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Aktiv leben gegen KrebsAktiv leben gegen KrebsAktiv leben gegen Krebs

Aktiv leben gegen Krebs

Heilungschancen und Lebensqualität verbessern durch Bewegung, Ernährung und eine stabile Psyche

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Aktiv leben gegen Krebs — Inhalt

Viele Krebspatienten fühlen sich von der Medizin, insbesondere nach der Therapie, allein gelassen und leiden unter Folgeerscheinungen wie Erschöpfung, Schmerzen, Übelkeit, Gewichtsproblemen oder Depressionen. Dabei kann, wie neueste wissenschaftliche Erkenntnisse belegen, das Zusammenspiel unterstützender Maßnahmen aus Bewegung, Ernährung und einer psychischen Stabilisierung die Lebensqualität und sogar auch die Prognose erheblich verbessern. Dieses Buch erklärt verständlich, wie der Patient selbst aktiv werden kann: Welcher Sport eignet sich, wann soll man sich schonen? Was muss man bei einer Nahrungsumstellung beachten, gibt es eine Krebsdiät? Wann braucht man seelische Unterstützung und sollte sich Hilfe suchen? – Eine ermutigende Anleitung zur Aktivierung der Selbstheilungskräfte.

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 01.08.2016
352 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-492-05738-7
€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erscheint am 01.08.2018
352 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-31265-3
€ 17,99 [D], € 17,99 [A]
Erschienen am 01.08.2016
352 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97476-9

Leseprobe zu »Aktiv leben gegen Krebs«

Ein Vorwort, das Sie unbedingt lesen sollten

 

Frau H. ist eine kluge, aktive, mitten im Leben stehende 55-Jährige, die ein Antiquitätengeschäft führt. Vor einiger Zeit wurde bei ihr ein Darmtumor festgestellt. Nach der entsprechenden Diagnostik habe ich sie minimalinvasiv – also mit der sogenannten Schlüssellochtechnik – operiert. Alles ist gut gegangen, und der Tumor konnte ganz entfernt werden. Die Lymphknoten waren nicht befallen, eine weitere Chemotherapie war vorerst nicht notwendig. Die Prognose für Frau H. ist sehr gut, die Wahrscheinlichkeit, [...]

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Ein Vorwort, das Sie unbedingt lesen sollten

 

Frau H. ist eine kluge, aktive, mitten im Leben stehende 55-Jährige, die ein Antiquitätengeschäft führt. Vor einiger Zeit wurde bei ihr ein Darmtumor festgestellt. Nach der entsprechenden Diagnostik habe ich sie minimalinvasiv – also mit der sogenannten Schlüssellochtechnik – operiert. Alles ist gut gegangen, und der Tumor konnte ganz entfernt werden. Die Lymphknoten waren nicht befallen, eine weitere Chemotherapie war vorerst nicht notwendig. Die Prognose für Frau H. ist sehr gut, die Wahrscheinlichkeit, diese zweifelsohne gefährliche Erkrankung zu überleben, liegt bei 80 bis 90 Prozent. Einerseits ist Frau H. natürlich erleichtert darüber, dass bei diesem Krebs die Heilungschancen insgesamt sehr gut sind. Was sie allerdings beschäftigt, ist die Tatsache, dass die Sache statistisch gesehen für etwa 20 Prozent der Betroffenen eben nicht gut ausgeht. Wie soll sie mit ihrer Angst und Unsicherheit umgehen? Sie fragt mich ganz direkt: »Soll ich gottergeben und still hoffen, dass ich schon zu den 80 bis 90 Prozent gehören werde? Oder gibt es etwas, das ich aktiv tun kann, damit ich wirklich zu denjenigen gehöre, die diese Krankheit besiegen?«

Wie Frau H. stellen sich viele Betroffene und Angehörige diese und ähnliche Fragen: Was kann ich als Krebspatient tun, um diese Krankheit zu überwinden? Wie kann ich als Partner helfen, die Lebensfreude des Erkrankten trotz teils belastender Therapien zu erhalten und ihn/sie auf dem Weg zu einer Heilung zu unterstützen?

Als behandelnder Chirurg habe ich diese Fragen unzählige Male gehört. Ich kenne die Sorgen und Ängste, die mit einer Krebsdiagnose verbunden sind, seit beinahe fünf Jahrzehnten. Als ich vor 45 Jahren mit meinem Medizinstudium begann, kam die Diagnose Krebs einem Todesurteil gleich. Das hat sich inzwischen bei vielen Krebserkrankungen glücklicherweise entscheidend geändert. Seit einigen Jahren gibt es auf die Frage, ob man aktiv etwas gegen Krebs tun kann, tatsächlich zunehmend positive und Mut machende Antworten. Nichtsdestotrotz ist die Diagnose Krebs für fast alle Patienten und ihre Angehörigen ein Schock; alle Lebenspläne werden von einem Tag auf den anderen über den Haufen geworfen, und man wird mit seiner Endlichkeit konfrontiert.

Wie einschneidend ein solches Erlebnis ist, habe ich selbst ganz unmittelbar erlebt. Ich war noch ein junger Medizinstudent, als meine Mutter an Krebs erkrankte. Sieben Jahre lang kämpfte sie tapfer dagegen an. Sie unterzog sich vielen schweren Operationen, durchlitt alle möglichen Chemotherapien – und erlag letztendlich doch ihrer Krebserkrankung. Ihre Schmerzen, Ängste, Zweifel und ihre Hoffnungslosigkeit am Ende ihres Lebens sind mir immer noch in wacher Erinnerung. Mit dem Wissen und den medizinischen Methoden von heute hätte sie wahrscheinlich geheilt werden können.

Dass Patienten heute vielfach geheilt werden können – der Krebs also nicht wiederkommt –, liegt im Wesentlichen an den medizinischen Fortschritten allgemein, aber auch an einer besseren Früherkennung durch Vorsorgeuntersuchungen. Hilfreich ist ebenfalls, dass Krebserkrankungen mittlerweile meist interdisziplinär behandelt werden. Das bedeutet, dass Fachleute aus verschiedenen medizinischen Disziplinen zusammenkommen – etwa in einer Tumorkonferenz – und für den/die Patienten/in eine »maßgeschneiderte Therapie« festlegen. Mit neuen Medikamenten können Tumore außerdem noch gezielter behandelt werden (man spricht hier von der »targeted therapy«, der »zielgerichteten Therapie«). All diese therapeutischen Erfolge der letzten Jahre wurden in zahlreichen wissenschaftlichen Studien im Rahmen der häufig gescholtenen »Schulmedizin« nachgewiesen.

Auch ich bin ein klassischer »Schulmediziner vom Scheitel bis zur Sohle« und habe nach meinem Studium nahezu 20 Jahre in Forschungsinstituten und an chirurgischen Universitätskliniken zugebracht. Als Assistenz- und später als Oberarzt habe ich die Fortschritte in der Tumortherapie, die sich meist in kleinen Schritten vollzogen, miterlebt und Gelerntes und Erfahrenes 18 Jahre lang als Chefarzt und Ärztlicher Direktor einer großen chirurgischen Abteilung in der Praxis umgesetzt.

Als Chirurg aber – insbesondere, wenn ein Eingriff gut und komplikationslos verlaufen ist – sieht man seine Patienten selten wieder. Seine Aufgabe endet zumeist nach Entlassung der Betroffenen aus der stationären Behandlung. Die Weiterbehandlung übernehmen andere, etwa Hausärzte und Onkologen. Für mich änderte sich diese »Aufgabenteilung« erst, als ich vor elf Jahren zur Jahrestagung des »Arbeitskreises der Pankreatektomierten« eingeladen wurde. Diese sehr aktive Laienorganisation kümmert sich um Menschen mit Bauchspeicheldrüsenerkrankungen, speziell um solche, die an der Bauchspeicheldrüse operiert wurden. Auf jener Jahrestagung informierten Ärzte Patienten und ihre Angehörigen über postoperative Nachsorgemöglichkeiten. Die Referenten, allesamt Experten auf ihrem Gebiet, kamen nüchtern zu dem Schluss, dass eine Nachsorge nicht sinnvoll sei und Patienten nur bei erneutem Auftreten von Symptomen bei einem Arzt vorstellig werden sollten.

Unter den Zuhörern brach ein Sturm der Entrüstung los; die Betroffenen fühlten sich von den Ärzten unverstanden und vor allem allein gelassen.

In den nachfolgenden Gesprächen wurde mir klar, dass viele Patienten auch nach einer (erfolgreichen) Krebstherapie weiter an anhaltenden Beschwerden leiden. Es war mir zwar bekannt, dass Patienten abhängig von der Tumorerkrankung beispielsweise Probleme haben, sich richtig und ausreichend zu ernähren. Auch dass ihre körperliche Leistungsfähigkeit nach wie vor deutlich eingeschränkt ist, wusste ich. Viele können der beruflichen Belastung nicht mehr wie früher standhalten und haben Konzentrationsschwächen. Sie geraten in eine Negativspirale, die Angstzustände und Depressionen nach sich zieht, wodurch die Lebensqualität zusätzlich gemindert wird. Hinzu kommt häufig ein Gefühl der Müdigkeit oder Mattigkeit, das sich auch durch ausreichend Ruhe und Schlaf nicht bessert.

Dennoch war diese Tagung für mich gleichsam die Initialzündung, mich eingehender mit den Beschwerden von Patienten nach einer Krebstherapie zu beschäftigen. Denn auch wenn eine Tumorerkrankung überstanden ist, sind die Betroffenen noch lange nicht gesund. Um dies zu erreichen, bedarf es nicht nur gut informierter, einfühlsamer Ärzte und Therapeuten, sondern auch der tätigen Mithilfe der Patienten selbst und ihrer Angehörigen.

In den vergangenen Jahren habe ich mich intensiv mit der Frage beschäftigt, was Patienten tun können, um den Teufelskreis von Mattigkeit, Depression und körperlicher Inaktivität zu durchbrechen, in den viele nach Diagnosestellung geraten. Aus dieser Beschäftigung entstand mit der Zeit der Wunsch, dieses Buch zu schreiben.

Wenn man mit einer Krebsdiagnose konfrontiert wird, sieht man eine Welle von Fragen auf sich zurollen. Es ist nicht einfach, sich in der Fülle an Informationen zurechtzufinden und Antworten auf relevante Fragen und spezielle Aspekte der Erkrankung zu finden. Das Internet mit seiner übergroßen Informationsflut ist nicht immer hilfreich, und der Laie kann sich selten schnell einen wissenschaftlich fundierten Überblick verschaffen. Die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien sind wiederum nicht allen zugängig bzw. für den Patienten nicht wirklich verständlich und zielführend. Daher will ich Ihnen mit diesem Buch zunächst einen Überblick über die Vielzahl der klinischen Studien verschaffen, deren Ergebnisse ich entsprechend analysiere und einordne. Es sind Studien, die sich zum Beispiel mit Fragen zu körperlicher Aktivität, Ernährung und seelischem Gleichgewicht beschäftigen. Darüber hinaus werde ich auch auf Patientenstudien eingehen, bei denen der Krankheitsverlauf nachträglich untersucht wurde (retrospektive Beobachtungsstudien). Sie haben zwar nicht die gleiche Beweiskraft, ihre Ergebnisse erscheinen mir aber bemerkenswert (hier werde ich jeweils auf die notwendigen Vorbehalte eingehen).

Häufig werden in Büchern und Publikationen zum Thema Krebs wissenschaftliche Studien mit Zellkulturen und Labormäusen beschrieben; sie dienen als Grundlage, um daraus Empfehlungen für Patienten abzuleiten. Da die Ergebnisse solcher Studien aber häufig nicht auf den Menschen oder eine spezielle klinische Situation übertragbar sind, werde ich diese Studien nur selten und unter Vorbehalt erwähnen. Mit einfließen werden dagegen natürlich meine langjährigen Erfahrungen als Chirurg und Arzt; die Fallbeispiele in diesem Buch sind allesamt reale, erlebte Fälle aus meiner ärztlichen Praxis.

Das Programm »Aktiv leben gegen den Krebs«, das ich Ihnen auf den folgenden Seiten vorstellen werde, soll Ihnen aufzeigen, welche mannigfaltigen Möglichkeiten Sie haben, aktiv gegen bzw. mit dem Krebs zu leben: Wie Sie körperlich aktiv sein, sich gesund ernähren und mit seelischen Problemen besser zurechtkommen können. Die sogenannte optimierte Krebstherapie umfasst daher auch drei Säulen – Bewegung, Ernährung und psychoonkologische Begleitung. Diesen Säulen entsprechend ist das Buch in drei große Teile gegliedert, in Teil IV gehe ich noch einmal konkret auf die optimierte Krebstherapie bei verschiedenen Tumorarten ein.

Ich möchte anhand der wissenschaftlichen Daten mit Mythen, Gerüchten, falschen Behauptungen oder »allein seligmachenden« Versprechungen aufräumen – und Ihnen zeigen, wie Sie wieder das »Heft in die Hand nehmen« können. Wie Sie auch nach der Diagnose Krebs Ihre Autonomie und Selbstständigkeit wiedererlangen, und wie Sie sich, natürlich mit Unterstützung Ihrer behandelnden Ärzte, ein Stück weit selbst helfen können.

Dieses Buch ersetzt nicht eine normale, wissenschaftlich anerkannte (schulmedizinische) Therapie gegen Ihre Krebserkrankung. Aber es zeigt Ihnen, wie Sie ohne größeren Aufwand die notwendigen Behandlungen besser überstehen und wie Sie Ihre Lebensqualität erhalten oder wieder steigern können. Kurz: Wie Sie Ihre Prognose insgesamt deutlich verbessern können, indem Sie durch aktives Zutun Ihre Krebstherapie optimieren und so dazu beitragen können, den Krebs zu »besiegen«. Zweifelsohne ist Krebs nach wie vor eine bedrohliche Erkrankung – aber aufgrund der medizinischen und therapeutischen Fortschritte muss er kein unabwendbares Schicksal mehr sein. Was Sie brauchen, ist ein bisschen Mut, Selbstvertrauen und die Motivation, alle Möglichkeiten auszuschöpfen!

 

 

1 Todesurteil auf Raten

 

Viele Patienten empfinden die Diagnose Krebs als »Todesurteil auf Raten«. Das Leben steht plötzlich still, alle Pläne müssen neu überdacht werden, die Zukunft ist völlig ungewiss, man rutscht in einen regelrechten Schockzustand.

Auf den ersten Blick erscheint die Angst vor dem vermeintlich sicheren Tod in naher Zukunft berechtigt. Aktuell sind Krebserkrankungen nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Bei Frauen liegt dabei der Brustkrebs an der Spitze, bei Männern ist es der Prostatakrebs. Bei Frauen wie Männern rangiert Darmkrebs an zweiter Stelle. Weitere häufige Krebserkrankungen sind Lungen-, Harnblasen-, Magen- und Nierenkrebs bei Männern sowie Gebärmutter- und Eierstockkrebs bei Frauen. Diese Krebsarten sind für drei Viertel aller Tumorerkrankungen bei Männern und für über zwei Drittel der Tumorerkrankungen bei Frauen verantwortlich.

Die Überlebensraten der verschiedenen Krebserkrankungen unterscheiden sich erheblich – je nachdem, wo und an welchem Tumor man erkrankt ist. Insgesamt aber hat sich die Prognose für Krebspatientinnen und -patienten in Deutschland erheblich verbessert. In den 1980er-Jahren lag sie bei Frauen bei etwa 50 Prozent, bei Männern bei unter 40 Prozent. Seitdem haben die Fortschritte bei der Früherkennung und der Therapie von bösartigen Tumoren zu einem Anstieg der Fünf-Jahres-Überlebensraten bei Frauen auf 64 Prozent und bei Männern auf 59 Prozent geführt. Neueste Statistiken gehen sogar von einer Gesamtüberlebensrate von 68 Prozent für Krebspatienten aus. Von »Fünf-Jahres-Überlebensrate« spricht man deshalb, weil epidemiologische Langzeituntersuchungen belegen, dass nach diesem Zeitraum die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass ein Krebspatient beschwerdefrei ist und sich kein Nachweis eines neuerlichen Tumors finden lässt. Damit gilt er als »geheilt«.

Die Prognosen zu den unterschiedlichen Krebsarten weisen allerdings nach wie vor erhebliche Unterschiede auf. Die positive Entwicklung zeigt sich am deutlichsten bei Tumoren der Brustdrüse, des Darms und der Prostata. Die Zahl der Sterbefälle bei Brustkrebs etwa sank seit Mitte der 1990er-Jahre deutlich; das heißt, immer weniger Frauen, die an Brustkrebs erkranken, sterben daran. Bei ihnen liegt die Fünf-Jahres-Überlebensrate derzeit bei 86 bis 90 Prozent. Fünf Jahre nach Diagnosestellung leben demnach noch mehr als vier Fünftel der erkrankten Frauen. Bei frühen Formen der bösartigen Melanome der Haut, bei Hodenkrebs und mittlerweile auch bei Prostatakrebs liegt die Wahrscheinlichkeit, die Krankheit zu überstehen, sogar bei über 90 Prozent.

Diese positive Entwicklung ist leider nicht bei allen Krebsarten zu verzeichnen. Die Überlebensraten bei Lungen- und Speiseröhrenkrebs liegen bei unter 20 Prozent. Bei bösartigen Tumoren der Bauchspeicheldrüse und beim sogenannten Mesotheliom, einer Erkrankung des Rippen- und Bauchfells, die häufig durch Asbest ausgelöst wird, liegen sie insgesamt sogar bei unter 10 Prozent. Was auch damit zusammenhängen mag, dass diese Tumorerkrankungen häufig zu spät erkannt werden.

Als Folge der allgemein verbesserten Prognose bösartiger Erkrankungen steigt konsequenterweise die Zahl der Patienten, die eine Krebserkrankung überleben, kontinuierlich an. Und das ist eine gute Nachricht. In der angelsächsischen Literatur nimmt man an, dass etwa 4 Prozent der Gesamtbevölkerung sogenannte cancer survivors, also Überlebende einer Tumorerkrankung, sind. In den USA etwa lebten im Jahr 2012 13,7 Millionen Krebsüberlebende. Übertragen auf Deutschland mit einer Bevölkerungszahl von 81 Millionen Menschen hieße dies, dass etwa 3,24 Millionen Patienten hierzulande eine Krebserkrankung überlebt haben. Möglicherweise ist diese Patientengruppe in Deutschland sogar prozentual größer, da die gesundheitliche Versorgung und die soziale Unterstützung für alle Bevölkerungsschichten besser organisiert ist als in den USA.

Auch wenn bei einigen Krebserkrankungen und Tumorarten noch viel Forschungsbedarf besteht, um auch hier die Prognose zu verbessen, ist es insgesamt eine sehr gute Nachricht, dass die Zahl der Patienten, die eine Krebserkrankung überleben, kontinuierlich wächst. Diese positive Entwicklung bei der Krebstherapie ist einerseits Anlass zur Ermutigung, konfrontiert uns Ärzte und andere Therapeuten andererseits aber mit einem neuen »Krankheitsbild«. Häufig leiden Krebspatienten nicht nur durch die Erkrankung, sondern auch durch die notwendigen Therapien (Chemotherapie, Bestrahlung, Operation etc.) an erheblichen Einschränkungen ihrer Lebensqualität. Das liegt zum einen an den Nebenwirkungen der zum Teil sehr belastenden Therapien. Zum anderen bringt die Konfrontation mit einer schwerwiegenden, lebensbedrohlichen Erkrankung eine große psychische Belastung mit sich. Angststörungen, Depressionen, aber auch Wut und sozialer Rückzug können die Folge sein. Vielen Betroffenen fallen aufgrund dieser seelischen und körperlichen Beeinträchtigungen nicht nur ganz alltägliche Aufgaben schwer, auch eine Rückkehr in den Beruf ist vielfach mit enormen Belastungen verbunden, manchmal gar unmöglich.

 

Diese verdammte Mattigkeit

Frau A. kam in meine Sprechstunde, um die Ursache eines hartnäckigen Durchfalls abklären zu lassen. Sie war vor etlichen Jahren an Gebärmutterkrebs erkrankt und hatte die Therapiephase mit Operation und Bestrahlung gut überstanden. Inzwischen arbeitete die alleinstehende und kinderlose Frau wieder als Bankangestellte.

Ihr Hausarzt hatte sie an mich verwiesen, da er den Verdacht hegte, Verwachsungen könnten der Grund für ihre Beschwerden sein. Nach einer eingehenden Befragung zu Symptomen und zeitlicher Dauer der Beschwerden folgte eine körperliche Untersuchung. Die OP-Narben waren unauffällig, insgesamt sah ich keinen Zusammenhang zu irgendwelchen Folgeerscheinungen der Krebsoperation. Ich fragte die Patientin nach seelischen Belastungen und nach beruflichem Stress. Von einer Sekunde auf die nächste brach Frau A. in Tränen aus. Sie verspürte gar keine Lebensfreude mehr, sie hatte Angst, sich mit ihren Freunden zu treffen, weil sie die ständigen Fragen nach ihrem Befinden belasten würden. Die Kollegen in der Bank seien zwar verständnisvoll und übten auch keinerlei Druck aus, aber sie selbst würde ihrem Anspruch an Leistung und Genauigkeit nicht mehr gerecht. Alles falle ihr schwer, sie schlafe schlecht und leide chronisch an Müdigkeit.

Diese Symptome sind leider sehr typisch, werden von uns Ärzten aber erst seit Kurzem in ihrer ganzen Breite wahrgenommen – als häufige Beschwerden von Krebspatienten und -überlebenden. Abhängig von der Erkrankung, der Art der begleitenden Therapie und der Offenheit der Patienten kann man davon ausgehen, dass 60 bis 80 Prozent an Symptomen wie Müdigkeit, Erschöpfung, Schlafstörungen, Gewichtsabnahme oder -zunahme und Durchfall leiden. Diese körperlichen Beschwerden führen zu oder werden begleitet von psychologischen Symptomen wie Depressionen, Angststörungen und Niedergeschlagenheit.

Häufig sind diese Beschwerden sogar Ausdruck einer eigenständigen Erkrankung, die als Fatigue bezeichnet wird. Fatigue ist ein Begriff aus dem Französischen und bedeutet Müdigkeit, Mattigkeit und ein andauerndes Gefühl der Erschöpfung. Ist dieser Zustand durch eine Krebserkrankung ausgelöst, spricht man von einer »krebsinduzierten Fatigue«.

David Cella, ein amerikanischer klinischer Psychologe, definierte diesen Zustand bereits im Jahr 1995 wie folgt: »Die Tumorerschöpfung, auch ›Fatigue‹ genannt, bedeutet eine außerordentliche Müdigkeit, mangelnde Energiereserven oder ein massiv erhöhtes Ruhebedürfnis, das absolut unverhältnismäßig zu vorangegangenen Aktivitäten ist.

Die Fatigue hat zunächst eine körperliche Dimension. Sie ist geprägt durch ein vermehrtes Bedürfnis nach Ruhe trotz ausreichender Erholungs- und Schlafphasen. Zu diesen körperlichen Beschwerden kommt noch eine seelische Komponente hinzu. Patienten mit Fatigue sind häufig antriebslos, schlecht zu motivieren und erscheinen depressiv. Eine Negativspirale setzt sich in Gang, die Probleme verstärken sich gegenseitig. Wer müde ist, bewegt sich naturgemäß weniger. Bewegungsmangel wiederum verschlechtert die Leistungsfähigkeit, (Muskel-)Schwäche und Mattigkeit nehmen zu, und der Betroffene wird immer inaktiver und verharrt in einer Art »Schonhaltung«. Auf mentaler Ebene sind die Patienten häufig unkonzentriert und haben sogenannte Wortfindungsstörungen, also Schwierigkeiten, den passenden Ausdruck zu finden. Solche »Aussetzer« können den Betroffen verunsichern und zu einem sozialen Rückzug führen.

Die krebsinduzierte Fatigue tritt nicht nur während der primären Therapiephase auf, sondern noch Monate und selbst Jahre danach. Abhängig von der Krebsdiagnose und der nachfolgenden Therapie können diese Beschwerden bei nahezu allen Patienten auftreten. Bei jenen, die eine besonders belastende Chemo- und/oder Strahlentherapie bekommen, ist dieses Gefühl der Mattigkeit allerdings besonders häufig und ausgeprägt.

Wie sehr die Auswirkungen der Fatigue selbst von Therapeuten unterschätzt werden, zeigen einige Zahlen: Zum Zeitpunkt der Diagnose klagten laut einer holländischen Untersuchung 40 Prozent der Patienten über Fatigue-Symptome. Unter Chemotherapie waren es sogar 80 Prozent, unter Strahlentherapie 90 Prozent der Patienten. 52 Prozent der Betroffenen empfanden die krebsinduzierte Fatigue quälender und belastender als Schmerzen. Für die behandelnden Ärzte war das eine Überraschung: Sie waren der Meinung, dass Schmerzen im Vordergrund stehen würden und höchstens 5 Prozent ihrer Patienten die Fatigue als besonders einschränkend empfinden würden.

Auch nach Therapieende – wie gesagt, oft Jahre später und obwohl die Krankheit längst überwunden ist – leiden verschiedenen Studien zufolge zwischen 33 und 53 Prozent der Patienten an diesen oder ähnlichen Symptomen. Vermutlich müssen wir sogar von einem noch höheren Prozentsatz ausgehen, da der Zusammenhang zwischen überwundener Tumorerkrankung und Fatigue von vielen Patienten und ihren Angehörigen nicht verstanden und von Ärzten vielfach nicht erkannt wird. Die Betroffenen vermuten in der Regel, dass die rasche Ermüdbarkeit mit ihrer Verunsicherung, ihren Ängsten und der gefühlten Perspektivlosigkeit zu erklären ist, und wollen weder ihren Partner noch ihren Therapeuten damit belästigen.

Ehepaar K. bittet um einen Termin. Vor einem Jahr musste bei Herrn K. wegen eines Tumors der gesamte Magen entfernt werden. Das Ehepaar erscheint gemeinsam in der Sprechstunde, und Herr K. sitzt wie ein Häufchen Elend vor mir, es geht ihm sichtlich nicht gut. Frau K., eine tüchtige schwäbische Hausfrau, ist verzweifelt. Sie kocht ihrem Mann die schönsten Mahlzeiten, sein Lieblingsessen in kleinen Portionen, wie ihr das empfohlen wurde, natürlich mit »Spätzle«, die er vor seiner Erkrankung und der Operation immer so gern gegessen hatte – aber er hat einfach keinen Appetit! Er nimmt nicht zu, »wird immer weniger«, wie sie sagt.

Während Frau K. unablässig redet, sitzt er einfach nur stumm und starr da. Gleichwohl habe ich das diffuse Gefühl, dass Herr K. reden will. Und zwar mit mir alleine. Unter einem Vorwand lotse ich seine Frau aus dem Sprechzimmer. Kaum hat sie die Tür hinter sich geschlossen, bricht es aus ihm heraus. Die ständigen Ermahnungen, mehr zu essen, und die tägliche Gewichtskontrolle seien für ihn eine Tortur – wieder ein Pfund verloren. Schuldgefühle auf beiden Seiten belasten inzwischen die sonst völlig intakte Ehe. Herr K. fühlt sich müde und matt, er ist lustlos, befürchtet aber, seine Frau noch mehr in Verzweiflung zu stürzen, wenn er ihr seine täglichen Beschwerden oder seine Ängste mitteilen würde. Also hält er lieber den Mund und hofft, sich damit etwas Ruhe erkaufen zu können.

Als Frau K. zurückkommt, will sie von mir wissen, was sie besser machen kann, damit ihr Mann nicht noch weiter an Gewicht verliert. Ich frage sie, wann sie das letzte Mal mit ihrem Mann über den Magenkrebs, seine Beschwerden, Ängste und Wünsche geredet hat. Es stellt sich heraus, dass sie das Thema so gut es geht meidet, weil sie Angst hat, ihn mit solchen Gesprächen zu belasten und ihm die Hoffnung zu nehmen. Und über all dem schwebt die schreckliche Angst, ihn zu verlieren. Trotz einer über 37-jährigen glücklichen Ehe mit Kindern und auch schon Enkelkindern verharren beide schweigend nebeneinander, jeder von eigenen Ängsten und Sorgen um den anderen belastet. Dabei wäre ein gutes Gespräch so wichtig und hilfreich für beide – und vielleicht würden die Spätzle danach auch wieder besser schmecken.

Solche Situationen habe ich Dutzende Male erlebt. Man möchte den Betroffenen/den Partner nicht belasten, man möchte ihn/sie schützen – und schweigt. Das Schweigen führt zu weiterer Verunsicherung, zu weiteren Ängsten. Ich bin überzeugt, dass ein offenes Gespräch nicht nur befreiend sein kann, sondern auch ein initialer Schritt dahingehend, der Fatigue insgesamt entgegenzutreten. Denn wer über seine Symptome spricht, sie vor allem auch vor den behandelnden Ärzten nicht verbirgt, kann auf Unterstützung zählen.

Michael H. Schoenberg

Über Michael H. Schoenberg

Biografie

Prof. Dr. med. Michael H. Schoenberg, Jahrgang 1951, studierte in München Humanmedizin. Nach seiner klinischen Ausbildung zum Chirurgen, u.a. mit dem Schwerpunkt Onkologie, war er von 1998 bis 2015 Chefarzt der Chirurgischen Abteilung und Ärztlicher Direktor am Rotkreuzklinikum München und ist u.a....

Medien zu »Aktiv leben gegen Krebs«






Pressestimmen

Die ganze Woche (A)

»Eine ermutigende Anleitung zur Aktivierung der Selbstheilungskräfte.«

Stern Gesund Leben

»So mies diese Krankheit auch ist, Schoenberg verbreitet durch seine klare Haltung Mut und Zuversicht.«

Medical Tribune

»In ›Aktiv gegen Krebs‹ ermutigt er Krebspatienten, aktiv zu sein und Maßnahmen zu setzen, mit denen die Lebensqualität und die Prognose verbessert werden können - mit Bewegung, Ernährung und psychischer Stabilisierung. Seine Tipps sind wissenschaftlich fundiert.«

Münchner Merkur

»Das richtige Essen, ausreichend Bewegung und zudem eine stabile Psyche fördern nicht nur die Genesung und das Wohlbefinden. Sie sind auch ein ganz entscheidender Teil von Therapie und Nachsorge wie inzwischen viele Studien gezeigt haben. Auf diesen Untersuchungen basieren auch die vielen Ratschläge, die Schoenberg in seinem Buch zusammengetragen hat: Absolut empfehlenswert!«

EatSmarter

»Diagnose Krebs - und jetzt? Das neue Buch ›Aktiv leben gegen Krebs‹ von Prof. Michael Schoenberg ist ein Plädoyer an alle Betroffenen, trotz der Erkrankung gut zu leben. Hier erklärt der erfahrene Mediziner, wie das richtige Zusammenspiel aus Bewegung, Ernährung und einer psychischen Stabilisierung die Lebensqualität verbessern kann.«

Lebendige Seelsorge

»Das Buch liefert nicht nur fundierte medizinische Informationen, sondern schaut gesamthaft auf das durch den Krebs bedrohte menschliche Leben.«

Bild der Wissenschaft

»Es ist ein schmaler Grat, auf dem der Medizin-Professor wandelt: Einerseits will er Krebskranke zum aktiven Leben ermuntern. Andererseits will er keine überzogenen Hoffnungen wecken oder quälenden Druck zur Selbstoptimierung aufbauen. Und das gelingt ihm, denn er ordnet die Bedeutung der Studienergebnisse sachlich ein und verschweigt nicht ihre manchmal begrenzte Aussagekraft. (...) Von seinen Hinweisen profitieren auch diejenigen, die als geheilt gelten.«

DLH Info

»Vielen wird das Buch jedoch Mut machen und dabei helfen, selbstbestimmt etwas für sich zu tun.«

Inhaltsangabe

Ein Vorwort, das Sie unbedingt lesen sollten 

1 Todesurteil auf Raten 

Diese verdammte Mattigkeit

Schicksal oder lohnt sich der Kampf ? 


Teil I Die erste Säule der ­optimierten Krebstherapie – Sport gegen Krebs 


2 Ausruhen war gestern 

Was ist unter » Sport « zu verstehen, und wie findet man das richtige Maß ? 


3 Sportliche Aktivität zur ­Krebsvorbeugung 

Wie wirkt Sport präventiv gegen Krebs ? 


4 Sportliche Aktivität bei einer Krebserkrankung 

Was Sport bei verschiedenen Krebs­erkrankungen bewirkt 

Lebensqualität und Sport 

» Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt ( oder Apotheker ) ! « 

Wo liegt mein individuelles Trainingslevel, und wie trainiere ich richtig ? 


Teil II Die zweite Säule der ­optimierten Krebstherapie – Ernährung gegen Krebs 


5 » Der Mensch ist, was er isst « 

Habe ich ein ­Ernährungsdefizit ? 


6 Ernährung während der Therapie

Leichte Vollkost und » gesteuerte Wunschkost « 

Kann durch Ernährung das Tumorwachstum gehemmt oder die ­Wirkung der Chemo­therapie verbessert ­werden ? 


7 Ernährung nach der Therapie 

Ernährung in der Heilungsphase 

Die » ver­nünftige « Diät – was soll ich essen und was nicht ? 

Spezielle Krebsdiäten – und was davon zu halten ist

Was tun gegen ­Probleme bei Ernährung und ­Verdauung ?


8 Die häufigsten Fragen zum Thema Ernährung 

Teil III Die dritte Säule der ­optimierten Krebstherapie – Psychoonkologie 


9 » Was soll ich denn beim ­Psychoklempner ? «

» Warum ? « 

» Ist das normal ? « 

Neue ­Normalität leben 

Aspekte der Krankheitsbewältigung 

Mit der Angst leben 

Teil IV Aktiv gegen Fatigue und ­verschiedene Tumorarten – eine Zusammenfassung 


10 Fatigue

Psychotherapeutische Verfahren 

Sport und körperliche Aktivität 

Alternative Methoden 

11 Aktiv gegen Brustkrebs

Ernährungsumstellung 

Kombinierte Lebens­stiländerung 

Training bei Lymphödem und Metastasen 


12 Aktiv gegen Prostatakrebs 


13 Aktiv gegen Dickdarm- und ­Enddarmkrebs 


14 Aktiv gegen Lungenkrebs 


15 Aktiv gegen Gebärmutter­schleimhaut- und Eierstockkrebs 


16 Aktiv gegen Erkrankungen des Bluts, des Knochenmarks und des lymphatischen Gewebes 


Ein Nachwort, das Sie unbedingt auch noch lesen sollten … 


Danksagung 


Anhang 
Quellennachweise 
Literatur und weiterführende Informationen 

Kommentare zum Buch

Aktiv leben gegen Krebs
Dr. med. Dzola Weidner am 21.07.2016

Ein sehr wichtiges Thema - ein sehr informatives, gut verständlich geschriebenes Buch, das durch die Vielzahl Praxis naher Fallbeispiele, Betroffenen helfen wird, nach der Diagnosestellung, nicht zu verzweifeln, sondern, vielmehr selbst bestimmt und aktiv ihr weiteres Leben neu zu strukturieren.

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