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Abgott Abgott

Abgott

Thriller

Taschenbuch
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Abgott — Inhalt

Derby ist eine ruhige, beinahe idyllische Stadt, stolz auf seine zweitausendjährige Geschichte. Als ein College dort vier Studenten als vermisst meldet, ist zunächst kaum jemand von der Polizei beunruhigt, auch DI Damen Brook nicht. Aber dann taucht im Internet ein Film auf, der behauptet, den kollektiven Selbstmord der vier zu zeigen. Ein Fake? Aber was soll diese Inszenierung? Und wo stecken die Studenten? Ist der Film echt? Aber warum sollten diese vier begabten jungen Leute mit besten Zukunftsschancen sich umgebracht haben? Oder wurden sie ermordet? Und wenn ja, wer könnte ihnen ein derart absurdes,schreckliches Ende gesetzt haben? Ausgeklügelte Forensik, großartige Polizeiarbeit und ein unheimlicher Psychopath - Hochspannung um einen unheimlichen Serienmörder.

 

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 16.02.2015
Übersetzer: Juliane Pahnke
592 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-1002-7
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 16.02.2015
Übersetzer: Juliane Pahnke
592 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7753-0

Leseprobe zu »Abgott «

1
Im Januar, drei Jahre zuvor
»Wie weit noch, Ian?«, fragte der kleinere Junge und warf den Rucksack ins Gras. Nur knapp verfehlte er einen getrockneten Schafköttel.
»Ein paar Hundert Meter. Siehst du die Biegung im Fluss?« Ian hob den Arm und zeigte auf den Bogen, den das Wasser machte. »Direkt dahinter.« Er kramte in einer Tasche und zog ein Päckchen Zigaretten hervor. »Willste auch?«, fragte er, steckte sich eine an und sog den Rauch tief ein. Sein Freund schüttelte den Kopf. Ian förderte eine kleine Flasche billigen Wodka aus seiner Gesäßtasche hervor [...]

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1
Im Januar, drei Jahre zuvor
»Wie weit noch, Ian?«, fragte der kleinere Junge und warf den Rucksack ins Gras. Nur knapp verfehlte er einen getrockneten Schafköttel.
»Ein paar Hundert Meter. Siehst du die Biegung im Fluss?« Ian hob den Arm und zeigte auf den Bogen, den das Wasser machte. »Direkt dahinter.« Er kramte in einer Tasche und zog ein Päckchen Zigaretten hervor. »Willste auch?«, fragte er, steckte sich eine an und sog den Rauch tief ein. Sein Freund schüttelte den Kopf. Ian förderte eine kleine Flasche billigen Wodka aus seiner Gesäßtasche hervor und schraubte sie auf. Er nahm einen großen Schluck, verzog das Gesicht und keuchte. Dann bot er die Flasche seinem Kumpel an, der eine Sekunde lang zögerte.
»Ach, warum nicht, scheiß drauf.« Er nahm einen noch größeren Schluck als Ian und verzog ähnlich schmerzlich das Gesicht, ehe er die Flasche zurückgab. Behutsam betastete er die ersten Stoppeln auf seinen Wangen. »Wieso trinken die Leute das Zeug? Mein Gesicht ist ganz taub.«
»Genau darum.« Ian grinste.
Hintereinander gingen sie weiter und folgten vorsichtig dem matschigen Pfad, der am Flussufer verlief. Das Wasser floss schnell, vom Winterregen war der Fluss angeschwollen und rauschte wie das Blut in ihren Ohren. Der Boden war glitschig, und die beiden verfielen wieder in Schweigen.
An der Biegung verließ Ian den Pfad und steuerte einen großen, knorrigen Baum an. Dort nahm er Zigaretten und Wodka aus den Taschen und warf sie dem kleineren Jungen zu. »Bedien dich«, sagte er. »Das dauert nicht lange.« Dann schwang er sich mit dem Rucksack auf dem Rücken auf den Baum. Der kleinere Junge öffnete die Wodkaflasche und nahm noch einen vorsichtigen Schluck.
Einige Minuten später sprang Ian neben seinem Kumpel wieder auf den Boden und nahm den Rucksack vom Rücken. »Alles bereit.« Er holte eine Kamera heraus und richtete sie auf seinen Freund, der mit dem Wodka posierte und noch einen Schluck nahm. »Perfekt«, sagte er.
»Du hast genug Bilder?«
»Massig. Die werden sie aufschlecken.«
Der andere Junge lächelte und nickte. Dann schaute er zum Fluss. »Schöner Tag heute.«
»Der beste«, erwiderte Ian.
Der kleine Junge drehte sich um und begann, den Baum hochzuklettern. Ian steckte sich eine Zigarette an und richtete die Kamera auf das grelle Winterlicht. Er entfernte sich ein paar Schritte von dem Baum, drehte sich um und winkte seinem Freund zu, der fast in Position war.
Als er bereit war, hob der Junge den Arm. »Fertig?«
»Fertig!«, rief Ian vom Boden.
Der Junge balancierte jetzt auf dem Ast und schaute auf die Landschaft vor seinen Augen. Von da oben bot sich ihm ein fantastischer Blick über den Fluss. Er konnte die Brücke und dahinter den Otterdamm sehen. Fast bildete er sich ein, die Turmuhr vom Rathaus zu erkennen. Sein Blick wanderte weiter zu einem Hund, der am anderen Ufer einen Maulwurfshügel ausbuddelte. Ein Springer Spaniel – hübsche Hunde. »Schöner Tag«, wiederholte er mit einem Lächeln.
Er schloss die Augen und trat ins Leere, dachte sogar in diesem letzten Moment daran, in Gedanken Ich liebe dich, Mum zu sagen, als er auf den Boden zuraste. Im Sturz glaubte er das Sirren der Kamera zu hören. Wenn seine Peiniger diese Bilder sahen, wüssten sie Bescheid.
Eine Sekunde später erbebte der Baum. Sein Sturz wurde vom Brechen seines Genicks gestoppt.
Das Seil hielt. Ian war froh. Alles war gut gegangen. Er hielt die Kamera vors Auge und machte die Aufnahmen, die das Geld brachten. »Bald wissen alle, wer du bist, mein Freund. Und jeder wird dich beneiden.«

2
Dienstag, 17. Mai – Gegenwart
Der Mann platzierte die letzte Pylone auf der Station Road und stellte das Schild auf, mit dem die Straße Richtung Norden gesperrt wurde. In der nächsten halben Stunde konnte kein Verkehr über die Brücken in dieses Dorf in Derbyshire kommen. Zuerst hatte er überlegt, ob die Vorsichtsmaßnahme nicht übertrieben war auf einer so wenig befahrenen Straße. Besonders morgens um drei. Aber wenn man einen Toten loswerden wollte, konnte man gar nicht vorsichtig genug sein.
Er ging gemächlich zurück zum Fahrzeug, stieg ein und rollte, ohne den Motor einzuschalten, den Hang zur Eisenbahnbrücke hinunter. Nachdem er rückwärts in die Einfahrt eines einsamen Bauernhofs eingeparkt hatte, die zwischen den Bäumen nur schemenhaft zu erkennen war, ließ er den Wagen anspringen und fuhr langsam wieder auf die zweite Brücke, die sich über den Derwent spannte. Dort hielt er und stieg aus.
Den Motor ließ er laufen, öffnete die hinteren Türen und zog die Trage heraus. Die Metallbeine mit Rollen entfalteten sich selbstständig und der Mann schob die Trage zur niedrigen Brückenmauer. Dort bremste er ab. Der bleiche, wächserne Leichnam war der eines Mannes mittleren Alters, bis auf ein Lendentuch nackt. Der Mann beugte sich über die Leiche und schnupperte. Er liebkoste das tote Gesicht mit den Fingern und rieb die Kuppen in den Latexhandschuhen aneinander. Ein öliger Film vom Make-up haftete am Gummi.
Schließlich richtete er sich auf, grinste schief und fuhr ein letztes Mal mit der Hand durch die gewaschenen, frisch geschnittenen Haare.
»So gut wie neu.« Er überprüfte die Naht an der Flanke des Mannes, ehe er sich daran machte, den Körper anzuheben. Die Narben unter der Nase des Leichnams fielen ihm ins Auge und er runzelte die Stirn. »Niemand ist perfekt.« Er schob die Hände unter den Körper und rollte ihn von der Trage über die Mauer ins Wasser. Ein paar Pferde grasten auf einer dunklen Wiese und hoben bei dem Geräusch die Köpfe, ehe sie sich wieder ihrer Beschäftigung widmeten.
Er sah zu, wie der Leichnam im Wasserstrudel unterging. Träge schien ein Arm ihm zum Abschied zu winken.
»Gute Reise durch die dunklen, wirren Gewässer, mein Freund.«
Nach einem Moment, in dem er völlig vom beruhigenden Rauschen des Wassers gelähmt war, rollte er die Trage zurück ins Fahrzeug und schloss die Türen. Dann ging er die hundert Meter zurück zu der Eisenbahnbrücke und stapelte die Pylonen auf dem Asphalt zusammen. Er ließ den Stapel stehen, weil sie so niemandem auffielen, doch das Schild schleppte er zurück zum Fahrzeug und schob es hinten rein.
Die halbe Meile bis Elvaston Castle legte er auf der dunklen Landstraße ohne Licht zurück, ehe er vor einer zweiten Reihe mit Pylonen hielt und auch diese zusammenräumte. Diesmal packte er sie zusammen mit dem Schild, mit dem er die Straße gesperrt hatte, hinten in den Wagen und fuhr in der Dunkelheit davon.

3
Mittwoch, 18. Mai
Jim Watson saß reglos in der warmen Dunkelheit des Wohnzimmers und lauschte dem krächzenden Schnarchen seiner Frau. Das Fernsehbild flackerte in der Zimmerecke und war die einzige Lichtquelle im Raum. Der Ton war fast nicht zu verstehen.
Watson schaute nicht auf den Fernseher und hörte auch nicht zu. Aber wenn er das Gerät ausschaltete oder nur den Ton stumm schaltete, könnte das Himmelreich gestört werden, in das sich seine Frau eingekuschelt hatte. Das durfte er nicht riskieren.
Er atmete tief durch und warf einen verärgerten Blick auf ihren schlafenden Körper auf dem Sofa. Der Mund stand offen und gewährte einen Blick auf die gelblichen Zähne, die sie sonst immer hinter den fest zusammengekniffenen Lippen versteckte, die Teil jenes biestigen Gesichtsausdrucks waren, den sie inzwischen immer zeigte. Das strähnige, ergraute Haar klebte an ihrer Wange und schien ihr in den Mund fließen zu wollen. Hätte sie das nicht garantiert geweckt, hätte Watson ein geradezu diebisches Vergnügen daran gefunden, wenn sie daran ersticken würde.
Zum hundertsten Mal schaute er auf die Uhr und ließ den mürrischen Blick zu seiner Frau zurückwandern. Schon nach Mitternacht, und immer noch ließ diese blöde Kuh in dem grauen Fetzen von einem Bademantel ihn warten.
Watson hatte das Gefühl, zwischen zwei Stühlen zu stehen. Sollte er sie wecken und halb schlafend ins Bett bringen oder hierlassen und hoffen, dass sie die Nacht durchschlief? Aber wieso? Er lächelte schief, weil er sich an etwas erinnerte, doch das Lächeln erstarb sofort, als seine Frau sich im Schlaf bewegte. Der schäbige Frotteestoff vom Bademantel, den sie ständig trug, drohte es ihrem Mund nachzumachen, indem er vorne aufklaffte und die Brüste entblößte, die ihn früher so erhitzt hatten. Inzwischen fand er sie nur noch widerlich.
James Henry Watson war vierzig Jahre alt, und das hier war sein Leben. Er wandte sich angewidert ab. Seine alternde Frau hatte sich so vollständig und absichtlich gehen lassen, dass allein ihr Anblick in abstieß. Dennoch war diese Abscheu nichts verglichen mit dem Selbsthass, den er entwickelt hatte, weil sein Leben an ihres gekettet war. Seine Xanthippe war schon mit achtunddreißig eine alte Frau, und um die Sache nur noch schlimmer zu machen, war er immer noch ein richtig gut aussehender Kerl. Wenn er mal abends in der Stadt einen draufmachte, schauten die Frauen ihm nach. Ihre Blicke verrieten dabei, wie sehr sie ihn wollten und was für eine entsetzliche Verschwendung es für jede von ihnen war, dass er diese verschrumpelte Hexe an seiner Seite hatte.
In der Bauarbeiterkluft sah er sogar noch besser aus. Mit Karohemd, einer arschengen Jeans mit aufgerissenen Knien und den Timberland-Stiefeln, die genauso abgewetzt waren wie seine verwitterten Gesichtszüge, war er für vernachlässigte Hausfrauen ein aparter Anblick. Gut gebaut und gebräunt von der harten Arbeit unter freiem Himmel mit einer Spur Grau in den blonden, lockigen Haaren war er immer wieder Ziel offener Flirtversuche und subtiler Teeeinladungen, während seine Jungs, die für fünf Pfund die Stunde für ihn schufteten, ihm hinter den Rücken der Frauen beifällig zunickten und -zwinkerten.
Gelangweilte Frauen jenseits der dreißig mit ein bisschen Geld auf dem Konto waren besonders hartnäckig. Einsam und frustriert spürten sie, wie ihnen die Zeit durch die Finger rann und mit jedem Monat ihre Reize nachließen. All das Shopping und die Freizeit machten ihr Leben nicht weniger monoton.
Des Öfteren, wenn er seine Kunstfertigkeit in Konversation unter Beweis stellte und sie verwirrt und bewundernd zu ihm aufblickten, spürte er, wie sie seinen gestählten Körper musterten. Sie wollten ihn. Forderten ihn heraus, sein Hemd zu öffnen, damit sie ihre teuer manikürten Nägel über seine nackte Brust ziehen konnten.
Aber er gab sich allen Verlockungen zum Trotz nicht dem Betrug hin. Obwohl er viele Angebote bekam und obwohl seine ätzende Frau ihn immer wieder provozierte. Nein, niemals. Jim Watson brüstete sich mit seiner Rechtschaffenheit, denn er hatte vor Gott einen Eid geleistet, dass er nie vom rechten Weg der unerschütterlichen Treue abweichen würde. Und das hatte er auch nie getan. Allerdings machte es das nur noch aufreibender, sich Tag für Tag den Gehässigkeiten und Verdächtigungen auszusetzen, die seine Frau wie Gift verspritzte.
Ich weiß, wie diese reichen Flittchen sind. Sitzen den ganzen Tag in ihren Häusern, donnern sich auf und suchen nach ein bisschen Aufregung. Glaubst du, ich sehe nicht, wie sie dich angucken? Lass dich bloß nicht dabei erwischen …
Watson atmete erneut tief durch. Gott allein wusste, wie sehr er litt. Gott wusste, dass er Jim Watson was schuldete.
Endlich hörte er das Geräusch, auf das er gewartet hatte. Aber es waren nicht die Schritte seiner Tochter, sondern ein Auto, das vor dem Haus bremste. Das Motorengeräusch klang kraftvoll, ehe es erstarb, als wollte es gar nicht auffallen. Watson wartete und lauschte. Er erhob sich lautlos aus dem Sessel und schlich zum Fenster, um die Gardine beiseitezuschieben. Eine Stimme erhob sich, gefolgt von gedämpftem Heulen. Dann sah er seine Tochter. Sie knallte die Tür eines schnittigen Sportwagens zu, ehe sie zum Haus rannte. Der Sportwagen – ein Porsche – raste mit quietschenden Reifen davon.
Möglichst leise ging Watson zur Tür und behielt dabei die schnarchende Harpyie auf dem Sofa im Auge. Er schlüpfte aus dem Wohnzimmer und zog die Tür behutsam hinter sich zu. In der Dunkelheit wartete er am Fuß der Treppe.
Ein Schlüssel wurde im Schloss gedreht, und Adele betrat das Haus. Nachdem sie die Tür geschlossen hatte, lehnte sie den schlanken Körper matt gegen die Tür, als müsste sie Eindringlinge fernhalten. Sie schaute hoch und seufzte. Watson glaubte zu erkennen, wie sie sich eine Träne abwischte. Sie atmete abgehackt, begann nur langsam, sich wieder zu fangen. Es dauerte einen Moment, ehe sie das Gleichgewicht zurückerlangt hatte und sich schließlich aufrichtete und von der Tür löste.
Watson beobachtete sie immer noch aus der Dunkelheit. Seine Tochter fuhr sich mit der Hand über die Stirn und durch die weichen, dunklen Haare bis zum perfekten Schwung ihres Nackens. Sie straffte sich und atmete tief durch, als habe sie eine Entscheidung getroffen und wüsste nun, wie es weiterging.
»Und tschüs«, hauchte sie.
»War er das?«, fragte Watson und tauchte aus der Dunkelheit auf.
Adele Watson zuckte zusammen, als sie ihren Vater hörte, und tastete nach dem Lichtschalter. Eine Neonröhre erwachte flackernd zum Leben und verströmte ihr erbarmungsloses Licht.
»Dad. Warum bist du so spät noch wach?« Adele versuchte zu lächeln, als wäre alles in bester Ordnung, doch sie konnte seinen Blick nicht erwidern.
»Dasselbe könnte ich dich fragen, Liebes.« Er trat in das grelle Küchenlicht und schloss die zweite Tür, die sie nun von seiner Frau trennte. »War er das? Dein kleines Geheimnis, dein schlechtes Gewissen?«
»Schlechtes Gewissen? Wie meinst du das?«
»Er hat ein Auto, richtig? Einen Porsche sogar, wenn ich das richtig gesehen habe. Davon hast du nichts erzählt. Bisher hat er dich nie bis zur Haustür gebracht.« Adele schaute weg. »Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen, junge Frau?«
»Ich bin achtzehn, Dad. Das geht dich nichts an.«
»Du gehst noch zur Schule, Mädchen. Zumindest noch eine Zeit lang. Du lebst in meinem Haus und verdienst kein Geld. Darum geht es mich sehr wohl etwas an.«
»Das finde ich nicht«, erwiderte sie überheblich.
»Ich finde schon. Und ich wäre dir sehr verbunden, wenn du nicht in diesem Ton mit mir sprechen würdest.«
Adeles Miene verriet, dass ihr eine trotzige Antwort auf der Zunge lag, die sie sich aber verkniff. »Das ist doch dämlich«, sagte sie nur und steuerte die Tür an. Watson verstellte ihr den Weg.
»Antworte mir.«
»Worauf soll ich antworten?«
»Er hat ein teures Auto.«
»Ist das eine Frage?«
Watson grinste seine hübsche Tochter höhnisch an. »Sei nicht so überheblich, sonst lernst du mich ganz anders kennen. Wer ist er?«
»Er ist ein Freund«, antwortete sie nach wenigen Sekunden ausweichend.
»Ein Freund?«, schnaubte er. »Du hast einen Freund, der ein teures Auto fährt und den du zu erwähnen vergessen hast?«
Adele seufzte. Ihre Augen wanderten suchend Richtung Treppe. »Dad, ich bin müde.«
»Mit so einem Auto muss er um einiges älter sein als du, Ade.«
»Dad …«
»Und ich weiß, was das heißt. Glaubst du, ich weiß das nicht? Männer wie er erwarten …« Er verstummte, weil er die Worte nicht über die Lippen brachte.
»Na? Was erwartet er?«, gab Adele zurück. Ihre dunklen Augen funkelten ihn wütend an.
Watson verzog das Gesicht. Die dunklen Gedanken ließen sich kaum in die richtigen Worte gießen. Schließlich erklärte er: »Ältere Männer mit Geld wollen von hübschen Mädchen bestimmte Dinge. Stimmt’s?«
Adele zögerte. Sie wusste, was er von ihr erfahren wollte, war aber klug genug, es ihm nicht zu sagen. »Er ist gar nicht so viel älter«, log sie und bemerkte, wie ihm das nur ein schwacher Trost war. Zugleich wurde ihr von ihrer eigenen Schwäche ziemlich übel. Sag ihm schon, dass du verliebt bist. Erzähl ihm vom Sex und dass du keine Jungfrau mehr bist. Sie erwiderte den Blick ihres Vaters ungerührt und genoss beinahe seine Qual. »Außerdem bin ich eine erwachsene Frau und kann meine eigenen Entscheidungen treffen.«
Watson ballte die Faust und verzog schmerzlich das Gesicht. Adele machte einen Schritt nach hinten. »Sag schon, wer ist er?«, zischte er wütend. Noch immer versuchte er, seine Stimme zu dämpfen, damit sie nicht gehört wurden.
»Nein.« Adele machte Anstalten, sich an ihm vorbeizuschieben, doch er packte ihre Schultern und schüttelte sie.
»Sag es mir!« Diesmal drehte er sich halb zur geschlossenen Tür, um sich zu vergewissern, dass sie alleine waren.
Wütend funkelte Adele ihren Vater an. »Du tust mir weh.«
»Sag mir, wer er ist.«
Sie befreite sich aus seinem Griff und wich zurück, aber Watson folgte ihr und drängte sie gegen das Spülbecken. »Spuck’s aus«, beharrte er, packte ihre Handgelenke und musterte ihre Brüste, die sich gegen den Stoff ihres tief dekolletierten T-Shirts drückten.
»Bitte, Dad.«
Watson drängte sich an sie und drängte sie gegen den kalten Edelstahl des Beckens. »Dann sag es mir. Wer ist er?«
»Er ist nicht du«, zischte sie und verzog das Gesicht voller Abscheu.
Als habe sie ihm eine Ohrfeige versetzt, zuckte Watsons Kopf nach hinten, und er lockerte seinen Griff. Adele konnte ihn von sich wegschieben. »Was soll das heißen, Ade? Ich bin dein Vater. Ich liebe dich und will doch nur das Beste für dich.«
»Das Beste? Ich weiß doch, wie du …« Adele verstummte und richtete den Blick starr auf den Linoleumboden, als könnte sie damit der Konfrontation ausweichen. Erst dann schaute sie zu der Tür. »Ich bin müde«, sagte sie leise.
»Du bist müde?«, verhöhnte Watson sie. »Welches Recht hast du denn, müde zu sein? Du hast dein Leben lang nicht einen Tag gearbeitet. Sitzt im Klassenzimmer, schreibst Gedichte – das ist doch keine Arbeit. Ich schufte den lieben langen Tag, um für dich und deine Mutter zu sorgen. Und was bekomme ich? Nichts. Kein Wort des Danks. Das Geld für deine Schulbücher, für die Universität nächstes Jahr, und das bedeutet noch mehr Geld für noch mehr Bücher.« Wieder wanderte sein Blick über ihre wohlgeformte Figur, die sich unter dem Designer-T-Shirt und der Jeans abzeichnete. Dazu trug sie braune Chelsea-Boots. Sie wurde blass. »Sogar die Klamotten, die du trägst, gehören mir und deiner Mutter. Vergiss das ja nicht.«
Adeles Unbehagen verwandelte sich plötzlich in Wut, und Tränen glitzerten in ihren Augen. »Du willst die Sachen haben? Hier.« Sie begann, sich das T-Shirt über den Kopf zu ziehen.
»Hör damit auf.« Er packte ihren Arm, damit das T-Shirt nicht noch mehr nackte Haut entblößte. »Hast du denn überhaupt kein Schamgefühl?«
»Schamgefühl?« Verbittert lachte sie ihm ins Gesicht. »Verdammte Scheiße, und wie ich das habe, Dad.«
Watson verzog schmerzlich das Gesicht. Er konnte sie nicht ansehen. »Bitte, sei nicht so, Engel. Ich will doch nicht, dass du dich hier ausziehst.«
»Was willst du dann von mir? Sag schon, was schulde ich dir? Schreib mir eine Rechnung, dann bekommst du jeden Penny zurück.«
Watsons Stimme wurde ganz sanft. Er breitete die Arme aus. »Baby, ich meinte es doch nicht so. Es ist nur … du bist jung, verletzlich und zugleich … Du wirst deinen alten Dad bald schon nicht mehr brauchen. Was wird dann aus mir?«
»Du hast ja immer noch Mum.«
»Als ob ich das nicht wüsste.« Er lächelte schwach. »Wie wär’s mit einer Umarmung für deinen alten Herrn?«
»Ich sagte doch schon, ich bin furchtbar müde, Dad. Morgen muss ich zur Schule.« Einen Moment lang huschte die Spur eines Zweifels über ihr Gesicht. Schaffe ich das überhaupt noch?
»Was ist schon eine kleine Umarmung zwischen Daddy und seiner Tochter? Wir haben uns früher doch oft umarmt.« Adele schaute beiseite. »Oder ist dein Freund der Einzige, der dich noch umarmen darf?«, spöttelte Watson.
»Er ist nicht mehr mein Freund, Dad.« Adele blickte zu ihm auf. Jetzt weinte sie. Heftige Schluchzer schüttelten sie im erbarmungslosen Licht. Watson nahm sie in die Arme und drückte ihren Kopf an seine Schulter.
»Na, na«, flüsterte er, streichelte ihren Rücken und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Ist doch alles in Ordnung. Der Scheißkerl ist es nicht wert, deine Stiefel zu lecken. Ich bin doch hier, Baby.« Er streichelte ihre Haare. »Dein Dad versteht dich. Bleib einfach bei deinem alten Herrn. Ich werde immer für dich da sein.« Watson legte die Hände auf ihre Schultern und schob sie auf Armeslänge von sich weg, um ihr in die Augen zu sehen. »Wir brauchen doch niemanden außer uns, oder?«
»Weißt du eigentlich, wie spät es ist, junge Dame?«, krächzte eine Stimme aus Richtung Tür.
Vater und Tochter zuckten zusammen. Adele machte einen Schritt nach hinten und versuchte, ihre Mutter mit einem Lächeln zu beruhigen. Doch es war nur ein schwacher Versuch. Ihr Vater drehte sich nicht zu seiner Frau um, sondern richtete sich bloß auf und kniff den Mund zusammen.
Wie sie so in der Tür stand und sich den Schlaf vom grauen Gesicht wischte, wirkte Roz Watson noch kleiner und verknitterter. Die kleinen stechenden Augen bohrten sich förmlich in den Hinterkopf ihres Mannes, obwohl sich ihre Frage an die Tochter richtete.
»Nun?«
»Sorry, Mum. Ich wollte gerade nach oben gehen.« Adele wollte zur Tür, doch ihre Mutter packte ihr Handgelenk.
»Hast du geweint?« Adele nickte stumm. »Was hast du ihr angetan, Jim?«, fauchte sie ihren Mann an. Adele wollte was einwenden, doch ihre Mutter hob die Hand und brachte sie zum Schweigen.
Watson drehte sich schließlich zu ihr um. »Nichts.« Trotzig blickte er sie an. Einen Moment lang erwiderte sie seinen Blick.
»Mum, so war das gar nicht.«
»Was war gar nicht so?«, wollte ihre Mum wissen. Adele schaute sich suchend in der Küche um, als könnte sie irgendwo die Antwort finden. Aber ehe sie etwas antworten konnte, wurde ihr das Wort abgeschnitten. »Ins Bett.«
Dankbar eilte Adele zur Treppe. Ein letztes Mal blickte Roz Watson angewidert ihren Mann an, ehe sie ihr folgte.
»Sie hat sich von ihrem Freund getrennt«, rief Watson ihrem hutzeligen Rücken nach. »Darum hat sie geweint.«
»Ich gehe nach oben«, sagte sie, machte aber keine Anstalten, sondern blieb stehen, drehte sich um und kam zurück zu ihm. Sie lächelte ihn an und griff in seinen Schritt. Mit ihrer dürren Hand knetete sie seine Männlichkeit. »Wie geht’s meinem Lieblingssoldaten? Bereit, die Kaserne zu verlassen?« Mit der anderen Hand schob sie den Bademantel auf und blickte schmollend zu ihm hoch. »Gefällt dir nicht, was du siehst?«
Watson erwiderte das Lächeln schwach.
Sie lachte und trippelte Richtung Treppe. »Lass mich nicht zu lange warten«, hauchte sie über die Schulter.
Nachdem sie fort war, kehrte Watson ins Wohnzimmer zurück und warf sich in den Sessel. Keine Macht auf Erden konnte ihn dazu bringen, den Horror des trockenen Sonntagsficks schon auf Mittwoch vorzuziehen.
Adele saß im Dunkeln auf ihrem Bett. Nur ihr Gesicht leuchtete im Schein des Laptopbildschirms. Sie loggte sich bei Facebook ein und ging auf ihr Profil. Eine Träne rann über ihre Wange, als sie ihren Beziehungsstatus auf Single änderte. Dann schaute sie nach, wer von ihren Freunden zu so später Stunde noch im Chat war.
Becky und Fern waren online, aber das waren sie eigentlich immer. Sie teilten die Leidenschaft für Belanglosigkeiten, für die Adele nie Verständnis hatte aufbringen können. Obdachlose und Umweltverschmutzung waren ihnen egal, und sie ernährten sich nicht mal vegetarisch. Nur wenn sie über Jungs oder Klamotten reden wollte, konnte sie sich jederzeit an die beiden wenden. Sie kannten sich seit der Grundschule, auch wenn sie sich nie so richtig nah gewesen waren. Selbst jetzt, kurz vor dem Abschluss, verband sie kaum mehr als ein paar gemeinsame Kurse. Und egal, wie intensiv die Freundschaft war – sie musste immer hinter Beckys zahlreichen Beziehungen zurückstecken.
Beziehungen – dieser Gedanke brachte sie wieder zum Ende ihrer Beziehung. Sie schaute auf die Uhr. Schon halb zwei. Vor weniger als einer Stunde war sie noch glücklich gewesen. Vor weniger als einer Stunde war sie verliebt gewesen.
»Nein. Ich bin immer noch verliebt«, murmelte sie. »Und es tut weh.« Vor nicht mal zwei Stunden hatte er sie auf einer Picknickdecke unter freiem Himmel geliebt. Er sagte, er habe nicht genug Benzin im Tank, um bis zum Cottage rauszufahren. Sie hätte misstrauisch werden sollen, dass er nur einen Quickie wollte. Quasi als Abschiedsgeschenk. Danach hatte sie ihn gefragt, ob er sie liebte. Er schwieg und zog sich die Hose wieder an. Natürlich. Das war der zweite Hinweis. Dann sag es doch, hatte sie gedacht. Ich liebe dich, aber ich glaube, wir haben einen Punkt erreicht, wo es nicht weitergeht, Ade. Du gehst bald zur Uni. Du bist jung und schön und wirst einen anderen kennenlernen.
Sie gab sich einen Ruck und widmete sich wieder Facebook und scrollte durch die Liste der Freunde, die online waren. Mindestens ein Dutzend Namen, die sie überflog und anklicken wollte. Doch nach wenigen Sekunden ließ sie die Maus los. Facebook-Freunde … Sie kannte kaum jemanden von ihnen persönlich. Nicht genug, um ihre tiefsten Ängste und Gefühle zu offenbaren. Ein bisschen Plaudern, mehr war mit ihnen nicht möglich. Sie seufzte, befeuchtete einen Finger und rieb über das trockene Salz um ihre Augen und auf den Wangen. Ihr Blick suchte nach einem Stift. Sie könnte Di davon erzählen. Di würde ihr zuhören. Sie war ihre beste Freundin.
Vor ihrem Zimmer knarzte ein Dielenbrett. Adele starrte wütend zur Tür.
»Adele.« Die Stimme ihres Vaters, flüsternd und drängend.
Sie antwortete nicht, sondern klappte nur ihren Laptop zu, um jegliches Licht zu vermeiden. Ihr Blick verharrte auf dem Türgriff, der sich langsam drehte. Adele hielt den Atem an. Die Tür wurde aufgedrückt und von der Stuhllehne gebremst, die sie unter dem Türgriff festgeklemmt hatte, damit niemand reinkam.
»Adele.« Jetzt hörte sie die wachsende Wut in der Stimme ihres Vaters. Aber es war besser, nicht zu reagieren. Irgendwo am anderen Ende vom Haus hörte Adele die Stimme ihrer Mutter, ohne ein Wort zu verstehen. Die Tür ging wieder zu. Ihr Vater verharrte draußen im Flur, ehe er schließlich fröhlich »Nacht, Ade!« rief und zurück in sein eigenes Bett trottete.
Adele atmete aus und klappte den Laptop wieder auf. Sie wollte sich gerade bei Facebook ausloggen, als sie einen neuen Namen auf der Liste der Onlinekontakte entdeckte. Sie ging mit dem Mauszeiger auf den Namen und zögerte. Das wäre ein großer Schritt. Im nächsten Moment klickte sie auf den Namen und tippte einen Smiley in das Dialogfenster. Es war Zeit.

4
Donnerstag, 19. Mai
Detective Inspector Damen Brook wachte vom Ruf einer Schleiereule auf. Er hatte noch die jüngst gekaufte Lesebrille auf der Nasenspitze. Er nahm sie ab und legte sie neben der Leselampe auf dem Nachttisch ab. Dann atmete er bewusst die weiche Sommerluft ein, die mit den Vorhängen spielte, und döste wieder ein. Der Wind rauschte in den Bäumen des Kirchhofs. Sonst rührte sich nichts im Dorf.
Brook spürte das Gewicht auf seinem Bauch und hob die aufgeschlagene Ausgabe von »Auf der Suche nach dem Schlitzer« von der Bettdecke. Er knickte die Seite und klappte das Buch zu, ehe er es auf den Dielenboden warf. Der Lokaljournalist Brian Burton hatte in seinem Buch Brooks Scheitern bei der Jagd nach dem berüchtigten Serienmörder vor ein paar Jahren dokumentiert. Es war schon etwas älter und leider zog Burton so völlig falsche Schlüsse, dass Brook es nur mit einer gewissen Ironie weiterlesen konnte. Außerdem war es so öde, dass er schnell dabei einschlief, was quasi ein Bonus war.
Er hievte sich aus dem Bett und stieg nur in T-Shirt und Unterhose die wacklige Treppe vom Obergeschoss seines Cottages hinunter. Er schaltete den vollen Wasserkocher ein und setzte sich mit halb geschlossenen Augen an den Küchentisch. Der Becher mit dem Teebeutel stand schon für das nächtliche Ritual bereit, und Brook konnte mit geschlossenen Augen weiter nachdenken, während er auf das Wasser wartete. Dass er inzwischen gelernt hatte, seinen Verstand auszuschalten, war ein großer Segen, an dem sich nur im absoluten Notfall etwas ändern sollte.
Jahrelang war Brook nachts schweißgebadet aufgewacht, weil ihn die Bilder und Erinnerungen an alte Fälle, verrottende Leichen und halb vergessene Namen hochfahren ließen. Im Laufe der Jahre waren die Träume von gierigen Ratten, die sich am verrottenden Fleisch gütlich taten, verblasst. Brook hatte seine Londoner Vergangenheit hinter sich gelassen und mit fünfzig Jahren mehr oder weniger Frieden mit sich selbst geschlossen. Obwohl sein Leben nicht weniger einsam war, wachte er wenigstens in einem trockenen Bett auf.
Der Wasserkocher schaltete sich automatisch ab, und Brook tauchte aus seinem Dämmerzustand auf. Er tastete in der Dunkelheit nach seinen Zigaretten, bis ihm einfiel, dass er das letzte Päckchen im Spind der Polizeidienststelle gelassen hatte. Nur für den unwahrscheinlichen Fall natürlich, dass sein Entschluss, mit dem Rauchen aufzuhören, ins Wanken geriet.
Er nahm den ersten Schluck Tee, als das Telefon klingelte. Fast vier Uhr in der Früh. Er nahm trotzdem ab.
»Brook.« Er lauschte der Stimme von Detective Sergeant John Noble, ohne Fragen zu stellen. Blickte ins Leere, als müsste er sich konzentrieren. Schließlich sagte er nur: »Ich bin in einer Stunde da.«
Brook zog den Mantel enger um sich und starrte sehnsüchtig auf die Morgendämmerung, die sich langsam am Himmel hochschob. Irgendwo begrüßten die Vögel die Ankunft des neuen Tags und die Natur begann sich zu rühren. Er schloss die Augen und blendete die Aktivitäten hinter seinem Rücken aus. Wie viele Jahrtausende lang war diese kleine Szene wohl mit jedem neuen Tag genauso abgelaufen? Wie oft hatten die Menschen verletzlich und verträumt mit erstaunt aufgerissenem Mund zum Himmel aufgeblickt und die aufgehende Sonne begrüßt? Wie oft hatten sie sich vom Versprechen eines lichten, warmen Tags beruhigen lassen?
Zu oft sorgte Brooks Schlaflosigkeit dafür, dass er mit dem Erwachen eines neuen Tags ebenso vertraut war wie die primitiven Höhlenbewohner von Stonehenge oder Avebury, die tanzend, betend oder Opfer darbringend ihre Götter um Wohlgefallen baten. Aber heute saß Brook nicht auf der Bank in seinem Garten, trank einen Tee und rauchte die erste Zigarette. Nein, heute stand er in der Dämmerung auf einem feuchten, nebligen Feld im Osten von Derby und wartete auf die Bergung eines Leichnams aus dem Fluss Derwent.
Er hasste diesen Teil seines Jobs. Stunden wurden damit vergeudet, sich die Beine in den Bauch zu stehen, nur um einen Selbstmord oder den Unfall eines Fischers zu bestätigen, der zu tief ins Wasser gewatet und von einer Strömung überrascht worden war. Vielleicht war es auch die Angeberei eines Jugendlichen, der sich wie Tarzan an einem Seil über das trübe Wasser schwingen wollte und danach nicht mehr die rutschige Böschung hinaufkam. Es folgten weitere Stunden, in denen ungläubige Angehörige benachrichtigt werden mussten, ehe er sich durch einen Wust Papierkram zu graben hatte.
Brook wandte sich grummelnd dem schwarzen Wasser des Flusses zu, das vom flackernden Orange der Einsatzfahrzeuge entflammt wurde. Sehnsüchtig beobachtete er DS Noble, der an einer Marlboro Light zog. Auch für Brook gehörte die Zigarette zum morgendlichen Ritual. Leider hatte er vor drei Wochen mal wieder den Fehler gemacht, aufzuhören.
Er überlegte noch, ob er klein beigeben und seinen DS um eine Zigarette bitten sollte. Schließlich war das Rauchen sein einziges Laster. Er war kein Frauenheld oder Säufer wie viele seiner Kollegen, sondern lebte ein nüchternes, mönchisches Leben und machte ohne Klagen seine Arbeit. Er verdiente es, sich gelegentlich eine Schwäche zu leisten.
»Himmel«, murmelte er und schüttelte lachend den Kopf. Die Rechtfertigungen, um an eine Zigarette zu kommen, setzten diesmal aber früh ein.
Ein Ruf vom Fluss herauf drang durch den frühmorgendlichen Nebel. Die beiden Kriminalbeamten verließen den Fahrradweg und traten ans Ufer. Obwohl sie zum Schutz Überschuhe trugen, waren ihre Socken und Hosen schon jetzt vom Tau durchnässt. Ein Mann in Wattstiefeln und einer neongelben Latzhose tauchte aus der Dämmerung auf und stapfte durch den Matsch auf Brook und Noble zu.
Er winkte den beiden Sanitätern zu, die in der Wärme ihres Wagens saßen, und bedeutete ihnen, mit der Trage zu kommen. »Wir haben da eine Leiche«, sagte der Mann. »Ein Weißer, ungefähr fünfzig bis sechzig Jahre alt. War vermutlich schon ein paar Tage im Wasser und hat sich an einem umgestürzten Baum verfangen. Sie legen gerade die Gurte an, dann ist er in ein paar Minuten auf dem Trockenen.«
»Vielen Dank …« Brook zögerte. Kurz zeichnete sich Panik auf seinem müden Gesicht ab.
»Keith«, vollendete der Mann mit einem scharfen Blick in Nobles Richtung, ehe er Brooks wieder ansah. »Keith Pullin. Wir sind uns schon häufiger bei irgendwelchen Leichenfunden begegnet.«
»Natürlich. Entschuldigen Sie, Keith. Es ist schon spät.« Brook hatte vergessen, Noble vorher beiseitezunehmen und nach den Namen zu fragen. Er erinnerte sich nie an Namen. Verlegen lächelte er Pullin an, doch der Schaden war bereits angerichtet, und Pullin stapfte zurück zum Fluss.
»Technisch betrachtet ist es eher früh«, grinste DS Noble und warf den Zigarettenstummel in eine Pfütze und zog eine neue aus dem Päckchen.
Brook zuckte mit den Schultern. Das herrliche Aroma der frisch angesteckten Zigarette waberte von Noble herüber. Weil er das nicht länger ertrug, ging er Richtung Auto. »Sagen Sie Bescheid, wenn sie ihn aus dem Wasser gezogen haben, John.«
Noble beobachtete Keith Pullin. Der beleibte, vierzigjährige Special Constable kam wieder zu ihm und grinste spöttisch zu DI Brooks schäbigem BMW rüber.
»Wie geht’s denn so, Tom?«
»Sehr lustig«, grummelte Keith Pullin, wirkte aber nicht im Geringsten amüsiert. »Jetzt mal ehrlich. Wie erträgst du es, mit diesem Klotz zu arbeiten?«
Noble zuckte mit den Schultern. »Er ist eben kein Morgenmensch.«
»Scheiß drauf. Er ist auch kein Nachmittagsmensch oder Abendmensch.«
»Okay, da hast du auch wieder recht«, gab Noble zu. »Sagen wir einfach, er ist gerade abgelenkt.«
»Warum ergreifst du überhaupt Partei für ihn?«
Noble erwiderte ungerührt Pullins Blick, antwortete aber nicht. Pullin grunzte und trottete missmutig zurück zum Ufer und murmelte dabei irgendwelche Obszönitäten vor sich hin.
Noble zog heftig an seiner Zigarette und seufzte. Er war die Spitzen inzwischen gewohnt, die sich gegen seinen DI richteten. Früher hätte er sich auch so über ihn beklagt. Doch je länger er mit Brook zusammenarbeitete, umso mehr hatte er das Bedürfnis, ihn gegen die Pöbeleien zu verteidigen.
Diese kleine Szene war dafür ein typisches Beispiel. Brooks Unfähigkeit, sich mit den Kollegen und den Rettungskräften zu verständigen – von denen Brook einige schon seit Jahren kannte –, sorgte immer für leisen Spott. Aber für die Dutzenden Kollegen von der Polizei in Derby, die im Laufe der Jahre von Brook einfach nicht erkannt worden waren, blieb dieser Umstand ein Ärgernis.
Noble war nicht sicher, inwiefern Brooks Zeit in London sein Verhalten den Kollegen gegenüber geprägt hatte, aber seit er im Peak District lebte, schien Brook in Gedanken immer woanders zu sein. Das Vergessen irgendwelcher Namen war nur das offensichtlichste Symptom. Zwanzig Jahre waren vergangen, seit Brook in London als aufsteigender Star der Metropolitan Police anfing, den Schlitzer zu jagen. Aber allen Berichten zufolge hatte dieser Fall ihn gebrochen. Die Jahre seines Scheiterns hatten ihren Tribut gefordert und ihn schließlich gezwungen, aus dem aktiven Dienst auszuscheiden.
Sein Zusammenbruch wurde schnell bekannt, als Brook vor acht Jahren zur Division nach Derby wechselte. Sergeant Harry Hendrickson, ein griesgrämiger alter Schreibtischhengst von der Streifenpolizei, hatte einen Blick in seine Personalakte riskiert und erzählte anschließend fröhlich alle Details herum. Und als Noble den Kürzeren zog und mit Brook in ein Team gesteckt wurde, hatten alle Mitleid mit ihm.
Aber dann schlug der Schlitzer plötzlich auch in Derby zu und schlachtete zwei Familien in ihren Häusern ab. Noble fand sich von heute auf morgen im Auge eines Sturms wieder und konnte aus der Nähe beobachten, über welche außergewöhnlichen Fähigkeiten Brook als Ermittler verfügte und welchen Preis eine öffentliche Ermittlung von ihm verlangte – vor allem, als der Schlitzer auf freiem Fuß blieb.
»Acht Jahre«, murmelte Noble und dachte an die lange Zusammenarbeit. »Bald verdiene ich einen Orden.« Bei der Erinnerung an die ersten Jahre mit Brook und seine vergeblichen Versuche, vertrauter mit ihm zu werden, musste er lächeln. Er hatte recht schnell herausgefunden, dass Brook keinen Small Talk beherrschte. Anders als die meisten verlor Brook nie ein Wort über seine Vergangenheit und erzählte nichts über sein Privatleben. Darum war es nur konsequent, dass er sich auch nie nach dem Privatleben seiner Kollegen erkundigte.
Zuerst hatte Noble dieses Schweigen als unangenehm empfunden und versuchte, aktuelle Themen aus den Nachrichten anzusprechen. Aber er lernte rasch, dass Brook ihn nur verständnislos ansah, und gab die Versuche bald wieder auf. Viele der Ereignisse, über die sich Leute unterhielten, waren Brook völlig unbekannt. Sie interessierten ihn einfach nicht. Er sprach nicht, wenn es nicht zwingend erforderlich war. Sogar die morgendliche Begrüßung war selten mehr als ein Nicken.
Darum glaubten viele, Brook sei kalt und distanziert, manchmal sogar geradezu grob. Das betraf vor allem jene, die selten mit ihm zusammenarbeiten durften. Es trug nicht gerade zur Befriedung bei, dass Brook nie zu offiziellen Anlässen erschien, dass er Partys mied und nicht mal in den Pub ging, soweit Noble wusste – zumindest nicht mit Kollegen. Selbst dann nicht, wenn sie einen großen Fall geknackt hatten.
Er kam regelmäßig zur Arbeit, machte, was zu tun war, und verschwand nach seiner Schicht wieder in dem kleinen Cottage in Hartington, um dort … tja, Noble wusste selbst nach acht Jahren nicht, was er dort tat. Er wusste, dass Brooks gerne las, was vermutlich der Grund für seine irre Intelligenz war. Er ging außerdem gerne wandern, und vor zwei oder drei Jahren hatte Noble mitbekommen, dass Brooks seine Urlaube meist damit verbrachte, durch den Peak National Park rings um das Dorf zu wandern.
Andere Aspekte von Brooks Leben waren ihm weiterhin so wenig bekannt wie am ersten Tag. Er schien kein Liebesleben zu haben, zumindest keine Beziehung, obwohl es Gerüchte über eine Affäre mit einer Polizistin vor ein paar Jahren gab. Das und die Tatsache, dass Brook geschieden war und eine zwanzigjährige Tochter hatte, hieß wohl, dass er nicht schwul war. Worauf auch die eher zusammengewürfelte Einrichtung bei ihm zu Hause hindeutete.
Nicht, dass Noble schon mal in Brooks Cottage gewesen war. Er war bisher nie eingeladen worden. Aber kurz vor seinem Umzug in den Peak District hatte Brook in einer schäbigen Mietwohnung an der Uttoxeter Road im Zentrum von Derby gewohnt, und Noble musste zu ihm fahren, als Brook suspendiert wurde. Zu seiner Überraschung hatte Noble seinen DI in einem Loch vorgefunden, in dem man eher Hausbesetzer oder Junkies erwartet. Kein Garten, keine Heizung, kein Computer. Nicht mal ein Fernseher.
Trotz ihres nicht sehr vielversprechenden Starts hatte sich ihre Partnerschaft entwickelt und inzwischen respektierten sie einander. Die meisten wussten nicht, dass Brook seine Rolle bei den Ermittlungen gerne runterspielte und den jüngeren Kollegen den Vortritt ließ, wenn es darum ging, Lob für einen Durchbruch zu erhalten. Und obwohl einige Kollegen Brook weiterhin arrogant fanden, entsprach das Gegenteil der Wahrheit. Brook schien überhaupt kein Ego zu haben. Er machte keine Anstrengungen, sich irgendwo beliebt zu machen, und schien sich um die Meinung der anderen nicht zu scheren. Vor allem deshalb war er bei manchen Leuten bei der Division unbeliebt und wurde teilweise sogar regelrecht gehasst – auch weil er ein so guter Detective war.
Außerdem kannte und schätzte Noble inzwischen Brooks schwarzen Humor, der trocken und bissig sein konnte und – was vielleicht wichtiger war – Noble dazu ermutigte, sich über vorgesetzte Kollegen lustig zu machen.
Vielleicht das Einzige, was uneingeschränkt jeder an Brook bewunderte, war der moralische Standpunkt, den er in Bezug auf die Polizeiarbeit einnahm. Und wenn irgendwer von seiner Meinung abwich, stellte Brook ihn schnell zur Rede. Auch Vorgesetzte. Er hatte sich mehr als einmal in Schwierigkeiten gebracht, weil er Chief Superintendent Charlton ins Gesicht sagte, dass er ihn für das Scheitern einer Ermittlung verantwortlich mache, weil er Budgetkürzungen vorschob oder den Wert einer Ermittlung nicht einsehen wollte.
Noble zog ein letztes Mal an der Zigarette und warf sie in die Pfütze zu der ersten.
Brook stieg auf der Fahrerseite ein und drückte aus Gewohnheit den Zigarettenanzünder rein. Er schloss die vom Schlafmangel schmerzenden Augen und schlief fast augenblicklich ein.
Erst das Klopfen an der Scheibe, mit dem Noble ihn weckte, ließ ihn wieder aufwachen. Es waren zwar nur zehn Minuten vergangen, doch er fühlte sich angenehm erfrischt. Die Sonne stand höher am Himmel, und Brook konnte sich mit mehr Sicherheit am Ufer bewegen. Sie gingen hinüber zum übellaunigen Pullin und den zwei anderen Beamten in Schutzkleidung. Die Leiche hatten sie auf einer Plastikplane abgelegt. Brook und Noble zogen sich Laborhandschuhe an. Der bleiche Leichnam lag mit dem Gesicht nach oben vollständig nackt vor ihnen.
»Keine Kleidung«, bemerkte Brook.
»Dann war’s wohl kein Angler«, erwiderte Noble und grinste.
»Ein vermisster Angler wäre gemeldet worden«, meinte Pullin, dem der Witz entging. »Der Kerl war schon ein paar Tage im Wasser, würde ich mal behaupten. Noch länger und der Leib wäre von den Körpergasen aufgebläht. Könnte ein Unfall gewesen sein. Oder Selbstmord.«
»Für einen Selbstmord zieht man sich eigentlich nicht aus«, antwortete Brook.
»Trotzdem nicht unwahrscheinlich«, erwiderte Pullin gereizt.
»Hat schon jemand am Ufer nach der Kleidung gesucht?«
»Wir haben ein paar Leute, die flussaufwärts suchen. Bisher nichts.«
»Wo ist er ins Wasser gegangen?«, fragte Noble. »An der Brücke?«
»Das machen die meisten«, sagte Brook.
»Habt ihr dort was gefunden?«
»Keine Spur, Sergeant«, sagte Pullin. »Aber wenn es ein paar Tage her ist, hat jemand sie vielleicht verwischt. Trotzdem muss er irgendwo in der Nähe ins Wasser gegangen sein. Eine Viertelmeile flussaufwärts ist eine Reise.« Er nickte Richtung Westen. »Und dieses Frühjahr führt der Fluss nicht so viel Wasser, dass er flussabwärts bis in die Stadt geschwemmt wird.«
»Er ist also definitiv irgendwo zwischen der Reuse und hier ins Wasser gelangt.« Noble nickte und schaute zur Brücke.
Pullins Funkgerät knisterte. Er lauschte kurz, dann antwortete er: »Okay, macht euch auf den Rückweg und sucht weiter.« Er wandte sich an Brook. »Meine Leute sind an der Fischreuse. Keine Anglerausrüstung, die jemand liegen gelassen hat. Keine Kleidung.«
»Er wird ja wohl nicht nackt hergekommen sein«, sagte Brook. »Und wenn’s ein Selbstmörder ist, hätte er sich nicht ausgerechnet dort ausgezogen, wo man seine Sachen nicht findet. Am besten mit einem Brief in der Tasche …«
»Lebe wohl, grausame Welt«, fügte Noble hinzu.
»Na gut, dann vielleicht kein Selbstmord«, gab Pullin sich geschlagen.
»Könnte ein Nacktbader sein«, schlug einer der Sanitäter vor.
»Ein Schwimmer?« Brook betrachtete den blassen Leichnam und bückte sich, um seine Hände zu untersuchen. Sie waren offen und leer. »Nein, er war weder Schwimmer noch Selbstmörder. Die Hände sind falsch.« Er schaute wieder zu der Brücke.
»Die Hände?«, fragte Noble.
»Ich habe schon einige Ertrunkene gesehen, John. Sogar Selbstmörder, die ins Wasser gehen, versuchen, sich irgendwo festzuhalten, wenn sie untergehen. Sie können nicht anders, es ist quasi ein Reflex.«
»Er hat recht«, gab Pullin widerstrebend zu. »Die Hände sind normalerweise fest zusammengeballt, weil sie nach irgendwas greifen wollen. Jeder Ertrinkende in einem Fluss hat Steine oder Unkraut in den Fäusten.«
»Und die Hände von dem hier sind offen.« Noble nickte.
»Ist das eine beliebte Stelle zum Schwimmen?«, wollte Brook wissen und blickte Pullin scharf an.
»Himmel, nein. Viel zu gefährlich«, antwortete Pullin. »Die Strömung ist alles andere als langsam und das Ufer zu steil, um sicher wieder rauszukommen. Das riskieren nicht mal Jugendliche.«
»Wenn jemand betrunken ist, könnte er auf eine so dumme Idee kommen«, wandte Noble ein.
»Aber dann könnte man immer noch kämpfen und sich irgendwo festklammern«, sagte Brook.
»Vielleicht ist er von der Brücke gesprungen und hat sich den Kopf gestoßen«, riet Noble. »Bewusstlos hätte er nicht um sein Leben kämpfen können.«
Brook zeigte auf den abgemagerten linken Arm des Toten. »Für mich sieht das nicht nach einem Schwimmer aus.« Der Körper war fast bis aufs Skelett abgemagert und die Muskelmasse nur schwach ausgebildet. »Und sehen Sie sich die Einstichstellen an. Sieht für mich nach einem Drogenabhängigen aus. Vermutlich auch schwerer Alkoholiker.«
»Stimmt. Gesicht und Hände.« Noble drehte eine bleiche Hand um. Das Gesicht war mit Flecken und Äderchen überzogen. Einige alte Schnittwunden und Abschürfungen an den Händen und Knien sowie am Gesicht ließen den Eindruck entstehen, dass sie es mit einem Mann zu tun hatten, der sich regelmäßig selbst verletzte. Sie kannten die Anzeichen. Die Gliedmaßen schwerer Alkoholiker mussten die volle Wucht von Stürzen und Kämpfen auffangen. Das passte also zum Lebenswandel eines Mannes, der sich nur von Flasche und Nadel ernährte.
»Einige dieser Verletzungen könnten auch erst unter Wasser entstanden sein«, sagte Noble und zeigte auf Kratzer und Schürfwunden.
Brook untersuchte zwei Schnitte, die vertikal von den Nasenflügeln weg verliefen. »Die Wunden unter der Nase sehen für mich aus, als wären sie ihm post mortem zugefügt worden. Von scharfen Steinen oder Metall im Fluss.« Dann fiel ihm etwas auf. »Sehen Sie mal, hier am Hals.« Er beugte sich vor und untersuchte die zwei winzigen Stichwunden zu beiden Seiten der Luftröhre.
»Vielleicht suchen wir ja nach einem Vampir.« Noble grinste.
Brook blickte nicht besonders amüsiert auf, widmete sich dann aber lieber den zahlreichen Tattoos des Toten. Sie waren ziemlich mies und in einem ausgewaschenen Blau. »Flower of Scotland«, las Brook vor.
»Der kommt wohl aus Schottland«, meinte Noble mit unbewegter Miene.
Brook schien vom Schlafmangel ziemlich benommen zu sein, denn er musste unwillkürlich lächeln. »Gute Beobachtung, John«, bemerkte er trocken. »Für mich sehen die Tätowierungen nicht gerade professionell aus.«
»Gefängnistinte, nehme ich an«, sagte Noble. »Könnte uns bei der Identifizierung helfen.«
Brook drehte die rechte Hand des Mannes um, die einer der Sanitäter inzwischen in eine Plastiktüte gesteckt hatte. Auf die Fingerknöchel war L O V E tätowiert. »Zweifellos steht auf der anderen Hand H A T E.« Er richtete sich auf.
»Warum tätowieren sie sich nicht einfach KRIMINELL auf die Stirn, damit man sofort weiß, woran man ist?«, fragte Noble, was ihm ein paar anerkennende Lacher einbrachte.
Brook blickte Pullin an. »Sie sagen, er liegt seit ein paar Tagen im Wasser – Keith?«
Keith Pullin war kein Mann, der leichtfertig seine Meinung äußerte. Er schaute die Leiche an und kratzte sich am Kinn. »Schätze schon«, antwortete er schließlich. »Die Leichenstarre hat aber noch nicht eingesetzt, was die Sache etwas schwierig macht. Kommt ganz drauf an, ob er gestorben ist, bevor er ins Wasser gelangte, oder nicht. Anhand der Hände könnte man vermuten, dass er bereits tot ins Wasser geworfen wurde. Rings um Nasenlöcher und Mund ist außerdem kein Schaum, wie man es bei einem Ertrinkenden erwarten würde.«
Brook kniete sich wieder hin und drehte die eisige Hand mit der Handfläche nach oben. Selbst durch die Plastiktüte erzählte sie ihm eine Geschichte. Wie auf dem Handrücken gab es auch auf der Innenseite zahlreiche Narben von den Kämpfen, die er mit den Steinwänden und den Pflastersteinen einer modernen Großstadt ausgetragen hatte.
»Sieht aus, als könnten wir Fingerabdrücke nehmen«, bemerkte Noble. »Er wird bestimmt im System erfasst sein.«
Brook nickte abwesend. Er fuhr mit den Fingern durch die Haare des Mannes und roch daran, ehe er mit dem Handrücken über das Gesicht strich und erneut schnupperte.
»Was ist los?«, fragte Noble.
Brooks Finger berührten die sauber rasierte Wange des Mannes. Dann rieb er sie aneinander und hielt sie an die Nase. »Keine Ahnung. Ich glaube, ihm wurde etwas aufs Gesicht gerieben.« Er hielt Noble seine Hand hin. »Riechen Sie das auch?«
Noble schnupperte und schüttelte den Kopf. »Ich riech nix außer Gummihandschuhe, aber ich bin auch Raucher.«
»Sie Glücklicher.« Brook roch ein letztes Mal. »Make-up vielleicht? Hat jemand versucht, unseren Freund hier lebendiger aussehen zu lassen, und hat die Makel und geplatzten Äderchen nach seinem Tod überschminkt?« Er ließ die Hand sinken und wies auf den Kopf des Leichnams. »Und sehen Sie die Haare? Die sind so ordentlich, als wurden sie gerade erst geschnitten.«
»Das Gesicht ist auch rasiert. Glauben Sie, er wurde für den Sarg aufgehübscht?«
Brook blickte Noble nachdenklich an. »Hoffen wir, dass es das ist.« Noble erwiderte das grimmige Lächeln.
Brook stand auf und schaute wieder zu der Brücke, die etwa hundertfünfzig Meter entfernt war. Die Straße führte über den Fluss nach Borrowash. »Schauen wir uns die Brücke an, und sei es nur, um die Möglichkeit auszuschließen. Ist der Polizeiarzt schon unterwegs?«
Pullin nickte. »Halten Sie ruhig die Augen nach den Klamotten offen.«
Noble blickte erwartungsvoll zu Brook auf, der sich mit einer Spur Verärgerung wieder zu Pullin umdrehte. Aber statt ihm ironisch für diese Lektion in grundlegender Tatortuntersuchung zu danken, schaffte Brook es, ein angestrengtes Lächeln auf die Lippen zu zaubern.
»Gute Idee, Keith«, sagte er und fing Nobles wohlwollenden Blick auf. Immerhin gab er sich Mühe. Pullins Verhalten blieb jedoch mürrisch. Entweder war er immer noch auf Brook sauer, oder er passte sich den Umständen an. Immerhin stand er über einem Toten.
»Sobald wir an der Brücke waren, lass uns nach einem Café suchen, John. Ich brauche dringend eine Tasse Tee.«
»Sollten wir nicht auf den Polizeiarzt warten?«
»Wir kommen ja wieder.« Brook ging voran, drehte sich aber noch mal um. »Was ist das?« Er hockte sich hin und zeigte auf die Flanke des Toten. »Das da.«
Alle versammelten sich um Brook, der auf eine Stelle zeigte, die fast unter dem liegenden Körper verborgen blieb.
»Ich weiß nicht«, sagte Pullin und sah sich die Stelle genauer an. »Sieht aus wie ein Faden oder eine Schnur. Pack mal mit an«, sagte er zu einem Kollegen. Gemeinsam drehten sie den Leichnam auf die Seite. Der Faden war jetzt gut sichtbar. Er bildete das Ende von einem halben Dutzend großer, einander überlappender Stiche, die eine zwölf bis fünfzehn Zentimeter lange Wunde verschlossen. Die versammelten Beamten runzelten die Stirn.
»Das sieht nach einer ernsten Wunde aus«, bemerkte Noble, »die ihm erst kürzlich beigebracht wurde.«
»Haben Sie schon mal gesehen, wie eine Wunde so stümperhaft zugenäht wurde?«, fragte Brook. Er schaute die anderen erwartungsvoll an.
»Sieht für mich aus wie etwas, das man bei einer Decke oder einem Segel erwartet«, sagte einer.
»Oder einem Zelt«, fügte Pullin hinzu. »So was Lockeres bei einer Wunde der Größe? Es sei denn, er hat das selbst nach einem Kampf oder Ähnlichem gemacht.«
»Kann sein.« Brook untersuchte die Wunde genauer. Spontan drückte er auf die Brust der Leiche und betastete den Bauch. »Hm, hm. Das macht die Autopsie noch spannender. Ich vermute allerdings, dass die Prozedur für unseren Freund hier nichts Neues ist.«
»Wie meinen Sie das?«, fragte Noble.
In diesem Moment ließen die beiden Männer die Leiche wieder runter, und dabei quoll mit einem plätschernden Geräusch eine wässrige rote Flüssigkeit aus der Wunde, zusammen mit Eingeweiden und etwas, das wie ein paar kleine Blätter aussah. Alle bis auf Brook zuckten zusammen.
»Scheiße!«, rief Noble und vergaß damit für einen Moment eine der drei Regeln, die Brook vor Beginn der Zusammenarbeit mit ihm aufgestellt hatte. »Fluchen Sie nicht in meiner Gegenwart, John. Das verrät nur, dass Sie sich nicht unter Kontrolle haben. Sprechen Sie anständiges Englisch, wenn’s geht. Oh, und noch eins: Nennen Sie mich nie Chef.«
Brook legte eine Hand auf Nobles Schulter. »Ganz ruhig, John. Wir sind hier nicht in London.«
»Tut mir leid«, sagte Noble. »Aber haben Sie das auch gesehen?«
Brook blickte seinen DS an. »Das habe ich. Der Mann ist nicht ertrunken.« Er schaute zur Brücke und ging dann einfach los.
»Warum sind Sie so sicher?«, fragte Noble und folgte ihm eilig.
Brook drehte sich um und lächelte. »Weil er keine Lungen mehr hat.«

Steven Dunne

Über Steven Dunne

Biografie

Seit dem Abschluss seines Studiums an der Kent University hat Steven Dunne immer geschrieben, meistens eher zum Vergnügen. Eine Zeitlang hat er sich – allerdings wenig erfolgreich – als Comedy-Autor versucht und als freier Journalist für die Times, den Independent und den Guardian gearbeitet....

Weitere Titel der Serie »DI Damen Brook«

Um ein ruhigeres Leben zu haben, wechselte Detective Inspector Damen Brook von der Londoner Metropolitan Police nach Derby. Doch auch im ländlichen Derbyshire muss er in blutigen Verbrechen ermitteln.

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