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Affinity Bridge

Affinity Bridge

Roman (Newbury & Hobbes 1)

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Affinity Bridge — Inhalt

Willkommen im London des Jahres 1901! Doch dies ist nicht London, wie wir es kennen. Hier regiert Queen Victoria, halb Mensch, halb Maschine. Und ihr Reich ist erfüllt von Luftschiffen, Dampfloks und revolutionären magischen Erfindungen. Tote erheben sich aus ihren Gräbern, und Geister treiben ihr Unwesen als Serienmörder. Sir Maurice Newbury, Ermittler im Namen der Krone, muss ein bizarres Verbrechen aufklären und gerät in immer seltsamere Verwicklungen. Und bei seiner Reise in das geheimnisvolle, dunkle Herz Londons kann er sich nur auf eines verlassen – auf die Schlagfertigkeit seiner unverzichtbaren Assistentin Veronica Hobbes.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 13.10.2014
Übersetzer: Jürgen Langowski
512 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98160-6

Leseprobe zu »Affinity Bridge«

Für James George Alexander Mann

 

Prolog
Indien, Juni 1901

 

Die Fliegen. Immer diese verdammten Fliegen.

 


Coulthard schlug nach den Insekten, die ihm unablässig um den Kopf summten, und überprüfte wohl zum fünften Mal in dieser Stunde das Gewehr. Die Hitze war noch drückender als sonst, und die Haare in seinem Nacken klebten vor Schweiß. Die Uniform war zu knapp geschnitten und kniff ihn. Den anderen beiden erging es nicht viel besser. Hargreaves hockte in der Nähe auf einem Stein und trank ausgiebig aus seiner Wasserflasche, Taylor marschierte [...]

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Für James George Alexander Mann

 

Prolog
Indien, Juni 1901

 

Die Fliegen. Immer diese verdammten Fliegen.

 


Coulthard schlug nach den Insekten, die ihm unablässig um den Kopf summten, und überprüfte wohl zum fünften Mal in dieser Stunde das Gewehr. Die Hitze war noch drückender als sonst, und die Haare in seinem Nacken klebten vor Schweiß. Die Uniform war zu knapp geschnitten und kniff ihn. Den anderen beiden erging es nicht viel besser. Hargreaves hockte in der Nähe auf einem Stein und trank ausgiebig aus seiner Wasserflasche, Taylor marschierte unruhig hin und her und versetzte der Erde missmutige Tritte. Nur noch zwei Tage bis zu ihrer Rückreise nach England, doch der Leutnant nahm sie immer noch hart ran und schickte sie in brütender Mittagshitze auf Patrouille. Coulthard fluchte halblaut. Der Mann war ein aufgeblasener Affe.
Auf dem Felsvorsprung, wo sie rasteten, konnte Coulthard gerade noch das Dorf erkennen, von dem aus sie sich bis hierher einen Weg gebahnt hatten. Es war eine kleine Ansammlung von Gehöften und baufälligen Gebäuden, die schief aneinanderlehnten wie eine Schar ängstlicher Geschwister. Weiter hinten begrenzten Baumreihen die Siedlung, zu seiner Linken wanderten die Bauern, die sich um die Ernte kümmerten, als kleine Punkte über die sattgrünen Felder. Es schien irgendetwas in der Luft zu liegen, als wartete die ganze Gegend darauf, dass etwas geschehen würde.
Gähnend drehte er sich zu seinen Kameraden um und lehnte das Gewehr an einen Stein. »Na, was werdet ihr denn als Erstes unternehmen, sobald wir wieder in London sind?« Über dieses Thema hatten sie sich in den letzten Wochen gewiss schon hundertmal unterhalten, und er wusste längst, was Hargreaves antworten würde. Trotzdem, diese Gespräche erinnerten sie an die Heimat, und das war Coulthard ganz recht.
Hargreaves ließ die Wasserflasche sinken und erwiderte das Lächeln seines Kameraden. »Sobald ich aus dem Luftschiff steige, werde ich zum Fox and Hound flitzen und mir ein Pint genehmigen. Wie ich die armen Tölpel vermisse, die sich dort an der Theke drängen, mal ganz zu schweigen von einem guten Glas Ale.« Er kicherte, als die Erinnerungen erwachten. »Wie es dann weitergeht, weiß ich noch nicht. Vielleicht fahre ich mit dem Zug nach Berkshire und bleibe eine Weile auf dem Hof meiner Eltern.« Er blickte zu Taylor, dessen Tritte immer noch Staubwolken aufwallen ließen, während er gedankenverloren ins Leere starrte. Hargreaves wischte sich mit dem Ärmel die Stirn trocken und beugte sich verschwörerisch vor. »Was den angeht, bin ich mir nicht so sicher.« Er deutete mit der Wasserflasche auf den Mann. »Er ist nicht gerade in guter Verfassung. Steht immer noch völlig neben sich, obwohl er hier draußen doch wahrlich genug erlebt hat.« Er senkte die Stimme noch weiter. »Vielleicht kommt er sogar in die Irrenanstalt, wenn wir zurückgekehrt sind. Der arme Teufel.«
Coulthard antwortete nicht auf diese Bemerkung. Keiner von ihnen war auf das vorbereitet gewesen, was sie hier erwartet hatte. Trotz der dünnen Lackschicht, die das Empire nachäffen sollte, war Indien eine ganz andere Welt als England. Er konnte es kaum erwarten, nach Hause zurückzukehren und der Hitze, dem Lärm und den allgegenwärtigen Fliegen zu entrinnen. Einen Moment lang beobachtete er Taylor, der wie ein wildes Tier im Käfig hin und her schritt. Hargreaves hatte recht. Indien hatte den Mann gebrochen. Ob man jetzt noch etwas für ihn tun konnte, war höchst zweifelhaft, aber ein Heim? Schon der bloße Gedanke daran ließ ihn schaudern. Damals in Wandsworth hatte er einmal eine Anstalt besucht. Manchmal hörte er noch das Kreischen der Insassen im Kopf, wenn er in den langen Nächten schlaflos dalag und an die abscheulichen Dinge denken musste, die er gesehen hatte. Falls Taylor in ein Heim kam, welche Aussichten hatten dann seine Kameraden ?
Coulthard nahm sich zusammen und wandte sich wieder an Hargreaves. »Tja, wenn ich Glück habe, dann erwartet mich meine Ruth schon am Flugfeld.« Als er an sie dachte, musste er lächeln. In einer Woche würde er sie wieder in die Arme schließen und sie in der fahlen Wintersonne herumwirbeln. Sein Herz pochte in der Brust, als wollte es gleich zerspringen. Genau das half ihm, nicht den Verstand zu verlieren, genau dafür kämpfte er: sein Leben in England und das Leben aller Menschen, die er liebte.
Hargreaves lächelte. Er hatte das alles schon mehr als einmal gehört. Schweigend setzte er die Wasserflasche an die Lippen, und Coulthard blickte wieder zum Horizont.
Hinter sich hörte er ein Schlurfen. Zuerst nahm Coulthard an, es sei nur Taylor, der mit den Stiefeln die festgebackene Erde malträtierte. Dann vernahm er ein leises Wimmern, das von einem verängstigten Tier stammen mochte und ihm eine Gänsehaut einjagte. Langsam drehte er sich um. Das Herz hämmerte wie wild in seiner Brust. Was er nun sah, wäre Grund genug gewesen, gleich selbst ins Irrenhaus zu gehen.
Das Wesen, das Taylor bedrohte, schien den Tiefen des Hades entsprungen. Es trug die Lumpen eines indischen Bauern und war einstmals vielleicht sogar tatsächlich ein Mensch gewesen. Jetzt aber ähnelte es eher einer halb verwesten Leiche. Die Haut des Wesens war verdorrt und schälte sich ab, die Augen waren blutunterlaufen, die Haare hingen ihm in Strähnen ins Gesicht. Wie ein tollwütiges Tier fletschte es die Zähne und ging auf den überrumpelten Taylor los. Vermutlich war das Wesen aus der Deckung der Bäume hervorgekommen, als sie nicht aufgepasst hatten. Taylor war niedergekniet und hatte die Arme gehoben, um das Gesicht zu schützen, als wollte er das Wesen allein mit seiner Willenskraft aus der Welt verbannen.
Coulthard schnappte sich hastig das Gewehr, brauchte jedoch einen Augenblick, bis er die Mündung auf das schreckliche Wesen ausrichten konnte. Hargreaves war bereits aufgesprungen, griff mit blankgezogener Klinge an und wollte das Ungeheuer niederstrecken. Bebend ermahnte Coulthard sich selbst, er solle ruhig atmen, sich einen sicheren Stand suchen und zielen. Er feuerte, und der Rückschlag prellte ihm die Schulter. Das Wesen taumelte rückwärts, ging dann aber voller Ingrimm auf Taylor los, der völlig von der Angst übermannt schien und offenbar nicht einmal auf die Idee kam, er könne sich auf irgendeine Weise gegen das diabolische Geschöpf zur Wehr setzen. Entsetzt musste Coulthard zusehen, wie das Wesen mit den Fingernägeln Taylor das Gesicht zerkratzte, ihm die knochigen Daumen in die Augenhöhlen trieb und den Mann zu Boden warf, nachdem sich das vorher so angenehme Antlitz in einen blutigen Brei verwandelt hatte. Mit einem letzten Klagelaut brach der Mann zusammen und verstummte.
Dann wandte sich das Geschöpf zu Hargreaves um. Blind vor Wut, nachdem sein Kamerad vor seinen Augen niedergemetzelt worden war, führte Hargreaves mit ganzer Kraft einen Streich gegen das Wesen. Er traf und brachte der Kreatur einen tiefen Schnitt in der Brust bei. Die Klinge durchschlug die Haut, die Muskeln und sogar die Knochen. Auch dies konnte das Wesen nicht aufhalten. Zu Coulthards Erstaunen zeigte sich das Geschöpf völlig unempfindlich für Schmerzen und ließ sich auch nicht ablenken, als Hargreaves an der Waffe zerrte, um sie aus dem zertrümmerten Brustkorb des Angreifers zu lösen. Coulthard gab einen weiteren Schuss ab, der ebenso wirkungslos blieb wie der erste, und musste schließlich einsehen, dass seine Feuerwaffe völlig nutzlos war. Er ließ sie fallen, zog stattdessen den Säbel und eilte dem Kameraden zu Hilfe.
Er legte sein ganzes Gewicht in den Stoß und durchbohrte den Leib des Wesens. Das Schwert drang tief ein, sogar das Heft versank im Bauch der Kreatur. Er drehte die Klinge herum und bemühte sich verzweifelt, das böse Geschöpf aufzuhalten und irgendeine Art von Reaktion zu erzwingen. Unbeeindruckt stürmte das Ungeheuer weiter auf Hargreaves los, der inzwischen die Klinge fahren gelassen hatte und mit bloßen Händen auf das Gesicht des Gegners einschlug, während er sich zugleich wand, um den Raubtierklauen des Angreifers zu entgehen. Nicht lange, und er zuckte nur noch anfallartig, denn er hatte nichts ausrichten können, und das Wesen hatte ihn an sich gezogen und ihm mit einem einzigen schrecklichen Schnappen die Kehle herausgerissen.
Entsetzt zog Coulthard den Säbel zurück und schlug nach dem Angreifer, der den erschlafften Körper seines Freundes festhielt. Die Klinge durchtrennte den Arm am Ellenbogen, der tote Hargreaves stürzte in den Staub. Dunkles Blut spritzte aus der Wunde des Ungeheuers, doch das schien die Verletzung nicht einmal richtig zu bemerken. Es fletschte die Zähne, ging auf Coulthard los und biss ihn in den Unterarm, gerade als der Soldat die Waffe heben und den Angriff abwehren wollte. Heulend vor Schmerz versetzte Coulthard dem Wesen einen Tritt, um sich zu befreien. Das Biest roch nach Verwesung, und in den unsteten, nicht menschlichen Augen blitzte eine böse Gier.
Nachdem Coulthard gesehen hatte, welch garstiges Ende seine Gefährten gefunden hatten, konnte er sein Heil nur noch in der Flucht suchen. Entschlossen packte er das Wesen an den Haaren, zerrte seinen Arm aus dessen Mund und fügte sich dabei klaffende Risswunden zu. Ein großer Brocken seines eigenen Fleischs blieb zwischen den Zähnen des Wesens stecken. Er war vor Schmerzen fast ohnmächtig, als er noch einmal die Klinge durch die Brust des Ungeheuers jagte. Endlich drehte er sich um und rannte weg, die Füße trommelten auf der trockenen Erde, und die Beine flogen nur so, als er neben dem Felsvorsprung die Böschung zum Dorf hinunterrannte. Der linke Arm baumelte nutzlos an seiner Seite.
Hinter ihm drehte sich das Ungeheuer um. Obwohl der Griff des Säbels noch aus dem Brustkorb ragte und aus dem Armstumpf dunkles Blut schoss, packte es den toten Taylor bei den Haaren und schleppte ihn langsam in die Deckung der Bäume.

 

sLondon, November 1901

 

Der Raum war voller Geister.

 


Das wollte Felicity Johnson ihnen jedenfalls einreden. Ermüdet nach einem langen Tag in der British Library, wo er verstaubte Papierstapel durchgesehen hatte, trommelte Sir Maurice Newbury nicht ohne eine gewisse Ungeduld mit den Fingerspitzen auf den Tisch. Die Dinnerparty verlief ganz und gar nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte.
Die Gäste hatten sich gleichmäßig verteilt an einem großen runden Tisch niedergelassen, die Gesichter glühten im Schein der gedämpften Gaslampen. Vor den Gästen lagen umgedrehte Becher, Tarotkarten, Stechpalmenblätter und andere Zutaten herum, während die Gastgeberin in dem ansonsten stillen Raum mit schrillem Diskant die Toten zu erwecken suchte.
Newbury fand das Theater wenig beeindruckend und beobachtete lieber die anderen Teilnehmer der Runde. Im Zwielicht waren die Gesichtszüge kaum zu erkennen, viele schienen aber ganz und gar von der Darbietung der Frau eingenommen, die mit fest geschlossenen Augen klagend gestikulierte und in Zuckungen verfiel, sobald ein außerweltlicher Geist von ihr Besitz ergriff. Im Augenblick stammelte sie irgendetwas über Meredith Yorks verstorbenen Bruder. Die arme Frau hing der Gastgeberin förmlich an den Lippen und schluchzte in den Armen ihres Gatten, als wäre sie ehrlich überzeugt, soeben eine Botschaft aus dem Jenseits erhalten zu haben.
Newbury warf einen raschen Blick zu dem Mann, der direkt neben ihm saß, und zuckte mit den Achseln. Sir Charles Bainbridge war Chief Inspector bei Scotland Yard. Der Polizist genoss Königin Victorias besondere Gunst, er war einer der nüchternsten Menschen, die Newbury kannte, und ganz sicher kein Mann, der auf diesen Humbug hereinfiel. Er war gut zehn Jahre älter als Newbury und bereits an den Schläfen ergraut. Der Schnurrbart war buschig und voll, die hellen Augen blitzten boshaft und wirkten nach dem Alkoholgenuss ein wenig gläsern. Als er den gequälten Gesichtsausdruck seines Freundes bemerkte, schenkte Bainbridge ihm ein kleines Lächeln. Offensichtlich vermochte der Polizeibeamte, dessen Gesicht im Dämmerlicht wie ein kantiges Relief erschien, für die Schrullen der Gastgeberin erheblich mehr Nachsicht aufzubieten als er selbst. Ein wenig gereizt sprach Newbury seinem Brandy zu.
Nicht lange, und Miss Johnson sank keuchend in sich zusammen, öffnete die flatternden Lider und hielt sich in affektiertem Entsetzen die Hände vor den Mund. Fragend blickte sie die Gäste an. »Habe ich etwa …?«
Meredith York nickte lebhaft, und als gleich darauf die Gaslampen hochgedreht wurden und den Raum wieder mit einem warmen orangefarbenen Schein erfüllten, zollte das kleine Publikum der Gastgeberin lautstark Beifall. Erleichtert, dass dieses Spektakel endlich vorüber war, lehnte Newbury sich zurück und rieb sich müde mit einer Hand über das Gesicht. Die anderen Gäste waren bereits in angeregte Unterhaltungen vertieft, während er die Szenerie mit der Haltung eines Mannes betrachtete, der drauf und dran ist, sich zu empfehlen. Keinesfalls würde er sich nötigen lassen, zu den Ereignissen des Abends seine Meinung zum Besten zu geben, denn er wollte niemanden, und sei es nur unabsichtlich, vor den Kopf stoßen. Er tippte seinem Freund auf den Arm.
»Charles?« Der andere Mann drehte sich um und erwiderte seinen Blick. Newbury unterdrückte ein Gähnen. »Mein Schlafgemach ruft mich. Vorher will ich aber noch einen Spaziergang machen. Würden Sie mich begleiten?«
Bainbridge gestattete sich ein belustigtes Kichern. »Sind Sie wirklich so scharf darauf, hier zu verschwinden, Newbury?« Mit gespielter Missbilligung schüttelte er den Kopf, gab sich aber keine Mühe, sein Lächeln zu verbergen. »Ich hatte mir schon gedacht, dass Sie das alles recht albern finden. Kommen Sie, wir wollen unseren Freunden eine gute Nacht wünschen und uns verabschieden. «
Die Männer standen gleichzeitig auf, was Felicity Johnson veranlasste, ebenfalls aufzuspringen, kaum dass sie die Bewegung aus dem Augenwinkel bemerkt hatte. Sie tätschelte Meredith Yorks Hand und wandte sich an die beiden Männer. »Aber meine Herren, müssen Sie uns wirklich schon so zeitig verlassen?«
Newbury umrundete den Tisch und fasste sie bei der Hand. »Meine liebe Miss Johnson, ich fürchte, die Pflicht ruft. Charles und ich haben morgen in der Früh wichtige Termine. Vielen Dank für den angenehmen Abend.« Unsicher, wie er fortfahren sollte, zögerte er. »Es war … eine unterhaltsame Zerstreuung.« Höflich nickte er und drehte sich zu dem Butler um, der bereits an der Tür mit seinem Mantel bereitstand. Sichtlich betreten stammelte die Frau: »Es war mir ein Vergnügen, Sir Maurice.« Dann wandte sie sich an Bainbridge, der bereits im Flur seinen Hut vom Ständer nahm. »Und Sie auch, Sir Charles. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.« Dann kehrte sie in den bewundernden Kreis von Meredith York und den anderen Gästen zurück.

 

Auf dem Pflaster lag schmutzig grauer Schnee. Newbury stellte gegen die schneidende winterliche Kälte den Kragen hoch. Am Himmel stand der Vollmond, es war eine klare Nacht, und auf der Straße waren noch viele Passanten unterwegs, die dicke Atemwolken ausstießen. Newbury atmete die frische Luft tief ein und war erleichtert, den in Miss Johnsons Haus drohenden Inkommoditäten gerade noch entkommen zu sein.
Bainbridge, dessen Stock beim Gehen rhythmisch auf dem Pflaster klirrte, wandte sich an Newbury, als sie in Richtung Piccadilly aufgebrochen waren. » Wirklich, Newbury, mussten Sie ihr denn unbedingt so einen Seitenhieb versetzen?«
»O Charles, die Frau ist eine Witzfigur! Sie spielt mit Dingen, von denen sie keine Ahnung hat, und macht sich Mrs. Yorks schmerzlichen Verlust zunutze. Solche Spiele sind gefährlich und tun den Menschen weh. « Seufzend schüttelte er den Kopf. »Ich wollte sie nicht beleidigen, sondern sie nur wissen lassen, dass uns ihr kleiner Zeitvertreib nicht zugesagt hat. Sie wissen doch so gut wie ich, dass keine Geister in dem Raum waren. «
Sie blieben stehen, als eine Omnibahn vorüberklapperte. Die große Dampfmaschine schnaufte, als der Heizer das Feuer schürte, und die angestrengt knarrenden Holzräder polterten über das Straßenpflaster. Einen Moment lang konnte Newbury die Menschen in den kleinen, angehängten Wagen sehen, als sie, gemütlich in die Abteile gekuschelt, ihren Zielen entgegenratterten. Der Fahrer dagegen hockte, gegen die Kälte dick eingepackt, oben auf der Zugmaschine im offenen Führerstand und hielt mit behandschuhten Händen das große Lenkrad fest. Die beiden Männer sahen dem polternden Zug nach, bis er in der Nacht verschwand. Einachsige Droschken und andere altmodische Pferdefuhrwerke mussten dem Ungetüm eilig ausweichen. Newbury lächelte. Es war höchste Zeit, dass die Vergangenheit der Zukunft den Vortritt ließ.
Die beiden Männer überquerten die Straße und gingen weiter. Newbury fand, dass es an der Zeit sei, das Thema zu wechseln. »Sagen Sie mal, Charles, gibt es eigentlich im aktuellen Fall irgendwelche neuen Erkenntnisse?«
Der Kriminalbeamte seufzte. »Leider hat sich hinsichtlich dieser lächerlichen Geschichte über den glühenden Polizisten nichts Neues ergeben. Die Sache geht meinen Wachtmeistern gehörig an die Nieren. Sie werden verspottet, wenn sie ihre Runden machen, niemand beantwortet ihre Fragen, und manch einer traut sich kaum noch in der Nacht hinaus, weil er nicht unversehens diesem verabscheuungswürdigen Kerl begegnen will. Diese abergläubischen Trottel!«
Newbury wurde schlagartig ernst. »Charles.« Er klopfte dem anderen Mann auf die Schulter. »Nun regen Sie sich nicht gleich so auf. Und tun Sie die Geschichten nicht einfach ab, solange es keine klaren Beweise dafür gibt, dass da tatsächlich nichts weiter dran ist.«
Bainbridge erwiderte ungläubig seinen Blick. »Himmel, Newbury, Sie meinen doch hoffentlich nicht, diese haarsträubenden Geschichten könnten irgendeine fassbare Grundlage haben? Nein, dies ist offensichtlich der gleiche Quatsch wie Miss Johnsons Geister!«
Newbury zögerte. »Gewiss, ich habe mich Miss Johnson gegenüber geringschätzig gezeigt, aber ich habe den ganzen Tag damit verbracht, die Regalreihen der British Library nach Hinweisen auf glühende Polizisten abzusuchen, und kann Ihnen versichern, dass mehr dahintersteckt, als man auf den ersten Blick vermuten würde.«
Bainbridge blieb wie angewurzelt stehen und stützte sich auf den Gehstock. »Was meinen Sie damit ? «
»Es gibt da einen etwa zwölf Jahre alten Fall. Ein Bobby wurde von einer Bande kleiner Diebe ermordet. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort, eigentlich nichts Ungewöhnliches.« Bainbridge nickte. »Nun ja, einen Monat nach der Beerdigung wurde ein ›glühender Polizist‹ beobachtet, der in der Gegend von Whitechapel im Nebel umging. Seine Haut hätte blau geschillert. Anschließend hat man nacheinander die Leichen der Diebe gefunden. Alle waren erwürgt und in demselben Stadtviertel abgelegt worden. Aus den Zeugenaussagen geht hervor, der tote Wachtmeister sei aus dem Grab auferstanden, um sich an seinen Mördern zu rächen. Nach dem unzeitigen Tod des letzten Diebs ward der ›leuchtende Bobby‹ nie wieder gesehen.« Newbury hielt inne. »Jetzt taucht er wieder auf. Ich habe mir die Geschichte aus mehreren Zeitungsartikeln zusammengereimt. «

Über George Mann

Biografie

George Mann ist Autor zahlreicher Drehbücher für die TV-Serie »Doctor Who«, phantastischer Romane und Erzählungen. Nach »Affinity Bridge« und »Osiris Ritual« führt er in »Immorality Engine« den Leser erneut in die faszinierende Welt des Steampunk. George Mann lebt mit Frau und Kindern in England.

Pressestimmen

SLAM

»'Affinity Bridge' sprüht förmlich vor guten Einfällen und Ideen (...).«

Abenteuer & Phantastik

»Affinity Bridge ist nicht nur Steampunk, sondern auch ein spannender und intelligenter Thriller.«

Ruhr-Guide

»Actionreich und rasant (…) spannungsgeladene Verschwörungsgeschichte.«

phantastik-news.de

»Mit leichter Hand, stilistisch ansprechend und voller liebevoller Details präsentiert George Mann seine ganz eigene Mischung aus viktorianischem Detektivroman in der Nachfolge von Sherlock Holmes und seinem Steampunk- Roman, der es in sich hat.«

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