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Alera

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Zeit der Rache (Alera 2)

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Alera — Inhalt

Auf Drängen ihres Vaters hat Prinzessin Alera den arroganten Steldor geheiratet und herrscht nun gemeinsam mit ihrem aufbrausenden Mann über Hytanica. Die Ehe steht jedoch unter keinem guten Stern, denn die junge Frau liebt noch immer den geheimnisvollen Narian – ihren ärgsten Feind. Narian hat die Seiten gewechselt und unterstützt den Herrscher von Cokyri im Kampf gegen Aleras Königreich. Ein grausamer Krieg entbrennt zwischen den beiden Völkern, und hilflos muss Alera mit ansehen, wie ihr Volk, ihre Freunde und ihre Familie in höchste Not geraten. In der Zeit der größten Gefahr muss Alera ihre eigene innere Stärke finden, um alle, die sie liebt, zu retten.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 14.01.2014
Übersetzer: Henriette Zeltner
576 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98032-6

Leseprobe zu »Alera«

PROLOG

Die Halle war menschenleer, bis auf eine Gestalt, die einen Umhang trug und bewegungslos auf einer Empore aus schwarzem Marmor stand. Der Mann schien zu warten und hatte seine Augen, die smaragdgrün strahlten und doch so finster blickten wie Gewitterwolken, auf die Tür am anderen Ende des Raumes gerichtet. Haare, so rot wie die Kohlen eines verglühenden Feuers, verdeckten seine Züge, und selbst der Lichtschein der Fackeln an den Wänden schien sich davor zu fürchten, seiner im Schatten kaum sichtbaren, aber dennoch offenbar eindrucksvollen [...]

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PROLOG

Die Halle war menschenleer, bis auf eine Gestalt, die einen Umhang trug und bewegungslos auf einer Empore aus schwarzem Marmor stand. Der Mann schien zu warten und hatte seine Augen, die smaragdgrün strahlten und doch so finster blickten wie Gewitterwolken, auf die Tür am anderen Ende des Raumes gerichtet. Haare, so rot wie die Kohlen eines verglühenden Feuers, verdeckten seine Züge, und selbst der Lichtschein der Fackeln an den Wänden schien sich davor zu fürchten, seiner im Schatten kaum sichtbaren, aber dennoch offenbar eindrucksvollen Erscheinung zu nahe zu kommen.

Die Türen öffneten sich, schwangen nach innen auf und gaben den Blick auf die Silhouette des jungen Mannes frei, den er erwartet hatte. Er war in Begleitung von zwei Wachmännern, die den Auftrag hatten, ihn herzubringen, da man ihm nicht mehr trauen konnte.

Der Siebzehnjährige ignorierte die Soldaten und trat unbefangen und furchtlos herein. Er war völlig wehrlos, trug keinerlei Waffe und dennoch war nicht das geringste Zögern in seinem Gang. Ohne ein Zeichen der Ehrerbietung blieb er vor der Empore stehen und funkelte die beeindruckende Gestalt zornig an. Der Mann überging diese Anmaßung und richtete das Wort stattdessen an die Wachen.

»Ihr seid entlassen«, sagte er mit tiefer, drohender Stimme. »Lasst uns allein.«

Die Wachmänner leisteten dem Befehl eilig Folge.

Erst danach richtete der Mann seine Aufmerksamkeit auf sein aufmüpfiges Gegenüber. »Ich nehme an, du hast gut geschlafen?«, sagte er mit gespielter Anteilnahme.

»Gut genug.«

Der Mann nickte kaum merklich, und auf seinem ansonsten glatten Gesicht zeigten sich Falten der Missbilligung.

»Nachdem du nun also wieder zu uns zurückgekehrt bist, Narian, und ich dir Zeit zur Erholung gewährt habe, musst du dein Training wieder aufnehmen. Dein närrisches Davonlaufen hat uns bereits veranlasst, Krieg gegen Hytanica zu führen. Daher muss ich dich darauf vorbereiten, darin mitzukämpfen. Denn du wirst derjenige sein, der Hytanica ins Verderben stürzt.«

»Ich werde keine Truppen gegen mein Heimatland anführen«, erklärte Narian.

Seufzend wandte der Herr dieser Hallen sich nach links und trat von der Empore herab.

»Ich habe befürchtet, dass du so etwas sagen wirst«, lamentierte er und blieb vor dem Jungen stehen, den er fast um Haupteslänge überragte. »Aber hast du vergessen, wem du Gefolgschaft schuldest? Die Hytanier sind Feinde Cokyris. Sie sind deine Feinde.«

»Der Feind hat mich gut behandelt«, konterte Narian und schob seinen Unterkiefer trotzig vor.

Der Mann begann den Jungen, den er mit aufgezogen hatte, langsam zu umkreisen. Er musterte ihn und suchte nach einer Schwachstelle. Dabei sprach er mit eiskalter Höflichkeit weiter.

»Heute brachte man einen Cokyrier, der bestraft werden musste, vor mich. Er wand sich stundenlang unter meinen folternden Händen und bettelte um Gnade, bis ich ihm mit meinem Schwert den Kopf abschlug. Er rollte genau auf die Stelle, an der du soeben stehst. Er war ein Dieb, Narian. Die Respektlosigkeit, die du mir gegenüber an den Tag legst, ist eine weit größere Beleidigung. Kannst du dir daher ausmalen, wie deine Bestrafung aussehen wird?«

»Ich fürchte weder Folter noch Tod. Das habt Ihr mit Eurer Ausbildung doch bezweckt. Also macht mit mir, was Ihr wollt.«

»So kühne Worte von jemand, der derart verletzlich ist«, höhnte der Overlord und blieb vor dem jungen Mann stehen. »Du wirst noch lernen müssen, dass es viele verschiedene Arten von Folter gibt, und eine ist darunter, die du gewiss nicht bereit sein wirst zu ertragen.«

Narian richtete sich kerzengerade auf und machte sich auf jeglichen Schmerz gefasst, doch der Kriegsherr starrte ihn nur an und ein grausames Lächeln umspielte seine Lippen.

»Ich denke, dies wird der geeignete Anreiz sein, um deinen Gehorsam zu erzwingen.« Der Overlord drehte sich zu einer Tür hinter ihm um und rief mit nur leicht erhobener, aber durch ihre Bösartigkeit schneidender Stimme: »Bringt die Gefangene herein.«

Narian erbleichte, als die Tür aufschwang und eine junge Frau in die Halle gezerrt wurde, deren Gesicht er nur zu gut kannte. Sie war in Begleitung eines einzigen Wachsoldaten, der sie an den Fesseln gepackt hatte, mit denen ihre Hände zusammengebunden waren.

Der Overlord machte einen Schritt auf sie zu und griff in ihr offenes Haar. Sie wimmerte, als er sie daran bis direkt vor Narian schleifte. Über ihre Wangen rollte eine einzige Träne.

»Tut ihr nicht weh«, sagte Narian und schüttelte ungläubig den Kopf, und zum ersten Mal in diesem Gespräch war ein leichtes Zittern in seiner Stimme. »Bitte, tut ihr nicht weh.«

»Also wirklich, Narian«, höhnte der Overlord. »Betteln steht euch nicht wohl an.«

Er ließ das Haar des jungen Mädchens los und schlug ihr dafür mit ganzer Kraft ins Gesicht. Sie stürzte aufschluchzend zu Boden und presste sich die Hand vor den Mund. Zwischen ihren Fingern quoll Blut hervor.

»Nein!«, schrie Narian. »Ich habe gesagt, Ihr sollt ihr nicht wehtun!« Seine Augen schossen zwischen seinem Herrn und Meister und dem Mädchen hin und her, und seine Gedanken überschlugen sich, denn auf dergleichen war er nicht vorbereitet gewesen. »Wir können einen Handel abschließen«, fuhr er dann etwas gefasster fort. Er hatte sich wieder gefangen und sprach mit fester Stimme. »Aber fügt ihr kein Leid mehr zu.«

»Einen Handel?«, polterte der Overlord. »Das heißt, du würdest um ihr Leben feilschen?«

»Nein, ich würde um Euren Sieg feilschen. Falls sie verletzt oder getötet wird, wird mich keine Macht des Himmels und der Hölle dazu bringen, mich noch Eurem Befehl zu unterwerfen.« Narian legte eine Pause ein, weil er eine Erwiderung erwartete. Als diese jedoch ausblieb, fuhr er fort: »Meine Forderungen sind simpel. Gebt mir Euer Wort, dass ihr nichts geschieht. Und garantiert mir, dass das Volk der Hytanier nicht sinnlos niedergemetzelt wird.«

Nachdem er sich einen Moment lang besonnen hatte, nickte der Overlord. »Ich denke zwar nicht, dass du in einer Position bist, die es dir gestattet, Forderungen zu stellen, aber ich werde auf diesen Handel eingehen, sofern du dich willig meinem Befehl unterordnest.« Er warf noch einen Blick auf die Gefangene, dann winkte er dem Wachmann, sie abzuführen. »Ich wusste, dass du dir auch diesmal meine Sicht der Dinge aneignen würdest.«

Der Soldat eilte zu dem schluchzenden Mädchen und versuchte, sie auf die Füße zu ziehen, doch sie schrie auf und entwand sich seinem Griff. Stattdessen streckte sie die Hand nach Narian aus und versuchte, sich ihm zu nähern. Dabei weinte sie und flüsterte Hilfe suchend seinen Namen. Doch Narian schüttelte nur stumm den Kopf. Auf einen Wink seines Herrschers hin packte der Wachmann die Gefangene an den Oberarmen und zerrte sie grob mit sich. Anschließend wandte sich der Overlord erneut an seinen Schützling.

»Es gibt da eine Reihe von Beleidigungen, für die du Strafe verdienst – Anmaßung, Ungehorsam, Flucht –, aber ich bin bereit, über all diese Dinge hinwegzusehen. Allerdings scheinst du das Ausmaß meiner Macht vergessen zu haben. Aus diesem Grund allein halte ich eine Auffrischung deines Gedächtnisses für geboten.«

Der Overlord streckte einen Arm in Narians Richtung, während seine Worte noch drohend im Saal hingen. Da fiel der Junge auch schon auf Hände und Knie und wand sich vor Schmerz. Obwohl er alles daransetzte, nicht zu schreien, war diese Mühe letztlich vergebens. Seine Schmerzenslaute waren so lange zu vernehmen, bis der Kriegsherr seinen Arm senkte.

»Ich habe den Klang deiner Schreie vermisst«, höhnte der Overlord. »Mach dir nur klar, dass ich noch viel mehr Schreie hören werde, und zwar sowohl deine als auch die des Mädchens, solltest du an der Aufgabe, die ich dir zugedacht habe, scheitern.«

1. DER NACHFOLGER

Die Palastwachen trugen ihre königsblauen Tuniken mit goldenem Brusteinsatz und jeweils eine Standarte aus Seide in denselben Farben in der linken Hand. Sie standen Spalier zu beiden Seiten des Thronsaals. Auf der Marmorempore an der Stirnseite bildete die Elitegarde des Königs links und rechts des Throns einen doppelten Halbkreis. Die Wamse ihrer Uniformen waren ebenfalls königsblau. Nur Cannan, der Hauptmann der Elitegarde, trug ein schwarzes Wams und hatte sich unmittelbar neben dem Königsthron postiert. Auf den Bänken, die man in Reihen aufgestellt hatte, wobei ein breiter Mittelgang frei blieb, hatte der farbenprächtig und kostbar gekleidete Adel Hytanicas Platz genommen. Das Licht der späten Nachmittagssonne fiel durch hohe Fenster ein und überzog den vorderen Teil des Thronsaals mit einem einladenden Schimmer. Bis auf das Rascheln, wenn eine der anwesenden Damen ihre Kleidung ordnete, oder das Scharren einer Bank auf dem Steinboden, war nichts zu hören. Alle warteten gespannt auf den Beginn der Krönungszeremonie.

Steldor und ich schwiegen, wie auch der Rest der Königsfamilie. Und obwohl es im Vorzimmer genügend Sitzgelegenheiten gab, ließ die Anspannung uns stehen. Als sich eine der Türen in den Thronsaal öffnete, wandten wir uns alle gleichzeitig um und sahen Lanek, den Palastherold und persönlichen Sekretär des Königs, in unsere Mitte treten.

»Der Priester ist bereit«, ließ er uns wissen.

Meine Augen suchten die von Steldor, doch ich konnte in seinem Gesicht keine Nervosität erkennen. Seine Gelassenheit erstaunte mich, bis ich mir klarmachte, dass die Aufregung der bevorstehenden Zeremonie wahrscheinlich nichts war im Vergleich zu dem Druck, den er empfinden musste, wenn er seine Truppen als Feldherr in die Schlacht führte.

Auf ein Kopfnicken des Königs hin stießen Palastwachen die schwere Doppeltür auf, sodass meine Eltern nebeneinander über die Schwelle treten konnten. Ihnen voran schritten zwei Herolde, einer mit der Flagge des Königreichs, der andere mit einer Fahne, auf der das Wappen der Königsfamilie prangte.

Mein Vater war in Gold gewandet, um die Schultern einen königsblauen Samtmantel mit Hermelinkragen. Auf seinem grau melierten Haar trug er die Königskrone: einen diamantenbesetzten Goldreif, der mit vier symmetrisch angeordneten Juwelenkreuzen verziert war. Das erhabene Siegel aus zwei gekreuzten Schwertern auf dem Königsring an seiner Rechten war ebenfalls von Edelsteinen eingefasst. In der Linken trug er das Zepter, und an seiner Hüfte hing das Königsschwert in einer reich verzierten Scheide.

Meine Mutter trug eine Robe aus Goldbrokat mit einem an den Schultern befestigten königsblauen Samtcape. Auf ihrem honigblonden Haar ruhte die Krone der Königin: ein zur Königskrone passender Goldreif, allerdings nur mit einem einzigen Juwelenkreuz.

Die versammelten Adeligen erhoben sich, als die Trompeten erschollen und Lanek vortrat, um das Königspaar anzukündigen. Trotz seiner gedrungenen Statur, die dazu führte, dass man ihn in einer Menschenmenge leicht übersah, verschaffte er sich mit seiner dröhnenden Stimme wie immer sofort Gehör.

»Begrüßt König Adrik und seine Königin, Lady Elissia!«

Die sanften braunen Augen meines Vaters begegneten den ernsten blauen meiner Mutter, und ich bemerkte, wie er liebevoll ihre Hand drückte, bevor er ihr förmlich seinen Arm anbot, um sie hineinzugeleiten. Dann folgte sein letzter Einzug in den Thronsaal als Herrscher über Hytanica an der Seite seiner Gemahlin. Der betagte Priester, der vor der Empore gestanden hatte und darauf wartete, über den Schwur des neuen Königs zu wachen, ging ein kleines Stück beiseite, um ihnen Platz zu machen. Meine Eltern erklommen die Empore und traten neben ihre Throne, bevor sie sich zu ihren Untertanen umwandten.

Meine Schwester, Prinzessin Miranna, erschien mit fröhlich blitzenden blauen Augen als Nächste im Saal. Sie trug ebenfalls ein Kleid aus Goldbrokat und dazu ein Diadem aus Gold und Perlen in ihrem rotblonden Haar. Sie knickste vor dem Herrscherpaar, bevor sie ebenfalls die Stufen hinaufstieg und sich dann in dem äußeren Sessel links neben dem Thron der Königin niederließ.

Ich wartete, bis meine Schwester ihren Platz eingenommen hatte, dann schritt auch ich langsam den Mittelgang entlang. Meine Hände zitterten, obwohl ich so sehr versuchte, sie unter Kontrolle zu bringen. Doch mein Herz war erfüllt von Furcht bei dem Gedanken an die Macht, die Steldor bald als neuer König besäße. Die creme- und goldfarbene Robe hatte ich schon zu meiner Hochzeit eine Woche zuvor, am 10. Mai, getragen. Allerdings war nun zusätzlich eine karmesinrote lange Schleppe an den Schultern befestigt. Auf meinem hochgesteckten dunkelbraunen Haar trug ich wie Miranna ein goldenes, perlenbesetztes Diadem.

Während ich mich feierlich den Thronsesseln näherte, glitt ein kleines Lächeln über meine Züge, denn ich musste plötzlich an London denken und daran, wie er wohl ausgesehen hätte, wenn er unter den Elitegardisten gewesen wäre. Mein ehemaliger Leibwächter war jedoch noch nicht von seiner Suche nach Narian aus den Bergen zurück. Wäre er zugegen gewesen, hätte er gewiss nicht die geforderte Uniform getragen. Die Vorstellung, ihn in seinem üblichen Lederwams unter den einheitlich gewandeten Kameraden zu sehen, erheiterte mich. Als ich die Empore erreicht hatte, knickste auch ich vor meinen Eltern und trat danach an den Sessel gleich neben dem meiner Mutter.

Die erwartungsvolle Stimmung im Saal schien ihren Höhepunkt zu erreichen, als Steldor sich anschickte, den Mittelgang zu durchschreiten. Er trug einen prachtvollen schwarzen Uniformrock über einer goldenen Weste, was seine kräftige Statur und seine tiefschwarzen Haare und Augen perfekt zur Geltung brachte. Die Schwertscheide an seiner linken Hüfte war leer, dafür trug er jedoch den Dolch, den ich ihm drei Monate zuvor zu seinem einundzwanzigsten Geburtstag geschenkt hatte, an seiner rechten Seite. Zu seinen Füßen bauschte sich ein karmesinroter Umhang, der mit goldenen Spangen an seinen Schultern befestigt war.

Zum Fanfarenklang der Trompeten machte sich Steldor auf den langen Weg durch den Mittelgang, und seine Stiefel schlugen einen gemächlichen, gleichmäßigen Rhythmus dazu. Er blickte starr geradeaus und schien die versammelte Menge gar nicht wahrzunehmen. Seine Miene war so unbewegt wie die der verblichenen Könige auf den Porträts, die die Wände links und rechts säumten. Trotz seines kühlen Auftretens konnte ich daran, wie er den Kopf hielt, ablesen, dass er diesen Moment genoss.

Während Steldor sich den Thronen näherte, trat der Priester erneut vor und meldete sich zu Wort, nachdem mein Ehemann zehn Schritte vor ihm stehen geblieben war.

»Lords und Ladies von Hytanica«, sagte er mit leicht brüchiger und nasaler, aber um angemessene Lautstärke bemühter Stimme. »Ich präsentiere Euch Lord Steldor, den Sohn von Baron Cannan und Gemahl der Thronerbin Prinzessin Alera, der vor Euch hintritt, um als rechtmäßiger König über das Land und die Menschen von ganz Hytanica gekrönt zu werden. Seid Ihr alle, die Ihr Euch hier versammelt habt, gewillt, ihn als solchen anzuerkennen?«

Ein vielstimmiges Ja schallte durch den Thronsaal.

»Und seid Ihr, Lord Steldor, bereit, den Königseid zu leisten?«

»Ich bin bereit«, erwiderte Steldor mit kräftiger, gefasster Stimme.

Der Priester ließ den Blick über den versammelten Adel schweifen, und als er sich der Aufmerksamkeit aller Anwesenden sicher war, nickte er Steldor zu, der daraufhin auf ein Knie sank.

»Gelobt Ihr feierlich, die Untertanen des Königreichs Hytanica gerecht, gütig und weise zu regieren?«, fragte der Priester.

»Das gelobe ich feierlich.«

»Gelobt Ihr, die Gesetze Gottes zu wahren und zu achten?«

»Ich gelobe es.«

»Werdet Ihr Verfallenes neu aufbauen, Verfehlungen strafen und sühnen sowie Gutes fördern?«

»All das gelobe ich.«

»Dann erhebt Euch und besteigt den Thron.«

Steldor stand auf, während der Priester beiseite trat. Nach einer letzten Verbeugung vor dem Königspaar stieg er die Stufen empor, und Cannan trat zu ihm, um ihm den roten Umhang des Thronfolgers abzunehmen. Gleichzeitig nahm meine Mutter meinem Vater den Königsmantel ab. Sie wartete, während Steldor sich den versammelten Adeligen zuwandte, und legte ihn anschließend um seine breiten Schultern. Meine Eltern begaben sich anschließend an Cannans Seite, wo meine Mutter den roten Umhang in Empfang nahm und ihn meinem Vater übergab.

Steldor ließ die Augen über die Menge schweifen und hob zu seinem letzten Schwur an.

»All das, was ich hier gelobt habe, werde ich umsetzen und halten, so wahr mir Gott helfe«, erklärte er mit leidenschaftlicher Stimme.

Er reichte mir die Hand, und ich trat an seine Seite. Nachdem er das rote Cape von meinem Kleid gelöst hatte, reichte er es meiner Mutter, die ihm dafür das der Königin gebührende königsblaue aushändigte. Er legte es um meine Schultern, und dann ließen wir uns zum ersten Mal auf den Thronsesseln nieder.

Sogleich erschien der Priester mit einem kleinen Ölfläschchen vor uns, um uns zu salben.

»Hiermit salbe und segne ich dich als König über das hytanische Volk«, sprach er, benetzte seinen Zeigefinger mit dem Öl und zeichnete Kreuze auf Steldors Stirn und Hände. »Mögest du uns in Wohlstand und Frieden regieren und weise, gerecht und gnädig über uns herrschen.«

Bevor er sich an mich wandte, benetzte er seinen Zeigefinger erneut.

»Hiermit salbe ich dich zur Königin von Hytanica. Mögest du deinen König bei der Ausübung seines Amtes unterstützen und stärken«, sagte er und versah auch mich mit dem Kreuzzeichen.

Nachdem er einen letzten Segen gesprochen hatte, begab der Priester sich zu dem für ihn vorgesehenen Stuhl ganz rechts vom Königsthron.

Nun würde mein Vater die Amtsgewalt auf seinen Nachfolger übertragen. Dazu trat er vor, und Steldor erhob sich vom Thron, um die Herrschaftssymbole in Empfang zu nehmen.

»Nehmt den Stab der Weisheit«, sagte mein Vater ernst und drückte Steldor das Zepter in die linke Hand. »Erweist den Getreuen Ehre, sorgt für die Schwachen, lobt die Gerechten und weist Eurem Volk den rechten Weg.«

Dann zog der König sein Schwert. »Führt dieses Schwert nicht ohne Not, doch nutzt es zum Schrecken und zur Strafe der Böswilligen sowie zum Schutz und zur Stärkung aller, die guten Willens sind.«

Steldor nahm auch das Schwert in Empfang und reckte es kurz in die Höhe, bevor er es in die Scheide schob.

Nachdem er sich den Siegelring abgezogen hatte, schob ihn der König auf Steldors rechten Mittelfinger.

»Empfangt diesen Ring als Zeichen königlicher Würde. Er möge alle an Eure Souveränität erinnern und Euch an Eure heute geleisteten Schwüre.«

Damit war der Zeitpunkt gekommen, den letzten Akt vorzunehmen, und ich beobachtete mit einer gewissen Trauer, wie mein Vater sich die Krone vom Kopf nahm und sie dann für alle sichtbar hochhielt. Schließlich verkündete er voller Inbrunst: »Nehmt diese Krone als Zeichen königlicher Würde und als rechtmäßiger König Hytanicas.«

Er setzte sie Steldor aufs Haupt, und sofort erschollen begeisterte Rufe aus der versammelten Menge.

»Ein Hoch auf den König! Lang lebe König Steldor!«

Mein Vater, der nun nicht mehr Herrscher über Hytanica war, wartete, bis der Lärm abklang, dann beugte er das Knie vor dem neuen König, um ihm Gefolgschaft zu schwören.

»Ich gelobe Euch Wahrhaftigkeit und Treue, Eure Majestät, König von Hytanica, Euch und Euren Nachkommen.«

Nachdem er den Siegelring geküsst hatte, erhob mein Vater sich und stellte sich vor den Sessel, auf dem ich Platz genommen hatte. Ich stand von meinem Thron auf und nahm mein Diadem ab, das ich meiner Mutter reichte, die wiederum auf Steldor zuging, um sich die Krone der Königin abnehmen zu lassen. Sie knickste vor ihm und stellte sich anschließend zu ihrem Gatten und ihrer jüngeren Tochter.

»Ihr sollt die rechtmäßig gekrönte Königin Hytanicas sein«, verkündete Steldor, als er mir den Goldreif aufs Haupt setzte. Daraufhin brandete erneut Jubel auf, der von den steinernen Mauern und der Balkendecke widerhallte.

Zusammen mit der Krone senkte sich auch das Gewicht der Verantwortung auf mich herab. Plötzlich hatte ich das Gefühl, mit meinen achtzehn Jahren noch viel zu jung für die mir zugedachte Rolle zu sein. Ich warf meiner Mutter einen panischen Blick zu, und sie gewährte mir die einzig mögliche Hilfe – ein beruhigendes Lächeln. Nachdem Steldor und ich wieder auf unseren Thronen Platz genommen hatten, setzten sich auch der Rest der königlichen Familie und der hytanische Adel wieder. Danach trat Cannan vor, um vor seinem Sohn kniend seine Treue zu versichern.

»Ich, Baron Cannan, Hauptmann der Elitegarde und Oberhaupt der hytanischen Armee, verbürge mich persönlich für Leib und Leben Eurer Majestät. Ich werde Euch wahrhaftig und treu dienen und Euch mit meinem Leben gegen jegliche Gefahr verteidigen.«

Nachdem er den Siegelring des Königs geküsst hatte, kehrte der Hauptmann an seinen angestammten Platz zur Rechten des Königs zurück. Ich folgte ihm mit meinem Blick und fragte mich, was er in diesem Moment empfinden mochte. Doch seine Miene war so verschlossen wie immer.

Weiter ging es mit den Ehrbezeigungen, indem jeder männliche Adelige vortrat, um sein Knie zu beugen und dem König die Treue zu schwören. Als der Letzte von ihnen an seinen Platz zurückgekehrt war, erhoben Steldor und ich uns und sogleich sprangen alle anderen im Saal auf. Mit dem Zepter in seiner Rechten und meiner Hand auf seiner Linken nickte Steldor Lanek zu, der den neuen Herrscher Hytanicas verkündete.

»Ein Hoch auf seine königliche Majestät, König Steldor und seine Königin, Lady Alera.«

Die Trompeten ertönten und die Herolde mit den Flaggen der Königsfamilie und des Reiches führten die Prozession durch den Mittelgang und aus dem Thronsaal hinaus an. Cannan und die Elitegarde, meine Familie und Miranna folgten uns. Als wir das Vorzimmer betraten, fing ich kurz Steldors Blick auf, und der fast fiebrige Glanz darin stimmte mich nachdenklich. Ich wusste, dass er sich diese Krönung wahrscheinlich seit dem Moment ausgemalt hatte, als wir einander vor fast zehn Jahren erstmals offiziell vorgestellt worden waren. Und vermutlich konnte ich die Genugtuung nicht einmal ermessen, die er darüber empfinden musste, den ersehnten Preis endlich errungen zu haben. Wir verloren jedoch keine Zeit, sondern folgten in Begleitung der Garde den Herolden durch die Türen in die Große Halle, dann rechts die Prunktreppe hinauf und ließen meine Eltern und meine Schwester zurück. Anschließend durchquerten wir den königlichen Ballsaal und traten auf den Balkon hinaus. Dort erschollen erneut die Trompeten, um die Aufmerksamkeit Tausender Menschen auf uns zu ziehen, die sich außerhalb der Hofmauern versammelt hatten.

»Begrüßt allesamt König Steldor und seine Königin, Lady Alera«, rief Lanek erneut. Wie ein Echo griffen die Palastwachen an den Toren diese Botschaft auf. Bald waren donnernder Applaus und wiederholte Hochrufe zu vernehmen. Steldor begann, unseren Untertanen zuzuwinken und schien ganz in seinem Element zu sein.

Ich hätte nicht zu sagen vermocht, wie lange wir dort draußen standen. Die lange Krönungszeremonie, meine große Furcht und die beträchtliche Zeit, die meine letzte Mahlzeit zurücklag, brachten mich an den Rand der Erschöpfung. Steldor war dagegen vollauf begeistert und schien bereit, sich bis in alle Ewigkeit am Jubel des Volkes zu ergötzen. Als mir dämmerte, dass ich ab sofort mit dem König von Hytanica verheiratet war, geriet ich ins Wanken, taumelte gegen ihn und umklammerte seine Hand. Er sah mich kurz erstaunt an, nahm mich aber sogleich in seine Arme und hielt mich, sodass mein Kopf an seine Brust sank.

»Mir scheint, das war genug der Aufregung für dich«, sagte er leise und trug mich sogleich durch den Ballsaal in unsere Gemächer. Dabei lehnte er die Hilfe seines Vaters und anderer Gardisten ab. Als wir mein Zimmer erreicht hatten, legte er mich aufs Bett, nahm mir Umhang und Krone ab, löste die Bänder meiner Robe und half mir, sie auszuziehen. Nur in meine Wäsche gekleidet sank ich aufs Kissen und war zu schwach, um mich dagegen zu wehren, dass er meine Beine ins Bett hob, mir die Schuhe auszog und mich zudeckte. Zu meinem Erstaunen küsste er mich danach noch sanft auf die Stirn.

»Ruh dich aus und schlaf ein wenig. Später werde ich dir etwas zu essen holen, das dich wieder zu Kräften bringt.« Zärtlich strich er über meine Wange, drehte sich um und verließ den Raum. Meine Lider fielen zu wie schwere Vorhänge.

Wie immer kamen mit den Träumen die Erinnerungen an Narian. Wir standen auf der Lichtung im Wald, der zum Anwesen seines Vaters gehörte, die Sonne schien warm auf meinen Rücken und die Vögel zwitscherten in den Bäumen.

»Seht Ihr? Hier! Ich habe eine«, sagte ich und hielt Narian meine Reithose zur Ansicht unter die Nase. »Jetzt habt Ihr keinen Grund mehr, Euch zu weigern, mich in Selbstverteidigung zu unterrichten.«

»Ich kann mich so lange weigern, wie Ihr sie nicht angezogen habt«, erwiderte er ungerührt.

Er spricht schnell und mit einem ganz leichten, sympathischen Akzent. Der Sommerwind zerzaust sein goldblondes Haar.

Dann taucht ein anderes Bild auf: Ich stehe in der Männerhose und mit weißem Hemd neben einem dunkelbraunen Hengst.

»Sicher reiten die Frauen in Cokyri nicht auf Pferden«, mutmaßte ich und hoffte, mich in seinen Absichten zu täuschen.

»Die Frau, die mich großgezogen hat, ist eine der besten Reiterinnen unseres Reiches«, erklärte er mir, beim Kopf des Pferdes stehend. Jeglicher Wunsch, Narian Paroli zu bieten, löst sich in nichts auf, als ich in seine unwiderstehlichen blauen Augen schaue.

Er kommt zu mir, beugt ein Knie, damit ich meinen Fuß daraufsetzen und aufs Pferd steigen kann. Ich füge mich ohne zu zögern, und er lächelt zu mir auf. Dabei sind seine Wangen vor Freude leicht gerötet und seine selbst auferlegte Zurückhaltung scheint verschwunden. Schließlich schwingt er sich hinter mich auf den Pferderücken.

Danach reiten wir durch die dunkle Stadt. Die Pferdehufe klappern auf dem Kopfsteinpflaster, auf unbefestigten Wegen ist ihr Geräusch gedämpft. Über uns strahlen der Mond und die Sterne, unter uns glitzert der erste frisch gefallene Schnee. Ich lehne mich zurück und spüre die Wärme von Narians Körpers. Automatisch stimme ich den Rhythmus meines Atems auf den seinen ab. Ich fühle mich mit ihm und der ganzen Welt im Einklang. In einem großen Bogen kehren wir zu den königlichen Stallungen zurück, wo er abspringt und mich erwartungsvoll ansieht. Ich gleite vom Rücken des Pferdes in seine Arme und kann die Liebe in seinen Augen sehen. Dann begegnen sich unsere Lippen, und ich schmiege mich an ihn. Ein wohliger Schauer durchdringt meinen ganzen Körper.

Es erfolgt ein neuerlicher Ortswechsel. Wir befinden uns in meinen Gemächern, wo wir vor lodernden Scheiten am Kamin sitzen. Ich habe mich in seine schützenden Arme gekuschelt und lausche seiner wohlklingenden Stimme, mit der er mir von der rauen Schönheit Cokyris, dem Land, in dem er aufgewachsen ist, erzählt.

Plötzlich taucht London auf und reißt Narian von mir fort.

Entweder du hältst dich von Alera fern, oder du bekommst es mit mir zu tun, knurrt er, bevor er meinen Blick sucht und festhält. Wir können zwar unsere Herzen nicht kontrollieren, Alera, aber wir müssen unseren Verstand und unseren Körper im Griff haben. Du kannst ihn nicht heiraten. Also ist es besser, wenn du dich von ihm fernhältst, damit deine Gefühle für ihn langsam verschwinden.

Ich starre London an und empfinde mit jeder Faser meines Körpers Schmerz. Gleichzeitig lasse ich meinen Tränen freien Lauf.

Draußen war es schon dunkel, als ich durch Geräusche im Salon geweckt wurde. Mein Kissen und meine Wangen fühlten sich leicht feucht an. Ich schaute auf den Lichtstrahl, der durch die offene Tür hereinfiel, und beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Rasch zog ich über meine Wäsche nur meinen Morgenmantel an.

Der Salon hatte sich im Vergleich zu der Zeit, als meine Eltern noch hier wohnten, kaum verändert. Dennoch hatte Steldor ihm ohne Zögern und deutlich sichtbar seinen Stempel aufgedrückt. Die mit cremefarbenem Brokat bezogenen Polstersessel, die meine Mutter so gemocht hatte, standen nach wie vor unter dem Fenster mit Blick auf den Garten und den dahinter beginnenden Wald von Kilwin, der sich bis zur Kette des Niñeyre-Gebirges im Norden unseres Reiches erstreckte. Das dazu passende Sofa war allerdings durch eines aus braunem Leder ersetzt worden, das Steldors Geschmack eher entsprach. Der Kamin an der östlichen Wand war nach wie vor von Bücherregalen eingerahmt, vor denen eine Sitzbank stand. Hinzugekommen waren in diesem Bereich noch einige mit Leder bezogene Armsessel sowie ein Spieltisch. Der Schreibtisch, den mein Vater selten benutzt hatte, war von meinem Ehemann mit Federkielen, Tinte, Pergamentbögen und ledernen Mappen gut bestückt worden. Er stand im südlichen Teil des Wohnzimmers, neben einigen Stühlen und einem kunstvoll mit Schnitzereien verzierten, halbhohen Schrank. Wände und Fußboden waren mit Tapisserien versehen. Öllampen sorgten für ein weiches Licht. Das Einzige, was in diesem Raum fehlte, waren Spuren meiner Anwesenheit. Es fühlte sich seltsam an, im eigenen Zuhause eigentlich nicht präsent zu sein.

Steldor stellte gerade ein Tablett auf den niedrigen Tisch vor dem Sofa, als er mich bemerkte.

»Fühlst du dich besser?«, fragte er freundlich und goss sich ein Glas Wein ein.

Ich nickte und kämpfte mit mir, ob ich zu ihm treten sollte.

»Dann komm – ich habe dir etwas zu essen gebracht.«

Trotz seiner Einladung rührte ich mich nicht und sah zu, wie er einen zweiten Pokal für mich füllte. Er schaute auf, bemerkte mein Zögern und trat an den Kamin, wo sein Umhang, seine Weste und seine Waffen auf der Bank vor der Feuerstelle lagen.

»Ich verspreche, dich in Ruhe essen zu lassen«, sagte er lachend und machte eine ausholende Bewegung in Richtung des Tabletts mit den mitgebrachten Speisen.

Ich spürte, wie ich errötete, trat aber dennoch vor, weil das Essen einfach unwiderstehlich duftete. Steldor machte es sich mit seinem Pokal und dem Weinkrug in einem Lehnstuhl bequem. Ich ließ mich auf dem Sofa nieder und machte mich über Fleisch, Brot und Obst her. Als das Gefühl der Leere in meinem Bauch verschwunden war, warf ich einen vorsichtigen Blick in Richtung meines Gemahls, dessen amüsierte Miene mich erneut rot werden ließ.

»Lass dich von mir nicht stören«, sagte er, als er meine Befangenheit bemerkte. »Ich habe vor einer Stunde mit ebenso großem Appetit gegessen.«

Ich nahm noch ein paar Bissen, allerdings deutlich anmutiger, bevor ich meine Mahlzeit beendete.

»Wie lange habe ich geschlafen?«, fragte ich ihn.

»Na, jetzt bekomme ich wenigstens deine süße Stimme zu hören«, neckte Steldor mich, der offenbar in Hochstimmung war. Er goss sich erneut Wein nach, bevor er meine Frage beantwortete. »Du hast beinahe drei Stunden verträumt.«

Staunend starrte ich ihn an und war entsetzt von der Vorstellung, bei der Ausübung meiner Pflichten als Königin Hytanicas bereits versagt zu haben.

»Dann sind die Feierlichkeiten inzwischen zu Ende?«

»Ja, außer wir wollen sie noch mit einer Feier nur für uns beide fortsetzen.« Mit einem schelmischen Grinsen erhob er sich und kam mit seinem Weinpokal auf mich zu. »Aber du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben, denn vermutlich habe ich das Gelage ohnehin mehr genossen als du das getan hättest.«

Er stellte sein Trinkgefäß und den Krug auf das Tablett zurück, nahm meinen Pokal und reichte ihn mir. Nervös nahm ich ein paar kleine Schlucke daraus. Ich spürte seinen Blick auf mir ruhen, vermochte aber nicht einzuschätzen, was er vorhatte. Nach ein paar unangenehmen Augenblicken ging er um den Tisch herum und setzte sich neben mich. Im selben Moment sprang ich auf, als hätte sein Gewicht mich hochkatapultiert.

»Ich denke, ich werde mich zur Nachtruhe zurückziehen. Bitte entschuldigt mich, Mylord.«

Er lachte kurz und bitter. »Du hast geschlafen, gegessen und getrunken, damit solltest du erholt genug sein, um meine Gesellschaft noch eine kleine Weile zu ertragen.«

»Wenn Ihr es wünscht.«

Ich setzte mich steif auf die Sofakante, die Finger krampfhaft um mein Glas gelegt. Doch er nahm es mir aus der Hand und stellte es aufs Tablett zurück. Dann zog er die Nadeln aus meinem Haar, sodass es mir in Wellen über die Schultern fiel.

»Vor einer Woche hast du mich gebeten, die Dinge langsam anzugehen, und ich habe eingewilligt und bin auf Abstand geblieben«, führte er an und sah mir dabei forschend ins Gesicht. »Ich habe sogar die letzten Nächte im Gästezimmer auf einer Matte, wie sie sonst die Soldaten benutzen, am Boden geschlafen.« Seine Stimme klang belustigt, aber ich konnte die Sehnsucht in seinen Augen erkennen.

Ich ließ den Kopf sinken, denn ich wusste, dass er das Recht hatte, mehr zu erwarten, und ich keine gültige Ausrede vorzubringen hatte. Er rutschte noch ein Stück näher, fasste mich sanft am Kinn und beugte sich vor, um seine Lippen zärtlich und behutsam auf meine zu legen. Unwillkürlich wollte ich fliehen und war dennoch von seiner erstaunlich sanften Annäherung und wie bereits etliche Male zuvor von seinem verlockenden Duft gefesselt. Daraufhin lehnte er sich zurück, um meine Reaktion zu prüfen, anschließend öffnete er meinen Morgenmantel. Während er mir wieder in die Augen sah, ließ er die Finger seiner rechten Hand auf der Vertiefung unterhalb meines Halses ruhen, fuhr dann die Linie meines Schlüsselbeins nach und rutschte schließlich immer tiefer bis zur Wölbung meiner Brüste.

»Bitte nicht«, stieß ich atemlos hervor und fühlte mich weder in der Lage, mein heftigeres Erröten noch mein rasendes Herzklopfen zu unterbinden.

»Du musst meine Berührung nur zulassen«, murmelte er und folgte der Spur seiner Finger nun mit seinen Lippen.

»Haltet ein«, versuchte ich es erneut, aber sein Mund fand meinen und erstickte meine Worte, während seine Hände nun die Kurven meines Körpers nachfuhren, was mir heiße Schauer durch den Körper jagte. Ich hasste mich selbst dafür, dass er mich auf diese Weise gegen meinen Willen manipulieren konnte, und stieß ihn von mir. Einen schrecklichen Moment lang fürchtete ich, er würde nicht von mir ablassen, doch er richtete sich auf, ließ seine Hände auf meiner Taille ruhen und ein ärgerlicher Ausdruck trat auf sein hübsches Gesicht.

»Deine Lippen reagieren erfreut auf die meinen, also ist es vielleicht dein Herz, das sich sträubt«, sagte er zögerlich und zog mich dann entschlossen wieder an sich. »Doch als dein Ehemann habe ich ein Recht darauf, deinen Körper zu besitzen, ob mit oder ohne Herz.«

»Wenn Sie mich auch nur im Geringsten lieben und die kleinste Hoffnung hegen, dass auch ich Sie eines Tages lieben werde, dann werden Sie das nicht tun«, flehte ich, während mir klar wurde, wie rettungslos ich ihm ausgeliefert war.

Er hielt mich noch einen Moment lang, versenkte den Blick seiner dunkelbraunen Augen in meine, dann ließ er mich los und trat an den Kamin. Obwohl mein Herz immer noch hämmerte, überkam mich die Erleichterung wie eine schwindelerregende Welle, als ich sah, dass er seine Weste von der Bank riss und sich über die Schulter warf. Danach packte er seine Waffen, gürtete sie sich nachlässig um die Hüften und stürmte ohne ein Wort zur Tür.

»Wo wollen Sie hin?«, rief ich ihm in einem Anflug von Enttäuschung nach.

»Hinaus«, stieß er hervor. Und dann verschwand er mit einem letzten vernichtenden Blick auf mich in den Flur. Ich blieb zurück und sann über seine Launen sowie über die gegensätzlichen Impulse meines Körpers und meines Herzens nach.

Am nächsten Tag wurde mir, noch bevor ich ihn sah, unmissverständlich klar, dass Steldors Groll auf mich sich nicht gelegt hatte. Üblicherweise verließ er unsere Gemächer leise, bevor ich erwachte. An diesem Morgen schien er jedoch bemüht, mich zu stören, und knallte im Weggehen sogar die Tür des Salons zu. Seufzend zog ich mich an und frühstückte, danach verließ ich unsere Räumlichkeiten, um meinen ersten offiziellen Tag als Königin zu absolvieren.

Als ich auf dem Weg zur Prunktreppe war, fühlte ich mich so ganz ohne Leibwächter seltsam unvollständig. Unter der Regentschaft meines Vaters waren meine Mutter, meine jüngere Schwester und ich unablässig in Begleitung von Leibgarden gewesen. Offensichtlich eine Vorsichtsmaßnahme des Königs angesichts des Krieges gegen Cokyri. Steldor hatte entschieden, dass diese Maßnahme innerhalb des schwer bewachten Palastes überflüssig sei. In der Folge hatte Cannan seine für diesen Dienst abgestellten Männer abgezogen. Um meinen Vater nicht zu beunruhigen, blieb jedoch Halias, der Elitegardist, der für den Schutz meiner Schwester seit dem Tag ihrer Geburt verantwortlich war, Mirannas Leibwächter.

Meine erste Aufgabe bestand darin, die Führungskräfte des Schlosshaushalts im Salon der Königin zu empfangen, der sich im ersten Stock des Westflügels befand. Nachdem ich mich mit dem Koch besprochen hatte, ließ mich die oberste Wirtschafterin wissen, dass zwei Zofen ersetzt werden müssten und sie mehrere Kandidatinnen vorschlüge. Ich sah sie erschrocken an, da ich noch nie zuvor jemanden eingestellt hatte und meine Mutter nie mit mir darüber gesprochen hatte, auf welcher Grundlage man solche Entscheidungen traf.

»Welche Aufgaben werden diese Mädchen denn erfüllen?«, fragte ich, um Zeit zu gewinnen.

»Eine wird zum Reinigen der Palasträume eingesetzt, Eure Hoheit«, erwiderte die Wirtschafterin prompt. » Die andere als Kammerzofe von Prinzessin Miranna, nachdem Ailith fortgegangen ist, um zu heiraten.«

»Sind die Mädchen bereits zugegen?«

»Ja, Mylady. Sie warten auf dem Flur.«

»Nun, dann sollte ich wohl am besten kurz mit ihnen sprechen.«

»Ja, Mylady.«

Unbehaglich nahm ich hinter dem Schreibtisch Platz, den bis vor Kurzem noch meine Mutter benutzt hatte, und wartete darauf, dass die Wirtschafterin mit den Bewerberinnen zurückkehrte. Vier Frauen, die sich in Alter, Statur und Größe deutlich voneinander unterschieden, traten ein und bauten sich in einer Reihe vor mir auf. Ich stellte ihnen die einzige Frage, die mir einfiel.

»Hat eine von euch schon einmal als Kammerzofe gearbeitet?«

Leider verneinten alle einstimmig. Einen Moment lang machte sich Verlegenheit breit, während ich krampfhaft über eine weitere Frage nachdachte, doch dann wandte ich mich an die Jüngste, die am gepflegtesten aussah.

»Wie heißt du?«

»Ryla, Eure Majestät«, antwortete sie mit einem strahlenden Lächeln, und mein Gefühl sagte mir, dass ihre Persönlichkeit recht gut zu der meiner Schwester passen würde.

»Glaubst du, die Pflichten einer Kammerzofe erfüllen zu können?«

»Ja, Eure Hoheit. Ich lerne schnell und würde mich geehrt fühlen, diese Aufgabe übernehmen zu dürfen.«

»Sehr gut, dann wirst du künftig Prinzessin Miranna dienen.«

Weil ich keine Vorstellung hatte, wie ich mehr über die Qualitäten der übrigen drei Bewerberinnen hätte herausfinden sollen, wandte ich mich Hilfe suchend an die Wirtschafterin.

»Alles Weitere überlasse ich Euch«, sagte ich und hoffte, souveräner zu klingen, als ich mich fühlte. »Ihr seid zweifellos besser geeignet als ich, die Fähigkeiten dieser Frauen einzuschätzen.«

Die Wirtschafterin nickte knapp und scheuchte sogleich alle vier hinaus. Nachdem ich auch das restliche Personal verabschiedet hatte, damit es seinen Verpflichtungen nachging, setzte ich mich auf einen der rosafarbenen Samtsessel neben dem Erkerfenster, um mir dort das Mittagessen servieren zu lassen. Während des Essens dachte ich über die erste offizielle Einladung nach, die ich als Königin vorzubereiten hatte: Ein kleines Fest am 19. Juni zu Ehren von Miranna, die an diesem Tag siebzehn Jahre alt würde.

Am Nachmittag erschien noch einmal der Chefkoch in Begleitung eines Schreibers, und ich begann meine Vorstellungen bezüglich des Festmahls mit ihm zu besprechen. Innerhalb weniger Stunden hatte ich die Speisenfolge und die Gästeliste zusammengestellt und bat den Schreiber, die Einladungen zu verfassen. Unter den Gästen wären meine Eltern, Lord Temerson, der bevorzugte Kavalier meiner Schwester, sowie dessen Eltern, Mirannas beste Freundin, Lady Semari, mit ihren Eltern, Cannan und seine Gattin, Baronin Faramay, Steldors bester Freund, Lord Galen, in welcher Damenbegleitung auch immer, und schließlich Cannans jüngerer Bruder mit seiner Frau und den beiden ältesten Töchtern, die zum Kreis der Freundinnen meiner Schwester zählten.

Nachdem ich das Abendessen mit meiner Familie eingenommen hatte, hätte ich mich am liebsten in meine Gemächer zurückgezogen, aber angesichts der Laune, die Steldor mich am Morgen hatte spüren lassen, zögerte ich. Da er nicht gemeinsam mit uns zu Abend gegessen hatte, vermutete ich, dass sich seine Stimmung nicht gebessert hatte, und fürchtete die Begegnung mit ihm in unseren Privaträumen. Also beschloss ich, stattdessen die Bibliothek aufzusuchen. Nach einer Stunde verließ ich diese wieder mit einem Buch und in der Hoffnung, meinem Ehemann und seiner Feindseligkeit zu entgehen, indem ich mich sofort zu Bett begab.

Zu meinem Missfallen entdeckte ich beim Betreten unseres Salons Galen und Steldor in zwei Armsesseln, zwischen sich den Spieltisch und ganz vertieft in eine Partie Schach. Galen hatte erst kürzlich die Position des Haushofmeisters übernommen, und Kade hatte dem Jüngeren bereitwillig das Kommando über die gesamte Palastwache überlassen. Wie Galen rasch herausgefunden hatte, war damit auch die Rolle der rechten Hand Cannans verbunden. So verbrachte er zwangsläufig lange Tage und oft auch die Nächte im Palast.

Ich musterte die beiden Freunde kurz und bemerkte wieder einmal, wie ähnlich sie sich sahen. Galen war nur ein Jahr älter, aber von gleicher Größe und Statur und schien sogar den gleichen Geschmack in Bezug auf Kleidung zu haben. Eigentlich hatte ich den beiden auch den gleichen Charakter zugeschrieben, doch seit Kurzem war ich zu dem Schluss gekommen, dass Galens Wesen wie seine Haare und Augen etwas heller war als Steldors.

Galen schaute in meine Richtung, weil ihn das Geräusch der Tür offenbar aus seinen Gedanken geholt hatte, und sprang sogleich auf.

»Meine Königin«, sagte er mit einer angedeuteten Verbeugung, woraufhin auch Steldor mich bemerkte, jedoch sitzen blieb. Ich nickte dem Haushofmeister wohlwollend zu und erlaubte mir einen verstohlenen Seitenblick auf meinen Ehemann, um herauszufinden, ob ich ihm willkommen war.

»Vielleicht sollte ich mich jetzt besser empfehlen«, sagte Galen, der die Anspannung, die sich breitmachte, sogleich zu spüren schien. »Wir können unser Spiel ja ein andermal beenden.«

»Setz dich einfach wieder hin«, brummte Steldor. »Alera ist das einerlei. Es gefällt ihr, wenn irgendetwas oder irgendjemand zwischen uns steht.«

Ich ignorierte die spitze Bemerkung des Königs, hielt mein Buch hoch und wandte mich liebenswürdig an Galen: »Bitte bleibt. Ich wollte ohnehin lesen.«

»Glaub mir«, fügte Steldor hinzu und deutete auf das Schachbrett. »Das hier wird der beste Teil meines Abends sein.«

Obwohl ich eigentlich nicht vorgehabt hatte, im Salon zu verweilen, beschloss ich nun, genau das zu tun. Denn mir war klar, dass meine Anwesenheit Steldor ärgern würde. Das war meine kleine Rache für seine unfreundlichen Bemerkungen. Auch wenn es ihm offensichtlich unangenehm war, derart zwischen die Linien geraten zu sein, nahm Galen wieder Platz, und die beiden Männer wandten sich erneut ihrem Spiel zu. Ich durchquerte den Raum und ging zum Sofa, vor dem auf dem Tisch Pokale und ein Krug mit Wein standen. Ich zog mir die Schuhe aus und setzte mich auf meine Füße auf das gesteppte Ledersofa. Dann las ich, bis mich nach einiger Zeit Steldor unterbrach.

»Alera, bring uns Wein«, befahl er lässig.

Meine Haut begann zu kribbeln, so gekränkt war ich von dieser respektlosen Störung. Ich fragte mich, warum er den Wein nicht selbst holte und warum er offenbar das Bedürfnis hatte, einen Befehl zu erteilen, anstatt eine Bitte zu äußern. Während ich noch zögerte, stand Galen auf und begab sich ohne ein Wort zum Sofatisch. Er füllte einen Pokal mit Wein und reichte ihn mir.

»Ich danke Euch, werter Herr«, sagte ich und lächelte zufrieden über seine Geste und das Stirnrunzeln meines Mannes.

»Mit dem größten Vergnügen«, erwiderte Galen, und ich bemerkte ein winziges Schmunzeln in seinem Gesicht.

Nachdem er zwei weitere Becher gefüllt hatte, nahm er diese, klemmte sich den Krug unter den Arm und ging zu Steldor zurück. Mit dem Ausdruck gespielten Bedauerns reichte er seinem besten Freund einen der Pokale.

»Ich verspürte das Bedürfnis, einer Dame in Bedrängnis beizustehen«, erklärte er beiläufig und setzte sich wieder. Zu meinem Erstaunen begann Steldor zu lachen, und Galen deponierte den Krug auf den Boden, sodass sie ihre Schachpartie fortsetzen konnten.

Kurz darauf stellte ich meinen noch randvollen Becher auf den Tisch, denn der Weingenuss war mir immer noch nicht zur Gewohnheit geworden. Dann erhob ich mich und trat zu den beiden Freunden.

»Gute Nacht, der Herr«, sagte ich spitz und sah nur Galen an, bevor ich meine Aufmerksamkeit auf Steldor richtete. »Und gute Nacht, mein Gemahl. Ich gedenke, mich zu Bett zu begeben.« Als beide aufschauten, wandte ich mich noch einmal freundlich an unseren Gast. »Es war schön, Euch wiederzusehen. Ihr wart zweifellos auch der beste Teil meines heutigen Abends.«

Mit einem letzten Blick auf Steldor verschwand ich in meinem Schlafzimmer, hochzufrieden mit dem konsternierten Ausdruck, den ich auf seinem Gesicht gesehen hatte.

»Sie ist ein wenig verwegen, nicht wahr?«, hörte ich Galen noch beinahe bewundernd sagen, während ich die Tür hinter mir schloss. Ich blieb unmittelbar dahinter stehen, um die Erwiderung meines Ehemannes zu hören.

»Ja, sie ist eine echte Herausforderung. Ich werde ihr den Schneid schon noch abkaufen, aber ich fürchte zugleich, dass das womöglich ihre vornehmste Tugend ist.«

Die beiden Männer lachten leise. Ich lehnte mich mit dem Rücken an das Holz der Tür und war wütend auf Steldor, weil er mich vor seinem besten Freund dermaßen herabsetzte. Gleichzeitig war ich enttäuscht von mir selbst, weil es mich überhaupt kränkte.

Ich machte mich zum Schlafen fertig und haderte dabei mit meiner Situation. Wegen meines egozentrischen Vaters und seiner Unfähigkeit, in mir mehr zu sehen als ein Mittel zur Umsetzung seiner nur auf Männer ausgerichteten Pläne, war ich nun mit Steldor verheiratet. Der ehemalige König hatte schon vor langer Zeit beschlossen, dass, falls er keinen männlichen Erben hätte, der Sohn des Gardehauptmannes sein Nachfolger werden sollte. Mein Glück oder die Tatsache, dass ich mein Herz bereits einem anderen geschenkt hatte, kümmerte ihn dabei nicht.

Mit einem schrecklichen Gefühl der Leere setzte ich mich aufs Bett und erlaubte mir fatalerweise, an Narian zu denken, den rätselhaften Sohn von Baron Koranis und Baronin Alantonya. Mein Vater war vor dem jungen Mann und den Fragen bezüglich seiner Loyalität zurückgescheut, denn Narian war als Baby entführt und in Cokyri aufgezogen worden. In dem gefürchteten Königreich in den Bergen, das seit einem Jahrhundert unser Feind war. Als er vor zehn Monaten zu seiner hytanischen Familie zurückgekehrt war, schien allein mein Blick nicht durch Hass und Borniertheit getrübt. Ich hatte vermocht, in Narian zu sehen, was er wirklich war: ein mutiger junger Mann mit einem unabhängigen Geist, der ohne das geringste eigene Verschulden für so vieles teuer hatte bezahlen müssen. Er konnte nichts an seiner Vergangenheit ändern und auch nicht daran, wie diese strahlenden dunkelblauen Augen mich durchdrangen und gefangen nahmen. Ich vertraute ihm, und er respektierte mich und vertraute mir.

Mit einem tiefen Seufzer und schweren Herzens schlüpfte ich unter meine Decke. Ich beschloss, noch ein wenig zu lesen, in der Hoffnung mich von meinen Erinnerungen abzulenken. Während die Kerze in meiner Laterne langsam herunterbrannte, begannen mir die Augen zuzufallen. Ich schlief mit dem Buch in der Hand ein.

2. VERGELTUNG

»Mylady? Mylady!«

Die Stimme durchdrang meinen Schlummer. Langsam öffnete ich die Augen und drehte mich auf den Rücken, um zu sehen, wer da zu mir gesprochen hatte.

»Verzeiht mir, Eure Hoheit«, murmelte meine blonde Kammerzofe mit dem rundlichen Gesicht. Sahdienne war an der Tür zu meinem Schlafzimmer stehen geblieben.

»Wie spät ist es denn?«, fragte ich und schaute zu den dicken Vorhängen hinüber, die das Sonnenlicht aussperrten.

»Halb zehn, Mylady.«

»Halb zehn?«, wiederholte ich und war mit einem Schlag hellwach. Schwungvoll setzte ich mich auf. »Ich habe verschlafen. Rasch, hilf mir, mich anzuziehen.«

Sahdienne eilte zum Fenster, und ich blinzelte, als das strahlende Tageslicht durch die Scheiben fiel.

»Man hat einen Wachmann mit einer Nachricht geschickt, Eure Majestät«, bemerkte sie zögernd und schien immer noch verlegen, weil sie gewagt hatte, den Schlaf der Königin zu stören, wie lange der auch angedauert haben mochte.

»Und wie lautet diese Nachricht?«

»Ihr möget Euch so schnell als möglich im Wachzimmer des Gardehauptmannes einfinden.«

Erstaunt runzelte ich die Stirn, während Sahdienne schon vor meinem Kleiderschrank stand, um mir bei der Wahl meiner Kleider zu helfen.

»Hat der Bote einen Grund dafür genannt?«

»Nein, Mylady.«

Sie half mir in die Gewänder, die ich ausgesucht hatte, dann bürstete sie mein dunkelbraunes Haar, während ich vor dem Spiegel saß, der auf meiner Frisierkommode stand. Als sie begann, einzelne Strähnen zu einer Hochsteckfrisur zu flechten, scheuchte ich sie ungeduldig fort.

»Dafür ist jetzt keine Zeit. Ich sollte Cannan nicht warten lassen.«

Ohne mich noch mit einem Frühstück aufzuhalten, eilte ich auf den Flur hinaus und verlangsamte meinen Schritt erst, als ich den oberen Absatz der Doppeltreppe erreicht hatte. Dort strich ich meinen Rock glatt und lief ein wenig gemessener die Treppe zu meiner Linken hinunter. Dann ging ich unter der Treppe hindurch, um durch das Vorzimmer den Thronsaal zu betreten. Das Wachzimmer des Gardehauptmanns ging an der östlichen Wand vom Saal ab, und ein Angehöriger der Palastwache klopfte an, als er mich kommen sah. Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete er die Tür, und ich konnte einen Blick hineinwerfen. Die bange Vorahnung, die mich überfiel, als ich sah, wer sich dort gerade unterhielt, ließ mich auf der Schwelle innehalten.

Ich hatte erwartet, dass Cannan mit mir unter vier Augen zu sprechen wünschte, auch wenn ich keine Ahnung hatte, worüber. Doch Steldor, Galen, Destari und mein Vater waren ebenfalls zugegen. Das bedeutete also, dass ich dem Gardehauptmann, dem König, dem Haushofmeister, einem Hauptmannstellvertreter sowie dem ehemaligen König gegenüberstand. Lauter Männer, die nicht nur von eindrucksvoller Statur waren, sondern auch dunkel gekleidet. Nachdem alle noch dazu finstere Gesichter machten, war mir, als würde ich einen Raum voller Gewitterwolken betreten.

Cannan saß hinter seinem Schreibtisch. Er hatte diese Zusammenkunft einberufen. Steldor hatte links von ihm Platz genommen. Alle erhoben sich zum Zeichen ihres Respekts, doch ich blieb, wo ich war, da mich diese Versammlung, über deren Grund ich nichts wusste, einschüchterte.

»Kommt herein, Majestät, und setzt Euch.«

Cannan deutete auf einen freien Holzstuhl direkt vor seinem Schreibtisch, der auf mich nicht einladend, sondern wie ein Platz zum Verhör wirkte. Galen und mein Vater, der, auch wenn er nicht mehr regierte, weiter als König Adrik angesprochen wurde, nahmen auf gleichartigen Stühlen links von mir Platz. Der riesengroße Elitegardist Destari, der zeitweise meinen Leibwächter London ersetzt hatte, stand rechts von mir. Offenbar war er es nicht gewohnt, im Wachzimmer seines Hauptmannes eine auch nur im Geringsten entspannte Haltung einzunehmen. Vater und Sohn hatten sich wieder in den ledergepolsterten Armsesseln niedergelassen, und ich musterte Cannan forschend, weil ich mir keinen Grund vorstellen konnte, aus dem er mich herzitiert hatte. Schließlich wurden in Hytanica in finanziellen, politischen oder militärischen Fragen keine Frauen und nicht einmal die Königin konsultiert.

»Wir haben Steldor über unsere jüngsten Anstrengungen informiert, die Cokyrier am Fluss aufzuhalten«, erläuterte der Hauptmann knapp. »Es ist an der Zeit, ihn über Narians Bedeutung für den Feind in Kenntnis zu setzen.«

Mir verschlug es den Atem, und ich hoffte inständig, mich noch in einem Albtraum zu befinden, denn genau so fühlte es sich für mich an. Ich wollte in Anwesenheit von keinem der versammelten Männer über Narian sprechen. Insbesondere nicht vor meinem Vater und Steldor.

»Bislang ist London nicht nach Hytanica zurückgekehrt«, fuhr Cannan in geschäftsmäßigem Ton fort. »Daher ist es nun an Euch und Destari, uns alles zu erzählen, was Ihr über die Legende vom Blutenden Mond wisst.«

»Dann soll Destari das übernehmen«, stieß ich hervor. »Er weiß mindestens so viel wie ich, wenn nicht sogar mehr über die Legende.«

Ich war mir sicher, dass Cannan mich durchschaute, aber er ging nicht weiter darauf ein, sondern wandte sich an seinen Stellvertreter, auf den sich sogleich auch die Aufmerksamkeit aller übrigen Anwesenden richtete.

»Rührt Euch und berichtet, was Ihr wisst.«

»Ja, Sir. Am Tag des Turniers im vergangenen Oktober traf sich London mit mir und Alera, um eine wichtige Angelegenheit zu besprechen. Er sagte uns, er habe in Bezug auf Narian Verdacht geschöpft und sei nach Cokyri gereist, um dort etwas über dessen Kindheit und Jugend zu erfahren.«

Mein Vater schien von dieser Neuigkeit schockiert, und selbst die Armeeangehörigen waren über Londons wagemutigen und gefährlichen Alleingang offenbar entsetzt. Daraus schloss ich, dass wohl niemand sonst es gewagt hätte, sich in die Festung des Feindes zu begeben.

»Dort«, fuhr Destari mit seiner tiefen, wohltönenden Stimme fort, »entdeckte er die Aufzeichnung einer uralten Legende, nämlich der Legende vom Blutenden Mond, die den Niedergang unseres Reiches prophezeit. Der Bericht wiederholt unseren eigenen Gründungsmythos, wonach unser erster König unser Territorium mit dem Blut seines geopferten kleinen Sohnes geweiht haben soll, um Hytanica dauerhaft vor Feinden zu schützen. Weiter heißt es dort jedoch, dass ein hytanischer Junge unter dem Zeichen des blutenden Mondes zur Welt käme, der mit dem Zeichen dieses Mondes versehen wäre und die Macht besäße, sein Heimatreich zu zerstören.

In den letzten Monaten des Krieges vor siebzehn Jahren stand allnächtlich ein blutroter Mond am Himmel, und die Cokyrier raubten alle neugeborenen Jungen, derer sie habhaft werden konnten. Sie alle wurden getötet. Bis auf einen, nämlich den Jungen, den wir unter dem Namen Narian kennen. Ich bin sicher, dass sich alle Anwesenden an sein ungewöhnliches halbmondförmiges Geburtsmal erinnern, denn nicht zuletzt daran wurde er ja als Sohn von Baron Koranis identifiziert. London glaubt, dass Narian derjenige ist, von dem die Legende erzählt. Und dass Narian vom Overlord mit dem Vorsatz ausgebildet wurde, Hytanica zu zerstören.«

Auf Destaris Bericht folgte ein langes Schweigen, und ich war froh, dass sich alle auf den König zu konzentrieren schienen, der lediglich mit gerunzelter Stirn auf diese Enthüllungen reagierte.

»Wann wurdet Ihr und König Adrik davon in Kenntnis gesetzt?«, fragte Steldor schließlich seinen Vater. Dass London, Destari und ich diese Informationen zunächst für uns behalten hatten, stand ohnehin außer Zweifel.

»Drei Monate später, an dem Tag, als Narian aus Hytanica verschwand«, erwiderte Cannan in sachlichem Ton, und ließ sich nicht anmerken, ob er diese lange Zeitspanne der Unwissenheit missbilligte. »Wir wollten ihn, gleich nachdem wir mit London gesprochen hatten, dazu befragen und mussten feststellen, dass der Junge geflohen war.«

Steldor warf mir einen leicht irritierten Blick zu, wandte sich mit seiner nächsten Frage jedoch an Destari. »Warum hat sich London Alera anvertraut?«

»Weil er nicht glaubte, dass der Hauptmann oder der König nach seiner Entlassung aus dem Dienst seinen Worten noch Glauben schenken würden. Außerdem wollte er sie davor warnen, sich mit dem jungen Mann anzufreunden.«

»Und? Hat sie diese Warnung befolgt?«, presste Steldor mit zornig verengtem Blick hervor. Ich befürchtete, dass er die Antwort darauf bereits kannte.

Destari zögerte einen Augenblick, weil er Steldors grimmiger Miene gewahr wurde, doch dann antwortete er unumwunden.

»Nein, Eure Majestät, das hat sie nicht.«

Ich wollte keinen der Männer in diesem Raum ansehen und konzentrierte mich ganz darauf, meine nervösen Hände ruhig zu halten, denn diese schlechte Angewohnheit hätte mein Unbehagen nur noch deutlicher gemacht. Meine Furcht wuchs sich zu einer regelrechten Panik aus. Ich konnte mich nicht erinnern, mir je verzweifelter gewünscht zu haben, einer prekären Situation zu entfliehen, doch der Hauptmann schien nicht gewillt, mir Aufschub zu gewähren.

»Es ist unerlässlich für uns, zu erfahren, wie es um Narians Loyalität steht. Alera, Ihr scheint ja mit ihm befreundet gewesen zu sein. Was könnt Ihr uns dazu sagen?«

Ich versuchte, mich ganz auf Cannan zu konzentrieren, während ich antwortete. Getrieben von dem Wunsch, diese Unterredung so rasch als möglich zu beenden, sagte ich ihm alles, was ich wusste, so schnell ich konnte, während ich die ganze Zeit über Steldors Blick schmerzlich auf mir fühlte.

»Er sprach selten über sein Leben in Cokyri, aber ich hatte immer den Eindruck, dass es sehr hart gewesen sein muss. Auf alle Fälle weiß ich, dass er nicht dorthin zurückkehren wollte. Einmal sagte er mir, wie sehr es ihm zuwider sei, wenn jemand ihm sein Schicksal vorbestimmen wolle. Zugleich sagte er aber auch, dass es schwer sein würde, sich dem Overlord zu widersetzen, falls er jemals nach Cokyri zurückkäme. Nun, ich glaube jedenfalls, dass er sich der Legende widersetzen wird, falls es in seiner Macht –«

»Er hat mit Euch über den Overlord gesprochen?«

Der Hauptmann hatte meinen Monolog unterbrochen und eine Augenbraue gehoben. Das war das einzige Zeichen des Erstaunens auf dem ansonsten wie immer unbewegten Gesicht dieses Mannes.

»Ja, aber wir haben nicht wirklich über den Overlord gesprochen, er hat ihn nur nebenbei erwähnt.«

»Verstehe.«

Cannan musterte mich einen Moment lang, und mein leerer Magen fühlte sich an, als würde er von einer unsichtbaren Faust zusammengepresst. Unüberlegt hatte ich meine Position noch weiter verschlechtert, denn Narian hatte mit niemand außer mir über sein Verhältnis zum mächtigen Kriegsherrn über Cokyri geredet. Ich war der einzige Mensch, dem Narian sich anvertraut hatte. Nur ich wusste, dass der Overlord sein Lehrmeister gewesen war.

»Dann habt Ihr ihm wohl recht nahegestanden«, konstatierte Cannan schließlich.

Ich warf Destari einen raschen, Hilfe suchenden Blick zu und fürchtete, der Hauptmann würde mein wahres Verhältnis zu Koranis’ Sohn offenbaren, das die Grenzen einer bloßen Freundschaft so deutlich überschritten hatte. Irgendetwas ließ mich hoffen, dass es ihm gelingen könnte, seinen Vorgesetzten von weiterem Nachfragen abzuhalten, doch Cannans Augen fingen meinen Blick auf, und er wandte sich sogleich an seinen Gardisten.

»Ihr wart damals ihr Leibwächter. Welcher Art war die Beziehung der beiden zueinander?«

Destari trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. Er runzelte die dichten schwarzen Brauen über seinen dunklen Augen, und die Tatsache, dass er versuchte, mein Geheimnis zu wahren, hallte geradezu ohrenbetäubend im ganzen Raum wider.

»Sie war seine … engste Vertraute geworden.«

Die Anspannung wuchs weiter, bis es schien, als würde die Luft durch die Türen nach draußen gesogen und keiner könne mehr frei atmen. Steldor war auf seinem Sessel gleichsam erstarrt, seine Kiefer schienen fest zusammengepresst, und ich fürchtete, der in seinen Augen lodernde Hass würde noch das Zimmer in Brand stecken. Galen beobachtete den König aufmerksam. Er schien sich nicht sicher zu sein, worüber sein Freund gerade nachdachte, und einfach besorgt, dass dieser sein berüchtigtes Temperament nicht zu zügeln imstande wäre. Die ansonsten so freundlichen Augen meines Vaters irrten im Raum umher. Zweifellos schien er sich zu fragen, ob er den geradezu lachhaften Schlussfolgerungen glauben sollte, die sein Verstand von allein gezogen hatte.

»Aah …« Cannans einsilbige Äußerung machte mir klar, dass er die Umstände ebenfalls erfasst hatte, doch jeglicher Mut verließ mich vollends, als mir klar wurde, dass er immer noch nicht bereit war, von dem Thema abzulassen. »Und führte diese Freundschaft zu intimem Kontakt?«

Ich spürte, wie ich errötete, da alle Männer außer Cannan ihre Blicke sogleich auf mich richteten. Der Hauptmann wartete auf Destaris Antwort, und als diese ausblieb, wurde seine Miene grimmig. Die Sorge um Destari, der doch nur versuchte, mich zu schützen, zwang mich, das Wort zu ergreifen.

»Narian hatte sich in mich verliebt«, sagte ich leise und mit niedergeschlagenen Augen.

Ich hörte, wie Steldor seinen Sessel geräuschvoll zurückschob, und schaute auf, während er hinter mich trat. Offenbar konnte er meinen Anblick nicht mehr ertragen. Einen Moment lang glaubte ich, er würde aus dem Zimmer stürmen, doch stattdessen lehnte er sich nur an die Glasfront eines Waffenschranks und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. Galen zeigte keinerlei Reaktion auf mein Geständnis, musterte Steldor aber weiterhin aufmerksam. Cannan hatte sich nicht gerührt und schien willens, meine Befragung fortzusetzen, egal wie widerwillig sein Sohn sich dabei verhalten mochte. Die Augen meines Vaters waren ins Leere gerichtet, doch sein Mund stand vor Schreck offen. Ich konnte nur vermuten, dass er sich gerade an ein Gespräch erinnerte, in dessen Verlauf ich ihm zu verstehen gegeben hatte, Narian und ich wären nur Freunde. Wenn dem so war, dann musste er sich jetzt ungemein getäuscht fühlen.

Jetzt, wo die Wahrheit schon heraus war, kam Cannan auf sein ursprüngliches Thema zurück. »Wie verhielt Narian sich in den letzten Wochen vor seiner Flucht?«

Ich machte den Mund auf, um zu antworten, doch dann fiel mir ein, dass London und Destari mich in jener Zeit von Narian ferngehalten hatten. Sie waren dahintergekommen, dass der junge Mann mich spätnachts aus dem Palast geschmuggelt hatte – obwohl Steldor mir damals bereits offiziell den Hof machte –, ohne Wissen und Erlaubnis meines Vaters und natürlich ohne Anstandsdame. Daraufhin hatten sie unseren unziemlichen Eskapaden ein Ende bereitet. Weil ich diese Details jedoch nicht preisgeben mochte, sah ich erneut unschlüssig in Richtung des Elitegardisten. Dabei bemerkte ich, dass unser Benehmen Cannan, der keinerlei Geduld für Spielchen besaß, zu verärgern begann.

»Die Umstände sind zu ernst, um Informationen zurückzuhalten«, warnte der Hauptmann Destari mit düsterer Miene. »Ihr werdet mir sagen, was Ihr wisst, ungeachtet Eures Wunsches, Alera zu decken.«

»Jawohl, Hauptmann«, lenkte Destari ein und zuckte kaum merklich, aber für mich sichtbar entschuldigend mit den Achseln. »In den zwei Wochen bis zu seinem Verschwinden haben London und ich ihren Kontakt zu Narian unterbunden. Wir hielten es für das Beste, wenn sie ihre Beziehung zu ihm beendet. Als sie aus eigener Kraft nicht dazu in der Lage schien, nahmen wir die Sache in die Hand.«

»Dann beruht unsere Hoffnung, dass Narian nicht nach Cokyri zurückkehrt, also auf seiner Beziehung zu Alera«, brachte Cannan das Ganze auf den Punkt. Seine nächste Frage stellte er an mich. »Gibt es irgendetwas, das wir noch wissen sollten, um seine Absichten besser einschätzen zu können?«

Ich ließ den Kopf hängen und war beschämt, dass ausgerechnet dieser Aspekt meines Lebens nun offenbar wurde. Mir war klar, dass – was auch immer ich sagte – meine Lage sich nur verschlechtern konnte.

»Er schwor, dass er mir nie ein Leid zufügen würde, und ich bin überzeugt, dass er sein Wort nicht brechen wird.« Meine Stimme klang schwach, denn ich wollte nicht lauter als nötig reden, nur so, dass der Hauptmann mich verstand. Ich hegte die unsinnige Hoffnung, dass Steldor es vielleicht überhören könnte.

Cannan musterte mich für eine Weile, was mich weiter demoralisierte, und ich hatte keine Vorstellung davon, was er inzwischen denken mochte. Schließlich erhob er sich und deutete auf die Tür.

»Mehr Informationen brauche ich nicht von Euch, Eure Hoheit. Ihr könnt gehen.«

Ich kam ebenfalls auf die Füße und wusste nicht, wen ich gefahrlos ansehen konnte. Mein Vater blickte mit unverhohlener Enttäuschung finster drein. Galens Augen gingen besorgt zwischen dem König und mir hin und her. Destari schien einen Fleck an der Wand zu fixieren und weigerte sich entschlossen, irgendwen oder irgendetwas in dem Raum anzusehen. Cannan, der mit mir fertig war, hatte seine Aufmerksamkeit ganz auf Steldor gerichtet, und schien ebenfalls über das hitzige Temperament seines Sohnes nachzudenken.

Die Männer erhoben sich, als ich auf die Tür zuging, wie es das Protokoll vorschrieb, auch wenn es fraglich war, ob ich ihren Respekt tatsächlich noch genoss. Im letzten Moment, bevor ich die Schwelle zum Thronsaal überschritt, warf ich noch einen Blick auf meinen Ehemann. Das mörderische Funkeln seiner Augen verriet mir überdeutlich, welche Schlüsse er gezogen hatte.

Zögernd blieb ich stehen, nachdem sich die Tür des Wachzimmers hinter mir geschlossen hatte, denn ich wusste nicht, wohin ich mich begeben sollte. Zweier Punkte war ich mir sicher: Steldor würde mich zur Rede stellen, und es gab keine Möglichkeit, ihm zu entrinnen. Seufzend durchquerte ich den Saal, verließ ihn durch das königliche Studierzimmer und nahm schicksalsergeben das private Treppenhaus der königlichen Familie, um zu meinen Gemächern im zweiten Stock zu gelangen. Nun war es offenbar an der Zeit, für meine Sünden zu bezahlen.

Die Stunden schlichen dahin, ohne dass Steldor auftauchte. Ich versuchte, mir die Zeit zu vertreiben, indem ich im Salon las, aber schließlich begab ich mich doch in mein Schlafzimmer, um mich hinzulegen. Die Anspannung verursachte mir schreckliche Kopfschmerzen.

Ich bewohnte jetzt das Zimmer, das zuvor meiner Mutter gehört hatte, aber zumindest hatte ich meine Daunenkissen und die cremefarbene Tagesdecke aus dem Schlafgemach meiner Kindheit mitgebracht. Die damit verbundene Vertrautheit vermittelte mir eine gewisse Geborgenheit, nachdem ich bis auf meine Kleider alles andere zurückgelassen hatte. Ich wünschte, ich hätte auch meine Erinnerungen an Narian so leicht zurücklassen können. Zwar hatte ich hier keinen Balkon mehr, wie in meinem früheren Schlafzimmer, der mich täglich an Narians wiederholte nächtliche Besuche hätte erinnern können, doch die Bilder von ihm in meinem Kopf quälten mich weiterhin grausam und unerbittlich: Seine hypnotisierenden blauen Augen, die mich dazu brachten, ihm meine geheimsten Ängste mitzuteilen; sein dichtes, widerspenstiges Haar, das die Sonnenstrahlen in unzähligen Goldtönen leuchten ließ; sein sanftes Lachen, das meine Seele berührte; sein zurückhaltendes, aber unprätentiöses Benehmen; seine zuversichtliche Beteuerung, ich könne frei über mein Schicksal entscheiden. Ich schauderte bei dem Gedanken an Steldors Haltung mir gegenüber. Er sah in mir nur eine Frau, deren Aufgaben allein darin bestanden, den Haushalt zu beaufsichtigen, gesellschaftliche Ereignisse zu planen und durchzuführen und Kinder großzuziehen. Am wichtigsten schien ihm jedoch zu sein, mich endlich in sein Bett zu bekommen, was meinen Unwillen nur noch vergrößerte. Steldors Blicke verursachten mir Unbehagen, sein überhebliches Lachen ließ mich zusammenzucken und seine Herablassung gipfelte häufig in meiner Demütigung. In Narians Armen hatte ich mich unsagbar glücklich gefühlt, in Steldors kam ich mir vor wie gefangen.

Von Rastlosigkeit geplagt kehrte ich in den Salon zurück und wanderte dort ziellos umher, bis ich schließlich vor der geschlossenen Tür zu Steldors Schlafgemach stehen blieb. Bislang hatte ich es noch nicht betreten – was vor allem daran lag, dass ich seinen Versuchen, mich hineinzulocken, widerstanden hatte. Von Neugier getrieben legte ich eine Hand an die Tür, doch mein wild klopfendes Herz ließ mich innehalten. Ich wusste nicht, was passieren würde, wenn Steldor zurückkehrte, während ich mich in dem Zimmer aufhielt, in das er mich mit allen Mitteln zu bringen versucht hatte.

Wieder durchquerte ich unseren Salon und ließ mich auf das Sofa sinken. Wie eine schwere Bürde lasteten die Probleme meines Lebens auf meinen Schultern. Ich hatte nicht nur Angst, Steldors Schlafzimmer zu betreten, sondern wurde bereits unruhig, wenn wir uns nur gemeinsam in diesem Raum aufhielten. Das einzige unserer Gemächer, in dem ich mich einigermaßen sicher fühlte, war meine Schlafkammer, wobei ich manchmal sogar fürchtete, Steldor würde mich selbst dorthinein verfolgen.

Als der Nachmittag zu Ende ging, siegte schließlich der Hunger, und ich begab mich zum Abendessen mit meiner Familie in unser privates Speisezimmer. Dort traf ich meinen Vater an, allerdings in deutlich trüberer Stimmung als sonst. Während des steifen Tischgesprächs nahm er kaum Blickkontakt zu mir auf, und ich schämte mich über die Maßen. Gerade als wir mit dem Essen fertig waren, tauchte Steldor im Türrahmen auf. Sein Blick richtete sich sogleich auf mich. Sein Auftreten war steif, seine Miene wie versteinert.

»Setzt Euch doch zu uns«, lud meine Mutter ihn mit einem zögerlichen Lächeln ein. »Ich werde die Diener erneut auftragen lassen.«

»Nein danke«, erwiderte er, ohne die Augen von mir zu lassen. »Ich bin nur gekommen, Alera zu holen.«

»Natürlich«, sagte meine Mutter leichthin, obwohl ich ihr ansah, dass sie die Feindseligkeit, die der König ausstrahlte, durchaus spürte.

Ich erhob mich und trat an meinem Gemahl vorbei auf den Flur hinaus, während mein Magen sich verkrampfte. Steldor blieb wortlos hinter mir, während wir in Richtung unserer Gemächer gingen. Ich betrat das Wohnzimmer als Erste, hatte aber kaum die Schwelle überschritten, als er auch schon meinen Arm packte, mich herumwirbelte, sodass ich ihm ins Gesicht sehen musste, und die Tür hinter uns zuschlug.

»Ich glaube, ich habe ein Recht darauf, zu erfahren, wie weit du in deiner Beziehung zu Narian gegangen bist«, sagte er mit frostiger Stimme, während seine Augen wie irr glitzerten.

»Was meint Ihr damit?«, fragte ich vorsichtig, obwohl ich wusste, worum es ihm ging.

»Ich meine«, knurrte er, »ob ich eine Hure geheiratet habe.«

Einen Augenblick lang starrte ich ihn nur an und fühlte mich schrecklich gedemütigt, dann schlug ich ihm mitten ins Gesicht. Meine Hand schmerzte, und ich taumelte zurück. Eiskalte Furcht packte mich, weil ich keine Vorstellung davon hatte, wie er reagieren würde.

Er rieb sich die Wange und schien einen Moment lang schlicht erstaunt, doch dann packte er mich erneut am Oberarm.

»Du hast meine Frage nicht beantwortet«, sagte er voller Verachtung.

Weil ich keine Möglichkeit sah, ihm zu entrinnen, und wusste, dass weiteres Ausweichen seinen Zorn nur vergrößern würde, antwortete ich so vage, wie ich mich eben traute.

»Wir … haben uns geküsst. Das war alles.«

»Ihr habt euch geküsst?« Er legte eine Hand auf meinen Rücken und zog mich an sich, während er mit der anderen ziemlich grob an meinem Körper entlangfuhr. »Habt ihr euch vielleicht auch gestreichelt?«

»Im Gegensatz zu manch anderem war Narian stets ein perfekter Kavalier«, sagte ich bissig und stieß ihn heftig vor seine muskulöse Brust. »Und jetzt lass mich los.«

Aber er hielt mich weiterhin fest, und ich wusste, wie aussichtslos meine Versuche wären, mich loszureißen, falls er mein Flehen ignorierte. Mutig versuchte ich es noch einmal damit, ihn zu beschämen.

»Narian hat mir nie etwas abgerungen, das zu geben ich nicht bereit war!«

»Dann stellt sich die Frage, was zu geben du bereit warst!«

Seine neuerliche Anschuldigung traf mich wieder wie ein Keulenschlag. Ich war mir ganz sicher, dass er mir wehtun und sich nicht mehr darum kümmern würde, ob ich freiwillig in sein Bett käme. Doch da ließ irgendetwas an meinem Anblick ihn innehalten und mich von sich stoßen. Als meine Furcht nachließ, spürte ich die Kränkung in mir aufwallen, und die Worte sprudelten nur so aus mir hervor.

»Ihr habt doch gewiss schon andere Frauen als mich geküsst.«

»Natürlich habe ich das«, sagte er mit einem freudlosen Lachen. »Aber ich habe keiner von ihnen mehr nachgestellt, nachdem ich begonnen hatte, um dich zu werben.«

Seine Wut flammte von Neuem auf, und er machte wieder einen Schritt auf mich zu. Da wurde mir klar, wie dumm es von mir gewesen war, ihn weiter zu provozieren. Instinktiv wich ich zurück, bis ich mit dem Rücken an die Wand stieß.

»Dein Problem ist, Alera«, sagte er hitzig und beugte sich vor, wobei er jeweils eine Hand links und rechts von mir an die Wand legte, »dass du dir den falschen Mann vom Leib gehalten hast.«

Weil ich seinen anklagenden Blick nicht mehr ertrug, wandte ich den Kopf zur Seite. Nach einiger Zeit, die mir wie eine Ewigkeit erschien, stieß er sich von der Wand ab und stolzierte zur Tür. Dort drehte er sich noch ein letztes Mal zu mir um.

»Niemals wirst du mit Narian zusammen sein. Du bist mein und wirst es auf immer bleiben.«

Damit verschwand er im Flur und ließ mich so schwach und zitternd zurück, dass ich meinte, sogleich in Ohnmacht zu fallen. Ich wankte zum Sofa und sank weinend darauf nieder. Mir fiel ein, wie Narian mich einst vor Steldors ungehobeltem Benehmen beschützt hatte. Bestimmt hätte er niemals tatenlos mit angesehen, wie Steldor mich so behandelte. Es war immer schmerzlich, mich an Narian zu erinnern, aber angesichts der Grobheiten meines Ehemannes empfand ich es als doppelt schrecklich.

Ich erhob mich wieder, weil ich so allein und verzweifelt nicht in diesem Raum bleiben wollte. Also verließ ich meine Gemächer und stolperte den Flur hinunter. Dabei senkte ich den Kopf, damit die Wachen und Diener, die mir begegneten, meine geröteten Augen nicht sehen konnten. Vor der Tür meiner Schwester blieb ich stehen und klopfte. Ich bemühte mich, ihren Leibwächter Halias nicht anzusehen, und konnte meine Tränen doch kaum zurückhalten.

Schon einen Augenblick später erschien Miranna auf der Türschwelle. Nachdem sich mich angesehen hatte, zog sie mich herein und nahm mich tröstend in ihre Arme. Danach führte sie mich zum Sofa, und wir schmiegten uns aneinander, während meine Tränenflut losbrach.

»Was ist denn geschehen?«, fragte sie sanft, sobald mein Schluchzen ein wenig nachließ.

»Er war so wütend, Mira«, keuchte ich und begann zu zittern, jedoch nicht vor Kälte, sondern vor Aufregung.

»Steldor?«, riet sie, und ich nickte verzweifelt und setzte mich auf.

»Er … er hat mich eine … eine Hure geheißen.«

»Was?« Miranna schnappte nach Luft und machte große Augen. Sie empfand es als ungeheuerlich, dass man sich einer Dame gegenüber derart äußern konnte.

Weil mir der Gedanke, dass auch alle anderen Männer, die bei der Zusammenkunft anwesend waren, zu diesem Schluss gekommen sein mochten, schier unerträglich war, berichtete ich Miranna eilig die ganze Geschichte, angefangen bei meiner Befragung im Wachzimmer des Hauptmannes.

»Miranna, was müssen jetzt alle von mir denken? Cannan, Galen, Destari? Und Vater. Er hat mich beim Abendessen kaum eines Blickes gewürdigt. Vielleicht halten sie mich alle auch für eine – eine …« Ich verstummte und schlug die Hände vors Gesicht. »Ich schäme mich ja so.«

»Steldor hat das bestimmt nicht so gemeint, Alera. Das kann er gar nicht von dir denken. Es ist einfach – also, wir wissen doch alle, was für ein Hitzkopf er ist. Er wird sich schon beruhigen, und alles wird in Ordnung kommen.« Ihr Ton war so beruhigend, und dazu strich sie mir sanft das Haar aus der Stirn. »Und mach dir keine Gedanken über alle anderen – keiner von ihnen denkt so von dir.«

»Aber ich habe ihn tatsächlich getäuscht. Er wusste bis heute nicht, dass ich ein Verhältnis mit Narian hatte. Ich glaube nicht, dass er mir das je verzeihen wird.« Ich blickte in ihre ernsten blauen Augen und wusste, dass sie die volle Tragweite meiner Worte nicht erfasste. Schließlich wusste sie ja nicht, dass ich Steldor den Beischlaf versagte. Dass ich ihm vorgemacht hatte, für eine körperliche Beziehung noch nicht bereit zu sein, obwohl der wahre Grund für meine Weigerung doch darin lag, dass mein Herz schon einem anderen gehörte. Ich bezweifelte, dass er diesen Betrug je verwinden würde.

»Das hast du wohl, und Narian ist für ihn seit seiner Niederlage bei dem Turnier im vergangenen Jahr ein rotes Tuch.« Nachdenklich wickelte sie eine rotblonde Strähne um die Finger ihrer linken Hand, bevor sie aufmunternd hinzufügte: »Doch ich bin mir sicher, dass er darüber hinwegkommen wird, wenn du dich entschuldigst. Schließlich ist Narian fort, sodass Steldor sich von ihm nicht mehr bedroht fühlen muss.«

»Er macht mir Angst«, gab ich kleinlaut zu, woraufhin sie erneut den Arm um mich legte.

»Aber er hat dich nicht geschlagen, Alera. Obwohl er so wütend war, hat er nicht die Hand gegen dich erhoben. Ich denke also nicht, dass du Angst vor ihm haben musst. – Du hast ihn in schlimmster Verfassung erlebt, und er hat dir kein Haar gekrümmt.«

Ihre Worte waren mir ein gewisser Trost. Ich blieb so lange bei Miranna, wie ich es wagte, denn ich wollte zwar nicht in meine Gemächer zurück, wusste aber zugleich, dass mir gar nichts anderes übrig blieb. Als ich mich vor Müdigkeit kaum noch wach halten konnte, brach ich auf und hoffte verzweifelt, Steldor nicht zu begegnen. Einem weiteren Angriff, egal ob verbal oder handgreiflich, hätte ich vermutlich nicht standgehalten. Erleichtert bemerkte ich jedoch, dass seine Waffen nicht an den Haken am Kamin hingen. Kurz fragte ich mich, wo er sein und wann er zurückkehren mochte. Weil mir nichts ferner lag, als auf ihn zu warten, schleppte ich mich sogleich zu meinem Bett, um meinem erschöpften Körper und meiner geschundenen Seele Ruhe zu gönnen.

3. DER SCHMERZ EINER KÖNIGIN

Als ich am nächsten Tag erwachte, fühlte ich mich verängstigt und ruhelos. Ich spürte das heftige Verlangen in mir, die Grenzen des Palastes und der Stadt hinter mir zu lassen. Meine vormittäglichen Aktivitäten, darunter eine Reihe belangloser Besprechungen mit dem Personal, vermochten meine Stimmung nicht zu bessern. Der Nachmittag würde noch weniger ansprechend, und ich erwog soeben, meine übrigen Verpflichtungen abzusagen, als mich ein Klopfen an der Tür meines Arbeitszimmers aus den Gedanken riss. Ich runzelte die Stirn, denn ich hatte vor dem Mittagessen keinerlei Verabredungen mehr. Dennoch rief ich »Herein«. Zu meinem Erstaunen öffnete Cannan die Tür und blieb vor meinem Schreibtisch stehen. Nervös sprang ich auf, und er grüßte mich mit einer respektvollen, wenn auch nur angedeuteten Verbeugung. Weil ich seinem Blick nicht standzuhalten vermochte, begann ich mit fahrigen Händen, die auf dem Tisch verstreuten Papiere zu stapeln. Dabei quälte mich die Erinnerung an die Demütigung am Vortag.

»Seid ihr wohlauf, Alera?« Cannan betrachtete mich forschend und nahm seine dunklen Augen nicht für einen Moment von meinem immer röter werdenden Gesicht.

Ich nickte und rang um Fassung.

»Wir sollten uns setzen«, sagte er und deutete auf die elegante, sehr feminine Sitzgarnitur, die im hellen Sonnenlicht auf der anderen Seite des Raumes stand. Cannan machte einen Schritt zur Seite, damit ich hinter meinem Schreibtisch hervortreten konnte. Ich warf einen Blick durch das Erkerfenster hinaus in den östlichen Innenhof und meinte förmlich zu spüren, dass die Blumen und Bäume mich zur Flucht aufforderten. Da diese Möglichkeit jedoch ausgeschlossen war, nahm ich auf einem mit rosafarbenem Samt gepolsterten Sessel Platz und fürchtete mich vor dem, was der Hauptmann mir gleich eröffnen würde.

Er hatte sich auf ein cremefarbenes Brokatsofa gesetzt, und seine finstere Miene wie auch sein ernstes Gebaren ließen in mir den Verdacht aufkeimen, ich würde sogleich erneut verhört. Andererseits schöpfte ich aber auch ein wenig Hoffnung, denn wenn er vorhätte, mich zu tadeln, wäre ich wohl eher in sein Arbeitszimmer zitiert worden.

Er ließ einige Zeit verstreichen, und ich überlegte fieberhaft. Wollte er wohl Bedauern über meine Missetaten hören? Erwartete er, dass ich mich rechtfertigte? War er im Auftrag meines Vaters hier? Aber sosehr ich mir auch das Hirn zermarterte, mir fiel kein anderer Grund für seine Anwesenheit ein als die katastrophale Zusammenkunft am Tag zuvor.

Es war Cannan, der schließlich das Gespräch eröffnete.

»Ich weiß, wie hart der gestrige Tag für Euch war«, sagte er, und ich meinte sogar eine Spur Mitgefühl aus seinen Worten herauszuhören. Trotzdem reagierte ich nicht, sondern spielte nur mit den Falten meiner Robe.

»Zweifellos seid Ihr in Sorge wegen der Reaktionen derjenigen, die bei unserem gestrigen Gespräch zugegen waren. Doch dazu habt Ihr keinen Grund.«

Diese Äußerung traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Denn selbst wenn er bislang keinerlei Missbilligung oder Vorwürfe formuliert hatte, so war ich doch auf irgendeine Form von Kritik gefasst gewesen.

»Ich verstehe nicht ganz«, war alles, was ich hervorbrachte.

»Ihr seid die Königin, Alera. Der einzige Mensch, dem Ihr Rechenschaft schuldet, ist der König.«

Immer noch unfähig, die Bedeutung seiner Worte zu erfassen, musste ich sofort an meinen Vater denken, der seit der Zusammenkunft nicht mehr mit mir gesprochen hatte. Mein Bedauern wuchs, während ich mich an die Enttäuschung in seinem Blick erinnerte.

»Aber mein Vater …«, wandte ich ein und war nicht einmal in der Lage, diesen quälenden Gedanken laut auszusprechen.

»Hört mir zu«, hob Cannan noch entschlossener an. »Ihr schuldet Eurem Vater keine Rechenschaft mehr. Ihr seid die Königin, und damit steht Ihr über allen außer Steldor. Euer Vater ist nurmehr einer Eurer Untertanen, und er hat Euch mit dem gleichen Respekt zu begegnen wie alle anderen Bürger Hytanicas.« Er wartete, bis diese Worte in mein Bewusstsein gedrungen waren, bevor er fortfuhr. »Im Leben eines jeden Menschen gibt es Dinge, die er bereut, ob Bauer oder Fürst, Offizier oder König. Ihr seid davon nicht qua Geburt ausgenommen. Doch das ist kein Grund, den Kopf hängen zu lassen – es gibt nichts, wofür Ihr Euch schämen müsstet.«

Danach herrschte für eine Weile Schweigen. Cannans Rat klang vernünftig, auch wenn es mir seltsam vorkam, dass ich im Rang über meinem Vater stehen sollte. Ich blieb dennoch beunruhigt. Einige meiner Sorgen hatte ich Miranna anvertraut, aber sie kannte Steldor nicht genau genug, um mir Ratschläge zu geben. Cannan dagegen konnte mir etwas über das Wesen seines Sohnes sagen. Der Hauptmann musterte mich geduldig, als ob er spürte, dass es da noch etwas gab, das ich gerne mit ihm besprechen würde. Ich beschloss, es zu riskieren, sein Missfallen zu erregen, indem ich das Thema anschnitt.

»Gestern Abend war Steldor so aufgebracht, dass ich nicht einmal weiß, wie ich es beschreiben soll«, begann ich vorsichtig, denn ich wollte keine Einzelheiten über meinen Zusammenstoß mit seinem Sohn preisgeben. »Es fühlte sich fast wie … Hass an. Und war in seiner Intensität geradezu furchterregend.«

Cannan nickte, zeigte aber keinerlei Neugier auf das, was vorgefallen war. Das war für mich ein weiterer Grund, ihm dankbar zu sein.

»Steldor ist bedauerlicherweise für seinen Jähzorn bekannt. Daher hatten Galen und ich einige Mühe, ihn zu besänftigen, bevor er Euch aufsuchte.«

Ich ließ seine Worte auf mich wirken und verschlang meine Finger ineinander. Wollte er mir damit tatsächlich sagen, dass der Tobsuchtsanfall, den ich erlebt hatte, eine schwache Version dessen war, womit ich eigentlich hätte rechnen müssen?

»Steldor hasst Euch nicht, Alera«, versuchte er es erneut und blickte dabei aus dem Fenster, als sei er fasziniert von der Aussicht. Ich schloss daraus jedoch eher, dass seine nächsten Worte von besonderer Bedeutung sein mussten. »Mein Sohn ist ein sehr leidenschaftlicher Mensch, und zwar in vielerlei Hinsicht. Und wenn ein leidenschaftlicher Mensch eine Kränkung erfährt, kann Liebe sich in Form von Wut äußern.«

Etwas an den Worten des Hauptmannes ließ mich aufhorchen, und mir schien, er würde nicht nur von Steldor sprechen, sondern auch von sich selbst. Er hatte mir einst erzählt, dass er in seiner eigenen Jugend große Ähnlichkeit mit Steldor gehabt hatte. Also versuchte ich, mir Cannan so jähzornig, mutwillig und egozentrisch wie meinen Ehemann vorzustellen, doch das erwies sich als ebenso diffizil wie der Versuch, mir Cannans Eigenschaften an Steldor auszumalen.

»Ich erzähle Euch das, damit Ihr ihn besser verstehen könnt, nicht um sein Verhalten zu entschuldigen. Denn auch wenn er Euch verletzt haben mag, so bin ich mir doch sicher, dass es nur durch Worte und nicht durch seine Hand geschehen ist.«

Ich nickte. Cannan kannte seinen Sohn gut. Erleichterung erfasste mich, doch da war noch eine letzte Frage, die ich dem Hauptmann zu stellen wagte, weil er Galen den Vater ersetzt hatte. Nachdem ich wusste, wie nah sich die beiden jungen Männer standen, fürchtete ich, die gerade erst aufblühende Beziehung zwischen Galen und mir irreparabel beschädigt zu haben.

»Und was ist mit Galen? Steldor hat Dinge zu mir gesagt, die er hoffentlich nicht so gemeint hat, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie Galen nicht ebenfalls in den Sinn gekommen sind.«

»Im Gegensatz zur landläufigen Meinung sind Galen und Steldor keine identischen Persönlichkeiten«, sagte Cannan und hob dabei eine Augenbraue. »Wenn Steldor in Rage gerät, neigt er dazu, stets vom Schlimmsten auszugehen. Galen besitzt ein anderes Temperament und unterstellt den Menschen stets die besten Absichten.«

Ich schenkte meinem Schwiegervater ein Lächeln.

»Danke«, sagte ich und empfand in der Tat eine größere Dankbarkeit als ich in Worte zu fassen vermochte, weil er sich die Mühe gemacht hatte, zu mir zu kommen.

Er erhob sich und nickte mir nur leicht zu.

»Nun will ich Euch nicht länger von Eurem Tagwerk abhalten.« Nachdem er schon ein paar Schritte auf die Tür zugegangen war, drehte er sich noch einmal um und teilte mir eine letzte aufmunternde Überlegung mit. »Ich setze großes Vertrauen in Euch, Alera. Ihr werdet meinem Sohn guttun. Wenn Ihr ihm wie bereits in der Vergangenheit verweigert, dass alles nach seinem Kopf geht, wird er am Ende vielleicht sogar ein wenig Demut lernen.«

Bevor ich noch darauf antworten konnte, war Cannan bereits auf den Flur verschwunden und ließ mich verblüfft über seine letzte Bemerkung zurück.

Eilig aß ich mein Mittagessen, eine Gemüsesuppe mit Brot, in meinen Gemächern, nachdem ich es abgelehnt hatte, mich mit meiner Familie in unserem Speisezimmer im zweiten Stock zu Tisch zu setzen. Denn auch wenn sich meine Stimmung durch die Unterhaltung mit dem Hauptmann spürbar gebessert hatte, fühlte ich mich noch nicht bereit, meinem Vater, Steldor oder Galen gegenüberzutreten. Mein Salon war mir zudem eine willkommene Zuflucht vor bohrenden Blicken, weil im ganzen Palast Gerüchte kursierten, wonach der König und die Königin nicht miteinander sprächen.

Nachdem ich gegessen hatte, begab ich mich zurück in mein Studierzimmer, wo ich den Nachmittag mit Arbeit zuzubringen gedachte. Leise lief ich den Flur entlang in Richtung Wendeltreppe, denn ich wollte möglichst keine Aufmerksamkeit erregen. Doch schon hatte eine Palastwache mich entdeckt.

»Eure Hoheit, König Adrik wünscht Euch zu sprechen. Er lässt Euch bitten, ihn in seinem Arbeitszimmer im dritten Stock aufzusuchen.«

Meine Zuversicht, die Cannan mir zurückgegeben hatte, schwand dahin. Ich hatte zwar damit gerechnet, dass mein Vater mich um eine Unterredung bitten würde, doch was mich in deren Verlauf erwartete, konnte ich mir nicht recht vorstellen. Ich brauchte mehr Zeit, um mich zu sammeln und mir irgendwelche Erklärungen zurechtzulegen.

»Lasst meinen Vater doch bitte wissen, dass ich für den Rest des Tages anderweitig beschäftigt sein werde und ihn morgen früh aufsuchen werde.«

Der Wachmann nickte und entfernte sich, um meine Nachricht zu überbringen. Da ich wusste, dass mein Vater nicht erbaut sein und womöglich beschließen würde, mich dennoch zur Rede zu stellen, eilte ich zurück in meine Gemächer. Dabei reifte ein Fluchtplan in meinem Kopf.

Ich wandte mich an die erste Palastwache, die mir begegnete, und wies den Mann an, Lanek, dem Privatsekretär des Königs, mitzuteilen, dass ich unter Kopfschmerzen litte und daher all meine Vereinbarungen für den Nachmittag absagen wolle. Ich wusste, dass Lanek auch den König über meinen Zustand informieren würde. So war zugleich sichergestellt, dass er nicht versuchen würde, mich zu treffen. Auch wenn ich angesichts seiner gegenwärtigen Stimmung bezweifelte, dass eine solche Maßnahme nötig war. Nachdem ich mir also für den Rest des Tages freigenommen hatte, schickte ich einen weiteren Diener zu den königlichen Stallungen. Er sollte den Befehl überbringen, das Lieblingsreitpferd meines Vaters, ein ruhiges und gut ausgebildetes Kavalleriepferd, gesattelt und aufgezäumt ans Tor des großen Innenhofs zu führen. Da der Befehl an den Stall von mir kam, würde niemand argwöhnen, dass nicht mein Vater auszureiten gedachte. Gleichzeitig hoffte ich, schon weit genug von der Stadt entfernt zu sein, bevor jemand meinen ungewöhnlichen Zeitvertreib melden könnte.

Zur Vorbereitung auf meinen Ausflug schlüpfte ich in einen Rock und eine weiße Bluse und band mir das Haar zu einem tiefen Pferdeschwanz, wie Halias, Mirannas schneidiger Leibwächter, ihn zu tragen pflegte. Ich hatte vor, mich so gut es ging als Mann zu verkleiden, um möglichst wenig Verdacht zu erregen, wenn ich hoch zu Ross unterwegs wäre. Allerdings stand ich vor einem Problem, denn natürlich trug kein Mann einen Rock, daher brauchte ich ein Paar Hosen. Leider besaß ich die nicht mehr, die ich benutzt hatte, als Narian mich heimlich das Reiten gelehrt hatte. Für eine hytanische Frau galt eine solche Tätigkeit nämlich als völlig unangemessen. Ich hatte die Hose zur Wäsche der Dienerschaft gegeben, damit man sie nicht fand, als meine Kleider in die neuen Gemächer gebracht wurden. Ihre Entdeckung hätte für jede Menge Klatsch im Palast gesorgt und zahllose Fragen aufgeworfen. Ich runzelte die Stirn, während ich auf eine Lösung sann, denn mir blieb nicht viel Zeit. Mein Verhältnis zu Steldor konnte wahrscheinlich ohnehin nicht schlechter werden, also beschloss ich, mir mit einer seiner Hosen zu behelfen. Ich holte tief Luft, trat an die Tür seines Schlafgemachs und stieß sie auf. Zum ersten Mal warf ich einen Blick in sein privates Refugium.

Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte, doch was ich sah, war eine faszinierende Mischung – einiges entsprach ganz dem Steldor, den ich kannte, anderes überraschte mich. Es gab die üblichen Möbel, die natürlich in maskulinem Stil gehalten waren: ein breites Bett mit Baldachin, gepolsterte Ledersessel am Kamin, eine mächtige Truhe, einen Schrank, zwei große Bücherregale, einen niedrigen Tisch mit Pokalen und Bechern, auf dem, wie ich vermutete, oft Wein- und Bierflaschen standen. Der vertraute Duft meines Ehemannes hing in der Luft, allerdings schwerer als erwartet, wenn man bedachte, dass er das Zimmer schon vor Stunden verlassen hatte. Ich blickte mich um und entdeckte auf dem Kaminsims eine Schale, aus der dieser Geruch aufzusteigen schien. Jetzt begriff ich, dass der Wolfskopf, den er stets als Talisman trug, die gleiche Duftmischung enthalten musste.

Besonders nahm mich die persönliche Note des Raumes gefangen. Im Gegensatz zu dem Eindruck, den ich von ihm hatte, waren die Möbel erstaunlich schlicht, ohne Schnitzereien, und die vorherrschende Farbe war ein dunkles Weinrot – nicht Burgunder, nicht richtig rot, sondern eine Spur wärmer und einladender als diese kräftigen Töne. Boden und Wände waren mit prächtigen Teppichen versehen. Zahlreiche Waffen unterschiedlichster Art und Größe hingen an der Wand über dem Kamin. Die ordentlich einsortierten Bücher deckten die erwarteten Themen ab: Waffenkunde, Falkenjagd, Militärgeschichte und -strategie. Nichts lag unaufgeräumt herum, dennoch wirkte das Zimmer ungezwungen und gemütlich.

Während ich mich umsah, versuchte ich meinen Eindruck mit dem mir bekannten strategisch denkenden Steldor in Einklang zu bringen, und plötzlich begriff ich. Der Raum war natürlich typisch männlich eingerichtet, aber zugleich auch sinnlich und elegant – eben perfekt, um eine Frau in seine Arme zu locken.

Ich durchquerte das Zimmer, trat an den Kleiderschrank und suchte darin, bis ich die Hosen meines Mannes fand. Dann nahm ich eine heraus und zog sie sogleich unter meinen Rock an. Ich nahm mir auch einen seiner Gürtel und hoffte, er würde verhindern, dass mir die Hose bis auf die Knöchel rutschte. Nachdem ich mich ein letztes Mal in dem aufgeräumten Schlafgemach umgesehen hatte, griff ich mir noch eine leere Flasche, füllte sie mit Wasser aus dem Krug und befestigte sie an meinem geliehenen Gürtel. Dann verließ ich Steldors Gemach und presste meinen linken Arm auf den Bauch, um die seltsame Wölbung des Rockes zu kaschieren. Fertig ausgerüstet nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und ging forschen Schrittes über die Flure, um dem Palast, meinem Vater und meiner Demütigung zu entfliehen.

Erst als ich bereits die Tore zum Hof erreicht hatte, begann mein Verhalten Verwirrung zu stiften. So sah der Stallbursche, der den kastanienbraunen Wallach meines Vaters hielt, ziemlich schockiert drein, als ich ihm die Zügel aus der Hand nahm, um das Pferd die Kopfsteinpflastergasse hinunterzuführen, die die Stadt in der Mitte teilte. Natürlich wagte er es nicht, mir eine Frage zu stellen. Genauso wenig wie die ebenso irritierten Palastwachen auf ihrem Posten. Ich vermutete jedoch, dass es nicht lange dauern würde, bis mein Unterfangen meinem Vater, Cannan, Steldor oder Galen zu Ohren käme. Ich zog das Tier rasch in eine Seitengasse des Marktviertels, wo ich hastig meinen Rock abstreifte und zwischen zwei Läden liegen ließ. Dann bestieg ich das große, aber ruhige Pferd und ritt mit ihm auf die belebte Durchgangsstraße zurück.

Obwohl ich über drei Monate lang auf keinem Pferd mehr gesessen hatte, brauchte ich nicht lange, um mich im Sattel wieder sicher zu fühlen. Ohne einen Blick zurück trieb ich mein Reittier zu einem leichten Trab an, um rasch Distanz zwischen mich und den Palast und mögliche Verfolger zu bringen.

Die Stadt summte vor Geschäftigkeit, während ich dahintrabte, und ich begann die Freiheit zu genießen, die ich mir erschlichen hatte, und hoffte, sie würde nicht von zu kurzer Dauer sein. Die nachmittägliche Maisonne wärmte mich angenehm, aber mir war klar, dass es gegen Abend wieder merklich abkühlen würde und ich daher rechtzeitig zum Palast zurückkehren sollte.

Meine dürftige Tarnung war nicht sehr überzeugend, denn ich zog ungläubige Blicke auf mich. Einige Passanten mussten zweimal hinsehen, dann verneigten sich manche erstaunt oder knicksten vor ihrer Königin. Als ich das Tor in der Stadtmauer erreichte, spürte ich die fragenden Blicke der Wachposten auf mir, aber auch hier wagte niemand, mich zur Rede zu stellen, und ich ritt ungehindert unter dem hochgezogenen Eisengitter hindurch. Die Reaktion der Wachen war mir gleichgültig. Nur die Wahrscheinlichkeit, mit der sie den König informieren würden, beschäftigte mich. Daher trieb ich mein Pferd zu einem leichten Galopp an.

Inzwischen hatte ich mir auch ein Ziel für meinen Ausritt überlegt. Ich lenkte den Wallach Richtung Osten von der Hauptstraße auf einen schmaleren Weg, an dem das Landgut von Baron Koranis lag. In eineinhalb Stunden konnte ich dort sein. Auch wenn London schon seit zehn Tagen unterwegs war, um Narian zu suchen, so wollte ich den Landsitz doch gerne selbst aufsuchen. Immerhin bestand eine ganz geringe Chance, dass er doch auf das Anwesen seiner Familie zurückgekehrt war. Koranis war vom Landgut in seine Stadtvilla gezogen, nachdem die Cokyrier begonnen hatten, unsere Grenzen zu bedrohen. Ich wusste, dass Narian in der Lage wäre, sich von unseren Patrouillen unbemerkt auf dem Anwesen seines Vaters aufzuhalten, wenn er es wollte.

Ich wünschte, möglichst rasch an mein Ziel zu gelangen, doch das Pferd meines Vaters schien es keineswegs eilig zu haben und weigerte sich, das von mir geforderte Tempo beizubehalten. Ständig verfiel es in einen schaukelnden, unbequemen Trott. Während ich mich noch über das sture Tier ärgerte, vernahm ich das Geräusch näher kommender Hufe, auch wenn es eine Weile dauerte, bis mir klar wurde, dass mir offenbar ein Reiter folgte. Ich blickte über die Schulter zurück und erkannte sogleich den kräftigen grauen Hengst. Ein Stöhnen entfuhr mir, denn wenn Steldor mir höchstpersönlich folgte, musste er schon ziemlich aufgebracht sein. Ich weigerte mich jedoch zu reagieren und ritt verbissen weiter die Straße entlang. Was für eine Enttäuschung, dass er mich so rasch aufgespürt hatte. Es war noch nicht einmal eine Stunde her, dass ich den Palast verlassen hatte, und schon hatte er mich eingeholt.

Steldor ritt an mir vorbei und ließ sein Ross abrupt vor meinem deutlich kleineren Wallach zum Stehen kommen, worauf der Hengst Anstalten machte, aus Protest zu steigen. Er schien den Ausritt genossen zu haben, und gab durch Herumwerfen seines Kopfes und mehrmaliges Schnauben zu verstehen, dass er ihn nur zu gern fortsetzen wollte. Irritiert versuchte ich sogleich, mein Reittier von ihm wegzuleiten, doch Steldor beugte sich vor und griff sich meine Zügel.

»Lasst mein Pferd los!«, befahl ich ihm aufgebracht und war doch zugleich auf der Hut vor dem riesigen, kraftstrotzenden Tier und seinem Reiter.

»Nein«, fuhr Steldor mich an. »Ihr kehrt mit mir um.«

Mit meinen Zügeln fest im Griff brachte er seinen Hengst dazu, in Richtung der Stadt zu wenden, und mein Pferd folgte ihm gehorsam. Getrieben vom Unwillen, mich ihm zu beugen, rutschte ich vom Rücken meines Tieres.

»Ich denke nicht, dass ich jetzt schon zurückkehren werde, Eure Majestät«, erklärte ich verwegen.

Mit einem entnervten Seufzer sprang auch er vom Pferd und trat auf mich zu. Dabei nahm er meine seltsame Aufmachung näher in Augenschein.

»Was treibst du hier eigentlich?«, fragte er und blieb wie angewurzelt stehen. »Mitten im Niemandsland, mutterseelenallein, angezogen wie ein Mann und dann auch noch auf dem Pferd deines Vaters! Hast du den Verstand verloren?« Er musterte mich genauer und sein Staunen verwandelte sich in Missmut. »Sag mal, wo hast du den Gürtel und die Hose her?« Als ihm die Erkenntnis dämmerte, fügte er noch sarkastisch hinzu: »Was für ein Pech, dass du ausgerechnet als ich nicht zugegen war, beschlossen hast, in meine Hose zu schlüpfen.«

Meine Wangen glühten vor Scham über diese freche Bemerkung, und hätte ich ein Stück näher bei ihm gestanden, hätte ich ihn wahrscheinlich zum zweiten Mal geohrfeigt. Gleichzeitig wusste ich jedoch, dass ich tatsächlich einen seltsamen Aufzug bot.

»Ich wollte nur ein wenig ausreiten. Schließlich habe ich wohl ein Recht auf etwas frische Luft«, erklärte ich trotzig und stemmte die Hände in die Hüften.

Steldor gab ein kurzes, höhnisches Lachen von sich. »Auf diese Weise sicher nicht. Und jetzt steig auf das Pferd.«

Aufgebracht über seinen diktatorischen Tonfall drehte ich mich weg, ohne auch nur einen Moment über seine mögliche Reaktion nachzudenken. Ich schlug wieder meine ursprüngliche Richtung ein, und machte mir keinerlei Gedanken darüber, dass ich mein Transportmittel zurückließ. Es dauerte nicht lange, bis ich die Sohlen seiner Stiefel auf dem steinigen Boden hörte, und mein Nacken prickelte warnend. Bevor ich noch darüber nachdenken konnte, wie ich mit ihm umgehen sollte, war er auch schon vor mir und hinderte mich am Weitergehen.

»Du wirst auf der Stelle mit mir zurückkommen«, knurrte er und hatte den Unterkiefer entschlossen vorgeschoben.

»Nein, das werde ich nicht!«

Er fuhr sich mit beiden Händen durch seine tief dunkelbraunen Haare, und ich erwartete fast, dass er vor Wut losbrüllen würde. Doch er machte nur einen Schritt auf mich zu, schlang einen Arm um meine Taille, zog mich an sich und warf mich mit finsterem Blick über seine Schulter. Dann stapfte er zu den Pferden zurück.

»Lass mich runter!«, kreischte ich und wehrte mich heftig, doch er reagierte nicht einmal. Auch wenn ich mich nicht befreien konnte, schrie ich weiter und strampelte mit den Beinen, bis ich dazu überging, mit den Fäusten auf seinen Rücken zu trommeln, um es ihm wenigstens so schwer wie nur möglich zu machen.

Als wir die Pferde erreicht hatten, wuchtete er mich in seinen Sattel und ließ mich kurz los, um selbst aufzusteigen. Ich nutzte diese kleine Gelegenheit und schwang ein Bein über die Mähne des Hengstes, um auf der anderen Seite wieder herunterzuspringen. Dummerweise hatte Steldor sich in diesem Moment jedoch bereits auf den Pferderücken geschwungen und packte mich mit einem Arm um die Brust. In dem verzweifelten Versuch, ihn abzuschütteln, senkte ich den Kopf und schlug meine Zähne, so fest ich konnte, in seinen Unterarm.

Er schrie vor Schmerz laut auf und ließ mich sofort los. Ich landete ziemlich würdelos auf dem Boden, rappelte mich triumphierend auf und blickte zu meinem Ehemann hoch, der ungläubig staunend seine Wunde untersuchte. Es schien ihm die Sprache verschlagen zu haben, und mir wurde bewusst, dass ich damit zum zweiten Mal innerhalb von eineinhalb Tagen handgreiflich gegen ihn geworden war. Während Blut von seinem Arm tröpfelte, funkelte er mich böse an und zitterte fast vor Zorn. Mühsam fand er seine Stimme und die entsprechende Lautstärke wieder.

»Na schön!«, brüllte er so laut, dass das träge Pferd meines Vaters hochschreckte und scheute. »Dann bleib eben hier! Aber ich werde die Pferde mitnehmen. Du hast also die Wahl: Entweder du steigst sofort auf deinen verdammten Gaul oder du läufst zu Fuß nach Hause!«

»Der perfekte Tag für einen Spaziergang!«, erwiderte ich und verkündete damit meine Entscheidung, wie klug oder unklug sie auch sein mochte. Danach wartete ich seine Antwort nicht mehr ab, sondern marschierte sogleich in Richtung von Koranis’ Gut davon. Ich sah mich nicht mehr um, aber ich hörte Steldors Pferd vor Begeisterung wiehern, weil es erneut losstürmen durfte, während das meines Vaters offenbar unter Protest hinterherstapfte.

Die Entfernung, die mich von meinem Ziel trennte, war größer als ich sie in Erinnerung gehabt hatte, allerdings war ich bei meinen früheren Besuchen auch in einer Kutsche, also ohne jegliche körperliche Anstrengung gereist. An diesem Tag hatte das Pferd meines Vaters mich etwas weniger als die halbe Strecke getragen. Zu Fuß würde ich für den Rest vermutlich etwa drei Stunden benötigen. Dabei war es natürlich absurd anzunehmen, ich könnte das gegenwärtige Tempo beibehalten und keine Pause brauchen. Dennoch war meine Entscheidung gefallen, und ich setzte meinen Weg resolut fort. Ich würde Steldor nicht die Genugtuung verschaffen, dass es ihm gelungen war, mir meinen Ausflug zu verderben, und ich würde auch nicht schmählich besiegt in den Palast zurückkehren.

Während ich weiterlief, schien der Boden unter meinen Füßen immer härter und jedes Auftreten schmerzhafter zu werden. In meinen Beinen spürte ich bereits die ungewohnte Anstrengung. Mit einem freudlosen Lachen erkannte ich, wie schlecht meine dünn besohlten Lederschuhe und meine ganze Konstitution sich für diese Betätigung eigneten. Nachdem eine Stunde vergangen war, hätte ich mich am liebsten auf die Straße gelegt und auf einen Bauern gewartet, der mich aufsammeln und zum Palast zurückbringen würde. Aber ich war mir ziemlich sicher, in dieser Gegend Hytanicas niemand zu begegnen, denn die Bedrohung unserer Grenzen durch die Cokyrier hatte dazu geführt, dass nur noch die Felder, die in sicherer Nähe zur Stadt lagen, bestellt wurden. So erblickte ich links und rechts von mir nur aufgelassene Felder, und den letzten Bauern hatte ich schon vor langer Zeit auf meinem Weg gesehen. Meine einzige Hoffnung war, dass Steldor jemand nach mir schicken würde, doch diese Hoffnung war ziemlich schwach ausgeprägt. Ich hatte ihn wütend und blutend zurückgelassen, und es schien mir unwahrscheinlich, dass er nachsichtig genug wäre, eine Wache zu schicken, die nach mir suchte.

Ich stolperte weiter, während meine Glieder beständig schwerer wurden. Einige Male musste ich meinen brennenden Durst stillen. Ich lobte meine Umsicht, die Wasserflasche mitgenommen zu haben, doch gleichzeitig wünschte ich mir, ich hätte auch etwas zu essen eingepackt. Mein Magen knurrte immer heftiger, aber mir blieb nichts anderes übrig, als ihn zu ignorieren.

Zum Glück war es nicht besonders heiß, denn jetzt im Frühling brannte die Sonne noch nicht so intensiv wie im Juni oder Juli. Daher würde es aber auch rasch kälter werden, wenn der Tag zur Neige ging. Mir graute davor, was dann mit mir wäre, denn ich hatte keinen Umhang mitgenommen. Mit einem Seufzer der Erleichterung fiel mir ein, dass es in Koranis’ Haus gewiss Decken und Vorräte geben würde.

Ich wanderte noch eine Stunde, bevor ich unter einem großen Schatten spendenden Baum neben der Straße Rast machte. Ich setzte mich mit dem Rücken an seinen Stamm und presste eine Hand gegen meine heiße, feuchte Stirn. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zuletzt derart geschwitzt hatte. Meine Beine schmerzten, und ich rieb sie vorsichtig, um die Muskeln ein wenig zu lockern, was jedoch wenig nützte.

Nach etwa einer Viertelstunde erhob ich mich stöhnend und nahm meinen Marsch wieder auf. Ich glaubte, es bis Einbruch der Dämmerung zu Koranis zu schaffen, aber ich hatte keine Zeit zu verlieren, denn ganz sicher war ich mir bei der Einschätzung der Wegstrecke, die noch vor mir lag, nicht. Meine Furcht wuchs, je länger die Schatten wurden, denn es war längst zu spät, um wieder in die sichere, freundliche Stadt zurückzukehren. Ich versuchte, nicht weiter nachzudenken, und konzentrierte mich auf den Boden unter meinen Füßen.

Mit großer Erleichterung erblickte ich beim Hochschauen irgendwann Koranis’ zweistöckiges Landhaus in der Ferne. Es sah jedoch in seinem unbewohnten Zustand seltsam leblos aus, und die vernachlässigten Grünflächen hatten etwas Trauriges an sich. Dennoch strahlte es Trost und Sicherheit aus. Ich war erschöpft, meine Schuhwerk zerlumpt, und meine Füße schmerzten bei jedem Schritt. Mein Magen knurrte laut und die Wasserflasche war schon seit einer halben Stunde leer.

Die Wanderung hatte über eine Stunde länger gedauert, als ich dafür veranschlagt hatte. In derart elender Verfassung war ich noch nie gewesen. Ich stolperte den Weg zum Haupteingang entlang. Ich drückte die Klinke und musste feststellen, dass die Tür verschlossen war. Daraufhin stieß ich einen Schrei der Hoffnungslosigkeit aus. Ich widerstand der Versuchung, an Ort und Stelle zusammenzubrechen, und humpelte stattdessen auf die Rückseite des Gebäudes zum Hintereingang, der jedoch ebenfalls fest versperrt war. Ich rüttelte an der Tür, die natürlich nicht nachgab. Da lehnte ich mich gegen sie und brach in Tränen aus. Ich war mir so sicher gewesen, dass meine Pein ein Ende haben würde, sobald mein Ziel erreicht war. Doch nun fühlte ich mich schrecklich verlassen und allein. Ich sank auf den Stufen nieder, vergrub mein Gesicht in den Armen und wusste, dass mein Weinen nur Ausdruck meiner Verzweiflung war, denn hier war weit und breit niemand, der mich hätte hören und mir helfen können.

Ich merkte gar nicht, wie die Zeit verging, bis mein trockener Hals in mir das Bedürfnis nach etwas zu trinken weckte. Als ich den Kopf hob, sah ich das violett-bläuliche Abendrot am Himmel. Bald würde die Dunkelheit hereinbrechen, und ich sollte mich lieber beeilen, wenn ich zuvor meine Flasche noch am Fluss füllen wollte. Danach würde ich zum Haus zurückkehren, denn ich vertraute darauf, dass Steldor nicht so rachsüchtig wäre, mich die Nacht hier verbringen zu lassen.

Auch wenn meine Beine und Füße schrecklich schmerzten, machte ich mich auf den Weg den Hügel hinunter, auf dem das Landhaus stand, und Richtung Waldrand. Dort fand ich mühelos den Pfad, den ich oft mit Semari, Miranna und gelegentlich auch Narian entlangspaziert war. Ich folgte seinen Windungen und stolperte hin und wieder über eine Baumwurzel, die schon im Schatten verborgen lag. Schließlich erreichte ich die kleine Lichtung, die an den Recorah grenzte. Rasch kniete ich mich ans Flussufer und spritzte mir von dem erfrischenden Nass ins Gesicht, um die Spuren von Schweiß und Tränen abzuwaschen. Danach trank ich aus meinen gewölbten Händen. Das Wasser war kalt, und nachdem ich meine Flasche gefüllt hatte, setzte ich mich wieder und tauchte meine geschwollenen Füße mitsamt den zerfetzten Schuhen in die wirbelnden Strudel. Sofort spürte ich, wie die Strömung daran zerrte, und war überrascht von der Kraft des Wassers, selbst so nah am Ufer. Die Kühle brachte mir sogleich willkommene Erleichterung.

Als die Sonne unterging, wurde die Luft auf einen Schlag spürbar kalt, und ein Schauder lief mir über den Rücken. Ich wusste, dass ich besser zum Haus zurückkehrte, doch ich konnte mich einfach nicht dazu aufraffen, denn die Erinnerungen, die mich an diesem Ort überfielen, ließen sich nicht verdrängen. Also spähte ich den Fluss hinunter und entdeckte die Stelle, an der Narian mich im vergangenen Sommer nach meinem Sturz ins wirbelnde Wasser gerettet und dabei zum ersten Mal in die Arme genommen hatte. Meine Kehle schnürte sich zu, und ich biss mir auf die Lippen, um die Gefühle zurückzuhalten, die in mir aufwallten. Schließlich stand ich auf und ging vorsichtig zu den großen Felsen. Dort kletterte ich in sicherer Entfernung zum Wasser hinauf. Denn diesmal wäre Narian nicht zugegen, um mich herauszuziehen.

Ich schaute über den Recorah, und meine Ohren waren erfüllt vom Rauschen und Donnern des mächtigen Stroms, der über Felsen und umgestürzte Bäume dahinstürzte. Die vereinzelten Bäume am gegenüberliegenden Ufer wirkten im schwindenden Tageslicht wie unheimliche Wächter. Ein Stück weit dahinter erblickte ich in einiger Entfernung die Lagerfeuer der Cokyrier. Es fühlte sich seltsam an, ihnen so nah zu sein, dass ich sehen konnte, wo die Feinde Hytanicas aßen und schliefen und auf den rechten Moment zum Angriff warteten. Der Gedanke, dass ich aufgrund der Nähe zu den feindlichen Linien in Gefahr sein mochte, kam mir kurz in den Sinn, aber der Abend schien so ruhig, und die Cokyrier hatten sich offenbar auf eine friedliche Nacht eingestellt.

Ein Geräusch aus dem Wald erschreckte mich, und auf einen Schlag fühlte ich mich kein bisschen mehr sicher. Das war nur ein Tier, versuchte ich mich selbst zu beruhigen. Doch dann machte ich mir sofort klar, dass auch ein wildes Tier durchaus ein Grund zur Beunruhigung war. Ich hatte zwar nie viel Zeit in den Wäldern verbracht, aber ich wusste, dass dort Wildschweine und Bären hausten. Was, wenn so ein Tier mich angriff? Instinktiv wäre ich am liebsten auf dem Felsen in Richtung Fluss zurückgewichen, doch die Gefahr, die dort auf mich lauerte, war vermutlich größer als die Bedrohung durch welches Tier auch immer, das hinter den Bäumen lauerte. Als sich das Geräusch nicht wiederholte, begann meine Anspannung nachzulassen. Dafür fiel mir ein, dass ich eben diesen Wald durchqueren musste, um zurück zum Haus des Barons zu gelangen.

4. SCHUTZLOS

Ich kletterte eilig von den Felsen herunter, um den Rückweg durch den Wald anzutreten. Dabei stellte ich fest, dass es in dem dämmrigen Licht deutlich schwerer war, den Pfad überhaupt zu erkennen. Ich zögerte, weil es mir widerstrebte, zwischen den Bäumen hindurchzugehen, aber schließlich konnte ich die Nacht nicht schutzlos an den Ufern des Recorah verbringen. Weil mir gar keine andere Wahl blieb, tappte ich zurück zum Landhaus des Barons und hatte dabei das Gefühl, der Wald würde immer dichter und spanne ein Netz aus Dunkelheit um mich.

Im Gehen verschwendete ich keinen Gedanken mehr an meine wunden Füße, dafür erschien mir jedes Geräusch – jeder knackende Zweig, jeder Ruf einer Eule – verdächtig und ließ meinen Puls rasen. Ich hielt durch, auch wenn meine Furcht die Geräusche der Nacht verstärkten, und kam, obwohl ich mich vorsichtig bewegte, um auf dem unebenen Gelände nicht zu stürzen, recht gut voran. Gerade als etwas mehr Mondlicht durch die Dunkelheit drang, weil der Wald sich lichtete, legte sich eine Hand fest auf meinen Mund. Ich konnte weder atmen noch schreien, und eisiger Schrecken ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. So fiel ich rücklings gegen eine muskulöse Brust. Dann spürte ich, wie sich kalter Stahl an die zarte Haut meines Halses presste.

»Wenn ich dreimal geblinzelt habe, hast du mir erklärt, was du hier treibst«, knurrte eine Männerstimme direkt in mein Ohr. Die Hand wurde von meinem Mund genommen und packte mich fest am Oberarm.

Den Tod in Gestalt einer Messerklinge vor Augen und gepeinigt von der Vorstellung, mein eigenes Blut über meine Brust laufen zu sehen, presste ich wenige Worte hervor.

»I-ich habe mich verlaufen«, keuchte ich. »Bitte tut mir nichts!«

Einen schrecklichen Augenblick lang war es ganz still. Dann spürte ich, wie der Dolch von meinem Hals genommen wurde.

»Alera?«

Die Stimme des Mannes klang ungläubig, aber ich hatte zu große Angst, um darüber nachzudenken. Verzweifelt versuchte ich, mich loszumachen, und beachtete zunächst gar nicht, dass der Mann meinen Namen kannte. Da packte er mich mit seiner anderen Hand und drehte mich herum.

»Bitte, ich flehe Euch an, lasst mich gehen«, bettelte ich und fürchtete nicht nur um mein Leben. Ich wehrte mich heftig und wollte meinem Häscher nicht einmal ins Gesicht sehen.

»Alera, schau mich an.«

Als er erneut meinen Namen sagte, brachte seine Stimme mich dazu, meine Gegenwehr einzustellen. Ich nahm all meinen Mut zusammen und blickte auf. Dort sah ich widerspenstige silberne Stirnfransen über vertrauten Augen, von denen ich selbst im Dunkeln wusste, dass sie indigofarben waren. Da ließ ich mich, schwindelig vor Erleichterung, in seine Arme fallen.

Der Mann, der die meiste Zeit meines Lebens mein Leibwächter gewesen war, hob mich auf seine Arme und trug mich aus dem Wald hinaus und den Hügel hinauf. Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter. Zwar war ich müde, unterkühlt und hungrig, aber unendlich dankbar für seine Gegenwart, denn mit ihm an meiner Seite konnte mir nichts mehr zustoßen. Als wir das Haus erreicht hatten, setzte er mich so ab, dass ich mich mit dem Rücken an eine Mauer lehnen konnte. Ein Schauder überlief mich, was ihm nicht entging.

»Nimm das hier«, sagte er, zog sein Lederwams aus und hängte es um meine Schultern. Das vertraute Kleidungsstück, das er über einem weißen Hemd getragen hatte, hielt noch die Wärme seines Körpers, und ich kuschelte mich dankbar hinein. Ich empfand selbst den Geruch als tröstlich. Die Weste roch nach Leder, Wald, Lagerfeuer – kurz gesagt: nach London.

»Iss das hier«, fügte der noch knapp hinzu und drückte mir etwas in die Hand, das er aus einem Beutel an seinem Gürtel geholt hatte.

Mein Magen knurrte schon bei der Vorstellung, gleich Essen auf meiner Zunge zu spüren, und ich stopfte mir, was auch immer es sein mochte, in den Mund. Es war zäh und trocken, offenbar typischer Soldatenproviant, doch das war mir egal.

»Ich möchte, dass du hier auf mich wartest.« London sprach mit leiser Stimme, die jedoch keinen Widerspruch duldete. »Ich werde nur kurz fort sein.«

Ich nickte, weil ich ohnedies viel zu erschöpft war, um irgendwelche Fragen zu stellen. Er musterte mich einen Augenblick lang, wirkte ausnahmsweise zögerlich und ließ sich dann vor mir auf ein Knie sinken, um einen Dolch aus seinem Stiefel zu ziehen, den er mir in die Hand drückte. Danach strich er mir noch kurz, aber aufmunternd über die Wange, bevor er rechts von mir die ganze Länge des Hauses abschritt und dabei die baulichen Gegebenheiten studierte. Schließlich hörte ich Glas splittern, weil er offenbar mit dem Knauf seines Schwerts eine Scheibe eingeschlagen hatte. Danach verschwand er aus meinem Blickfeld.

Während ich auf Londons Rückkehr wartete, überwältigte mich erneut die Angst. Warum hatte er mir eine Waffe gegeben? War ich allein hier draußen tatsächlich in Gefahr? Weil ich einer Ablenkung bedurfte, kniff ich in der Dunkelheit die Augen ein wenig zusammen und versuchte, bis zu meinen Füßen zu sehen. Meine Schuhe waren weitgehend zerstört, und die zum Teil hervorschauende Haut rot vor Kälte und mit Blasen übersät. Ich lehnte den Kopf an die Hausmauer und fühlte mich vor Wut über meine Dummheit ganz krank. Hoffentlich käme London bald zurück. Ich wäre fast aufgesprungen, um zu fliehen, als ich seine Hand an meiner Schulter spürte. Es mochte entweder an meiner Müdigkeit oder an seinen Fähigkeiten als Späher liegen, dass ich ihn nicht kommen gehört hatte.

»Kannst du laufen oder brauchst du Hilfe?«, fragte er, kniete sich erneut vor mich hin und warf einen Blick auf meine Schuhe.

»Wo gehen wir denn hin?«, sagte ich und vermochte ein leichtes Zittern in meiner Stimme nicht zu unterdrücken.

London versuchte gar nicht erst, das Gespräch fortzusetzen, sondern begriff meine Schwierigkeiten beim Sprechen sogleich als Zeichen der Erschöpfung. Er hob mich auf und trug mich zur Vorderseite des Hauses.

Dort öffnete er die Tür, die er offenbar von innen entriegelt hatte, und trug mich zu einem bequemen Sessel im Salon. Ich warf einen Blick auf die Möbel, die mir trotz der herrschenden Dunkelheit vertraut waren. Wie sehnte ich mich nach einem Bediensteten, der Tee servierte, wie ich es in diesen Mauern so oft erlebt hatte. London verließ mich noch einmal, kehrte aber rasch mit einer Decke aus einem der Schlafgemächer zurück.

»Hier drinnen bist du sicherer als draußen«, erklärte er und hüllte mich in die Decke. »Ich muss noch einmal in den Wald zurück, um mein Pferd zu holen.«

Er trat zu dem Rundbogen, der den Salon mit dem Vorraum verband, und warf noch einen Blick zu mir zurück.

»Halte den Dolch bereit, nur für alle Fälle …«

Ich schloss die Augen und wollte mich lediglich einige Augenblicke ausruhen, doch ich erwachte erst wieder, als London mich sanft rüttelte. Er nahm mir den Dolch aus der Hand und schob ihn wieder in seinen Stiefel, während ich Mühe hatte, mich zu orientieren. Da hob er mich auch schon wieder auf seine Arme und trug mich durch die Haustür hinaus zu seinem Pferd. Er setzte mich mitsamt der Decke in den Sattel und schwang sich hinter mich, so wie auch Steldor es vor scheinbar endlos langer Zeit getan hatte.

Während er die Zügel aufnahm, murmelte er: »Sobald wir von hier fort sind, bist du mir eine Erklärung schuldig.« Er drückte die Fersen in die Flanken der Stute, und als wir in scharfem Galopp lospreschten, wurde ich gegen ihn geworfen.

Wir hielten uns von den Straßen und Wegen fern, blieben stets in der Deckung des Waldsaums und näherten uns der Stadt in großem Bogen. Ich sagte kein Wort, nicht einmal als London unser Reittier in den Wald und einen ziemlich steilen Hügel hinauflenkte. Das kräftige Tier wich allen Bäumen aus, die in der undurchdringlichen Finsternis wie aus dem Nichts vor uns aufzutauchen schienen. Als das Gelände wieder flacher wurde, zügelte er die Stute, und ich entdeckte vor uns eine höhlenartige Vertiefung im Fels. Schockiert erkannte ich, dass wir in die Ausläufer des Niñeyre-Gebirges geritten waren. Diese Gegend hatte man mir nie zu erkunden erlaubt, zum einen weil ich eine Frau war, zum anderen weil der Feind diese öde Hochebene im Norden und Osten unserer Grenzen für sich beanspruchte. Obwohl das felsige Gelände und der südlich davon verlaufende Recorah uns von Cokyri trennten, hatte mein vorsichtiger Vater meiner Schwester und mir nie erlaubt, diesen Teil unseres Reiches kennenzulernen.

London glitt vom Pferderücken, landete geräuschlos auf dem Waldboden und streckte dann seine Hände nach mir aus. Ich schüttelte den Kopf, weil ich nicht völlig hilflos erscheinen wollte, und sprang allein ab. Doch diese Entscheidung bedauerte ich sofort. In dem Moment als meine Füße den Boden berührten, verzog ich das Gesicht vor Schmerz und biss die Zähne zusammen, um nicht laut aufzuschreien.

Er bedeutete mir, als Erste in die Höhle zu treten, und band sein Pferd dicht davor an. Dann verschwand er kurz aus meinem Blickfeld, tauchte aber bald mit einem Armvoll trockener Zweige wieder auf. Er brachte das Holz in die Mitte unseres Unterschlupfs und zündete es mithilfe seines Feuersteins an. Es gab nicht viel Platz, gerade genug für zwei Leute, doch das machte mir nichts aus, denn das Licht des Feuers und die angenehme Wärme wurden so geradezu behaglich eingefangen.

Mein ehemaliger Leibwächter und ich saßen einander jetzt gegenüber. In seinem forschenden Blick spiegelten sich die lodernden Flammen, und ich zog die Decke enger um mich, als könne ich so die Fragen abwehren, die er mir unweigerlich stellen würde.

»Möchtest du mir erzählen, was du dort draußen gesucht hast?«, fragte er schließlich in so sanftem Ton, als hätte er Sorge, mich zu ängstigen.

»Ich bin zu Fuß gekommen«, krächzte ich, und fast blieben mir die Worte in meinem trockenen Hals stecken.

Da stand er auf, um eine Flasche aus seiner Satteltasche zu holen, die er mir zuwarf. Dankbar fing ich sie auf, nahm einen Schluck und kräuselte angewidert die Nase.

»Das ist Wein«, erklärte er, als er mein Gesicht sah. »Er wird dich beleben und deine Schmerzen lindern.« Ich nickte und nahm gleich noch einen weiteren Schluck. Inzwischen war er an seinen ursprünglichen Platz auf der anderen Seite des Feuers zurückgekehrt. Er wartete, bis ich noch ein bisschen mehr getrunken hatte, dann drängte er mich, ihm mehr Details preiszugeben.

»Du bist zu Fuß gekommen? Woher denn?«

»Von der Stelle, an der Steldor mir das Pferd weggenommen hat«, erwiderte ich unverblümt.

Auch wenn ich in Koranis’ Haus ein wenig geschlummert hatte und auf unserem Ritt immer wieder zwischen Wachsein und Schlaf geschwankt hatte, so besaß ich doch immer noch kaum Kraft, um zu sprechen. London runzelte verwirrt die Stirn.

»Und wo sind deine Wachen?«

»Ich hatte keine mitgenommen.«

»Seid ihr, du und Steldor, gemeinsam ausgeritten?«, bohrte er nach, und ich hörte bereits die wachsende Missbilligung in seiner Stimme.

»Nein«, antwortete ich beschämt und langsam begann mir zu dämmern, dass nicht Steldor allein die Schuld an meiner misslichen Lage trug. »Ich bin allein aufgebrochen, und er ist mir nachgekommen.«

»Und hat dir das Pferd abgenommen.«

»Ich wollte nicht mit zurück, da wurde er böse auf mich«, sagte ich traurig und wünschte mir, der Elitegardist würde Mitleid mit mir empfinden und Steldor die Schuld geben. Doch das tat er nicht.

»Und warum hast du den Palast überhaupt verlassen?«

Ich senkte den Kopf, weil ich London nicht mehr in die Augen sehen konnte und wider besseren Wissens hoffte, er würde sich diese Frage nicht mühelos selbst beantworten. Schweigen senkte sich über uns, und ich spürte, wie er mich musterte.

»Ich verstehe schon, was da dahintersteckt«, knurrte er endlich.

Ich schaute auf und sah, dass er aufgestanden war. Offenbar war er zu aufgebracht, um sitzen zu bleiben.

»Dann hast du den Palast also wegen irgendeiner lächerlichen Vorstellung verlassen, wonach Narian sich vielleicht auf dem Gut seines Vaters aufhalten könnte.«

Ich wandte den Blick erneut ab und versuchte gar nicht erst, ihm zu widersprechen. Daraufhin schüttelte er missbilligend den Kopf.

»Ist dir nicht der Gedanke gekommen, dass ich dort natürlich längst nachgesehen habe? Dein Wunsch, ihn zu finden, hätte dich das Leben kosten können! Du müsstest eigentlich gescheiter sein, Alera. Du hast schon dein ganzes Leben lang einen Leibwächter. Wie konntest du da ohne einen aufbrechen?«

Ungehalten fuhr er sich mit der Hand durch sein silbergraues Haar, und ich war mir nicht sicher, ob die nächste Frage überhaupt an mich gerichtet war.

»Wie kann es sein, dass wir eine Königin haben, die mutterseelenallein im Wald sitzt, frierend, hungrig, verängstigt, schutzlos und nur durch den Fluss von den Cokyriern getrennt?«

Er lachte freudlos, und ich zuckte zusammen. Bis jetzt hatte ich Steldor die Verantwortung zugeschoben, aber rückblickend hatte ich mich mindestens ebenso verantwortungslos benommen. Ich fühlte mich wie eine Närrin und genierte mich, weil ich tatsächlich geglaubt hatte, mich nicht in Gefahr zu begeben. War ich wirklich so schrecklich einfältig? Oder übertrieb London bei seiner Schilderung des Risikos nur, um mich einzuschüchtern?

London ging ein Stück weit um das Feuer herum und blieb nur wenige Schritte von mir entfernt mit vor der Brust verschränkten Armen stehen. Er wirkte sichtlich verärgert. Als ob er meine Gedanken gelesen hätte, begann er meine Fragen zu beantworten.

»Weißt du eigentlich, was für ein Glück es für dich war, dass ich dich gefunden habe? Die meisten Soldaten hätten dir keine Zeit gegeben – die hätten dir ohne Zögern die Kehle durchgeschnitten. Und glaubst du allen Ernstes, dass, als du auf diesen Felsen gesessen hast und zum Feind hinübergesehen hast, er dich nicht ebenso bemerkt hat? Einer ihrer Bogenschützen hätte dir mit Leichtigkeit mitten ins Herz schießen können. Oder sie hätten auch jemand losschicken können, der dich entführt, dann wäre unsere Königin jetzt in ihrer Gewalt.«

Er fuhr fort und deutete mit einem Arm auf die Höhle, die uns umgab. »Ich habe dich hierhergebracht, weil ich mir nicht sicher sein kann, dass sie dich nicht bemerkt haben. Aber selbst wenn du die Aufmerksamkeit des Feindes nicht auf dich gezogen haben solltest, dann hätte dir eine schlimme Nacht ohne Unterschlupf und ohne die Möglichkeit, dich zu verteidigen, bevorgestanden. Ein Tier hätte dich angreifen können, oder du hättest, wie schon einmal geschehen, in den Fluss stürzen oder dich verlaufen können!«

Ich hasste es, wenn er so böse auf mich war, aber ich konnte mich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass er wie ein überanstrengter Vater klang. Diese Vorstellung hätte beinahe meine Mundwinkel nach oben wandern lassen, und ich biss mir auf die Lippe, denn ein Lächeln wäre unter diesen Umständen völlig unangemessen gewesen. London schien inzwischen mit dem Tadeln fertig zu sein, doch seine gerunzelte Stirn verriet mir, dass ihn noch etwas beschäftigte. Also wartete ich einfach ab, während die tanzenden Schatten auf seiner Gestalt ihm etwas Unheimliches verliehen.

»Hör mir zu, Alera«, sagte er schließlich und ließ sich neben mir wieder auf ein Knie fallen. »Welche romantischen Vorstellungen du in Bezug auf Narian auch hegen magst, sie können niemals wahr werden. Du bist eine verheiratete Frau, und Narian ist der Feind.«

Diese letzten Worte trafen mich tief. Dass er das so nüchtern konstatierte, verschlug mir fast den Atem. Narian ist der Feind, wiederholte ich in meinem Kopf, und da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich der einzige Mensch war, der sich Narians Rückkehr wünschte, weil ich seine Gesellschaft vermisste, und nicht, weil es unserem Königreich abträglich war, wenn er auf der Seite des Feindes stand.

»Ich konnte ihn nicht finden«, sagte London und holte mich in die Realität zurück. »Doch den Cokyriern wird es vermutlich gelingen.«

Ich hatte Londons düstere Prophezeiung immer noch in den Ohren, als er eine halbe Stunde später das Feuer auslöschte, weil er mich für aufgewärmt und ausgeruht genug hielt, um unseren Weg fortzusetzen. Er wollte nicht bis zum Morgen warten, um in die Stadt zurückzukehren, denn er war sich sicher, dass man meine Abwesenheit inzwischen bemerkt haben musste. Und zwar unabhängig davon, ob Steldor sie jemand kundgetan hatte oder nicht.

Wir kamen rasch voran, aber dennoch dauerte es weitere zwei Stunden, bis wir die Stadt erreichten, denn London hielt sich weiterhin von der Hauptstraße fern. Ich döste zwischendurch immer wieder ein, geborgen in den Armen meines Retters. Richtig wach wurde ich erst wieder, als London sein Pferd vor dem Stadttor in Schritt fallen ließ. Die massive Barriere, die tagsüber zum freien Durchgang offen stand, war heruntergelassen, denn laut Cannans Befehl durfte sie erst bei Sonnenaufgang hochgezogen werden.

»Halt! Wer da?«, rief einer der Wachposten uns laut zu und hatte die Hand bereits am Schwert, doch dann erkannte er meinen Begleiter.

»London!«, schrie er, und sofort verbreitete sich unter den diensthabenden Soldaten die Nachricht, dass der Hauptmannstellvertreter zurück sei. Nachdem er auch mich erkannt hatte, ließ der Torwächter noch einen weiteren Ausruf erschallen: »Königin Alera!«

Während er noch versuchte, seiner Überraschung Herr zu werden, ließ der Mann bereits das Tor öffnen, denn Cannans Befehl zum Trotz würde er der Königin und dem Stellvertreter des Hauptmannes natürlich nicht den Einlass verwehren. Sobald sich die Barriere weit genug gehoben hatte, trieb London seine Stute in leichtem Galopp darunter hindurch. Auf der sonst so lebhaft bevölkerten Straße war das eine unübliche Gangart. Doch um diese Zeit lag alles verwaist.

»London, wie spät ist es denn?«, fragte ich ihn, weil ich jegliches Zeitgefühl verloren hatte.

»Kurz nach Mitternacht.«

Wir passierten das Viertel der Händler, das östlich der Straße lag. Hin und wieder drang Gelächter oder Gesang aus einem Gasthaus, und wir sahen vereinzelte betrunkene Zecher nach Hause wanken. Je näher wir dem Palast kamen, desto stiller wurde es, bis nur noch das Geräusch der Hufe auf dem Kopfsteinpflaster zu hören war.

Ich lehnte mich an den Elitegardisten, schloss die Augen und stellte mir vor, es wäre Narian. Dabei erinnerte ich mich daran, wie er zum ersten Mal auf meinen Balkon geklettert war und mich aus dem Schloss geschmuggelt hatte. Damals waren wir gemeinsam in einer wunderbaren Winternacht durch die stillen Straßen geritten und hatten uns danach in den königlichen Stallungen bis zum Morgengrauen unterhalten. Nie zuvor hatte ich mich bei einem anderen Menschen so geborgen gefühlt.

Ich war derart in meine Erinnerung vertieft, dass ich vollkommen irritiert war, als London sein Pferd anhielt und mir herunterhalf. Wir befanden uns nicht vor dem Palast, sondern bei den Ställen. Zuerst staunte ich darüber, dann wurde mir klar, dass unmittelbar am Palasttor kein Stallbursche zugegen gewesen wäre, um das Tier zu übernehmen. Also wartete ich, während London es versorgte, und ging dann gemeinsam mit ihm zur Vorderseite des Schlosses, wobei ich versuchte, meine schmerzenden Füße zu ignorieren. Es wäre mir peinlich gewesen, London zu bitten, mich erneut zu tragen. Als wir uns dem verschlossenen Eingang zum Innenhof näherten, wurden wir auch hier von wachhabenden Soldaten gegrüßt. Sie erkannten uns sofort und beeilten sich, uns einzulassen.

»König Steldor wird erleichtert sein, Euch in Sicherheit zu wissen, Majestät«, bemerkte einer der Männer. »Er hat schon Patrouillen nach Euch ausgeschickt.«

London zog mich weiter, und im Licht der Fackeln, die den Durchgang beleuchteten, sah ich, wie er indigniert die Augenbrauen hob.

Wir gingen den mit weißen Steinplatten belegten Weg durch den zentralen Innenhof, und mir schien, als hätten die Fliederhecken zu beiden Seiten nie süßer geduftet. Die Palastwachen an den Eingangstoren stießen diese für uns auf, und ich trat in das Licht und die Wärme der Großen Halle, dabei empfand ich ungeheure Erleichterung darüber, endlich wieder zu Hause zu sein.

Galen und zwei seiner Leute standen am Ende der Halle, nahe dem Vorzimmer, und sprachen in eindringlichem Ton miteinander. Um diese Zeit herrschte im Palast Ruhe, weshalb man ihre Worte leicht verstehen konnte.

»Sollte man nicht den Hauptmann informieren, Sir? Sicher würde er –«

»Willst du dich einem Befehl des Königs widersetzen?«

»Nein, Sir.«

»Gut. Abgesehen davon denke ich, dass der Hauptmann inzwischen bereits zu Hause ist.«

Aus Galens Worten ging eindeutig hervor, dass Steldor seinen Vater nicht darüber informiert hatte, dass ich mich außerhalb des Schlosses befand, oder gar außerhalb der Stadt, und dass mein genauer Aufenthaltsort unbekannt war.

»Königin Alera!«

Galen riss den Kopf herum, als eine der Wachen, mit denen er sich gerade unterhielt, meinen Namen rief. Die Sorge fiel sichtlich von ihm ab, und seine Haltung wirkte sogleich nicht mehr derart angespannt, als er realisierte, dass ich tatsächlich wieder da war.

»Gott sei Dank.« Galens Worte klangen wie ein Stoßseufzer oder ein kurzes, erleichtertes Dankgebet. Er kam auf mich zu, doch dann hielt er noch einmal inne und bellte seinen Männern einen Befehl zu.

»Informiert sogleich den König, und dann widmet euch wieder euren üblichen Pflichten.«

Als er sich erneut mir zuwandte, fiel Galen offenbar mein erschöpfter, derangierter Zustand auf.

»Seid ihr unversehrt?«

Zu meiner und zu Galens Überraschung trat London vor mich und begann, den Haushofmeister lautstark zu schelten.

»Ob sie unversehrt ist? Lass mich einmal nachdenken. Sie ist gerade stundenlang durch die Wildnis gestreift, hungrig, durstig, frierend, mutterseelenallein, voller Angst, sie würde nicht mehr zurückfinden oder die Cokyrier würden den Fluss überqueren, um eine nette Konversation mit ihr zu führen, doch ansonsten denke ich, dass sie vollkommen unversehrt ist, oder was denkst du?«

Galen war sprachlos, aber er kam gar nicht erst dazu, eine Antwort zu stottern, denn Cannan, den der Lärm offenbar aufmerksam gemacht hatte, trat aus dem Wachzimmer, das an seinen Dienstraum grenzte.

»Was geht hier draußen vor?«, verlangte der Hauptmann zu erfahren, und obwohl Galen offensichtlich erstaunt darüber war, seinen Vorgesetzten noch im Palast zu sehen, machte er einen Schritt auf ihn zu, als wolle er vor Londons Zorn bei ihm Schutz suchen.

In diesem Moment wurden auch noch die Türen zum Vorzimmer geöffnet, und Steldor trat in unsere Mitte.

»Fragt doch Euren Sohn«, spuckte London als Antwort auf Cannans Frage aus und deutete mit dem Kopf in Richtung des Königs. Das war wieder einmal ein Beweis für die ihm eigene Ignoranz, was Protokoll oder Hierarchie anging.

Cannan wandte sich sogleich an Steldor. »Was ist hier los?«

Der König blieb stehen, reagierte aber ansonsten nicht weiter auf das Erscheinen des Hauptmannes in der Halle. Auch antwortete er nicht auf dessen Frage.

»Ach, Vater«, sagte er stattdessen mit einem gezwungenen Lachen. »Ich wusste gar nicht, dass Ihr noch da seid.«

»Ich hatte noch eine Unterredung mit meinen Bataillonskommandanten«, erklärte Cannan und schien das Ausweichmanöver seines Sohnes zu ignorieren.

»Aber Ihr braucht Euch gar nicht weiter darum zu kümmern«, fuhr Steldor abwimmelnd fort und ging weiter auf mich zu. »Alles ist unter Kontrolle. Kein Grund, Eure Besprechung zu unterbrechen.«

Cannan packte Steldor am Arm, als dieser gerade an ihm vorübergehen wollte.

»Meine Männer können warten, bis ich eine Antwort auf meine Frage bekommen habe.«

»Und wie lautete die Frage doch gleich?«, fragte Steldor mit honigsüßer, unschuldiger Stimme, die von seiner respektlosen Miene Lügen gestraft wurde.

Im darauf folgenden Schweigen starrten die beiden Männer einander an. Sie glichen sich sehr, mit ihrem fast schwarzen, dunklen Haar und den dunkelbraunen Augen, obwohl Steldors Züge eigentlich eher denen seiner schönen Mutter glichen. Galen wirkte nervös, während London, der mit vor der Brust verschränkten Armen an der Wand lehnte, das wortlose Duell der beiden zu genießen schien. Die wachhabenden Soldaten bemühten sich, weder ihren König noch ihren Hauptmann anzusehen, denn sie schienen noch nie eine Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn erlebt zu haben. Mir selbst gelang es nicht, meine Augen abzuwenden, so gefesselt war ich von dem Machtkampf, der sich vor mir abspielte.

Als Steldors gekünsteltes Lächeln schließlich verschwand, ergriff Cannan das Wort, zog seinen Sohn näher zu sich heran und sagte mit leiser, drohender Stimme: »Spielt keine Spielchen mit mir, Eure Hoheit.«

Bis dahin hatte Steldor Cannans zornigem Blick standgehalten, doch jetzt wandte er die Augen ab und war offenbar auf der Hut vor seinem Vater.

»Na schön«, grummelte er widerwillig gehorchend. »Würdet Ihr mich dann bitte loslassen?«

»Sehr gern«, sagte der Hauptmann und ließ von seinem Sohn ab. »Und jetzt antwortet mir.«

Es wirkte geradezu unnatürlich, Steldor so kleinlaut zu erleben, aber ich konnte ihm ansehen, wie wenig es ihm behagte, dass sein Vater ihn so in die Enge trieb. Eine leichte Röte war seinen Hals heraufgestiegen, ob als Zeichen von Verlegenheit oder Ärger hätte ich nicht zu sagen gewusst.

»Alera hat die Stadt verlassen. Als ich sie eingeholt hatte, weigerte sie sich, mit mir zurückzukommen. Ich hatte Männer ausgeschickt, sie zu suchen, aber sie ist erst soeben mit London zurückgekehrt.«

»Und sie ist wohl zu Fuß aufgebrochen?«, fragte Cannan sardonisch, nach einem Blick auf meine Kleidung und die Überreste meiner Schuhe. Ich vermutete, er hatte sich bereits zusammengereimt, was sein Sohn getan hatte.

»Nein, Sir«, murmelte Steldor.

»Was ist dann geschehen?« Cannans Ton war gefährlich kontrolliert, jede Silbe perfekt artikuliert.

»Sie hat König Adriks Pferd benutzt, und ich … ich habe es mit zurückgenommen.«

Die Worte kamen nur zögernd über Steldors Lippen, als ob es ihnen widerstrebe, den, der sie aussprach, zu kompromittieren. Da wandte Cannan sich plötzlich an die anwesenden Palastwachen.

»Ihr geht hinaus auf den Hof, bis ich euch rufen lasse.«

Die Wachen zogen sich zurück, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, die sich zuspitzende Auseinandersetzung mit anzusehen und zugleich vor ihr davonzulaufen, aber ihnen blieb ohnehin keine Wahl. Nachdem sich die Tür hinter den Männern geschlossen hatte, trat Cannan bis auf einen Schritt an seinen Sohn heran, und ich ahnte, dass Steldor seine ganze Willenskraft aufbieten musste, um nicht die Flucht zu ergreifen. Der schon von seiner Gestalt her eindrucksvolle Hauptmann wirkte ausgesprochen ergrimmt, und sein wachsender Zorn ließ sich an der zunehmenden Anspannung seiner Muskeln ablesen. Er schien von einem Moment zum anderen größer und finsterer zu werden. Bisher hatte ich ihn erst ein einziges Mal so gesehen, und zwar als Narians Vater, Baron Koranis, verlangt hatte, dass sein Sohn des Landguts, das ich früher am Tage aufgesucht hatte, verwiesen würde.

»Soll ich das so verstehen«, sagte Cannan mit einer Stimme, die einem wie fernes Donnergrollen das Blut in den Adern gefrieren ließ, »dass die Königin die Stadt verlassen hat, ohne Wachen, der König ihr gefolgt ist, ohne Wachen, der König sie zurückgelassen hat, ohne Wachen, und überdies ohne ein Pferd, und es auch nicht für nötig erachtet hat, den Hauptmann der Garde zu informieren, dessen Aufgabe der Schutz sowohl des Königs als auch der Königin ist?«

»Ja, Sir«, erwiderte Steldor zögerlich, aber unumwunden.

»Habt Ihr auch nur eine Ahnung davon, welcher Gefahr Ihr Alera und Euch selbst ausgesetzt habt? Die Cokyrier stehen zum Angriff bereit an unseren Grenzen –«

Steldor unterbrach ihn mit einem bitteren Lachen, das mich über seine Kühnheit staunen ließ. »Ich schätze, Ihr wisst inzwischen, dass ich sehr wohl auf mich selbst aufpassen kann. Ich war zu keinem Zeitpunkt in Gefahr.«

Cannans Erwiderung kam umgehend und unerbittlich. »Muss ich Euch wirklich die Gräber der vielen Hundert hytanischen Soldaten zeigen, die ebenfalls auf sich selbst aufpassen konnten? Du bist nicht Gott, Steldor. Ich habe geschworen, dich mit meinem Leben zu beschützen, und ich habe keinerlei Verlangen danach, wegen deiner Arroganz zu sterben!«

Die Worte des Hauptmannes hallten in der riesigen Halle wider, und Steldor senkte leicht den Kopf. Es schien ihn Überwindung zu kosten, nichts darauf zu erwidern.

»Eure eigene Sicherheit aufs Spiel zu setzen, ist das eine«, fuhr Cannan in etwas geringerer Lautstärke fort, obwohl sein Ton nicht weniger streng klang. Ich begriff, dass er Steldor nicht als Vater tadelte, sondern als Hauptmann, dem sein und mein Schutz oblag. »Aber Ihr habt unsere Königin zahllosen Gefahren ausgeliefert, darunter auch den Cokyriern! Ihr sind die Risiken nicht bewusst, die es bedeutet, die Stadt zu verlassen, aber Ihr solltet Besseres zu tun wissen, als sie sich selbst zu überlassen.«

Einen Moment lang schien der Kampf entschieden, und Cannan machte einen Schritt zurück, vermutlich um sich wieder in sein Dienstzimmer zu begeben. Doch das tat er nicht, und ich fragte mich, ob er noch mit einer Erwiderung seines Sohnes rechnete.

»Und was hätte ich machen sollen?«, schrie Steldor plötzlich und fuchtelte mit den Händen vor Cannan herum, der zurückgewichen war, um nicht getroffen zu werden. »Deine Worte ändern rein gar nichts an der Tatsache, dass sie einfach nicht mitkommen wollte! Hätte ich sie vielleicht bewusstlos schlagen oder auf ihr Pferd binden sollen? Sie ist einfach die dickköpfigste, enervierendste und unleidlichste Frau, die mir je begegnet ist!«

»Das spielt keine Rolle«, parierte Cannan, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. »Als es Euch nicht gelang, sie zur Rückkehr zu bewegen, hättet Ihr sofort Wachen zu ihrem Schutz aussenden sollen. Und natürlich hättet Ihr ihr erst gar nicht allein nachreiten sollen.«

Cannan wartete, wie das aufgenommen würde, und als Steldor keinen Versuch mehr unternahm, sich zu verteidigen, schien er bereit, zu seiner Unterredung zurückzukehren.

»Ich habe meine Bataillonskommandanten nun schon lange genug warten lassen. London, du kommst mit mir.« Er winkte dem Elitegardisten, der sich von der Wand abstieß und in Richtung Wachzimmer ging. Wenigstens dieses eine Mal gehorchte er einem Befehl. Dann wandte Cannan sich noch an den Haushofmeister.

»Galen, schickt die Wachen wieder auf ihre Posten. Und lasst einen Eurer Männer den königlichen Leibarzt holen. Sagt ihm, die Königin bedürfe der Behandlung.«

Galen nickte und trat durch die Haupttore nach draußen, während Cannan sich ein letztes Mal an seinen Sohn wandte.

»Steldor, du musst mit Alera sprechen.«

Ich musterte meinen Ehemann aus der Distanz, nachdem der Hauptmann in sein Dienstzimmer zurückgekehrt war, doch der blickte absichtlich weg und schien auf alles und jeden wütend zu sein. Schuldgefühle nagten an mir, obwohl ich eigentlich damit gerechnet hätte, Schadenfreude zu empfinden, wenn Steldor getadelt würde. London hatte mir den Eindruck vermittelt, ebenso schuldhaft gehandelt zu haben, doch der Hauptmann war auf mein Verhalten gar nicht eingegangen. Ihr sind die Risiken nicht bewusst, die es bedeutet, die Stadt zu verlassen, aber Ihr solltet Besseres zu tun wissen, als sie sich selbst zu überlassen. Ich persönlich hielt mich nicht für so schlecht informiert, wie Cannan das offenbar tat, und wusste ganz gut, dass es zwar unvernünftig von Steldor gewesen war, mich zurückzulassen, aber auch, dass er erwartet hatte, ich würde zur Stadt zurückgehen. Es war meine Sturheit gewesen, die mich veranlasst hatte, den ganzen weiten Weg bis zu Koranis’ Landhaus und damit praktisch fast bis ins Feldlager der Cokyrier zu laufen. Steldor war die ganze Verantwortung für eine gefährliche Situation aufgebürdet worden, an deren Entstehung ich durchaus beteiligt gewesen war.

Galen kam, gefolgt von seiner Palastwache, wieder herein. Die beiden Männer nahmen links und rechts der großen Doppeltüren erneut ihre Posten ein. Dann verschwand Galen im Wachzimmer, um einen Wachmann loszuschicken, der den Leibarzt verständigen sollte.

Ich sah Steldor an und wagte nicht, das Wort an ihn zu richten, weil ich fürchtete, seinen Zorn auf mich zu ziehen. Gleichzeitig spürte ich die Blicke der Wachen in meinem Rücken. Wenn ich nichts sagte, würde wohl weiter geschwiegen. Mühsam suchte ich noch nach den passenden Worten, als Galen bereits zurückkam und uns beunruhigt musterte. Dann durchquerte er die Halle und wollte offensichtlich für diesen Tag den Palast verlassen.

»Warte«, bat Steldor ihn und hielt seinen Freund auf. »Ich komme mit dir.«

Galen nickte und wartete an der Tür, dabei warf er mir noch einen Blick zu und schien zu überlegen, ob er mir seine Hilfe anbieten sollte. Letztlich tat er es nicht, und die beiden Freunde machten sich auf den Weg. Sie ließen mich ziemlich bedrückt unter den neugierigen Blicken der Wachen allein zurück. Ich zog die Wolldecke, die London mir gegeben hatte, enger um mich und humpelte so würdevoll, wie es mir eben möglich war, die Prunktreppe hinauf. Dabei hoffte ich, der Arzt würde etwas Wirkungsvolleres als Wein parat haben, um meine Schmerzen zu lindern.

5. DIE KÖNIGIN

Es war bereits später Vormittag, bis ich mich am nächsten Tag zum Aufstehen zwingen konnte. Sahdienne hatte mir ein Bad bereitet, da ich nach meinem misslungenen Abenteuer nur noch zu einer Katzenwäsche in der Lage gewesen war. Als ich ins warme Wasser eintauchte, lief vor meinem inneren Auge noch einmal alles ab, was ich am Vortag erlebt hatte. Die Strapazen erschienen mir bereits geradezu unwirklich, doch meine schmerzenden Muskeln und lädierten Füße waren der Beweis dafür, dass ich das Ganze nicht bloß geträumt hatte. Entspannt aalte ich mich im Wasser, bis meine Gedanken zu meinen Verpflichtungen an diesem Morgen wanderten, und ich mir Sorgen über die bereits versäumten Pflichten machte.

Sahdienne war in die geschäftigen Küchen im Erdgeschoss gelaufen, wo man immer Essen für die wechselnden Dienstzeiten der Wachleute bereithielt. Dort hatte sie eine Mahlzeit für mich bestellt, die in einer Stunde im Teesalon serviert werden sollte. Als sie zurückkam, half sie mir beim Anziehen und trug die Salbe auf, die der Arzt für die Blasen an meinen Füßen gebracht hatte. Danach schob sie meine Füße in weiche Pantoffeln. Die ganze Zeit über knurrte mein Magen so heftig, dass es geradezu peinlich war. Aber schließlich hatte ich seit dem Mittagessen am Vortag nichts Richtiges mehr gegessen. Rasch flocht sie mein Haar noch zu einem Zopf, der mir über den Rücken fiel, und musterte mich abschließend. Da erst fiel ihr die Nachricht ein, die sie mir zu überbringen hatte.

»Der Hauptmann hat zuvor einmal vorbeigeschaut, Mylady, als Ihr noch schlieft. Er wollte Euch nicht stören, bat mich aber, Euch auszurichten, dass er all Eure Verabredungen am Vormittag abgesagt hätte.«

»Ich danke dir«, sagte ich und wunderte mich, dass ausgerechnet der insbesondere angesichts des Kriegszustands meistbeschäftigte Mann des Reiches Zeit gefunden hatte, sich über den Zeitplan der Königin Gedanken zu machen. Es rührte mich sehr, dass er daran gedacht hatte, und wieder einmal fiel mir der Gegensatz zu seinem sonstigen Auftreten auf. Der starke, intelligente und entschlossene militärische Oberbefehlshaber wurde von jedermann respektiert und von den meisten sogar gefürchtet, doch mir gegenüber hatte er sich nun schon mehrmals sensibler und fürsorglicher gezeigt als mein eigener Vater oder irgendein anderer Mann in meinem Leben. Es kam mir jetzt geradezu seltsam vor, dass ich früher einmal Angst vor ihm gehabt hatte.

Für den Tag gerüstet stieg ich die Wendeltreppe zum Parterre hinunter, wandte mich dann nach rechts, um den Flur hinunterzugehen. Dabei war ich viel zu sehr in Gedanken, um die bunten Steinfliesen am Boden oder die aufwendigen Tapisserien, die die Wände schmückten, zu beachten. Ich betrat den Teesalon und setzte mich an den Tisch nahe am Erkerfenster, wo mich der Sonnenschein von draußen wärmte. Danach musste ich nicht lange warten, bis auch schon eine Dienerin mit einem gefüllten Teller erschien. Der köstliche Duft brachte meinen leeren Magen erneut in Aufruhr, und es kostete mich große Selbstbeherrschung, zu warten, bis das Mädchen wieder gegangen war, bevor ich mich auf die Fleischpastete stürzte, die sie mir serviert hatte. Es waren nur noch wenige Bissen übrig, als die Tür erneut aufging und ich neugierig den Kopf hob, um zu sehen, wer da meine Gesellschaft suchte. Als ich meinen Vater erblickte, erstarrte ich kurz und legte dann das Besteck nieder. Es kam mir mit einem Mal so vor, als hätte ich die sprichwörtliche Henkersmahlzeit zu mir genommen.

Er blieb mit hinter dem Rücken verschränkten Händen neben der Tür stehen. Seinen Augen fehlte der übliche fröhliche Glanz. Es war, als sei ein eisiger Windhauch mit ihm hereingeweht, und die Sonne, die mir immer noch in den Nacken schien, schien ihre Wärme verloren zu haben. Ich hatte mein Versprechen, ihn an diesem Morgen aufzusuchen, vergessen. Das allein hätte mir wohl schon seine Missbilligung eingebracht, doch im Lichte meiner übrigen Missetaten wurde diese Verfehlung nebensächlich. Ich machte mir keinerlei Hoffnung, dass er vielleicht nichts von meinem Abenteuer am Vortag wüsste, denn eine Szene wie die am vergangenen Abend in der Großen Halle musste den Klatsch im Palast und die Gerüchteküche nur so angeheizt haben. Ich stand auf und trat um den Tisch herum, dabei versuchte ich noch, mich gegen den bevorstehenden Angriff zu wappnen.

»Alera«, sagte mein Vater, und seine Stimme war voller Enttäuschung, »du hast große Schande über mich gebracht.«

Ich trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen und vermochte ihm nicht in die Augen zu sehen. Es war ihm anzumerken, dass er mich für diese Kränkung geschlagen hätte, wäre ich noch jünger und unverheiratet gewesen.

»Ich hatte ohnehin vor, mit dir über dein Verhältnis zu Koranis’ Sohn zu sprechen, doch es scheint ja noch weitere Ungeheuerlichkeiten zu geben, die es aufzuarbeiten gilt.«

Er begann an der Stirnseite des Raumes auf und ab zu gehen, und die Finger seiner linken Hand wanderten automatisch zum Mittelfinger seiner rechten, um den Königsring zu drehen, der dort jahrelang gesessen hatte, inzwischen allerdings Steldor gehörte.

»Du hast mir einmal versichert, dass deine Zuneigung zu Narian rein freundschaftlicher Natur sei, doch nun sehe ich, dass du mich belogen hast. Deine Unehrlichkeit verletzt mich, Alera, und dein kindisches Benehmen beschädigt das Königreich. Steldor hat jedes Recht, zornig auf dich zu sein, insbesondere nach deinen gestrigen Eskapaden. Ich hatte ja befürchtet, dass du als Königin deinen Gatten von seinen Pflichten ablenken würdest, wie du es bereits einige Male getan hast. Doch nun hast du ihn getäuscht und blamiert. So wie du auch mich getäuscht und blamiert hast.«

Seine Worte trafen mich sehr, und ich versuchte sogleich, mich zu entschuldigen.

»Ich weiß nicht, was ich –«

»Als Erstes tätest du gut daran, mir nicht ins Wort zu fallen«, sagte er in scharfem Ton, drehte sich zu mir um und hob abwehrend die Hand. »Ich habe keine Geduld mehr für Ausreden und Lügen.«

Ich schloss meinen Mund und spürte einen kleinen Stich, weil er mir nun auch noch vorwarf, unhöflich zu sein. Dabei war es mir nicht so erschienen, als hätte ich seine Rede unterbrochen.

»Ich verstehe nicht, wie das passieren konnte«, beharrte mein Vater, nahm seine Wanderung wieder auf, unterstrich jedes Wort mit herrischen Gesten und echauffierte sich immer mehr. »Du wurdest anständig und im Hinblick auf deine späteren Pflichten erzogen, doch du benimmst dich nicht besser, als ich es von einem Bauerntrampel erwarten würde. Man hat dich gelehrt, wo dein Platz ist, aber du weigerst dich, ihn einzunehmen. Du kennst die Maßstäbe, die für eine anständige Königin gelten, aber du weigerst dich, ihnen Ehre zu erweisen.« Er blieb abrupt stehen und warf mir einen strengen Blick zu. »Ich bin entsetzt von deiner Affäre mit diesem cokyrischen Jungen.«

Die Kränkung, die bereits in mir aufgeflackert war, verwandelte sich in Zorn, als mein Vater Narian »diesen cokyrischen Jungen« nannte. Doch noch ließ ich mir davon nichts anmerken.

»Du hast dich heimlich mit ihm getroffen, ohne meine Erlaubnis und – dessen bin ich mir sicher – ohne Anstandsdame. Das alles ist inakzeptabel für eine junge Frau von Adel und erst recht für ein Mitglied der Königsfamilie. Ich hatte gehofft, dass du zumindest als gekrönte Königin erwachsen genug wärst, deinen Verpflichtungen nachzukommen. Doch eine Königin zieht sich nicht an wie ein Mann, stiehlt nicht das Pferd ihres Vaters und ist ihrem Ehemann gegenüber nicht ungehorsam.

Das kann so nicht weitergehen, Alera. Dein Verhalten hat Schande über mich gebracht, den König entehrt und das Königreich beschädigt. Ich würde es Steldor nicht verübeln, wenn er Konsequenzen zöge. Nicht einmal, wenn er dich wegsperren würde, bis du zu einem Benehmen fähig bist, das sich für seine Ehefrau geziemt.«

Nachdem er diese letzten Sätze ausgestoßen hatte, funkelte ich ihn mit unverhohlener Feindseligkeit an. Die Wut, die sich in mir aufgestaut hatte, schien sich zu verselbstständigen. Es kam mir vor, als würde ein Phantom in mir wachsen, das in jeder Pore meines Körpers hämmerte und verlangte, hinausgelassen zu werden. Die verletzenden Worte meines Vaters hallten in meinem Kopf wider und wurden zugleich von Cannans entkräftet: »Du bist die Königin, Alera. Du schuldest deinem Vater keine Rechenschaft mehr.«

Unsere so ähnlichen Augen hielten einander fest, während ich mich kerzengerade aufrichtete. Dann kamen Worte aus meinem Mund, die der Situation durchaus angemessen waren.

»Wenn Ihr Euch beschämt fühlt, dann mag das an Eurer eigenen Torheit liegen, nicht an der meinen.«

Die Augenbrauen meines Vaters hoben sich vor Erstaunen.

»So redest du nicht mit deinem Vater!«

»So redet Ihr nicht mit Eurer Königin!«

Der ehemalige König war wie vor den Kopf gestoßen. Meine Rage war wie eine Mauer, mit der er unerwartet und schmerzhaft kollidiert war.

»Ihr wagt es, hierherzukommen und mir meine Unreife vorzuwerfen? Dass ich Euch enttäuscht hätte und inkompetent sei, obwohl Ihr zu eigensüchtig wart, um mir vor der Thronbesteigung mehr Zeit zu gewähren? Nachdem Ihr nicht hören wolltet, dass jeder Mann, den ich liebte, ein geeigneter König wäre? Nachdem Ihr mich in eine Ehe gezwungen habt, zu der ich nicht bereit war? All diese Dinge, die Ihr mir anlastet, habt Ihr ausgeheckt. Ich hätte mich nicht heimlich mit Narian treffen müssen, wenn ich davon hätte ausgehen können, dass Ihr ihn akzeptiert. Ich wäre keine unfähige Königin, wenn Ihr mich nicht auf den Thron gezwungen hättet. Und ich würde Steldor nicht von seinen Pflichten ablenken, hättet Ihr mich nicht zu der Ehe mit ihm genötigt.«

Ich hatte den Raum durchquert und stand nun vor meinem Vater, dessen Mund offen stand, als wolle er sich verteidigen. Doch er schien keine Worte zu finden.

»Ich wünsche mir vielleicht noch mehr als Ihr, dass Ihr diese Entscheidungen besser überdacht hättet«, fügte ich noch scharf hinzu. »Aber nun bin ich Eure Königin. Und Ihr werdet mir den gebührenden Respekt zollen. Fortan werdet Ihr nie mehr in diesem Ton zu mir sprechen.«

Seine erstaunten, leicht glasigen Augen suchten die meinen. Ich wartete noch einen Moment ab, während er Unverständliches murmelte, dann ging ich um ihn herum und verließ das Zimmer.

An diesem Abend wartete ich in unserem gemeinsamen Wohnzimmer auf Steldor und versuchte mir, eingekuschelt in einem der Ledersessel, die Zeit mit einem Gedichtband zu vertreiben. Mein Mann war dem Abendessen ferngeblieben (ironischerweise ebenso wie mein Vater) und bisher noch nicht in unseren Gemächern aufgetaucht, obwohl es selbst für seine Verhältnisse bereits reichlich spät war. Ich wusste, dass er sich im Palast aufhielt, denn ich hatte im Verlauf des Tages ein- oder zweimal den seltsam blassen Galen gesehen. Und außerdem wäre das Getuschel innerhalb der Dienerschaft unüberhörbar gewesen, wäre der König seinen täglichen Verpflichtungen nicht nachgekommen. Stattdessen machten Gerüchte die Runde, der Haushofmeister litte unter selbst verschuldeten Beschwerden, wobei ich mir nicht sicher war, was genau das bedeuten sollte.

Ich merkte, dass ich las, ohne zu begreifen, weil meine Augen zwar die Buchseiten überflogen, meine Gedanken jedoch ganz woanders waren. Nach dem Streit mit meinem Vater hatte ich mich seltsam befreit gefühlt, denn künftig wäre ich von seinem Urteil und seinen Erwartungen unabhängig. Dieses Gefühl hatte mir so viel Selbstvertrauen geschenkt, dass ich zur Versöhnung mit Steldor bereit war.

Im Verlauf der letzten guten Stunde hatten jedoch wieder Zweifel an mir zu nagen begonnen. Mein Vater ging mir derzeit aus dem Weg, aber immerhin lebte er im Schloss und folglich würden wir uns fast täglich sehen. Wie sollte da unser Verhältnis aussehen? Wir könnten höflich miteinander verkehren, dessen war ich mir sicher. Aber würden wir jemals wieder liebevoll zueinander sein? Oder hatte ich unumkehrbare Fakten geschaffen? Und wenn dem so sein sollte, war das dann zwingend etwas Negatives?

Ich legte mein Buch beiseite und versuchte, mich auf das Nächstliegende zu konzentrieren – was sollte ich zu Steldor sagen, wenn – nein, falls – er käme? Es war immerhin möglich, dass er diese Nacht wie schon die vergangene bei Galen verbrachte oder unsere Gemächer erst aufsuchen würde, wenn er sich sicher sein konnte, dass ich schon schlief. Beides würde bedeuten, dass er nicht mit mir reden wollte. Wenn ich an seine jüngsten Wutausbrüche dachte, dann war es unter Umständen auch kein Fehler, ihm aus dem Weg zu gehen.

Wie aufs Stichwort trat Steldor ein – und zwar so leise, dass ich ihn erst bemerkte, als er sich räusperte. Aus meinen Gedankenspielen gerissen schreckte ich hoch und sah zur Tür, von wo aus er mich angrinste, und kam mir vor wie ein Kind, das man beim Tagträumen erwischt, während es eigentlich lernen sollte. Als er aus dem Schatten ins Licht der Laterne trat, fiel mir seine ungewöhnliche Blässe auf, er sah regelrecht grau und kränklich aus. Ungewöhnlich müde ließ er sich schwer auf das Sofa fallen, streckte sich der Länge nach darauf aus und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Es gelang mir nicht, seine Stimmung einzuschätzen, aber ich vermutete, dass es ihm nicht besonders gut ging.

»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte ich vorsichtig.

»Ging mir schon mal besser.«

»Du hast das Abendessen ausgelassen. Vielleicht könnte ich dir etwas –«

»Hab keinen Hunger.«

Ich schwieg verunsichert, da fiel mein Blick auf einen Krug mit Bier auf dem Tisch vor dem Sofa.

»Vielleicht würde dir ein Schluck Bier guttun«, schlug ich vor und wünschte, er würde darauf eingehen und mir sagen, was mit ihm los war.

»Bier ist sicher das Allerletzte, was mir jetzt fehlt«, verkündete er. Bevor ich mir einen Reim auf diese Äußerung machen konnte, fragte er schleppend: »Warum bist du denn noch auf und wartest auf mich?«

»Um mit dir zu reden«, antwortete ich und setzte auf Ehrlichkeit.

»Aha.«

Ich begann zu begreifen, dass ich wohl den Löwenanteil des Gesprächs zu bestreiten hätte.

»Ich möchte mich entschuldigen«, fuhr ich fort und schluckte den Kloß hinunter, der in meinem Hals zu stecken schien, »für mehrere Dinge.«

»Entschuldigung angenommen. Ich verzeihe dir.«

Ich runzelte die Stirn und rang die Hände in meinem Schoß, denn das Gespräch lief nicht besonders vielversprechend. »Ich habe doch noch nicht einmal gesagt, wofür ich mich entschuldigen will!«, protestierte ich.

Er stöhnte auf und presste sich als Reaktion auf meine erhobene Stimme eine Hand an die Stirn. Dabei rutschte sein Hemd bis zum Ellbogen und ich konnte den Verband um seinen Unterarm sehen.

»Ich bin ganz Ohr«, murmelte er und deutete mit dem Arm vage in meine Richtung. »Kein Grund laut zu werden. Dann entschuldige dich in Gottes Namen.«

Ich beschloss, am Anfang zu beginnen, und hoffte, zuversichtlicher zu klingen, als ich mich fühlte.

»Es tut mir leid, dass ich dir nichts von meinen Gefühlen für Narian erzählt habe. Es war falsch von mir, diese vor dir zu verbergen.«

Ich zögerte, ausgerechnet auf dieses Thema näher einzugehen, obwohl mir klar war, dass es vermutlich das Wichtigste war, aber Steldor ging gar nicht darauf ein. Er schien vollauf damit zufrieden, mir zuzuhören. Also nahm ich meinen Mut zusammen und fuhr fort.

»Es tut mir leid, dass ich den Palast verlassen habe, ohne jemand davon in Kenntnis zu setzen und ohne Wachen mitzunehmen. Es tut mir auch leid, dass ich so unvernünftig war und mich geweigert habe, mit dir zurückzukommen, und …« Ich verzog schmerzlich das Gesicht, als die Reue mich wie ein Stich traf. »Es tut mir leid, dass ich dich gebissen habe.«

Steldor schwieg immer noch, allerdings empfand ich das inzwischen nicht mehr als Ermutigung, sondern als Verunsicherung. Dennoch sprach ich weiter.

»Und es tut mir schrecklich leid, dass du wegen meiner Halsstarrigkeit …« Ich stockte, weil ich nicht geradeheraus sagen wollte, dass der Hauptmann ihn gemaßregelt hatte, deshalb blieb ich letztlich eher vage: »Dass du und dein Vater eine Meinungsverschiedenheit hattet.«

Wieder erntete ich nur Schweigen und fragte mich schon, ob er vielleicht eingeschlafen war. Seufzend erhob ich mich, um mein Schlafgemach aufzusuchen, als seine gedämpfte Stimme mich innehalten ließ.

»Ich verzeihe dir«, sagte er und wiederholte damit die Worte, die er zuvor bereits geäußert hatte, nur dass sie diesmal ernst gemeint klangen.

Ich lächelte schwach und setzte den Weg in mein Zimmer fort. So naiv war ich nicht, dass ich im Gegenzug auch eine Entschuldigung von ihm erwartet hätte.

»Alera«, sagte er da und hielt mich zurück. Ich drehte mich um und sah, dass er sich aufgesetzt hatte. Seine braunen Augen wirkten verblüffend ehrlich. »Würdest du mir in Zukunft, bevor du fortgehst, Bescheid sagen …«

Er machte eine verlegene Pause, und ich überlegte, dass er es im Umgang mit Frauen wohl nur gewohnt war, diese zu bezaubern, zu beherrschen oder zu ignorieren. Ich bezweifelte, dass er je einen so respektvollen Ton angeschlagen hatte, um eine Frau um etwas zu bitten. Meines Wissens nach hatte Steldor sogar noch nie in seinem Leben so zögernd gesprochen. Etwas an dieser unerwarteten Verletzlichkeit brachte mein Herz zum Schmelzen. Und ohne die typische hochmütige Miene wirkten seine jugendlichen Züge doppelt reizvoll.

»Ich verspreche es«, sagte ich sanft und nötigte ihn dadurch nicht, seinen Satz zu beenden. Da ließ er sich wieder auf das Sofa zurückfallen, und ich betrat endlich mein Schlafzimmer. Zum ersten Mal empfand ich so etwas wie liebevolle Zuneigung zu meinem Ehemann.

Es waren noch drei Wochen, bis wir Mirannas Geburtstagsfest ausrichten würden, und in dieser Zeit entwickelten wir einen gewissen Lebensrhythmus. Nach dem Aufwachen pflegte ich in meinen Gemächern zu frühstücken, danach begab ich mich zum Morgengebet in die Kapelle, später traf ich die Bediensteten in meinem Salon. Falls nötig traf ich mich auch mit den Palastschreibern, um Briefe, Einladungen oder Bekanntmachungen schreiben und versenden zu lassen. An den Nachmittagen empfing ich Besucher oder gab kleine Gesellschaften im Palast, etwa zum Tee, abgesehen davon konnte ich tun, was mir beliebte – Einkaufen gehen, durch den Garten flanieren, lesen, sticken oder Zeit mit meiner Schwester und meiner Mutter verbringen. Das Abendessen pflegte ich mit meiner Familie einzunehmen. Und selbst mein Vater konnte sich irgendwann so weit überwinden, sich wieder an einen Tisch mit mir zu setzen. Allerdings blieb Steldor weiterhin zu beschäftigt, um uns dabei Gesellschaft zu leisten, was meine Eltern irritierte. Offenbar war mein Vater während seiner Regentschaft niemals derart okkupiert gewesen. Ich war mir nicht sicher, ob Steldor das nur als Ausrede vorbrachte, um mir aus dem Weg zu gehen, oder ob mein korpulenter Vater einfach schon immer eine größere Leidenschaft fürs Essen besessen hatte. Jedenfalls zog ich mich abends früh zurück, um am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang mit dem Tagesablauf von vorn zu beginnen.

Von Steldors alltäglichen Pflichten wusste ich wenig, außer dass er ihnen zu äußerst unterschiedlichen Zeiten nachging. Manchmal kam er abends in unsere Gemächer, um sich noch einmal umzuziehen und ohne ein Wort wieder zu verschwinden. Niemals kehrte er dann zurück, bevor ich zu Bett ging. Trotzdem war er immer schon verschwunden, wenn ich morgens aufstand. An anderen Tagen erschien er sogar erst gegen Morgen, um sich frische Kleider anzuziehen und danach sofort wieder aufzubrechen und sich seinen Amtsgeschäften zu widmen. Als wäre es das Natürlichste der Welt, mehrere Tage hintereinander ohne Schlaf zu verbringen. Alles in allem sah ich ihn selten, und wenn sich unsere Wege kreuzten, sprachen wir bestenfalls flüchtig miteinander.

Trotz unserer seltenen Begegnungen hatte seine Gereiztheit mir gegenüber seit seiner sanftmütigen Reaktion auf meine Entschuldigung spürbar zugenommen. Fast schien es, als müsse er jede nette oder sensible Geste durch besonders gemeines Benehmen aufwiegen. Es versteht sich wohl von selbst, dass ein derart flatterhaftes Verhalten meinen Wunsch nach seiner Gesellschaft nicht gerade verstärkte. Und ebenso wenig schien er sich vorläufig nach mir zu sehnen. Ich überlegte hin und her, ob er mit jedem so launenhaft umging oder ob er diese Eigenart speziell für mich reserviert hatte.

Nur ein paar Tage vor Mirannas Geburtstag suchte ich meinen liebsten Rückzugsort auf, den Garten zwischen der Rückseite des Palasts und dem nördlichen Teil der umfriedeten Stadt. Um diese Jahreszeit erfüllte dort Blumenduft die Luft, während Ulmen, Eichen, Kastanien und Maulbeerbäume angenehmen Schatten spendeten. Ich schlenderte einen der Fußwege entlang, die den Garten in vier Bereiche teilten, lauschte dem Zwitschern der Vögel und ließ meine Gedanken schweifen. Schließlich blieb ich stehen, um einen der vier doppelstöckigen Marmorbrunnen zu betrachten, dessen sprudelndes Wasser im Sonnenschein glitzerte. Das Geräusch und die Bewegung hatten etwas geradezu Hypnotisierendes. Ich war völlig in Gedanken versunken und achtete gar nicht auf meine Umgebung, bis eine Stimme mich aus meinen Tagträumen riss.

»Da bist du ja!«, rief Miranna. Sie sprang den Weg herunter auf mich zu und sah überglücklich aus. Als sie mich erreicht hatte, packte sie mich am Arm und zog mich zum Palast zurück. Unterwegs redete sie so schnell auf mich ein, dass ich mich schrecklich konzentrieren musste, um auch nur ungefähr zu verstehen, wovon sie überhaupt sprach.

»Ich habe dich schon überall gesucht, Alera! Gerade habe ich mit Vater gesprochen, und er hat mich wissen lassen, dass er bei meinem Geburtstagsessen etwas bekannt geben möchte. Ich wage es ja kaum zu hoffen, aber ich glaube zu ahnen, was es sein wird. Und dann wird das ein unvergesslicher Geburtstag für mich!«

Ich versuchte gar nicht erst, sie zu nötigen, mir ihre Vermutung zu verraten, denn wenn sie es wollte, würde sie mich ohnehin einweihen. Angesichts ihrer Begeisterung war jedoch leicht zu erraten, dass es um Temerson ging, den schüchternen jungen Mann, für den sie schon seit fast einem Jahr schwärmte.

Sie führte mich den ganzen Weg bis zu ihren Gemächern und schnatterte die ganze Zeit über die Notwendigkeit, das perfekte Kleid zu finden, sich tadellos frisieren zu lassen, und darüber, dass sie beide Fragen gelöst haben musste, bevor man über das passende Diadem auch nur nachdenken konnte. Ihre Wangen waren gerötet und ihre blauen Augen glitzerten, während sie mir von ihren Sorgen berichtete. Ich amüsierte mich köstlich, während sie in ihr Schlafgemach stürmte, dass ihre rotblonden Locken nur so flogen. Wahrscheinlich war sie der einzige Mensch im ganzen Königreich, der sie nicht sowieso zu jeder Zeit für wunderschön hielt.

Nachdem wir ihre Kleider dreimal durchgesehen hatten, gelang es mir, sie davon zu überzeugen, welches Kleid ihr am besten stehen würde. Und es war kein Zufall, dass ich eines gewählt hatte, zu dem nur eines ihrer Diademe passte. Die Entscheidung über die Frisur würde noch warten müssen, da Ryla, die Kammerzofe, die ich erst kürzlich für sie eingestellt hatte, an diesem Aspekt der Vorbereitungen beteiligt sein sollte.

Auch wenn Miranna die Entscheidungen noch ein bisschen infrage stellte, war sie immerhin schon zufriedener als vorher. Als wir uns in ihren Salon begaben, setzte ich mich auf das Sofa, während sie sich in einen Lehnstuhl fallen ließ.

»Ich weiß gar nicht, wie ich es bis zum Fest noch aushalten soll«, sagte sie, vermochte dabei kaum still zu sitzen und riss mit solcher Heftigkeit an der Haarsträhne, die sie dauernd aufzwirbelte, dass ich begann, mir Sorgen um ihre Kopfhaut zu machen. »Jetzt habe ich Temerson schon seit fünf Wochen nicht gesehen! Kannst du dir das vorstellen? Es kommt mir vor wie fünf Jahre!«

»Dann ist er auf der Militärakademie wohl sehr beschäftigt?«, fragte ich, nur um Konversation zu machen, denn eigentlich wusste ich genau, dass dies der Grund war. Das Ausbildungsjahr dauerte von Anfang November bis Ende Juni. Der Grund, warum Miranna Temerson vor fünf Monaten gesehen hatte, war meine Hochzeit gewesen. Es war seltsam, sich vorzustellen, dass es auch Mirannas Hochzeit hätte sein können, wenn ich auf meinen Thronanspruch verzichtet und mich geweigert hätte, Steldor zu heiraten. Es war geradezu herzzerreißend, sich vorzustellen, was das für Temerson bedeutet hätte. In diesem Fall hätte er mit ansehen müssen, wie die Frau seiner Träume einen Mann ehelichte, der ihn stets übertroffen, eingeschüchtert und in den Schatten gestellt hatte und der sie in seinen Augen auch viel eher verdiente als er selbst.

Ich fragte mich, ob Narian – wo auch immer er gerade sein mochte – überhaupt wusste, dass ich Steldor geheiratet hatte. Wenn ja, was mochte er dann wohl von mir denken? Ich hatte Narian mein Herz geschenkt, mich dann jedoch einem Mann versprochen, von dem er wusste, dass ich ihn verabscheute. Narian selbst hatte mir versichert, dass ich Steldor entgehen könnte. Und auch wenn er geflohen war, glaubte ich, dass er das aus gutem Grund getan hatte und nach Hytanica zurückkehren würde, sobald es ihm möglich wäre. Warum nur hatte ich nicht auf ihn gewartet? In jedem Fall würde er bitter enttäuscht von mir sein. Schlimmstenfalls käme er überhaupt nicht zurück, weil er meinen Verrat nicht ertrüge. Aber letztlich wäre seine Meinung von mir ohnehin unerheblich, falls er überhaupt zurückkäme. Ich würde niemals mit ihm zusammen sein können, weil mein Ehegelübde uns auf ewig trennte.

Miranna plapperte weiter von ihrem »Liebsten«, wie sie Temerson inzwischen nannte, und schien meine geistige Abwesenheit gar nicht zu bemerken. Ich versuchte auch, meine trüben Gedanken beiseitezuschieben, damit meine Stimmung sie nicht beeinträchtigte.

»Aber am 30. Juni ist das Ausbildungsjahr dann endlich vorbei«, zwitscherte Miranna fröhlich. »Und dann haben wir einen ganzen gemeinsamen Sommer vor uns!« Plötzlich hörte sie abrupt auf, mit ihrem Haar zu spielen und ihre Stimme bekam einen furchtsamen Unterton. »Du denkst doch auch, dass er ihn mit mir verbringen wollen wird, nicht wahr?«

»Ich habe keinen Zweifel daran, dass er jede freie Stunde mit dir verbringen will.«

»Natürlich, du hast recht«, stimmte sie mir zu und errötete auf bezaubernde Weise. »Er ist hoffnungslos in mich verliebt.«

»Also, ich kenne durchaus noch jemanden, der hoffnungslos verliebt ist«, sagte ich lachend.

Sie ließ sich tiefer in den Sessel sinken. Ihr Gesicht strahlte vor Freude und sie phantasierte laut vor sich hin.

»Wäre das nicht wundervoll? Temerson heiraten, eine prächtige Hochzeit feiern – so prächtig wie deine! Und dann bekämen wir Kinder, ganz viele, und sie wären alle wunderhübsch und würden aussehen wie er.« Sie machte eine Pause und runzelte die Stirn. »Bis auf eines. Eines würde mir ähneln. Eines könnte doch wie ich aussehen, oder?«

»Ja, eines könnte wie du aussehen.«

»Ach, Alera«, stieß sie hervor und beugte sich zu mir. »Wie deine Kinder wohl aussehen werden? Du bist so hübsch, und mit Steldor als Vater …«

Sie verlor sich in Gedanken und schien von meinem künftigen Nachwuchs zu träumen. Ich wurde dagegen rot, weil mir klar war, dass es so, wie die Dinge lagen, noch sehr lange dauern dürfte, bis sich ein Thronfolger ankündigen würde.

Sie bemerkte meine veränderte Stimmung, riss die Augen auf und zog eine Schlussfolgerung, mit der ich keinesfalls gerechnet hätte.

»Alera, bist du vielleicht … vielleicht schon schwanger?«

»Ganz sicher nicht!«, platzte ich ein wenig zu heftig heraus und bewies damit, wie abwegig diese Vorstellung war. Miranna setzte sich kerzengerade auf und wirkte von meiner Reaktion leicht irritiert. Ich versuchte, ihren Eindruck rasch mit einer etwas gelasseneren Äußerung zu relativieren.

»Nein, ich bin nicht schwanger. Noch nicht.«

»Da stimmt doch etwas nicht, Alera. Behandelt er dich etwa nicht gut?«

»Nein, nein, damit hat es nichts zu tun. Es ist alles in Ordnung, wirklich.« Ich bemühte mich um einen lockeren Ton, doch die Röte auf meinen Wangen wollte nicht verschwinden.

»Ist es wegen Narian?«, fragte sie und rutschte neben mich auf das Sofa. Die Sorge in ihrem Blick ließ mich innerlich zusammenzucken.

»Steldor ist darüber nicht mehr verärgert«, sagte ich und wandte den Blick ab, denn das Problem war ja nicht mein Ehemann, sondern ich. »Ich fürchte nur, dass ich nicht die Frau bin, die er sich vorgestellt hat.«

»Aber natürlich bist du die Frau, die er sich vorgestellt hat«, beharrte Miranna in erstauntem Ton. Einen Moment lang saß sie schweigend da und schien zu überlegen, dann wurde sie so rot wie ich. »Du benimmst dich doch wie seine Ehefrau, in jeglicher Hinsicht, meine ich?«

Ihre Direktheit schockierte mich, aber dass ich nicht widersprach, war ihr Antwort genug.

»Das tust du nicht. Meine Güte, das tust du nicht!«

Ich legte einen Finger an meine Lippen und warf einen Blick auf die Tür. Ich wollte auf keinen Fall, dass diese Information in die Gerüchteküche des Schlosses gelangte. Daraufhin sprach sie im Flüsterton weiter.

»Alera, was denkst du dir bloß dabei? Das ist sein Recht, und außerdem – außerdem deine Pflicht als verheiratete Frau!«

Ich starrte auf den Teppich hinunter, fühlte mich extrem unbehaglich und wusste, dass kein Grund, den ich ihr nennen könnte, meine Weigerung rechtfertigen würde.

»Und er hat dich nicht … nicht dazu gezwungen?«

»Nein«, sagte ich mit zitternder Stimme, weil sie damit eine meiner schlimmsten Befürchtungen angesprochen hatte. Meine folgenden Worte sollten eher mich beruhigen als sein Verhalten erklären. »Er liebt mich. Er möchte, dass ich es auch will, und … er hat noch nie die Hand gegen mich erhoben.«

»Aber er kann doch nicht einfach …« Meine Schwester tat sich schwer damit, den Satz zu beenden, und unsere glühenden Wangen schienen das Zimmer regelrecht aufzuheizen. »Er kann doch nicht einfach … gar nicht! Ein Mann hat doch schließlich … Bedürfnisse.« Ihrer Miene konnte ich ansehen, dass ihr noch ein weiterer schockierender Gedanke gekommen war. »Was, wenn er eine andere Frau hat?«

»Mira, pscht!«, bat ich sie und betete, dass draußen auf dem Gang keine neugierigen Wachen oder andere Bedienstete zugegen waren. »Da gibt es keine andere Frau, mach dich nicht lächerlich! Er würde doch niemals …«

Doch ich verstummte, während die Vorstellung in mir arbeitete. Würde er tatsächlich nicht?

Ich dachte an die ungewöhnlichen Zeiten, zu denen Steldor auftauchte. Die Möglichkeit war nicht zu leugnen, und die einzige Chance, ihn davon abzuhalten, bestand darin, ihn in mein Bett zu lassen. Das waren also meine Wahlmöglichkeiten: Mich ihm weiter verweigern und ihn so in die Arme einer Geliebten treiben und mich selbst demütigen, wenn die unvermeidlichen Gerüchte zu kursieren begännen; oder ihm seinen Willen zu lassen und ihn glauben machen, er könne mich besitzen. Diese Vorstellung war mir derart zuwider, dass mir ganz übel wurde.

»Vielleicht … vielleicht sollte ich jetzt besser gehen«, murmelte ich, über meine eigene Lage entsetzt. Wir erhoben uns und Miranna ergriff meine Hände.

»Alera, ich werde immer für dich da sein, was auch geschieht, das weißt du ja.« Sie zögerte, dann fügte sie noch hinzu: »Aber du lebst jetzt an Steldors Seite, und daran wird sich auch nichts ändern. Ich bin überzeugt, dass er dir ein guter Ehemann sein könnte, aber du … du musst es auch zulassen.«

Sie drückte noch einmal meine Hände, dann begleitete sie mich zur Tür. Mit dem Gefühl seelischer Erschöpfung trat ich auf den Flur und machte mich auf den Weg zurück zu meinen Gemächern. Dabei spürte ich, wie Miranna mir nachsah. Ich beschleunigte absichtlich meine Schritte, um meine Stimmung zu kaschieren, und erst als ich hörte, wie sie die Tür wieder schloss, ergab ich mich der Verzweiflung, die mir das Herz und alle Glieder schwer werden ließ. Ich folgte dem Flur, an der Bibliothek vorbei, mit niedergeschlagenen Augen, weil ich ohnehin mit niemand sprechen wollte. Ich war so in meinen Kummer vertieft, dass ich heftig erschrak, als plötzlich eine Männerstimme nur ein paar Schritte von mir entfernt an mein Ohr drang.

»Füße sind etwas Faszinierendes, Alera, aber es ist wichtig, dass Ihr auch aufpasst, wohin Ihr lauft.«

Steldor stand mit einem frechen, verwirrenden Grinsen vor der Tür unseres Salons, und zum x-ten Mal an diesem Tag spürte ich, wie ich rot wurde. Ich starrte ihn an und rang um eine geistreiche Erwiderung. Doch es wollte mir keine in den Sinn kommen.

»Wünscht Ihr etwas von mir, Mylord?«, sagte ich schließlich und zwang mich zu einem Lächeln, das sich wie eine Grimasse anfühlte.

»Ich wollte nur meine wunderschöne Frau sehen«, sagte er immer noch süffisant grinsend. Allerdings war der Blick seiner Augen weicher, und so nahm ich an, dass sein Kompliment ehrlich gemeint war. »Das Fest deiner Schwester ist in drei Tagen, und da habe ich mir erlaubt, zu diesem Anlass ein Kleid für dich anfertigen zu lassen. Du wirst es mit deinem Gold-und-Perlen-Diadem tragen und mit offenem Haar, denn wie du weißt, gefällt mir das am besten. Die Schneiderin bringt es am Abend zur letzten Anprobe. Also solltest du dann zugegen sein.«

Wie vor den Kopf geschlagen starrte ich ihn an. Da hatte er also eine Robe für mich in Auftrag gegeben, ohne mich auch nur ein einziges Mal zu konsultieren. Hatte er sich gar nicht überlegt, dass ich vielleicht plante, etwas anderes zu tragen? Nein. Hatte er meine Meinung zu Schnitt oder Material dieses Kleides eingeholt? Nein. Ich spürte, wie der Zorn in mir aufwallte, doch bevor ich ihn noch zur Rede stellen konnte, war er ohne Zögern an mir vorbei und den Flur hinunter verschwunden.

Als am Abend die Schneiderin in mein Schlafgemach kam, trug sie ein Kleid bei sich, wie ich noch nie eines gesehen hatte. Ich hatte zwar schon immer die edelsten Stoffe und aufwendigsten Schnitte getragen, die es für Geld zu kaufen gab, doch nie zuvor hatte ich mich so reich und schön gefühlt wie in diesem Gewand, das mein Ehemann speziell für mich hatte anfertigen lassen.

Daraus, wie nervös die Frau mit den Fingerspitzen trommelte, leitete ich ab, dass Steldor die Entstehung dieses Entwurfs höchstpersönlich überwacht hatte. Ein untrüglicher Beweis für seinen außergewöhnlichen Geschmack. Vermutlich hatte er die elfenbeinfarbene Seide für Rock und Mieder ausgewählt, ebenso die Goldbordüren. Auch die Ärmel, die bis zu meinen Ellbogen eng waren und dann glockenförmig bis über meine Hände fielen, waren wohl nach seinem Wunsch geschnitten. Der Stoff bedeckte nur knapp meine Schultern und ließ ein atemberaubend tiefes Dekolleté sehen. Es wirkte allerdings nicht unanständig, sondern vielmehr gewagt, neu und durchaus elegant. Der Schnitt war ideal, denn er betonte die Kurven meines Körpers und fiel dann üppig bis zum Boden. Das Einzige, was mir dazu noch fehlte, war der passende Halsschmuck. Als ich das Sahdienne gegenüber äußerte, eilte sie in den Salon und kam mit einer Schachtel zurück, in der sich eine besondere Goldkette befand. Sie verlief genau über dem Grübchen unter meiner Kehle. Von der Kette hingen in gleichmäßigen Abständen zahlreiche kurze Perlenschnüre.

»Seine Hoheit hat das für Euch dagelassen, Mylady«, erklärte Sahdienne und ihre Augen glitzerten vor Bewunderung für meinen Ehemann. Ich begab mich an meine Frisierkommode, damit sie mir auch noch mein Diadem aus Gold und Perlen aufsetzen konnte.

»Eure Majestät …«, seufzte Sahdienne und war ganz bezaubert von meiner Erscheinung. »Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch kein schöneres Kleid gesehen. Der König ist wirklich ein außergewöhnlicher Mann.«

Sofort begann sie, die Dinge auf meiner Frisierkommode zu ordnen und zurechtzurücken. Offenbar war ihr die vorlaute Bemerkung selbst peinlich.

»Ja, das ist er«, stimmte ich ihr zu, allerdings mit einer gewissen Bitterkeit, die ich nicht verhehlen konnte.

Dann durchquerte ich mit der Schneiderin den Salon und verabschiedete sie mit aufrichtigem Dank und Lob für ihre außerordentliche Arbeit. Anschließend kehrte ich in mein Schlafgemach zurück.

»Es tut mir schrecklich leid, dass ich Euch bekümmert habe, Mylady«, bekannte meine Zofe mit hochrotem Kopf, denn offenbar machte sie sich für meine Niedergeschlagenheit verantwortlich. »Das war zu vertraulich von mir.«

»Ach nein, du kannst nichts für meine schlechte Stimmung. Die hat der König zu verantworten. Und jetzt hilf mir bitte aus diesem Kleid.«

Sahdienne gehorchte unter weiteren gemurmelten Entschuldigungen. Dann ließ sie mich mit dem Prachtkleid allein, das auf mein Bett gebreitet dalag. Ich würde es nicht tragen. Ich konnte es nicht tragen. Plötzlich erinnerte ich mich an das Collier um meinen Hals. Nicht sehr behutsam nahm ich es ab. Ich konnte ja nicht leugnen, dass dies herrliche Geschenke waren, aber sie hatten ihren Preis. Das war also Steldors Art und Weise, die Herrschaft über mich zu gewinnen. Wenn ich zustimmte, dieses Kleid zum Geburtstag meiner Schwester zu tragen, dann würde er im Gegenzug etwas erwarten, weil er glaubte, unser seltsames kleines Spiel gewonnen zu haben. Und das konnte ich keinesfalls zulassen.

6. JUNGEN UND MÄNNER

Am Abend von Mirannas Fest zog ich eine weiße Bluse mit weißen, bauschigen Ärmeln unter ein himmelblaues Kleid mit vorne geschnürtem Mieder an. Es war weniger festlich als die Robe, die Steldor für mich in Auftrag gegeben hatte, aber trotzdem hübsch. Viel wichtiger war mir jedoch, dass es farblich so weit von Elfenbein und Gold weg war, wie nur möglich, denn dann würde es sich mit Steldors Garderobe – was auch immer er tragen mochte – ordentlich beißen. Mit verschlagener Miene musterte ich mein Spiegelbild über der Frisierkommode und war nicht nur mit meiner Kleidung, sondern auch mit meinem Haar zufrieden, das kunstvoll in einem Lockenbouquet auf meinem Hinterkopf aufgetürmt war und von einem Diadem aus Silber und Diamanten gekrönt wurde.

Zufrieden verließ ich mein Schlafgemach und trat in den Salon, wo Steldor auf dem Sofa saß. Seine Füße in blank polierten schwarzen Stiefeln lagen übereinandergeschlagen auf dem niedrigen Tisch. Als er mich sah, hob er die Augenbrauen. Ich begegnete trotzig seinem Blick und forderte ihn geradezu heraus, meine Aufmachung zu kommentieren.

»Liebling«, sagte er und klang geradezu kränkend nachsichtig. »Was hast du denn bloß die ganze Zeit gemacht, wenn du dich nicht für das Essen zu Ehren deiner Schwester umgezogen hast?«

»Ich bin bereit, unsere Gäste zu begrüßen, sobald Ihr es auch seid«, erwiderte ich freundlich, aber bestimmt. Ich durchquerte den Raum und blieb neben der Tür stehen. Steldor erhob sich und wirkte belustigt.

»Das da wirst du aber nicht tragen«, stellte er nüchtern fest.

»Doch das werde ich.«

»Nein, wirst du nicht.«

»Doch, werde ich.«

»Du wirst lächerlich aussehen.«

»Wie meint Ihr?«, sagte ich gekränkt.

»Es hat nichts mit dem Kleid zu tun oder damit, dass es dir nicht passen würde«, erklärte er und rollte dabei mit den Augen, als müsse er jemand, der begriffsstutzig war, eine Selbstverständlichkeit erklären. »Aber es passt einfach nicht.«

»Und warum nicht?«

»Weil deine Garderobe in keinster Weise zu meiner passt.«

Das war absolut richtig und mir eine große Genugtuung. Er trug schwarze Hosen und ein elfenbeinfarbenes Hemd unter einer eng anliegenden goldenen und smaragdgrünen Weste. Das Ensemble ließ ihn ärgerlicherweise geradezu göttlich gut aussehen. Neben Himmelblau wirkte es allerdings grässlich.

»Dann wird unser Äußeres eben unseren unterschiedlichen Persönlichkeiten entsprechen«, erwiderte ich.

Er seufzte und fuhr sich mit der Hand durch die dunklen Haare. »Geh und zieh dich um.«

»Das werde ich nicht tun.« Ich hatte die Hände in die Hüften geschoben und biss die Zähne zusammen.

»Sieh es doch einmal so, Alera«, begann er und ich konnte schon am Glitzern in seinen Augen sehen, dass er gleich versuchen würde, mich zu manipulieren. »Jeder wird annehmen, dass du unsere Kleidung für diesen Abend gewählt hast und dass es deine Absicht war, dass wir gut zusammenpassen. Wenn wir so gehen, wird man dich für diesen grässlichen modischen Fehltritt verantwortlich machen. Wenn du allerdings das Kleid anziehst, dass ich für dich habe machen lassen, dann überlasse ich dir den Ruhm und man wird dich für deinen großartigen Geschmack loben. Du hast die Wahl. Aber wie auch immer – mich wird keine Schuld treffen. Also sag selbst, ob du lieber die Verantwortung für einen Schandfleck oder für ein Kunstwerk übernimmst?«

Nachdem er geendet hatte, ließ er sich wieder träge aufs Sofa sinken, streckte die Arme auf der Lehne aus und grinste breit und selbstsicher. Ich hatte mein Vorgehen nicht wirklich zu Ende gedacht, so viel war klar, aber nachdem ich mich nun einmal darauf eingelassen hatte, kam ein Rückzieher für mich nicht mehr infrage.

»Du könntest dich ja umziehen. Das ginge viel leichter als bei mir.«

»Stimmt«, gab er mit einem Kichern zu. »Aber ich sehe bereits perfekt aus.«

»Also, ich bin mir sicher, dass du auch in etwas anderem perfekt aussehen kannst.«

»Ja, zweifellos, aber warum sollte ich etwas duplizieren, was bereits perfekt ist, wenn sich auch verbessern lässt, was es noch nicht ist?«

Ich hätte ihn am liebsten umgebracht. Damit dieser mich so maßlos verärgernde göttliche Mund ein für alle Mal geschlossen blieb. Und wenn das Beenden seines Lebens der einzige Weg dorthin wäre, dann hätte ich absolut nichts gegen diesen Schritt einzuwenden. Doch stattdessen holte ich tief Luft und unternahm einen neuerlichen Versuch.

»Wenn ich mich noch einmal umkleide, dann ist meine Frisur ruiniert.«

»Du weißt doch, Liebes, dass du deine Frisur sowieso noch einmal ändern solltest. Ich habe dir ja bereits gesagt, dass du es offen tragen sollst. Und dann nimm doch auch gleich ein anderes Diadem.«

»Wie die Dinge liegen, sind wir nur schon ziemlich spät dran«, polterte ich und gab mir Mühe, noch einigermaßen zivilisiert zu klingen, obwohl es in mir brodelte. »Du könntest dich viel rascher umziehen.«

»Nicht nötig. Du weißt ja bereits, was du anziehen wirst. Ich müsste erst nach etwas weniger Elegantem suchen, das zu dem Kleid passt, das du jetzt trägst, und trotzdem dem Anlass angemessen wäre. Und ganz ehrlich, hast du mich jemals etwas tragen sehen, das zu Himmelblau passen würde?«

Ich verfiel in ein ärgerliches Schweigen, denn sosehr ich es auch hasste, das zugeben zu müssen, sein Argument war stimmig. Meist trug er dunkle oder kräftige Farben, nie etwas, das auch nur entfernt zu meiner momentanen Kleidung passte. Ich hasste mich selbst für das, was ich nun tun musste.

»Ich werde warten«, sagte Steldor, der meine Miene perfekt gedeutet hatte.

Also stürmte ich in mein Schlafgemach zurück, warf mir das gold- und elfenbeinfarbene Kleid über, das ich trotz seiner unübertroffenen Schönheit entschlossen war zu hassen. Danach legte ich die Kette aus Gold und Perlen um und löste finster entschlossen meine Frisur. Zum Schluss knallte ich mir noch das von Steldor gewünschte Diadem auf den Kopf, marschierte durch den Salon und ohne auf ihn zu warten zur Tür hinaus.

Weil ich auf dem Flur meine Schritte beschleunigte, war ich weit vor Steldor an der Prunktreppe angelangt. Aber auch wenn ich auf diesem Gebiet nicht besonders bewandert war, wusste ich immerhin, dass die Königin in offizieller Funktion nicht einfach ohne den König antanzen konnte, also wartete ich vor Wut kochend auf ihn. Lässig kam er hinter mir hergeschlendert, offenbar erfreut, als Sieger aus unserer trivialen Auseinandersetzung hervorgegangen zu sein. Seine Haltung änderte sich jedoch, sobald er mich eingeholt hatte, denn er hielt mir mit einem gewinnenden Lächeln seinen Arm hin und legte den für ihn typischen Charme an den Tag, so wie jemand anders sich einen Umhang umlegte.

Ich reagierte missmutig und schob meine Hand grob in seine Armbeuge, um mich von ihm die Treppen hinunter und in den Speisesaal im Parterre führen zu lassen, wo unsere Gäste sich bereits versammelt hatten. Lanek erwartete uns schon, und auf Steldors Kopfnicken hin betrat er den Raum, um unser Eintreffen zu vermelden.

»Begrüßt allesamt König Steldor und seine Königin, Lady Alera.«

Ich ließ den Blick über die kleine Gästeschar schweifen, die vor uns knickste oder sich verneigte. Ich war diese Respektsbezeugung zwar gewohnt, aber es fühlte sich seltsam an, meine Eltern als Untertanen vor mir zu haben. Steldor schien solches Unbehagen nicht zu verspüren, sondern hatte sich offenbar schon erstaunlich gut an den Glanz seines Amtes gewöhnt.

Lanek machte Platz, und mein Gatte und ich betraten den Saal. Tadark, der mit London neben den Türen gestanden hatte, durch die wir gerade hereingekommen waren, sprang hinter Steldor her, während London blieb, wo er war. Mit vor der Brust verschränkten Armen an die Wand gelehnt. Bei solchen Gelegenheiten war es üblich, jedem Angehörigen der Königsfamilie einen Elitegardisten zuzuteilen, auch wenn die mögliche Gefährdung gering bis nicht vorhanden war. London war selbstverständlich für mich zuständig, und ich konnte mir nur vorstellen, dass Cannan sich ein bisschen hatte rächen wollen, als er Tadark Steldor zugeordnet hatte. Der Gardist mit dem kindlichen Gesicht war furchtbar anhänglich, geschwätzig und ziemlich nervös, trotz seines stets verkündeten Pflichtbewusstseins. Kurz gesagt, sollte es Probleme geben, wäre es weitaus wahrscheinlicher, dass Steldor Tadark hätte beschützen müssen als umgekehrt. Und wenn alles ruhig blieb, war es ziemlich wahrscheinlich, dass der enervierende Gardist Steldor verrückt machte. Auch dem Rest meiner Familie waren Elitegardisten zugeteilt worden: Destari und Orsiett, der einmal als Mirannas zweiter Leibwächter fungiert hatte, für meine Eltern, Halias war wie immer der Schatten meiner Schwester.

Die Männer standen am hinteren der beiden offenen Kamine im Saal, die Ehefrauen plauderten ein wenig abseits von ihnen. Meine Schwester und die jüngeren Gäste drängten sich vor dem großen Erkerfenster, von dem aus man den gesamten westlichen Innenhof überblickte.

Meine Eltern kamen als Erste auf uns zu, um uns persönlich zu begrüßen. Mein Vater wandte sich herzlich an Steldor, mir dagegen nickte er nur zu. Meine Mutter teilte ihre Aufmerksamkeit gerecht zwischen uns beiden auf. Steldor warf mir einen fragenden Blick zu, nachdem der ehemalige König sich entfernt hatte, doch ich ignorierte ihn und konzentrierte mich stattdessen auf die melodiöse Stimme meiner Mutter.

»Ich bin sehr stolz darauf, wie gut du dich in deine neue Rolle gefügt hast, Liebling«, sagte sie und schien meine jüngsten haarsträubenden Eskapaden außer Acht zu lassen. Sie streckte die Hand aus und strich mir übers Haar, obwohl ich vermutete, dass ihre liebevolle Geste in erster Linie dazu gedacht war, eine widerspenstige Locke zu bändigen, ohne mich in Verlegenheit zu bringen. Schließlich hatte ich nicht einmal mehr in den Spiegel geblickt, nachdem ich meine Frisur geändert hatte.

»Und ich muss dir zur Wahl deiner Garderobe gratulieren. Du hast ja nicht immer die nötige Geduld für Mode aufgebracht, aber heute Abend seht ihr beide, du und Steldor, großartig aus, und dein Kleid ist wirklich exquisit. Ihr gebt ein herrliches Paar ab.«

Meine Mutter hatte die von Steldor vorhergesagte Schlussfolgerung gezogen, aber ich konnte mich nicht dazu überwinden, das Kompliment zur Kenntnis zu nehmen. Daher sah sie mich ein wenig verblüfft an, bis Steldor an meiner Stelle das Wort ergriff.

»Alera besitzt tatsächlich einen tadellosen Geschmack«, stimmte er ihr ungemein großzügig zu, allerdings schmunzelte er dabei so, dass nur ich es bemerkte.

Meine Mutter wandte sich ab, und wir fuhren fort, auch mit den anderen Gästen ein paar Worte zu wechseln. Die Herren unterhielten sich mit Steldor, während die Damen mir überschwängliche Komplimente machten. Obwohl ich das nie zugegeben hätte, wusste ich, das Steldor recht gehabt hatte, als er darauf bestand, dass ich mich umzog. Außerdem entsprach es ganz dem Bild des Kavaliers, dass er mir das Lob zukommen ließ.

Als es um uns herum etwas leerer wurde, eilte Baronin Faramay zu ihrem Sohn. Cannan folgte ihr in normalem Tempo.

»Ach, Steldor, mein Engel, wie gut du wieder aussiehst«, rief sie aus und reckte sich, um unnötigerweise den Kragen seines Hemdes glatt zu streichen. Ihre dichten, schokoladenbraunen Locken fielen ihr kreuz und quer über die Schultern und unterstrichen ihre umwerfend schönen Züge und das strahlende Lächeln, das ihr Sohn von ihr geerbt hatte.

»Hallo, Mutter«, erwiderte Steldor mit einem kaum hörbaren resignierten Unterton in der Stimme. Er verschränkte die Arme und grub die Finger in die Muskeln seiner Oberarme.

»Ich habe dich schon seit der Krönung nicht mehr gesehen«, fuhr Faramay fort und die Bewunderung für ihr einziges Kind sprach aus ihren strahlend blauen Augen. »Dabei vermisse ich dich so. Ich wünschte, du würdest einmal die Zeit finden, mich zu besuchen. Sicher verdient deine Ehefrau nicht deine gesamte Aufmerksamkeit.«

Sie warf einen gekränkten Blick in meine Richtung, und ich war mir nicht sicher, ob ich beleidigt oder amüsiert reagieren sollte. Machte sie mich tatsächlich für ihren seltenen Kontakt mit Steldor verantwortlich? War sie gar eifersüchtig auf mich? Schon die Vorstellung war absurd.

»Genau genommen, Mutter, hat das Regieren des Reiches meine Aufmerksamkeit verdient«, sagte Steldor, und diesmal war sein Sarkasmus unüberhörbar.

Sie streckte die Hand aus, um ihm das Haar aus der Stirn zu streichen, während sie einen Schmollmund andeutete, doch er drehte seinen Kopf weg.

»Lass das«, giftete er.

In diesem Moment trat Cannan an Faramays Seite und begrüßte mich nur mit einem leichten Kopfnicken, bevor er einen Arm um die Taille seiner Frau legte.

»Faramay, ich denke, du hast jetzt lange genug mit dem Jungen geredet«, sagte er und versuchte, sie wegzulotsen, doch sie ignorierte ihn und wandte sich erneut an Steldor.

»Na komm, mein Schatz, sei nicht böse«, flehte sie und legte eine ihrer zarten Hände an seine Brust. »Du weißt doch, dass ich keinen Sinn für Politik habe.«

»Ja, natürlich«, sagte Steldor ungeduldig. »Ich verzeihe dir. Und jetzt geh.«

»Aber Katerchen …«

»Mutter, es ist alles in Ordnung, aber Alera und ich haben noch weitere Gäste zu begrüßen. Vielleicht finde ich später noch Gelegenheit, mich mit dir zu unterhalten.«

Faramay fügte sich mit einem vernehmlichen Seufzer, und legte ihren Arm auf Cannans. Bevor sie weitergingen, warf Steldor seinem Vater noch einen ärgerlichen Blick zu, als hätte der Hauptmann irgendeine Vereinbarung gebrochen, weil er seiner Mutter erlaubt hatte, sich ihm zu nähern. Cannan antwortete darauf mit einem kaum merklichen Schulterzucken, und ich versuchte mir vorzustellen, was Faramay dazu gebracht haben mochte, Steldor so übertrieben zu bemuttern. Mir fiel ein, dass Steldors jüngerer Bruder ja von Cokyriern aus seiner Wiege entführt und ermordet worden war. Ich spürte eine Welle der Sympathie gegenüber Faramay. Ein solcher Schlag genügte sicher, um eine Mutter überbesorgt werden zu lassen. Trotzdem war ihr Verhätscheln übertrieben, denn schließlich war ihr Sohn kein kleiner Junge mehr, der ihrer Fürsorge bedurfte.

Steldors charismatische Haltung kehrte zurück, als Galen seine Begleiterin, Lady Tiersia, um den großen länglichen Tisch herumführte, der die Mitte des Raumes einnahm. Steldors Cousinen, Lady Dahnath und Lady Shaselle, die Töchter von Cannans Bruder Lord Baelic und dessen Frau, Lady Lania, folgten ihnen. Während wir auf sie warteten, nutzte ich die kurze Gelegenheit, um nur ein einziges Wort zu sagen.

»Katerchen?«

Steldor blieb ganz Mann von Welt, denn er neigte sich nur ein wenig zu mir und ließ die Augen auf die sich nähernden Gäste gerichtet.

»Kraul mich an der richtigen Stelle, dann schnurre ich auch«, scherzte er.

Ich war vollkommen verblüfft, denn wie gut ich ihn auch zu kennen glaubte, ich war doch nie auf seine schalkhaften Abweichungen vom üblichen Benehmen adeliger Herren gefasst. Weil mir so spontan keine andere Erwiderung in den Sinn kam, ließ ich nur ein kurzes, ungläubiges Lachen vernehmen, auf das Steldor gewiss noch mit einer bissigen Bemerkung eingegangen wäre, wenn in diesem Moment nicht bereits Galen und die jungen Damen bei uns angelangt gewesen wären.

Galen begrüßte mich mit einem Handkuss, dann begannen Steldor und er sich im Scherz zu zanken, während die jungen Damen über die jüngsten Ereignisse im Königreich tratschten. Shaselle, die mit ihren haselnussbraunen Augen und dicken, glatten braunen Haaren eine große Ähnlichkeit mit ihrer Mutter hatte, schob sich immer näher an die jungen Männer heran, weil sie ihren Cousin und dessen besten Freund offenbar interessanter fand als uns junge Damen. Tiersias sanfte grüne Augen blickten ebenfalls oft in dieselbe Richtung, wenn auch aus einem ganz anderen Grund – denn mit seinen aschblonden Locken und den warmen braunen Augen und der bernsteinfarbenen Weste sah Galen ausgesprochen gut aus. Ich war dankbar, dass zumindest Dahnath, Shaselles wissbegierige große Schwester mit dem kastanienbraunen Haar, sich auch nicht mehr als ich für Männer interessierte. So konnten wir uns eine kleine Weile aufs Angenehmste unterhalten.

Mirannas Auftritt ließ die Gespräche kurz verstummen. Sie rauschte mit Temerson und Semari im Gefolge heran. Dabei trug sie ein schillerndes blassblaues Kleid, das sie bei jeder Bewegung weich umspielte und mit einem gewagt geschnittenen Mieder versehen war. Es erinnerte daran, dass sie nun praktisch auch erwachsen war. Ihr Haar war aufwendig frisiert, doch das Gebilde hatte sich bereits ein wenig gelockert und einzelne Locken rahmten ihre zarten Züge ein. Immerhin war ihr goldenes Diadem mit den schimmernden Opalen noch am Platz. Ich begrüßte Miranna und ihre beste Freundin mit einem Wangenkuss, während Steldor Temerson so heftig auf die Schulter schlug, dass der arme Junge einen Schritt vorwärtsstolperte. Meine Schwester, die vor Aufregung schon ganz außer sich war, avancierte sogleich zum Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit und plauderte ohne Unterlass, bis es Zeit war, sich zu Tisch zu begeben.

Als wir an die mit feinstem Damast gedeckte Tafel traten, an der fünfundvierzig Menschen Platz gefunden hätten, die aber noch klein genug war, um eine trauliche Konversation zuzulassen, nahm Steldor als König vor Kopf Platz, ich zu seiner Linken, Galen zu seiner Rechten. Links von mir saß Shaselle, gefolgt von Semari, Miranna und Temerson. Ich hatte beschlossen, Baelic neben Temerson zu platzieren, denn ich verließ mich darauf, dass der Charme meines neuen Onkels dem jungen Mann etwas von seiner Nervosität nahm. Baelics Frau Lania saß zu dessen Linker, danach folgten Semaris Eltern, Baronin Alantonya und Baron Koranis. An der rechten Seite der Tafel hatte Tiersia neben Galen Platz genommen, daneben Dahnath, die erst kürzlich Tiersias Bekanntschaft gemacht hatte. Darauf folgten Lady Tanda und Leutnant Garreck, dessen gedrungene Gestalt Temerson geerbt hatte, wobei Garreck sehr viel gesetzter wirkte als sein Sohn. Neben Garreck hatte ich Cannan vorgesehen, denn ich nahm an, dass die beiden Militärs einander mehr zu sagen hätten als jedem anderen Gast. Faramay kam zwischen ihrem Gatten und meiner Mutter zu sitzen. Darauf folgte mein Vater, der also neben seiner Frau und gleich gegenüber von seinem guten Freund Baron Koranis saß; gleichzeitig war er damit so weit als möglich von mir entfernt.

Das Festmahl wurde in fünf Gängen auf goldenen Tellern serviert. Außerdem standen mit Wein gefüllte Pokale und Fingerschalen mit Rosenwasser auf dem Tisch, um sich zwischendurch die Hände zu reinigen. Den ersten Gang bildete eine feine Suppe, danach wurde ein Fleischgericht mit Brot serviert. Als Nächstes folgte Räucherfisch mit Spargel und schließlich Braten vom Schwein und Lamm mit Rübchen, Bohnen und anderem Gemüse. Den letzten Gang bildeten Käse, Obst und kleine Süßigkeiten.

Während der gesamten Mahlzeit gab Steldor den perfekten Kavalier, der unsere Gäste mit seinem Witz bezauberte. Ich selbst sprach wenig und spielte eher die Rolle der höflichen, aber reservierten Königin und der fügsamen Gattin, wie ich bitter bei mir dachte. Meine Mutter lächelte mir oft zu, weil sie offenbar überzeugt war, ich hätte ihren Rat beherzigt und mich in mein Schicksal gefügt. Sie hatte wohl den Eindruck, ich sei mit meiner Rolle, wenn auch nicht überglücklich, so doch zufrieden. Als das Mahl sich dem Ende zuneigte, suchte der Blick meines Vaters Steldors Augen. Auf das Kopfnicken des Königs hin erhob er sich, um etwas bekannt zu geben.

»Meine lieben Freunde«, begann er strahlend und ließ die Augen über die Tafelrunde schweifen. »Viele von Euch gehören zu meiner Familie, sei es von Geburt an oder durch Heirat. Andere kenne ich schon so lange, dass es mir durchaus gerechtfertigt erscheint, auch sie dazu zu rechnen.«

Bei dieser Äußerung rückte Koranis sich demonstrativ in seinem Stuhl zurecht, als hätten er und seine Familie soeben eindrucksvoll an Ansehen gewonnen.

»Hocherfreut möchte ich an diesem 19. Juni unsere Hoffnung und Absicht kundtun, auch die übrigen Gäste in unsere Familie aufzunehmen. Lord Garreck und ich haben bereits gesprochen, und ich habe Lord Temerson gestattet, um meine Tochter Prinzessin Miranna zu werben.«

Miranna ließ ein wenig damenhaftes Quietschen hören, den ich, wären wir unter uns gewesen, nachgemacht hätte, um sie zu necken. Sie schlug sich rasch die Hand vor den Mund, und ihre Wangen färbten sich rosa. Angesichts der Freude, die aus ihren Augen strahlte, war ihr dieser Bruch der Etikette jedoch sofort verziehen. Sie wandte sich Temerson zu und begegnete seinem verlegenen Gesichtsausdruck mit einem breiten Lächeln. Da wirkte auch er erleichtert, als hätte er sich nicht sicher sein können, wie sie auf diese Neuigkeit reagieren würde.

Ich freute mich für das glückliche Paar, aber da war noch ein anderes Gefühl, das ich nicht sogleich zu definieren vermochte. Ein Stich, der wohl nur Eifersucht sein konnte. London hatte mir einmal gesagt, dass die Blicke, die Narian und ich getauscht hatten, es für jeden offensichtlich gemacht hatten, wie verliebt wir waren. Jetzt begriff ich, was er damit gemeint hatte.

»Wollen wir uns ein wenig im Garten ergehen?«, fragte Steldor und erhob sich.

Der Juniabend war warm, aber es wehte auch eine leichte Brise, die nicht nur angenehm erfrischte, sondern auch die Insekten fernhielt. Steldor hielt mir seinen Arm hin, und auch wenn das Protokoll ihm dies ohnehin gebot, meinte ich zu spüren, dass unsere Auseinandersetzung beigelegt war. Doch noch bevor ich sein Angebot annehmen konnte, kam Faramay herbeigeeilt und hängte sich an seinen Arm.

»Ich dachte mir, wir beide könnten miteinander gehen, Liebling«, zwitscherte sie. »Natürlich nur, falls die Königin nichts dagegen hat.«

Angesichts der Folgen, die es hätte, dieser hingebungsvollen Mutter den Zugang zu ihrem Sohn zu verwehren, stimmte ich mit einem entschuldigenden Blick zu Steldor zu. Er lächelte gequält und fügte sich ins Unvermeidliche.

Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen und fühlte mich ohne den König an meiner Seite ziemlich verloren. Da erblickte ich Cannan und Baelic ins Gespräch vertieft. Ich war einen Moment verwundert, denn der sonst so gestrenge Hauptmann lachte und scherzte mit seinem so viel leutseligeren jüngeren Bruder. Cannan sah im selben Moment auf, wahrscheinlich weil er seine Frau suchte. Sein Gesichtsausdruck wurde säuerlich, als er sie an Steldors Seite entdeckte. Er wies Baelic darauf hin, der ihm aufmunternd mit einem herzhaften Lachen auf die Schulter schlug. Dann murmelte er etwas, das seinen älteren Bruder dazu brachte, zum zweiten Mal an diesem Abend mit den Augen zu rollen. Zu meinem Missfallen bemerkten die beiden meinen Blick, und ich wandte mich rasch ab.

Ein, zwei Augenblicke vergingen, da hörte ich sich nähernde Schritte, und als ich aufschaute, war es Baelic, ein ebenso dunkler Typ wie alle Männer seiner Familie. Er bot mir seinen Arm und schenkte mir sein gewinnendes Lächeln an.

»Im Unterschied zu uns anderen scheint Steldors Mutter sich ein wenig schwer damit zu tun, ihn loszulassen«, sagte er ironisch. »Darf ich Euch vielleicht begleiten?«

»Ja, vielen Dank«, erwiderte ich erstaunt, aber nicht enttäuscht. Ich hatte damit gerechnet, dass einer der beiden Brüder herüberkommen und mir seine Begleitung antragen würde, aber ich hätte eher Cannan erwartet. Der ging stattdessen mit Baelics Frau Lania, die sich in seiner Gesellschaft sichtlich wohlzufühlen schien.

Also nahm ich Baelics Arm, und wir folgten den anderen in den Garten auf der Rückseite des Schlosses. Im Gehen neigte sich mein neuer Onkel ein wenig zu mir.

»Ich habe aus sehr zuverlässiger Quelle erfahren, dass Ihr Euch gelegentlich am Reiten delektiert«, vertraute er mir an.

Ich lächelte unbehaglich und fragte mich, worauf er mit dieser Äußerung wohl hinauswollte.

»Ihr braucht Euch darüber keine Gedanken machen, Eure Hoheit«, schalt er mich sogleich. »Ich bin Kavallerieoffizier, schon vergessen? Ich könnte Euch vor Cannans und Steldors Augen eine ganze Pferdeherde besorgen, wenn Ihr es wünscht.«

»Was meint Ihr damit?«, fragte ich und schwankte zwischen Skepsis und guter Laune.

»Ich wollte Euch einfach nur wissen lassen, dass – auch wenn mein lieber Neffe und mein reizender Bruder traditionellen Vorstellungen anhängen – ich oft mit Shaselle und meinem Sohn Celdrid ausreite. Und wir würden uns überaus geehrt fühlen, wenn die Königin sich uns irgendwann einmal anschlösse.«

»Shaselle reitet?«, fragte ich und meine Augen weiteten sich beim Gedanken an den Geschmack der verbotenen Frucht. Gleichzeitig weckte er auch mein ausgeprägtes Interesse an seiner Tochter.

»Ja, Lania und ich fragen uns oft, ob nicht doch ein Junge an ihr verloren gegangen ist.« Baelic zog mich zu einem der Seitenausgänge und wollte das Thema offenbar abschließen, bevor wir den Palast verließen. »Lania hasst es, wenn ich ihr gegenüber nachsichtig bin, aber ich wäre schließlich auch außer mir, wenn mir jemand das Reiten verbieten wollte, also kann ich es meiner eigenen Tochter ja schlecht verwehren.«

»Sie muss Euch vergöttern«, sagte ich und war ganz aufgeregt über sein großzügiges und absolut ungewöhnliches Angebot. Nur wenige Männer wären wohl tolerant oder auch nur interessiert genug, um einer Tochter diese Chance zu bieten, die er Shaselle so nonchalant gewährte.

»Sie steht mir näher als ihrer Mutter«, gab er zu, dann zeigte mir sein schiefes Grinsen an, dass er auf das Thema zurückzukommen gedachte, mit dem er begonnen hatte. »Ihr müsst mir einfach nur eine Nachricht zukommen lassen, und schon sitzt Ihr im Sattel – ohne meinen Neffen auf den Fersen zu haben.«

Er zwinkerte mir zu, und ich vermutete, dass Cannan, der offenbar ein enges Verhältnis zu seinem Bruder pflegte, ihm die Geschichte von meinem abenteuerlichen verhinderten Ausritt zugetragen hatte. Ich konnte mich, vor allem angesichts des Ergebnisses, ja eigentlich nicht beklagen, dass mein Schwiegervater meinen Onkel ins Vertrauen gezogen hatte. Außerdem fiel mir ein, dass dies auch eine Chance für mich wäre, Baelics Geschenk einzulösen, dass er mir an meinem Hochzeitstag gemacht hat – die Bereitschaft, mir Dinge über Steldor zu verraten, die nicht einmal Cannan wusste.

»Ich danke Euch und werde ganz sicher darauf zurückkommen.«

»Ich werde ungeduldig darauf warten, von Euch zu hören«, scherzte er, deutete auf die Schwelle und führte mich in den Garten. Mit einer leichten Verbeugung fügte er abschließend hinzu: »Mit Eurer Erlaubnis werde ich mich jetzt zurückziehen und damit fortfahren, meinen Bruder zu ärgern.«

»Aber selbstverständlich«, sagte ich laut lachend, und schon machte er sich auf den Weg zu Cannan, meinem Vater, Koranis und Garreck, die ein Stück nach rechts den Weg hinunter beisammenstanden und sich an dem gewürzten Wein gütlich taten, der dort serviert wurde.

Die älteren Damen hatten sich ebenfalls zusammengefunden und sprachen auch dem Wein zu, während sie entspannt miteinander plauderten. Auf dem Weg direkt vor mir waren Galen, Steldor, Temerson und die jungen Mädchen versammelt. Tadark, Steldors Leibwächter am heutigen Abend, klebte regelrecht an ihm, während Halias deutlich diskreter höfliche Distanz zu meiner Schwester wahrte. Temerson wirkte ziemlich desillusioniert. Ich vermutete, er hatte gehofft, Steldor würde aufhören, mit ihrer Zuneigung zu spielen, sobald er Miranna offiziell den Hof machen durfte. Doch das war offenbar nicht der Fall. Auch Galen flirtete ziemlich ungeniert, und alle jungen Damen kicherten über die Scherze der beiden Freunde. Auch wenn ich wusste, dass Temerson das Herz meiner Schwester bereits erobert hatte, spürte ich Zweifel daran, ob es ihm gelingen würde, die Rolle als ihr Ehemann auszufüllen. Ich wusste nicht, ob es ihm je gelingen würde, in einer solchen Runde seinen Mann zu stehen.

Die Aussicht, Zeugin der ungebrochenen Beliebtheit meines Mannes zu werden, lockte mich nicht, also beschloss ich, mich zu meiner Mutter, Faramay, Alantonya, Lania und Tanda zu gesellen. Doch diese Entscheidung bereute ich bald, denn das Thema ihrer Unterhaltung behagte mir kein bisschen. Leider war es da schon zu spät, um sich abzuwenden, ohne unhöflich zu wirken.

»Koranis verbietet uns streng, auch nur seinen Namen in den Mund zu nehmen«, vertraute Baronin Alantonya den anderen gerade an, als ich näher kam. Sie klang traurig und besorgt. »Es ist schlimmer als vor seiner Rückkehr, als wir ihn noch für tot hielten. Aber es gelingt mir einfach nicht, so zu tun, als hätten wir nie einen weiteren Sohn gehabt, und zu wissen, dass er irgendwo lebt, macht mich ganz … Eure Hoheit!«

Alantonya brach ab, als sie mich bemerkte, und versank in einem tiefen Knicks. Die anderen Damen taten es ihr gleich, wobei Faramays Augen dauernd zu Steldor huschten. Sie schien jede seiner Bewegungen zu beobachten, und ich begann Steldors Reaktion auf sie zunehmend besser zu verstehen.

»Vielleicht kann Alera Euch ein wenig beruhigen«, sagte meine Mutter und nahm das Gesprächsthema wieder auf. Eindeutig war sie über meine wahre Beziehung zu Alantonyas Ältestem nicht im Bilde. »Sie war eng mit Narian befreundet und vermag Eure Sorgen vielleicht ein wenig zu zerstreuen.«

Alantonyas hoffnungsvolle azurblaue Augen taten mir im Herzen weh, und ich musste um meine Fassung ringen. Ich wollte in dieser Gesellschaft nicht über Narian reden. Meine Gefühle für ihn sorgten dafür, dass es mich bereits schmerzte, auch nur seinen Namen auszusprechen. Gleichzeitig konnte ich das Leid im Gesicht der Baronin nicht ignorieren, das meinem eigenen so sehr glich.

»Narian … nun, ich weiß auch nicht, warum er fortgegangen ist oder wohin«, presste ich hervor, und auf ihrem Gesicht breitete sich Enttäuschung aus. »Aber ich glaube, dass er irgendwann nach Hytanica zurückkehren wird – zumindest wissen wir ja, dass er nicht nach Cokyri zurückgekehrt ist. Und falls Euch das ein Trost ist – er hat immer gut von Euch gesprochen, und ich bin mir sicher, er weiß, dass Ihr Euch um ihn sorgt, wo auch immer er jetzt sein mag.«

Sowenig aufschlussreich sie auch waren, schienen meine Worte Alantonya dennoch zu trösten. Daher dankte sie mir von ganzem Herzen, bevor sie ihre andere Sorge ansprach.

»Koranis gestattet uns auch nicht, das Landgut zu besuchen. Er sagt, es liege zu nah an der cokyrischen Grenze. Ich verstehe ja, dass eine gewisse Gefahr besteht, aber ich habe Sorge, dass es noch geplündert werden könnte. Erinnert Ihr Euch an die Überfälle im letzten Krieg? Und es liegt ja so nah am Fluss …«

»Das Wichtigste ist doch, dass Eure Familie in Sicherheit ist«, wandte Temersons Mutter, Lady Tanda, sanft ein. Da fiel mir zum ersten Mal die Ähnlichkeit zwischen Mutter und Sohn auf. Ihr Haar war nur eine Schattierung dunkler als sein Zimtbraun, die warmen braunen Augen waren identisch.

»Ja, ja, natürlich. Und ich bin in der Tat dankbar dafür, dass wir unser Zuhause innerhalb der Stadtmauern besitzen. Allerdings musste ich einige Dinge, die mir lieb und teuer sind, zurücklassen und würde nun gern jemand schicken, sie zu holen.« Alantonya spielte nervös mit ihrem Ehering, als sie daran dachte, was sie verlieren könnte. »Doch Koranis erlaubt absolut niemand, sich dorthin zu begeben, nicht einmal einem Diener. Ich weiß also nicht, in welchem Zustand sich unser Anwesen befindet oder auch nur, ob eine echte Gefahr besteht.«

»London war kürzlich dort«, verriet ich und ließ das unerhebliche Detail weg, dass ich dabei gewesen war. »Ich werde ihn gleich herrufen – vielleicht vermag er Euch zu beruhigen.«

Ich drehte mich um und schenkte dem Eindruck, dass sich die Atmosphäre irgendwie verändert hatte, keine weitere Beachtung. Dann winkte ich meinem Leibwächter, der nur ein paar Schritte entfernt in seiner üblichen Haltung mit verschränkten Armen an die Schlossmauer gelehnt stand. Pflichtbewusst richtete er sich auf und wollte schon auf mich zukommen, als er plötzlich abrupt innehielt. Ich legte fragend den Kopf zur Seite und runzelte, verwirrt von seinem Verhalten, die Stirn. Mein Stirnrunzeln wurde zu einer finsteren Miene, als er fast unmerklich den Kopf schüttelte und zu seinem Platz an der Mauer zurückkehrte. Ich starrte ihn weiter an und konnte nicht glauben, dass er mir nicht gehorchte, aber er wich standhaft meinem Blick aus.

»Tut mir leid«, sagte ich zu Alantonya. »Ich weiß nicht, was London zu diesem Verhalten bewegt, aber …«

»Ist ja nicht so wichtig, Eure Hoheit«, beeilte sie sich, mir zu versichern, auch wenn das ihren Aussagen von vorher vollkommen widersprach. »Ich vertraue darauf, dass unser Besitz unversehrt ist.«

»Na-natürlich«, stammelte ich und war von ihrem Gesinnungswandel ebenso irritiert wie von Londons ungewöhnlichem Benehmen. Ich ließ meinen Blick über die anderen Frauen der Runde streifen: auf Faramay, die sich außer für ihren Sohn für nichts zu interessieren schien, auf Baelics Frau Lania, die ihre Schwägerin verwundert ansah, auf meine Mutter, die eine Hand besänftigend auf Tandas Oberarm gelegt hatte, und auf Tanda, die fast traurig dreinsah.

»Entschuldigt mich für einen Augenblick«, sagte ich, weil ich zum einen nicht wusste, wie ich das verlegene Schweigen überbrücken sollte, zum anderen, weil ich eine Erklärung von meinem widerspenstigen Gardisten verlangen wollte.

Ich verließ die Gruppe und machte ein paar Schritte auf das Schloss zu, nur um festzustellen, dass London sich von seinem Platz fortbewegt hatte. Ich kam mir töricht vor, weil ich die Damen verlassen hatte und nun allein dastand. Also schaute ich herum, um London wiederzufinden. Im schwindenden Abendlicht brauchte ich eine Weile, bis ich ihn bei Steldor, Galen und den jungen Damen entdeckte, die inzwischen alle neben einem der doppelstöckigen Marmorbrunnen standen. Ich sah, wie er sich zu Halias gesellte, der sich im Schatten der Bäume aufhielt. Mit einer gewissen Genugtuung entdeckte ich, dass Tadark immer noch an Steldor klebte, während Temerson alle Hoffnung aufgegeben zu haben schien und allein auf einer der Bänke saß, die das große Bassin des Brunnens umstanden. Es lag sicher nicht in der Absicht meiner Schwester, ihren jungen Brautwerber zu vernachlässigen, aber er wirkte dennoch traurig.

Ich ging den Weg entlang auf den Gardisten zu, der inzwischen zu Galen und Steldor getreten war und sich mit ihnen unterhielt, was es mir schwer machte, ihn zur Rede zu stellen. Er irritierte mich mit jedem Augenblick mehr.

»Wir haben ihn schon Haushofkellermeister genannt«, hörte ich London frech zu Steldor sagen, während ich herankam.

Steldor brach in Gelächter aus und gab seinem besten Freund einen scherzhaften Stoß, den Galen mit einem Grinsen quittierte, obwohl man sich gerade auf seine Kosten amüsierte.

»Aber du weißt genau, dass du daran schuld bist! Ich konnte es wohl kaum zulassen, dass der König sich allein betrinkt!«

Galen verpasste Steldor einen Stoß, und Tadark trat hinter den Haushofmeister, vermutlich um einzugreifen, falls er zu grob würde. Er schien besorgt, dass mein Gatte Schaden nehmen könnte. Letztlich fürchtete Tadark aber wohl vor allem, als unzureichender Leibwächter dazustehen.

Jeder beobachtete amüsiert, wie der König und sein Haushofmeister in der Art Heranwachsender miteinander rangen. Ich sah, dass selbst Temerson sich neugierig aufgerichtet hatte. Wahrscheinlich erstaunte es ihn, dass er sich gerade besser betrug als die Männer, die ihn sonst immer in den Schatten stellten. Tiersia hatte staunend die Augenbrauen hochgezogen, und London grinste über das Durcheinander, das er angezettelt hatte – zumindest bis er die Entschlossenheit in meinem Blick sah.

Ich ging weiter auf meinen Leibwächter zu, und er seufzte, weil er wohl einsah, dass er mir nicht länger ausweichen konnte. In diesem Augenblick verpasste Steldor Galen mit einem durchtriebenen Glitzern im Blick einen mächtigen Stoß, der ihn gegen Tadark prallen ließ, der wiederum hilflos hintenüber und in den Brunnen stürzte.

Das stürmische Gelächter, das daraufhin ausbrach, erregte die Aufmerksamkeit aller übrigen Gäste, die herbeieilten, um zu sehen, was passiert war. Kurz glaubte ich, Steldor und Galen würden ebenfalls ins Wasser taumeln, aber es gelang ihnen, sich auf den Beinen zu halten. Der arme Tadark spuckte und schimpfte und versuchte mit schamrotem Gesicht, aus dem Becken zu klettern. Er wollte diese peinliche Vorstellung so rasch als möglich beenden und rutschte vor lauter Eifer mehrmals ab und fiel wieder zurück ins Becken. Niemand kam ihm zu Hilfe, bis Steldor schließlich wieder bei Atem war und ihm seine Hand hinstreckte. Damit zog er den tropfenden Gardisten mit der gedrungenen Statur gerade in dem Moment heraus, als Cannan auf der Bildfläche erschien.

»Ihr seid für heute entlassen, Leutnant«, sagte er gleichmütig. »Begebt Euch in Euer Quartier.«

»Jawohl, Sir, danke, Sir«, quäkte Tadark kläglich und warf seinem Hauptmann einen dankbaren Blick zu, bevor er zurück zum Palast tappte. Seine Würde war dabei ebenso von Wasser durchtränkt wie seine Uniform und seine Stiefel.

Cannan sah Steldor und Galen missbilligend an, die beide wieder zu lachen begonnen hatten. Er schien zu wissen, dass die beiden dafür verantwortlich waren. Irgendetwas an seiner Haltung verriet jedoch, dass auch er sich amüsierte. Steldor reagierte mit einem verlegenen, aber nicht sehr reumütigen Grinsen.

Kopfschüttelnd machte Cannan sich auf den Weg, den anderen Gästen zu versichern, dass alles in Ordnung sei. Außerdem begann die Gruppe sich ohnehin aufzulösen. Galen schlug Steldor ein letztes Mal auf die Schulter, dann bot er Tiersia seinen Arm an. Als sie ihn annahm, schlugen die beiden einen der Gartenwege ein und entwischten ohne Anstandsdame. Miranna entschied offenbar, ihrem Beispiel zu folgen, und sprang erwartungsvoll zu Temerson hinüber. Dabei lächelte sie ihn mit rosigen Wangen überaus gewinnend an. Temersons Miene hellte sich auf, und er nahm sie bei der Hand, um dieselbe Richtung wie Galen und Tiersia einzuschlagen. Halias folgte ihnen in angemessenem Abstand. Kurz bevor sie außer Sichtweite waren, zog Temerson eine kleine Schachtel aus der Tasche seiner Weste, und ich fragte mich, welches Geschenk er wohl für sie haben mochte.

Semari, Dahnath und Shaselle begaben sich zu ihren Müttern, wobei Dahnath ihre Schwester am Ärmel regelrecht von ihrem inzwischen königlichen Cousin fortziehen musste, denn offensichtlich hatte das junge Mädchen viel mehr Interesse an Steldor als am Geplauder der älteren Damen. London war mir erneut entwischt, indem er sich aus meinem Blickfeld gestohlen hatte. So blieb ich allein mit dem König zurück, der nur wenige Schritte von mir entfernt stand. Ich überlegte kurz, Semari und den beiden Schwestern zu folgen, aber inzwischen war schon zu viel Zeit vergangen, als dass es ungezwungen gewirkt hätte. Weil ich Steldors Blicke auf mir spürte, trat ich unbehaglich von einem Fuß auf den anderen und fragte mich, was er so eingehend musterte.

»Hört auf, mich so anzustarren«, beschwerte ich mich und schaffte es, eher verwirrt als verlegen zu klingen.

Er kam immer näher, ohne mich aus den Augen zu lassen, und mein Herz begann zu rasen. »Ich kann nicht«, sagte er sanft und streckte eine Hand aus, um mit einer meiner Locken zu spielen. »Dein Anblick raubt mir den Atem.«

Ohne eine Antwort von mir abzuwarten, ließ er nur noch einmal seine perfekten weißen Zähne aufblitzen und folgte dann seinem Vater und seinem Onkel. Für mich sah es so aus, als würde das einer der irritierendsten Abende meines Lebens werden.

Als Steldor beschloss, das Fest zu beenden, winkten er und ich unseren Gästen noch einmal zum Abschied zu, dann zogen wir uns zurück und begaben uns in unsere Gemächer. Er betrat den Salon nach mir, und ich überlegte noch, etwas zu ihm zu sagen, doch als ich mich umdrehte, war er bereits in seiner Schlafkammer verschwunden. Verärgert erwog ich, an seiner Tür zu klopfen, aber ich wollte nicht, dass er falsche Schlüsse hinsichtlich meines Interesses zog. Also wartete ich einige Momente, um zu sehen, ob er aus eigenem Antrieb noch einmal meine Gesellschaft suchen würde. Dabei kam ich mir ziemlich dumm vor, wie ich so allein mitten im Raum stand. Während ich noch überlegte, ob ich mich setzen und weiter warten oder mich gleich in mein Schlafgemach zurückziehen sollte, kam er wieder heraus und hatte sich etwas weniger Festliches angezogen. Mit einem leichten Nicken in meine Richtung machte er Anstalten, zu gehen, und band sich seinen Schwertgürtel wieder um. In Gedanken zog ich denselben Schluss wie Miranna es kürzlich getan hatte – dass Steldor vielleicht die Gesellschaft anderer Frauen suchte, weil ich ihm meine nicht gewährte.

»Wohin geht Ihr?«, rief ich nervös.

»Warum kümmert Euch das?«, fragte er und klang ehrlich neugierig, während er bereits die Tür öffnete.

»Weil i-ich … ich nur an Euer Versprechen denken musste, in dem Ihr mir auch die körperliche Treue gelobt habt.« Verlegen biss ich mir auf die Lippe und hoffte, er würde überhaupt darauf eingehen. »Da kann ich einfach nicht anders als mich fragen, wessen Gesellschaft Ihr sucht.«

Er drehte sich langsam um und sah mir ins Gesicht. Ich schaute verlegen auf und war auf eine zornige oder zumindest ärgerliche Reaktion gefasst. Stattdessen schien meine Äußerung ihn zu belustigen.

»Dann sorgst du dich also tatsächlich um mein Seelenheil, ja?«, fragte er. Ich rang erneut um Worte, aber er winkte bereits ab. »Das musst du nicht. Meine Seele wird nicht in Gefahr sein, bis wir nicht das Lager geteilt haben. Der Vollzug ist eine der Bedingungen der Ehe, weißt du das noch?«

Ich verzog das Gesicht, heftete meinen Blick auf das Teppichmuster und wünschte, ich hätte das Thema gar nicht angeschnitten. Ein Moment lang herrschte Schweigen, dann spürte ich seine Hand unter meinem Kinn. Als ich den Kopf hob, gab er mir einen langen und sinnlichen Kuss. Sein bezaubernder Duft umfing mich, und ich hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er ging jedoch seiner Wege, als wäre nicht das Geringste zwischen uns vorgefallen. Die unerwarteten Empfindungen – Lust und zugleich schreckliche Verwirrung –, die sein Kuss bei mir ausgelöst hatte, ließen mich in mein Schlafgemach taumeln, wo ich mich rasch zu Bett begab. In der Rückschau wirkte der ganze Abend surreal: Baelics Angebot, mit mir auszureiten, Alantonyas Fragen nach Narian, Londons ungewöhnliches Benehmen, Steldors Kompliment, die Liebe, die ich in seinem Kuss gespürt hatte, meine Reaktion auf seine Avancen. Ich lächelte verwirrt, denn auch wenn ich völlig erschöpft war, fürchtete ich, mein rastloser Verstand und mein verschrecktes Herz würden mich noch stundenlang wach halten.

7. VERBINDUNGEN

Es dauerte nicht lange, bis ich auf Baelics Angebot, mich zu einem Ausritt mitzunehmen, zurückkam. Nur eine Woche nach Mirannas Festessen ließ ich ihm durch einen Diener meine Bitte ausrichten. Schon eine Stunde später kehrte der Mann mit der Nachricht zurück, dass ich noch am selben Nachmittag in Baelics Stadthaus willkommen sei und, wenn es mir beliebte, auch zum Abendessen bleiben solle.

Ich genoss meinen Tag, weil ich nun etwas hatte, worauf ich mich freute. Miranna, meine süße Schwester, die mitunter so flatterhaft und wenig ernsthaft wirkte, die aber immer wieder erstaunlichen Tiefgang bewies, war mir ansonsten die liebste Gesellschaft. Aber in letzter Zeit hatte sie von nichts anderem mehr gesprochen als von dem Jungen, der nun offiziell um sie werben durfte. Daher hatte ich begonnen, mich nach anderen Konversationsthemen zu sehnen. Und da kamen mir Baelic und seine Familie als Abwechslung gerade recht.

Am frühen Nachmittag ließ ich im königlichen Marstall Bescheid geben, dass man eine Kutsche bereit machen und vor das Haupttor bringen solle. Dann verließ ich mein Arbeitszimmer und kehrte nur noch kurz in mein Schlafgemach zurück, um meine Garderobe zu überprüfen und mir einen leichten Reiseumhang mitzunehmen. Danach eilte ich aus dem Palast. Als ich den Hof überquerte, fand ich die Fliederbüsche in voller Blüte und herrlich duftend, was perfekt zu meiner gehobenen Stimmung passte. Auch das Laub der Bäume und das Gras erschienen mir besonders grün.

Doch als ich mich dem Tor näherte, stutzte ich. Der Stallmeister und ein Stallbursche waren in eine heftige Diskussion verwickelt und blickten mir schuldbewusst entgegen. Ich stöhnte innerlich auf, weil ich wusste, dass irgendetwas nicht in Ordnung war, aber ich weigerte mich, mir meine gute Laune oder gar den geplanten Ausflug verderben zu lassen.

»Warum sehe ich hier keine Kutsche?«, fragte ich, sobald ich bei den beiden angelangt war. Es ärgerte mich, dass man meiner Anordnung nicht Folge geleistet hatte.

Die Männer traten verlegen von einem Bein aufs andere und vermieden es, mich anzusehen. Schließlich ergriff der Stallmeister das Wort.

»Wir haben keine vorbereitet, Eure Hoheit.«

»Dann tut dies sofort, damit ich mich nicht verspäte, denn das ginge dann auf eure Kappe.«

»Ja, ich will es schon auf mich nehmen, aber ich kann nun mal keine Kutsche für Euch bereitstellen, Mylady.«

»Und warum das? Was sollte dem denn entgegenstehen?«

Der Stallmeister wand sich und wollte offenbar nicht mit der Sprache heraus. Nachdem ich ein ungeduldiges Brummen von mir gegeben hatte, lieferte der Stallbursche mir schließlich doch eine Erklärung.

»Der König hat befohlen, Euch ohne seine ausdrückliche Erlaubnis weder Pferd noch Kutsche auszuhändigen.«

Vor Erstaunen blieb mir der Mund offen stehen, dann begann ich vor Wut zu kochen. Die Männer sahen einander warnend an, dann trat der Stallbursche, der mir die schlechte Nachricht überbracht hatte, Schutz suchend hinter den Stallmeister.

»Einer von euch bringt meinem Onkel, Lord Baelic, eine Nachricht«, befahl ich irritiert. »Teil ihm mit, dass ich aufgehalten wurde, aber rechtzeitig zum Abendessen eintreffen werde. Und jetzt werde ich ein Wörtchen mit dem König reden.«

Ich stapfte in den Palast zurück und stürmte durch die vorderen Tore. Ohne ein Wort zu irgendjemand marschierte ich durch die Halle, das Vorzimmer und den Thronsaal, schnurstracks bis in das Studierzimmer meines Mannes, wo ich die Türen aufriss, ohne anzuklopfen.

Mein Gemahl schien von meinem unangekündigten Erscheinen nicht sonderlich überrascht. Er sah eher so aus, als würde ihm gleich ein unerwartetes Amüsement zuteil. Er saß an seinem Tisch, die Füße in den Stiefeln auf der Tischplatte, den Stuhl weit zurückgeschoben und schien lässig in ein paar Pergamentbögen zu lesen, die er in der Hand hielt. Seine einzige wahrnehmbare Reaktion waren die gehobenen Augenbrauen und ein ungemein breites Grinsen.

»Ihr seid unglaublich!«, fauchte ich mit in die Seiten gestemmten Händen, aber er schnitt mir das Wort ab, bevor ich richtig loslegen konnte.

»Das höre ich allenthalben«, sagte er und schaffte es, mich mit diesem einen kurzen Satz völlig zu entwaffnen. »Wenn du mir schmeicheln willst, solltest du dir etwas überlegen, das nicht praktisch jede beliebige Frau in Hytanica schon zu mir gesagt hat.«

Ich hatte ihn offenbar gut gelaunt erwischt und hätte vor Wut am liebsten geheult. Da stand ich, zornesrot, und versuchte, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, und stattdessen kam er mir mit den Lobeshymnen, die andere Frauen auf ihn sangen.

»Meist flüstern sie mir das zwischen leidenschaftlichen Küssen zu oder in der Ekstase meiner Umarmung«, fuhr er fort und ignorierte meine wachsende Verlegenheit. »Aber wenn du mir unbedingt genau dieses Kompliment machen willst, dann bin ich bereit, willens und in der Lage, dir diese Erfahrung zuteilwerden zu lassen.« Er nahm langsam die Füße vom Tisch und erhob sich. Mit einer Handbewegung nach links fuhr er fort: »Hier hätten wir gleich ein Sofa, falls du nicht warten willst. Ich sorge für eine Lücke in meinem Terminkalender, dann könnten wir –«

»Hör auf! Das hat nichts mit dem Grund zu tun, aus dem ich hier bin. Hör sofort mit diesem Gerede auf!«

Er grinste verschmitzt. »Ich wüsste schon, wie du mich zum Schweigen bringen könntest.«

»Du bist erbärmlich! Und ich verlange, dass du auf der Stelle den Marstall darüber verständigst, dass ich eine Kutsche bekommen kann, wann immer ich es wünsche!«

»Aaah«, machte er und zog den Laut verstehend in die Länge, während er sich wieder auf seinem Stuhl niederließ und lässig zurücklehnte. »Dann wolltest du also irgendwohin, ja?«

»Ja, das wollte ich!«

»Ich meine mich zu erinnern, dass du mir fürderhin Bescheid geben wolltest, bevor du ausgehst.«

Obwohl ich seinen herablassenden Ton hasste, erinnerte ich mich dadurch zum ersten Mal daran, dass ich in der Tat versprochen hatte, ihn über meinen Verbleib in Kenntnis zu setzen, sobald ich den Palast verließe.

»Ich hatte beabsichtigt, bei einer Palastwache Nachricht zu hinterlassen«, log ich, weil ich meine Verfehlung nicht zugeben wollte und sein Handeln ohnehin viel kränkender fand als meines.

»Und hast du das getan?«

»Das spielt doch jetzt überhaupt keine Rolle!«, fauchte ich und stampfte mit dem Fuß auf. »Hier geht es um den Respekt, der mir als Königin gebührt!«

Mit einer skeptischen Neigung seines Kopfes wandte er sich wieder den Unterlagen auf seinem Schreibtisch zu, als wäre unsere Unterredung damit beendet, was mich zusätzlich kränkte.

»Ihr habt kein Recht, meine Autorität derart zu untergraben!«, rief ich mit gesteigerter Lautstärke. »Habt Ihr eine Ahnung davon, wie sehr Ihr mich damit gedemütigt habt? Was wird als Nächstes kommen – wollt Ihr dem gesamten Königreich befehlen, die Anordnungen der Königin zu ignorieren?«

»Natürlich nicht«, sagte er unschuldig und klang eine Spur gelangweilt, jetzt wo unser Schlagabtausch praktisch beendet war. »Ich werde sofort eine Wache in den Marstall schicken, die dem Stallmeister ausrichten soll, Euch zu geben, was immer Ihr verlangt.«

Seine Antwort setzte mich matt, und ich starrte ihn nur an, weil ich mit einer scharfen, arroganten Erwiderung gerechnet hatte.

»Wünschst du sonst noch etwas, meine Liebe?«

»Nein«, murmelte ich und obwohl mir nicht klar war, warum ich ihm eigentlich Dankbarkeit schulden sollte, fügte ich im Gehen auch noch ein »Danke« hinzu.

Steldor hielt Wort, und eine gute Stunde später traf ich in Begleitung des üblichen Kontingents an Wachen vor Baelics Stadthaus ein. Ich schickte einen der Männer, meine Ankunft zu vermelden, während ein anderer mir aus der Kutsche half.

Baelic kam sogleich aus seinem großen zweistöckigen Haus und bot mir, nachdem er sich höflich verbeugt hatte, seinen Arm an, um mich zum Haupteingang zu geleiten. Den erreichte man über eine Veranda. Darüber befand sich eine Galerie für Musiker. Ich vermutete, dass man von dieser in einen Festsaal für Bankette und andere Feierlichkeiten kam. Das massive Steinhaus bestand aus zwei Flügeln, die vom Mitteltrakt abgingen, und einem Holzdach. Die Dächer der Seitenflügel standen rechtwinkelig zu dem des Haupttrakts.

Lania wartete neben dem Eingang und sank in einen tiefen Knicks, als ihr Gatte und ich näher kamen. Ihr glattes, hellbraunes Haar war mit einem Band zu einem tiefen Zopf gebunden. Die sommerliche weiße Bluse und der grüne Rock waren schlicht, aber adrett. Einige der Palastwachen, die mich eskortiert hatten, bezogen links und rechts vom Eingang Posten, andere begaben sich auf die Rückseite des Hauses. Stallburschen versorgten die Reittiere der Wachen. Mein Kutscher kümmerte sich um die schwarzen Friesenpferde und die königliche Kutsche. Er würde warten, bis er Nachricht bekäme, dass ich den Rückweg antreten wolle.

»Eure Hoheit«, sagte Lania respektvoll. »Bitte kommt doch herein. Der Tee wird gleich im Salon serviert.«

»Zuerst wollte ich ihr aber die Pferde zeigen«, sagte Baelic und hielt Lania auf, die mich soeben hineinführen wollte.

Ich war von diesem Vorschlag angetan, Lania offenbar weniger. Sie wandte sich mit einem ärgerlichen Seufzer an ihren Mann und reagierte verstimmt, wenn auch nicht überrascht.

»Du kannst die Königin doch nicht in unsere Scheune führen, Baelic.«

»Wenn dir das lieber wäre, könnte ich die Pferde auch ins Haus bringen«, erwiderte er und zwinkerte mir dabei zu.

»Das wirst du nicht tun!«

Lania schien ernstlich erschrocken, als würde sie ihrem Mann dergleichen tatsächlich zutrauen, aber ich konnte ihren weichen, haselnussbraunen Augen ansehen, dass sie sich trotzdem amüsierte.

»Ehrlich gesagt würde ich die Pferde wirklich gerne sehen«, schaltete ich mich ein, obwohl ich ihren Schlagabtausch unterhaltsam fand.

»Na, was habe ich dir gesagt? Ich wusste, dass sie Lust darauf haben würde«, sagte Baelic und bot mir erneut seinen Arm, um mich zum Stall zu führen. Ich willigte ein, als Lania uns noch einmal zurückhielt.

»Baelic … vergiss nicht, dass es bald Zeit zum Abendessen ist.«

»Keine Sorge – ich werde mich nicht mehr schmutzig machen.«

Kopfschüttelnd verschwand Lania im Haus.

Baelics Scheune war groß genug für mehrere Pferde, wobei ich noch nicht wusste, wie viele Tiere er besaß. Die Pferde, die auf einer kleinen Koppel in der Nähe grasten, gehörten den Palastwachen, die durfte ich also nicht dazuzählen, aber vielleicht hatte er auch ein paar eigene in der Kaserne stehen. Beim befehlshabenden Kavallerieoffizier war das immerhin gut denkbar.

Das Tor des gemauerten Stalls ging auf und Baelic führte mich in den erfrischend kühlen Raum, wo es nach Leder und Heu duftete. Sobald meine Augen sich an das gedämpfte Licht gewöhnt hatten, das durch die Fenster an beiden Seiten hereinfiel, merkte ich, dass ich in einem sauberen Mittelgang stand, von dem fünf Boxen abgingen – drei auf der einen Seite und zwei sowie eine Sattelkammer auf der anderen. Am Ende des Ganges befand sich eine geschlossene Tür, die wohl in einen anderen Teil der Scheune führte.

Baelic steuerte schnurstracks auf die erste Box auf der linken Seite zu, wo eine große, kraftvolle, kastanienbraune Stute stand und Heu aus einem Korb rupfte. Ihr kräftiger Körper kam dabei perfekt zur Geltung. Sie schaute auf, als sie uns kommen hörte, ließ ein zufriedenes Schnauben hören und drehte sich uns zu, um uns zu begrüßen.

»Das ist Briar, mein Liebling«, sagte Baelic und streichelte Nase und Ohren der Stute. »Sie ist gerade fünf geworden.«

»Sie ist wunderschön«, sagte ich bewundernd.

»Nicht wahr?«

Cayla Kluver

Über Cayla Kluver

Biografie

Cayla Kluver ist achtzehn Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in Wisconsin, USA, einem Ort, an dem nur die Starken überleben. Ihr Debüt »Geliebter Feind« war der Auftakt zu der romantischen Fantasy-Saga um Alera und wurde gleich nach Erscheinen mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft. Mit »Zeit...

Pressestimmen

Frankenpost

»Cayla Kluver hat eine faszinierende Welt erschaffen, in die man gar nicht tief genug eintauchen kann.«

Inhaltsangabe

INHALT

Prolog

1. Der Nachfolger

2. Vergeltung

3. Der Schmerz einer Königin

4. Schutzlos

5. Die Königin

6. Jungen und Männer

7. Verbindungen

8. Heimliches Vergnügen

9. Eine rosafarbene Rose

10. Düstere Morgendämmerung

11. Waffenbrüder

12. Antworten

13. Eine Nachricht für Ihre Hoheit

14. Glücksspiel

15. Ehre in Zeiten des Krieges

16. Zur Hölle mit der Heimlichtuerei

17. Krieg und Tee

18. Eine Zweckehe

19. Das Ende

20. Nur ein einziger Mann

21. Fähige Männer

22. Fluchten

23. Praktische Entscheidungen

24. Für Hytanica sterben

25. Zeit der Vergeltung

26. Die Stärke des Königreichs

27. Keine Zeit fürs Abschiednehmen

28. Mein Name ist London

29. Die Sterbenden und die Toten

30. Einmal König …

31. Der Staub legt sich

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