete White, während Martini sanft, aber entschlossen meinen Arm nahm und mich wieder in Bewegung setzte. »Einige Regierungsvertreter arbeiten mit uns und wissen Bescheid, aber ich habe Ihnen ja bereits erklärt, dass wir eine Weltorganisation sind.«

»Von welcher Welt?«

Whites Blick flackerte leicht, ich hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. »Im Auto«, war jedoch alles, was er sagte.

Das Auto war wieder ein grauer SUV, vermutlich gehörten die zur Standardausrüstung. Allerdings war es nicht derselbe, in dem ich vorher gesessen hatte, was mich beruhigte. Christopher hielt mir die hintere Tür auf, ich kletterte hinein und summte dabei den Titelsong von Men in Black. Ich achtete darauf, in Fahrtrichtung zu sitzen, damit ich den Fahrer und die anderen Passagiere im Blick hatte.

»Das sind doch bloß Filmhelden«, kommentierte Martini, während er einstieg und sich neben mich setzte. »Ich bin echt«, fügte er an und legte den Arm um mich.

»Ja, echt nervig«, warf Christopher ein und schloss die Tür hinter White und Gower, bevor er selbst auf dem Beifahrersitz Platz nahm.

Da konnte ich ihm eigentlich nicht widersprechen, doch ich protestierte auch nicht gegen Martinis Arm um meine Schultern und ließ es zu, dass er mich ein wenig an sich zog. Irgendwie fühlte ich mich bei ihm sicher, wie irrational das auch sein mochte.

Unser früherer Fahrer und Pilot übernahm das Lenkrad. »Verraten Sie mir auch, wer das ist?«, fragte ich White.

»Sein Name ist James Reader«, antwortete er, etwas zögerlich, wie mir schien.

»Ich bin ein Mensch, genau wie du«, sagte Reader, wobei er sich zu mir umdrehte und mir ein strahlendes Lächeln schenkte. »Um es genau zu nehmen, war ich tatsächlich Model. Möchtest du ein Autogramm?«

Mir fiel die Kinnlade herunter. »O mein Gott, ich kenne dich! Du hast diese große, umstrittene Calvin-Klein-Kampagne vor ein paar Jahren gemacht.«

»Welche genau?«, fragte Gower. »Sind nicht alle Calvin-Klein-Kampagnen umstritten?«

Reader lächelte wieder. Es war ein atemberaubendes Lächeln, das Martini fast durchschnittlich aussehen ließ. »Meine war die meistumstrittene. Danach habe ich mich auf dem Höhepunkt meiner Karriere zurückgezogen, um mich meinen Passionen zu widmen. Und so bin ich schließlich bei dieser Truppe hier gelandet.« Er zwinkerte mir zu. »Keine Sorge, Süße. Sie sind in Ordnung. Vielleicht ein bisschen verschroben, aber okay. Ich passe schon auf dich auf. Wenn du möchtest, dann halte ich dir auch den Geilspecht vom Hals.«

»Der ist jetzt aber wirklich schwul«, kam es von Martini.

»Stimmt, das heißt aber noch lange nicht, dass irgendjemand mein Mädchen belästigen darf«, meinte Reader und drehte sich wieder nach vorn. »Wir Menschen müssen zusammenhalten, sonst heimst ihr Aliens am Ende alle Lorbeeren für die Weltrettung ein.«

Reader ließ den Motor an, und wir fuhren los.

Ich blickte aus dem Fenster und sah, dass mehrere graue Geländewagen mit uns ausrückten. »Kommen die alle mit?«

»Alle, die hier sind, ja«, antwortete White. »Wir müssen sicherstellen, dass Sie gut bewacht werden.«

»Äh, warum?«

»Du bist dabei gefilmt worden, wie du einen mutmaßlichen Terroristen aufgehalten hast, den die Medien als Mitglied der Terrororganisation um Al Dejahl identifiziert zu haben glauben«, erläuterte Christopher knapp. Anscheinend hatte Gower recht, es wurmte ihn, dass er die Sache vermasselt hatte. »Das wird alle Überwesen, die ihren Parasiten kontrollieren können, alarmieren, und ihnen wird klar sein, dass du eine Bedrohung darstellst.«

»Na klasse. Von welchem Planeten stammt ihr eigentlich?«

Gower war derjenige, der antwortete, was ich interessant fand. »Wir können seinen richtigen Namen in eurer Sprache nicht aussprechen, und ihr könnt unsere Sprache nicht verstehen.«

»Es klingt schlimmer als Jiddisch«, warf Martini ein.

Gower rollte die Augen. »Halt den Mund, Jeff. Wir kommen aus dem Alpha-Centauri-System. Ihr nennt unsere Sonnen Alpha Centauri A und B. Wir nennen sie, tja, die kleine und die große Sonne, und unsere Welt die Welt. Nur eben in unserer Sprache. Alle intelligenten Lebensformen ähneln sich mehr, als du wahrscheinlich glaubst, auch wenn sie von verschiedenen Planeten stammen.«

»Willst du damit sagen, dass ihr Menschen seid?« Ich blieb noch immer gelassen, worauf ich echt stolz war.

»Nein, Menschen leben nur auf der Erde. Es gibt schon ein paar Unterschiede, sogar ziemlich entscheidende.«

»Wir sind die besseren Liebhaber«, flüsterte Martini mir zu.

»Jeff!« Gower sah genauso gereizt aus, wie er klang. »Du reißt dich jetzt zusammen und lässt mich fünf Minuten lang alles ungestört erklären, klar?«

»Okay, okay«, murrte Martini und rutschte etwas tiefer in den Sitz. »Ich bin brav.«

Gower warf ihm einen schiefen Blick zu, als glaubte er kein Wort davon, und fuhr dann fort. »Wir gehörten auch zu den Völkern, die von den Außerirdischen gewarnt wurden, genau wie die Menschen. Wir nennen sie die Rasse der Ältesten, weil sie sehr viel älter ist als wir. Bei uns ist das Raumschiff zwar nicht abgestürzt, aber die Besatzungsmitglieder konnten in unserer Atmosphäre nicht überleben. Diejenigen, die hierhergekommen sind, wären auch gestorben. Ihre Welt war der der Parasiten sehr viel näher als eure oder unsere, daher hatten sie nicht viel Ähnlichkeit mir unseren Rassen.«

»Sie erreichten unsere Welt etwa hundert Jahre vor der euren«, ergänzte White. »Danach vergingen noch Jahrzehnte, bis unsere Raumfahrttechnik so weit war, dass wir andere, bewohnte Planeten erreichen konnten.«

Gower nickte. »Das meiste, was wir brauchten, konnten wir aus dem Schiff der Ältesten gewinnen, genau wie es eure Wissenschaftler seit Jahren tun. Wir hatten nur mehr Zeit.«

»Ihr habt euch allerdings mit der Übersetzung geschickter angestellt«, räumte Christopher ein.

»Das ist richtig«, stimmte Gower zu. »Was wir allerdings wussten, war, dass eine Bedrohung auf uns zukam und dass auch andere Welten gewarnt werden sollten. Sie hatten eine Sternenkarte, und mit ihrer Hilfe konnten wir herausfinden, welche Planeten in Gefahr schwebten.«

»Wir sind auf die Erde gekommen, um euch zu helfen«, fügte White an. »Ihr habt uns gebraucht, und das tut ihr noch immer.«

»Dann sind diese superschlauen Ältesten also aufgebrochen, um alle bedrohten Welten zu warnen, und hatten keine Raumanzüge dabei? Wie blöd ist das denn?« Ich fühlte mich bei dieser Frage zwar gemein, aber es musste doch trotzdem mal gesagt werden.

»Ganz genau, Mädchen«, rief Reader vom Fahrersitz. »Das war auch meine erste Frage. Die Antwort wird dir gefallen.«

»Sie dachten, sie könnten sich anpassen«, befand Gower resigniert. »Soweit wir wissen, waren sie Gestaltwandler und hatten das früher schon geschafft. Nur liegt ihr Planet näher am Weltraumkern als unsere Welten, und hier draußen stehen die Dinge anders.«

»Und bei wie vielen Planeten kann man noch davon ausgehen, dass ihnen die Anpassung nicht gelungen ist?« Ich fühlte einen tiefen Stich des Mitleids für die Ältesten, die alles getan hatten, um die Galaxie zu retten, und dann gescheitert waren, noch bevor ihre Mission richtig angelaufen war.

»Bei den meisten«, seufzte Gower. »Die Mehrzahl der bewohnten Planeten liegen weit vom Weltraumkern entfernt. Warum das so ist, wissen wir nicht. Wir waren zu beschäftigt damit, alle Gefahren in Schach zu halten, als uns groß um die Forschung zu kümmern.«

»Vielleicht haben sie es zu Hause inzwischen herausgefunden«, warf Martini ein. »Aber da können wir uns nicht sicher sein. Es dauert Jahrzehnte, bis Radiowellen uns hier erreichen, die Kommunikation ist also nicht gerade berauschend. Keiner von uns wird zurückkehren, aber das wussten wir schon, als wir hergekommen sind.« Zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, wirkte er nicht fröhlich und selbstbewusst, sondern einsam und traurig.

»Und ihr musstet eure Familien zurücklassen?«, fragte ich leise. Jetzt war nicht der Moment für Albernheiten.

»Nein, ich habe keine nahen Verwandten dort. Und keine Ehefrau«, antwortete er mit seinem gewohnten Grinsen.

»Na, Gott sei Dank.« Zum Glück hatte dieser intime Moment nicht länger als den Bruchteil einer Sekunde gedauert. Natürlich konnte man ihm dafür keinen Vorwurf machen. Ich hatte es hier zwar mit Außerirdischen zu tun, aber Männer waren sie trotzdem.

»Die meisten von uns mussten keine nahen Verwandten zurücklassen«, sagte Gower. »Unsere Familien sind hier.«

»Was soll das heißen, sie sind hier?« Das wurde ja immer besser.

»Wir haben ein spezielles Transportsystem entwickelt und brauchen keine Raumschiffe, um herzukommen«, antwortete White. »Es funktioniert einwandfrei, wenn jemand von unserem Planeten zur Erde geschickt werden soll.«

»Aber wir können nicht zurückkehren«, ergänzte Christopher. »Unser Planetenkern ist anders als eurer. Das Magnetfeld auf der Erde verhindert, dass wir das System hier einsetzen können. Also war es in manchen Fällen besser, gleich die ganze Familie rüberzuschicken.«

»Warum das? Ist das nicht ein bisschen merkwürdig?«

»So sind sie eben«, sagte Reader. »Stell sie dir wie einen großen, italienischen Familienclan vor, das kommt so in etwa hin.«

»Ihr seid also alle verwandt?« Ich sah sie der Reihe nach an. »Das würde zwar die allgemeine Attraktivität erklären, aber nicht deine Hautfarbe«, sagte ich an Gower gewandt.

Er zuckte die Schultern. »Mein Vater hat eine Afroamerikanerin geheiratet. Erdgene dominieren über A.C.-Gene, jedenfalls über die, die mit der äußeren Erscheinung zu tun haben.«

»Dann bist du also ein Alien-Mensch-Mischling?«

»Jep. Jeff ist allerdings ein waschechter Außerirdischer«, schmunzelte Gower.

»Meine Eltern sind beide als Agenten hergekommen«, erläuterte Martini.

»Ich bin zwar gebürtiger Erdenbewohner, habe aber reines A.C.-Blut. Bei Christopher ist es genauso und bei den meisten unserer jüngeren Agenten auch.«

»Dann seid ihr also Amerikaner?«

»Jawohl, mit allen Rechten und Pflichten«, bestätigte Martini. »Wir haben außerdem den Status von politischen Flüchtlingen, wie indische Immigranten.«

»Wir haben Kolonien überall auf der Welt, unsere Zentrale liegt allerdings in den USA. Die Überwesen können zwar eigentlich überall leben, doch aus irgendeinem Grund scheinen sie etwa zwanzigmal so oft in den USA zu landen als sonst irgendwo.«

»Es lebe Amerika! Und was ist mit Ihnen?« Die Frage ging an White. »Wann sind Sie angekommen?«

»Ich bin als junger Mann hier gelandet«, antwortete White. »Diejenigen von uns, die nicht hier geboren wurden, sind ebenfalls vollständig eingebürgert. Loyalität gegenüber dem Land, das uns aufgenommen hat, ist uns sehr wichtig.«

»Dann sind Sie also auf Alpha Centauri geboren?«

»Richtig, aber ich betrachte mich als Amerikaner. Meine Frau ist mit mir gekommen, und auch sie ist sehr schnell heimisch geworden.«

Darüber dachte ich nach. Und plötzlich verstand ich auch, warum Christopher so mürrisch war. »Wie ich sehe, kommt ihr Sohn eher nach seiner Mutter. Muss echt hart sein, vor dem eigenen Vater solchen Mist zu bauen.«

Christopher drehte sich herum und funkelte mich an. Jetzt konnte ich die Ähnlichkeit mit White deutlich erkennen, dieselben Augen, dieselbe Nase und derselbe Mund. »Immer noch besser, als seinen eigenen Vater anzulügen«, schnauzte er.

»Aber weder so nützlich noch so lustig.« Ich sah zu Martini hoch. »Und wo passt du in die Familie?«

Er grinste. »Ich nenne ihn Onkel Mr. White. Und das hier ist Cousin Paul«, ergänzte er mit einem Nicken zu Gower hinüber. »Sein Vater ist der Bruder des Mannes der Schwester meiner Mutter.«

»Da würde ich zu gern mal Weihnachten miterleben. Dann ist dein Vater also Onkel Mr. Whites Bruder?«

»Falsch, meine Mutter ist seine Schwester. Achte auf die Nachnamen.« Er wandte sich an Gower. »Allmählich macht sie Fehler, am Ende fängt Christopher doch noch Feuer.«

»Eher nicht«, giftete der.

Ich gab es auf, die Verwandtschaftsverhältnisse sortieren zu wollen. Ich könnte ja Dad fragen, ob er sie nicht in sein Programm für Familienstammbäume eingeben könnte, jedenfalls sobald sich herausgestellt hatte, ob ich hier lebend rauskam oder nicht. »Wie viele Alpha Centaurier leben denn auf der Erde?«

»Alpha Centaurioner«, korrigierte Christopher schnippisch.

»Wir nennen uns A.C.s«, warf Gower rasch ein. »Ist leichter so, glaub’s mir. Und es gibt mehrere Tausend von uns hier. Aber natürlich sind nicht alle Agenten.«

»Dann sind also auch nicht alle unglaublich gut aussehende Männer? Wie schade. Allerdings könnte ich für Christopher sowieso keine so richtig dumme Freundin auffahren.« Er antwortete nicht, aber ich konnte sehen, wie sein Nacken rot wurde. Ob ich mein Auto wohl jemals wiedersehen würde? Ich hatte im Moment allerdings wohl andere Sorgen. »Und was tun die weiblichen A.C.s so den ganzen Tag?«

Reader antwortete, während wir auf ein Gelände fuhren, das von ungemütlich wirkendem Maschendrahtzaun umgeben war, den seine Stacheldrahtkrone auch nicht einladender machte. »Sie sind die Wissenschaftler.«

Kapitel 6

Das Tor schwang auf, doch ich konnte keine Anzeichen für eine Kamera oder etwas Ähnliches entdecken, und es waren auch keine Menschen da.

»Wie funktioniert das?«, fragte ich Martini.

»Tja, es gibt da diese Dinger, die Türangeln genannt werden. Die sind beweglich und lassen den Teil, den wir Tor nennen, aufschwingen und dann …«

Ich stieß ihm meinen Ellbogen in die Rippen, und zwar kräftig, bevor er den Satz beenden konnte.

»Ich hab einen Pieper dafür«, erklärte Reader mir. »Eigentlich funktioniert es genau wie ein elektrisches Garagentor.«

Das war natürlich irgendwie enttäuschend, aber na gut. Ich sah aus dem Fenster. Hier war nicht viel zu sehen, doch der Zaun schien sich noch meilenweit zu ziehen. »Wo sind wir?«

»Auf dem Gelände der Ranch, wo das Raumschiff abgestürzt ist«, antwortete Gower.

»Und zwar auf der echten Ranch. Es gibt eine Fälschung, die die Regierung den Touristen und UFO-Fans als angeblichen Unglücksort verkauft.«

»Warum? Ich meine, warum zeigt ihr mir die Absturzstelle? Ist sie denn nicht schon vor Jahren geräumt worden?« Dass es klug war, eine echte UFO-Absturzstelle geheim zu halten, verstand ich.

»Nach allem, was die breite Öffentlichkeit weiß, schon.« Gower lächelte mich freundlich an. »Entspann dich, wir haben dich nicht hierhergebracht, um dich umzubringen und deine Leiche dann hier draußen zu verscharren.«

»Es ist nur der zweite Halt auf unserer UFO-Tour«, versicherte Martini. »Das wird dir gefallen. Die meisten Frauen wollen den ersten Außerirdischen, den sie nach Besichtigung der Absturzstelle sehen, sofort heiraten.«

»Ich habe den ersten Außerirdischen, den ich gesehen habe, getötet«, erinnerte ich ihn.

»Falsch, das war ein Überwesen, ein Monster«, korrigierte Martini fröhlich. »Das sind wir A.C.s nur im Bett.«

»Natürlich. Für alle Fälle sollte ich dir aber sagen, dass ich einen klasse Handyempfang habe und mein Vater jederzeit anrufen könnte.«

»Mach dir darüber keine Gedanken«, entgegnete Martini. »Willst du ’ne Cola?«

»Habt ihr eine?«

»Das hier ist eine Geländelimousine«, erinnerte mich Reader. »Wir haben mehr als nur Cola.«

»Da dein Kühlschrank aber außer Cola und Tiefkühlgerichten nichts zu bieten hat, dachten wir, wir machen dir eine Freude«, sagte Christopher. Er warf Martini über die Schulter einen Blick zu. »Nur Junkfood. Du musst schon echt Glück haben, wenn du von der mal was Gekochtes serviert bekommen willst.«

»Das krieg ich schon hin, ich gehe sehr gern essen«, antwortete Martini, zog eine Flasche eisgekühlte Cola aus der Innenseite seiner Wagentür, öffnete sie und gab sie mir. »Strohhalm?«

»Ja, danke.« Ich fragte lieber nicht, warum sie Glasflaschen statt Dosen hatten und wie sie die trotz der Hitze kühl hielten. Ich hatte das Gefühl, dass die Antwort mich auch nicht weiterbringen oder trösten würde.

Während wir vorwärtsholperten, nuckelte ich an meiner Cola und fragte mich, wie gründlich Christopher meine Wohnung wohl durchsucht hatte und warum. Ich warf einen Blick über die Schulter. Die anderen Geländewagen schienen uns zu folgen. »Dafür, dass Sie unbemerkt bleiben wollen, fallen wir aber ganz schon auf«, bemerkte ich an White gewandt.

»Beschweren Sie sich niemals über zu viel Rückendeckung«, antwortete er.

»Oh, mysteriös. Wie erfrischend.«

»Wir sind da«, sagte Reader, als der Wagen hielt.

Ich sah mich um. »Sieht nicht gerade besonders aus.«

Christopher stieg aus und öffnete die Hecktür auf Martinis Seite. »Den Rest gehen wir zu Fuß, Prinzesschen.«

»Es ist echt nett, einen persönlichen Türsteher zu haben«, konterte ich.

Martini und White stiegen aus, Gower gab mir zu verstehen, dass ich vorgehen sollte. Sowohl Martini als auch Christopher boten mir ihre Hand als Ausstieghilfe an. Ich nahm sie nicht. Martini sah mich verletzt an.

»Ich bin ein großes Mädchen, ihr müsst hier niemanden beeindrucken. Und die Klamotten sind sowieso ruiniert. Wenn ich mich mal in Schale werfe, dürft ihr mir auch aus dem Auto helfen. Also, macht euch nichts draus.«

Christopher schnaubte. »Ich kann’s kaum erwarten. Trägst du auch eine Krone, wenn du ausgehst, Prinzesschen?«

Ich warf ihm einen eisigen Blick zu, oder jedenfalls hoffte ich, dass er eisig war. »Ich weiß zwar wirklich nicht, woher du diese Prinzesschenvorstellung hast, aber mach nur weiter so, Lakai.«

Whites Miene wirkte leicht gequält. »Christopher, ein bisschen Benehmen wäre angebracht.«

»Na klar, sie ist ja auch das reinste Lämmchen«, grollte er und wandte sich ab.

»Wo liegt sein Problem?«, flüsterte ich Martini zu, während wir uns in Bewegung setzten und auf etwas zusteuerten, das wie noch mehr von dem Nichts aussah, in dem wir uns befanden. Christopher war vorausgestapft, Gower und White gingen vor, Reader hinter uns. Der Rest der Gang wartete bei den Wagen.

Martini schien tatsächlich darüber nachzudenken. »Ich weiß es nicht«, sagte er schließlich. Ich war mir sicher, dass er es ziemlich genau wusste, mir aber nicht verraten wollte.

»Ich glaube, er mag dich«, meinte Reader und schloss zu mir auf. »Und das gefällt ihm nicht.«

»Na großartig«, brummte Martini. »Dir ist klar, dass du mir gehörst, ja?«

Ich rollte mit den Augen. »Wenn ich mich zwischen dir, Christopher und der Ehe mit einem Baum entscheiden müsste, wärst du eindeutig meine Nummer eins, falls dich das beruhigt.«

»Das tut es. Ich habe nämlich ernsthaft vor, dir ans Herz zu wachsen.«

»Wie ein Schimmelpilz?«

»Wohl eher wie eine Schlingpflanze«, warf Reader ein.

»Nein, keine Klette oder so, eher wie eine Liane, an der du dich nach Lust und Laune in die Luft schwingen kannst.«

»Na, die Vorstellung gefällt mir jedenfalls besser, als meinen IQ für diesen Charmebolzen da auf null setzen zu müssen.«

Während wir weitergingen, überdachte ich das alles. Es war merkwürdig. Martini konnte ich verstehen, er hatte bemerkt, wie ich ihn abgecheckt hatte. Mit Christopher hatte ich allerdings so gut wie nichts zu tun gehabt, bevor er anfing, sich wie ein Arsch aufzuführen. Wenn Reader also recht hatte, wie hatte sich Christopher dann überhaupt irgendeine Meinung über mich bilden können? Hatte er meine Charaktereigenschaften an meinem Auto abgelesen? Oder an meiner Wohnung? Und wie war er auf diese Prinzesschensache gekommen? Bestimmt nicht wegen meiner Haushaltskünste oder meiner edlen Einrichtung.

Ich beschloss, mir darüber nicht den Kopf zu zerbrechen. Schließlich hatte ich zusätzlich zu allem anderen auch noch Martini am Hals. Über Christopher würde ich mir Gedanken machen, wenn und falls die Sache ernst wurde. Reader war immerhin schwul und nahm vielleicht nur an, dass Christopher scharf auf mich war, weil er nicht auf ihn stand. Und außerdem hatten alle Männer, die mich anmachen wollten, es bisher eher wie Martini gehalten und mich weder angegiftet noch beleidigt.

Es klingelte schon wieder. Dieses Mal erschreckte ich mich nicht, allerdings wurde ich ja jetzt auch nicht von zwanzig Außerirdischen angestarrt. Ich fischte das Handy aus meiner Handtasche. »Hey Mum, was gibt’s?«

»Kitty, bist du in Ordnung? Dein Vater hat gesagt, dass das tatsächlich du warst, die ich in den Nachrichten gesehen habe.«

»Jep, ich war’s, bin jetzt bei den Typen von der Inneren Sicherheit, und so weiter. Dad hat dir bestimmt schon alles erzählt. Ich dachte, du sitzt im Flugzeug?«

»Da war ich auch. Wir standen stundenlang auf der Startbahn herum, na ja, vielleicht war es auch nur eine halbe Stunde, dann mussten wir jedenfalls wieder aussteigen. Wie es aussieht, sitze ich also erst mal in New York fest. Sie haben wegen der Terrorattacke, die du verhindert hast, gleich vorsorglich den gesamten Flugverkehr lahmgelegt, falls noch weitere Angriffe geplant sind.«

»Was? Machst du Witze? Wart mal kurz.« Ich legte meine Hand über die Sprechmuschel. »Hey, Christopher! Meine Mutter ist wegen drohender Terrorgefahr in New York gestrandet. Könntest du also, wenn es dir nichts ausmacht, liebenswürdigerweise damit aufhören, uns die Türen aufzuhalten, und dich stattdessen um diese Sache kümmern, damit alle ihr Leben weiterleben können?«

Er wirbelte herum. »Du hast absolut keine Ahnung, wovon du da sprichst, klar?«, blaffte er. »Das ist kein Kinderspiel und …«

Sein Vater fiel ihm ins Wort. »Das reicht.« Er hatte leise gesprochen, aber in seiner Stimme lag eine unüberhörbare Autorität. Er kam zu mir herüber. »Bitte richten Sie Ihrer Mutter aus, dass sie ihr Gepäck holen und sich zum nächsten Taxistand begeben soll. Einer unserer Mitarbeiter wird sie dort abholen.«

»Kommt nicht infrage. Meine Mutter werdet ihr, verdammt noch mal, nicht entführen.«

White seufzte. »Wenn Sie möchten, dass sie wieder nach Hause kommt, dann müssen wir sie abholen.«

»In New York kann man sich doch prima die Zeit vertreiben, warum hat sie es denn so eilig?«, fragte Martini.

»Sie schläft nun mal gern in ihrem eigenen Bett, neben ihrem eigenen Mann. Warum sollte ich meine Mutter ausgerechnet mit einem von euch mitgehen lassen?«

»Das wäre am sichersten für sie«, sagte Reader leise. »Alle Überwesen sind verschieden, aber wir wissen, dass einige von ihnen kontrolliert handeln können, und wenn eines davon die Verbindung zu deiner Mutter entdeckt …« Er sprach es nicht aus, aber ich hatte verstanden.

Ich sprach wieder in mein Handy. »Mum? Die Leute von der Sicherheit holen dich ab.«

»Warum das? O Gott, das heißt, es ist noch nicht vorbei, oder?«

»Ja also, sagen wir einfach, es ist so sicherer für dich.« Das hoffte ich jedenfalls. »Hol dein Gepäck, geh zum nächsten Taxistand und warte auf eine graue Limousine oder einen grauen Geländewagen. Und steig nur ein, wenn die Typen im Auto absolut umwerfend aussehen.«

Dem folgte eine bedeutungsschwere Pause. »Wie bitte?«

»Vertrau mir einfach, ja? Achte darauf, ob sie attraktiv sind.«

»Da gibt es so einiges, das du deinem Vater nicht erzählt hast, stimmt’s?«

Mir fiel wieder ein, warum ich nie versucht hatte, meine Eltern anzulügen. Meine Mutter wäre niemals darauf hereinfallen. »Ja, Mum, so einiges.«

»Sind du und ich in Sicherheit? Und dein Vater auch?« Die Besorgnis in ihrer Stimme nahm bei der Erwähnung meines Vaters noch zu.

»Dad geht’s gut«, beruhigte ich sie und warf White einen bedeutungsvollen Blick zu. Er und Gower nickten. »Sie beobachten das Haus.« Weiteres Nicken. »Aber dich beobachten sie noch nicht, und sie wollen dich in Sicherheit wissen.« Und wieder Nicken. »Deshalb warten sie am Taxistand auf dich. Also, merk dir, grau, nicht schwarz. Hinreißend, nicht mittelmäßig oder hässlich.«

»Damit waren jetzt zwar eigentlich nicht wir gemeint, aber trotzdem danke«, flüsterte Martini, begleitet von seinem üblichen Grinsen.

»An welchem Taxistand?«, fragte Mum nach. Ich hörte, wie sie jemanden anwies, ihr das Gepäck zu geben.

»Ganz egal, sie finden dich schon.«

Sie stöhnte. »Die geben mein Gepäck nicht heraus.«

»Sie bekommt ihr Gepäck nicht«, gab ich an White weiter.

Er reagierte vollkommen überraschend und wirbelte zu Christopher herum. »Hol sie und ihre Sachen her. Jetzt!«

Christopher nickte, dann war er weg. Einfach weg. Von einem Moment auf den anderen hatte er sich in Luft aufgelöst.

Mein Magen krampfte sich zusammen. »Ähm, Mum? Halte dich von jedem fern, der sich irgendwie komisch verhält, ja? Es wird gleich, wirklich gleich, jemand bei dir sein.«

»Okay. Hmm.«

»Was ist?«

»Tja, ich glaube, ich habe da tatsächlich gerade etwas Komisches gesehen. Kätzchen, ich muss jetzt Schluss machen. Ich hoffe, deine neuen Freunde finden mich schnell.«

Die Verbindung brach ab.

Ich versuchte, meinen Magen zu beruhigen, was schwierig war. »Meine Mutter steckt in Schwierigkeiten. Jemand hat sich merkwürdig benommen, ich glaube, sie sind hinter ihr her.«

»Wir kümmern uns darum«, beschwichtigte White.

Martini legte mir den Arm um die Schultern. »Es wird alles gut.«

»Aber wie? Und wie konnte Christopher eben einfach verschwinden?« Ich fühlte, wie mir die Tränen kamen, und das machte mich immer wütend. Ich schob Martini von mir weg und sah, dass zwei der Geländewagen verschwunden waren.

»Wir sind hier bei der Absturzstelle«, antwortete Gower. »Deshalb sind gewisse Dinge … leichter.«

»Was für Dinge? Zeitreisen?«

»Nicht im üblichen Sinn«, seufzte Gower. »Hör mal, versuch, dich zu beruhigen. Ich verspreche dir, dass deiner Mutter nichts passiert. Und ja, wir überwachen jetzt auch deinen Vater.«

Ich hatte Angst, aber mir war klar, dass ich meiner Mutter in diesem Zustand auch nicht helfen konnte. »Ich frage noch mal: Was wird hier gespielt?«

Kapitel 7

Gower deutete nach vorne. »Schau.«

Das tat ich. Aber ich sah nur Flachland und den einen oder anderen verdorrten Busch. Das sagte ich dann auch.

»Falsch – tatsächlich befindet sich dort ein riesiger Krater«, behauptete er mit einem kleinen Lächeln. »Du kannst ihn nur nicht sehen, er ist getarnt.«

»Okay. Und? Wie soll das meiner Mutter helfen?«

»Nach wem kommst du?«, fragte Martini.

»Was? Was soll das werden?« Ich wollte ihn treten, schaffte es aber irgendwie, mich zu beherrschen.

»Antworte mir einfach. Wem ähnelst du?« Er schien es ernst zu meinen.

»Meiner Mutter. Das behaupten jedenfalls alle.«

»Dann kriegt sie das schon hin.« Er lächelte über meinen Gesichtsausdruck, den ich mir lebhaft vorstellen konnte. »Wenn du ihr ähnelst, dann stehen die Chancen besser, dass bald noch eine Frau in deiner Familie einen ›Terroristen‹ auf dem Gewissen hat, als dass deine Mutter verletzt wird.«

Ich wollte ihm gern glauben, aber leicht war es nicht. »Vielleicht.«

»Was macht deine Mutter beruflich?«, fragte Gower sehr sanft.

»Sie ist Beraterin.«

»In welchem Bereich?«, hakte er nach.

Reader fing plötzlich an zu lachen. Ich drehte mich zu ihm um und sah, dass er eine Aktenmappe in der Hand hielt. Die hatte er vorher noch nicht gehabt. »Da ist der Apfel nicht weit vom Stamm gefallen.«

»Woher hast du das? Und was steht da drin?« Ich versuchte, die Akte zu lesen, doch er zog sie weg.

»Nein, du musst dich beruhigen und aufpassen, was Paul dir zu zeigen versucht. Und danach gebe ich dir vielleicht die Akte deiner Mutter.« Reader zwinkerte mit zu. »Es ist alles in Ordnung. Du wärst stolz auf sie.«

»Falls du mir kurz deine Aufmerksamkeit widmen könntest«, fügte Gower an.

»Na super.« Allmählich gingen sie mir alle auf die Nerven, nicht nur Christopher.

Gower zog mich zu sich herüber. »Leg deine Hand auf meine«, wies er mich an. Das tat ich, und er schob unsere Hände ein kleines Stück nach vorne. Dann verschwanden sie. Reflexartig riss ich meine Hand zurück, und da war sie wieder, noch immer fest an meinem Arm.

Dann zog auch er seine Hand wieder hervor. »Es ist eine optische Täuschung. Da drin verstecken wir unsere Ausrüstung. Die Überreste des Absturzes liefern die Energie.«

Ich dachte an das, was sie im Auto gesagt hatten. »Ihr habt eine Transportmaschine hier?«

»Mehrere«, antwortete White. »Wie Christopher dir schon erklärt hat, können sie uns nicht zurück nach A.C. bringen, aber …«

»Aber sie funktionieren einwandfrei, wenn man beispielsweise zum New Yorker Flughafen muss?«

»Ganz genau.«

»Im Lagerhaus standen auch ein paar davon, richtig?«

»Heirate mich«, bat Martini.

»Ja«, antwortete Gower. »So können wir die Leichen der Überwesen problemlos ins Lager bringen.«

»Okay, aber wie groß sind diese Transportdinger? Ich glaube nämlich nicht, dass ihr zufällig eins im Gerichtsgebäude hattet.«

»Wir haben alle unser eigenes, tragbares Modell«, sagte Gower, wich meinem Blick aber aus.

Ich sah Martini an. »Ich will die Wahrheit.«

Er grinste. »Versprich mir zuerst, dass du mich heiratest.«

»Ich heirate dich, wenn es ansonsten nur noch Bäume zur Auswahl gibt.«

»Das reicht für den Anfang. Wir sind Aliens, weißt du noch? Jeder mit A.C.-Blut in den Adern kann sehr schnell sein. Ich glaube, ihr würdet es Hyperspeed nennen.«

»Wie bei dem Flash meinst du?«

»Nein«, Gower klang gequält. »Das ist nur eine Comicfigur.«

»Eigentlich ist der Vergleich gar nicht schlecht«, warf Reader ein. »Weißt du noch, dass der Flash wahnsinnig viel essen musste, weil er immer so viel Treibstoff verbraucht hat?«

»Ja.« Es passte mir ganz und gar nicht, dass ich mich ausgerechnet hier und jetzt als absoluter Comicfan outen musste, aber mir blieb nichts anderes übrig. »Bei ihm gab es aber auch jedes Mal einen Überschallknall, und so was hab ich bis jetzt noch nicht gehört.«

»Richtig. Weil sie eben anders sind als der Flash. Der Flash konnte sich mit Hyperspeed bewegen, wenn er genug Treibstoff hatte. Die A.C.s können sich so schnell fortbewegen, wie sie wollen, aber nur so weit, wie sie auch mit normaler Geschwindigkeit laufen könnten.«

»Aha, und dabei fing es gerade an, einen Sinn zu ergeben.« Ich sah Gower an. »Versuch du’s mal.«

»Also, nehmen wir mal an, ich könnte fünf Meilen rennen, ohne müde zu werden«, erklärte er. Ich nickte. »Dann könnte ich genau diese fünf Meilen auch so schnell schaffen, wie ich nur will – in einer Sekunde zum Beispiel. Wenn ich aber keine zehn Meilen rennen kann, ohne völlig erschöpft zu sein, dann kann ich diese zehn Meilen auch nicht in einer Sekunde hinter mich bringen. Ich kann nur das schaffen, wozu ich körperlich in der Lage bin, nicht mehr. Deshalb müssen wir uns alle fit halten.«

»Lass mich das verdeutlichen«, bot Martini an. »Zum Beispiel halte ich beim Sex zwölf Stunden am Stück durch. Allerdings habe ich noch nie versucht, es schneller zu schaffen, also ist es vielleicht doch kein gutes Beispiel.«

»Dafür aber dein bisher überzeugendstes Argument.« Ich sah wieder Reader an. »Also, noch mal zurück zum Flash. Der hat dabei Wind aufgewirbelt und Zeitungen herumflattern lassen und so. Das tun sie nicht.«

»Richtig, und zwar, weil sie echt sind. Stell dir einfach vor, sie würden die Zeit anhalten und sich dann völlig unbemerkt durch alles hindurchbewegen. Die Zeit halten sie zwar nicht an, aber sie sind zu schnell für das menschliche Auge und auch zu schnell für Video-, Film- oder Digitalkameras. Aber sie wirbeln dabei nicht mehr Luft auf, als wenn sie nur herumschlendern würden.«

»Okay, ich will’s euch mal glauben. Und warum seid ihr gerade dort aufgetaucht, wo ich war?«, fragte ich an Martini gewandt.

»Wir überprüfen alle unüblichen Aktivitäten. Dir kommt es vielleicht so vor, als wären von dem Moment, als der Auffahrunfall passiert ist, bis zum Tod des Überwesens nur ein paar Sekunden oder auch eine Minute vergangen. Für mich war es aber genug Zeit, um die Veränderung in seiner Physikalchemie zu registrieren, zu einer Transportmaschine zu kommen, die mich zum Flughafen in deiner Stadt brachte, und dann rechtzeitig bei dir zu landen, um die Lage zu retten.«

Ich ließ ihm den letzten Kommentar durchgehen. »Dann stehen eure Transportmaschinen also wo genau? In jedem größeren Flughafen?«

»In überhaupt jedem Flughafen der Welt«, korrigierte Reader. »Ziemlich beeindruckend, hm?«

»Wo habt ihr sie versteckt?«

»Hauptsächlich in den Toiletten«, antwortete Martini. »Du wärst überrascht, wenn du wüsstest, wie leicht es ist, einfach in einer Kabine aufzutauchen und hinauszugehen. Das merkt nie jemand.«

»Landet ihr manchmal auch in den Damentoiletten?«

»Nur, wenn du gerade drin bist.«

Ich überlegte. »Wie viel schaffst du?«

»Fünfzig Meilen ohne Anstrengung.« Er meinte es ernst.

»Seid ihr alle so?«

»Ein Agent im Einsatz muss in der Lage sein, problemlos fünfundzwanzig Meilen zu rennen«, gab White zurück.

»Sie etwa auch?«

»Ich schaffe fünfzig, genau wie Jeff und Christopher.« Anscheinend hatte ich ihn beleidigt. Nun, damit würde er leben müssen.

»Ich schaffe zwei«, erklärte ich. Schließlich musste ich zeigen, dass ich auch etwas konnte.

»Deine Mutter bringt es auf zwanzig«, sagte Reader. »Mädchen, du schwächelst.«

»Meine Mutter kann nie und nimmer zwanzig Meilen rennen.« Oder doch? Darüber hatten wir nie gesprochen. Sie war allerdings begeistert gewesen, als ich mit dem Leichtathletiktraining angefangen hatte. Vielleicht hatte sie ja früher zwanzig Meilen geschafft, als sie noch jünger war.

»Sie kann, konnte und tut es regelmäßig«, widersprach mir Reader, er klang beeindruckt. »O Mann, ich habe Monate gebraucht, bis ich zehn rennen konnte. Inzwischen bringe ich es allerdings auf fünfundzwanzig«, fügte er hinzu.

»Nur das Nötigste also.«

Reader zuckte die Schultern. »Besser als deine zwei, Mädchen. Außerdem bin ich der Fahrer, sie können im Allgemeinen nämlich nicht besonders gut fahren oder fliegen.«

»Echt nicht?«

»Nein«, gab Martini zu. »Unsere Reflexe sind zu schnell. Alle unsere Fahrer sind Menschen. Sogar Paul hat zu viel A.C.-Blut in den Adern, um fliegen oder ein Auto fahren zu können.«

»Aber schnelle Reflexe sind wichtig fürs Fliegen«, protestierte ich. »Das hat mein Onkel mir erklärt.«

»Sie und Reader haben schnelle Reflexe für Menschen«, erklärte White. »Und alle eure technischen Geräte sind darauf ausgerichtet. Glauben Sie uns, unsere Reflexe sind so schnell, dass wir sämtliche Geräte damit eher zerstören, anstatt sie besser zu bedienen.«

»O mein Gott, Christopher hatte mein Auto!« Ich liebte dieses Auto. Es war mir wichtiger als meine Wohnung.

»Nein, nur deine Schlüssel, gefahren ist jemand anders«, beruhigte mich Martini. »Wir haben immer ein paar Fahrer in petto.«

»Es klingt ja so abgefahren, wenn er so redet«, lachte Reader.

»Ja, ein echter Renner.« Ich schüttelte den Kopf. »Okay, ihr seid also schnell. Und wie halten die menschlichen Agenten mit?«

»Wenn wir euch berühren, seid ihr genauso schnell wie wir«, sagte Gower. »Nur bekommt ihr es nicht mit, wenn wir in den Hyperspeed wechseln.«

»Man ist zu beschäftigt damit, in Ohnmacht zu fallen«, erklärte Reader. »Das geht mir immer noch so.«

»Deshalb bin ich also vorhin bewusstlos geworden.«

»Nein, nein«, widersprach Martini. »Das lag daran, dass meine Lippen deinen so nahe waren, da hat es dich einfach umgehauen.«

»Schön, dass wir das geklärt haben. Sind wir eigentlich nur hergekommen, um meine Hand verschwinden zu lassen?«

»Eigentlich wollten wir die Transportmaschine hier benutzen, um nach Dulce zu kommen«, antwortete White.« Allerdings würde ich damit lieber noch warten, bis wir sicher sind, dass die Situation mit Ihrer Mutter unter Kontrolle ist.«

»Christopher wird sie allerdings weder hierher noch ins Forschungszentrum bringen«, warf Gower ein. »Die Regeln schreiben in diesem Fall die Zentrale vor.«

»Stimmt«, seufzte White. »In Ordnung, dann also auf zur Transportmaschine.«

»Noch nicht, ich will diese Absturzstelle sehen, wo wir schon mal da sind.« Ich machte mir zwar Sorgen um Mum, aber schließlich hatten die A.C.s mir versprochen, sich um sie zu kümmern. Ich wollte mich lieber mit der Absturzstelle ablenken, anstatt ständig daran zu denken, was ich nicht tun konnte – mit Mum mithalten, zum Beispiel.

»Einverstanden, wenn Sie sich dem gewachsen fühlen«, willigte White ein.

»Halt dich fest«, sagte Martini und bot mir seine Hand an.

Ich widersprach nicht. Sein Griff war fest, aber behutsam genug, um mir nicht die Finger zu zerquetschen. Ich musste zugeben, dass mich seine Berührung tröstete.

Wir gingen ein paar Schritte, bis genau vor uns, wo vorher rein gar nichts gewesen war, ein riesiger Krater auftauchte. Ich konnte sehen, wo einmal etwas sehr Großes eingeschlagen und dann ein gutes Stück weitergerutscht war, bis es schließlich dort zum Stehen kam, wo wir jetzt standen.

Ich sah mich um. Ich konnte die übrigen Geländewagen noch immer sehen. »Können sie auch uns noch sehen?«

»Zieh mal deine Bluse aus. Wenn sie reagieren, können sie uns sehen.«

»Du bist ein echter Gentleman. Kann ich deine Hand jetzt loslassen?«

»Besser nicht. Und das sage ich nicht nur, weil ich es so mag.« Er führte mich am Kraterrand entlang. »Wenn du ausrutscht und hinfällst, könntest du dich verletzen, und wenn du zufällig durch eine offene Schleuse stolperst, wirst du wer weiß wo hingeschickt. Nicht schön und nicht sicher. Besonders unter diesen Umständen nicht.«

»Ich sehe hier gar nichts außer dem Krater. Ich meine, immerhin kann ich den jetzt erkennen, aber Geräte sehe ich nicht. Und schon gar keine Schleusen, ob offen oder nicht.«

»Sie sind verhüllt.«

»Wie im Kino?«

»Nur eben in Wirklichkeit, ja.« Martini fuchtelte in der Luft herum, es sah fast aus, als ob er einen Nummerncode eintippte.

»Was machst du da?«

Noch während ich die Frage aussprach, hörte er mit dem Gefuchtel auf und drückte gegen etwas, das ich wieder nicht sehen konnte. Es zischte wie bei einer Luftschleuse, und dann trat Martini vor und verschwand. Jedenfalls sah es so aus. »Das Tor öffnen – so nennen wir es jedenfalls. Komm schon rein«, sagte er und zog mich mit sich.

Als ich hindurchstolperte, sah ich, dass wir im Inneren einer Kuppel aus Glas und Metall standen. Große Rahmen, die aussahen wie die Metalldetektoren an Flughäfen, säumten die Wände – Tore ins Nirgendwo. Es gab Dutzende. Zwei von ihnen waren besonders groß und lagen sich direkt gegenüber. Außerdem befanden sich mehrere Männer im Raum, die allesamt aussahen wie A.C.-Agenten. Allerdings waren sie größer und breiter gebaut als Martini und Gower, und ich vermutete, dass ich es hier mit Security-Leuten zu tun hatte.

Einer von ihnen, der nahe bei uns stand, nickte Martini zu. »Braucht ihr eine der Schleusen?«

»Wahrscheinlich. Wir geben eine Führung.«

»Na dann viel Spaß.« Sein Ton machte deutlich, dass das eher unüblich war.

Wir schlenderten durch die Kuppel, und Martini nickte den meisten der Männer zu oder wechselte ein paar Worte mit ihnen. Sie schienen gelangweilt, aber gleichzeitig wachsam zu sein.

»Ist das hier so was wie eine Sicherheitskontrolle?«, war alles, was mir dazu einfiel.

»Ja, dieser Ort hier ist noch immer aktiv.«

»Was soll das heißen, ›aktiv‹? Radioaktiv?« Ich begann, mir Sorgen zu machen. Schließlich wollte ich einmal Kinder haben.

»So ähnlich, aber es ist völlig ungefährlich. Hier sind noch immer Reste der Treibstoffquelle des Raumschiffs vorhanden – gegen die Halbwertzeit von diesem Zeug hier ist euer Atommüll der reinste Kinderkram. Die Rückstände liefern unseren Transportmaschinen die Energie. Die Ältesten hatten einen ganzen Haufen Technologie, die unserer Technik weit überlegen ist, eurer also sowieso. Das soll keine Beleidigung sein«, fügte er schnell hinzu. »Die Erdzivilisation ist viel jünger als unsere, und wir sind, verglichen mit den Ältesten, höchstens Babys.«

Ich kam mir plötzlich sehr klein und unbedeutend vor. »Wie viele bewohnte Planeten gibt es denn?«

»Eine ganze Menge. Aber in unserer Nähe? Nicht allzu viele. Universell gesehen leben wir in der Provinz. Ihr seid sogar noch weiter ab vom Schuss als Alpha Centauri. Aber wir sind eure nächsten Nachbarn.«

»Und wie es sich für einen guten Nachbarn gehört, steht Alpha Centauri uns zur Seite.«

»So könnte man es sagen.« Er sah zu mir herunter. »Es ist immer schwierig, wenn man herausfindet, dass man nicht allein im Universum ist.«

»Warum?« Mir kamen schon wieder die Tränen, aber diesmal machte es mich nicht wütend, ich fühlte mich wie ein kleines Mädchen.

Martini schien es zu bemerken. Er manövrierte uns in eine Ecke ohne Tor oder Sicherheitsagent und zog mich in seine Arme. Ich wehrte mich nicht. »Ist schon gut, das geht vorbei«, sagte er leise und tätschelte mir den Rücken. »Für uns ist es auch nicht leicht. Sobald wir alt genug sind, es zu verstehen, sagt man uns, dass wir anders sind. Aber die ganze Geschichte bekommen wir erst als Teenager zu hören. Es ist ein Schock, und unsere ganze Familie hilft uns, ihn zu verkraften.«

»Ich will nicht, dass meinen Eltern etwas zustößt. Ich verstehe nicht einmal die Hälfte von dem, was hier los ist, aber alles hat sich verändert.«

»Es wird ihnen nichts passieren, das verspreche ich dir.« Er wiegte mich eine Weile, und ich versuchte, mich zu entspannen. »Daran könnte ich mich gewöhnen«, murmelte er. »Aber wir müssen weiter.«

Er ließ mich los, hielt aber noch immer meine Hand.

»So bist du mir viel lieber«, sagte ich, während wir in den Hauptteil der Kuppel zurückkehrten, die, wie mir langsam klar wurde, ein Terminal war.

Er grinste. »Ich werd’s mir merken.«

»Und wohin kommen wir von hier aus?«

»Wo auch immer wir hinwollen.« Martini deutete auf die großen Rahmen. »Durch die da schicken wir die Fahrzeuge.«

»Wie das? Sind wir hier denn nicht in einer Kuppel oder irgendwas Gebäudeähnlichem?«

»Doch, aber es gibt überall Ein- und Ausgänge. Die großen öffnen wir nur für die Autos.«

»Führt jeder dieser Rahmen zu einem Flughafen?«

»Wir nennen sie Schleusen. Und nein, einige dieser Schleusen sind so programmiert, dass sie direkt in die Zentrale oder ins Forschungszentrum führen, aber ansonsten kalibrieren wir sie für jede Reise neu. Überwesen können jederzeit und überall auf der Welt auftauchen, deshalb müssen wir flexibel sein.«

»Klingt logisch.« Ich sah mich um. »Ziemlich ruhig hier.«

»Ja, weil die Energieversorgung lautlos läuft«, ertönte Gowers Stimme hinter uns.

Ich fuhr zusammen und wäre vielleicht hingefallen, wenn Martini nicht immer noch meine Hand gehalten hätte. »Schön zu sehen, dass ihr beide euch so gut versteht«, ergänzte Gower grinsend.

»Ich passe nur auf, dass sie nicht mit einem Satz durch die Schleusen sonst wohin verschwindet«, lachte Martini.

»Seid ihr bereit für den nächsten Halt?«, fragte Gower an Martini gewandt.

»Ich denke schon. Hier hat sie alles gesehen.«

»Aber ich habe nicht alles verstanden«, unterbrach ich. »Zum Beispiel begreife ich nicht, wie ihr es schafft, das alles geheim zu halten, sowohl vor der amerikanischen Regierung als auch vor all den Ländern, die ein Auge auf die USA haben.«

Gower zuckte die Schultern. »Unsere Technologie ist weiter entwickelt als eure, und außerdem stammt einiges davon von den Ältesten. Und indem wir Dinge verhüllen, tarnen wir sie nicht nur optisch. Ich könnte dir stundenlange Vorträge zur Überlegenheit der Alientechnik halten, aber die Zeit drängt. Wir müssen in die Zentrale.«

Kapitel 8

Wie sich herausstellte, waren die beiden größten Schleusen auch diejenigen, die fest auf das Forschungszentrum und die Zentrale eingestellt waren. Gower ging, um die Eingänge für die Fahrzeuge öffnen zu lassen, während ich mit Martini wartete.

»Wenn wir nicht diesen Umweg machen würden, um hoffentlich meine Mutter zu treffen, wohin hätte der nächste Halt uns dann gebracht?«

»Zum Forschungszentrum. Aber keine Sorge, in der Zentrale gibt es auch Schleusen nach Dulce. Du wirst es schon noch sehen.« Er seufzte. »Das dauert immer ewig.«

»Was?« Für mich überschlugen sich die Ereignisse geradezu.

»Die Autos durchzuschicken. Bei denen ist es schwieriger, besonders, wenn jemand drin sitzt. Die Kalibrierung dauert länger, alles schön langsam und sorgfältig, nur für den Fall, du weißt schon.«

»Müssen wir in den Autos sitzen?« Ich fuhr nicht einmal gern durch die Waschanlage und verspürte absolut nicht den Wunsch, durch eine Transportschleuse chauffiert zu werden.

»Nein, ich bringe dich durch eine der normalen Schleusen.« Martini sah zu mir herunter und legte den Kopf schief. »Brauchst du irgendwas, bevor wir deine Mutter treffen?«

Ich dachte darüber nach. Ich musste schrecklich aussehen, und es brauchte nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie meine Mutter reagieren würde. »Ja, es wäre toll, wenn ich mich umziehen könnte.«

Er nickte. »Warte hier.« Er ließ meine Hand los und ging zu Gower hinüber. Ich konnte nicht hören, was sie sagten, doch es war deutlich, dass sie eine Auseinandersetzung hatten. Martini schien sich durchgesetzt zu haben, denn er trug sein übliches Grinsen, als er zu mir zurückkam. »Alles geregelt. Wir beide legen einen kurzen Zwischenstopp in deiner Wohnung ein, bevor wir die anderen in der Zentrale treffen.«

Das erschien mir zu leicht, wenn man bedachte, wie viele Männer uns bisher begleitet hatten. »Und was hält Paul von unserem Ausflug?«

Martini zuckte die Schultern. »Er glaubt, wir steuern direkt die Zentrale an. Aber vermutlich sind wir trotzdem noch schneller als die Limousine. Und als die anderen Autos sowieso.«

Da hatte er vermutlich recht. Die Schleusen wurden noch immer kalibriert, und ich konnte die Autos zwar sehen, doch sie standen allesamt still. Reader war noch nicht einmal eingestiegen. Er lehnte an der Tür der Limousine und las weiterhin in der Akte meiner Mutter, die er sich irgendwie besorgt hatte.

»Ist das denn sicher?«

»Natürlich. Ich bin doch bei dir.« Er schenkte mir ein breites, zähneblitzendes Lächeln. »Hast du Angst, du könntest die Beherrschung verlieren, wenn wir erst einmal allein sind?«

»Kaum. Aber ich will sichergehen, dass diese Überwesen, vor denen ihr mich gewarnt habt, nicht über mich herfallen, während wir einen ungenehmigten Ausflug machen. Und nebenbei weiß ich, wer den Ärger abkriegt, wenn wir das tun.«

»Ich. Worüber machst du dir also Gedanken?« Er seufzte. »Hör mal, entweder gehen wir jetzt direkt in die Zentrale, und du kannst deiner Mutter gegenübertreten, als hätten wir uns die letzten Stunden im Schlamm gewälzt, oder wir besorgen dir ein paar saubere Sachen. Die Entscheidung liegt ganz bei dir.«

Ich misstraute seinen Motiven zwar ein wenig und war mir nicht ganz sicher, auf was ich mich da einließ, aber außer dem Wunsch nach frischen Kleidern trieb mich auch die Neugier darauf, was Christopher in meiner Wohnung eigentlich getrieben hatte. »Okay, gehen wir.«

»Das ist mein Mädchen!« Martini griff erneut nach meiner Hand und dirigierte uns zu einer Schleuse auf der gegenüberliegenden Seite der Kuppel, weg von den Autos. Er verscheuchte den Wachmann, und ich fand es bemerkenswert, dass dieser ohne Widerrede gehorchte.

»Sind eure Sicherheitsvorschriften immer so lax?«

»Nein, ich bin einfach nur beliebt. So, und jetzt sei schön still, beim Kalibrieren muss ich mich konzentrieren.« Er hantierte an einigen Knöpfen und Hebeln an den Rändern der Schleuse herum. Seine Hände verschwammen vor meinen Augen, ich musste wegsehen. »Okay, alles bereit«, sagte er weniger als eine Minute später.

»Ich dachte, eure Reflexe wären zu schnell für eine Steuerung.«

»Aber die hier wurden nicht von Menschen gebaut.« Er sah mich schief an. »Alles in Ordnung mir dir? Für dich war das eine ziemlich blöde Frage.«

»Ich glaube, allmählich löst sich alles in hellen Wahnsinn auf«, gab ich zu. »Ich komme mir vor wie Alice, und du bist das weiße Kaninchen.«

»Wohl eher die Grinsekatze«, lachte Martini. »Das ist ganz normal. Lass uns zusehen, dass wir dich nach Hause bringen, damit du dich frisch machen kannst. Dann fühlst du dich besser.« Mit diesem Worten dirigierte er uns direkt vor das Schleusentor.

»Das könnte ein bisschen eng werden, aber ich möchte, dass wir zusammen hindurchgehen. Versteh das also bitte nicht falsch, aber ich muss dich während der Übertragung auf den Arm nehmen.«

»Jetzt weiß ich, warum du das hier vorgeschlagen hast.« Ich wollte protestieren, aber bevor ich überhaupt den Mund aufbekam, hatte er mich schon hochgehoben.

»Leg die Arme um meinen Hals, nur weil’s so schön ist.«

Ich tat es, denn es war tatsächlich bequemer so, und, um ehrlich zu sein, fürchtete ich mich davor, durch die Schleuse zu gehen. Er schob mich zurecht und trat hindurch.

Sofort war ich froh darüber, dass er mich trug, denn die Übertragung war ganz anders als der Schritt durch den Verhüllungsschild, der die Kuppel umgab. Wir schienen still zu stehen, während die Welt an uns vorbeiraste und alles durcheinanderwirbelte. Es war wie in einem Zeitraffer, nur zehnmal schneller, und es drehte mir den Magen um.

Ich vergrub mein Gesicht an Martinis Hals. Er drückte mich noch ein wenig fester an sich, und die Übelkeit verflog. »Wir sind fast da«, murmelte er. Ich fühlte einen leichten Ruck. »Alles okay«, flüsterte er dann. »Wir sind da. Sag nichts.«

Als ich den Kopf hob, fiel mir wieder ein, wohin die Schleusen führten. »Bin ich in einer Herrentoilette?«, wisperte ich ihm ins Ohr.

»Ja«, gab er noch immer flüsternd zurück. »Still jetzt.«

Er hielt mich noch immer auf dem Arm, keiner von uns beiden sagte ein Wort. Ich hörte das unverwechselbare Plätschern von Flüssigkeit, die auf Porzellan traf, was sowohl widerlich als auch der Beweis dafür war, dass wir nicht allein waren.

Saguaro International war ein Flughafen, in dem rege Betriebsamkeit herrschte, und mir dämmerte, dass Martini und ich lange genug in dieser Kabine festsitzen konnten, um zu spät in die Zentrale zu kommen. Dieser Gedanke musste auch ihm gekommen sein, denn er öffnete die Kabinentür einen kleinen Spalt. Ich war beeindruckt, dass er mich mit nur einem Arm halten konnte, hatte aber den Eindruck, dass jetzt nicht der richtige Moment war, um das anzusprechen.

Er sah hinaus, während ich lauschte. Das Plätschern verebbte, ich hörte das Ratschen eines Reißverschlusses und dann Schritte, die sich entfernten. Martini ließ mich herunter und öffnete die Kabinentür noch ein wenig weiter. Es war nicht gerade geräumig hier, und ich wurde ziemlich gequetscht. Er ging hinaus, und ich konnte wieder atmen, was ich hier aber lieber nicht riskieren wollte.

Ich hörte seine raschen Schritte, dann kam er zurück, griff nach meiner Hand, und wir liefen zum Ausgang. Kurz bevor wir ihn erreichten, kam eine ganze Gruppe Männer herein, alle mit Rollkoffern oder Reisetaschen in den Händen. Als ihre Blicke mich trafen, blieben sie alle gleichzeitig stehen.

»Ach herrje, das tut mir ja so leid!«, rief ich an Martini gewandt. »Meine Kontaktlinsen sind mir während des Flugs herausgefallen. Beide gleichzeitig. Gott sei Dank haben Sie mich aufgehalten, bevor ich ganz hineingegangen bin! Das tut mir schrecklich leid, entschuldigen Sie, ich kann sowieso nichts sehen!«, sagte ich zu den Männern, die mich nur anstarrten, drängelte mich zwischen ihnen hindurch und zur Tür hinaus.

Martini kam hinter mir her. Er machte eine Bemerkung über schusselige Frauen, die mit einigem Schmunzeln seitens der Männer quittiert wurde.

Als er draußen war, schüttelte er den Kopf. »Du bist echt nicht auf den Mund gefallen.«

»Weißt du, dass man mich dafür einsperren kann? Es ist gesetzlich verboten, die falschen Toiletten zu betreten.«

»Ihr Menschen habt komische Gesetze. Jetzt lass uns aber gehen.« Er nahm wieder meine Hand. »Das könnte jetzt echt unangenehm werden.«

Bevor ich fragen konnte, wie unangenehm genau es denn werden könnte, ging es auch schon los. Es war zwar etwas anders als die Übertragung, aber nicht sehr. Wir rasten an Menschen vorbei, die wie erstarrt schienen. Einige Male war ich mir sicher, wir würden durch Wände laufen, aber Martini umging sie nur zu schnell, als dass ich es wahrnehmen konnte.

Schon waren wir außerhalb des Flughafens, flogen die Straßen entlang und erreichten die Autobahn. Wir rasten an Autos vorbei, die mindesten hundert fahren mussten, doch es sah aus, als wären auch sie festgefroren. Dann kam meine Ausfahrt, dann ging es durch die Straßen meiner Nachbarschaft, quer durch den Park, die Hintertreppe hinauf und in meine Wohnung.

Drinnen hielten wir an. Mein Magen rebellierte, aber die Reise war belebender gewesen als die Übertragung. »Wie sind wir reingekommen?«, fragte ich mit Mühe.

Martini hielt meine Hausschlüssel in der Hand. »Ich habe deine Handtasche durchwühlt. Das Ding ist noch schlimmer, als ich dachte. Hat uns etwas aufgehalten.«

»Falls ich dir einmal einen Gefallen tun möchte, denke ich daran, eine Tasche mit mehr Seitenfächern zu kaufen. Jedenfalls bin ich froh, dass ich nicht ohnmächtig wurde, wie Reader behauptet hat.«

»Ich habe es langsam angehen lassen.« Ich hatte den Eindruck, dass er es ernst meinte.

»Das war langsam?«

»Ja. Ziehst du dich jetzt um?«

»Du schaust nicht zu!«

Er grinste. »Schon klar. Ich seh mir mal deinen Kühlschrank genauer an, vielleicht mag ich ja die Tiefkühlauswahl.« Er schlenderte davon, als wäre er hier zu Hause.

Ich beschloss, das zu tun, wofür wir hier waren. Während ich durch das Wohnzimmer ins Schlafzimmer ging, registrierte ich, dass alles an seinem gewohnten Platz stand.

Das Schlafzimmer war das Beste an der Wohnung. Es hatte Flügeltüren, die ins Wohnzimmer führten und jetzt natürlich geschlossen waren, um Martini fernzuhalten. Außerdem ein großes Fenster mit einem herrlichen Blick auf die Berge und das Naturschutzgebiet, einen begehbaren Kleiderschrank, einen beleuchteten Schminktisch und ein geräumiges Badezimmer. Dieses Schlafzimmer war der Grund dafür, dass ich mir die Wohnung ausgesucht hatte. Es nahm die gleiche Fläche ein wie das Wohn- und das Esszimmer, die Küche und der kleine Waschraum zusammengenommen.

Mein Bett war zerwühlt, ich machte mir nicht jeden Morgen die Mühe, es aufzuschütteln.

Überall lagen Sachen herum, aber sie gehörten alle mir und sie lagen wohl auch noch ziemlich genau dort, wo ich sie fallen gelassen hatte. Ich warf mein Kostüm in den Beutel für die Reinigung, da man die Hoffnung schließlich niemals aufgeben soll. Dann wusch ich mir das Gesicht und überlegte kurz, bevor ich meine bequemste Jeans aus dem Schrank zog. Sie war sogar einigermaßen sauber. Da wir wohl viel Zeit in der Hitze verbringen würden, entschied ich mich außerdem für ein T-Shirt, aber für welches? Ich wollte keines meiner Lieblingsstücke tragen, weil es nicht unwahrscheinlich war, dass es das gleiche Schicksal erleiden würde wie mein Kostüm. Aber ich wollte auch nichts tragen, das ich nicht ausstehen konnte, weil es mir nicht stand oder ähnliche Gebote der Eitelkeit verletzte.

Schließlich wählte ich eines meiner Aerosmith-T-Shirts, davon hatte ich einige, und dieses hier war schon ziemlich abgetragen. Ich würde mich sicher besser fühlen, wenn Steven, Joe und die anderen Jungs mir sozusagen den Rücken deckten.

Ich schnappte mir einen Pullover, nur zur Sicherheit, zog Socken und Turnschuhe an und war fertig.

Ich sah mich um. Falls Christopher hier nach etwas gesucht hatte, hatte er jedenfalls darauf geachtet, nichts durcheinanderzubringen.

Als ich begann, mir die Haare zu kämmen, bemerkte ich doch etwas. Ich benutzte den Schminktisch nicht wie vorgesehen, da ich mich kaum schminkte. Stattdessen frisierte ich mich hier und hatte außerdem meine Fotos auf der Tischplatte aufgestellt. Und die waren bewegt worden.

Ich band meine Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen, fegte meine Bürste, ein Stirnband, ein paar zusätzliche Haargummis und die fast leere Haarspraydose in meine Tasche. Dann sah ich mir die Bilder genauer an.

Sie waren alle verschoben, kaum zwar, aber da ich niemals Staub wischte, sah ich es doch. An den Rahmen der Bilder konnte ich Fingerabdrücke erkennen, und der Staub auf der Tischplatte war dort, wo ein Foto verrückt worden war, verwischt.

Diese Bilder waren mir die wichtigsten: das Hochzeitsfoto meiner Eltern, mein Abschlussfoto von der Highschool, ein Gruppenbild meiner Studentinnenverbindung, meine Eltern und ich vor meinem brandneuen Auto, eine Collage meiner engsten Freunde aus Schul- und Studententagen und aus dem Büro und eine weitere Collage meiner Verwandten und aller Haustiere, die ich jemals gehabt hatte.

Doch die Fotos, auf denen am meisten Staub fehlte, waren an meinem sechzehnten Geburtstag aufgenommen worden. Chuckie hatte sich damals sehr fürs Fotografieren interessiert, und während er selbst nie geknipst werden wollte, gelangen ihm einige herrliche Schnappschüsse von anderen. Auf einem Bild war ich zu sehen. Ich hielt meine beiden Katzen Oingo und Boingo auf dem Arm und hatte ein Diadem auf dem Kopf. Um mich herum standen Sheila und Amy und meine Eltern, und wir alle lächelten dümmlich in die Linse. Auf einem anderen Foto trug ich das Diadem noch immer, diesmal war ich aber mit meinem damaligen Freund, Brain, zu sehen. Wir lachten beide und taten so, als würden wir Tango tanzen. Er hielt mich nach hinten gebeugt, sodass ich falsch herum in die Kamera sah und ein Bein steil in die Höhe strecken konnte.

Daher kamen also die ganzen Kommentare über Prinzessinnen und Krönchen.

Scheißkerl.

Es klopfte. »Bist du schon angezogen, oder kann ich reinkommen?«

»Ach, komm schon rein.« Mit Christophers Einfall in meine Privatsphäre würde ich mich später befassen.

Martini öffnete die Tür und musterte mich anerkennend von Kopf bis Fuß. »Du bist hübsch, wenn du sauber bist. Die Klamotten sind zwar ein bisschen leger, aber das ist schon in Ordnung. Allerdings muss ich sagen, dass ich die Stones lieber mag.«

»Das beweist mal wieder, dass du ein Trottel bist.« Ich griff nach meiner Handtasche. »Brauche ich sonst noch was?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Aber tu mir bitte einen Gefallen und behaupte in der Zentrale, dass du Angst hattest, dir in den Pumps die Knöchel zu brechen.«

»Weil du nicht vor versammelter Mannschaft von Onkel Mr. White zur Schnecke gemacht werden willst? Und dabei hattest du es fast geschafft, mich zu beeindrucken.«

»Wenn du zugeben würdest, dass du nur herkommen wolltest, damit ich über dich herfallen kann, würde mir niemand etwas übel nehmen.«

»Träum weiter.«

»Na, das Bett steht ja schon mal bereit. Obwohl, wenn ich mir das so anschaue, dann sollten wir unsere ersten romantischen Erfahrungen vielleicht doch besser bei mir verbringen. Ich habe das Prinzip von Putzen und Aufräumen nämlich verstanden.«

»Haut mich um. Wenn du auch noch kochen kannst, verstehen wir uns vielleicht doch noch.«

»Ich bin ein toller Koch.« Er nahm wieder meine Hand. »Du sagst mir, was du möchtest, und ich koche es für dich.«

»Dein zweites überzeugendes Argument. Ich versuche, mich auf deine Stärken zu konzentrieren, während du uns zurück zu diesem verdammten Männerklo fliegst.« Ich vergewisserte mich, dass alle Lichter aus waren.

»Wir könnten auch zu den Damentoiletten. Dieser Flughafen hat auch eine Schleuse für Frauen. Würde mir nichts ausmachen.« Diese Worte wurden von seinem bisher breitesten Lächeln begleitet.

»Hat dir noch nie jemand erklärt, dass man aufhören soll, solange man Erfolg hat?«

Wir verließen die Wohnung. Ich schloss die Tür ab und fragte mich, wann ich mein Reich wohl wiedersehen würde.

»Hey, ich hab deine Fische gefüttert.«

»Das hat Christopher anscheinend auch. Und jetzt sterben sie wahrscheinlich an Überfütterung.«

»Ich helfe dir, diesen Verlust zu verkraften.«

»Mein Prinz.«

Martini öffnete den Mund, schloss ihn aber sofort wieder. Er schien zu lauschen, doch ich konnte nichts hören.

»Was ist los?«

»Waren unter denen, die dich vorhin angerufen haben, auch deine Vermieter?«

»Ja, nette Leute. Paranoid, aber nett.«

»Ganz genau. Welche Wohnung ist ihre?«

»Warum?«

»Da wir schon mal da sind, könnten wir ja vorbeigehen und ihnen zeigen, dass es dir gut geht.«

»Plötzlich interessiert es dich, was meine Freunde, Verwandten und Bekannten denken?«

»So bin ich eben. Komm schon, gehen wir deinen Vermieter besuchen. Du wirst noch froh sein, dass wir es gemacht haben, glaub mir.«

»Na ja, vielleicht in ein paar Jahren.« Wir stiegen die Stufen hinab, und ich klopfte an die Tür meines Vermieters.

Sie öffnete sich einen Spalt. »Katherine?«

»Hi, Mr. Nareema. Ich wollte Sie nur wissen lassen, dass es mir gut geht.«

»Ich habe dich in den Nachrichten gesehen. Du warst sehr mutig.« Dann hatte Christopher mich also wenigstens nicht wie eine Idiotin dastehen lassen, zumindest nicht in Mr. Nareemas Augen.

»Danke, das war so was wie ein Reflex, nicht geplant oder so.«

»Ich verstehe. Da waren Leute in deiner Wohnung. Männer. Und sie hatten alle die gleichen Anzüge an.« Mr. Nareema klang ängstlich. Aber das tat er eigentlich immer.

»Ich weiß. Die waren von der Regierung.«

Er schnappte nach Luft. »Müssen wir jetzt fliehen?«

»Nein, nein«, versicherte ich schnell. Die Nareemas waren gezwungen gewesen, aus ihrer Heimat zu fliehen, und waren darüber noch immer nicht hinweggekommen. Ich hatte nie herausgefunden, warum, was hauptsächlich daran lag, dass man selbst anfing, Gespenster zu sehen, wenn man sich länger als fünf Minuten mit einem Mitglied der Nareema-Familie unterhielt. »Sie gehören zum guten Teil zur Regierung. Sie beschützen uns und wollten nur dafür sorgen, dass hier alles in Ordnung ist.«

»Und das ist es«, versprach Martini mit einem zugegebenermaßen sehr charmanten Lächeln.

»Gut.« Mr. Nareema klang nicht überzeugt. Pass auf dich auf, Katherine. Ruf an, wenn du … Hilfe brauchst.«

»Danke, das mache ich.« Wir traten einen Schritt zurück, und die Tür schloss sich. Mehrere Schlösser rasteten ein. Martini und ich gingen die Eingangshalle hinunter. »Na, das war doch lustig.«

»Aber er wirkte ein wenig beruhigt«, sagte Martini. »Anscheinend konnte ich ihm etwas Mut machen.«

»Du konntest ihm Mut machen? Ach? Ein echter Ritter ohne Furcht und Tadel, ja?«

»Schauen wir mal, ob du das in einer Minute auch noch so siehst«, antwortete er, nahm meine Hand, trat vor, und schon waren wir wieder unterwegs. Dieses Mal ging es tatsächlich schneller, viel schneller. Während wir dahinrasten, flog alles einfach an mir vorbei, so rasant, dass ich es nicht mehr verarbeiten konnte. Ich wusste nicht mehr, wo wir waren, und mein Hirn entschloss sich gnädigerweise, abzuschalten.

Gerade als mir schwarz vor Augen wurde, hielten wir an. Martini zog mich an sich, und ich legte den Kopf an seine Brust. »Versuch, langsam zu atmen«, sagte er beruhigend, während er mir den Nacken massierte.

»Was machst du da?«, murmelte ich. Es fühlte sich gut an, mein Magen beruhigte sich, und mein Kopf wurde wieder klar.

»Nur ein kleiner Trick, um schöne Agentinnen davor zu bewahren, in meinen Armen ohnmächtig zu werden.«

»Ich bin keine Agentin.«

»Noch nicht.« Er massierte noch eine Weile weiter, bis ich mich wieder fast normal fühlte.

»Geht’s wieder?«

»Ja.« Ich rückte ein bisschen von ihm ab. »Woher weißt du, wie ich mich fühle?«

»Ich würde gern behaupten, dass es daran liegt, dass du so gut mit mir im Einklang bist.« Er seufzte. »Tatsächlich liegt es aber daran, dass ich so gut mit dir im Einklang bin. Ich bin empathisch begabt. Das ist sehr nützlich für einen Agenten im Einsatz. Vermutlich bin ich der stärkste Empath, den wir haben. Das ist einer Gründe, warum ich als Erster bei dir angekommen bin.«

Ich überlegte. Ein Teil von mir fühlte sich manipuliert. Ein anderer Teil war jedoch erleichtert, dass ich mich weder übergeben musste noch ohnmächtig geworden war. »Deshalb wolltest du also Mr. Nareema besuchen?«

»Ja. Ich habe seine Angst gespürt, sie war auf deine Wohnung gerichtet und dehnte sich bis zu dir aus. Paranoia strahlt ziemlich weit aus, auf emotionaler Ebene, meine ich. Und das vorhin war kein Scherz – er war beruhigt, dich zu sehen, aber es hat ihn noch mehr beruhigt, mich zu sehen.«

»Das klingt nicht sehr einleuchtend, ich kenne die Nareemas, und du siehst ziemlich offiziell aus.«

»Und ich bin einfach gegangen, nachdem ich ihm gesagt habe, dass wir alles überprüft hätten. Glaub mir, seine Angst ist weit genug gesunken, um von meinem Radar zu verschwinden.«

Egal, wie übel mir war, das war spannend. »Dann fängst du also sämtliche Gefühle auf? Überwältigt dich das manchmal nicht einfach?«

»Kommt vor.«

Ich hob eine Augenbraue, und er grinste.

»Okay, doch, das tut es. Sehr oft. Wir haben Blockaden dagegen – mentale, emotionale und chemische –, die alle Empathen benutzen, um das Gefühlschaos auf eine minimale Lautstärke zu senken.«

»Aber wie nützen dir deine Kräfte dann, wenn du sie abstellst?«

Er zuckte die Achseln. »Unsere Aufgabe ist es zu lokalisieren, wo sich ein Überwesen bilden könnte. Aus irgendwelchen Gründen werden sie nie von Situationen mit geringem Stresslevel angezogen. Also müssen wir nur Gefühle auf hohem Level auffangen. Es kommt auch darauf an, wie nahe wir einer Person sind. Je näher, desto leichter ist es, ihre Gefühle wahrzunehmen.«

»Und was passiert, wenn es nebenan einen Streit gibt, während du zu schlafen versuchst?«

Er grinste wieder. »Keine Sorge. Wenn wir intim werden, lasse ich mich bestimmt nicht ablenken.«

»Glaub mir, das wäre das Letzte, an das ich denke.« Mir war ein anderer Gedanke gekommen, und der ging über die Frage hinaus, wie Martini beim Sex bei der Sache bleiben konnte. »Hast du es so geschafft, die Polizisten beim Gerichtsgebäude zu kontrollieren?«

Martini schüttelte den Kopf. »Nein. Das war Technologie. Unsere, nicht die der Ältesten.«

»Ihr verfügt über eine Technologie, mit der man Gedanken kontrollieren kann?« Das war erschreckend, beinahe ebenso erschreckend wie die Tatsache, dass Martini sofort mitbekommen hatte, wie ich mich bei dieser Nachricht fühlte.

»Ja, aber es ist nicht so, wie du es dir vorstellst. Du wirst schon noch sehen, wie es funktioniert, entweder im Forschungszentrum oder in der Zentrale. Aber jetzt müssen wir weiter.«

»Also auf zur Toilette«, bemerkte ich seufzend und machte mich resigniert bereit für eine weitere Schwindeltour.

Kapitel 9

In die Herrentoilette hineinzukommen, war nicht halb so schwierig, wie hinauszukommen. Martini ging voraus und wartete, bis alle Männer gegangen waren. Ein Schild mit dem Vermerk, dass die Toilette aufgrund von Reinigungsarbeiten vorübergehend geschlossen sei, tauchte auf. Es würde also niemand eintreten. Wir gingen in eine Kabine, Martini hantierte wieder in der Luft herum, und schon sausten wir los.

Dieses Mal probierte ich nicht einmal, irgendetwas zu erkennen oder die Fahrt zu genießen. Wieder hielt Martini mich auf dem Arm, und ich legte meinen Kopf an seinen Hals und versuchte mir vorzustellen, ich wäre in einer Achterbahn. Allerdings hasse ich Achterbahnen.

Ich fühlte den Ruck, der mir sagte, dass wir da waren, und öffnete die Augen, als Martini mich herunterließ. Wir standen in der Türöffnung von etwas, das aussah wie ein kleiner Schuppen, auf dem Vorsicht explosiv stand. Aber ich konnte nur das Schleusentor sehen. Ich warf einen Blick nach draußen und erkannte viele Gebäude, die sowohl langweilig als auch bedrückend wirkten. Außerdem noch zahlreiche Jeeps, zahlreiche Männer in Uniformen und zahlreiche Jets.

»Ist das hier ein Luftstützpunkt?«

»Im Ernst, heirate mich. Ja, das ist der Groom Lake U.S. Luftstützpunkt. Für uns ist es aber die Zentrale.«

»Und für den Rest der Welt ist es Area 51.«

Ich war immerhin Comicfan, und mit solchen Namen kannte ich mich aus. Definitiv. Schließlich war Chuckie seit der neunten Klasse einer meiner besten Freunde gewesen, und jemand mit dem Spitznamen Chuck, der Verschwörer musste sich einfach mit dem ganzen UFO-Kram auskennen. Area 51 hatte viele Namen, und ich kannte sie alle.

»Ich glaube, wir werden wunderbare Kinder haben«, sagte Martini, während er auf eines der größeren und sehr bedrückenden Gebäude zuging, das etwa fünfhundert Meter vor uns stand. »Wie viele willst du?«

»Ich will wissen, warum ich die Schleusen hier und an der Absturzstelle sehen kann und die in den Toiletten nicht.«

»Weil sie verhüllt sind, Dummchen.«

»Oho. Und wie kommt es, dass du sie sehen kannst?«

Er warf einen Blick über die Schulter. »Komm schon. Und ja, okay, Verhüllungen nützen bei uns A.C.s nichts. Wir können sowohl den Deckmantel sehen als auch das, was darunter liegt, weil die Lichtwellen für unsere Augen nicht zu schnell pulsieren. Sie sind allerdings sehr wohl zu schnell für Menschenaugen oder für Geräte, die von Menschen erbaut wurden. Und bevor du fragst, die Parasiten und Überwesen haben kein A.C.-Blut und können deshalb auch nicht durch die Verhüllung sehen.«

Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich das glauben sollte, doch er schien nicht zu flunkern. »Dann gibt es also keine Überwesen mit einem A.C.-Anteil?«

»Nicht dass wir wüssten.« Martini klang noch immer aufrichtig, doch diesmal war ich mir trotzdem nicht sicher, ob er die Wahrheit sagte, besonders, weil er es entschieden vermied, mir in die Augen zu schauen. Es erinnerte mich an eine Frage, die ich bei all der Aufregung ganz vergessen hatte. »Was ist mit eurem Planeten passiert, als die Parasiten gekommen sind?«

Martini antwortete nicht. Es war erschreckend, dass er freiwillig den Mund hielt, aber das hier war wichtig. Ich holte ihn ein und griff nach seinem Arm. »Sag mir, was passiert ist, als sie kamen.«

Er blieb stehen und drehte sich zu mir um. Sein Gesichtsausdruck war ungewohnt ernst und angespannt. »Sie sind nie nach Alpha Centauri gekommen.«

Ich nahm es gelassen. Im Kopf spulte ich all die Fragen herunter, die diese Neuigkeit aufwarf, und entschied mich für die offensichtlichste. »Warum nicht?«

»Wir sind uns nicht sicher. Als die Ältesten uns damals erreichten, war es ein Schock. Erst dadurch wurde uns bewusst, dass es noch andere bewohnte Planeten gibt. Vielleicht war es einfach unsere Ozonschicht, die die Parasiten aufgehalten hat.«

»Die Ozonschicht?« Ob Greenpeace das wohl wusste? Falls ja, hätten sie bestimmt schon Flugblätter verteilt, die einen darüber informierten, wie viel besser die Alpha Centaurioner mit ihren wertvollen Naturressourcen umgingen. »Das gleiche Problem, dass ihr jetzt auf der Erde habt. Allerdings haben wir herausgefunden, wie man die Welt mit einem Schild umgeben kann, der die guten Sachen hereinlässt und schlechte herausfiltert. Es funktioniert genau wie die Verhüllungstechnik.«

»Und warum hat uns dann niemand gezeigt, wie das geht?«

Er seufzte. »Hier gibt es nicht das richtige Rohmaterial. Auf A.C. gibt es einige Stoffe, die auf der Erde nicht existieren. Vielleicht liegt es an den Zwillingssonnen, oder vielleicht auch einfach nur daran, wie sich unsere Welt entwickelt hat. So wie bei unserer Fähigkeit, uns mit Hyperspeed zu bewegen. Wir haben nun mal gewisse Begabungen, die die Menschen niemals lernen könnten.«

»Könntet ihr diese Stoffe nicht herbringen?«

»Vielleicht, aber die Gefahr, die von den Parasiten ausgeht, ist im Moment sehr viel bedrohlicher. Nur eine Handvoll Überwesen wären genug, um die Welt zu zerstören. Und zurzeit können hier Hunderte in nur einer Woche auftauchen.«

»Zurzeit?«

»Die Anzahl der Parasiten, die die Erde erreichen, steigt jedes Jahr. In den sechziger Jahren waren es nur ein paar wenige, so etwas wie ein militärischer Stoßtrupp. Aber jetzt, jetzt können wir nur noch versuchen, mitzuhalten.« Er ließ das eine Weile wirken, bevor er hinzufügte: »Wir haben den Schild auf Alpha Centauri ein paar Jahre nach der Ankunft der Ältesten entwickelt. Bei uns wurde noch kein einziger Parasit gesichtet. Wir bekommen Nachrichten von zu Hause, sie erreichen uns etwa drei bis vier Jahre, nachdem sie verschickt wurden. Eure Regierungen fangen sie zwar auch auf, aber sie sind in unserer Sprache verfasst.«

»Und wir sind zu langsam, um sie zu verstehen, richtig?«

»Nur in physischer Hinsicht.«

Das provozierte eine weitere Frage. »Woher wusstet ihr dann, was hier los war? Und warum seid ihr gekommen?«

Er ging weiter, und ich musste joggen, um mit ihm mitzuhalten. »Das haben wir dir doch gesagt. Ihr habt uns gebraucht.«

Ich überdachte das, während wir auf das Gebäude mit der Aufschrift Verwaltung zuhetzten. »Die Parasiten konnten also nicht durch den Schild brechen, aber ich wette, ihr habt sie da draußen anklopfen sehen. Wir liegen noch weiter abseits vom Weltraumkern als ihr, und da sie bei euch nicht reinkommen konnten, sind sie eben zu uns weitergeflogen.«

Martini hielt mir die Tür auf. »Du nimmst das alles ziemlich gut auf. Ich werde dran denken, das den Kindern zu erzählen.«

»Und warum gerade eure Familie? Ich meine, falls ihr wirklich verwandt seid.«

Wir betraten das Gebäude. Es sah aus wie jede andere militärische Kommandozentrale, die ich bisher im Fernsehen oder Kino gesehen hatte: ein Haufen Computer, Bildschirme in allen Größen, Schreibtische, auf denen sich das Papier stapelte, und das hektische Gewusel vieler Leuten mit dringendem Auftrag. Nicht alle Männer hier waren schön. Es gab ein paar darunter, die ganz gewöhnlich aussahen und Uniformen der Air Force trugen. Das mussten Menschen sein.

Das Gebäude war ziemlich weitläufig, an der gegenüberliegenden Seite gab es ein großes Schleusentor. Der letzte der Geländewagen kam gerade an, als wir die Halle betraten. Ich konnte die anderen Autos und Limousine sehen, die in einer Formation aufgereiht standen und aussahen, als wären sie jederzeit bereit, davonzurasen. Die Wagen standen vor einer riesigen Schiebetür, und ich nahm an, dass unsere kleine Flotte auf diesem Weg elegant ausrücken würde.

»Scheiße«, fluchte Martini leise.

White hatte uns gesehen und kam auf uns zu.

»Wo zum Teufel seid ihr beide gewesen?«, blaffte er, sobald er in Hörweite war.

»Ich hätte mir in diesem Kuppeldings fast den Knöchel gebrochen«, antwortete ich. »Und außerdem wollte ich nicht, dass meine Mutter denkt, ich wäre von einem Bus überrollt worden, wenn sie mich sieht. Also habe ich Martini erpresst, damit er mich zuerst nach Hause bringt.«

»Erpresst? Und was genau haben Sie ihm geboten? Einen Kuss?«, fragte White weder überzeugt noch beruhigt.

»Nein, aber die Idee ist gut, die merke ich mir. Ich habe ihm angedroht, dass mein Vater sonst die Marines zur echten Absturzstelle schickt.«

»Sie haben ja keine Ahnung, welches Risiko ihr da eingegangen seid«, stieß er hervor.

»Doch, ich glaube schon. Da gibt es ein paar Überwesen, die Menschen unter Kontrolle haben, die wieder Überwesen unter Kontrolle haben und immer so weiter, und die wollen die Macht übernehmen. Ich wurde als jemand identifiziert, der sie aufhalten kann, und deshalb wollen sie mich umbringen. Und wenn die Verwandlung zum Überwesen nicht mit völligem Hirnverlust verbunden ist, was ich bezweifle, dann wissen diese Viecher verdammt genau, dass ich jetzt bei euch bin. Was wiederum bedeutet, dass sie sich kein bisschen für meine Wohnung interessieren, weil eine Handvoll Guppys und ein siamesischer Kampffisch keine besonders guten Geiseln abgeben. Und außerdem«, fügte ich noch hinzu, als sich White allmählich zu beruhigen schien, »glaube ich, dass ich in diesem Outfit sehr viel besser rennen und kämpfen kann. Und netter bin ich so wahrscheinlich auch.«

»Das bezweifle ich«, brummelte White.

»Wo ist meine Mutter?« Ich sah mich um, konnte sie aber nirgends entdecken. Genau genommen konnte ich außer mir gar keine andere Frau entdecken.

White antwortete nicht. Diese Truppe hatte echte Schwierigkeiten damit, effektiv oder auch nur glaubwürdig zu lügen. Gut zu wissen. Sie waren vielleicht schnell, aber die Menschheit hatte in Sachen Betrügen immer noch die Nase vorn. »Ich höre?«

»Sie sind noch nicht zurück«, gab White zu.

Mir fiel ein, dass die andere Hälfte von diesem sie vermutlich sein Sohn war und dass auch er noch nicht wieder aufgetaucht war. Was mich nur leider auch nicht beruhigte. »Wo sind sie?«

»Noch in New York, nehmen wir an.« White sah beunruhigt aus.

»Was soll das heißen, ›ihr nehmt an‹?« Es gelang mir nicht, den Ärger in meiner Stimme zu unterdrücken.

»Das soll heißen, dass sie in Schwierigkeiten stecken«, sagte Martini sanft. »Wir brechen sofort auf«, meinte er an White gewandt. »Sie, ich, James und Paul. Du bleibst hier, falls die anderen vor uns zurückkommen.«

White widersprach nicht. Martini nahm meine Hand, und wir rannten auf die Limousine zu, aber mit menschlicher Geschwindigkeit. »Wer hat hier eigentlich das Kommando?«, japste ich.

»Wir haben einen Vorfall, das heißt, jetzt habe ich es«, gab Martini knapp zurück. »Alpha-Team, ausrücken, sofort!«, rief er Gower und Reader zu, die beim Wagen standen.

Reader und Gower rannten zu einem kleineren Schleusentor nahe dem Einstellplatz hinüber, das ich erst jetzt entdeckte. »Nehmen wir denn nicht die Limousine?«, fragte ich, während wir ihnen nachrannten. Ich sah, dass Gower bereits die Schleuse kalibrierte.

»Keine Zeit. Wir nehmen uns dort ein Auto.« Noch im Rennen hob Martini mich hoch. Reader ging zuerst durch die Schleuse, dann kamen wir. Als ich mein Gesicht an Martinis Hals drückte, sah ich Gower hinter uns.

Dann kam das schreckliche Sausen, dicht gefolgt von dem kleinen Ruck bei der Landung. Martini öffnete die Kabinentür und ließ mich herunter. Wir waren tatsächlich in einer Toilette im JFK-Flughafen, New York, wie ich annahm, und sie war voller Männer.

Reader stand da und sah aus, als müsste er sich das Lachen verkneifen. Gower kam hinter uns aus der Kabine.

Die restlichen Männer im Raum starrten uns allesamt an, mit einer Mischung aus Entsetzen, Scham und Angst in den Gesichtern. Ich rief mir ins Gedächtnis, dass Gower und Martini nicht lügen konnten und Reader zu beschäftigt damit war, nicht loszuprusten. Also blieb es an mir hängen. Mal wieder.

»Gentlemen, ich danke Ihnen vielmals!« Ich fing an zu klatschen. »Sie haben uns geholfen, eine echt tolle Szene für unsere neue Reality-Show einzufangen: Mein Leben mit einem ehemaligen Supermodel, ich deutete auf Reader. »Unser Produktionsassistent wird jeden Moment Ihre Einverständniserklärungen bringen. Wenn alles glatt läuft, können Sie sich schon in ein paar Monaten im Fernsehen betrachten! Und natürlich können Sie die Aufnahmen vorher sehen und haben Gelegenheit, Widerspruch einzulegen, für den Fall, dass Sie gewisse … ähm, Einstellungen von sich nicht in der Serie haben wollen. Wir werden sie dann selbstverständlich herausschneiden.«

Ich sah Gower, Martini und Reader an, die alle brav den Mund hielten. »Gentlemen, wir müssen weiter, in einer Viertelstunde werden wir auf der Damentoilette erwartet. Entschuldigen Sie«, fuhr ich fort, schnappte mir Reader und zog ihn mit mir. »Es gibt jetzt keine Autogramme, wir haben einen sehr engen Zeitplan.«

Wir drängten uns hinaus, und Martini rannte los. Wir folgten ihm. Er bewegte sich noch immer mit menschlicher Geschwindigkeit, sodass Reader und ich mithalten konnten. »Wann fällt ihnen wohl auf, dass wir keine Kameras dabeihatten?«, fragte Reader mich im Laufen.

»Vermutlich im selben Moment, in dem ihnen aufgeht, dass kein Produktionsassistent mit Einverständniserklärungen auftauchen wird. Oder sobald sie am Informationsschalter nachfragen, wo die Erklärungen bleiben. Woher weiß er, wo er hin muss?«

»Ich weiß nicht, ob er es dir schon gesagt hat, aber …« Reader schien nicht wohl in seiner Haut zu sein.

»Oh, richtig, er ist ein Empath. Wem folgt er?«

»Dem, der gerade am meisten Angst hat. Und das hat dich nicht erschreckt?«

»Doch, aber ich war zu erleichtert, dass ich nicht umgekippt bin oder kotzen musste, weil er das rechtzeitig in Ordnung gebracht hat.«

»Du hättest es schlimmer treffen können als mit ihm«, meinte Reader, während wir um eine Ecke rannten.

Wir liefen nicht in Richtung Gepäckausgabe oder Ankunftshalle, sondern steuerten die Start- und Landebahnen an. Hier war es bereits dunkel, was durchaus logisch war. Wenigstens die Zeitzonen funktionierten also noch normal. »Das freut mich aber. Im Moment mache ich mir allerdings mehr Sorgen um meine Mutter als darüber, ob es zwischen Martini und mir gefunkt hat.«

»Sie geben wirklich gute Partner ab«, sagte Reader. »Einfach toll.«

Ja, wir näherten uns definitiv den Flugzeugen, was bedeutete, dass wir es gleich mit der Sicherheitskontrolle zu tun bekamen, und das beruhigte mich nicht gerade. Martini wurde langsamer und nickte Gower zu, dann nahm er meine Hand, während Gower nach der von Reader griff. Jetzt wechselten sie in den Hyperspeed, allerdings auf kleiner Stufe, damit Reader und mir nicht schlecht wurde. Wir passierten die Sicherheitskontrolle, rasten durch den Terminal und durch ein Tor hinaus, das der entlegenste Ausgang des gesamten Flughafens sein musste.

Wir erreichten die Rollbahn und bremsten auf menschliches Tempo herunter. Mir fiel auf, dass es Gower und Reader keineswegs unangenehm zu sein schien, Händchen zu halten. »Welche Geschwindigkeit?«, fragte Gower Martini. »Menschlich, wir müssen unsere Energien einteilen.« Diese Bemerkung hatte nichts Scherzhaftes oder Frivoles. Er ließ meine Hand los, und Gower tat das Gleiche mit der von Reader. Wir rannten weiter, Martini voraus.

»Du und Paul also?« fragte ich Reader, während wir den anderen folgten.

»Jep. Dafür hast du aber lange gebraucht.«

»Eigentlich nicht. Ich dachte, du wärst rekrutiert worden. Dass du, na ja, eingeheiratet hast, konnte ich nicht wissen.«

»Ich bin rekrutiert worden. Wie du. Während eines Fotoshootings hat sich ein Überwesen manifestiert. Alle sind ausgerastet, ich habe es getötet. Dann ist die Gang aufgetaucht, ich habe die Führung bekommen und war drin. Allerdings war das damals alles nicht so spannend wie bei dir jetzt.«

»Du Glückspilz.« Wir rannten unter Flugzeugen hindurch. Ich hatte schon in vielen davon gesessen, aber es war trotzdem beeindruckend, nach oben auf einen Flugzeugbauch zu schauen und sich dabei nicht einmal ducken zu müssen. »Und wann seid ihr beide zusammengekommen?«

»Oh, erst eine ganze Weile, nachdem ich Agent geworden bin. Wir haben zusammengearbeitet und mochten dieselben Dinge, wir haben einiges unternommen und wollten schließlich nicht nur Freunde sein. A.C.s machen keinen solchen Wirbel um Homosexualität wie Menschen. Sehr erfrischend.«

»Sie scheinen wirklich netter zu sein als wir.«

»Diese Truppe hier schon.« Er blieb stumm, während wir zwischen einigen Gepäckautos hindurchhechteten und uns damit wütendes Geschrei von den Flughafenangestellten einhandelten. »Wenn das hier vorbei ist, dann frag Jeff mal, warum sie hierhergekommen sind. Warum ausgerechnet ihre Familie, meine ich.«

»Ich glaube nicht, dass er mir das verraten will.«

»Wahrscheinlich nicht, aber er wird es trotzdem tun, wenn du ihn danach fragst.«

Ich hätte das gern weiter diskutiert, aber wir waren plötzlich nicht mehr allein auf der Rollbahn. Einige entsetzt aussehende Männer rannten auf uns zu. Anscheinend waren auch sie Gepäckfahrer. Die Rollbahn war einigermaßen gut beleuchtet und der Mond bereits aufgegangen. Als ich den Blick hob, erspähte ich in einiger Entfernung eine Kreatur, die wie ein Monster aus einem Harryhausen-Film aussah.

»Schnapp dir ein Gepäckauto«, rief ich Reader zu.

»Warum?«, rief er zurück, war aber bereits in einen der nächsten Wagen gesprungen. »Zu Fuß sind wir schneller.«

Ich zog mich in ein weiteres Auto, glücklicherweise funktionierte es genau wie ein Golfwagen. »Vielleicht können wir es rammen oder so.«

»Du bist verrückt«, lachte Reader. »Ich glaube, du und Martini gebt ein perfektes Paar ab.«

»Möglich. Was für Waffen setzt ihr gegen diese Dinger ein?« Wir fuhren Seite an Seite, und obwohl die Wagen nicht sehr schnell waren, mussten wir schreien, um uns zu verständigen.

»Wir können hier keine Panzer oder Artilleriegeschütze einsetzen, also gar keine.«

»Gar keine? Und was außer meinem Füller tötet sie dann?«

»Das kommt darauf an. Dieses hier kontrolliert den Parasiten, das macht es schwierig.«

Wir kamen näher, und Reader bremste plötzlich scharf. Ich tat es ihm nach, kam aber trotzdem erst ein gutes Stück vor ihm zum Stehen. »Was ist los?«

Reader war blass geworden. »Es ist Mephisto.«

Kapitel 10

»Mephisto? Wie der Teufel in Goethes Faust?«

Reader nickte und deutete auf das Überwesen, das auf der Rollbahn herumstampfte. Wir waren jetzt nahe genug und konnten erkennen, dass es versuchte, Menschen zu zertreten – und zwei davon waren Christopher und meine Mutter.

Ich sah genauer hin. Wir schienen uns dem Gebiet für Luftfracht zu nähern, das von Flutlicht bestrahlt wurde, es war also hell genug, um alles zu erkennen. Das Überwesen war groß, es maß gut vier Meter, und ich fragte mich, wie es mitten in New York herumspazieren konnte, ohne dass ihm Panzer und bewaffnete Truppen überallhin folgten. Es ähnelte einem Faun, seine untere Körperhälfte war die eines Ziegenbocks, sein Torso und der Kopf hatten menschliche Form. Auch seine Arme waren die eines Menschen, allerdings liefen seine Finger in Krallen aus, wie bei dem toten Überwesen, das ich im Lagerhaus gesehen hatte. Es hatte riesige Fledermausschwingen, genauso blutrot wie alles andere an ihm. Auch das Fell, das seine Flanken und Beine bedeckte, trug diese Farbe. Gewundene Hörner wuchsen aus seiner Stirn, und sein Gesicht war kein sehr schöner Anblick. Es war nicht direkt hässlich, aber so unmenschlich und von solchem Hass verzerrt, dass ich mich kaum überwinden konnte, es anzusehen.

»Du kennst das Ding da also?«

»Ja, das ist das stärkste der Überwesen, die ihre Parasiten kontrollieren.« Reader klang beinahe hysterisch. »Wir brauchen Waffen.«

»Die wir anscheinend aber nicht haben, es sei denn, sie sind unsichtbar.« Allmählich fragte ich mich, ob diese Operation vielleicht von strikten Pazifisten geleitet wurde. Vielleicht sollten wir das Monster einfach überreden, meine Mutter lieber doch nicht totzutrampeln.

Martini und Gower erreichten den Ort des Geschehens. Soweit ich es beurteilen konnte, bedeutete das aber nur, dass Mephisto Gelegenheit bekam, noch mehr Leute plattzutreten, denn sie zogen weder Pistolen noch sonst irgendwelche Waffen. Sie rannten einfach brüllend um das Vieh herum, genau wie Christopher und die anderen Typen in Armani, die bereits dort waren. Ich zählte sieben, Gower und Martini nicht eingeschlossen.

»Lass uns mit den Wagen seine Beine rammen.« Ich ließ mein Fahrzeug wieder an und nahm Kurs auf das Monster. Während ich mit annähernd zwanzig Sachen »dahinsauste«, musste ich zugeben, dass der Plan auch nicht gerade super war, aber immer noch besser, als einfach kopflos herumzurennen.

Ich warf einen Blick über die Schulter. Reader folgte direkt hinter mir. Gut so. Er mochte zwar Angst haben, aber er war entschlossen, etwas zu tun.

Ich zog mir den Tragegurt meiner Tasche über den Kopf, sodass er quer über Brust und Rücken lag, um sie nicht zu verlieren. Als wir näher kamen, konnte ich das Monster auch hören – es sprach.

Jedenfalls kam es mir vor wie Worte. Ich konnte zwar nichts verstehen, hatte aber den Eindruck, dass die A.C.-Leute es konnten, denn sie schienen auf das zu reagieren, was Mephisto ihnen entgegenschleuderte.

Da entdeckte mich meine Mutter. Sie und Christopher waren zusammen, er hielt ihre Hand, und sie wichen immer wieder den Hufen aus. Als sie mich sah, hielt sie jedoch inne, schüttelte Christopher ab und blieb stehen. Dann schrie sie das Monster an: »Hey, du Ekel! Hier drüben!«

Ich dachte schon, sie hätte den Verstand verloren, doch dann begriff ich, dass sie erkannt hatte, was Reader und ich vorhatten. Sie wollte Mephisto ablenken, damit er sich nicht zu uns umdrehte.

Es funktionierte. Ich hatte den Eindruck, dass Mephisto sowieso mehr an meiner Mutter interessiert war als an den anderen. Sie lief weiter, doch er kam ihr nach. Ich sah, dass auch sie ihre Tasche quer über der Schulter hängen hatte. Sie griff hinein und zog eine Pistole heraus. Reader und ich drückten die Gaspedale voll durch, was bedeutete, dass wir inzwischen bestimmt bei fünfundzwanzig km/h angekommen waren. Ein echter Hammer. Aber es konnte nicht schaden und war immerhin einen Versuch wert.

Ich traf seinen rechten Huf zuerst, und nur Sekunden später krachte Reader in den zweiten. Das warf Mephisto zwar nicht um, brachte ihn aber aus der Balance. Er schwankte. Ich entschied mich, den Wagen zu verlassen, und Reader schien das genau so zu sehen. Das erwies sich als gute Idee, denn sobald sie sich selbst überlassen waren, blieben die Wagen stehen. Mephisto hatte das Gleichgewicht noch immer nicht wiedergewonnen und trat einen Schritt zurück, genau auf mein Gefährt. Es war nicht sehr stabil, und das brachte ihn schließlich zu Fall. Mit dem Hintern voraus krachte er auf das andere Fahrzeug.

Reader stand inzwischen neben mir. »Und wie töten wir ihn jetzt?«, fragte ich, während wir um die Reste meines Wagens herumliefen.

»Keine Ahnung, neugeborene Überwesen wie die, die wir beide ausgeschaltet haben, sind leicht zu erledigen. Man muss nur auf den Parasiten zielen.«

»Das Quallending.«

»Genau. Aber wenn sie es schaffen, die Kontrolle zu behalten, dann wandert die Qualle ins Innere des Körpers. Sie könnte überall sein.«

»Okay. Und wie kommen wir dann lebend hier raus?« Ich war bereit, den Rückzug anzutreten. Ich hatte keinerlei Ehrgeiz, einen Heldentod zu sterben.

»Wir rennen, so schnell wir können. Aber alle sind erschöpft. Ich schätze, da du und Jeff ja einen kleinen Ausflug unternommen habt, hat nur Paul noch einen kleinen Rest Energie übrig.«

»Woher weißt du das?«

»Ich kenne Jeff, und du hast dich umgezogen. Du bist nicht die Einzige mit Köpfchen hier.«

»Ach nee! Okay, dann also kein Hyperspeed. Die Wagen sind Matsch und sowieso zu langsam. Ähm, irgendwelche Vorschläge?«

»Wir könnten beten, dass irgendjemand eine Waffe in seine Reisetasche gepackt hat«, schlug Reader vor.

Ich sah das Gepäck an. Die meisten Menschen packten ihre Taschen so ähnlich wie ich, nämlich, als ob sie jahrelang fortbleiben und alles, was sie hatten, hineinstopfen müssten, wenn sie am Leben bleiben wollten. Jede der Taschen schien mindestens eine Tonne zu wiegen. Die Idee war verrückt, aber auch nicht verrückter, als mit einem Stift auf eines dieser Monster loszugehen.

»Schnapp dir eine Tasche und bewirf ihn damit.« Ich versuchte, meinem eigenen Rat zu folgen, aber die Dinger waren bleischwer.

Reader widersprach nicht. Er packte am anderen Ende zu, und gemeinsam schwangen wir die Tasche vor und zurück und warfen sie schließlich in dem Moment, in dem Mephisto gerade wieder aufstehen wollte.

Treffer! Wir erwischten sein Knie, was ihn straucheln ließ, griffen nach der nächsten Tasche und wiederholten das Ganze.

Einige der A.C.-Leute sahen, was wir da taten, und kamen herüber. Ich kannte sie nicht, doch mir schoss durch den Kopf, dass ich gerade von fünf bildschönen Männern umgeben war und so vielleicht glücklich sterben konnte.

Mephisto, der erkannt hatte, was wir taten, begann jetzt, nach den fliegenden Taschen zu schlagen, und wir mussten uns unter herumwirbelnden Koffern wegducken. Das bedeutete aber auch, dass seine Aufmerksamkeit wieder uns und nicht mehr meiner Mutter galt.

Das hätte mich gefreut, wenn Mum mitgespielt hätte, was sie nicht tat. Anstatt davonzulaufen, rannte sie auf ihn zu. Sie wartete, bis sie nahe genug war, dann fing sie an zu schießen.

Die Kugeln trafen, doch sie verletzten ihn nicht. Sie verschoss das gesamte Magazin, ließ es herausspringen, griff nach hinten, zog von irgendwoher ein neues Magazin hervor, legte es ein und feuerte weiter. Dieses Mal zielte sie auf seinen Kopf anstatt auf seinen Oberkörper.

Das zeigte zwar etwas mehr Wirkung, schien ihn aber trotzdem eher abzulenken als zu gefährden. Und er richtete seine Aufmerksamkeit nicht mehr auf uns und unser Gepäck des Grauens, sondern wieder auf sie.

Christopher, Martini und Gower waren jetzt bei meiner Mutter. Anscheinend versuchten sie, sie dazu zu bringen, den Angriff abzubrechen und davonzulaufen. Genau das hätte ich ihr auch vorgeschlagen, doch sie wollte nichts davon wissen.

Mephisto ließ sich auf die Knie sinken und schlug mit den Klauen nach ihr. Ich hatte schreckliche Angst, er würde sie umbringen, und Angst macht mich genauso wütend wie Tränen. Ich dachte nicht, ich rannte einfach auf ihn zu. »Weg von meiner Mutter, du Laune der Natur!«

Laune der Natur ist vielleicht nicht gerade das gemeinste aller Schimpfworte, aber Mephisto schien es zu ärgern. Fauchend wirbelte er zu mir herum. Ich konnte noch immer nicht verstehen, was er sagte, aber seine Miene zeigte es deutlich – er mochte mich nicht.

Er schnappte nach mir und hob mich hoch. Sein Griff war nicht eben angenehm, aber er zerquetschte mich immerhin auch nicht. Er hatte mich um die Taille gepackt, so dass meine Arme frei waren. Ich riskierte einen Schulterblick, während er auf die Füße kam. Gower und Christopher hielten meine Mutter an den Armen gepackt und zerrten sie fort. Reader drängte die übrigen Agenten ab, und Martini rannte direkt auf uns zu.

Ich hatte keinen Schimmer, was er vorhatte, aber mir blieb auch nicht viel Zeit zum Nachdenken. Mephisto hob mich vor sein Gesicht. Seine Augen waren furchtbar, doch während er mich ansah, veränderten sie sich und wurden menschlicher.

»Du bist lästig«, sagte er, diesmal auf Englisch.

»Und du stinkst aus dem Mund. Na und?« Vier Meter geballte Scheußlichkeit, und das war der beste Spruch, den er zustande brachte?

Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen. »Du wirst nicht mehr lange lästig sein.« Er öffnete den Mund, und ich hatte den deutlichen Verdacht, dass er mir den Kopf abbeißen wollte.

Nur über meine Leiche. Ich vergrub die Hand in meiner Tasche und fand mein Haarspray. Warum eigentlich nicht? In den Augen brannte das Zeug schließlich auch, und eine Keule hatte ich nun mal nicht. Ich zog es heraus, schnippte die Kappe ab und sprühte, genau in seine Augen und den Mund.

»AAAARGH!« Er schrie auf und ließ mich fallen.

Mir blieb keine Zeit zum Schreien, aber das war auch gar nicht nötig. Ich schlug nicht am Boden auf, sondern traf Martini.

»Können wir jetzt endlich gehen?«, fragte er, drehte sich um und rannte los.

»Wie können wir ihn aufhalten?« Ich sah zu, wie Mephisto umherstampfte, würgend und sich die Augen reibend.

»Wir haben keine Ahnung, aber ich glaube nicht, dass es vor dir schon mal jemand mit Haarspray versucht hat!«

Wir erreichten die anderen, die schon alle zusammen waren. Martini ließ mich herunter, und meine Mutter schloss mich fest in die Arme. »Was hast du dir nur dabei gedacht?«

»Das könnte ich dich auch fragen. Mum, ich bekomme keine Luft mehr. Du drückst ja fester zu als unser Monsterfreund.«

»Scheiße«, hörte ich Gower sagen.

Ich machte mich los und sah in die Richtung, in die er blickte. Mephisto schrumpfte.

»Das ist doch gut, oder? Er wird kleiner.«

»Er verwandelt sich in einen Menschen zurück«, gab Martini knapp zurück.

»Klasse. Dann lasst ihn uns fertigmachen, solange wir genauso groß sind wie er.« Ich verstand nicht, wo das Problem lag.

»Nein, wir müssen hier weg«, sagte meine Mutter, und in ihrer Stimme schwang Autorität mit. Seit wann hatte sie hier das Sagen?

Die Männer stimmten zu, und wir setzen uns in Bewegung. Immer wieder blickte ich zurück. Mephisto war inzwischen höchstens noch zweieinhalb Meter groß, und er schrumpfte weiter. Die Flügel und die Hörner waren verschwunden.

»Warum laufen wir weg? Warum töten wir ihn nicht?«

Martini nahm meine Hand, vermutlich, um zu verhindern, dass ich umkehrte. »Er ist auch in seiner menschlichen Form unverwundbar.«

»Und er ist der Kopf der Al-Dejahl-Terrororganisation«, ergänzte meine Mutter wütend.

»Von wem?« Das war heute schon das zweite Mal, dass ich von dieser Organisation hörte, deren Name mir vorher noch nie begegnet war, allerdings war ich in Sachen internationale Politik auch nicht gerade Expertin. »War dieser, ähm, Terrorist, den ich gestoppt habe, nicht auch angeblich einer von denen?«

»War er«, bellte Christopher. »Denen kann man am leichtesten etwas anhängen, weil sie es sich immer gern anstecken.«

»Gibt ihnen das denn nicht noch mehr Macht?«

»Wir schlagen hier eine Schlacht, Prinzesschen.«

»Aber nicht besonders geschickt, wie’s aussieht. Und wer sind jetzt diese Al-Typen?«

»Al Dejahl«, verbesserte meine Mutter mit gequälter Miene. »Das ist eine weltumspannende Terrororganisation. Die Nachrichten berichten regelmäßig über sie.«

»Und nicht nur wegen gefälschter Videoaufnahmen wie heute«, ergänzte Gower.

»Ja, so weit hab ich’s schon erraten. Und was wollen sie? Heil ihrem Gott, oder so was?«

»Warum wundere ich mich überhaupt, dass du sie nicht kennst? Sie kommen in keinem Comic vor, produzieren keine Rock-CDs und werben nicht für Bademode. Ist ja klar, dass du da keine Ahnung hast.«

Mums Sinn für Sarkasmus lief auf Hochtouren. Ich nahm an, dass mich nur noch eine freche Antwort von einem gewaltigen Hausarrest trennte, auch wenn ich längst meine eigene Wohnung hatte.

»›Tschuldigung, das ist alles ein kleines bisschen viel heute. Und ich frage mich trotzdem noch, wer diese Leute sind.« Und warum einer von ihnen ein Überwesen war, aber ich entschied, es bei immer nur einer wichtigen Frage zu belassen.

»Soweit wir wissen, haben sie Terrorzellen in jedem Land der Welt«, erklärte sie schließlich. »Manchmal handelt es sich dabei um einzelne Personen, manchmal besteht die Zelle aus bis zu dreißig Menschen. Sie sind immer in Bewegung und sehr schwierig zu erwischen. Sie haben keine religiöse Motivation, sondern wollen die Welt ins Chaos stürzen.«

»Ihr Anführer ist Ronaldo Al Dejahl. Er ist einer der reichsten Männer der Welt«, ergänzte Christopher. »Du kennst ihn unter dem Namen Ronald Yates.«

»Und? Warum können wir ihn dann nicht umbringen?« Ich verstand nicht, warum es schlecht sein sollte, einen Mann loszuwerden, der sein Vermögen in der Pornoindustrie verdient hatte und dann seriös geworden war, indem er sich an die Spitze eines der weltweit größten Medienkonzerne gesetzt hatte.

»Es schadet dem Image, wenn man eine Berühmtheit um die Ecke bringt«, meinte Martini. »Und es gibt noch weitere Gründe, aber könnten wir euch nicht erst mal in Sicherheit bringen?«

Ich sah zurück. Inzwischen stand dort einfach ein Mann, kein Monster. »Er sieht wieder menschlich aus. Na ja, so menschlich, wie er es eben kann.«

An Bildern von Yates kam man nicht vorbei. Er war über siebzig, sah aber gut zwanzig Jahre älter aus. Er behauptete, nicht zu rauchen, keinen Alkohol zu trinken und sich auch sonst nicht mit Drogen abzugeben. Dafür traf er sich aber regelmäßig mit Zwanzigjährigen und ließ im Vergleich selbst Hugh Hefner wie einen Moralapostel aussehen. Aber da nun mal viele der bedeutendsten Medien ihm gehörten, strahlten sie auch regelmäßig sein Bild aus.

»Tolle Arbeit«, brummte Martini. »Wie zum Teufel konnte es so weit kommen?«, fragte er Christopher.

»Er war hinter ihr her«, antwortete er und nickte zu meiner Mutter hinüber.

Mum zuckte die Schultern. »Ich wollte jedenfalls nicht einfach da rumstehen und ein gutes Ziel abgeben.« Sie sah mich an. »Nette neue Freunde hast du dir da angelacht. Von wegen Innere Sicherheit.«

»’Ne nette Knarre hast du dir da angelacht. Von wegen Beraterin.« Okay, jetzt hatte ich die freche Antwort riskiert, schließlich hatte ich wirklich längst meine eigene Wohnung!

Sie lächelte. »Ich bin tatsächlich Beraterin.«

»Ja, allerdings für Terrorismusbekämpfung«, führte Christopher aus. Er klang beeindruckt.

Inzwischen waren wir wieder im Terminal, und ich sah eine Menge Männer in Uniform, die auf uns zusteuerten. Sie waren nicht gerade hinreißend attraktiv, weshalb wir ziemlich sicher in Schwierigkeiten steckten. Sie zogen ihre Waffen.

»Wie kommen wir da raus?«

»Ihr haltet alle den Mund und überlasst die Sache mir«, blaffte meine Mutter. »Nehmt die Hände hoch und bleibt stehen, sofort.«

Wir taten wie geheißen, und sie stolzierte dem sich nähernden Pulk entgegen. Alle Waffen waren auf uns gerichtet.

»Bundespolizei!«, rief meine Mutter und hielt etwas hoch, das wie eine schmale Brieftasche aussah.

»Bundespolizei?«, flüsterte ich. Wann war das passiert?

Reader kam an meine andere Seite. »Ich hab dir ja gesagt, die Akte ist beeindruckend«, flüsterte er zurück.

Einer von ihnen, offensichtlich der Anführer, kam auf meine Mutter zu. Die Pistolen ließen sie jedoch nicht sinken. »Was ist hier los?«, fragte er.

»Ich bin Officer der Bundespolizei, und wenn Sie nicht augenblicklich Ihre verdammten Waffen senken, werde ich dafür sorgen, dass Sie in Zukunft höchstens noch Nachtschicht bei McDonald’s schieben.« Meine Mutter klang sowohl wütend als auch absolut überzeugend.

Der Mann warf einen Blick auf die Mappe, die sie hochhielt, nickte und ließ die Waffe sinken. Der Rest folgte seinem Beispiel.

»Stecken Sie die Pistolen weg«, rief Mum, und alle gehorchten. Ich war beeindruckt, normalerweise kommandierte sie nur meine Freunde und mich so herum.

»Was ist hier los?«, fragte der Mann sie erneut.

»Das würde ich auch gern wissen«, fauchte Mum. »Wir werden von einer Terrororganisation angegriffen, mitten in New York am JFK-Flughafen, und zwar, nachdem die Regierung eine Sicherheitswarnung der Alarmstufe Rot herausgeschickt hat – und Sie brauchen volle dreißig Minuten, um Ihre Sachen zu packen und uns zu Hilfe zu kommen? Ich verlange Namen, Dienstakten und Entschuldigungen, morgen um neun Uhr auf meinem Schreibtisch. Ich hoffe für Sie und Ihr sogenanntes Team, dass es eine gute Erklärung für Ihr spätes Eintreffen gibt.« Sie ruckte mit dem Kopf. »An mein Team, wir brechen auf. Wir werden im Hauptquartier gebraucht. Vergessen Sie nicht«, fuhr sie den Chef der Flughafenpolizisten an. »Um Punkt neun auf meinem Schreibtisch, oder Sie sind alle entlassen. Fristlos.«

Damit marschierte sie davon, mitten durch die Gruppe der Wachmänner, die sie widerstandslos passieren ließen. Wir eilten hinter ihr her. Ich hoffte, dass wir einen offiziellen Eindruck machten, aber anscheinend hatten Mums leere Drohungen die Sache geregelt. Wir wurden nicht aufgehalten.

Wir erreichten das Flughafengebäude und durchquerten es, als hätten wir ein äußerst wichtiges Ziel. Das Wissen, dass wir stattdessen geradewegs auf die öffentlichen Klos zusteuern würden, war nach all dem dann doch etwas enttäuschend.

Christopher schloss zu meiner Mutter auf, doch wir nahmen nicht Kurs auf die Toiletten, sondern verließen den Flughafen und erreichten schließlich einen Taxistand. Ich bemerkte, dass einer der mir unbekannten Agenten einen Koffer trug, den ich als den meiner Mutter identifizierte.

Wir warteten etwa drei Sekunden, dann hielten zwei graue Limousinen vor uns. Der Agent verstaute Mums Gepäck im Kofferraum des ersten Wagens, Christopher mimte wieder den Türsteher, und Mum stieg ein, dicht gefolgt von mir, Martini und Gower. Wieder suchte ich mir einen Platz in Fahrtrichtung, und Martini sorgte dafür, dass er neben mir zu sitzen kam. Reader schubste den Fahrer von seinem Sitz, und Christopher okkupierte den Beifahrerplatz. Innerhalb von dreißig Sekunden fuhren wir los. Ein Blick aus dem Rückfenster zeigte mir, dass der Rest der Crew in der zweiten Limousine folgte.

»Na, das war doch lustig«, sagte ich. »Und wer möchte mir jetzt mal erklären, was zum Teufel hier eigentlich los ist … Mum?«

Kapitel 11

Meine Mutter ließ sich in den Sitz sinken. »Gibt es hier auch was zu trinken?«, fragte sie Gower.

Er nickte, und Martini zog eine Colaflasche hervor.

»Strohhalm?«

»Ja, danke«, antwortete sie. »Aber eigentlich hatte ich auf etwas Stärkeres gehofft.«

»Wir sind noch nicht in Sicherheit und sollten uns noch einen klaren Kopf bewahren.«

»Ich will ein paar Antworten«, wiederholte ich. »Und zwar jetzt. Mum, was ist das hier für ’ne Show, Willkommen in meinem geheimen Leben?«

Sie seufzte. »Ich wollte es dir erst sagen, wenn du alt genug bist.«

»Ich bin siebenundzwanzig. Was wäre denn alt genug gewesen? Vierzig?«

»Ja, vielleicht.« Sie lächelte. »Dein Vater weiß es auch nicht. Nicht alles.«

»Du hast es Dad nicht erzählt?« Ich war erschüttert. Ich war mir sicher gewesen, dass meine Eltern keine Geheimnisse voreinander hatten, und jetzt stellte ich fest, dass meine Mutter Mrs. Rambo war und mein Vater keine Ahnung davon hatte.

Martini lehnte sich vor und bot ihr seine Hand. »Jeff Martini. Ich möchte Ihre Tochter heiraten.«

Mum lachte und schüttelte seine Hand. »Angela Katt. Ich möchte einen schriftlichen Überblick Ihrer Finanzen und eine vollständige Aufstellung des Familienstammbaums.«

Martini grinste. »Keine Sorge, liegt schon parat.« Er sah mich an. »Siehst du? Sie mag mich.«

»Anscheinend würde es meine Mutter auch mit dem Terminator aufnehmen. Im Moment ist mir ihr Urteil also nicht ganz so wichtig wie sonst.«

Mum rollte die Augen. »Kitty, hör auf, ein Drama daraus zu machen. Alle Eltern haben kleine Geheimnisse vor ihren Kindern.«

»Du trägst eine Waffe! Du bist ein Officer der Bundespolizei! Das sind für mich keine kleinen Geheimnisse, das sind Lügen.«

»Soll ich ihr die Kurzfassung geben?«, fragte Reader. »Ich habe Ihre gesamte Akte gelesen.«

»Nur zu«, sagte Mum. »Ich finde es nicht so spannend, das alles wieder aufzuwärmen.«

Reader lachte. »Okay, dann mal los. Mit sechzehn Jahren hat deine Mutter während eines Schulausflugs nach Washington D.C. gehört, wie ein anderes Mädchen überfallen wurde, und hat sie davor bewahrt, vergewaltigt zu werden.«

Mum schüttelte den Kopf. »Niemand sonst hat irgendwas unternommen, auch die Männer in der Nähe nicht. Es war helllichter Tag, und sie hat um Hilfe geschrien. Mir blieb gar nichts anderes übrig.«

»Wie sich herausstellte, war dieses Mädchen die Tochter eines Senators«, fuhr Reader fort. »Man muss wohl nicht extra betonen, wie dankbar ihre Familie war. Der Senator war deiner Mutter so zugetan, dass er ein väterliches Interesse an ihrer Karriere entwickelte. Er schickte sie aufs College, sorgte für ihr Training und förderte sie auch sonst in jeder Hinsicht.«

»Er war ein großartiger Mann«, sagte Mum warm. »Ich vermisse ihn noch immer.«

Ich begriff. »Meinst du Opa Roger?«

Mum lächelte. »Genau. Er war wie ein zweiter Vater für mich, und es hat ihm so viel bedeutet, dass er für dich zur Familie gehörte.«

»Dann war Tante Emily also das Mädchen, das du gerettet hast?«

Sie nickte. »Warum glaubst du, hat sie darauf bestanden, dass du Kurse in Selbstverteidigung nimmst?«

Das musste ich erst mal verdauen. Ich hatte zwar gewusst, dass Tante Emily, Opa Roger und der Rest ihrer Familie eigentlich keine Blutsverwandten waren, aber Tante Emily war die beste Freundin meiner Mutter, auch wenn sie in unterschiedlichen Teilen des Landes wohnten. Und niemand hatte mir je gesagt, dass Opa Roger Politiker war. Sie hatten auch nie davon erzählt, wie sie sich kennengelernt hatten, und ich hatte sie während meiner Kindheit eher selten gesehen. Allerdings hatten sie immer tolle Geschenke zu meinem Geburtstag geschickt.

Reader fuhr fort. »Zusätzlich zu anderen Aktivitäten war deine Mutter vermutlich das einzige nicht-israelische und nicht-jüdische Mitglied des Mossad.«

»Du gehörst zum Mossad?« Es kostete mich einige Anstrengung, nicht zu schreien. Meine Mutter war beim israelischen Geheimdienst? Wie war das passiert?

»Gehörte. Wie, glaubst du, habe ich deinen Vater kennengelernt?«

»Dad gehörte auch zum Mossad?« Komplett unmöglich.

»Nein, nein«, Mum lachte. »Aber er war auf einer Israelreise, als wir uns getroffen haben.«

Diese Geschichte kannte ich. Sie hatten sich in einem Café in Tel Aviv getroffen. Dad war beeindruckt gewesen, dass jemand, der nicht jüdisch war, in Israel lebte, Mum hatte gefunden, dass er sehr gut aussah, und der Rest war Geschichte. Aber jetzt wollte ich Details.

»Wie hast du ihn wirklich kennengelernt?«

»In dem Café, genau, wie wir es dir erzählt haben. Allerdings bin ich ihm gefolgt, ich sollte ihn beschützen. Er war mit einer Gruppe Collegeabsolventen unterwegs, die geradezu prädestiniert waren für einen Angriff von einer der vielen Terrororganisationen im Mittleren Osten. Jüdisch-amerikanische Studenten, das sprichwörtliche rote Tuch vor einem Stier.«

»Und er hat davon nichts gewusst?«

»Na ja, als die ersten Kugeln geflogen sind, hat er es wohl mitbekommen«, erzählte Mum beiläufig, als wäre das eine ganz normale Kennenlerngeschichte. »Er fand es sexy«, ergänzte sie mit dem Lächeln, das immer auf ihrem Gesicht erschien, wenn sie zärtlich an meinen Vater dachte.

»O Mann, ist das krass. Und dann?«

»Dann ist sie angeblich ausgestiegen und wurde Beraterin«, führte Reader aus. »Nur, dass dieser Ausstieg eben nur hieß, dass sie kein aktives Mitglied des Mossad mehr war. Stattdessen fing sie bei einer Antiterrororganisation der U.S.-Regierung an.«

»Du arbeitest für die CIA?« Allmählich fragte ich mich, ob ich eigentlich überhaupt irgendetwas über meine Mutter wusste.

Wieder lachte sie. »Nein. Es ist eine kleinere Organisation, die dem Weißen Haus direkt unterstellt ist. Wir arbeiten unabhängig von den anderen staatlichen Behörden«, erklärte sie und tätschelte mein Knie. »Ich bin also wirklich Beraterin.«

»Ja, während der letzten achtundzwanzig Jahre hat sie hauptsächlich internationale und multinationale Unternehmen beraten und ihnen beigebracht, wie man sich am besten vor Terroranschlägen schützt oder Geiseln befreit, so was eben.«

»Ach, du musstest also etwas kürzertreten, weil du schwanger geworden bist?«, fragte ich, und es klang sarkastischer, als es eigentlich gemeint war.

Mum schüttelte den Kopf. »Da bringt man jedes Opfer für sein Kind und bekommt nur Vorwürfe zu hören.«

»Und seit wann weißt du von den Außerirdischen?«

Mum sah völlig überrascht aus. »Welche Außerirdischen?«

Martini hustete unüberhörbar. »Äh, vielleicht sollten wir das lieber in der Zentrale klären.«

»Sie weiß es nicht?« Nun brüllte ich doch, aber das alles war einfach zu viel.

Christopher drehte sich nach hinten. »Was ist los, Prinzesschen? Wolltest du die ganze Arbeit lieber Mami überlassen?«

Ich stürzte mich auf ihn. Und ich hätte ihn auch erwischt, obwohl er auswich, wenn Martini mich nicht um die Hüfte gepackt und festgehalten hätte. »Okay, du Ratte, klären wir das hier und jetzt.« Ich schlug nach ihm, mir reichte es.

»Katherine Katt.« Diesen Ton kannte ich: Ich steckte in Schwierigkeiten.

»Er hat angefangen!«

»Und ich beende es.« Mum hielt mich sanft an den Schultern, und ich ließ zu, dass Martini mich zurückzog, bis ich wieder neben ihm saß. Mum drehte sich um. »Christopher, ich mag dich, aber wenn du meine Tochter noch einmal in meiner Anwesenheit beleidigst, dann breche ich dir das Genick, ist das klar?« Sie drehte sich wieder zurück. »Das gilt auch für den Rest von euch.«

Im Auto war es totenstill. Gower und Martini wechselten Blicke. Vielleicht schmiedeten sie Fluchtpläne, falls Mum oder ich endgültig ausrasten sollten. Christopher blickte finster, aber auch beschämt drein, und Reader lenkte den Wagen mit betont unbeteiligter Miene, als hätte er mit dem Rest der Insassen nicht das Geringste zu tun. Ich kochte noch immer vor Wut über Christopher und versuchte, meine komplette Lebensgeschichte neu zu ordnen und sie den Informationen der letzten Minuten anzupassen.

Wie aufs Stichwort klingelte mein Handy. Alle zuckten zusammen, und ich wühlte in meiner Handtasche danach. Es dauerte etwas länger als gewöhnlich, bis ich es gefunden hatte, die Episode mit Mephisto hatte den Inhalt ganz schön durchgerüttelt. Endlich hatte ich es, öffnete es nach dem sechsten Klingeln und sagte: »Hi, Dad!«

»Kitty, entschuldige, ich bin spät dran, ich hatte Tante Karen am Telefon und konnte mich einfach nicht loseisen. Also, wie läuft’s?«

Wow. Endlich mal eine Frage, auf die ich keine Antwort hatte. »Ähm … recht gut.« Na, immerhin lebten wir ja noch, oder? Man musste ja auch mal das Positive sehen.

»Du klingst ein bisschen komisch, ist wirklich alles in Ordnung mit dir?«

Nein, aber das wollte ich ihm jetzt lieber nicht erklären.

»Ja, ich bin schon okay. Ein bisschen müde vielleicht, ist ein ziemliches Gehetze hier.«

»Bist du in Guantánamo?«, fragte er scharf.

Ich brachte ein angestrengtes Lachen zustande. »Nein, Dad, ich bin in einer Limousine.«

»Ach, wie nett. Heldenbehandlung, hm? Recht so. Und sonst ist wirklich alles in Ordnung? Soll ich nicht vielleicht doch Onkel Mort anrufen?«

»Nein, kein Onkel Mort im Moment.« Ich sah Mum an, falls sie da anderer Meinung war. Sie nickte.

»Weißt du, ich kann deine Mutter nicht erreichen«, meinte er. »Vielleicht sitzt sie ja schon wieder im Flugzeug.«

»Äh, ich weiß auch nicht, warum du Mum nicht erreichen kannst«, sagte ich und sah sie hilflos an.

Sie seufzte und streckte die Hand aus. Ich gab ihr das Handy. »Hi, Schatz«, sagte sie. Es entstand eine Pause, während der Dad wahrscheinlich die Situation neu beurteilte. »Ja, ich bin bei Kitty.« Pause. »Nein, natürlich sind wir nicht in Vegas.« Sie sah mich mit hochgezogenen Brauen an, und ich hob die Hände, um ihr zu verdeutlichen, dass sie einfach improvisieren sollte.

»Nein, wir sind in New York.« Pause. »Ja, Kittys neue Freunde von …« Martini, Gower und ich formten die Worte »Innere Sicherheit« mit den Lippen, »… von der Inneren Sicherheit haben mich abgeholt.«

Pause, ein Augenrollen. »Ja, sie haben schnelle Jets.« Pause, Augen geschlossen. »Uns geht es gut, wirklich.« Ein Seufzen, Augen wieder offen. »Ja, es hat mit meinem Job zu tun.« Verärgerter Gesichtsausdruck. »Nein, ich habe niemanden gebeten, Kitty mit reinzuziehen. Das solltest du eigentlich wissen.« Sehr verärgerter Gesichtsausdruck. »Nein, du rufst Onkel Mort nicht an. Wenn ich Unterstützung brauche, dann besorge ich mir welche. Ich brauche aber keine Unterstützung, wir brauchen keine Unterstützung. Kitty ist erwachsen, und es geht ihr prima, danke.«

Eine längere Pause, während der Dad vermutlich schimpfte. Mum sah resigniert aus, anscheinend kannte sie das alles. »Schatz? Ich liebe dich, Kitty liebt dich, und wir helfen der Inneren Sicherheit bei einem Einsatz, also mach dir bitte keine Sorgen.«

Mach dir keine Sorgen? Erst erzählte sie ihm das alles, und dann sollte er sich keine Sorgen machen? Allmählich bezweifelte ich, dass Mum mit einer Situation umgehen konnte, in der man keine Waffen brauchte.

Mum seufzte wieder. »Hör mal, Schatz, es ist alles bestens.« Ein Stirnrunzeln. »Nein, ich wusste nicht, dass mehrere graue Autos das Haus umstellt haben.« Ich gestikulierte wild, deutete auf Martini, Gower, die Limousine und den Wagen hinter uns. Mum nickte. »Das sind wahrscheinlich Fahrzeuge von der Inneren Sicherheit.«

Ah, ihr ›na was denn sonst‹-Gesichtsausdruck. »Ja, sie bewachen dich.« Noch mal das ›na was denn sonst‹-Gesicht, jetzt noch eindeutiger. »Ja, zu deiner Sicherheit.« Noch ein Augenrollen. »Doch, ehrlich gesagt finde ich, dass es eine sehr gute Idee ist, unsere Steuergelder für deine Sicherheit auszugeben, und die dämlichen Eulen in Oregon sind mir völlig egal, okay?« Aha, jetzt ging das wieder los. Dad sorgte sich sehr viel mehr um die Natur als meine Mutter. Ich wusste, wohin das führte.

Ich räusperte mich. Mum sah mich an. »Ich mache das schon«, bot ich an und hielt die Hand auf.

»Ich liebe dich, Schatz, hier ist Kitty wieder«, sagte Mum hastig und warf mir das Handy zu.

»Dad, lass uns doch bei den Familienangelegenheiten bleiben, ja?«, warf ich ein, als ich hörte, dass er sein gewohntes Ökoprogramm abspulte.

»Also gut«, sagte er, noch immer aufgebracht. »Was ist da wirklich los?«

»So ungefähr das, was ich dir schon erzählt habe. Sie haben herausgefunden, dass ich mit Mum verwandt bin, und haben sie mit reingezogen. Nett von euch, dass ihr mir so ehrlich gesagt habt, womit sie ihr Geld verdient.«

Man konnte meinem Vater einfach immer ein schlechtes Gewissen machen. »Es tut mir leid, Kätzchen. Wir wollten nicht, dass du dir Sorgen machst. Deine Mutter weiß, was sie tut, und seit deiner Geburt war sie nicht mehr aktiv im Einsatz.« Das war wohl eine glatte Lüge. Allerdings hatte ich das Gefühl, dass Dad das nicht wusste.

»Okay, wie auch immer. Hör mal, Dad, ich mach das hier schon. Uns geht’s gut, aber wir müssen jetzt wirklich zurück an die Arbeit. Lass nur Leute rein, die einfach umwerfend attraktiv sind, ja?«

Eine lange Pause. »Ich weiß nicht recht, was du und deine Mutter unter ›attraktiv‹ versteht«, gab er etwas reserviert und verlegen zu.

»Dad, wenn ein Mann oder eine Frau an der Tür klingelt und er oder sie sieht nicht mindestens so gut aus wie Brad Pitt oder Angelina Jolie, dann mach nicht auf.«

»Angelina Jolie kommt vielleicht her?«, fragte er und klang plötzlich aufgeregt. Na toll, das war jetzt mehr, als ich eigentlich hatte wissen wollen.

»Wahrscheinlich eher nicht, aber wer weiß? Jedenfalls darf niemand reinkommen, der nicht mindestens so schön ist wie diese beiden, alles klar?«

»Natürlich. Und du bist sicher, dass du da mit Leuten von der Inneren Sicherheit unterwegs bist und nicht mit irgendwelchen Hollywoodproduzenten?«

Ich wünschte, auf die Hollywoodlüge wäre ich früher gekommen. Jetzt war es zu spät. »Nein, wir haben leider keine Hauptrollen im nächsten Kinoknaller bekommen. Dad, entspann dich einfach. Ich glaube, du musst jetzt nicht mehr alle zwei Stunden anrufen.« Mum nickte stürmisch. »Mum findet das auch.«

»Natürlich tut sie das«, schnaubte er. »Gut, aber dann verlange ich regelmäßige Lageberichte von euch beiden.«

»Dad!«

»Na ja, wann immer es eben geht. Ich sitze hier auf heißen Kohlen und weiß nicht, ob meine beiden Mädchen wieder heil nach Hause kommen.«

Da hatte er allerdings recht. »Okay, Dad, ich verspreche dir, dass eine von uns dich bei nächster Gelegenheit wieder anrufen wird. Aber wir sind hier völlig sicher«, log ich.

»Ist gut, Kätzchen. Ich liebe dich und deine Mutter. Sag ihr, dass ich nicht mehr böse bin.«

»Mache ich, Dad. Ich hab dich lieb.« Ich legte auf. »Er ist nicht mehr sauer auf dich.«

Mum schnaubte. »Das behauptet er.«

»Ich würde es glauben«, riet Martini ihr.

»Jetzt könnte ich ein Mittagschläfchen vertragen«, sagte ich.

»Kein Schlaf, bis wir in der Zentrale sind«, stellte Gower klar.

»Mir wäre ›Kein Schlaf, bis wir in Brooklyn sind‹ lieber.« Alle starrten mich verblüfft an.

»Na, ihr wisst schon, No sleep till Brooklyn.«

Reader fing an zu lachen. »Ich glaube nicht, dass wir noch Zeit für ein Beastie-Boys-Konzert haben, Süße.« Wenigstens gab es hier einen Menschen im Auto, der mich verstand. Ich war zu müde, um mir Gedanken darüber zu machen, dass ich hier mit einem ehemaligen männlichen Topmodel die meisten Gemeinsamkeiten hatte.

»Wie schade, ich könnte eine kleine Pause gut vertragen. Ist ja schon gut«, sagte ich schnell, als Gower mich anfunkelte. »Kein Nickerchen, bis wir zurück sind. Wo fahren wir eigentlich hin?«

»Zu einem sicheren Übertragungsort«, antwortete Martini.

Ich überlegte. »Dann geht es also nach LaGuardia, dem anderen New Yorker Flughafen?«

Er grinste. »Ich möchte einmal viele Kinder haben«, erklärte er meiner Mutter. »Aber darüber müssen wir uns noch einigen.«

Sie seufzte. »Frag sie, wie oft sie neue Fische braucht, bevor du dich festlegst.«

Kapitel 12

Die Fahrt nach LaGuardia verlief ruhig. Und schleppend. Wir steckten mitten im Berufsverkehr, was in New York ein echtes Ereignis ist.

Alle waren erschöpft, und es wurde nicht viel geredet. Mir war es ganz recht. So hatte ich Zeit, mir zu überlegen, wie ich es wohl am besten einfädelte, dass Christopher von einem Lastwagen überfahren wurde.

Martini hatte Gower mit etwas Genörgel dazu gebracht, sein Schlafverbot aufzuheben, und schon bald schlummerten alle außer Reader und mir.

Martini bewegte sich im Schlaf, legte den Arm um mich und zog mich an sich. Ich fragte mich, ob er wirklich schlief, aber vermutlich würde er seinen Kopf sonst nicht immer wieder gegen den Sitz und das Fenster stoßen lassen. Ich schob meine Handtasche zwischen Kopf und Glasscheibe, und er kuschelte sich hinein.

Christopher war tief in den Sitz gesunken, Gower schlief auf die gleiche Art, und Mum hatte sich auf ihrem Platz zusammengerollt und benutzte ihre eigene Tasche als Kissen.

Aus irgendeinem Grund machte es mich wachsamer, sie schlafen zu sehen.

Ich begegnete Readers Blick im Rückspiegel. »Du kannst ruhig auch schlafen, ich bin schon okay«, bot er mir an.

Ich schüttelte den Kopf. »Ich würde gern, aber es sollte noch jemand wach sein.« Obwohl ich völlig erledigt war, waren meine Sinne aufs Äußerste geschärft.

Er grinste. »Ja, wir müssen über unsere Brüder von einem anderen Stern wachen.«

»Wie wahr.« Ich ließ die Ereignisse des Tages noch einmal an mir vorüberziehen und war sehr stolz darauf, dass ich nicht ausrastete und stattdessen noch immer Antworten wollte. »Da stehen also überall diese Schleusen rum, und wir stecken trotzdem noch im Stau?«

»So ist das Leben, Süße.«

»Warum?«

»Teilweise, weil es weniger auffällig ist und weil unsere Feinde das nicht erwarten, und teilweise, weil sie sich anpassen wollen.«

Wenn sie ständig von männlichen Supermodels umgeben wären, könnte ihnen das gelingen, aber unter uns Normalsterblichen hatten sie keine Chance. »Klappt es denn? Die Sache mit dem Anpassen, meine ich.«

»Einigermaßen. Jeff kann es am besten, bei Weitem.«

»Versucht du gerade, ihn mir schmackhaft zu machen?«

Reader lachte leise. »Nein, aber er ist wirklich von allen der Anpassungsfähigste. Das war schon immer so, wenigstens, seit er ein Teenager war.«

Das erinnerte mich irgendwie an Chuckie. Auch er war anpassungsfähig. Das musste er auch sein, denn der Intelligenteste im Raum zog allzu oft die unerwünschte Aufmerksamkeit von fiesen Schlägern auf sich. Chuckie war zu einem absolut fantastischen Mann herangewachsen, weshalb ich mich fragte, ob Martini vielleicht eine ähnliche Kindheit erlebt hatte. Andererseits, ob nun aus Loyalität oder aus Sturheit – es dürfte nicht leicht sein, mich davon zu überzeugen, dass irgendjemand es mit Chuckies Hirn aufnehmen konnte.

Der Drang, Chuckie eine SMS zu schicken und ihm zu erklären, was wirklich Sache war, wurde fast unwiderstehlich. Ich meine, sogar Professor X und Brainiac hörten manchmal gern, dass sie recht hatten. Ich linste zu Martini hinüber. Er schlief eindeutig. Ich schmiedete Pläne, einen Außenstehenden über seine Existenz aufzuklären, und er reagierte nicht darauf. »Wie kann Martini bloß schlafen?«

»Ähm, weil er müde ist?«

»Nein, ich meine, er ist doch ein Empath. Er hat gesagt, er hat wirklich starke empathische Fähigkeiten.«

»Hat er auch. Jeff ist der mächtigste Empath auf dem ganzen Planeten.«

»Beeindruckend. Aber er schläft.«

»Ich kann dir nicht folgen, Süße.«

Ich musste irgendwie erklären, was ich meinte, ohne zugeben zu müssen, dass ich Chuckie einweihen wollte.

Aus Readers verwirrenden Erklärungen des Hyperspeeds schloss ich, dass auch er Comicfan war. »Daredevil muss in diesem wassergefüllten Bleisarg schlafen, damit er den ganzen Lärm nicht mehr hört.«

»Oh! Verstehe. Tja, bei den Empathen ist das ein bisschen anders. Sie haben Blockaden.«

Ich seufzte. »Ach, echt? So viel hat Martini mir schon verraten. Ich verstehe aber nicht, was das ist und wie es funktioniert. Und ist das wie bei den X-Men, bei denen sich die Mutantenkräfte erst in der Pubertät zeigen?«

»Ich verstehe das alles auch nicht ganz, weil Paul kein Empath ist, aber ich versuch’s mal. Die besonderen Talente der A.C.s können jederzeit bis zum Erwachsenenalter auftauchen, was bei ihnen, wie bei uns auch, bei etwa einundzwanzig liegt. Je stärker ein Talent ist, desto früher zeigt es sich. Meistens passiert es aber, wie bei den X-Men, irgendwann während der Pubertät.«

»Und was passiert, wenn der erste Akneanfall gleichzeitig mit dieser besonderen Fähigkeit auftritt, und du dann ganz genau weißt, wie deine Mutter darauf reagieren wird, dass du, sagen wir mal, ihr Auto geschrottet hast?«

»Ich frage jetzt lieber nicht, wie du ausgerechnet auf dieses Beispiel kommst, Mädchen. Die A.C.s testen alle ihre Kinder, wenn sie noch sehr jung sind, um Anzeichen für besondere Talente zu entdecken. Das ist aber nur für einige der Talente wichtig. Ich meine, wenn jemand einfach eine hohe wissenschaftliche Begabung hat, muss man ja nicht gleich alles wegsperren.«

Ich dachte daran, wie viel Spaß Chuckie vor dem College gehabt hatte. »Außer vielleicht sein Hirn.«

Reader gluckste. »Genau. Diejenigen mit empathischer Begabung werden darin unterrichtet, wie sie Emotionen abblocken können. Es wird zwar nicht so selbstverständlich wie das Atmen, aber sie entwickeln einen ähnlichen Blockreflex wie Kampfsportler, die lange genug trainieren.«

»Okay. Martini hat auch Drogen erwähnt.«

»Richtig. Sie pumpen den Empathen eine ganze Reihe davon in die Venen. Davon ist aber keine schädlich für ihren Stoffwechsel, sie sind also nicht süchtig. Die Drogen verstärken die Blockaden und festigen ihre empathischen Synapsen.«

»Wie lange dauert es, bis sie wieder nachlassen?«

»Das kommt auf den jeweiligen Empathen an, und auf das, was er tut. Je aktiver er ist, in körperlicher, besonders aber in emotionaler Hinsicht, und je massiver der Gefühlsansturm auf ihn ist, desto eher sind sie verbraucht.«

»Dann würde zum Beispiel ein Streit mit deiner Mutter einen ganzen Haufen verbrauchen?«

»Das kommt auf den Streit an. Aber so ein Kampf wie der mit Mephisto gerade, in dem Menschen, die dir nahestehen, in Gefahr geraten und du noch dazu selbst kämpfen musst, das kann einen schon ziemlich schnell an die Grenze bringen.«

»Und deshalb schläft er jetzt?«

»Wahrscheinlich. Er hat gelernt, automatisch Schlafblockaden zu errichten. Paul hat mir erzählt, dass Jeff wie ein Stein schlafen kann und das auch tut, außer, jemand in seiner Nähe schwebt in echter Gefahr. Die Gefühle, die die Empathen auffangen, müssen außergewöhnlich stark und sie müssen negativ sein – Angst, Hass, und so weiter –, oder die Blockaden wehren sie ab.«

»Dann können du und Paul also im Nebenzimmer romantisch werden, ohne dass es Martini merken würde?«

Reader lachte. »Merken würde er es vielleicht schon, aber er würde nicht aufwachen und unsere Leistungen bewerten. Er würde es ignorieren, das ist nämlich auch Teil der Blockaden. Sie helfen ihm, all die Gefühle um ihn herum zu ignorieren. Wie Daredevils Sarg, nur ohne das Wegschließen und das Wasser.«

Wir saßen eine Weile still da. »Wann hat sich das Talent des stärksten Empathen denn der Welt gezeigt?«

Reader räusperte sich. »Bei seiner Geburt.«

»Ähm, du veräppelst mich, oder?«

»Nein, kein bisschen. Jeffs Eltern haben keine empathischen Fähigkeiten und auch keine anderen Talente. War nicht leicht für sie, soviel ich weiß.«

»Für ihn wohl auch nicht.«

»Stimmt. Jeff musste als Kind viel Zeit in Isolation verbringen. Und wie das ist, musst du ihn schon selbst fragen, ich war noch nie in einem der Isolationszimmer.«

»Warum nicht?«

»Sie machen mir Angst. Dagegen wirkt Daredevils Sarg wie ein Solarium. Aber Jeff meint, so schlimm wären sie gar nicht. Christopher will mir allerdings nicht sagen, was er von ihnen hält.«

»Muss er auch in die Isolationszimmer? Und können wir ihn nicht gleich jetzt wieder dort hinbringen?«

»Nicht dass ich wüsste.« Er sah zum Beifahrersitz hinüber. »Aber als Kind war Christopher nicht viel besser dran als Jeff.«

»Er ist auch Empath?« Das konnte ich mir schwer vorstellen.

»Nein, er hat ein anderes Talent. Aber es ist auch bei ihm schon bei der Geburt aufgetreten. Deshalb sind sie ein Team – mit ihnen kann es keiner aufnehmen, jedenfalls nicht in dieser Hinsicht.«

»Und trotzdem hat es meine kleine Vorstellung mit dem Terroristen in die Nachrichten geschafft. Weißt du, irgendwie bin ich nicht besonders beeindruckt.«

Reader lachte wieder. »Sie sind auch nur Menschen, wenn du verstehst, was ich meine. Jeder macht Fehler, sogar du, meine Süße.«

»Und welche Fehler soll ich heute gemacht haben? Ich meine, außer, dass ich vor dem Gerichtsgebäude in die Limo gestiegen bin?«

»Muss fahren, kann nicht denken.« Reader sah mich über die Schulter an und schenkte mir sein Cover-Boy-Grinsen. »Aber wenn du mir ein bisschen Zeit lässt, fällt mir bestimmt was ein.«

»Ganz bestimmt.« Ich schloss die Augen und versuchte zu schlafen. Es ging nicht. Ich öffnete die Augen wieder. »Was passiert, wenn sie ausgelaugt sind? Die Empathen, meine ich.«

»Das kommt auch auf den Empathen an. Normalerweise brauchen sie einfach Schlaf. Wenn das nicht klappt, müssen sie in Isolation schlafen. Sie führen eine komplette Systemreinigung durch, um die toxischen Stoffe herauszubekommen, die dadurch entstehen, dass sie ständig den schlechten Emotionen ausgesetzt sind. Dann bauen sie ihre positiven Gefühle wieder auf. Viel mehr weiß ich darüber auch nicht.«

»Weil du nicht gefragt hast?«

»Weil niemand darüber reden will. Die A.C.-Talente scheinen genauso physische wie mentale Auswirkungen zu haben, so kommt es mir jedenfalls vor. Man bekommt kaum eine klare Antwort.«

»Sie wollen nicht, dass wir über ihre Schwächen Bescheid wissen.«

»Man kann es ihnen kaum vorwerfen, oder?«

Ich überlegte. »Ganz ehrlich? Nein. Also, was passiert mit Martini, wenn er erschöpft ist?« Reader blieb stumm. »Hm, James? Werden wir verfolgt oder so?«

»Nein.«

»Warum bist du dann plötzlich verschlossen wie eine Auster?«

Er seufzte. »Je stärker das empathische Talent ist, umso länger halten sie durch, was bedeutet, dass sie sich bis an die Grenzen bringen können.« Das war alles, was er dazu sagte.

Aber natürlich konnte man sich den Rest denken.

»Und der Zusammenbruch ist dann noch schlimmer.«

»Genau.«

Ich sah zu Martini hinüber. »Er sieht aber ganz gesund aus.«

»Das ist er. Und fit und munter. Jedenfalls, solange seine Blockaden halten. Dann lassen zuerst seine empathischen Kräfte nach, und er ist beinahe ein normaler Mensch und kann nicht viel auffangen. Es ist fast, als würden seine Fähigkeiten heruntergefahren.«

»Du hast gesagt ›zuerst‹. Aber was passiert danach? Und dann danach?«

»Dann fahren sie wieder hoch, und die Gefühle bombardieren ihn. Es ist kaum zu ertragen.«

»Als würde man ein Chamäleon auf einen Schottenrock setzen?«

»Ja, so ungefähr. Dann setzen die physischen und mentalen Reaktionen ein, wie sie es bei jedem tun, der sich zu sehr verausgabt, nur, dass sie unmittelbarer und deutlich stärker sind. Und wenn er dann nicht schnell genug Hilfe bekommt, und schnell genug heißt ziemlich schnell …«

»Die dramatische Pause kommt gut. Aber jetzt müsste eigentlich noch was kommen, die wichtige Info zum Beispiel.«

Reader sah wieder über die Schulter, aber diesmal lächelte er nicht. »Wenn er nicht schnell genug Hilfe bekommt, stirbt Jeff.«

Kapitel 13

Diese frohe Kunde hing einige Minuten zwischen uns in der Luft. Ich versuchte, den Wunsch zu unterdrücken, es wäre Christopher und nicht Martini, der jeden Moment tot umfallen konnte. Dann erinnerte ich mich daran, dass ich zu keinem der beiden eine echte Bindung hatte, schon gar nicht zu Martini, und dass ich mich deshalb wieder um andere Dinge kümmern konnte.

»Bedeutet unsere kleine Abendshow heute, dass es mit Martini schon auf der Kippe steht?« Okay, ich konnte mich leider nur fast wieder um andere Dinge kümmern.

»Nein. Und glaub mir, wenn’s einmal so schlimm um ihn steht, dann merkst du es.«

»Ich kann’s kaum erwarten.« Da die schlimmste Gefahr im Moment offenbar darin bestand, dass wir alle an Altersschwäche starben, bevor wir aus diesem Stau wieder herauskamen, beschloss ich, mich zu entspannen.

Ich beobachtete die anderen Autos, während wir vorwärtskrochen, was mich so weit beruhigte, dass sich mein Verstand auf die nächsten drängenden Fragen stürzen konnte. »Warum können wir Yates nicht umbringen?«

»Wir müssen ihn töten, solange er Mephisto ist.«

»Warum?«

Reader seufzte. »Das ist ein bisschen kompliziert, aber ich versuch’s mal.« Er betonte die Sache mit dem Kompliziertsein so sehr, dass ich mich fragte, ob er mir damit etwas sagen wollte. Falls ja, begriff ich es leider nicht.

»Hast du diese Fragen denn nicht gestellt, als du rekrutiert wurdest?«

»Doch, habe ich, aber das meiste davon ist Sache der Wissenschaftler, und die sind keinem der menschlichen Fahrer gegenüber besonders auskunftsfreudig, auch wenn ich zum Alpha-Team gehöre.«

»Das ist unfair.«

»Ich kann’s verkraften. Also, bist du immer noch an den Überwesen interessiert oder wollen wir zur Firmenpolitik übergehen?«

»Ich glaube, im Moment sind die Überwesen gefährlicher, also lass uns beim Thema bleiben.«

»Und du arbeitest wirklich im Marketing? Wie auch immer, sobald der Parasit den Menschen berührt, übernimmt er die Kontrolle, und deshalb mutieren die Überwesen auf der Stelle.«

Das hatte ich immerhin mit eigenen Augen gesehen, also keine Einwände.

»In den seltenen Fällen, in denen die Parasiten-Menschen-Kombi nicht gleich durchdreht, wandert der Parasit nach innen.«

So viel hatte er mir schon erzählt, bis hierhin also alles klar.

»In diesen Fällen scheint sich das menschliche Hirn aufzuspalten. In ihrer menschlichen Form wissen die Überwesen also nicht, dass sie einen Parasiten in sich tragen. Soweit wir wissen, verwandelt der Parasit seinen Wirt immer nur dann in ein Überwesen, wenn er eine Bedrohung wittert.«

Das war neu. »Heißt das, wenn die Verbindung … stabil ist, ist der Parasit klug genug, die menschliche Form zu behalten, bis er bedroht wird?«

»Sieht so aus, ja.«

»Weiß denn der Parasit, dass er ein Parasit ist?«

Reader seufzte. »Das wissen wir nicht. Es gibt zum Glück nur sehr wenige kontrollierte Überwesen. Aber weil es eben nicht viele gibt und wir sie nicht erwischen, ist unser Wissen auch sehr beschränkt. Das meiste sind Vermutungen.«

»Es gibt also keine Mutanten-Suchmaschine, wie Cerebro bei den X-Men, hm?«

»Nein. Ich weiß, dass vieles von dem hier wie aus einem Comic klingt, leider gibt es in der Wirklichkeit aber einige Probleme, um die wir nicht herumkommen. Jedenfalls bis jetzt noch nicht. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass eines der Forschungsteams tatsächlich an etwas Ähnlichem wie Cerebro arbeitet, aber es wird wohl noch eine ganz Weile dauern, bis es funktioniert, jedenfalls, soweit die Agenten informiert sind.«

»Okay, ich habe aber immer noch nicht verstanden, warum wir sie nicht töten können, solange sie ihre menschliche Form haben.«

»Es wäre strategisch nicht sehr klug. Das würde aussehen, als ob wir unschuldige Menschen abschlachten, genau wie Terroristen.«

»Aber es sind keine Menschen mehr.«

»Tja, die Sache ist die: Wenn der Parasit nicht aktiv ist, oder besser, wenn das Überwesen nicht aussieht wie ein Überwesen, dann hat es auch nach dem Tod menschliche Form. Und außerdem«, fügte er an, »kann der Parasit dann entkommen und sich an jemand anderem festsetzen. Der Parasit muss und kann nur getötet werden, wenn das Wesen seine nicht-menschliche Form angenommen hat oder sich noch nicht mit einem Wirt verbunden hat.«

Ich dachte nach. »Aber ihr habt mir erzählt, dass man den Wirt nur töten kann, wenn der Parasit es zulässt.«

»Das stimmt ja auch. Nehmen wir mal Yates. Er verwandelt sich also zurück in einen Menschen und ist völlig verwirrt, weil er mitten auf dem Rollfeld steht. Du tötest ihn. Der Parasit könnte beschließen, dass er sich lieber mit dir verbinden will – Yates ist alt, du erscheinst ihm passender, Yates kann sich zu leicht jederzeit wieder in einen Menschen verwandeln, was auch immer. Der Parasit lässt zu, dass du Yates umbringst und springt dann auf dich über.«

»Und dann tötet ihr mich mitsamt dem Parasiten.« Das gefiel mir ganz und gar nicht, aber es schien die logische Konsequenz zu sein.

»Richtig, aber glaubst du, wir könnten das?«

Ich wusste, dass er nicht danach fragte, ob sie wohl kompetent genug dazu wären. »Ich weiß nicht.«

»Ich glaube nicht, dass wir es könnten, wir kennen dich.«

»Schon, aber ich könnte mir vorstellen, dass jemand, sagen wir mal Christopher oder so, darüber wegkommt und es trotzdem schafft. Und«, musste ich zugeben, »es wäre richtig.«

»Vielleicht, aber ich möchte wirklich nicht in die Lage geraten, in der ich das herausfinden muss, weder mit dir noch mit sonst irgendeinem unserer Kollegen. Außerdem brauchen wir die Leichen in ihrer mutierten Form, als Forschungsobjekte und als Beweise. Wenn wir Yates töten, sind wir Terroristenmörder, wenn wir ein Überwesen töten, sind wir Helden.«

»Netter Plan, nur etwas schwierig umzusetzen, wenn er doch unverwundbar ist.«

»Er ist durchaus verwundbar, wir müssen nur herausfinden, wo sich der Parasit in ihm versteckt. Das ist schwieriger, als man glauben könnte.«

»Jedenfalls nicht in seinem Oberkörper oder seinem Kopf.«

»Das könnte immer noch sein, man muss genau die richtige Stelle treffen. Deshalb klappt es mit Panzern und schweren Geschützen ja auch so gut. Die Chancen, den Parasiten zu treffen, steigen gewaltig, wenn man gleich das ganze Wesen trifft.«

»Warum hat eigentlich niemand das Militär gerufen? Ich meine, da ist ein riesiges Monster auf der Rollbahn des JFK-Flughafens herumgetrampelt. Ich verstehe nicht, warum nicht sofort die Polizei mit kompletter Besatzung angerückt ist.«

Reader seufzte. »Wir überwachen all diese Vorkommnisse vom Forschungszentrum und anderen Stützpunkten aus. In dem Moment, in dem wir ein Überwesen lokalisieren, manipulieren wir die Aufnahmen sämtlicher Medien. Niemand sieht es, also reagiert auch niemand.«

»Wie viele Stützpunkte gibt es?«

»Viele, auf der ganzen Welt verstreut. Nach den Stützpunkten in den USA ist der aktivste unsere Euro-Basis in Paris, aber es gibt auf jedem Kontinent einige davon. In den USA gibt es besonders viele, und die Schleusentechnologie erlaubt es uns, schnell von einem zum anderen zu kommen. Natürlich haben wir Schleusen in jedem Flughafen, auch in den sehr kleinen und unbekannten.«

»Super, aber wo wir gerade davon sprechen, was ist mit all den Menschen am Flughafen? Was haben die von der ganzen Sache gehalten?«

Reader schien plötzlich verlegen. »Tja, das ist kompliziert.«

Schon wieder dieses »kompliziert«. »Es geht um die Gedankenkontrolle, die Martini erwähnt hat, richtig?«

»Richtig.« Reader klang erleichtert. »Es ist aber wirklich kompliziert zu erklären«, wiederholte er, für den Fall, dass ich es beim ersten Mal nicht mitbekommen hatte. Ich wollte ihn fragen, ob »kompliziert« sein Codewort für »das möchte ich lieber nicht verraten« war, befürchtete aber, er würde antworten, dass auch das kompliziert war.

Ich entschied, es darauf ankommen zu lassen. »James, was soll diese Sache mit dem ›kompliziert‹? Es kommt mir vor wie ein Code.«

»Du bist wirklich gut.« Er klang beeindruckt. »Kompliziert bedeutet ›als geheim eingestuft‹. Zivilisten werden darüber nicht informiert.«

»Warum erzählst du es mir dann? Oder, andersrum, warum willst du mir nicht mehr erzählen?«

»Ich gebe gern alles an dich weiter, was ich weiß, Süße. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich das auch darf. Außerdem ist dieses ganze Zeug über Gedankenkontrolle wirklich kompliziert, nicht nur geheim.«

»Das hat Martini mir auch erzählt, zumindest den komplizierten Teil. Probier’s doch einfach mal. Es würde mir ja sowieso niemand glauben.« Außer Chuckie natürlich, aber das behielt ich aus verschiedenen Gründen für mich. Vor allem, weil ich nicht wollte, dass sie ihn sich schnappten und Gott weiß was mit ihm anstellten, nur weil er zu den Klügeren gehörte.

Ich fühlte, wie Martinis Arm mich fester an sich drückte. »Das mache ich schon«, sagte er schläfrig. »Kuschle dich einfach an mich.«

»Meine Mutter schläft genau gegenüber«, stellte ich klar.

»Ihr scheint das nichts auszumachen«, sagte Reader.

»Das beruhigt mich nicht besonders.«

Martini drückte noch ein bisschen fester, und ich gab nach. Es war gar nicht so übel, mich an ihn zu schmiegen. »Okay, ich bin eingekuschelt. Also fang schon an.«

»Ein Schläfchen würde dir guttun«, antwortete Martini, er klang schon etwas wacher.

»Informationen würden mir noch besser gefallen. Spuck’s schon aus.«

Er gab ein gutmütiges Grummeln von sich und öffnete seine Augen einen Spalt. »Okay, ist ja gut. Der Trick mit der Gedankenkontrolle wirkt nur bei großen Menschenmengen. Bei nur einer Person klappt es nicht. Es ist noch nicht mal wirklich eine Form von Kontrolle, eher eine Massenhalluzination.«

»Wie funktioniert das?«

Martini gähnte und streckte sich wie eine große Katze. Dann lehnte er sich wieder zurück und zog mich noch ein wenig näher. »Geruchloses Gas, das die Rezeptoren des Gehirns beeinflusst. Ich meine nur menschliche Gehirne, wir müssen schließlich keine A.C.s täuschen, und die Überwesen sind uns egal.«

»Wie wird das Gas verteilt?«

»Es ist schon in der Luft, die ganze Zeit«, sagte er schlicht, als wäre es eine Nebensache.

»Ihr habt Gas in der Luft verteilt, das Massenhalluzinationen bei Menschen auslöst? Die ganze Zeit?« Ich war entsetzt, hielt meine Stimme aber gedämpft. Schließlich schliefen immer noch alle.

»Diese Gase sind auf der Erde ganz natürlich«, beruhigte Martini mich geduldig. »Wir wissen nur, wie wir sie einsetzen können.« Er seufzte. »Wir können die Gase sehen, und alle Agenten wissen, wie man sie manipulieren kann. Im Grunde formen wir einfach das, was die Menschenmasse sehen soll, und projizieren es dann. Alientechnik. Uns allen wurden kleine Apparate ins Gehirn implantiert, so etwas wie Miniaturradioempfänger, die auf solche Dinge ausgerichtet sind.« Er gähnte wieder. »Deshalb hat sich auch niemand darum gekümmert, was aus dem Überwesen geworden ist, das du ausgeschaltet hast. Ich habe die allgemeine Wahrnehmung verändert. Christophers Abteilung übernimmt die Medien. Normalerweise kommen sie rechtzeitig an die Kameras heran, um die Aufnahmen zu verändern, bevor ein Mensch sie zu Gesicht bekommt.«

»Aber ich konnte doch sehen, wie dem Mann Flügel gewachsen sind und wie er angefangen hat, Menschen zu töten.«

»Du warst direkt in das Geschehen involviert, deshalb hat die Messenhalluzination bei dir nicht gewirkt.«

»Wie praktisch.«

Er grollte. »Man hat es echt nicht leicht mit dir, hm? Das ist nicht so, weil es praktisch ist, sondern wegen des Adrenalins und der Kampf-oder-Flucht-Reaktion, die alle Menschen haben. Wenn das Adrenalin zu fließen beginnt, wirkt es entweder unterstützend oder hemmend auf die Halluzination. Wenn die Reaktion eines Menschen auf Gefahr in Flucht besteht, dann sieht er ein Trugbild, wenn er kämpft, sieht er die Realität. Und, bevor du fragst, was die Polizei und das Militär angeht, und alle anderen, die darauf trainiert sind, zu kämpfen oder die von Natur aus Kämpfer sind: solange sie nicht direkt in das Geschehen verwickelt sind, wirkt die Halluzination auch bei ihnen.«

»Die Typen auf den Gepäckwagen haben kein Monster gesehen«, ergänzte Reader. »Sie haben das gesehen, was Christopher wollte. Deine Mutter war allerdings direkt involviert und hat das Gleiche gesehen wie wir.«

»Wir beide waren aber nicht von Anfang an direkt involviert.« Sowohl Reader als auch Martini blieben stumm. Ich sah Martini an. »Was bedeutet das? Ich schätze mal, ich werde nicht begeistert sein.« Von Reader erwartete ich keine Antwort, und wenn er mir doch eine gegeben hätte, dann hätte er vermutlich gesagt, dass es kompliziert sei.

Martini sah peinlich berührt aus, aber ich ließ nicht locker. »Es bedeutet, dass ich dir etwas gespritzt habe, während du bewusstlos warst. Es schützt dich vor den Trugbildern. Du kannst das, was wir projizieren, jetzt nicht mehr sehen.«

»Und du hast das getan, damit ihr mich nicht mehr täuschen könnt wie die anderen?«

Er nickte.

»Und wie lange wird das halten?«

»Ich habe dir genug für eine Woche gegeben. Falls du tatsächlich eine Agentin wirst, bekommst du monatliche Injektionen.«

»Es tut nicht weh«, platzte Reader heraus. »Sie benutzen ein spezielles außerirdisches Injektionsdings, sehr viel angenehmer als Spritzen.«

»Na großartig.« Eigentlich war ich gar nicht so wütend. Schließlich hatten sie mich weniger anfällig für ihre Täuschungen gemacht. Jedenfalls, wenn ich ihnen glauben konnte.

 

Über Gini Koch

Biografie

Gini Koch lebt im Südwesten der USA, arbeitet hart am Tag und schreibt in der Nacht, während sie jede Menge Rock´n´Roll hört – vor allem Aerosmith. Sie probiert gerne aus, wie oft sie ihrem Mann etwas über ihr neuestes Projekt erzählen kann, bevor er verrückt wird, geht mit ihrer Tochter zu...

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