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Age of IronAge of Iron

Age of Iron

Der Krieger

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Age of Iron — Inhalt

Dug Sealskinner, ein kampfesmüder Söldner, hilft ständig den falschen Leuten. Da wäre Spring, ein Mädchen, das er auf dem Schlachtfeld findet. Oder Lowa, eine der gefürchtetsten Bogenschützinnen des Reiches, auf ihrem persönlichen Rachefeldzug gegen den König.

Jetzt steht Dug auf der falschen Seite jenes Heeres, in das er ursprünglich eintreten wollte. Und nicht nur Zadars Krieger trachten ihm und seinen Gefährten nach dem Leben, sondern auch ein blutrünstiger Druide mit schier unbezwingbaren Kräften. Alles, was Dug dem entgegensetzen kann, sind sein Kriegshammer, ein kleines Mädchen und die unbezähmbare Lowa, die sie noch alle ins Grab bringen wird.

Ja, es ist ein guter Tag, um zu sterben.

Erschienen am 07.12.2015
Übersetzer: Marcel Aubron-Bülles
576 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-28049-5
Erschienen am 07.12.2015
Übersetzer: Marcel Aubron-Bülles
576 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97184-3

Leseprobe zu »Age of Iron«

Kapitel 1


» Speere hoch, macht einem Krieger Platz !  «
Dug Sealskinner stapfte durch die Reihen nach hinten. An vorderster Front mussten junge Leute stehen, die noch keine Angst vor der Schlacht hatten, und alte Kerle, die glaubten, sie könnten es noch mit den jungen Burschen aufnehmen.
Dug gehörte irgendwie in die zweite Kategorie. Sein Leben währte jetzt schon etwa vierzig Jahre, also war er alt. Und er wollte es mit den Jungen aufnehmen. Doch der bittere Nach­geschmack zahlreicher Erfahrungen hatte ihm deutlich – und manchmal geradezu demütigend – [...]

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Kapitel 1


» Speere hoch, macht einem Krieger Platz !  «
Dug Sealskinner stapfte durch die Reihen nach hinten. An vorderster Front mussten junge Leute stehen, die noch keine Angst vor der Schlacht hatten, und alte Kerle, die glaubten, sie könnten es noch mit den jungen Burschen aufnehmen.
Dug gehörte irgendwie in die zweite Kategorie. Sein Leben währte jetzt schon etwa vierzig Jahre, also war er alt. Und er wollte es mit den Jungen aufnehmen. Doch der bittere Nach­geschmack zahlreicher Erfahrungen hatte ihm deutlich – und manchmal geradezu demütigend – klargemacht, dass die Jungen jedes Mal gewannen. Selbst wenn sie nicht siegten, gewannen sie, weil sie jung waren und er nicht.
Trotzdem stand er wieder hier in einer belenosverdammten Schlachtreihe. Wenn alles nach Plan verlaufen wäre, dann würde er das Leben eines achtbaren alten Mannes führen, als Herr seines eigenen Broch. Er besäße seinen eigenen Hof direkt am Meer, an Britanniens nördlichsten Ufern, würde seine Schafe scheren, Robben jagen und mit seinen Enkeln Verstecken spielen. All das hatte er beinahe erreicht, als das Schicksal Anlauf genommen und ihm in die Eier getreten hatte. Seitdem waren die Jahre irgendwie vergangen, und mit jedem von ihnen starb ein weiteres bisschen Hoffnung auf die Ziele, die zu Beginn noch so leicht zu erreichen schienen.
Wenn wir doch nur selbst über unser eigenes Leben bestimmen könnten, dachte er oft. Und nicht die stinkenden Bastarde, die einfach vorbeikommen und es für uns tun.
Wenigstens machte ihm das Gesindel Platz, und das erfüllte ihn mit Zufriedenheit. Er mochte sich zwar nicht mehr so fühlen, aber er wirkte auf andere immer noch furchteinflößend, und er war ein Krieger. Sein kantiges Kinn war mit dichten Stoppeln überzogen, sein riesiger Schädel steckte in einem rostigen, schmucklosen, dafür aber robusten Eisenhelm. Im Licht der Morgensonne leuchtete das eingeölte Kettenhemd weithin, und das Gewicht verbarg den immer dicker werdenden Bauch. Mit dem wuchtigen Streithammer, der an einer Lederschlaufe von seiner rechten Hand baumelte, hätte er jedes Sagenungeheuer erschlagen können.
Man hatte ihm den Sold eines Kriegers angeboten, damit er an vorderster Front die Truppen befehligte. Das bedeutete wohl, dass er an vorderster Front hätte bleiben und die Truppen be­­fehligen sollen. Aber er fühlte sich nicht verpflichtet, diese Vereinbarung bis ins kleinste Detail einzuhalten. Tatsächlich hatte er nicht einmal vor, die beiden einzigen Details einzuhalten. Zum einen, weil es ohnehin niemand bemerkte, und zum anderen, weil es gar nicht erst zur Schlacht kommen würde. Sein Geld würde er allein dafür bekommen, einen Tag lang auf einem Feld zu stehen, als einer von Tausenden von Kriegern. Nun ja, einer von Tausenden von Menschen auf jeden Fall. Es waren einige andere Krieger anwesend – Dug kannte ein paar persönlich und hatte ihnen im Vorbeigehen zugenickt –, aber der Rest der Truppen bestand aus einfachen Männern und Frauen, keinen Kämpfern, die im Idealfall Lederrüstungen und Speere trugen, aber sonst wohl am ehesten mit den Gerätschaften eines Bauernhofs umgehen konnten. Tatsächlich hielten viele genau diese in ihren Händen.
Was bei Camulus macht das denn hier ?, dachte er, als er einen kleinen glatzköpfigen, bärtigen Kerl mit einem langen Stab vor sich sah, an dessen Ende sich eine riesige Klinge befand – das war doch ein Flenshaken, mit dem man Wale zerlegte, wenn er sich nicht allzu sehr täuschte. So einen hatte er schon lange nicht mehr gesehen und wollte seinen Besitzer schon fragen, was er so weit landeinwärts zu suchen hatte. Aber sein Ansehen als kampferfahrener Recke würde sicher leiden, wenn er sich für Fischereiausrüstung interessierte.
Er ließ die Versammelten hinter sich und betrat das freie Feld. Hinter Bartons mehr schlecht als recht zusammengestückelter Armee liefen Kinder in Bauernkitteln aus grober Wolle umher, lachten, kämpften und weinten. Die Alten saßen zusammen, beschwerten sich über die Aufstellung der Armee und andere Dinge, die zu ihren Zeiten besser gewesen waren. Zu seiner Linken saß der unweigerlich betrunkene alte Druide, in Lumpen gekleidet und von allen gemieden. Er brüllte zusammenhangslose Warnungen vor der nahenden römischen Invasion, wie all die anderen betrunkenen Druiden, die Dug in letzter Zeit gesehen hatte.
Auf der anderen Seite der Brücke befanden sich die, die nicht in den Kampf mussten – Bartons einflussreichere Familien. Einige von ihnen sahen Dug misstrauisch an und fragten sich vielleicht, warum ihr teuer bezahlter Söldner sich eine kleine Pause gönnte.
Er stemmte die Hände in die Hüften, nahm die Haltung eines Aufsehers an und versuchte dreinzublicken, als ob er die Schlachtreihen nach Schwächen absuchte. Sehr wichtig, die letzte Reihe einer Verteidigungslinie. Das würde er ihnen sagen, wenn sie ihn später fragen sollten.
Er hatte eigentlich nicht vorgehabt, sich an diesem sonnigen Morgen in Bartons Armee wiederzufinden. Er hatte gestern eine Rast in ihrem Fort eingelegt, als die Nachricht eintraf, dass die Reiter und Streitwagen von König Zadars Armee auf ihrem Rückweg hier vorbeikommen würden – nachdem sie gerade die Stadt und die Wallburg von Boddingham geplündert hatten.
Boddingham war kleiner als Barton, etwa vierzig Meilen nordöstlich entlang der Wallbergstraße. Sie hatten ihre Tributzahlungen an Zadar eingestellt. Vielleicht hatte sich Boddingham sicher gefühlt, gut einhundert Meilen von Maidun, König Zadars Sitz und Hauptstadt des Reiches, entfernt, doch auf gut befestigten Wegen und dem harten Kalk der Wallbergstraße war es für Zadars Streitwagen und Reiterei gerade mal ein Marsch von drei Tagen bis hierher – oder weniger, wenn sie sich beeilten. Eine ganze Armee zu bewegen, hätte natürlich länger gebraucht, das wusste Dug nur zu gut. Er selbst hatte im Laufe seines Lebens Armeen sowohl angetrieben wie auch aufgehalten. Aber jeder, mit dem er gesprochen hatte, hatte ihm gesagt, dass Zadars ziemlich kleine Reitertruppe durchaus in der Lage war, eine mittelgroße Siedlung wie Boddingham in Schutt und Asche zu legen. Wenn das stimmte, dachte Dug, dann mussten sie die persönliche Leibgarde der Kriegsgöttin Macha selbst sein.
Die Streitkräfte Maiduns waren vor zwei Tagen an Barton vorbeigezogen, viel zu erpicht darauf, Boddingham so schnell wie möglich zu bestrafen, als dass sie länger als für die Forderung nach Nahrung, Wasser und Bier gerastet hätten. Aber auf dem Rückweg, mit blutverschmierten Schwertern und Sklaven im Schlepptau, könnte sich diese kleine, aber ziemlich geschickte Truppe durchaus in den Kopf setzen, dem bedauerlich unvorbereiteten, schwächlichen Barton einen ausführlicheren Besuch abzustatten.

» Du ! «, hatte ein Kerl Dug gestern Nacht angebrüllt. Die Höflichkeit in Person, diese Südländer.
» Ja ? «, hatte er erwidert.
» Kannst du kämpfen ? «
Man könnte meinen, dass sein verbeulter Eisenhelm, das Kettenhemd und die Streitaxt eigentlich für sich sprachen, aber nach Dugs Erfahrungen waren die Südländer genauso schlau, wie sie höflich waren.
» Ja, ich bin ein Krieger. «
Das hatte ihm einen Platz im Kriegsrat der gestrigen Nacht eingebracht. Eigentlich war er ja unterwegs gewesen, um in den Dienst von Zadars Armee zu treten, weil er endgültig die Nase voll hatte vom Leben eines umherziehenden Söldners. Aber er sah keinen Grund, das den Verteidigern Bartons gegenüber zu erwähnen.
Etwa fünfzig der wichtigeren Männer und Frauen Bartons – also die, die jetzt nicht in der Schlachtreihe standen – hatten sich zum Kriegsrat in das Langhaus gequetscht. Das Ding als Langhaus zu bezeichnen, war reine Anmaßung, ebenfalls eine Eigenart der Südländer, wie Dug aufgefallen war. Zum einen war es rund. Zum anderen war es gerade mal zwanzig Schritt breit. Am ehesten war es also ein Mittelhaus. Und eigentlich war es nur eine große Hütte, Schlamm, Dung und Gras zwischen geflochtenen Zweigen, die von in den Boden gerammten Pfählen gehalten wurden. Vier breite Pfosten in der Raummitte trugen das spitz zulaufende Reetdach.
Dug hätte ihnen zeigen können, wie man eine Hütte in derselben Größe ohne die Pfosten in der Mitte bauen konnte, um damit viel Platz zu sparen. Vielleicht war ihr Langhaus ja älter als diese architektonische Neuerung, aber am Fuß des Hügels befand sich ein Wald, und hier wohnten eine Menge Leute. Es neu zu bauen, wäre also ein Kinderspiel gewesen.
Doch dieser Stamm baute weder sorgfältig, noch kümmerte er sich darum, dass seine Gebäude gut in Schuss blieben. Einer der Pfosten neigte sich gefährlich zur Seite, und im Dach befand sich in der Nähe der Tür ein großes, wohl kaum geplantes Loch. Die Luft im Raum war nach einem langen, heißen Tag trotz dieses Lochs muffig und stickig. Doppelte Abluftöffnungen wären da schon nützlich. Dug hätte ihnen auch zeigen können, wie man die einbaut.
König Mylor von Barton saß auf einem großen Holzstuhl, der sich auf einer kleinen Plattform in der Mitte des Raums befand. Er rieb sich mit dem Handrücken über seine beiden verbliebenen, verfaulten Zähne und sah sich gut gelaunt um. Er starrte seine Besucher mit trüben Augen an und gab » Uhhh-uhhh ! «-Geräusche von sich, die Dug an eine alte Robbe er­­innerten. Jetzt, wo er ihn genauer betrachtete, sah er wirklich wie eine Robbe aus : Glatte Fettringe machten seinen Hals dicker als seinen haarlosen Schädel, auf dem zahlreiche Leberflecken prangten, und das Fackellicht ließ ihn schweißnass glänzen. Unter seiner flachen, breiten Nase wuchs ein ungepflegter Schnurrbart. Dug hatte gehört, dass Bartons König verrückt geworden war. Es schien, dass die schwatzhaften Sänger tatsächlich mal die Wahrheit gesagt hatten.
Neben Mylor saß der Druide Elliax Goldan, der alle Macht in sich vereinte, auch wenn er nicht den passenden Titel trug. Mit Bartons mächtigstem Druiden legte man sich nur auf eigene Gefahr an, hatte Dug gehört. Er schien ein wenig jünger zu sein als Dug, war schlank und hatte kleine schwarze Augen in einem rosafarbenen Gesicht. Die lange Nase ließ ihn wie eine Ratte wirken. Wenn man einen Mann nach seinem Gesicht beurteilen konnte – und Dug hatte festgestellt, dass das ging –, dann war das ein kleiner, wütender Klugscheißer. Je weiter Dug nach Süden gekommen war, desto mehr Druiden war er begegnet. Es gab die üblichen drei Arten : der weise Heiler, der Ratschläge und Medizin verteilte ; der wahnsinnige, betrunkene Typ, der über den nahenden Untergang schwadronierte – der im Augenblick ziemlich viel mit Rom zu tun hatte – ; und der Befehls­haber, dessen Gespräche mit den Göttern merkwürdigerweise nicht nur seinen Plänen, sondern auch seinem An­­sehen in der Gemeinde förderlich waren. Elliax gehörte ganz sicher zu den Letzteren.
Zu Mylors Linken saß die Frau des Druiden, Vasin Goldan. Ihre Haut glänzte fleckig. Die großen Augen standen weit auseinander und ziemlich hoch, fast schon am Haaransatz. Dug hatte vorher schon gehört, dass man sie Froschgesicht nannte. Wie die Faust aufs Auge, dachte er bei sich. Robbenkopf, Rattennase und Froschgesicht. Eine richtige Tierschau.
Hinter Elliax und Mylor standen vier Krieger in Kettenhemden. Kein gutes Zeichen, dachte Dug, wenn Herrscher Schutz vor ihren eigenen Leuten brauchten.
Elliax sorgte mit kurzem Klatschen für Ruhe im Tumult und unterbrach Dug, der gerade einer jungen Frau erklärte, wie er das Dach verbessern würde. » Die Versammlung ist einberufen ! «, sagte er mit einer überraschend tiefen Stimme. Dug hatte eigentlich ein Quieken erwartet.
» Könnten wir das nicht draußen machen ? «, fragte Dug und lockerte sein Kettenhemd am Hals, um sich ein wenig abzu­kühlen. Beißender Körpergeruch fand endlich einen Weg nach draußen, und die Frau, mit der er gerade noch gesprochen hatte, bewegte sich unauffällig von ihm weg. Bei dieser peinlichen Situation wurde ihm nur noch heißer.
» Der Kriegsrat von Barton findet im Langhaus von Barton statt ! «, donnerte Elliax und lief selbst rot an.
» Selbst wenn es heiß ist und wir draußen mehr als genügend Platz haben ? Ist das nicht ziemlich dämlich ? « Mehrere Leute in Dugs Nähe nickten zustimmend.
» Hei-ei-ei-eiß ! «, rief König Mylor.
Es hieß, dass Mylor vor etwa zehn Jahren nicht nur seinen Verstand verloren, sondern auch Bartons Reichtum und Stellung aufs Spiel gesetzt hatte, als er seine fünf Besten gegen König Zadars Champion hatte antreten lassen. Der massige junge Kerl namens Carden Nancarrow hatte Bartons vier beste Männer und eine Frau in wenigen Augenblicken abgeschlachtet. Seitdem hatte Barton schmerzlich hohe Abgaben an Maidun zu leisten.
Indem er Mylor zu dem 5-zu-1-Kampf überredet hatte, anstatt die gut befestigte Wallburg zu verteidigen, hatte Elliax Barton laut eigener Aussage vor der Zerstörung bewahrt. Im Laufe der nächsten zehn Jahre hatte er als Zadars Vertreter und Steuereintreiber gedient. Die Abgaben an Zadar hätten Barton nach einigen Jahren ausbluten lassen, so Elliax, aber er täuschte Maidun freimütig über Bartons Reichtümer und zog ein paar Steuern weniger ein. Im Gegenzug für sein Entgegenkommen verlangte er nur einige kleine Geschenke wie Land, Essen, Kunstschmiedearbeiten oder das einfachste Geschenk von allen – ein Stündchen mit einer Tochter. Während andere fast am Hungertuch nagten, blühte Elliax auf, seine Frau wurde fett, und unverheiratete Mädchen trugen Kinder mit verräterisch rattenartigen Gesichtern aus. Jeder, der sich über die Umstände beschwerte, fand sich schon bald auf dem Weg nach Süden wieder, von den Weissagungen des Druiden dazu bestimmt, ein Teil von Zadars vierteljährlicher Sklavenlieferung zu werden.
» Wir haben nichts zu befürchten «, fuhr Elliax fort und ignorierte sowohl Dug als auch König Mylor. » Ich habe es gesehen. Wir zahlen unsere Abgaben, und es ist in Zadars Interesse, dass wir sie bezahlen. Er wird uns nicht angreifen. «
» Aber man kann doch nicht darauf vertrauen, dass sich Zadar vernünftig verhält ! «, rief eine junge Frau von hinten. » Denkt doch nur an das, was er letztes Jahr mit Cowton an­­gestellt hat. «
Dug hatte von Cowton gehört. Das hatte jeder. Zadar hatte die gesamte Stadt ausgelöscht. Männer, Frauen, die Alten, Kinder, das Vieh … nur Danu wusste, wie viele der zweitausend Menschen und unzähligen Tiere abgeschlachtet oder an Rom als Sklaven verkauft worden waren. Niemand wusste, warum.
Elliax sah zur Seite und betrachtete Mylor. Der König kratzte sich durch seine wollenen Hosen im Schritt. » Wer ist euer Hochdruide ? «, fragte Elliax. Niemand hatte darauf eine Antwort. Elliax lächelte wie eine Kröte, die eine riesige Fliege verspeist hatte. Er breitete die Arme aus. » Heute Morgen opferte ich auf dem Holzschrein einen Meeresvogel von der Insel der Engel, um seine Berichte der Zukunft zu erfahren. Als der Vogel dem Tode nahe war, wurde ich von einem Geräusch abgelenkt. Ich blickte auf und sah, wie ein Eichhörnchen eine Katze anfauchte. Die Katze ging weiter, und das Eichhörnchen blieb unverletzt. « Elliax sah sich selbstzufrieden um, und sein Blick ruhte schließlich auf Dug.
Die meisten Leute sahen einander an und nickten. In der Regel waren die Botschaften der Götter Dug zu verworren, um sie zu verstehen, aber diese hatte er sofort begriffen.
» Dagegen kann man nichts sagen ! «, meinte ein wuchtiger Kerl.
» Ja, wenn es stimmen würde. Habt ihr schon mal ein Eichhörnchen fauchen hören ? «, murmelte eine Frau hinter Dug.
» Niemand würde bei so etwas lügen ! «, flüsterte ein Mann, dessen frustriert klingende Stimme Dug vermuten ließ, dass es sich um den Ehemann der Frau handelte.
Elliax sprach weiter. » Ich blickte in die Eingeweide des Vogels und sah Danu. Sie sagte mir, dass wir nichts von Zadar zu befürchten haben. Dann sah ich Macha. Sie fasste unsere Strategie zusammen. In letzter Zeit ist es sehr trocken gewesen, und daher wird Zadar die Wallbergstraße verlassen und den kürzeren Weg durch das Tiefland wählen, wie auch schon auf dem Weg nach Boddingham. Macha sagte mir, wir sollen unsere Truppen in der Talebene sammeln und auf der anderen Seite der Brücke einen Speer- und Schildwall zwischen den beiden Flussbögen bilden. Reiterei und Streitwagen können einen Speerwall nicht angreifen. «
» Außer der Speerwall gibt nach «, sagte Dug. Er hätte die Worte einer Gottheit normalerweise nicht öffentlich angezweifelt, vor allem nicht Machas, aber diese Leute hier hatten keine Ahnung von einer Schlacht, und sie mussten es hören. Einige der Älteren murmelten zustimmend, und daher sprach er weiter : » In so einem Fall könnte man auch einfach eine Reihe Kinder hinstellen, die nasses Schilf halten. Warum holen wir nicht alle Leute in die Wallburg ? Wir könnten bis morgen einige Ausbesserungen vornehmen – ein paar Winkel schwieriger machen, die Palisade verstärken, ein paar angespitzte Pfähle in den Graben –, und sie kommen niemals hier rein. «
» Und unsere Höfe, unser Zuhause und unsere Ernte den Launen von Zadars Armee überlassen ! «, fauchte Elliax, der mit immer höherer Stimme sprach. » Du bist so dumm, wie du aussiehst, Nordländer ! Du gehörst hier ohnehin nicht her. Du stammst nicht aus Barton. Es gibt für einen Speerwall keinen Grund nachzugeben. Ich glaube, zwei Götter wissen mehr als ein heruntergekommener, gescheiterter Krieger. Und übrigens haben mir drei Götter Ratschläge erteilt, denn noch tiefer in den Eingeweiden des Vogels verborgen entdeckte ich Dwyn. «
» Ganz schön eng in dem Vogel «, sagte die Frau hinter Dug. Ihr Ehemann befahl ihr wieder, still zu sein.
Elliax überhörte diesen Zwischenruf. » Dieser schlaue Gott vervollkommnete den Plan. Er befahl mir, einen Reiter zu Zadar zu schicken und ihm mitteilen zu lassen, dass wir ihm einen zeremoniellen Vorbeimarsch anbieten. Wir werden unser Land mit etwas verteidigen, was wie der Beweis unserer Ergebenheit aussieht. Das ist die Art strategisches Denken, die man in deiner Heimat ganz bestimmt selten gesehen hat. «
» Bist du dir sicher, dass Dwyn dir das gesagt hat ? « Dug hatte noch nie öffentlich an den Worten eines Druiden gezweifelt, aber Elliax’ Plan war Wahnsinn. » Gefahr erkannt, Gefahr ge­­bannt, das wissen die meisten Kinder, da, wo ich herkomme. «
Elliax lächelte höhnisch. » Wir haben Schleudern, viel mehr als Zadar überhaupt haben kann. Seine Truppen sind hoch zu Ross und in Streitwagen, und wir werden hinter Schilden stehen. Wenn Zadar anzugreifen versucht, werden unsere Schilde uns schützen, und wir werden mit einem tödlichen Hagel antworten. Zadar ist nicht dumm. Er wird nicht angreifen ! Er weiß, wie nutzlos das wäre. Außerdem haben die Götter zu mir ge­­sprochen. Wenn du ihnen häufiger zugehört hättest, dann würdest du nicht auf der Suche nach Arbeit quer durchs Land streifen. Und das in deinem Alter. Es ist eine Schande. «
Dugs Ohren liefen hochrot an. Elliax wandte sich von ihm ab und erklärte seinen Plan bis ins kleinste Detail. Ärgerlicherweise, dachte Dug, ergab die Idee dieses aufgeblasenen Scheißkerls sogar halbwegs Sinn. Einen Speerwall zu Pferd oder in einem Streitwagen anzugreifen, war tatsächlich Selbstmord. Pferde wussten das auch, also war es praktisch unmöglich. Mit den Wurfwaffen hatte er auch recht. Bartons zahlenmäßige Überlegenheit bei Schleudern und Schilden sollte jede Form von Bedrohung durch Wurfgeschosse wettmachen.
Selbst die Örtlichkeiten sprachen für Barton. Um von seiner wahrscheinlichsten Route aus Bartons Ländereien zu erreichen, musste Zadar einen Fluss überqueren. Die einzige Brücke be­­fand sich mitten in einem großen Flussbogen. Der erfolgversprechendste Ansatz für die Reiterei, einen Speerwall zu besiegen, war, um ihn herumzureiten und von der Seite oder von hinten anzugreifen. Doch da die Armee sich zwischen zwei Bögen des sich windenden Flusses befinden würde, war das unmöglich. Allerdings gab es immer noch eine große, offensichtliche Schwachstelle.
» Warum bleiben wir nicht auf unserer Seite der Brücke ? «, fragte Dug. » Die Brücke können wir mit einer Handvoll Leute halten, wir beschützen den größten Teil der Ländereien, und ihr könnt immer noch euren kleinen Umzug haben. Sollte Zadar angreifen, und eure lange Schlachtreihe aus Bäckern und Töpfern hält nicht, was sie wahrscheinlich nicht wird, dann sind wir zwischen ihm und dem Fluss gefangen und haben ernsthafte Probleme. «
Elliax verzog das Gesicht, als ob jemand gerade auf das Totenbett eines lieben Verwandten gepinkelt hätte. » Du forderst die Götter immer noch heraus ? Sie wissen, dass sich auf der anderen Flussseite wertvoller Besitz befindet, und du nicht. «
» Dieser Besitz gehört nicht zufälligerweise dir, oder ? «
» Warum hältst du nicht einfach die Klappe und hörst auf, dich zu blamieren ? Wir teilen unseren Besitz. Das Land gehört allen, du nordländischer Idiot. « Elliax starrte ihn wütend an, aber dann, als ob ihm eine angenehme Erinnerung kam, lächelte er. » Oder vielleicht ziehst du eine deutlichere Eingeweideschau vor ? Warum kommst du nicht herauf, und wir finden heraus, was deine Eingeweide über Zadars Absichten verraten ? Wir können die nächsten zehn Winter in deinem fetten Bauch lesen ! Bob, Hampcar, warum findet ihr beiden nicht mal heraus, was dieser Besserwisser tatsächlich über das Kämpfen weiß ? «
Zwei der vier Wachen traten vor und zogen ihre Schwerter einige Fingerbreit aus der Scheide. Beide waren große Kerle. Einer hatte ein längliches Gesicht mit einem vorstehenden Mund und gebleckten, ungewöhnlich weißen Zähnen. Der an­dere war bartlos, und von beiden Mundwinkeln zog sich eine leuchtend rote Narbe hoch bis zu seinem zotteligen Haaransatz. Solche Verletzungen entstanden, wenn man jemandem einen leichten Schnitt in die Mundwinkel setzte und ihm dann Schmerzen zufügte ; eine der Methoden, die Dug gesehen hatte, war ein Eisenbohrer, den man zwischen die Handgelenks­knochen gejagt hatte. Das Opfer würde laut aufschreien und sich die Haut vom Mund bis zu den Ohren aufreißen. Wenn die ­Verletzungen abheilten und das Opfer nicht an einer Entzündung starb, blieb eine Narbe in Form eines Lächelns. Im Norden nannte man das einen Scrabby-Kuss, benannt nach einem Stamm, der sie besonders gern verteilte. Männer ließen sich normalerweise Bärte wachsen, um die Narben zu verdecken, aber dieser Kerl hatte sich rasiert, um damit anzugeben. Was auch ziemlich gut funktionierte, um ehrlich zu sein, wenn man wie ein Furcht einflößender Bastard aussehen wollte. Sein Kumpan wirkte sogar noch härter.
Dug entschloss sich, es nicht darauf ankommen zu lassen.
» Kommst du herauf ? Oder bist du ein Feigling ? «, höhnte Elliax.
Dug erwiderte die Herausforderung mit einem kühlen ­Belenos-kann-mir-gestohlen-bleiben-Blick – wie er hoffte. Er musste es nicht mit vier Kriegern aufnehmen, nur um seinen Standpunkt klarzumachen. Nicht mal mit zweien. Außerdem, wenn Dwyn, der Gott der Tricksereien, Macha, der Kriegsgott, und Danu, Mutter aller Götter, bei diesem Plan mitgewirkt hatten, warum sollte er ihnen widersprechen ? Er könnte auch einfach einen vernünftigen Sold für sich aushandeln, um mit in der Schlachtreihe zu stehen und am nächsten Abend ein reicherer Mann zu sein. Ein Mann, der noch alle Eingeweide in seinem Bauch hatte.
» Kommst du herauf, habe ich gefragt ? «
» Ich bleibe hier. «
» Dumm, fett und feige. Schöner Krieger ! « Elliax sah sich siegesgewiss um und schien ein wenig gewachsen zu sein. » Hört nicht auf die dummen Kommentare dieses Tölpels. Mir ist der Weg gezeigt worden. Der Plan ist beschlossen, und König Mylor stimmt ihm zu. «
Mylor sah auf und lächelte, als er seinen Namen hörte, machte sich dann aber wieder daran, an seinen Genitalien herum­zuzupfen.
Elliax fuhr fort : » Habt keine Angst. Zadar hat es nicht zu dem gebracht, was er heute ist, weil er gegen übermächtige Gegner gekämpft hat. Wir sind völlig sicher. «

Beim nächsten Morgengrauen versammelten sich also alle, die nicht zu jung, gebrechlich oder zu wichtig waren, um eine Waffe zu halten, jenseits der Brücke zwischen den beiden Flussbögen. Insgesamt etwa viertausend Männer und Frauen trafen sich im Licht der ersten Sonnenstrahlen auf dem großen Feld. Die bunte Mischung aus Bauern, Handwerkern und Waldarbeitern aus Barton und den umliegenden Dörfchen und Höfen wuselte etwas kopflos, aber gut gelaunt umher, und Dug und die anderen formierten sie zu einer Schlachtordnung, so gut es eben ging. Diejenigen mit halbwegs vernünftigen Schilden und Speeren kamen nach vorn. Einige Leute mit längeren Speeren manövrierte Dug nach hinten, der Theorie folgend, dass die hinteren Reihen dem Feind mit ihren Speeren zusetzen konnten, wenn die Leute vorn in einen Nahkampf verwickelt wurden. Er wusste, dass das sinnlos war – wenn diese Schlachtordnung auch nur auf mittelmäßig ausgebildete Gegner traf, waren sie alle am Arsch –, aber so war er beschäftigt und zeigte allen, dass er wusste, was er tat.
Die Kinder und die Alten überquerten den Fluss und sammelten sich hinter ihnen. Sie standen auf Karren, Kisten und Fässern, um Zadars Armee vorbeiziehen zu sehen. Die wichtigsten Familien in ihren fadenscheinigen Festtagsgewändern trafen zuletzt ein, zusammen mit Mylor, Elliax und seiner Frau Vasin, deren Stühle aus dem Langhaus man auf den größten Karren gestellt hatte.
Als der Tag wärmer wurde, entstand hinter dem Speerwall eine Art festliche Atmosphäre. Der verrückte Druide hörte mit dem Brüllen auf, die Kinder spielten nicht mehr so verkrampft, und die Alten vergaßen ihre Nörgeleien, während sie tranken und von vergangenen Schlachten schwärmten. Welpen huschten zwischen ihren Beinen umher. Die älteren Hunde tapsten auf ihrer Suche nach Essensresten und Streicheleinheiten durch die Gegend. Die Schlachtordnung wies immer mehr Lücken auf, als die Männer sich etwas zu trinken holten, sich gemütlich irgendwo hinsetzten oder einfach nur herumspazierten.
Dug schob sich gerade durch die Reihen, um ein paar alte Jungs mit einem riesigen Fass Cider zu begrüßen, das er eben erst entdeckt hatte, als Zadars Armee etwa vierhundert Schritte entfernt aus dem Schatten des Walds auf das Feld heraustrat. Einige laute Rufe lenkten die Aufmerksamkeit aller auf die Neuankömmlinge, und Stille breitete sich so schnell in der Menge aus, wie Blut im Wüstensand versickerte.
» Hebst du mich bitte hoch ? « Es war ein kleiner, dürrer Bengel mit großen braunen Augen und einem rotbraunen, an frisch gepflügte Erde erinnernden Haarschopf. Er starrte zu Dug hoch. » Bitte ? « Die Augen des Jungen wurden noch größer.
Dug seufzte und hob sich den Jungen auf die Schulter. Er war leicht wie eine Feder.
» Ist das Zadar ? «, piepste der Kleine.
» Wahrscheinlich. Ja. « Ein einzelner Reiter führte den Heerzug an. Er trug einen riesigen gehörnten Helm, der in der Morgensonne glänzte, ein schillernd schwarzes Kettenhemd und eine schwarze Lederhose. Sein schwarzes Pferd – das größte, das Dug jemals gesehen hatte – war ähnlich geschützt. Seine Rossstirn war mit einem goldenen, gehörnten Schutz versehen, und sein schwarzer Pferdepanzer bedeckte den gesamten Rumpf.
» Was trägt er denn da auf dem Kopf ? «
» Kannst du es nicht sehen ? «
Dug spürte, wie der Junge enttäuscht in sich zusammensackte. Dug konnte über kurze und lange Strecken gut sehen, aber er wusste, dass eine Menge Leute weder das eine noch das andere konnten. Als junger Mann hatte er keine Ausreden akzeptiert und war überzeugt gewesen, dass alle genauso gut sehen konnten wie er, aber aus irgendwelchen bescheuerten Gründen das Gegenteil behaupteten. Altersweisheit ließ ihn die Dinge in einem anderen Licht betrachten.
» Er hat Hörner an seinem Helm. «
Der Junge wurde wieder munter. » Warum ? «
» Vielleicht, damit er Furcht einflößend aussieht, und vielleicht versucht er die Leute davon zu überzeugen, dass er Cernunnos ist, der gehörnte Gott der Tiere. Er ist wahrscheinlich nicht be­­sonders groß, und er glaubt, dass er den Leuten größer erscheint, wenn er einen großen Hut trägt. Aber die Leute werden einfach nur denken, dass er ein Winzling mit einem großen Hut ist. «
Der Junge kicherte. Zadar schien tatsächlich ziemlich groß zu sein, aber Dug hatte sich noch nie von der Wahrheit stören lassen, wenn er sich den Spaß erlaubte, sich über eingebildete Idioten lustig zu machen.
» Der Mantel, den er da trägt – und die Decke, die auf dem Pferdearsch liegt – das sind Kettenhemden. Hunderte oder Tausende – wahrscheinlich eher Tausende in diesem Fall – kleine Eisenringe, die man miteinander verbunden hat. Sie schützen einen Krieger vor Schleudersteinen, einem Schwertstreich, solchen Sachen halt. Gegen das hier hilft es aber nicht viel. « Dug hob seinen Kriegshammer hoch. Der Junge lachte fröhlich. Es war eine schlichte, aber äußerst effektive Waffe, nicht viel ausgeklügelter als die an einen Stock gebundenen Steine, die schon vor Urzeiten beliebt gewesen waren. Ein Eisenklumpen in Form und Größe eines Holzschuhs war auf einem Stab aus feuer­gehärteter Eiche mit unzähligen eng gebundenen Lederstreifen befestigt worden. Die beiden Enden des über einen Schritt langen Stabs hatte man angespitzt.
» Nur Könige und Krieger dürfen Kettenhemden tragen. «
» Aber du trägst ja ein Kettenhemd ! «
» Genau, das stimmt. Ich bin ein Krieger … Meins besteht allerdings nur aus ein paar Hundert Ringen und ist beileibe nicht so leicht oder biegsam wie seins. «
» Und was ist sein Pferd ? Ein Krieger oder ein König ? «
» Öh … keins von beiden. Das mit den Regeln ist so eine Sache. Wenn du mächtig genug bist, darfst du sie auch brechen. Und selbst machen. «
» Du klingst komisch. «
» Ich komme aus dem Norden. «
» Was kriegst du denn ? «
» Was ? «
» Du bist doch ein Krieger ? «
» Ich bin ein Krieger, aber das ist ein Titel, genau wie König. Aber diesen Titel musst du dir verdienen. Du musst zehn Gegner in der Schlacht töten. Wenn fünf andere Leute, die bereits Krieger sind, zustimmen, dass du das geschafft hast, dann sagen sie, dass du ein Krieger bist, und du bekommst das hier. « Dug klopfte auf den grob gefertigten Eber aus Eisen, der an einem Lederriemen um seinen Hals hing. » Und dann darf man auch ein Kettenhemd tragen. Was eine ziemlich gute Idee ist, denn so geht man sicher, dass weniger andere Leute Krieger werden können, und dein Leben wird um einiges sicherer. Wenn du ein Krieger bist, heißt das auch, dass du als Söldner eine vernünftige Bezahlung erhältst. Die Leute behandeln dich auch besser. Du kriegst zum Beispiel in einem Wirtshaus was zu essen, unter der Voraussetzung, dass du die Schenke beschützt. «
» Kann ich auch eine Eberkette haben ? «
» Nein, die musst du dir verdienen. «
» Aber unser Schmied könnte mir doch eine machen ? «
» Schon, natürlich könnte er das. Aber die Strafe, sich unerlaubt als Krieger auszugeben, lautet Tod durch Folter. «
Der Junge überdachte das Gesagte kurz auf Dugs Schultern. » Das ist es wohl nicht wert. «
» Nein. «
» Und der Mann hinter Zadar, ganz in Schwarz ? «
» Das muss wohl sein Hochdruide sein, Felix. « Dug spuckte auf den Boden, denn das sollte Glück bringen. Es hieß, dass Felix, Zadars römischer Druide, die Kräfte der Götter für sich nutzen konnte, wie es seit Generationen niemand mehr in Britannien vermocht hatte. Dug hatte Geschichten gehört, wie Felix die Pläne von Feinden durchkreuzt hatte, indem er ihre Gedanken aus weiter Ferne las. Oder Erzählungen, bei denen er Leuten die Seelen aus dem Leib gerissen oder ihre Körper zerfetzt hatte, indem er sie einfach nur ansah. Man konnte wohl kaum alles glauben, was die Barden sagten und sangen, aber Dug hatte so viel von Felix’ Kräften gehört, dass irgendwas daran stimmen musste. Ihn fröstelte, obwohl es ein warmer Tag war.
» Und wer sind die da ? Donnerwetter ! «, piepste der Junge.
» Genau. « Nach König Zadar und Felix kamen fünfzig berittene Männer und Frauen. Ihre Helme hatten keine Hörner, ihre Kettenhemden glänzten nicht so sehr in der Sonne, und die spitzen Verzierungen an den Köpfen ihrer Pferde bestanden aus einfachem Eisen.
» Das sind Krieger. «
In zweihundert Schritt Entfernung ritten sie an Bartons Speerwall vorbei, die Augen nach vorn gerichtet, als ob sie der jämmerliche Anblick nicht einmal interessierte. Sie hatten offensichtlich den Befehl erhalten, damit Eindruck zu schinden, dachte Dug. Was ihm zwei Dinge klarmachte. Erstens, dass Zadar ein echter Blender war. Zweitens, dass die Armee Maiduns erstklassige Disziplin an den Tag legte. Erschreckend erstklassig.
Dann kamen die Streitwagen.
» Die Streitwagen werden mit Holzstreben gebaut, die immer unter Spannung stehen. So können sie über Bodenwellen, ­schmale Bäche und Leichen springen … In jedem Wagen sind zwei Leute, der Fahrer und ein Kämpfer. Siehst du die ersten Wagen mit den Kerlen in Rüstung ? «
» Ja ! «
» Das sind die schweren Streitwagen – die hüpfen weniger, sind stabiler. Sie fahren bis direkt an die Schlachtreihe, und dann wirft der Kämpfer einen Wurfspeer auf den Feind. Das tötet normalerweise niemanden, aber das Ding bleibt vielleicht in einem Schild stecken, und dann ist er nutzlos oder zumindest schwer zu handhaben. Oder der Speer geht durch zwei überlappende Schilde, was sie untrennbar miteinander verbindet, weil sich die Spitze dabei verbiegt. Die beiden Kämpfer haben dann die Möglichkeit, gemeinsam zu kämpfen oder das Ding weg­zuwer– «
» Was würdest du denn machen ? «, unterbrach ihn der Junge.
» Das ist mir bisher nur einmal passiert, und ich hab den Schild weggeworfen. Ein Schwert ohne den Schild zu führen hat durchaus seine Vorteile. Macht irgendwie den Kopf frei und verändert die ganze Art deines Kampf– «
» Was machen die Kämpfer, nachdem sie ihre Speere geworfen haben ? «, unterbrach ihn der Junge erneut.
Dug hätte ihn fast fallen lassen, aber er erinnerte sich daran, dass ihm seine Töchter sowohl bei seinen Geschichten als auch bei seinen zahlreichen Ratschlägen immer ins Wort gefallen waren. Er entschloss sich daher, in Erinnerung an seine Kleinen diesem unverschämten kleinen Scheißer mit Nachsicht zu be­­gegnen.
» Wenn alle Speere geworfen sind, springt der Kämpfer normalerweise vom Streitwagen und wirft sich in die Schlacht, mit Schwert, Hammer, Speer, egal was. Hier unten benutzen die meisten Leute Schwerter, große zweischneidige Eisenschwerter, mit denen sie ordentlich zuhauen. Die Römer haben kürzere Schwerter mit scharfen Spitzen, mit denen sie zust– «
» Hast du ein Schwert ? «
» Ich ? Nein. Ich hatte mal eins. Ich hatte mehrere, aber jetzt kämpfe ich nur noch mit dem Hammer. Also, der Kämpfer beginnt, die Leute zu töten, und versucht, selbst nicht getötet zu werden, und der Streitwagenfahrer lungert hinter ihm herum. Wenn der Fußsoldat müde oder verletzt wird, dann winkt er seinem Fahrer, und dann hauen sie gemeinsam ab. Sie essen dann ’ne Kleinigkeit, gehen pissen, vielleicht sogar kacken, trinken was Leckeres, und dann geht’s zurück in die Schlacht. So lässt es sich vernünftig kämpfen, aber nur, wenn man die nötigen Mittel hat. «
» Wieso haben sie diese riesigen Schwerter auf beiden Seiten rausstehen ? «
Dug hatte bisher versucht, die geschwungenen Klingen nicht zu beachten, die einen Schritt weit aus den Buckeln der schweren Streitwagenräder ragten. Er schauderte kurz, als eine Erinnerung vor seinem inneren Auge vorbeihuschte. » Wenn dein Feind flieht, dann verfolgst du ihn. Diese Klingen sind sehr scharf. Es gibt Leute, die laufen gerade noch munter vom Schlachtfeld, und dann fehlen ihnen plötzlich ab dem Knie die Beine. «
» Und diese anderen ? Die sind kleiner. «
» Leichte Streitwagen. Der Fahrer trägt keine oder nur leichte Rüstung, und er hat einen Mann mit einer Schleuder oder einen Bogenschützen bei sich. Keine Klingen, Danu sei’s gedankt, aber die sind immer noch gefährlich. Sie sind unglaublich schnell. Sie greifen aus großer Distanz – «
» Meine Mama hat gesagt, die mutigsten Kämpfer ziehen nackt in die Schlacht, um zu zeigen, wie mutig sie sind, denn sie brauchen ja noch nicht mal eine Rüstung. «
» Das passiert schon mal, aber es hat nichts mit Mut zu tun. Schlachten sind schon gefährlich genug. Man muss nicht nackt sein, um das zu verstehen. Oft liegt es daran, weil sie zu viel getrunken haben, oder es sind Männer, die angeben wollen ; meistens ist es eine Mischung aus beidem. Und wenn, dann sind es immer Männer. Frauen sind schlauer als wir. Niemand mag die Nackten. Die werden als Erste getötet. Oft von ihren eigenen Leuten. «
» Bist du schon mal nackt in die Schlacht gezogen ? «
» Nein, das bin ich nicht. Aber einmal hat uns eine ganze Truppe nackter Kerle angegriffen. Es war ziemlich kalt, und jemand sagte, ihre kleinen blauen Schwänze zeigten auf uns wie Mäuse, die aus haarigen Löchern starren. Sie waren noch ziemlich weit von uns entfernt, als eins unserer Mädels einem einen Schleuderstein in die Eier gejagt hat. Mann, hat der Geräusche von sich gegeben ! « Dug lachte leise. » Wir mussten so sehr lachen, wir hätten beinahe nicht kämpfen können. Das war am Linny Foith, einem breiten Wasserlauf oben im Norden, aber immer noch weit südlich von dem Ort, wo ich herkomme. Ich hatte mich gerade für ein Jahr in den Dienst von – «
» Bist du schon mal blau angemalt in die Schlacht gezogen ? «
» Nun, das habe ich getan, aber mir gefällt das nicht. Als ich bei den Murkanern war, habe ich an einer Schlacht teilgenommen, in der beide Seiten sich blau angemalt hatten, um sich gegenseitig einzuschüchtern. Wir haben uns alle wie Vollidioten gefühlt, und man konnte überhaupt nicht sagen, wer auf welcher Seite war. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich an dem Tag einen Freund umgebracht habe. Manchmal gerät man halt in Rage. Ich habe einfach nach allem gehackt, was ein bisschen blau war, und hab vergessen – «
» Wirst du mich töten, wenn Zadar angreift ? «
» Das werde ich nicht. «
» Wird Zadars Armee uns beide umbringen ? «
» Nein, nein. Sie können nichts ausrichten. Sie mögen zwar alle Krieger sein, aber das ist nur ein kleiner Teil seiner Armee, und wir sind ihnen zehn zu eins überlegen. Sie können uns wegen des Flusses nicht umgehen, und sie können uns nicht frontal angreifen – wir haben nämlich Speere und sie nur Reiterei. Wenn wir diese Schlachtreihe aufrechterhalten, dann haben wir keine Probleme. Wenn sie allerdings von ihren hohen Rössern runtersteigen, dann kriegen wir Schwierigkeiten, und wenn die Reihe durchbrochen wird, dann wird es richtig haarig. Wenn wir auf der anderen Seite des Flusses geblieben wären oder, noch besser, in der Wallburg … «
» Was dann ? «
» Beruhig dich. Alles wird gut. «
Der Vorbeimarsch ging weiter. Nach den Streitwagen kam die Reiterei, zuerst die schwere, dann die leichte. Die fünfzig Reiter direkt hinter Zadar waren ganz offensichtlich seine berühmten Elitekrieger, aber die mehreren Hundert schweren Reiter sahen auch nicht übel aus. Dug ging stillschweigend da­­von aus, dass sie vermutlich auch alle Krieger waren.
Das größte Interesse zeigte er an der leichten Reiterei, vor allem an einer Truppe. Ihnen zugewandt ritten sechs weibliche Bogenschützen mit langen Haaren und nackten Beinen. Die blonde Anführerin starrte auf die Schlachtreihe Bartons. Sie war die einzige Kriegerin in Zadars Armee, die ihren Kopf zur Seite gedreht hatte.
» Sind das Göttinnen ? «
» Ja, mein Junge, ich glaube, das sind sie. «
» Und die da ? «
» Musikanten. «
Als ob sie ihm beweisen wollten, dass er recht hatte, hoben die Männer der Nachhut von Zadars Armee Blechinstrumente an ihre Lippen und brachten ohrenbetäubende Misstöne hervor. Vor den Instrumentenöffnungen waren hölzerne Klappen angebracht, die dem Lärm das Summen eines wütenden Bienenschwarms hinzufügten.
» Ich habe zwar Musikanten gesagt, aber das ist keine Musik ! « Dug lachte leise.
Die Männer und Frauen von Bartons Schlachtordnung sahen einander an, dann blickten sie wieder zu den Hornbläsern. Für die meisten von ihnen war dies das lauteste Geräusch, das sie je gehört hatten, von einem Donner mal abgesehen.
Die Beine des Jungen schlossen sich enger um Dugs Hals.
» Hab keine Angst, das ist nur Krach ! «, brüllte Dug, um den lauter werdenden Lärm zu übertönen, und auch um die anderen Männer in seiner Nähe zu beruhigen. » Alles wird gut. Kannst du deine Beine mal lockermachen ? «
Zadars Armee war nun vollständig zu sehen und reihte sich auf derselben Länge auf wie die Schlachtreihe von Barton. Das ist wohl kaum ein Zufall, dachte Dug. Reiterei und Streitwagen drehten sich gleichzeitig zu ihnen um. Die Bläser wurden noch lauter. Mylors zusammengebastelte Möchtegernarmee wich einen Schritt zurück. Der Lärm erstarb.
Eine Lücke öffnete sich inmitten der Schlachtreihe Maiduns, und ein einzelner Streitwagen holperte in Richtung Barton. Er wurde nicht von Pferden, sondern von zwei nackten, blutverschmierten Männern gezogen. Man hatte sie mit Lederriemen an den Wagen geschirrt. Die Riemen waren an dicken Eisen­bolzen befestigt, die man durch ihre Schultern getrieben hatte. Im Streitwagen stand eine junge Frau mit großen, wackelnden, nackten Brüsten, die die Männer voranpeitschte.
Ein Murmeln verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch Bartons Reihen. Jemand sagte, dass einer der Männer vor diesem grausigen Streitwagen Kris Sheeplord sei, König von Boddingham. Der andere war der Bote, den Elliax Zadar geschickt hatte, um ihm den Plan mit dem Vorbeimarsch zu erklären.
Der König von Boddingham stürzte und riss den Boten mit sich.
» Heilige Dachsklöten «, sagte Dug. » Das gefällt mir aber ganz und gar nicht. «

Angus Watson

Über Angus Watson

Biographie

Angus Watson ist freischaffender Autor und Journalist. Er hat zahllose Artikel für viele renommierte Zeitschriften geschrieben. Für den Telegraph hat er nach Bigfoot gesucht, für die Financial Times ist er nach Schiffswracks in der Schottischen Scapa Flow getaucht und für die Times ging er auf den...

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