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Agathas Auftrag

Roman

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Agathas Auftrag — Inhalt

Januar 1927. Die berühmte Krimiautorin Agatha Christie begibt sich auf eine Schifffahrt nach Teneriffa – scheinbar, um sich von dem Skandal um ihr geheimnisvolles Verschwinden zu erholen. Was niemand weiß: Sie reist im Auftrag der Krone und soll den Mord an einem Geheimagenten aufklären. Doch bereits auf dem Schiff wird Agatha Zeugin eines weiteren Todesfalls. Es dauert nicht lange, bis der Queen of Crime klar wird, dass zwischen beiden Ereignissen ein Zusammenhang besteht, und bald kommt sie einigen dunklen Geheimnissen auf die Spur. Die größte Krimiautorin aller Zeiten sieht sich mit dem schwierigsten Rätsel ihrer Karriere konfrontiert, denn nichts ist, wie es scheint, und das Böse hat viele Gesichter …

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 04.09.2018
Übersetzt von: Frauke Brodd
432 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-86612-458-5
€ 16,99 [D], € 16,99 [A]
Erschienen am 04.09.2018
Übersetzt von: Frauke Brodd
432 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99163-6

Leseprobe zu »Agathas Auftrag«

1

Während der Schiffsrumpf sich hob und senkte, blickte ich stoisch aus dem Bullauge auf der Suche nach dem Streifen am Horizont, doch die Linie war verhüllt durch den schmutzigen Placken einer schwarzen Sturmwolke. Ich streckte mich und trank einen Schluck Wasser, womit ich nicht nur die Übelkeit zurückdrängen, sondern auch die misslichen Erinnerungen an unerquickliche Wochen auf See fortspülen wollte.

Vielleicht würde mir ein bisschen frische Luft guttun, dachte ich und schwang meine Beine über die Bettkante. Ich warf mir im Spiegel einen prüfenden [...]

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1

Während der Schiffsrumpf sich hob und senkte, blickte ich stoisch aus dem Bullauge auf der Suche nach dem Streifen am Horizont, doch die Linie war verhüllt durch den schmutzigen Placken einer schwarzen Sturmwolke. Ich streckte mich und trank einen Schluck Wasser, womit ich nicht nur die Übelkeit zurückdrängen, sondern auch die misslichen Erinnerungen an unerquickliche Wochen auf See fortspülen wollte.

Vielleicht würde mir ein bisschen frische Luft guttun, dachte ich und schwang meine Beine über die Bettkante. Ich warf mir im Spiegel einen prüfenden Blick zu, richtete meine Frisur und zog mir schnell etwas über. Dann griff ich, da ich wusste, dass es an Deck kalt sein würde, nach dem Tuch mit Paisleymuster, das mir meine Freundin Flora Kurs geschenkt hatte, und legte es mir um die Schultern.

Ich lauschte an der Verbindungstür zu der Kabine, in der Rosalind und Charlotte Fisher schliefen. Alles war ruhig, und ich beschloss, die beiden nicht zu stören. Von früheren Reisen wusste ich, dass es in Erwartung einer rauen Überfahrt das Beste war, wenn meine Tochter und meine Sekretärin die Möglichkeit nutzten, durchzuschlafen.

Mit einer Hand an der Wand, um Halt zu finden, tastete ich mich den Flur entlang. O bitte, lass diese Reise nicht zu einem zweiten Madeira werden. Zu Beginn der Empire Tour, einer gemeinsamen Weltreise mit Archie, hatte ich unter derart abscheulicher Seekrankheit gelitten, dass ich irgendwann dachte, ich sei dem Tode geweiht. Tatsächlich hatte damals eine mitreisende Lady, die durch die offene Kabinentür einen Blick auf mich erhaschte, die Stewardess gefragt, ob ich nicht bereits verschieden sei.

Heute konnte ich weiß Gott darüber lachen, doch seinerzeit fand ich diese Bemerkung kein bisschen amüsant. Vier volle Tage hatte ich in der Kabine verbracht und wie ein kranker Hund alles wieder ausgespuckt, was ich zu mir genommen hatte. Keiner der altbekannten Tricks gegen Seekrankheit brachte Linderung. Schließlich verabreichte mir der Schiffsarzt flüssiges Chloroform, wie er es nannte, und nach vierundzwanzig Stunden ohne Nahrung flößte Archie mir direkt aus einem Topf Rinderessenz ein. Welch ein wunderbarer Genuss! Ich wusste, mein Ehemann verabscheute jegliche Form von Krankheit, und der Anblick, wie er mir einen Löffel dieser dunklen, seimigen Flüssigkeit darbot, brachte mich dazu, ihn umso mehr zu lieben.

Mit dieser Liebe war es nun für immer vorbei, jedenfalls von seiner Seite aus. Die Krise gegen Ende des vergangenen Jahres hatte schlussendlich den letzten Funken Leben in unserer Ehe gelöscht. Archie war wieder nach Styles gezogen, in der Absicht, das Haus zu verkaufen, während die neue Frau in seinem Leben, Nancy Neele, das Land verlassen hatte. Ihre Eltern wollten nicht, dass sie in den Skandal, den ich mit meinem Verschwinden provoziert hatte, verwickelt wird, und hatten sie fortgeschickt, in ein vorübergehendes Exil. Allerdings war mir zu Ohren gekommen, dass Archie und sie für die Zeit nach ihrer Rückkehr Hochzeitspläne schmiedeten. Das Wort Scheidung klang so brutal, so hässlich, und obwohl mir der Gedanke daran überhaupt nicht gefiel – vor allem das damit verbundene Stigma und die Schande –, so war mir bewusst, dass ich dies wohl würde ertragen müssen.

Die Scheidung ist so unumgänglich wie diese gewaltige Kraft des Meeres, dachte ich, als ich an Deck kam. Der Wind war dabei, das Wasser aufzupeitschen und seine Oberfläche in blinde Raserei zu versetzen. Die feine Gischt hinterließ feuchte Spuren auf meinem Gesicht, und als ich mit der Zunge über die Lippen fuhr, schmeckte ich Salz. Nach unserem Ablegen in Southampton waren wir durch den Ärmelkanal gesegelt, mit dem Ziel Portugal. Wiewohl ich bei unserem Eintreffen im Golf von Biskaya mit mal de mer gerechnet hatte, war die See dort ruhig wie ein Ententeich gewesen. Erst nach dem Verlassen von Lissabon und der Weiterfahrt gen Süden waren wir in schlechtes Wetter geraten.

Auf meinem Weg über Deck hielt ich mich an der Reling fest und richtete den Blick erneut angestrengt in die Ferne. Irgendwo da draußen lag mein Ziel: Teneriffa, eine der Kanarischen Inseln. John Davison, ich bin ihm Ende letzten Jahres zum ersten Mal begegnet, hatte mich zu guter Letzt doch überredet, ihn bei Ermittlungen zum Mord an einem seiner Agenten zu unterstützen, ein ziemlich junger Bursche namens Douglas Greene. Ich hatte versucht, seiner Bitte um Zusammenarbeit mit dem britischen Auslandsgeheimdienst zu widerstehen – um genau zu sein, hielt ich das Ganze anfangs für einen dummen Scherz –, aber nach dem Ableben von Flora Kurs und Davisons Freundin Una Crowe fühlte ich mich moralisch zur Hilfe verpflichtet. Keine der beiden Frauen wäre gestorben, wenn es mich nicht gäbe. Wie konnte ich da Nein sagen?

Und dann war an der Situation rund um Greenes Ermordung doch so einiges höchst eigenartig: Davison hatte mir erzählt, dass der teilweise mumifizierte Leichnam des Agenten in einer Höhle auf der Insel entdeckt worden war. Auf den ersten Blick schien es, als wäre Greenes Leiche voller Blut, doch bei näherer Betrachtung wurde deutlich, dass sein Körper mit einer glänzenden roten Flüssigkeit, genauer dem Saft des Kanarischen Drachenbaums, einem heimischen Gewächs Teneriffas, überzogen war. Eigenartigerweise war das gesamte körpereigene Blut abgelassen worden, doch in der Höhle gab es weder auf dem trockenen Boden unter ihm noch an Stellen in der Nähe eine Spur davon.

Als Davison mir davon berichtete, konnte ich es kaum glauben. Aber ich wusste, vielleicht besser als die meisten Menschen, dass das Böse in dieser Welt tatsächlich existiert. Die Art und Weise, wie einige über Verbrechen redeten, verwunderte mich immer wieder – als könnte man angesichts eines sadistischen Mordes oder eines brutalen sexuellen Übergriffs die Schuld einer entsetzlich unglücklichen Kindheit oder einer bestimmten Herkunft zuschreiben. Nein, ich war davon überzeugt, dass manche als schlechte Menschen geboren und nicht etwa dazu gemacht wurden. Diejenigen, die nicht meiner Überzeugung waren, hielt ich, so leid es mir tat, für nichts weiter als bornierte Idealisten, die den grausamen Wirklichkeiten der menschlichen Natur nicht ins Auge sehen konnten. Ich hatte dem Bösen ins Gesicht gestarrt, in Gestalt von Dr. Kurs, und diesen Anblick werde ich niemals vergessen; die Schlechtigkeit, die von ihm ausging, war buchstäblich zu riechen, im Gestank seines metallischen Atems. Sein Plan, mich zu einem Mord zu bewegen, für den mein Verschwinden, das Fortgehen von meiner Familie und meinen Freunden und das Abtauchen aus der Öffentlichkeit, unabdinglich war, hatte mich an den Rand äußerster Verstörtheit und Verzweiflung gebracht. Ich bezweifelte, jemals wieder dieselbe zu sein. Und in der Tat wurde ich in meinen Träumen immer noch geplagt von den grauenvollen Ereignissen in jenen elf Tagen im Dezember des vergangenen Jahres. Sobald ich die Augen schloss, sah ich die Gesichter von Una Crowe, diesem armen jungen Mädchen, das wild entschlossen gewesen war, meiner Spur zu folgen, und von Flora Kurs, der unglückseligen Ehefrau meines Folterers, die sich für mich geopfert hatte.

Ich blickte erneut hinaus aufs Meer und beobachtete, wie sich der Himmel in der Ferne verdunkelte. Während meiner Kindheit in Devon habe ich Stunden damit zugebracht, dem Spiel der Gezeiten in Torquay zuzusehen, wie sich die Farben von Meer und Himmel veränderten und sich die Wolken auf der Wasseroberfläche spiegelten. Dann stellte ich mir vor, was wohl hinter dem Horizont lag, weit verstreute Länder mit exotischem Klima und fremden Menschen, und ich versuchte, mir meine Zukunft auszumalen. Ich glaube nicht, dass ich jemals davon träumte, Schriftstellerin zu werden, geschweige denn von der Zusammenarbeit mit einer Regierungsbehörde. Irgendwie kam mir das alles sehr absonderlich vor, und dennoch war es wahr.

Davison hatte mir gesagt – wie hatte er sich noch ausgedrückt? –, ich hätte einen erstklassigen Verstand oder etwas ähnlich Unsinniges. Ich vermutete, es ging eher darum, dass in der Abteilung, für die er arbeitete, ein erheblicher Mangel an Frauen vorherrschte. Und bestimmt würde niemand eine sich gesellschaftlich etwas ungeschickt verhaltende, mittelalte Lady für verdächtig halten? Ich könnte mich frei bewegen, als wäre ich unsichtbar, ich könnte Fragen stellen und mir Vertraulichkeiten anhören. Ich könnte einfach als ein zusätzliches Augen- und Ohrenpaar dienen. Vor Antritt der Reise hatte Davison betont, ich dürfe mich niemals in eine gefährliche Situation begeben. Die Ermordung seiner Freundin Una lastete immer noch schwer auf ihm. Diesmal wollte er kein Risiko eingehen, also hatte er darauf bestanden, mich auf der Reise nach Teneriffa zu begleiten. Allerdings würde Davison sowohl während der Passage auf der SS Gelria – das Schiff, das uns von Southampton nach Las Palmas bringen würde, bevor es seine Reise fortsetzte – als auch auf der Insel Teneriffa unter falschem Namen reisen: als Mr Alexander Blake. Es sei einfacher und unkomplizierter, wenn wir so täten, als begegneten wir uns auf dem Schiff zum allerersten Mal.

Ich hatte beabsichtigt, meine Tochter Rosalind in der Obhut meiner Schwester auf Abney Hall, das in einem Vorort von Manchester lag, zurückzulassen, doch als ich ihr gegenüber erwähnte, ich müsse vielleicht noch einmal verreisen, quälte diese Vorstellung sie fürchterlich. Mit siebeneinhalb Jahren war sie alt genug, um manchen Verdruss in der Erwachsenenwelt zu begreifen, und fraglos brachte der Gedanke an meine Abwesenheit die Schrecken des letzten Jahres zurück: den Anblick uniformierter Polizisten, die angespannte Stimmung zu Hause, die ängstlichen Gesichter der Dienstboten, die Sorge, sie könnte vielleicht einen Blick auf das Titelblatt einer Zeitung erhaschen oder die schaurigen Sprüche eines Zeitungsjungen hören. Außerdem, so denke ich, hat sie mir nie verziehen, dass ich sie für unsere Weltreise im Jahr 1922 fast ein ganzes Jahr lang weggegeben hatte. Und deshalb hatte ich widerwillig zugestimmt, dass meine Tochter mich auf die Kanaren begleiten dürfe. Carlo, so nannte Rosalind meine Sekretärin Charlotte, würde sich um sie kümmern, und ich würde dafür sorgen, dass sie keinen Schaden nahm. Ich hatte einige Zeit gebraucht, um die Familie und die jammernden Ärzte davon zu überzeugen, dass ein Urlaub mir guttun würde – sie sorgten sich wegen der Reiseanstrengungen, des Wassers, des ungewohnten Essens –, aber schließlich gaben sie nach. Einige Wochen in einem milden Klima würden meine Nerven beruhigen und meine Lebensgeister erfrischen.

Genau da zwang mich ein eisiger Windstoß, das Tuch fester um meine Schultern zu ziehen. Die frische Luft hatte mir gutgetan, aber die Kälte wurde mir zu viel. Ich wollte mich gerade auf den Rückweg in die Kabine machen, als ich etwas hörte, das ich zuerst für den schrillen Schrei einer Seemöwe hielt. Ich blieb stehen und klammerte mich an die Reling. Der hohe Ton durchschnitt noch einmal die Nacht, und jetzt war es unverkennbar der Schrei einer Frau, der vom Heck des Schiffes zu kommen schien. Ich rannte vom Vorderdeck über das menschenleere Schiff Richtung Heck und sah mich dabei nach Unterstützern um, aber es war niemand zu sehen. Beim Rennen hörte ich nur noch meinen eigenen Atem – schnell, flach und voller Panik –, und als ich mein Ziel erreicht hatte, waren die Schreie verstummt. Stattdessen sah ich eine korpulente dunkelhaarige Frau, die ganz am Ende des Hecks stand und aufs Meer hinausstarrte. Nicht weit von ihr entfernt befand sich eine andere Frau, eine magere Blondine, die, als sie mich entdeckte, zaghaft einen Schritt auf ihre Begleitung zuging.

»Nein, Gina, tu’s nicht«, sagte die blonde Frau und streckte eine Hand aus. »Ich weiß, du hasst mich, wahrscheinlich hasst du uns beide, aber das ist es wirklich nicht wert, wir sind es nicht wert.«

Als Reaktion darauf kletterte die Brünette über die Reling auf eine schmale, das Heck umlaufende Außenkante und hielt sich mit beiden Armen an der hölzernen Balustrade fest.

»Bitte, nein!«, rief ich in den Wind, unsicher, ob die Frau meine Worte überhaupt hören konnte. »Wie heißen Sie?«

Ich wandte mich an ihre Freundin, die schöne Blondine, deren Gesicht tränenüberströmt war. »Gina, sagten Sie? Sie heißt Gina?«

»Ja, Gina, ganz recht«, schluchzte sie. »Sie hat es irgendwie als blinder Passagier auf das Schiff geschafft. In England wird sie vermisst, niemand wusste, dass sie hier war. Sie hat herausgefunden, nun ja, dass ihr Ehemann Guy …«

Den Rest hörte ich nicht, weil in diesem Augenblick ein heftiger Windstoß vom Meer heraufkam und mich zwang, einen Schritt zurückzuweichen. Dicke Regentropfen stürzten aus dem immer dunkler werdenden Himmel.

»Haben Sie versucht, Hilfe zu holen?«, rief ich. »Entschuldigen Sie, wer sind Sie?«

»Miss Hart. Nein, ich bin früh aufgestanden, um an Deck spazieren zu gehen. Ich bin zufällig auf sie gestoßen, und da sonst niemand hier oben war, habe ich einfach geschrien. Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte.«

»Stehen Sie ihr nahe?«

»Ja – früher einmal. Aber ich bin mir sicher, dass sie mich jetzt hasst. Wissen Sie, Guy, also Mr Trevelyan und ich, also …«

So langsam dämmerte mir, in welch heiklem Verhältnis die Damen zueinanderstanden. Guy hatte es offensichtlich hinter dem Rücken seiner Frau mit Miss Hart getrieben. Genau wie Archie mich mit Miss Neele betrogen hatte.

Ich wandte mich von Miss Hart ab, in dem Versuch, meine Verachtung zu kaschieren.

»Gina, hören Sie mir zu«, sagte ich und ging langsam auf sie zu. »Morgen wird alles ganz anders aussehen, das kann ich Ihnen versichern. Auch ich befand mich bereits in dieser Situation, und einmal dachte ich sogar daran, etwas – nun ja, etwas Dummes zu tun. Aber es ist erstaunlich, was die Zeit und ein anderer Blickwinkel bewirken können. Natürlich haben Sie das Gefühl, dass alles keinen Wert mehr hat, aber das stimmt nicht. Da gibt es sicherlich noch viele andere Dinge, für die es sich zu leben lohnt. Gewiss haben Sie Freunde, Familie, eine Lieblingstante oder Großmutter, ein Haustier, das Sie liebt.« Ich dachte daran, wie sich der weiche Kopf meines lieben Hundes Peter anfühlte, und an den köstlichen, grauenhaften Gestank seines Atems. »Ihr Leben ist kostbar. Vielleicht haben Sie in diesem Moment den Glauben daran verloren, aber Sie werden sehen, es stimmt, vor allem für die Menschen, die Ihnen nahestehen.«

Gina schien sich gerade umdrehen und mich ansehen und vielleicht sogar zurück über die Reling klettern zu wollen, als ich hinter mir Miss Hart erneut schreien hörte. Diesmal klang ihr Schrei tief und kehlig, geradezu primitiv.

»Gina! Nein! Bitte nicht!«, rief sie und machte einen Satz nach vorne in Ginas Richtung. »Nicht jetzt. Nicht nach alldem!«

»Miss Hart, nein!«, zischte ich. »Ich bitte Sie, bleiben Sie stehen!«

Ich versuchte Gina aufzuhalten, bemühte mich, sie zu beruhigen, aber es ging alles so schnell. Sie hob die Arme und stand einen Augenblick lang ganz still, bevor sie kaum wahrnehmbar anfing zu schwanken, als hätte sie ihren Körper der Macht des Windes übergeben. Und dann hob und senkte sie ihre Arme wie eine übergewichtige Ballerina, die gleich losfliegen wollte, sie hob sie hoch über den Kopf und ließ sie anschließend seitlich herabsinken. In dem Moment, als Miss Hart panisch nach vorne stob, mit einer Verzweiflung im Blick, die mich an ein Tier im Schlachthaus erinnerte, hob Gina ihre Arme einmal mehr und sprang mit einem eleganten Schritt ins Nichts. Als ich auf sie zurannte, wusste ich, dass es kaum mehr etwas brachte, es war bereits zu spät. Aber etwas in mir – etwas, das meines Erachtens in allen Menschen lebendig ist, die sich für anständig und gut halten – trieb mich an, wenigstens einen Versuch zu unternehmen, sie noch zu erwischen. Instinktiv streckte ich meine Hände aus, aber da war nichts mehr zum Festhalten, nur Dunst und Regen und Wind, Gischt einer wütenden See und ein sich verdunkelnder Himmel. Ich reckte den Hals, um über die Reling zu schauen, aber von Gina gab es keine Spur. Sie musste ins Kielwasser des Schiffes gezogen worden sein.

»Wir müssen sie retten«, rief ich, erhielt aber keine Antwort. Ich drehte mich um und sah Miss Hart reglos dastehen, ohne einen Funken Lebenskraft. »Miss Hart. Schnell. Holen Sie Hilfe! Rufen Sie einen Offizier!«

»Ja, natürlich, Sie haben recht.« Allmählich war sie wieder bei Sinnen. »Ja, einen Versuch ist es wert.«

Als sie über Deck losrannte, hoffte ich indessen weiterhin, im Wasser hinter uns ein Lebenszeichen von Gina zu erhaschen. Ich rief ihren Namen, obwohl ich genau wusste, dass das erbitterte Getöse des Windes und der See meine schwache Stimme überlagerte. Ich war bis auf die Knochen durchnässt, und meine Augen waren voller Wasser, eine Mischung aus Regentropfen und Tränen. Ich stellte mir das arme Mädchen da unten vor, wie sie nach Luft schnappte, während ihre Lungen sich mit Salzwasser füllten.

Eine Erinnerung von vor vielen Jahren kehrte zurück, als ich in der Ladies’ Bathing Cove, einem Strandabschnitt für Damen in Torquay, mit meinem Neffen Jack zum Schwimmen gegangen war. Ich schwamm mit dem kleinen Jungen auf meinem Rücken los – er war noch nicht alt genug, um sich lange genug selbst über Wasser halten zu können –, hin zu dem Floß, das in der Bucht verankert war. Während meiner Schwimmzüge stellte ich fest, dass sich eine seltsame Dünung aufbaute und ich mit Jacks Gewicht auf dem Rücken ganz schön viel Wasser zu schlucken begann. Ich spürte, wie ich unterzugehen drohte, und trug Jack auf, selbstständig zum Floß zu schwimmen. Als ich das Bewusstsein verlor, hatte ich weder eine Das-Leben-zieht-vor-den-eigenen-Augen-vorbei-Erfahrung, noch hörte ich die Klänge von Streichinstrumenten oder beruhigende klassische Musik. Da war einzig ein Gefühl von schrecklicher Leere, von völliger Dunkelheit. Und ehe ich michs versah, wurde ich in ein Boot gezogen – das auch den kleinen Jack gerettet hatte –, und dann legte mich am Ufer ein Mann auf den Sandstrand und begann das Wasser aus mir herauszupressen.

Dieses Glück würde Gina nicht zuteilwerden, da war ich mir sicher. Aber wir mussten es versuchen. Wo blieb diese Frau nur? Warum schaffte sie es nicht, Hilfe zu holen? In diesem Augenblick sah ich Miss Hart im Laufschritt auf mich zukommen, in Begleitung eines Mannes in einer schicken blauen Uniform, der sich als Erster Offizier William McMaster vorstellte.

»Bitte, hier drüben«, sagte ich. »Eine Frau ist gerade über Bord gegangen. Können Sie das Schiff anhalten?«

Der Offizier lehnte sich über das Heck und ließ seinen fachmännischen Blick über die Wasseroberfläche gleiten. Als er sich zu uns umdrehte, verriet seine düstere Miene alles.

»Ja, das werden wir natürlich«, antwortete McMaster. »Ich werde dem Kapitän umgehend berichten, doch leider besteht wenig Anlass zur Hoffnung. Sie wurde vermutlich tief in den Ozean hinabgezogen. Selbst ein Olympiaschwimmer wäre nicht in der Lage, dies zu überleben, so leid es mir tut.«

»Ich verstehe.« Angesichts seiner pessimistischen Einstellung sträubte sich alles in mir. »Aber wir müssen alles tun, um sicherzugehen.«

»Natürlich. Und wenn Sie jetzt bitte nach drinnen gehen würden. Wir rechnen in den nächsten paar Stunden mit sehr schlechtem Wetter und werden daher die Türen, die an Deck führen, verschließen.«

»Und wenn das arme Mädchen nicht überlebt hat«, fragte ich, »wie stehen die Chancen, ihren Leichnam zu bergen? Ihr ein anständiges Begräbnis zu ermöglichen, erscheint mir nur recht und billig.«

Miss Hart stieß einen stummen Schrei aus und ließ den Kopf hängen, während sie sich bemühte, einen Schluchzer zu unterdrücken.

»Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um sie zu finden. Aber ich befürchte, dass das Wetter und die See unsere Feinde sind. Wir dürfen nicht länger warten. Bitte folgen Sie mir.«

Wir trotteten hinter McMaster her wie zwei Trauergäste nach einer Beerdigung an einem verregneten Nachmittag, mit hängenden Köpfen und in gedrückter Stimmung.

»Bevor ich mich zum Kapitän aufmache, würden Sie mir bitte Ihre Namen nennen?«, fragte der Offizier und holte ein kleines Notizbuch aus der Innentasche seiner Jacke.

»Mrs Agatha … Christie«, sagte ich etwas zögerlich. Ich berührte meinen Ehering und fragte mich, ob ich Archies Namen für den Rest meines Lebens tragen würde.

Der Offizier hob erstaunt eine Augenbraue. Vielleicht hatte er eines meiner Bücher oder – was wahrscheinlicher war – in einer Zeitung etwas im Zusammenhang mit dem Skandal um mein Verschwinden im vorigen Jahr gelesen. Würde ich jemals frei davon sein?

Nachdem er meinen Namen notiert hatte, wandte er sich an die schöne Blondine neben mir.

»Ich bin Miss Helen Hart.«

Der Name kam mir bekannt vor.

»Vielen Dank! Sicherlich wird der Kapitän Sie zu einem späteren Zeitpunkt noch sprechen wollen. Und ich halte Sie auf dem Laufenden, sollte uns etwas ins Auge stechen, egal was.«

»Ich danke Ihnen«, sagte ich zu dem Offizier.

»Wie furchtbar«, fuhr ich an Miss Hart gewandt fort. »Eine so schreckliche Sache mit anzusehen. Sie müssen entsetzlich aufgewühlt sein. Stand Ihre Freundin schon lange dort?«

»Ich bin mir nicht sicher«, antwortete Miss Hart und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ich bin vollkommen durchnässt, Sie nicht auch?«

»Ja«, sagte ich, richtete den Blick nach unten und sah, wie sich um unsere Füße herum auf dem Teppich eine Wasserlache bildete. »Ich schlage vor, wir wechseln unsere Kleidung, und danach treffen wir uns in der Bibliothek und reden dort weiter. Ich bezweifle, dass sich um diese Uhrzeit irgendjemand dort aufhält.«

Nachdem wir ein Treffen in einer halben Stunde vereinbart hatten, kehrte ich in meine Kabine zurück. Carlo und Rosalind schliefen noch. Ich ließ ein heißes Bad ein und wusch mich. Mein Haar trocknete ich mit einem Handtuch, dann bürstete ich es, dennoch sah es aus wie das von einer Vogelscheuche. Ich würde es unter einem Hut verstecken müssen. Gerade als ich dabei war, mich anzuziehen, stürmte Rosalind aus der benachbarten Kabine in meine, wild entschlossen, mir von ihrem letzten Traum zu erzählen.

»Ich habe Teddy Blau verloren, Mummy, ich konnte ihn nirgends mehr finden. Es war schrecklich.«

»Wie verstörend für dich, Liebes. Aber es war nur ein Traum.« Ich strich ihr übers Haar.

»Ich weiß. Gott sei Dank! Ich könnte es nicht ertragen, ihn zu verlieren. Was würde er denn nur ohne mich tun?«

Sie schwieg kurz und sah mich an, als sähe sie mich zum allerersten Mal. »Was hast denn du für Träume, Mummy? Machen sie dich traurig?«

»Manchmal«, gab ich zu, denn ich erinnerte mich an einige der entsetzlichen Visionen, die mir neuerdings den Schlaf raubten und oft darin gipfelten, dass ich mich in kaltem Schweiß gebadet im Bett aufsetzen musste. »Aber dann ermahne ich mich selbst, nicht so dumm zu sein, denn es ist nur eine Traumwelt.«

»Träume sind seltsam, nicht wahr?«

»Allerdings«, sagte ich lächelnd. »Oh, sieh mal, da kommt Carlo.«

»Guten Morgen«, sagte Carlo. »Ich bin von dem Gefühl aufgewacht, dass das Schiff langsamer wird. Haben Sie das auch gespürt? Eigentlich …«

Sie unterbrach den Satz und trat an das Bullauge, das voller Gischt war. »Ja, ganz sicher, das Schiff ist mittlerweile zum Stillstand gekommen. Seht her – wir bewegen uns nicht mehr vorwärts. Und dazu noch dieses grauenhafte Wetter.«

Ich ging in die Knie und küsste Rosalind. »Liebes, sieh doch mal nach, ob es Teddy Blau gut geht, ja? Ich komme gleich und helfe dir beim Anziehen.«

Ich zog die Verbindungstür zu und berichtete Carlo von dem morgendlichen Vorfall.

»Wie furchtbar«, sagte sie. »Und wie furchtbar, dass Sie dabei waren und alles mit angesehen haben. Sind Sie sicher, dass Sie nicht Ruhe brauchen? Sie wissen, was die Ärzte gesagt haben.«

»Nein, wenn ich mich jetzt hinlege, werde ich mit aller Wahrscheinlichkeit wieder seekrank. Deshalb bin ich ja so früh aufgestanden, ich wollte frische Luft schnappen.«

Carlo wirkte nachdenklich und sehr ernst, bevor sie weitersprach: »Sie wurde wohl von großer Verzweiflung getrieben.«

»Ja, so muss es wohl gewesen sein.«

»Und wie es scheint, hat diese andere Frau, Miss Hart, eine Affäre mit dem Ehemann der armen Lady?«

»Ja.«

»Das kommt einem bekannt vor.«

»In der Tat«, ich blickte auf die Uhr, »und tatsächlich muss ich jetzt los zu meiner Unterhaltung mit Miss Hart.«

»Sind wir ihm an Bord schon begegnet – dem Ehemann? Wie, sagten Sie, war sein Name?«

»Guy Trevelyan. Und nein, ich glaube nicht.«

»Vielleicht gehörte er zu der schwelgerischen Truppe, die uns gestern Abend auf der anderen Seite des Speisesaals aufgefallen ist. Die nach dem Essen so viel Lärm gemacht hat.«

Ich dachte an die letzte Nacht zurück. Als ein markerschütterndes Gelächter die Luft zerriss, hatte ich meiner Erinnerung nach einer Gruppe junger Leute, die sich am anderen Ende des Speisesaals in Hochstimmung befanden, einen missbilligenden Blick zugeworfen. Mussten sie denn wirklich so laut sein? Vielleicht lag es an meiner Verbitterung oder meinem mittleren Alter oder meinen eigenen besonderen Lebensumständen – warum auch immer ich seit Jahren nicht mehr so gelacht hatte –, jedenfalls hatte ich ziemlich abschätzig dort hinübergestarrt und war dabei dem amüsierten Blick eines gut aussehenden dunkelhaarigen Mannes begegnet, der neben einer eleganten Blondine saß, von der ich jetzt wusste, dass sie Miss Hart hieß.

Als ich die Tür zur Bibliothek öffnete, stand Helen Hart mit dem Rücken zu mir weiter hinten im Raum vor den Regalen.

»Ich muss schon sagen, die Zusammenstellung der Bücher ist doch sehr dürftig. Nicht, dass ich etwas davon lesen würde, wenn es mehr Auswahl gäbe. Schon begutachtet?«

»Nein, es tut mir leid …«

»Oh, entschuldigen Sie bitte, ich habe Sie nicht hereinkommen hören«, sagte sie. »Ich sprach mit Mr Trevelyan.«

Aus einem der grünen ledernen Armsessel erhob sich ein großer Mann mit markanten Gesichtszügen. Als er auf mich zukam, fiel mir auf, dass das amüsierte Glitzern von gestern Abend in seinen Augen erloschen war; sein Auftreten war jetzt ernst und melancholisch.

»Guy, das ist Mrs Christie, die Lady, von der ich dir erzählt habe«, sagte Helen. »Sie hat versucht, mir zu helfen, mit …«

»Ich bin Ihnen so dankbar für alles, was Sie getan haben, wirklich dankbar«, sagte er. »Was für eine entsetzliche Geschichte!«

»Es tut mir so leid, dass ich nicht mehr tun konnte«, sagte ich zu Mr Trevelyan. »Haben Sie mit Mr McMaster gesprochen?«

»Ja, er kam vor einer kleinen Weile in meine Kabine. Ich fürchte, es gibt keine Spur von ihr, keine wie auch immer geartete Spur«, sagte er. »Der Kapitän wird das Schiff für die nächsten paar Stunden hier an Ort und Stelle halten, um vollkommen sicherzugehen, aber ich vermute mal, man tut das eher aus Respekt als aus irgendwelchen anderen Gründen.« Sein attraktives Gesicht, das mich vergangene Nacht geradezu geblendet hatte, wirkte jetzt etwas ermattet, und unter seinen Augen lagen tiefe Schatten. »Arme Gina. Wenn nur …«

»Du darfst dir nicht weiterhin die Schuld geben, Guy«, sagte Helen. »Ja, ich weiß, nun ja, wir haben uns kaum wie Heilige benommen, aber Gina war schon immer ein bisschen unausgeglichen, oder etwa nicht?«

»Wie meinen Sie das?«, fragte ich leise.

»Bitte, Helen, lass uns jetzt nicht davon anfangen«, sagte Guy. »Ich habe einfach nur das Gefühl, dass wir die arme Frau in den Tod getrieben haben.« Seine dunklen Augen füllten sich mit Tränen, und er biss in die Knöchel seiner geballten Faust, um nicht gänzlich die Fassung zu verlieren.

»Liebling, du weißt, das trifft es nicht genau«, widersprach Helen und legte ihm tröstend eine Hand auf die Schulter. Bei dieser Handbewegung fielen mir ihre großen, kräftigen Hände auf. Die kurzen Nägel waren nicht lackiert, und rund um die Nagelhaut befand sich eine dunkle Substanz, die wie tief in die Haut gegrabener Dreck aussah.

Da endlich fiel mir ein, woher ich ihren Namen kannte: Ich hatte in einer Londoner Galerie eine Ausstellung ihrer Skulpturen besucht – merkwürdige, primitive Figuren, nackte Torso-Fragmente und dergleichen mehr. Ich erinnerte mich, von der Bildersprache einiger Stücke sichtlich schockiert gewesen zu sein – es waren durchaus kraftvolle Arbeiten –, doch es ließ sich nicht leugnen, dass Miss Hart die Begabung hatte, die tiefsten Verzweigungen der menschlichen Psyche für ihre Arbeiten auszuloten. Und ich erinnerte mich daran, dass ich in dieser Galerie mehr als nur ein bisschen neidisch auf ihr Talent war. Es gab mal einen Zeitpunkt, an dem ich die sehr dumme Idee gehabt hatte, ebenfalls Bildhauerin zu werden. Ich hatte sogar Unterricht genommen, bis ich mich gezwungen sah zuzugeben, dass es hoffnungslos war.

»Ich bin eine große Bewunderin Ihrer Arbeit, Miss Hart«, sagte ich in dem Versuch, die Stimmung etwas zu heben.

»Tatsächlich?« Ihre blauen Augen blitzten.

»Ja, ich habe Ihre Ausstellung in der Pan Gallery gesehen, Anfang letzten Jahres. Ich kann nicht behaupten, dass ich alles verstanden habe, aber ich bin überzeugt, dass Sie eine außerordentliche Begabung dafür haben, das Wesen der Dinge einzufangen.«

»Nun, wie reizend von Ihnen, das zu sagen. Wie wunderbar, nicht wahr, Guy?«, sagte sie. »Auch ich habe Ihren Namen wiedererkannt, aber ich muss zugeben, keinen Ihrer Romane gelesen zu haben. Lesen zählt nicht zu meinen Stärken. Ich kann Dinge sehen – Formen, Farben und derlei –, aber ich leide wohl an einer Art Allergie auf das geschriebene Wort. Sie müssen mich für entsetzlich dumm halten.«

»Ganz und gar nicht, Miss Hart«, entgegnete ich. »Um ehrlich zu sein, ist es immer eine Art Befreiung, mich mit Menschen zu unterhalten, die meine Bücher nicht gelesen haben.«

»Wie wahr, warum gesellen Sie sich dann heute Abend nicht zum Essen zu uns«, sagte Miss Hart. »Und im Übrigen, bitte nennen Sie mich Helen.«

»Ja, natürlich«, sagte Trevelyan ausdruckslos. Helen warf ihm einen strengen Blick zu. »Ja, bitte, essen Sie mit uns«, wiederholte er freundlicher und mit größerem Enthusiasmus. »Bitte entschuldigen Sie mein Benehmen, Mrs Christie. Ich kann es immer noch nicht ganz glauben – dass Gina tot ist.«

»Ich weiß, ein plötzlicher Todesfall ist schlimm genug, aber ein Tod dieser Natur noch mal etwas ganz anderes«, sagte ich. »Ich bin sicher, sie hat nicht gelitten«, fügte ich hinzu, obwohl ich selbst nicht ganz daran glaubte. »Es wird in Sekundenschnelle vorbei gewesen sein.«

»Vermutlich sollten wir für diese eine Sache dankbar sein«, sagte Trevelyan. »Aber ich verstehe es einfach nicht. Das Letzte, was ich weiß, ist, dass sie aus unserem Haus in der Brook Street gestürmt ist. Sie hat keine Nachricht hinterlassen, nichts. Ich dachte, sie würde die Nacht bei einer ihrer Mayfair-Freundinnen verbringen und am nächsten Tag wieder nach Hause kommen. Dieses Muster hatte ich schon zu vielen Gelegenheiten kennengelernt. Unsere Ehe war alles andere als harmonisch, wissen Sie?«

»Und Sie sagen, sie hat – nun ja, sie hatte ein ziemlich temperamentvolles Wesen?«

»Das ist noch milde ausgedrückt«, meldete sich Helen zu Wort.

»Bitte, Helen, du weißt nicht, unter welchem Druck Gina stand.«

Helen senkte den Blick, gebührend ermahnt, und ließ Trevelyan weiterreden. »Ja, es stimmt, Gina hatte eine nervöse Disposition. Eine Weile, manchmal Wochen, schien sie recht normal zu sein, und dann, aus keinem offensichtlichen Grund, fiel sie einer schrecklichen Form von Manie anheim. Sie blieb dann die ganze Nacht auf, tanzte oder redete oder spazierte auf den Straßen herum. Sie sagte, sie hätte die außergewöhnlichsten Energieschübe, Schübe voller Kreativität. Einmal erzählte sie mir, sie hätte in nur einer Nacht einen Roman geschrieben, aber als ich in ihrem Notizbuch nachschaute, entdeckte ich darin nur einen Wortsalat, nicht mehr als ein paar ungereimte Sätze und Obszönitäten. Und dann, genauso plötzlich, lag sie darnieder, weinte grundlos und drohte damit, sich etwas anzutun, sich umzubringen. Es war schrecklich, wirklich schrecklich, dem beizuwohnen.«

»Und wann, wenn ich fragen darf, ist Ihre Frau verschwunden?«

»An Neujahr. Wir hatten eine ziemlich große Party im Londoner Haus. Zu viel zu trinken, zu viel … von allem. Vielleicht hatte Gina auf der Party irgendetwas gesehen oder einen Verdacht geschöpft. Und auf einmal war sie weg. Selbstverständlich rief ich die Polizei, und sie lancierten eine Mitteilung an die Presse – es gab Plakate, Suchtrupps, das volle Programm. Ohne Erfolg.«

»Sie wusste nichts von Ihnen und Miss Hart?«

»Ich weiß es nicht. Helen wollte, dass ich es ihr sage, aber der richtige Zeitpunkt schien sich nie zu ergeben. Entweder war Gina in einer ihrer Phasen ausgelassener Ekstase oder im Klammergriff einer furchtbaren Depression. Dazwischen gab es nichts, niemals.«

Helen Harts darauf folgender Seufzer brachte Dutzende ungesagte Sätze und Hunderte unterdrückte Wünsche zum Ausdruck.

»Dein Seufzen bringt nichts, Helen.« Guy erhob die Stimme. »Was sollte ich denn tun? Meiner Frau sagen, dass wir eine Affäre haben? Wolltest du wirklich, dass ich sie damit in den Tod treibe?« Wütend riss er die Augen weit auf, und seine Stimme brach vor Zorn. Energisch durchquerte er die Bibliothek, riss die Tür auf und drehte sich noch einmal um. »Ist es das, was du wolltest? Tja, dein Wunsch ist endlich in Erfüllung gegangen. Ich hoffe, es macht dich glücklich!«

Mit diesen Worten knallte er die Tür hinter sich zu. Wir standen betreten da und starrten auf das komplizierte Muster des Orientteppichs unter unseren Füßen.

»Wie Sie sehen, Mrs Christie, befindet sich Guy in einem Schockzustand.« Auf Helens porzellanweißem Hals prangten jetzt jede Menge rote Flecken.

»Trauer wirkt sich in vielerlei Art auf die Menschen aus«, sagte ich, um die durchdringende Verlegenheit, die zweifellos uns beide befallen hatte, etwas abzumildern.

»Oh, ich bitte Sie, bemitleiden Sie mich nicht«, fauchte sie mich unvermittelt an. »In Wahrheit bin ich froh, dass dieses Miststück tot ist.«

Diese Äußerung – sowohl wie sie vorgebracht wurde, als auch was sie beinhaltete – schockierte mich derart, dass ich kein Wort mehr herausbrachte.

»Ich weiß, es ist wahrlich abscheulich, so etwas zu sagen, aber ich bin froh. Jetzt ist sie für alle Zeiten aus unserem Leben verschwunden.«

Andrew Wilson

Über Andrew Wilson

Biografie

Andrew Wilson ist ein britischer Journalist. Er schreibt unter anderem für die Zeitungen Guardian, Daily Mail und Sunday Times und hat bereits erfolgreiche Biografien über Patricia Highsmith, Sylvia Plath und Alexander McQueen veröffentlicht. Mit dem Leben und Werk von Agatha...

Weitere Titel der Serie »Queen-of-Crime-Reihe«

Agatha Christie wird in Andrew Wilsons Romanen selbst zur Hauptfigur und ermittelt. Die Romane beruhen auf wahren Begebenheiten aus dem Leben der Queen of Crime.

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