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Agathas AlibiAgathas AlibiAgathas Alibi

Agathas Alibi

Roman

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Agathas Alibi — Inhalt

Im Dezember 1926 verschwindet Agatha Christie spurlos. Eine groß angelegte Suchaktion beginnt, an der sich sogar Arthur Conan Doyle beteiligt. Doch Christie, deren jüngstes Buch »Alibi« gerade zum Welterfolg lanciert, bleibt verschwunden. Erst elf Tage später wird sie in einem Hotel gefunden, in das sie sich unter dem Namen der Geliebten ihres Mannes einquartiert hat. Bis heute weiß niemand, was damals geschah. Was, wenn Christie an einen bösartigen Widersacher geraten ist? Was, wenn sie erpresst worden ist? Was, wenn die Königin der rätselhaften Morde selbst gezwungen worden ist, ein Verbrechen zu begehen? Auf intelligente und unterhaltsame Weise erzählt Andrew Wilson in einer Mischung aus Fakten und Fiktion von einem rätselhaften Fall, in dem die größte Krimiautorin der Welt selbst zur Protagonistin wird.

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 02.05.2017
Übersetzt von: Michael Mundhenk
384 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-86612-422-6
€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erscheint am 04.12.2018
Übersetzt von: Michael Mundhenk
384 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31273-8
€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erschienen am 02.05.2017
Übersetzt von: Michael Mundhenk
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96567-5

Leseprobe zu »Agathas Alibi«

Anmerkung des Herausgebers

 

Agatha Christie hat nie über ihr Verschwinden im Winter 1926 gesprochen. Und so bleibt es eines der großen Geheimnisse unserer Zeit.

Als ich ihr zum ersten Mal von der Idee zu diesem Buch erzählte, reagierte sie verständlicherweise zurückhaltend. Sie erklärte sich jedoch zu einem Interview bereit, allerdings unter der Bedingung, dass das daraus resultierende Buch frühestens vierzig Jahre nach ihrem Tod veröffentlicht werden dürfe. Entsprechend instruierte ich meine Anwälte.

Ich muss gestehen, es ist befremdlich, meinen [...]

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Anmerkung des Herausgebers

 

Agatha Christie hat nie über ihr Verschwinden im Winter 1926 gesprochen. Und so bleibt es eines der großen Geheimnisse unserer Zeit.

Als ich ihr zum ersten Mal von der Idee zu diesem Buch erzählte, reagierte sie verständlicherweise zurückhaltend. Sie erklärte sich jedoch zu einem Interview bereit, allerdings unter der Bedingung, dass das daraus resultierende Buch frühestens vierzig Jahre nach ihrem Tod veröffentlicht werden dürfe. Entsprechend instruierte ich meine Anwälte.

Ich muss gestehen, es ist befremdlich, meinen eigenen Namen als Figur in diesen Seiten zu sehen. Da ich bei der ganzen Sache nur eine sehr untergeordnete Rolle spielte, habe ich versucht, sie hier auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Letztlich ist dies Mrs Christies Geschichte, weshalb ein Großteil nicht aus meiner Perspektive erzählt wird, sondern aus ihrer.

Um mir einen Überblick über die wichtigsten Ereignisse zu verschaffen, sprach ich, außer mit Mrs Christie, mit so vielen Protagonisten wie möglich. Da weder Mrs Christie noch ich bei allen Geschehnissen zugegen waren, beschloss ich, statt wesentliche Informationen einfach auszuklammern, bei der Rekonstruktion bestimmter Szenen die Fantasie zu Hilfe zu nehmen.

Dieses Buch ist denjenigen gewidmet, die die elf dunklen Tage des Dezembers 1926 nicht überlebten. Mögen sie in Frieden ruhen.

John Davison

 

 

 

1

 

Wohin ich auch blickte, immer hatte ich das Gefühl, sie zu sehen, eine Frau, die als apart, ja sogar schön beschrieben wurde. Was allerdings niemals die Worte gewesen wären, die ich gewählt hätte.

Sah ich dann noch einmal zur Handschuhtheke oder Parfümauslage hinüber, war sie es natürlich nie, sondern immer nur irgendeine andere dunkelhaarige Frau, die versuchte, das Beste aus sich zu machen. Dennoch hinterließ jedes dieser flüchtigen Trugbilder eine kleine Narbe auf meinem Herzen. Ich beschloss, nicht mehr an sie zu denken, würde einfach so tun, als gäbe es die Situation gar nicht, doch dann fiel mein Blick auf eine andere blasse Brünette, der dumpfe Schmerz in meiner Brust flammte erneut auf, und mir wurde flau im Magen.

Als ich mich in Archie verliebt hatte, da hatte ich dieses Gefühl mit einer weißen Taube verglichen, die aus meiner Brust zu entkommen versuchte. Jetzt, wo dieses Biest Archie den Kopf verdreht hatte, stellte ich mir vor, dass die Taube mit einer Halskette aus Stacheldraht erdrosselt worden war und langsam in mir verweste.

Der ferne Klang einer Weihnachtslieder spielenden Blaskapelle hob für einen Augenblick meine Stimmung. Ich hatte Weihnachten immer über alles geliebt und war fest entschlossen, es dieses Jahr, wenigstens Rosalind zuliebe, genauso festlich und fröhlich angehen zu lassen wie sonst auch.

Ich ging zur Puppentheke hinüber, wo mich eine ganze Galerie von weißen Porzellangesichtern mit leeren blauen Augen anstarrte, nahm eine Puppe mit strohblondem Haar in die Hand und strich ihr über die blasse, glatte Wange. Lustig, dass ich meine Tochter nach meiner alten Puppe benannt hatte, ein Spielzeug, das ich als Kind vergötterte, mit dem ich aber fast nie spielte. Schon damals zog ich es vor, meine eigenen Geschichten zu erfinden. Rosalind hatte meine Einbildungskraft nicht geerbt, was wahrscheinlich auch besser so war, denn obwohl meine Fantasie auch ihre Vorteile hatte, hinterließ sie in mir zuweilen doch ein ausgelaugtes, fast schon elendes Gefühl.

Als ich die Puppe auf die Theke zurückstellte und gerade ihren schwarzhaarigen Zwilling mit den dicken Brombeeraugen in die Hand nehmen wollte, spürte ich ein Stechen im Genick. Mir sträubten sich die Nackenhaare, und ein Schauer durchrieselte mich. Überzeugt, dass ich beobachtet wurde, drehte ich mich um, begegnete jedoch lediglich den freundlichen Blicken älterer, in adrette Tweedkostüme gekleideter Damen. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass in den »Stores« in der Victoria Street nie irgendetwas Schreckliches passieren würde.

Schon seit meiner Kindheit kam ich hierher, als Oma B. mit mir immer Bänder und Knöpfe einkaufen ging. Danach spendierte mir meine Großmutter jedes Mal ein herrliches Erdbeereis. Doch jetzt stimmte irgendetwas ganz und gar nicht. Dieses Angstgefühl, das ich verspürte, war rein körperlich. Mein Mund wurde trocken, meine Kehle zog sich zusammen. Mein Atem ging schneller. Ich griff mir an den Hals, um den Kragen meiner Bluse zu lockern, doch es half nichts. Noch immer hatte ich das Gefühl, jemand würde mich beobachten und wollte mir etwas antun.

Als kleines Mädchen hatte ich unter Albträumen gelitten, in denen ein bewaffneter Mann vor mir auftauchte. Er sah, so erzählte ich es meiner Mutter und meiner Schwester Madge, wie ein französischer Soldat mit einer Muskete aus. Doch es war nicht der Anblick des Gewehrs, der mir Angst eingejagt hatte. Vielmehr versetzte mich etwas anderes in Unruhe, etwas an seiner Art, seinem Wesen. Er war der Inbegriff des Bösen, eine Macht, die, das wusste ich damals schon, nur allzu real war. Manchmal hatte ich Träume, in denen ich auf Ashfield, dem Familiensitz in Torquay, am Esstisch saß, aufblickte und sah, dass sich sein Geist in den Körper meiner geliebten Mutter oder in den meiner Schwester gestohlen hatte. Jetzt konnte ich den heißen, säuerlichen Atem des bewaffneten Mannes nahezu auf meinem Nacken spüren.

Ich stellte die Puppe ins Regal zurück, packte meine Sachen zusammen und ging, mit den langsamen, bedächtigen Schritten einer Katze, die eine nahende Gefahr wittert, zum Ausgang an der Victoria Street. Die mir scharf entgegenschlagende kalte Dezemberluft empfand ich fast schon als Erleichterung. Dennoch musste ich es mir verkneifen, nervös umherzublicken. Meine Hände zitterten, mein Mund war noch immer trocken.

Das Angstgefühl, das ich in den »Stores« und auf der Straße empfunden hatte, konnte unmöglich allein meiner Fantasie entsprungen sein. Trotzdem spürte ich, wie sich meine Wangen bei der Erinnerung an den Vorfall mit dem Scheck röteten. Ich war auf Ashfield gewesen und hatte nach dem Tod meiner Mutter das Haus leer geräumt. An den zehn- oder elfstündigen Tagen musste ich, um mich herum kistenweise Familienandenken, mottenzerfressene Kleidung, stapelweise Kleider von Oma sowie Unmengen von Erinnerungen an meine Kindheit, die mich in die Vergangenheit zurückzukatapultieren drohten, einen Augenblick den Verstand verloren haben. Man hatte mich gebeten, einen Scheck auszustellen, unter den ich jedoch nicht meinen Namen gesetzt hatte, sondern den von Blanche Amory, einer Figur aus einem Roman von Trollope. Was war da über mich gekommen? Geschah jetzt wieder genau dasselbe? Verlor ich den Sinn für die Realität? Es war ein entsetzliches Gefühl.

Ich versuchte, tief einzuatmen, spürte jedoch eine beklemmende Enge in der Brust. Irgendwie konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass jeden Augenblick etwas Furchtbares passieren würde. Es drängte mich zurück in die Sicherheit und Behaglichkeit des »Forum«, meines Clubs an der Hyde Park Corner. Allerdings wollte ich nicht, dass der bewaffnete Mann mir dorthin folgte. Bewusst langsam ging ich die Victoria Street hinunter in Richtung Underground. Als ich mich dem Eingang der U-Bahn-Station näherte, schwoll die Menschenmenge an. Obwohl sich meine Beine anfühlten, als würden sie mir jeden Augenblick wegsacken, trieb mich die Angst vorwärts. Zum Glück war im Bahnhof viel Betrieb, und ich konnte im Gedränge untertauchen. Während ich mir einen Weg durch das Menschengewimmel bahnte, blickte ich mich immer wieder um. Ich kaufte mir einen Fahrschein und fuhr in die dunklen Eingeweide Londons hinab. Meinen Verfolger, wer immer es gewesen sein mochte, hatte ich gewiss abgeschüttelt. Als ich die rußige Luft einatmete, fühlte ich mich einen Augenblick lang wieder glücklich und sicher.

Einige meiner vornehmen Freunde aus Sunningdale fanden es ziemlich kurios, dass ich gerne U-Bahn fuhr. Dabei war sie eine denkbar reiche Inspirationsquelle: all diese faszinierenden Gesichter, diese seltsamen Gestalten, ganz zu schweigen von den herrlichen Möglichkeiten, die sie mir im Hinblick auf meine Romanhandlungen eröffnete. Das perfekte Beispiel dafür war Der Mann im braunen Anzug. Obwohl die Geschichte ein bisschen albern war, hatte sie sich bei der Leserschaft großer Beliebtheit erfreut, zweifellos wegen der dramatischen Eingangsszene, die ich auf dem Bahnsteig der Underground-Station Hyde Park Corner angesiedelt hatte.

Es hatte einen Riesenspaß gemacht, diesen Roman zu schreiben, und er war mir auch relativ flott aus der Feder geflossen, ganz anders als das geschwollene Zeug, das ich in letzter Zeit wie am Fließband produzierte. Vielleicht brauchte ich Urlaub. Ich hoffte, die Tage in Beverley würden mir – würden uns beiden – guttun. Denn ich war keineswegs eine Anhängerin der Theorie, dass das Unglücklichsein die Kreativität ankurbelt. Das letzte Jahr war das fürchterlichste meines Lebens gewesen, und was hatte ich hervorgebracht? Das Frankensteinmonster Die großen Vier, einen aus einer Reihe von Kurzgeschichten zusammengestoppelten Roman, sowie ein paar farblose Szenen für den Blauen Express, der auch nicht richtig in Fahrt kam.

Ein Schwall heißer Luft kündigte die Einfahrt des Zuges an. Ich hielt meinen Hut fest und trat näher an die Bahnsteigkante, um meine Chance auf einen Sitzplatz zu erhöhen. Noch einen Schritt, und ich könnte leicht das Gleichgewicht verlieren und auf die Schienen stürzen. Alles, das ganze Leid des letzten Jahres, würde ein Ende haben. Archie könnte neu heiraten, die Schande, die stets mit einer Scheidung einherging, würde vermieden, und Rosalind könnte ihre neue Mutter lieben lernen. Was hatte meine Tochter zu mir gesagt? »Ich weiß, dass Daddy mich lieb hat und bei mir sein möchte. Dich scheint er nicht lieb zu haben.« Nur ein Kind in seiner ganzen Unschuld kann so etwas von sich geben. Und obwohl es eine akkurate Beschreibung des Zustands unserer Ehe war, hatte sich diese Bemerkung wie ein weiterer Dolchstoß ins Herz angefühlt.

Als der Zug aus der Tunnelröhre auf uns zugerast kam, trat ich einen Schritt zurück. Der Motorenlärm vibrierte in meinen Ohren und betäubte mich einen Moment lang. Just da spürte ich eine leichte Berührung am Steißbein. Ich drehte mich um. Genau in diesem Bruchteil einer Sekunde wurde der Druck auf meinen Rücken stärker. Ich hatte das Gefühl, geschubst, in Richtung Gleis gestoßen zu werden, und wollte losschreien, doch meine Kehle fühlte sich an wie Sandpapier.

Ungelenk griff ich um mich, suchte verzweifelt irgendwo Halt, bekam jedoch lediglich heiße Luft zu packen. Mir brannten regelrecht die Wangen, so heftig und überwältigend war die Hitze, die mir die Tränenflüssigkeit aus den Augen zu saugen schien. In dem Moment, wo ich nach vorn kippte und mein Kopf, wie der der Puppe, die ich in den »Stores« in der Hand gehalten hatte, schlaff herunterhing, wurde ich mit einem gewaltigen Ruck zurückgerissen, mit einer Kraft, die ich kaum für möglich gehalten hätte. Die Wucht verschlug mir den Atem. Ich spürte gerade noch, wie ich zu Boden sank, ehe ich das Bewusstsein verlor und auf dem Bahnsteig zusammenbrach.

Als Nächstes registrierte ich, dass mir jemand ins Ohr atmete. Zuerst dachte ich, ich läge im Bett, mit Rosalind an meiner Seite. Doch dann roch ich etwas Saures, bemerkte einen unangenehmen Geruch nach Eisen, der mir keine andere Wahl ließ, als die Augen zu öffnen. Ich wachte in einer Welt aus Fragmenten und bruchstückhaften Gesichtern auf.

»Ich bin Arzt, treten Sie zurück, bitte treten Sie zurück«, sagte eine Stimme.

Ich versuchte zu sprechen, schaffte es jedoch nicht. Wieder traf mich dieser ekelhafte Luftstrom im Gesicht. Ich spürte, wie jemand meinen Kopf hielt. Es war eine leichte, sanfte Berührung, doch statt sich zu entspannen, verkrampfte sich mein Körper. Ich versuchte, mich aufzusetzen, aber die langen, samtweichen Finger legten mich behutsam wieder hin.

»Na, na, na, jetzt bleiben Sie doch noch einen Augenblick liegen. Sie hatten fast einen bösen Unfall. Es scheint, als wären Sie genau bei der Einfahrt des Zuges ohnmächtig geworden.«

»Nein, ich habe gespürt, wie jemand …«

»Ja, Sie haben gespürt, wie jemand Sie zurückgerissen hat. Das war ich. Ich bin Arzt.«

Obwohl mich diese Worte hätten beruhigen müssen, jagten sie mir einen Schauer über den Rücken.

»Vielen Dank, das ist sehr freundlich. Aber ich fühle mich bereits viel besser. Wenn Sie mich jetzt einfach gehen lassen würden, wäre ich Ihnen sehr dankbar.«

Die Menschen, die um mich herumstanden, hatten inzwischen das Gefühl, den Sachverhalt zu verstehen, und begannen, sich zu zerstreuen: Eine Frau war ohnmächtig geworden, und ein Arzt, der wie ein Held eingegriffen und verhindert hatte, dass sie auf die Schienen stürzte, kümmerte sich um sie.

»Ich glaube, Sie täten gut daran, ein paarmal tief Luft zu holen«, sagte er, ehe er sich zu mir herabbeugte. Der Gestank seines metallischen Atems zwang mich, mein Taschentuch hervorzuholen und es mir vor Mund und Nase zu halten.

»Jetzt hören Sie mal ganz genau zu«, flüsterte er. »Ich glaube, ich habe Ihnen etwas zu sagen, was Sie außerordentlich interessieren dürfte.«

Als ich das Taschentuch vom Mund nahm, fuhr er, nach wie vor mit einer Stimme, die nur ich hören konnte, fort: »Ich an Ihrer Stelle würde nicht schreien. Es sei denn, Sie wollen, dass die ganze Welt von Ihrem Mann und seiner Geliebten erfährt.«

Ich konnte nicht fassen, was er da sagte. Was wusste er denn über Archie und diese Frau?

»Ja, ich dachte mir schon, dass das Ihr Interesse wecken würde. Also, ich schlage vor, Sie lassen mich Ihnen aufhelfen, und dann gehen wir eine Tasse Tee trinken.«

Ich spürte, wie er mit seinen spinnenartigen Fingern mein Handgelenk umfasste.

»Ich würde süßen Tee verschreiben«, sagte er mit lauterer Stimme. »Finden Sie nicht? Der hilft bei einem Schock am besten.«

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Das Weite suchen? Dieser Mann hatte eindeutig Informationen, die er glaubte, gegen mich, gegen uns verwenden zu können. Zweifellos war er ein schmutziger kleiner Erpresser, der darauf aus war, mir Geld abzuknöpfen. Woher hätte er auch wissen sollen, dass unsere Finanzen knapp waren? Auf den ersten Blick führten wir ein goldenes Leben. Ja, ich hatte sechs Romane sowie eine Sammlung von Poirot-Geschichten geschrieben, doch die Honorare waren aufgrund des furchtbaren Vertrags mit Bodley Head, meinem ersten Verlag, der mich bei niedrigen Tantiemen für fünf Bücher an sich gebunden hatte, nicht allzu hoch gewesen. Gott sei Dank war es meinem Agenten gelungen, mich aus diesem Vertrag herauszulösen. Außerdem verschlang das Haus ein Vermögen, und es hatte eine Menge unvorhergesehene Ausgaben gegeben.

Ich könnte kategorisch abwinken, doch was, wenn er mit dieser üblen Geschichte zur Presse ging? Es würde Archie zugrunde richten, das wusste ich. Selbst nach allem, was er mir erzählt hatte, liebte ich ihn immer noch und würde alles in meiner Macht Stehende tun, um ihn zu beschützen.

»Ich kenne ein nettes kleines Café gleich um die Ecke«, sagte er und drückte mein Handgelenk. »Soll ich Ihnen beim Aufstehen helfen?«

»Ich glaube, das schaffe ich alleine, vielen Dank«, entgegnete ich und erhob mich langsam. Ich wischte mir den Staub und Ruß vom Rock, rückte mir rasch den Hut zurecht und taxierte den vor mir stehenden Mann. Als Erstes fiel mir der Kontrast zwischen seiner milchig blassen Haut und dem schwarzen Bart auf. Er hatte schlehenblaue Augen und volle, fleischige, blutrote Lippen, war mittelgroß, gut gekleidet und anscheinend gebildet – kein gewöhnlicher, schmuddeliger Erpresser.

Als wir die U-Bahn-Station verließen und wieder die Victoria Street hinuntergingen, hätte man uns durchaus für ein Ehepaar halten können. Hätten sich die Passanten jedoch die Mühe gemacht, mir ins Gesicht zu sehen, hätten sie, da bin ich mir sicher, die Unsicherheit und Angst in meinen Augen bemerkt.

»Was wollen Sie?«, fragte ich.

»Lassen Sie uns damit warten, bis wir bei einer Tasse Tee sitzen«, erwiderte er. »Das ist doch viel zivilisierter.«

Ich sah mich nach einem Polizisten um, konnte aber keinen entdecken. Vielleicht wäre es sowieso besser, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

»Erst einmal muss ich Ihnen zum Erfolg von Alibi gratulieren«, redete er weiter. »Absolute Spitzenklasse. Wie Sie das hingekriegt haben, ist wirklich äußerst beachtlich. Das haben Ihnen sicher schon viele Leute gesagt, aber jetzt können Sie meinen Namen auch noch in die immer länger werdende Liste Ihrer Bewunderer eintragen. Sie müssen ganz schön viel Grips in Ihrem hübschen Köpfchen haben.«

»Bücher sind doch wohl sicher das Letzte, worüber Sie sich unterhalten wollen«, sagte ich steif, während wir das Café betraten und etwas abseits von den anderen Gästen an einem Tisch Platz nahmen.

»Ach, überhaupt nicht. Aber zuerst einmal möchte ich mich vorstellen. Mein Name ist Patrick Kurs. Ich bin praktischer Arzt in Rickmansworth. Ich habe eine kleine Praxis, hauptsächlich voller neurotischer Ehefrauen und Ehemänner, die zu viel trinken. Wahrscheinlich ließe sich da eine Parallele ziehen zwischen Dr. James Sheppard in Alibi und mir. Eine äußerst faszinierende Figur. Sehen Sie, Mrs Christie, ich glaube, Sie und ich, wir sind uns in vielerlei Hinsicht erstaunlich ähnlich.«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen«, sagte ich, ehe eine Bedienung in einer schwarz-weißen Uniform an unseren Tisch trat, um die Bestellung entgegenzunehmen. Dr. Kurs verlangte nach einer Kanne Tee für zwei.

»Wie gesagt, Mrs Christie, ich habe Ihr Werk eingehend studiert und bin überzeugt, dass Sie einen erstklassigen kriminalistischen Verstand haben. Sie scheinen zu wissen, wie die Psyche eines Verbrechers funktioniert. Man könnte meinen, Sie hätten eine Art intuitiven Zugang zu den Gefühlen eines Mörders. Es ist geradezu unheimlich.«

»Vielen Dank«, erwiderte ich, ehe mir klar wurde, dass das, was der Arzt soeben gesagt hatte, in den Augen der meisten Menschen alles andere als ein Kompliment wäre. »Ich meine, ja, das mag sein, aber was hat das mit meinem Mann zu tun? Mir wäre es sehr viel lieber, wenn Sie zur Sache kämen.«

Als die Bedienung mit unserem Tee zurückkehrte, verstummten wir, doch kaum war sie wieder gegangen, rückte sich Dr. Kurs auf seinem Stuhl zurecht und räusperte sich.

»Also gut«, sagte er. »Sehen Sie, mir ist zu Ohren gekommen, dass Ihr Mann eine – wie soll ich sagen? –, eine intime Beziehung mit einer anderen Frau hat. Das stimmt doch, oder?«

Ich nickte lediglich, spürte jedoch, wie meine Augen vor Hass glühten.

»Und ich nehme an, es wäre Ihnen lieber, wenn dieser Umstand sowie alle Einzelheiten aus den Zeitungen herausgehalten werden könnten?«

»Es geht also um Geld. Ist es das, was Sie wollen?«

Dr. Kurs kniff die Augen leicht zusammen und wirkte ein wenig perplex. »Nein, überhaupt nicht«, sagte er lachend. »Ich glaube, Sie haben mich unterschätzt, Mrs Christie. Bei meinem Vorschlag geht es mir um sehr viel mehr als um einen rein finanziellen Nutzen. Ich habe ein bestimmtes Projekt für Sie, ja, so könnte man es wohl nennen. Sie mögen es für unkonventionell halten, aber ich bin mir sicher, Sie werden es interessant finden.«

»Wovon reden Sie?«

»Es ist ein Plan, den nur Sie allein ausführen können. Sie, Mrs Christie, werden einen Mord begehen. Doch zuvor werden Sie spurlos verschwinden.«

 

 

 

2

 

Sie müssen wahnsinnig sein, absolut wahnsinnig«, sagte ich, während ich mich von meinem Stuhl erhob. »Ich fürchte, Herr Doktor – falls Sie tatsächlich einer sind –, Sie brauchen ärztliche Hilfe.«

»Ich bin alles andere als verrückt, Mrs Christie. Ich habe Ihnen ja noch gar nicht erzählt, was ich über Ihren Mann und Nancy Neele weiß.«

Die Erwähnung dieses Namens nahm mir das bisschen Kraft, das ich noch hatte, und ich sank auf meinen Stuhl zurück. In dem Moment kam mir eine Erinnerung aus meiner Kindheit. Ich hatte mit Nursie, dem geliebten Kindermädchen, Schlüsselblumen gepflückt. Die Luft roch nach Frühling, der Himmel war kornblumenblau, und die Blumen waren von demselben Gelb wie die Sonne. Wir hatten Ashfield hinter uns gelassen, hatten die Gleise überquert und waren die Shiphay Lane hochgegangen, ehe wir durch ein offenes Gatter abbogen. Gerade hatte ich mich hingehockt, um mir eine besonders schöne Schlüsselblume anzusehen, da hörte ich jemanden rufen. Die Schärfe in der Stimme des Mannes war unüberhörbar. Der Bauer fragte Nursie, was sie dort zu schaffen habe. »Bloß Schlüsselblumen pflücken«, erwiderte sie. Sein Gesicht wurde rot wie eine Tomate, die Augen quollen ihm aus dem Kopf, und er befahl uns, sein Land zu verlassen. Er meinte, wenn wir nicht in unter einer Minute verschwunden seien, würde er uns bei lebendigem Leib kochen. Ich weiß noch, ich nahm seine Drohung so wörtlich, dass ich die Flammen bereits um meine Zehen züngeln spürte. Schweißperlen traten mir auf die Stirn. Ich hatte solche Angst, dass ich dachte, ich müsste mich übergeben.

Genau das gleiche Gefühl hatte ich jetzt, als ich den Namen Nancy Neele hörte.

»Möchten Sie noch ein wenig Tee? Sie sehen etwas blass aus, was unter den gegebenen Umständen allerdings nicht verwunderlich ist.«

»Nein, es tut mir leid, aber ich muss meinen Zug erreichen. Mein Mann erwartet mich.«

»Wirklich? Ich bezweifle sehr stark, dass Ihr Mann heute nach Hause kommt. Zumindest glaube ich nicht, dass er allzu lange bleiben wird.«

»Und wie kommen Sie darauf?«

»Ich habe, wenn Sie so wollen, eine Quelle. Eine gute Quelle. Sehen Sie, eine meiner Patientinnen ist die von mir soeben erwähnte Nancy Neele.«

»Tatsächlich?« Ich versuchte, selbstbewusst zu klingen, hörte jedoch, dass mir die Stimme vor lauter Angst brach.

»Ursprünglich kam sie mit einem Verdauungsproblem zu mir, glaube ich. Doch es wurde schon bald klar, dass das wahre Problem ihre Nerven waren. Sie konnte nicht schlafen, war furchtbar ängstlich und so weiter. Als wir dann zu reden begannen, erzählte sie mir alles. Ich bin ihr enger Vertrauter geworden.«

Obwohl ich am liebsten die Flucht ergriffen hätte, nahm ich allen Mut zusammen, um das Gespräch fortzusetzen. »Und was, wenn ich fragen darf, hat sie Ihnen erzählt?«

»Dass sie eine Affäre mit Ihrem Mann hat. Dass sie ineinander verliebt sind und zu heiraten beabsichtigen. Dass Archie sich von Ihnen scheiden lassen möchte, sich aber Gedanken darüber macht, wie Sie wohl reagieren würden. Ich glaube, die beiden befürchten, dass Sie, wenn Sie mit der Nachricht konfrontiert werden, eine Dummheit begehen könnten.«

Da meine Kehle immer noch trocken war, musste ich jedes Wort aus mir herauspressen. Ich wusste, ich würde es nicht wagen, einen Schluck Tee zu trinken, damit Kurs nicht sah, wie meine Hände zitterten. »Und was haben Sie ihr geraten?«

»Es wird Sie freuen zu hören, dass ich den Grundsatz der strikten Neutralität gewahrt habe. Ich leihe ihr, wenn Sie so wollen, lediglich mein Ohr.«

»Weiß sie, dass Sie jetzt mit mir sprechen? Hat sie Sie geschickt?«

»Um Gottes willen, nein. Keineswegs. Sie hat keine Ahnung von meinem Treffen – oder meinen Absichten.«

Sein letztes Wort ließ mich frösteln. Er konnte doch unmöglich glauben, dass ich ihn ernst nehmen würde?

»Das Ganze ist ziemlich absurd. Alles, was Sie mir erzählt haben, wusste ich bereits. Dass mein Mann vorübergehend eine Beziehung mit einer anderen Frau hatte, die nicht seine Gattin ist. Und damit, Dr. Kurs, ist die Sache erledigt. Das ist eine reine Privatangelegenheit, und ich werde alles daransetzen, dass es so bleibt. Außerdem wissen Sie ja wohl, dass es so etwas wie eine ärztliche Berufsordnung gibt. Ich bin mir sicher, dass ein Bruch der Schweigepflicht gegen diese Berufsordnung verstößt, und wenn Sie darauf bestehen …«

»Bitte fahren Sie ruhig fort. Allerdings muss ich Sie darauf aufmerksam machen, dass sich eine Anzahl von Briefen in meinem Besitz befindet, die Miss Neele an Ihren Mann geschrieben hat. Ich glaube, Sie würden es höchst peinlich finden, wenn Auszüge daraus in einigen der weniger appetitlichen Postillen erschienen.«

Sagte er die Wahrheit? Schwer zu beurteilen. Ich starrte in seine schwarzen Augen und spürte etwas, was man nur als böse bezeichnen konnte. Ich wusste, es wäre töricht, ihn zu unterschätzen oder zu verärgern. Aber ich konnte ihm das nicht einfach durchgehen lassen.

»Nun, ich brauche auf jeden Fall irgendeine Art Beweis für Ihre Behauptung.«

»Also gut, in Kürze erhalten Sie Post nach Hause.«

»Nach Hause? Sie wissen, wo ich wohne?«

»Ich weiß alles über Sie, Mrs Christie. Es war ein Vergnügen, Sie zu beobachten, Ihnen auf Schritt und Tritt zu folgen. Wie gesagt, ich habe Sie genau studiert. Nicht nur Ihre Bücher, sondern Ihr ganzes Leben. Falls Sie meine Worte anzweifeln, fragen Sie mich einfach etwas.«

Ich wusste überhaupt nicht, was ich sagen sollte. Mir schnürte sich die Kehle zusammen.

»Nun gut, dann lassen Sie mich etwas ins Detail gehen«, fuhr Dr. Kurs fort und strich sich über seinen sorgfältig gestutzten Bart. »Nehmen wir einfach irgendetwas Beliebiges, ja? Ich weiß zum Beispiel, dass Sie aufgrund Ihrer Arbeit als freiwillige Hilfskrankenpflegerin und Lazarettapothekenhilfe während des Krieges Fachkenntnisse über Gifte besitzen.«

»Solche Arbeit war damals gang und gäbe, Dr. Kurs, und ich bin mir sicher, dass sich ein Hinweis darauf in allgemein zugänglichen Quellen finden lässt.«

»In der Tat, Mrs Christie. Wovon der gemeine Mann allerdings vielleicht keine Kenntnis hat, ist Ihre Arbeit mit Dr. und Mrs Ellis. Ich glaube, Sie haben von den beiden eine Menge gelernt, insbesondere von Mrs Ellis, oder etwa nicht?«

Diese Enthüllung verschlug mir die Sprache. »Und was ist mit dem anderen Apotheker in Ihrer Bekanntschaft? Demjenigen, der immer eine Kurare-Probe bei sich trug? Wie Sie zweifellos wissen, ist Strychnos toxifera eine sehr hübsche, in Südamerika beheimatete Liane. Die Ureinwohner dort haben schnell gemerkt, dass es ein wirksames Gift ist, und die Spitzen ihrer Blasrohr- oder Bogenpfeile in eine aus dieser Pflanze zubereitete Paste getaucht. Nach einem Treffer starb das Opfer innerhalb von Minuten an Atemstillstand. Was würden Sie sagen, Mrs Christie, wenn ich Ihnen mitteilte, dass ich, genau wie dieser Apotheker Ihrer jungen Jahre, ebenfalls immer Kurare bei mir trage?«

Ich war versucht, ihm noch einmal zu sagen, dass er verrückt sei, doch irgendetwas veranlasste mich, meinen Verdacht für mich zu behalten. Wenn ich das Café verließ, würde ich zur nächsten Polizeiwache gehen und die Beamten darüber informieren, dass da ein Mann sei, der sich als Arzt aus Rickmansworth ausgab und den Verstand verloren hatte. Die Polizei würde ihn in eine geschlossene Anstalt stecken, und die Sache wäre erledigt.

»Sagen wir einfach, ich habe Mittel und Wege. Seit zwanzig Jahren als praktischer Arzt tätig zu sein, hat seine Vorteile. Sehen Sie, viele meiner Patienten pendeln nach London, und manche von ihnen haben Macht und bekleiden einflussreiche Positionen. Wenn man sich Mühe gibt, kann man praktisch über jeden fast alles herausfinden.«

»Verstehe«, sagte ich mit schwacher Stimme.

Andrew Wilson

Über Andrew Wilson

Biografie

Andrew Wilson ist ein britischer Journalist. Er schreibt unter anderem für die Zeitungen Guardian, Daily Mail und Sunday Times und hat bereits erfolgreiche Biografien über Patricia Highsmith, Sylvia Plath und Alexander McQueen veröffentlicht. Mit dem Leben und Werk von Agatha...

Weitere Titel der Serie »Queen-of-Crime-Reihe«

Agatha Christie wird in Andrew Wilsons Romanen selbst zur Hauptfigur und ermittelt. Die Romane beruhen auf wahren Begebenheiten aus dem Leben der Queen of Crime.

Pressestimmen

Neues Deutschland

»(…) Was Wilson hier vorlegt, ist ein fulminanter Krimi.«

Woman (A)

»In diesem spannenden Roman, der kein Krimi ist, erzählt die Queen of Crime quasi über sich, über ihre Ängste und Hoffnungen!«

buecherstadtkurier.com

»›Agathas Alibi‹ überzeugt mit einer gelungenen Verarbeitung und Auslegung von Fakten in der Mischung mit einer spannenden Geschichte. Der Roman ist flüssig zu lesen und besonders – um die Widmung zu zitieren – ›für Agatha-Christie-Fans in aller Welt‹ zu empfehlen.«

Die Weltwoche (CH)

»Der Guardian-Journalist und Biograf Andrew Wilson hat nun eine eigene, sehr unterhaltsame Version in Romanform geschrieben.«

WDR 4

»›Agathas Alibi‹ ist wunderbare, intelligente Krimiunterhaltung für alle Fans der großen Queen of Crime.«

Dresdner Morgenpost

»Sehr unterhaltsam.«

Absolut Beautiful

»Wilson konstruierte einen spannenden Krimi, in dem die größte Krimiautorin der Welt selbst zur Protagonistin wird.«

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