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Aber vielleicht wird auch alles gutAber vielleicht wird auch alles gut

Aber vielleicht wird auch alles gut

Lea Melcher
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Roman

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€ 15,00 inkl. MwSt. Erscheint am: 29.07.2021 In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
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Aber vielleicht wird auch alles gut — Inhalt

Ein Own Voices-Roman mit humorvoller Annäherung an das Thema der psychischen Erkrankungen. Ganz ohne Berührungsängste erzählt die Illustratorin Lea Melcher von den großen und kleinen Hürden im Kopf.
Emilia ist fast dreißig, single, mittelmäßig glücklich – ach ja, und sie leidet unter einer Angststörung. Alles fällt ihr schwer: vom Einkaufengehen über soziale Kontakte bis hin zu einem „normalen“ Beruf. Am liebsten verkriecht sie sich in ihrer Wohnung und blendet die Welt aus. Doch dann stellt ihre Schwester ihr ein Ultimatum: Entweder du machst eine Therapie, oder ich rede nie wieder mit dir! Also überwindet Emilia sich und wagt sich hinaus in die Welt. Im Wartezimmer ihres neuen Therapeuten sitzt ausgerechnet Jack, dem sie eigentlich nie wieder begegnen wollte. Und wie es kommen muss, landen die beiden durch eine Verwechslung in einer Paartherapie. Plötzlich ist Emilia gezwungen, sich ihren Ängsten ein für alle Mal zu stellen.

  • Mit Illustrationen der Autorin Lea Melcher
  • Perfekte Lektüre für alle LeserInnen von Sarah Kuttner und John Green
  • Ein augenzwinkernder Roman über die Probleme einer ganzen Generation
  • Das Thema Mentale Gesundheit offen angesprochen


Lea Melcher ist eine Mainzer Illustratorin und Autorin. Nach einem Frühstudium der Literaturwissenschaft folgten Film und Fernsehjournalismus sowie Mediendramaturgie. Auf Instagram teilt sie unter @leamelcher illustrierte Einblicke in ihr Leben, ihre Gedanken und Gefühle – und in den Kampf gegen eine Angststörung. Als Betroffene berichtet sie aus erster Hand vom Umgang mit dem Thema Mental Health.

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erscheint am 29.07.2021
336 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06257-2
Download Cover
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erscheint am 29.07.2021
352 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99979-3
Download Cover

Leseprobe zu „Aber vielleicht wird auch alles gut“

JETZT
Ich darf nicht stehen bleiben, also laufe ich in Schlangenlinien vor der Praxis auf und ab. Denn wenn ich stehen bleibe, werde ich hier festfrieren, ich weiß es genau. Ich drehe die Visitenkarte in meinen Fingern, mir ist kalt, ich habe nicht mitbekommen, dass es auf einmal Herbst ist. Das sieht man durch die Fenster meiner Wohnung nämlich nicht, dazu müsste ich das Haus verlassen.
Ich frage mich, wie lange das noch weitergehen wird, ich noch so weitergehen werde, während ich hier meine Kreise ziehe. Auch eine Bewegung kann zum Stillstand werden, [...]

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JETZT
Ich darf nicht stehen bleiben, also laufe ich in Schlangenlinien vor der Praxis auf und ab. Denn wenn ich stehen bleibe, werde ich hier festfrieren, ich weiß es genau. Ich drehe die Visitenkarte in meinen Fingern, mir ist kalt, ich habe nicht mitbekommen, dass es auf einmal Herbst ist. Das sieht man durch die Fenster meiner Wohnung nämlich nicht, dazu müsste ich das Haus verlassen.
Ich frage mich, wie lange das noch weitergehen wird, ich noch so weitergehen werde, während ich hier meine Kreise ziehe. Auch eine Bewegung kann zum Stillstand werden, wenn man sie oft genug wiederholt. Das ist so beim Atmen, beim Schreiben und beim Sex. Und dann stehe ich plötzlich im Treppenhaus des Altbaus, auf den wunderschönen Mosaikfliesen, die völlig verschwendet sind, weil es hier neben der Praxis nur Anwälte und Steuerberater gibt. Wie immer kann ich nicht sagen, warum ich es geschafft habe, mich loszureißen, was mir den letztendlichen Kick gegeben hat. Wenn ich wüsste, was es ist und wie ich es reproduzieren kann, wäre mein Leben um einiges leichter. Meine Nase beginnt wieder zu laufen, und ich widerstehe dem Drang, direkt das Nasenspray hervorzuziehen. Zum Glück vibriert in diesem Moment mein Handy in der Manteltasche. Ich stoße alle Luft auf einmal aus, mein Atem bildet Wölkchen, und ich bekomme wieder Lust auf Zigaretten. Ich habe mit dem Rauchen aufgehört, weil ich regelmäßig meine Wohnung verlassen müsste, um Zigaretten zu kaufen. Zumindest habe ich bisher noch keinen Supermarkt gefunden, dessen Lieferdienst neben Milch, Toast und Tiefkühlgemüse auch eine Stange Lucky Strike im Angebot hätte. An meiner Situation ist also nicht alles schlecht – immerhin bin ich jetzt Nichtraucherin, tabaklos seit vier Jahren. Ich krame hektisch in den Jackentaschen nach meinem Smartphone und drücke mit den Fingern anschließend wild auf allen Tasten herum, bis auf dem zerkratzten Display endlich eine Nachricht aufblinkt.

Wo steckst du, Liebes? Ich habe schon fünfmal bei dir
angerufen. Großartige Neuigkeiten: Melde dich sofort bei mir, ich habe vielleicht einen Job für dich gefunden. Mama.

Alles in mir zieht sich zusammen. Ich habe eine andere Nachricht erwartet. Die ganze Nacht lag ich wach und habe mein Handy angestarrt in der Hoffnung, dass Lara sich endlich meldet. Mit einem Seufzen lasse ich mich auf eine Treppenstufe fallen, die unter meinem Gewicht ächzt, als wäre sie genauso überfordert wie ich. Die Praxis liegt im zweiten Stock, aber ich kann mir gerade nicht vorstellen, wie ich es dorthin schaffen soll.
Wie ferngesteuert tippen meine Finger sich den Weg zu Laras letzter Sprachnachricht. Ich presse das Smartphone an mein Ohr und halte die Luft an.
„Das hätte ich wirklich nie von dir erwartet, Emmi! Du hast mich komplett im Stich gelassen! Was soll ich denn jetzt machen?!“ Darauf folgt eine kurze Pause, im Hintergrund spielt jemand Orgel. „Ich kann einfach nicht glauben, dass du nicht zu meiner Hochzeit gekommen bist. Entweder du machst eine Therapie, oder ich rede nie wieder mit dir, ganz egal ob wir Schwestern sind oder nicht.“
Schnell drücke ich den Pausenknopf, als die Wiedergabe zu meinen eigenen Sprachnachrichten an Lara springt, mein Gestammele und Geheule. Die Enttäuschung in ihrer Stimme sticht noch genauso wie beim ersten Mal. Als sie mich gefragt hat, ob ich ihre Trauzeugin sein will, habe ich einfach reflexartig Ja gesagt. Dabei hätte mir klar sein müssen, dass jemand, der im letzten Monat kein einziges Mal vor die Tür gegangen ist, nicht einfach so auf einer riesigen Hochzeitsparty antanzen kann. Eigentlich wusste ich schon in dem Moment, als ich ihr zusagte, dass das alles in einer Katastrophe enden würde. Aber sie sah in diesem Moment so glücklich aus … und schließlich bin ich ihre Schwester! Das war die perfekte Gelegenheit, um wieder mehr Zeit miteinander zu verbringen, nachdem es in den letzten Jahren immer weniger geworden war. Bis kurz vor der Hochzeit redete ich mir ein, dass schon alles reibungslos über die Bühne gehen würde. Lara bestellte die Eheringe direkt zu meiner Wohnung, weil ich ja immer zu Hause war und das Paket auf jeden Fall annehmen konnte. So weit, so gut. Ich hatte wirklich vor, zu ihrer Hochzeit zu gehen, und hatte auch alles vorbereitet. Nur für den Fall (der ja dann auch eintrat), dass ich mich nicht aus der Wohnung trauen würde, hatte ich die Ringe vorsichtshalber per Päckchen vorausgeschickt. Was kann ich denn dafür, dass das Päckchen das Brautpaar nie erreichte? Meine zögerlichen Nachfragen an die Info-Mailadresse des Versandunternehmens ergaben folgenden Tathergang: Unsere Sendungsverfolgung hat das Paket leider nicht ausfindig machen können. Bitte melden Sie sich telefonisch bei unserer Zentrale.
Ab diesem Punkt war nichts mehr zu retten. Telefonisch?
Ich hatte mich eine halbe Stunde durch die Kontaktformulare des Paketdienstes gekämpft, bis ich schließlich diese E-Mail-Adresse gefunden hatte. Hätte ich anrufen wollen, hätte ich das doch bereits getan.
Te-le-fo-nisch. Allein bei dem Gedanken daran wird mir übel.
Stattdessen verkroch ich mich im Schlafzimmer und warf alle Pläne, zu Laras Hochzeit zu fahren, über den Haufen. Zumindest redete ich mir rückblickend ein, dass ich mich bewusst dazu entschieden hatte, nicht in der Kirche aufzutauchen. In Wahrheit tigerte ich tagelang in meiner Wohnung auf und ab, unfähig, das Haus zu verlassen. Mehrfach wählte ich Laras Nummer, um sie wenigstens vorzuwarnen, aber ich brachte es einfach nicht übers Herz. Irgendwann fror ich in meiner Wohnung regelrecht ein, lag im Bett und konnte mich nicht mehr bewegen, bis Oskar auf mich kletterte und mir direkt ins Gesicht maunzte. Es tat weh, dass niemand außer Lara von meinem Fortbleiben überrascht sein würde. Für alle anderen war ich ohnehin schon das schwarze Schaf der Familie.
Dass die Ringe als verschollen galten, war das eine. Aber leider endet die Geschichte nicht an dieser Stelle. Es wäre vielleicht alles nicht dermaßen eskaliert, wenn der Abholdienst meines Pakets nicht darauf bestanden hätte, die Ware selbst zu frankieren. Vielleicht hätten sie dann nicht meine Zieladresse mit der eines anderen Kunden verwechselt. Dass genau das geschehen ist, habe ich mir aus Laras Sprachnachrichten und den darauffolgenden Screenshots von Zeitungsartikeln zusammengereimt. Denn tatsächlich wurde ein Paket an sie ausgeliefert, gerade noch rechtzeitig, mit Schatulle und allem Drum und Dran. Das einzige Problem war, dass sich darin keine Ringe, sondern ein Minivibrator befand. Diese Verwechslung wurde allerdings erst bemerkt, als unsere Nichte Cassandra die Schatulle auf einem Samtkissen in die Kirche getragen hatte. So ähnlich berichteten es zumindest die Klatschpresse und diverse Online-Magazine. Meine Schwester ist schließlich ein Internet-Star. Sie spricht zwar nicht mehr mit mir, aber auf Instagram sehen ich – und ihre 456 753 Follower –, wie glücklich sie mit ihrem Ehemann auf Bali ist.
Kopfschüttelnd ziehe ich mich am Treppengeländer hoch. Es hilft doch alles nichts. Ich muss zu diesem Therapeuten, wenn ich nicht auch noch meine Schwester verlieren will. Sie ist neben meinen Eltern so ziemlich der einzige Mensch, den ich noch habe.

Die Tür der Praxis öffnet sich automatisch, sobald ich den Klingelknopf drücke. In das Holz ist ein goldenes Schild eingelassen, auf dem in geschwungenen Lettern steht: Dr. Eberhard Struwe, Psychotherapeut & Paartherapeut.
Ich finde mich in einem hellen Flur wieder, dessen linke Wand mit Postkarten vollgeklebt ist:
Mein Therapeut hält dich für eine gute Idee.
Es gibt drei Blickwinkel auf alles: deinen, meinen und die Wahrheit.
Eifersucht ist Trennungsangst, die das erzeugt, was sie befürchtet: die Trennung.
Durch eine geschlossene Tür zu meiner Rechten höre ich mehrere gedämpfte Stimmen. Ich frage mich, wer je auf die Idee käme, eine Paartherapie zu machen. Mit einem Fremden über Gefühle zu sprechen bereitet mir Übelkeit – ist aber nichts im Vergleich zu der Vorstellung, mit jemandem, den man kennt, über Gefühle zu reden. Ich schüttele mich. Es würde schon reichen, wenn ich Dr. Struwe vor Jahren mal bedient hätte, als ich noch als Kellnerin gearbeitet habe. Oder wenn ich ihm als Kassiererin Kondome verkauft hätte. Sollte sein Gesicht mir auch nur irgendwie bekannt vorkommen, würde ich auf dem Absatz umdrehen und nie wieder einen Fuß in diese Praxis setzen. Auch wenn die Emilia von damals ein komplett anderer Mensch ist als der, der soeben diese Praxis betreten hat.
Ich bemerke, dass es wirken könnte, als würde ich das Gespräch hinter verschlossenen Türen belauschen, und husche schnell weiter.
Die Tür zum nächsten Raum steht offen. Wartezimmer, lässt mich das Schild wissen, das darüber angebracht ist. Eine Anmeldung gibt es offenbar nicht, nur noch eine Toilette und eine Skulptur auf einem Steinblock, die bestimmt gemeinschaftlich im Rahmen einer Paartherapie zusammengegipst wurde. So etwas Hässliches habe ich noch nie gesehen, aber ich habe auch schon länger nicht mehr in den Spiegel geguckt. Ich muss ein bisschen über mich selbst kichern – das lernt man, wenn man so viel Zeit allein verbringt. Ich bin mein eigenes Unterhaltungsprogramm. Mit den Jahren habe ich mir angewöhnt, in meinem Kopf Selbstgespräche zu führen. Peinlich ist es nur, wenn ich so laut lache, dass die alte Frau unter mir mit dem Besen gegen die Decke klopft. In solchen Moment merke ich dann, wie lange ich schon allein bin.
Ich halte den Blick auf mein Handy gesenkt, bis ich sichergehen kann, dass das Wartezimmer tatsächlich leer ist. Ein runder, mit Zeitschriften überladener Couchtisch, ein Regal auf der rechten Seite, in dem Bücher über Feng-Shui und Gefühle stehen. Ich setze mich an den Platz, der am weitesten von der Tür entfernt ist, und strecke meine Nase in die Herbstsonne, die durch die hohen Fenster fällt, bis ich niesen muss.
Mein Blick gleitet über die Magazine auf dem Tisch und bleibt an Die besten Jahre hängen, Das Wohlfühlblatt für die Frau ab dreißig.
Ich rolle die Augen. Als hätte meine Mutter die Zeitschrift extra dort für mich platziert. Kinder & Karriere. Warum die 30er so viel besser als die 20er sind. Der Sieben-Punkte-Plan zum Heiratsantrag.
Ich starre die lachende Frau auf dem Cover böse an, aber sie lacht einfach weiter, also drehe ich die Zeitschrift kurzerhand um. Auf der Rückseite erwartet mich eine Antifaltencreme: Ab dreißig nimmt die Elastizität Ihrer Haut stetig ab.
Am liebsten würde ich die Zeit an dieser Stelle anhalten. Emilia Vierling, gerade noch neunundzwanzig, allein im Wartezimmer, bevor sie einem wildfremden Menschen erklären muss, warum sie nicht mehr vor die Tür geht und ziemlich viele Dinge nicht auf die Reihe kriegt, die für andere Menschen selbstverständlich sind.
In diesem Moment höre ich das Geräusch eines Wasserhahns hinter der Tür direkt gegenüber dem Wartezimmer. Stilles Örtchen, prangt dort in silbernen Lettern. Ich frage mich immer mehr, ob Dr. Struwe und ich kompatibel sein werden. Er ist bestimmt aktiv in diversen Facebook-Gruppen, in denen kitschige Bilder mit schlauen Sprüchen geteilt werden, und bestimmt hat er diese Sprüche auch als Wandtattoo über seinem Sofa verewigt.
Die Toilettentür öffnet sich. Ein Mann mit strubbeligen rostbraunen Haaren und einer gebirgsähnlichen Nase steht in der Tür und wischt sich die nassen Finger an der Hose ab, an deren Enden seine Köchel hervorgucken. Dann streicht er seine zerzausten Haare zurück und offenbart zwei formvollendete Absteh-Ohren. Ich würde diese Ohren überall erkennen.
Er räuspert sich und betritt das Wartezimmer. „Hallo.“
Automatisch greifen meine Finger nach der Zeitschrift vor mir auf dem Tisch. Auch diese Stimme kommt mir schrecklich bekannt vor. Ich öffne das Magazin an einer beliebigen Stelle und versenke mein Gesicht darin. Trotzdem registriere ich, wie der Typ das Wartezimmer durchquert und sich direkt neben mich auf den Stuhl fallen lässt. Für einen Moment herrscht eine Stille, die fast so tief ist, dass ich durch die Wand das Gespräch im Nachbarzimmer belauschen kann.
Ich fühle mich wie ein Rehkitz im Scheinwerferlicht eines Autos, das sich nicht von der Stelle rühren kann, obwohl es gleich überfahren wird. Schockstarre nennt man das.
„Der Sieben-Punkte-Plan zum Heiratsantrag“, liest er leise vor. „Ich wusste gar nicht, dass du der Typ für so was bist.“
Ich umklammere die Seiten fester. Ich spüre, dass er mich anstarrt.
„Kennen wir uns?“, frage ich, ohne hinter der Zeitschrift aufzutauchen. Ich bin froh, dass ich meine Sonnenbrille noch nicht abgenommen habe, mein persönlicher Schutzschild. Ich verschwinde in einem Artikel über Endometriose, der mit Zeichnungen von quietschpinken Wärmflaschen garniert ist. Ich kann nicht glauben, was hier gerade passiert. Ich gehe zum ersten Mal seit Wochen vor die Tür und begegne im Wartezimmer eines Therapeuten dann ausgerechnet … ihm. Gehört das zu Dr. Struwes berühmter Variante der Konfrontationstherapie? Mir fällt beim besten Willen kein Grund ein, warum er sonst hier sein sollte.
Ich bin so sehr damit beschäftigt, mir eine Erklärung für diese absurde Situation zurechtzuzimmern, dass ich überhöre, wie sich die Tür des Behandlungszimmers öffnet.
„Em“, setzt der Typ neben mir an.
„Ach, wie schön, Sie sind schon da!“ Ein hochgewachsener grauhaariger Mann mit buschigen Augenbrauen, schulterlangen grauen Haaren und einem riesigen Schnurrbart steht im Türrahmen, als ich vorsichtig hinüberlinse. Er trägt einen Pullunder über dem karierten Hemd und sieht damit aus wie ein klischeehaft dargestellter Psychiatriepatient, der manchmal versucht, sich als Arzt auszugeben.
„Sie sind hier für die Paartherapie, richtig?“

***

Versteinert sitze ich Dr. Struwe gegenüber. Ich halte meinen Blick starr nach vorne gerichtet und gebe mein Bestes, die Person auszublenden, die gerade neben mir sitzt. Stattdessen zähle ich die Härchen an Dr. Struwes Bart. Ich könnte so bis in alle Ewigkeit ausharren, ich habe es lang genug geübt.
Hundertdreiundzwanzig, hundertvierundzwanzig, …
„Was führt Sie heute zu mir?“, fragt Dr. Struwe mit einem ermutigenden Lächeln und legt die Fingerspitzen vor dem Gesicht zusammen, sodass ich den direkten Blick auf seinen Schnurrbart verliere.
Hektisch gehe ich meine Optionen durch. Soll ich ihm einfach sagen, dass es ein Irrtum war? Wortlos aus dem Raum stürmen?
Mein Inneres ist damit beschäftigt, sich zwischen Wut und Angst zu entscheiden, weswegen ich viel zu langsam realisiere, was um mich herum passiert. Wir wissen doch alle, wie dieser Kampf endet.
„Genau so ist es“, hatte der Typ neben mir im Wartezimmer auf Dr. Struwes Frage hin geantwortet, ob wir für die Paartherapie angemeldet seien. Das hatte mich so sehr überrumpelt, dass ich nicht widersprach. Und jetzt sitze ich hier. Ich bin völlig am Ende. Steht es wirklich schon so schlimm um mich, dass ich mich völlig wehrlos in meinen eigenen Albtraum begebe? Warum habe ich nicht protestiert? Und was führt Jack im Schilde? Meine Finger tasten in der Manteltasche nach dem Nasenspray. Ich könnte Jack eine Ladung davon ins Gesicht sprühen und fliehen, oder? Vielleicht könnte ich auch mitspielen, unsere Scheidung verkünden und einfach aus dem Raum stürmen. Aber ich bleibe wie festgefroren auf meinem Platz sitzen, typisch Emmi eben.
Mein Inneres findet es zunehmend unmöglich, mir vorzugaukeln, dass es vielleicht doch nicht er, sondern jemand anderes sein könnte. Vor allem, als er mich ansieht und ich aus Reflex den Kopf zu ihm drehe. Unsere Blicke treffen sich, und ich bin mir sicher, dass das mein Ende ist. Ein Lächeln umspielt seine Lippen, er hebt eine Augenbraue, seine perfekten, wunderbaren Absteh-Ohren zucken. Ich ertappe mich selbst, wie meine Gedanken die Linien seines Gesichts nachzeichnen: die schiefe Nase, die zuckenden Mundwinkel und die dunklen Augen, die ich nie vergessen könnte. Reiß dich zusammen, Emmi! Aber Jack erwidert meinen Blick, und eine Ewigkeit vergeht, bevor er sich an Dr. Struwe wendet. „Wir sind hier, um an unserer Beziehung zu arbeiten.“
Dr. Struwe kritzelt etwas in seine Akten und wirft eine lange silbrige Strähne hinter die Schulter zurück. „Diese Stunde dient einem entspannten Kennenlernen. Deswegen möchte ich, dass Sie sich zum Einstieg gegenseitig beschreiben.“
Ich starre ihn an.
„Sie wirken von dieser Aufgabe ein bisschen irritiert, vielleicht möchten Sie gleich einmal damit anfangen?“ Er blickt mich auffordernd an. „Dann können wir in diesem Kontext auch direkt über Ihre Gefühlshemmungen sprechen.“
„Ich …“ Ich versuche, in meinem Kopf die Chancen zu errechnen, dass Jack mich mit Absicht in diese Falle gelockt hat, weil ich vor vier Jahren einfach aus seinem Leben verschwunden bin und mich nie wieder bei ihm gemeldet habe.
Dr. Struwe lächelt gütig. „Beginnen Sie doch einfach mal damit, Ihren Partner persönlich anzusprechen.“
„Jack …“ Weiter komme ich nicht.
„Sie nennt mich immer Jack. Sonst macht das niemand.“ Ich fahre zu ihm herum und funkele ihn finster an. Meine Angst ist mit einem Mal verpufft. Ich spüre Wut in mir aufkochen. Ein einziger Satz von ihm reicht, und ich gehe an die Decke. Wie kann er es wagen, nach all den Jahren in mein Leben zu platzen, mich in diese Situation zu bringen und dann auch noch so süffisant dabei zu grinsen? Ist das seine späte süße Rache? Früher mochte ich genau das an ihm: dass er die Wut aus mir herauskitzelte, wo sonst immer nur Angst war.
Ich gebe mir Mühe, ruhig zu atmen, damit meine Stimme vor Zorn nicht zittert. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Dr. Struwe sich mit flinker Hand etwas notiert, aber das ist mir egal.
„Jack ist …“, setze ich noch einmal an. Ich fixiere ihn weiter. Wieder zieht er eine Augenbraue in die Höhe. „Jakob ist das Schlimmste, was mir je passiert ist.“
„Moment, Moment“, fährt Dr. Struwe dazwischen. „Ich spüre bei Ihnen unterschwellige Aggression.“
„Unterschwellig?“, rutscht es mir heraus, ein trockenes Lachen springt gleich noch hinterher.
„Und dieser Sarkasmus, muss das wirklich sein?“ Ich verschränke die Arme vor der Brust. „Wie wäre es, wenn Sie stattdessen beginnen?“, wendet er sich an Jack. „Also, am besten fassen Sie einfach mal Ihre Gedanken und Gefühle zu Ihrer Partnerin in Worte, und vielleicht können Sie anschließend sogar noch hinzufügen, warum Sie hierherkommen wollten – ich nehme an, dass das Ganze Ihre Idee war?“
Jack nickt und räuspert sich. Schon früher hatte er immer einen rauen Hals, dieses Angekratzte gefiel mir an seiner Stimme besonders. Jetzt klingt es für mich nur noch so, als hätte er die letzte Nacht durchgemacht und sich zum Frühstück ein Scherbenmüsli genehmigt.
„Es wäre sehr hilfreich, wenn Sie Ihren Partner dabei ansehen könnten.“
„Ist das … wirklich notwendig?“
Dr. Struwe blinzelt in Zeitlupe. „Dadurch bauen wir die Wertschätzung wieder auf, nach der wir uns alle insgeheim doch so sehr sehnen.“
Ich weiß nicht, was ich schlimmer finde: Die Art, wie Dr. Struwe die Wörter Ihr Partner und Ihre Partnerin betont, oder den Ring, den ich an Jacks Hand entdecke, als ich versuche, ihn anzusehen, ohne ihn direkt anzusehen. Etwas in mir zieht sich zusammen, aber ich bin entschlossen, mir nichts anmerken zu lassen. Mit einer fließenden Bewegung schiebt Jack die rechte über die linke Hand und lässt den Ring darunter verschwinden. Was hier vor sich geht, kommt mir immer rätselhafter vor.
„Bitte.“ Dr. Struwe nickt wohlwollend.
Ich höre, wie Jack Luft holt. „Ich habe heute wirklich nicht damit gerechnet, dass Emilia hier auftauchen würde“, setzt er an. Ich presse die Kiefer aufeinander und wappne mich gegen das, was nun kommen würde.
„Sie dachten, Ihre Frau würde heute nicht kommen?“, fragt Dr. Struwe nach.
„Em ist …“, setzt Jack noch einmal an. Wenn er meinen Spitznamen ausspricht, bekomme ich eine Gänsehaut. Niemand sonst hat mich je Em genannt. Emilia, Emmi, Mila – aber nie Em. Es klingt ein bisschen ulkig, zu kurz und gleichzeitig nach einem gedehnten „Ähm“. Genauso planlos, wie ich bin. Passt also.
Jack dreht sich zu mir herum. Ich kann seinen Blick nicht lesen, wie auch, ich habe ihn vier Jahre nicht gesehen. Sein Gesicht ist eine Maske, vollgestopft mit meinen Erinnerungen, sodass ich den Menschen darunter gar nicht sehen kann. Auf einmal bereue ich es, dass ich mich heute nicht geschminkt habe, und ich hasse es, dass er diesen Gedanken in mir hervorruft.
„Ich dachte, sie wäre vielleicht gestorben.“
Dr. Struwe räuspert sich. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen, die Wände kriechen näher an mich heran. Durch die Nase einatmen, durch den Mund ausatmen, ganz langsam.
„Also machen Sie sich Sorgen um Ihre Partnerin?“
Jack legt den Kopf schief und studiert mich wie einen besonderen Vogel, den er noch nie gesehen hat. Einen Vogel, der dennoch bereits Krähenfüße um seine Augen hinterlassen hat. Es war mir zunächst nicht aufgefallen, aber jetzt sehe ich, dass er merklich älter aussieht. Hier und da durchziehen silbrige Haare das Rostbraun seines Schopfs, die Augenringe sind etwas tiefer geworden, die Grübchen auch. Dennoch – die vier Jahre stehen ihm, und das scheint mir die wahre Härte des Lebens. Er reift wie ein guter Wein, und ich verfaule wie eine vom Stock gefallene Traube.
„Ich mache mir keine Sorgen um sie“, sagt er langsam, „um Em muss man sich keine Sorgen machen.“ Seine Worte stechen mich, als wären die Konsonanten messerscharf. Wenn er nur wüsste. „Sie ist ziemlich widerstandsfähig. Und eigensinnig.“ Ich spüre, wie mir Tränen in die Augen steigen. Nicht jetzt, Emmi, lass ihm doch wenigstens ein paar Sekunden die Illusion, bevor du demonstrierst, dass widerstandsfähig so ungefähr das Letzte ist, was du bist. „Em ist …“
Dr. Struwe notiert etwas, dann hält er plötzlich inne, runzelt die Stirn und hebt eine Hand. „Bitte entschuldigen Sie die Unterbrechung, aber ich muss eine kurze Zwischenfrage stellen.“ Er fährt mit gezücktem Stift eine Zeile auf einem ausgedruckten Anmeldeformular entlang. „Ich sehe gerade, dass hier in meinen Unterlagen steht, Ihre Namen sei Bernhard und Sabine Arnold …?“
Jack reagiert, ohne zu zögern. „Da müssen Ihnen wohl die Anmeldeformulare durcheinandergeraten sein.“ Selbstsicher streckt er die Hand über den Schreibtisch aus. „Hätten Sie noch einmal eins von diesen Formularen für uns?“
Während Jack Kästchen um Kästchen ausfüllt, breitet sich auf Dr. Struwes Gesicht ein mildes Lächeln aus. Er hat uns durchschaut, da bin ich mir sicher. Er weiß, dass wir nicht das Paar sind, das eigentlich diesen Termin ausgemacht hat. Und wo waren die beiden überhaupt? Würden sie endlich auftauchen, hätte diese absurde Szene hier ein Ende. Aber Herr und Frau Arnold bewarfen einander wahrscheinlich in genau diesem Moment lieber mit ihrem Hochzeitsgeschirr. Ich sehe aus dem Augenwinkel, dass Jack sein Smartphone aus der Tasche zieht und seine Handynummer abschreibt.
Als er fertig ist, studiert Dr. Struwe das Formular kurz und wendet sich dann wieder mir zu. „So, Frau Vierling. Wie wäre es, wenn Sie einmal ganz vorne anfangen?“
„In meiner Kindheit?“, frage ich. „Oder als ich diesen einen Film gesehen habe, der mich jahrelang in unglückliche Beziehungen gestürzt hat?“
„Twilight?“, fragt er direkt und nun ohne den Anflug eines Lächelns.
„Woher wissen Sie das?“
„Das ist die Bibel Ihrer Generation und mindestens genauso schädlich für das psychische Wohlbefinden wie die Heilige Schrift. Erzählen Sie mir doch einmal, wie Sie sich kennengelernt haben.“
Ich seufze.


DAMALS
Als ich Jack zum ersten Mal traf, heulte ich auf den Stufen hinter einer Bar, bis meine Zigarette unter einer dicken Träne zischend erlosch. Das mag jetzt vielleicht überraschen, aber ich war nicht immer so eine bemitleidenswerte Gestalt wie heute. Damals war ich sogar die mit dem breitesten Lächeln, das den Gästen im Café das Trinkgeld aus der Tasche zog, sobald sie meine zauberhafte Zahnlücke entdeckten. Aber nicht an diesem Abend. Die Grillen zirpten in die warme Nachtluft, während ich die Seiten meines Manuskripts zerrupfte, bis alle Wörter einzeln zu Boden segelten.
Jack öffnete die Hintertür der Bar mit einem solchen Schwung, dass mein Wortfetzenhäuflein aufgewirbelt wurde.
„Hey!“ Ich vergaß für einen Moment die dunklen Mascaraspuren unter meinen Augen und fuhr zu ihm herum.
Jack starrte mich überrascht an, aber vielleicht konnte er mich auch gar nicht recht erkennen, weil seine Brillengläser von der feuchten Luft in der Bar immer noch beschlagen waren. Obwohl es ein warmer Sommerabend war, trug er einen Strickpullover.
„Du bist doch die mit der Kurzgeschichte über die Sängerin, die ihr komplettes Vermögen dafür ausgibt, die eigenen Platten zu kaufen, oder?“ Er grinste mich an, und ich sah, dass seine Eckzähne spitz zuliefen, er sah ein bisschen aus wie ein Raubtier … oder ein Vampir?
Ich schnaubte und zog an meiner erloschenen Zigarette, bis ich husten musste. „Und du bist der Typ, der sich vor allen über Poetry Slams lustig gemacht hat.“
Um ihn nicht ansehen zu müssen, klaube ich die einzelnen Zettelüberbleibsel auf den Pflastersteinen wieder zusammen. Er war direkt vor mir aufgetreten und hatte die Nerven gehabt, diese komplette Veranstaltung ins Lächerliche zu ziehen. Danach bebte der Laden, teils vor Empörung, teils vor Begeisterung – keine besonders gute Voraussetzung, um anschließend mit einer herzzerreißenden Geschichte wie meiner an den Start zu gehen.
Ich seufzte. „Dieser Buchvertrag heute Abend wäre meine große Chance gewesen“, sagte ich so leise, dass ich hoffte, er hätte mich gar nicht verstanden, aber dann ließ er sich neben mir auf die Stufen fallen und sah mich an. Ich hielt meinen Blick starr nach vorne ins Nichts gerichtet. Zwar winkte dem Gewinner des Poetry Slams nur die Veröffentlichung in einem kleinen Verlag. Aber das hatte in der Vergangenheit schon mehrmals zu etwas Größerem geführt. Außerdem saß mein absolutes Schreibidol, die Autorin Margarete Leopold, in der Jury!
„Also, ich mochte deine Geschichte“, sagte er leise.
Ich sah ihn ungläubig an. „Ist das dein Ernst? Du hast dich über uns alle lustig gemacht …“
Allmählich klarten seine Brillengläser auf, und ich konnte die dunklen Augen dahinter erkennen. Von dem Spott, den er eben noch von der Bühne aus ins Publikum gesprüht hatte, war nichts mehr übrig geblieben. „Kann etwas Lächerliches nicht trotzdem auch Bedeutung haben?“
Ich verengte meine Augen zu Schlitzen. „Willst du es jetzt so darstellen, als hättest du mir mit deinem genialen Beitrag eine neue Perspektive eröffnet?“
Er hob die Schultern. „Immerhin bin ich auch in der ersten Runde rausgeflogen, falls das hilft.“
„Überrascht dich das?“
Er beugte sich nach vorn, sammelte ein paar Wörterfetzen vom Boden auf, legte sie auf die Treppenstufe zwischen seinen Füßen und schob sie kreuz und quer durcheinander. Für einen Moment schwiegen wir. Die Pausenmusik aus der Bar hinter uns verstummte, aber er machte keine Anstalten, wieder nach drinnen zu gehen.
Wortlos rutschte Jack zur Seite und gab den Blick auf seine Zettelanordnung frei.

Verzeihen mir
Einladung zu Milch weit weg von hier?

Unwillkürlich verzogen sich meine Lippen zu einem Lächeln. „Milch?“
Er hob die Augenbrauen. „Was kann ich denn dafür, dass in deiner Kurzgeschichte weder Gin noch Rhabarberlimo vorkommt?“
„Da ich mir nicht vorstellen kann, dass ich mich jemals von selbst hier wegbewege, werde ich das Angebot annehmen.“
„Zu gütig“, erwiderte er und streckte mir eine Hand hin, um mich hochzuziehen. Ich wischte mir mit dem Ärmel die Schminke von den Wangen.
„Gut so?“, fragte ich ihn.
„Perfekt“, entgegnete er mit einem schiefen Lächeln.
Als ich Stunden später mit Herzklopfen nach Hause lief, sah ich mein Gesicht im ersten Licht des Morgens in einer spiegelnden Fassade. Anders als Jack behauptet hatte, war die Schminke unter meinen Augen immer noch da, ich hatte sie wohl nur noch mehr verschmiert. Aber das war nicht die erste Lüge, die mir Jack an diesem Abend erzählt hatte.
Erst viel später fand ich heraus, dass er es sehr wohl in die nächste Runde des Poetry Slams geschafft hatte und dass die Veranstalter die ganze Bar nach ihm absuchten, während wir den Rhein entlangschlenderten, als hätten wir alle Zeit der Welt. Als ich in den frühen Morgenstunden nach Hause torkelte, betrunken von dieser Begegnung und unserer Nacht in dieser Stadt, war ich mir sicher, dass mein Leben sich grundlegend verändern würde. Ich hatte ihn gefunden. Mit dieser Einschätzung sollte ich recht behalten. Aber nicht so, wie ich es mir erhofft hatte.


JETZT
„Ich weiß nicht einmal mehr, wer Jakob ist“, sage ich leise, nachdem die Stille im Raum den kompletten Sauerstoff verdrängt hat und ich mich fühle, als würde ich keine Luft mehr bekommen.
Dr. Struwe sieht mich lange an, ohne etwas zu sagen. Dann faltet er die Hände und blickt zwischen mir und Jack hin und her. „Sie sollten auf jeden Fall mindestens einmal die Woche kommen“, sagt er nachdenklich. „Ich kann Ihnen jetzt schon sagen, dass hier Dinge zum Vorschein kommen werden, von denen Sie noch nicht einmal geträumt haben – so tief steckt das im Unterbewusstsein fest.“ Er zieht seinen Terminplaner zu sich heran. „Okay, wann würde es Ihnen denn passen? Vorausgesetzt natürlich, dass Sie damit einverstanden sind, mit mir auf diese Reise zu gehen.“
Bei dieser Formulierung zieht sich in mir alles zusammen. Dr. Struwe hat es wahrscheinlich nicht verdient, aber ich hasse ihn in diesem Moment. So richtig. Wer meinen Ärger aber sehr wohl verdient hat, ist Jack. Was sollte das alles? Ich wüsste nicht, was ich mir Schrecklicheres vorstellen könnte, als in einer Paartherapie mit Jack mein Unterbewusstsein aufzuräumen. Ich spüre, wie sich immer größere Wut in mir zusammenbraut. Jack rechnet ganz bestimmt damit, dass ich mich aus der Affäre ziehe, dass ich einknicke. Aber das kann er sich abschminken. Ich laufe nicht mehr weg – zumindest nicht vor ihm. Ich balle die Fäuste, so stark ich kann.
Jack dreht sich mir zu und hebt fragend die Augenbrauen. Ich weiß, was er von mir erwartet: empört aus dem Raum stürmen, Türen knallen, ihn anschreien. Aber diesmal gebe ich nicht klein bei. Stattdessen ziehe ich meinen Kalender aus der Tasche und wende den Blick Dr. Struwe zu. Challenge accepted. „Sehr gern, wann passt es Ihnen denn?“
„Gut, gut, gut.“ Dr. Struwe blättert in seinem Terminplaner hin und her. „Heute ist Freitag … Wie wäre es bei Ihnen gleich kommende Woche am Montagvormittag, um elf?“ Er wirft noch einmal einen Blick auf das Formular, das Jack ihm über den Tisch geschoben hat. „Frau … Vierling und Herr Mersfeld?“
„Aber sehr gerne“, sage ich mit dem zuckersüßesten Lächeln, das ich zusammenbasteln kann. Ich kann selbst kaum glauben, was ich hier gerade tue. Aber wäre doch gelacht, wenn ich ihn einfach so gewinnen lassen würde.
„Das sollte klappen“, sagt Jack. Unter dem Tisch wirft er einen Blick auf sein Smartphone, aber ich kann die Nachricht, die er liest, von hier aus nicht entziffern. Mir fällt nur wieder der Ring an seiner linken Hand ins Auge.
Dr. Struwe erhebt sich. „Gut, dann gibt es für mich nichts mehr zu sagen, außer: Seien Sie gütig zueinander. Und wir sehen uns nächste Woche.“
Er lächelt uns wohlwollend an. Ich reiche ihm meine Hand über den Tisch. „Danke, Dr. Struwe, vielen herzlichen Dank.“
Sobald er die Tür zur Praxis hinter uns geschlossen hat, lasse ich meine Fassade fallen. So schnell ich kann, springe ich nach unten, immer zwei Treppenstufen auf einmal. Ich muss mich am Geländer festhalten, um nicht über meine eigenen Füße zu stolpern. „Unfassbar!“ Meine Stimme hallt von den hohen Decken wider, aber das ist mir egal. Bevor ich die Knöpfe meines Mantels geschlossen habe, stürme ich bereits in die Herbstsonne hinaus. Durch eine Gruppe laut schnatternder Grundschülerinnen hindurch, marschiere ich geradeaus auf mein Fahrrad zu.
„Also wirst du am Montag wiederkommen?“, ruft Jack mir hinterher. Ich reagiere nicht, blicke starr nach vorn und stürme weiter zu der Laterne an der Straßenecke, wo ich mein Fahrrad angeschlossen habe. „Em!“ Seine Stimme kommt näher.
„Nenn mich nicht so!“, brülle ich über die Schulter und sehe dabei, dass das Fenster zu Dr. Struwes Behandlungszimmer offen steht und dahinter seine Silhouette erkennbar ist. Na super. Ich bin mir sicher, dass er eifrig mitschreibt, was hier gerade auf der Straße passiert. Fast hätte ich ein älteres Ehepaar angerempelt, das daraufhin direkt kehrtmacht. Wollten sie auch in Dr. Struwes Praxis und haben dank unseres Gebrülls nun alle Hoffnung aufgegeben?
Mein verrostetes Fahrrad steht immer noch genau dort, wo ich es zurückgelassen habe. Kein geklauter Sattel, keine zerstochenen Reifen – und die Straßenlaterne hat auch niemand aus dem Boden gerissen, wie ich es auf der Suche nach Gründen, das Haus besser nicht zu verlassen, befürchtet hatte. Ich krame in meiner Handtasche nach dem Schlüssel für das Fahrradschloss. Jack hat mich mittlerweile eingeholt und stellt sich auf die andere Seite der Straßenlaterne, sodass ich ihn automatisch ansehen muss, wenn ich aufblicke.
„Wie geht’s dir?“, fragt er nun.
Ich funkele ihn an, während ich meine Hosentaschen immer hektischer nach dem Schlüssel abtaste. „Weißt du eigentlich, wie verdammt schwer es ist, einen Therapieplatz zu bekommen?“
Er hebt die Schultern, sagt aber nichts.
„Wofür brauchst du denn bitte eine Therapie?“, frage ich weiter.
Er weicht meinem Blick aus, als wäre es ihm unangenehm, darüber zu sprechen.
„Jedenfalls habe ich das alles nicht gemacht, um dich zu quälen. Es kam spontan über mich, als Scherz. Ich habe mir nicht viel dabei gedacht, und ich hätte erst recht nicht erwartet, dass du mitspielst.“ Ich schnaube vor Wut. „Emmi. Du traust mir viel mehr Bösewichtpotenzial zu, als ich tatsächlich besitze.“
„Das habe ich aber anders in Erinnerung.“ Und wo war mein verdammter Fahrradschlüssel?
Für einen Moment sehen wir uns wortlos an, dann hocke ich mich auf den Boden und wühle das Notfallkit aus meiner Handtasche. Wenn ich schon mal das Haus verlasse, muss ich auf alle Eventualitäten vorbereitet sein – Zahnbürste, fünfzig Euro, eine Kneifzange. Man weiß ja nie, was einem in der gefährlichen Außenwelt zustoßen könnte. Für Jack habe ich leider kein Gegenmittel.
Ich muss so schnell wie möglich weg von hier. Die Zange habe ich erst ein einziges Mal eingesetzt, um eine widerspenstige Walnuss zu knacken – sie sollte also noch messerscharf sein.
Jack fährt sich mit beiden Händen durch die Haare und übers Gesicht.
„Dir scheint es in den letzten Jahren ja ganz gut ergangen zu sein“, murmele ich und deute mit der Zange auf den Ring an seinem Finger.
Er will gerade etwas erwidern, da hält er inne und lacht. „Moment mal, klaust du gerade dein eigenes Fahrrad?“
„Ich finde meinen Schlüssel nicht.“
Nur kurz blicke ich auf. Seine Augen leuchten.
„Sieh mich nicht so an“, zische ich durch zusammengepresste Zähne.
„Wie sehe ich dich denn an?“
Mit einem Ruck reiße ich das Schloss vollends entzwei. „So wie früher.“
„Was machen Sie da?“ Jack und ich fahren herum, nur um zwei Verkehrspolizisten auf uns zukommen zu sehen.
„Scheiße“, zische ich. „Ich muss hier weg.“
„Warte, Em!“
Aber ich habe mich schon auf das Fahrrad geschwungen und düse die Straße runter. Als ich mich noch einmal umdrehe, sehe ich, wie Jack mit den Polizisten diskutiert. Wenn sich jemand aus einer solchen Situation herausreden kann, dann ja wohl er.

***

Sobald ich die Wohnungstür aufgeschlossen und mich auf einen Stuhl habe fallen lassen, springt Oskar auf meinen Schoß und miaut mir laut ins Gesicht. „Ist ja gut, du fetter Kater“, murmele ich, aber er lässt sich von dieser Beleidigung nicht beirren und quengelt weiter. „Ich weiß schon, was du willst.“ Ich kraule ihn kurz unter dem Kinn und stehe dann mühsam auf, um ihn zu füttern. Oskar folgt mir schnurrend. Das Regal im Vorratsschrank, auf dem normalerweise seine Katzenfutterdosen lagern, ist leer. Also öffne ich den Kühlschrank, um zu sehen, ob nicht noch eine angebrochene Dose darin ist. Fehlanzeige. Panik braut sich in mir zusammen.
Wie die Panik sich anfühlt?
Sie fühlt sich ein bisschen an wie Verliebtsein: Bauchkribbeln, Gänsehaut, nur dass man die Befürchtung hat, der rasende Herzschlag, der sich sonst so lebendig anfühlt, wird einen umbringen. Meine Finger werden feucht, und ich schwitze.
Wie die Angst aussieht?
Ich habe schon mehrfach versucht, sie mit einer Videokamera festzuhalten, wenn sie mich überkommt, oder sie im Spiegel zu finden, doch sie entgleitet mir immer wieder. Als wäre die Panik eine geheime Materie, die nur Magier sehen könnten.
Wie die Angst sich anhört?
Wie eine Eisenbahn auf ihrer letzten Fahrt.
Ruhig atmen, ganz ruhig atmen.
Ich stecke mein Gesicht in den Kühlschrank, bis die Kälte mich frösteln lässt, dann sinke ich neben der geöffneten Tür zu Boden.
Ich habe vergessen, Katzenfutter zu bestellen.
Das Drama mit Lara hat mich so durcheinandergebracht, dass ich meine wichtigsten Vorkehrungen vergessen habe, um nicht das Haus verlassen zu müssen. Oskar jault aus vollen Lungen und kratzt mit seiner Pfote im leeren Futternapf herum.
„Manchmal bereue ich den Tag, an dem ich mir eine Katze zugelegt habe“, flüstere ich ihm zu. Er hält inne und sieht mich mit großen orangefarbenen Augen an. „Ja, ich weiß, das ist nicht dein Problem. Warum brauche ich eigentlich einen Therapeuten, wenn ich dich habe?“ Er drückt die kleine rosafarbene Schnauze gegen mein Knie und schnurrt munter weiter.
Ich schließe die Augen. Orgelmusik, Laras entsetzte Stimme. Ich reiße die Augen wieder auf. Ich habe Scheiße gebaut und eine der gerade einmal zwei Personen in meinem Leben, die immer für mich da waren, zutiefst verletzt. Ich werfe einen Blick auf mein Smartphone. Keine Nachricht von Lara – und um Katzenfutter zu bestellen, das heute noch geliefert wird, ist es schon viel zu spät. Ich werde nicht auch noch die zweite Person im Stich lassen.
Ich knöpfe meinen Mantel wieder zu. Oskar miaut mir hinterher, als ich zur Tür gehe. „Ja, damit meine ich dich, du Idiot. Du bist die zweite Person.“ Ich gebe ihm noch einen Kuss zwischen die Ohren. Ja, ich weiß, eine Katze ist keine Person im eigentlichen Sinne, aber wenn man so wenige Sozialkontakte hat wie ich, darf man nicht wählerisch sein. Dann verlasse ich zum zweiten Mal an diesem Tag die Wohnung. Das letzte Mal, dass ich öfter als einmal in vierundzwanzig Stunden das Haus verlassen habe, liegt ungefähr vier Jahre zurück.

***

Was soll schon passieren?, wiederhole ich in Gedanken immer wieder, als ich vor den Glastüren des Supermarkts stehe und misstrauisch durch meine dunkle Sonnenbrille ins Ladeninnere blinzele. Es ist kurz nach Feierabend, an der Kasse hat sich eine lange Schlange gebildet. Ich trage meinen Wintermantel wie eine Rüstung um mich herum. Ich schwitze, aber das ist immer noch besser, als von irgendeinem Fremden auf der Suche nach Tomaten an der Schulter berührt zu werden. „Was soll schon passieren?“, presse ich zwischen meinen Zähnen hervor. Seit ich hier stehe, sind schon ein Dutzend Menschen an mir vorbei in den Laden gegangen und sieben wieder herausgekommen – keiner von ihnen wirkte, als hätte er da drinnen Schreckliches erlebt. Aber mir könnte die Milch herunterfallen und über den Boden schwappen – Glassplitter könnten die alte Frau im Auge treffen, die sich gerade ächzend zum Schnittkäse hinunterbeugt. Ich könnte vergessen zu bezahlen und vor allen Leuten festgenommen werden.
Neunundzwanzigjährige liefert sich
mit Polizei abenteuerliche Verfolgungsjagd
wegen gestohlener Milch

Ich spüre, wie mein Herzschlag sich beschleunigt. Ich könnte mitten im Laden eine Panikattacke bekommen. Das ist das, wovor ich eigentlich Angst habe, und es tut besonders weh, dass ich es weiß. Nicht vor der Milch, die in alle Richtungen davonläuft, fürchte ich mich, nicht vor der Person, gegen die ich aus Versehen stolpern könnte.
Sondern vor mir selbst.
Es ist ein beschissenes Gefühl, wenn man sich nicht auf sich selbst verlassen kann. Manchmal fühlt es sich so an, als würde ich ohne Führerschein Auto fahren, und dieses Auto ist mein Körper, ein etwas missglücktes Modell, das zu schnell aus der Zeit gefallen ist.
Ich drehe mich um und will wieder nach Hause gehen, da bugsiert eine Mutter mit drei quengelnden Kindern ihren leeren Einkaufswagen direkt auf mich zu. Ich kann gerade noch aus dem Weg springen – durch die sich öffnenden Glastüren in den Laden hinein. Neonlicht, Piepsen und Schnattern, es liegt ein metallischer Geruch in der Luft. Das alles überwältigt mich, ich halte den Atem an, um wenigstens ein paar der Reize auszuschließen. Ich gebe seit Jahren mein Bestes, damit mir die Menschen um mich herum egal werden, aber trotzdem fühle ich mich jetzt angestarrt. Während ich überlege, welches der kürzeste Weg zum Katzenfutter ist, das natürlich in der hintersten Ecke des Ladens steht, weiß ich auf einmal nicht mehr, wie Laufen funktioniert. Ich muss vorbei an der Gemüsetheke, wo jemand mich fragen könnte, wie diese eine Frucht heißt, die in manchen Restaurants auf dem Essen liegt. „Physalis“, flüstere ich vor mich hin, als eine Art Übung für den Ernstfall. Dann geht es weiter zu den Konserven, wo ich schon mehrfach von kleineren Menschen gefragt wurde, ob ich ihnen etwas aus dem oberen Regal holen könnte. Ich weiß nicht mehr, was ich noch tun kann, um zu einer Person zu werden, die man lieber nicht anspricht. Mein Gesicht halb im Schal, halb unter der Sonnenbrille zu verstecken, reicht offensichtlich nicht. Ich stelle mir den Supermarkt vor wie ein Labyrinth – wenn ich mich einmal reinbewege, ist nicht sicher, dass ich heil wieder rauskomme.
Ich denke an Oskar. „Reiß dich zusammen.“ Das Bild meiner Mutter taucht vor meinem inneren Auge auf, und das wirkt – ich stolpere durch die Eingangsschleuse hindurch und halte nicht mehr an, bis ich die Tierfutterabteilung erreicht habe. Zwar musste ich einen kleinen Umweg am Tiefkühlobst vorbei machen, um einer Gruppe nervöser Teenager aus dem Weg zu gehen, aber das ist auch alles. Ich fülle meine Umhängetasche bis zum Rand mit Katzenfutterdosen – ich muss sicherstellen, dass so ein spontaner Trip in nächster Zeit nicht noch einmal nötig wird. Dann will ich nichts wie raus aus den hellen Lichtern und irritierenden Geräuschen und am liebsten eine Woche lang das Bett nicht verlassen, statt einer Wärmflasche eine sich selbst nachfüllende Weinflasche im Arm. Ich halte meinen Jutebeutel wie ein Neugeborenes vor meiner Brust und schlängele mich dicht an den Regalen bis zur Kasse durch. Ich habe Glück: Es steht nur eine junge Frau vor mir, die sich mit Sellerie und Mandelmilch eindeckt und so aussieht, als würde sie gerade vom Sport kommen. Ich versinke tiefer in meiner Jacke und weiche ihrem Blick aus, als sie sich umdreht und den Trenner zwischen uns auf das Kassenband stellt. Ich lächele unverbindlich ins Nichts und stapele meine Futterdosen auf das Band. Die junge Frau vor mir bezahlt, klemmt ihren Sellerie unter den Arm und ist drauf und dran, den Laden zu verlassen, da dreht sie sich noch einmal um und mustert mich. „Sind Sie nicht Emilia Vierling?“
Ich starre sie an, das scheint ihr als Bestätigung zu genügen. Aber ich habe keine Ahnung, wer zur Hölle sie ist.
„Kann ich vielleicht ein Autogramm haben?“, fragt sie und lächelt breit.
„Ist das ein Trick, um mir eine Versicherung zu verkaufen?“
Zu meiner Überraschung lehnt sich die junge Frau mit einem schallenden Lachen zurück und schüttelt dabei ihren Sellerie wie eine Trophäe. „Sie sind ja im echten Leben auch so witzig.“ Sie kramt einen Stift und ihren Kalender aus der Tasche hervor und streckt mir beides hin. Ich überlege, ob ich noch einmal fragen soll, aber ich bin zu perplex. Also nehme ich den Stift einfach und setze meine krakelige Unterschrift auf die vorderste Seite in ihrem Kalender. Emilia Vierling, das bin ich – oder? Auf einmal stehe ich neben mir und bin mir des grundlegendsten Fakts in meinem Leben gar nicht mehr so sicher, meine eigene Handschrift kommt mir fremd vor. Ich kann mir selbst nicht mehr vertrauen.
„Vielen, vielen Dank, ich bin mir sicher, dass das mal ein kleines Vermögen wert sein wird.“ Mit einem freudigen Kichern drückt sie den Kalender an sich. „Ich studiere nämlich Kunstwissenschaften. Wir haben letzte Woche über Ihre Performance-Aktion gesprochen.“
„P-performance-Aktion?“
Die junge Frau nickt eifrig. „Ja, ich hatte das Interview mit Ihrer Schwester auf Instazoom aber natürlich schon gelesen.“
Ich starre sie schockiert an. Meine Schwester hat die Aktion mit den vertauschten Eheringen in einem Interview als „Performance-Aktion“ verkauft?
„Haben wir hohen Besuch?“, mischt sich der Kassierer von der Seite ein. Er mustert mich interessiert, sein blonder Schnurrbart zuckt.
„Nein, das ist eine Verwechslung.“ Ich würde am liebsten aus dem Laden stürmen, aber ich habe Oskars Futter noch nicht bezahlt.
„Ach, Sie sind aber bescheiden!“, lächelt die junge Frau vor mir. „Sie ist eine Künstlerin, die sich kritisch mit dem Leben der Frau zwischen Tradition und Moderne auseinandersetzt.“ Jetzt zieht die junge Frau ihr Smartphone aus der Hosentasche und hält es dem Kassierer hin. Die Sekunde, in der das Bild auf dem Display an mir vorüberschwebt, reicht völlig aus, damit ich kapiere, was hier vor sich geht. Es ist ein Artikel über Laras Hochzeit. Irgendwo haben sie ein Bild von mir aufgetrieben, umrahmt von ein paar neonfarbenen Sextoys. „Das Sexspielzeug als Ausdruck für die Erfüllung einer Frau in einer progressiveren Form der Ehe“, erklärt die Kunststudentin, „das ist einfach genial.“
Mir wird übel, ich spüre, wie sich in meinem Kiefer alles zusammenzieht, als würde ich im nächsten Moment Gift spucken. Dunkle Flecken tanzen vor meinen Augen, ich spüre, wie mein Herzschlag sich rasant beschleunigt. Mit schwitzenden Fingern zerre ich einen Geldschein aus meiner Tasche und werfe ihn dem Kassierer hin, dann greife ich blind ein paar Dosen Katzenfutter und renne aus dem Laden, bevor ein weiteres Wort gesagt werden kann.
Ich schaffe es gerade noch um die nächste Ecke, bevor ich an der Hauswand zu Boden sinke, der raue Stein scheuert an meinem Rücken. Durch die Nase einatmen, durch den Mund ausatmen. Ich versuche, meinen Puls zu beruhigen, aber ich habe immer mehr das Gefühl, keine Luft zu bekommen.
Was ist da gerade passiert? Weiß jetzt die ganze Welt, was für eine miese Schwester ich bin und dass ich Laras Hochzeit zerstört habe? Ich stecke meinen Kopf zwischen die Knie und versuche mich auf einen Käfer zu konzentrieren, der über das unregelmäßige Pflaster das Weite sucht.
Im nächsten Moment trifft mich etwas Kleines, Hartes am Kopf, und ich werde aus meiner Gedankenspirale gerissen. Eine Frau mittleren Alters entfernt sich von mir. Ich reibe mir die schmerzende Stelle. Vor mir glänzt ein Zweieurostück auf dem Boden.
„Hey, was soll das!“, rufe ich der Frau hinterher, aber sie dreht nur kurz ihren Kopf und sieht mich mitleidig an, bevor sie schnell weitergeht. „Ich bin nicht …“, setze ich an, aber mein Satz verliert sich in der dunklen Hausecke. Ich schlucke meinen Stolz herunter und stopfe das Geldstück in meine Jackentasche. Wer weiß, wozu ich das noch gebrauchen kann.

***

Sowie ich die Wohnung betreten habe, stehe ich im gelblichen Licht meines winzigen Badezimmers, Oskar turnt vor mir auf dem Waschbecken herum. Ich öffne ihm den Wasserhahn, damit er daraus trinken kann.
„Du bist seltsam“, murmele ich, aber in diesem Moment blicke ich hoch und sehe mich selbst. „Ja, du auch.“ Ich kneife mir mit den Fingern in die Wangen. Ich bin nicht mehr in dem Alter, in dem man alles auf eine süße Weise machen kann, erst recht nicht in dunklen Hausecken rumlungern. Feine Fältchen haben sich um meine Augen gebildet, dabei habe ich in den letzten Jahren erstaunlich wenig gelacht. Aber nicht mal das hat mich davor bewahrt. Jetzt sieht mein Gesicht noch kritischer aus. Meine Augenbrauen sitzen zu weit oben auf meiner Stirn, und meine Augenlider sind so präsent, dass es immer aussieht, als würde ich jedem und allem skeptisch gegenüberstehen. Das zumindest stimmt. Meine Wangen sind voller als früher, weil ich mich kaum noch bewege, ich sehe aus wie ein faltiges, kritisches Baby.
Oskar miaut mich an und beginnt direkt zu schnurren, als meine Finger sein Näschen berühren. Ich suche meine Manteltaschen nach dem Nasenspray ab.
Dann lege ich mich komplett angezogen auf mein Bett und strecke alle viere von mir. Ich fühle mich, als hätte ich einen Stromschlag bekommen, als wäre heute endgültig die Sicherung rausgeflogen. Ich kann nicht glauben, was in den letzten vier Stunden alles passiert ist. Erst die Paartherapie mit Jack und dann auch noch der Vorfall im Supermarkt eben. Wieder einmal war es keine gute Idee gewesen, meine Wohnung zu verlassen.
Oskar schmiegt sich an meine Wange. „Womit habe ich dich verdient?“, seufze ich. Er wetzt seine Krallen an meinem Schlüsselbein. Wir beide wissen, dass ich ihn nicht verdient habe.

***

Das Klingeln meines Smartphones weckt mich, aber ich bleibe genauso liegen, wie ich am Abend eingeschlafen bin, in meinem Wintermantel auf dem Bett. Als es nicht aufhört, setze ich mich ächzend auf und krame es mit noch geschlossenen Augen aus der Tasche hervor. Das grelle Licht eines wunderschönen Herbsttags sticht mir durch die geschlossenen Lider.
„Hallo?“, krächze ich in den Hörer.
„Emilia!“ Die Stimme meiner Mutter schneidet in mein Ohr, ich lasse mich zurück aufs Bett fallen, das Smartphone neben mir auf der zerknautschten Bettdecke. Im Hintergrund höre ich Geplapper und das Geräusch des neuen Rasenmähers, der der ganze Stolz meines Stiefvaters ist. „Bis ich Enkel habe, muss ich mich ja wohl irgendwie beschäftigen“, sagt er immer, mit einem schelmischen Grinsen, das dazu führt, dass ich bei jedem Besuch mehr trinke, als ich möchte, und anfange zu heulen, sobald ich ihr Grundstück wieder verlassen habe. Wie ein faltiges, kritisches Baby eben.
„Hast du noch Eier zu Hause, die du mitbringen kannst?“
Wie eine Migräneattacke fährt die Erinnerung in meinen Kopf. Ich strecke den Arm mit dem Smartphone von mir weg, öffne die Augen einen Spaltbreit, und die Datumsanzeige bestätigt mir, dass heute tatsächlich der zweite Samstag im September ist.
„Fuck.“
„Wie bitte?“
„F-fünf“, sage ich schnell.
„Perfekt, fünf Eier brauche ich. Bis in zwei Stunden, mein Schatz. Lara freut sich auch schon auf dich!“
Bis auf den Rasenmäher ist es für einige Sekunden vollkommen still in der Leitung.
„Bis dann“, stoße ich hervor, lege auf und vergrabe mein Gesicht im Kissen.
„Fuck“, wiederhole ich. Natürlich habe ich keine Eier zu Hause, meinte meine Mutter das ernst? Ich bin immer wieder überrascht, wie wenig sie mich kennt. Wer fünf Eier zu Hause übrig hat, hat sein Leben wahrscheinlich im Griff. Aber mir ist klar, dass sie mich vermutlich nur gefragt hat, weil Lara schon bei ihr ist und nicht auf dem Weg schnell noch Eier mitbringen kann. Sie ist zurück aus den Flitterwochen.
An jedem zweiten Samstag findet ein Familienessen zu Hause bei unseren Eltern statt, und ich weiß nicht, warum ich überhaupt noch dorthin gehe. Es ist meist keine sonderlich harmonische Angelegenheit, aber vielleicht empfindet meine Mutter das anders. Sie empfindet so ziemlich alles anders als ich. Vielleicht liegt es an dem Geld, das ich noch immer von ihnen bekomme und für das ich irgendeine Gegenleistung bringen will, auch wenn ich alles andere lieber gemacht hätte, als zu ihnen zum Essen zu kommen. Also alles andere, bei dem ich nicht das Haus verlassen muss. Als Autorin bin ich schon gescheitert, als Kellnerin ziemlich unbrauchbar, und leider auch nicht sonderlich gut darin, anderen Uhren oder überteuertes Shampoo anzudrehen.
Da meine Schwester seit mehreren Wochen nicht auf meine Nachrichten reagiert, ist das Mittagessen jetzt, wo sie aus den Flitterwochen zurück ist, meine einzige Chance, Kontakt zu ihr aufzubauen. Es ist kurz vor elf, in zwei Stunden muss ich da sein.
Ich stöhne und schäle mich aus meinem Wintermantel, schleppe mich ins Bad und stelle mich unter die heiße Dusche, bis meine Wangen rot glühen. Ein unordentlicher Dutt ist alles, was ich gebacken kriege, dazu die kleinen goldenen Ohrringe, die Larissa mir zu meinem letzten Geburtstag geschenkt hat. Vielleicht stimmt es sie milde, wenn ich sie trage. Kein Make-up, ich rechne schließlich damit, dass ich wieder heulen muss, also stopfe ich stattdessen Taschentücher in meinen Jutebeutel.
Immer, wenn ich zu meinen Eltern fahre, trage ich mein weites dunkelrotes Leinenkleid, das mir fast bis zu den Knöcheln fällt. Ich habe festgestellt, dass so weniger über meine Figur gesprochen wird. „Wir machen uns doch nur Sorgen um dich“, höre ich meine Mutter. Als wären ein paar Kilo mehr oder weniger das einzige Maß meiner mentalen oder körperlichen Gesundheit. Wären die tiefen bläulichen Augenringe nicht schon Hinweis genug? Als ich daran denke, kehre ich noch einmal um und tupfe mir ein bisschen Concealer unter die Augen. Jetzt sehe ich aus wie eine Eule mit hellen Kreisen um die Augen.
In den letzten Jahren habe ich mir ein paar Tricks angeeignet, die es mir erleichtern, das Haus zu verlassen. Der erste ist, dass ich mir einrede, nur kurz den Müll rauszubringen. Der andere ist, dass ich Musik durch meine Kopfhörer dröhnen lasse und so tue, als wäre ich ein anderer Mensch. Ein Mensch, der einfach so das Haus verlässt, und nicht nur, wenn es absolut sein muss. Ein Mensch, der fünf überflüssige Eier zu Hause in seinem Kühlschrank lagert, und zwar nicht in der Pappschachtel, sondern in der extra dafür eingebauten Eierhalterung in der Kühlschranktür. Eine Frau, die entspannt ihren Dreißigern entgegenblickt, weil sie sich in ihren Zwanzigern zur Genüge verwirklicht hat. Ich nenne diese Persönlichkeit Mia. Eine Mia kann alles schaffen. Mia ist eine Version meiner selbst, die manchmal durch meine Wohnung geistert wie der Schatten eines alternativen Lebens. Mia lacht laut, Mia tanzt auf Partys und trinkt morgens drei Kaffee, bevor sie beschwingt zur Arbeit geht, wo sie Menschen trifft und mit spielerischer Leichtigkeit Konflikte löst. Mia lächelt andere Leute an, bis sie zurücklächeln, bucht spontan Urlaube und weiß, was sie vom Leben will.
Ich runzele die Stirn. Mia klingt verdammt nach meiner Schwester Lara. Das raubt meiner Vorstellung direkt wieder die Magie, aber die Musik schalte ich trotzdem an, die Playlist von vor vier Jahren, als diese Stadt noch mir gehörte.
Ich starre auf den Boden vor mir, ein Schritt nach dem anderen auf dem Weg zu einer Schachtel Eier. Ich kann nicht mehr zu dem Supermarkt gehen, wo ich gestern war, stelle ich mit Bedauern fest. Das war der zweitnächste zu mir – im anderen ist mir das mit der zerbrochenen Milch passiert, der ist auch Sperrgebiet. Also muss ich durch die halbe Stadt zum nächsten Rewe marschieren, durch diesen zerbrechlich schönen Herbsttag. Er fühlt sich an, wie ich mich fühle. Noch habe ich mich einigermaßen im Griff, aber jeden Moment kann Wind aufkommen, und der Regen würde wohl auch die letzten gelblichen Blätter zu Boden reißen und die Gullys damit verstopfen. Kurz vor dem Laden vibriert mein Handy.

Eier nicht vergessen, mein Schatz.
Wir freuen uns so auf dich! Grüße von Lara!

Lara muss mich wirklich hassen, wenn meine Mutter so oft betont, dass alles in Ordnung sei. Aber daran, wie viele Kuchen sie gebacken hat, werde ich ziemlich genau ablesen können, wie schlimm es wirklich ist. Je schiefer der Haussegen hängt, desto mehr Puderzucker muss alles zusammenhalten. Der Rhythmus der Musik in meinen Ohren trägt mich über die Schwelle in den Supermarkt und nur zwei Minuten später mit einem Karton Eier wieder nach draußen. Der Tag läuft überraschend gut. In solchen Momenten frage ich mich immer, was eigentlich mein verdammtes Problem ist. War doch gar nicht so schwer, Emmi, sich wie eine normale erwachsene Person zu verhalten. Zu lächeln, den Karten-PIN richtig einzutippen und Danke zu sagen, ohne die Eier fallen zu lassen. Sogar „Einen schönen Tag noch“ war drin. Ich würde mich gerne mit einer Zigarette belohnen, aber diese Zeiten sind ja vorbei.
Ich wickle den Eierkarton in meinen Schal und verstaue ihn vorsichtig im Jutebeutel. Ich bin gut in der Zeit, wenn ich den nächsten Zug nehme, komme ich sogar früher an als notwendig. Na, das wäre mal eine Überraschung, besonders für mich.

Lea Melcher

Über Lea Melcher

Biografie

Lea Melcher ist eine Mainzer Illustratorin und Autorin. Nach einem Frühstudium der Literaturwissenschaft studierte sie Film und Fernsehjournalismus und absolviert momentan ihren Master in Mediendramaturgie. Sie ist großer Katzenfan und lebt mit ihren eigenen flauschigen Begleitern in Mainz. Auf...

„Ich möchte zeigen, dass man sich für psychische Krankheiten nicht schämen muss...“ Lea Melcher im Interview

Worum geht es in deinem Buch „Aber vielleicht wird auch alles gut“?  
In meinem Buch geht es um Emilia, Ende zwanzig, die aus Versehen mit ihrem Exfreund in einer Paartherapie landet. Eigentlich hatte sie sich endlich dazu entschlossen, eine Therapie wegen ihrer Angststörung zu machen, die sie in ihrem Alltag erheblich einschränkt. Aber durch die Wiederbegegnung mit Jack wird Emilias Leben auf den Kopf gestellt und sie muss sich mit ihren Ängste auseinandersetzen. Es geht also um psychische Krankheiten, Liebe, Freundschaft und den Druck, irgendwann erwachsen werden zu müssen. 

Es handelt sich um ein sehr persönliches Buch, denn du leidest selbst an einer Angststörung. Was hat dich dazu bewogen, über dieses Thema zu schreiben? 
Ich arbeite schon länger an verschiedensten Projekten zum Thema Angststörung, weil es mir sehr hilft, mich künstlerisch mit meinen eigenen Ängsten auseinanderzusetzen. Bei der Idee zum Buch war es mir besonders wichtig, eine humoristische Komponente einzubringen. Mir selbst fällt es am leichtesten, mit schweren Themen umzugehen, wenn man dabei lachen kann. 

Du gehst in deinem Buch und auf deinem Instagram-Profil sehr offen mit psychischen Erkrankungen um. Warum ist es dir wichtig, das Thema nicht zu tabuisieren? 
Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass es mir geholfen hätte, wenn ich früher Menschen gekannt hätte, denen es ebenso ging wie mir. Außerdem lerne ich jeden Tag, dass es anderen genauso hilft, wenn ICH offen damit umgehe. Ich möchte zeigen, dass man sich für psychische Krankheiten nicht schämen muss und dass es Wege gibt, damit klarzukommen. 
 

Hatte der Schreibprozess für dich auch eine therapeutische Wirkung? 
„Aber vielleicht wird auch alles gut“ ist ein sehr persönliches Buch für mich. Schon der Titel transportiert für mich einen wichtigen Gedanken, der mir durch die schlimmsten Angstzustände hilft. Wenn mein Hirn brüllt, dass gleich die Katastrophe eintritt, kann ich ihm etwas entgegensetzen: Ja, vielleicht passiert etwas Schlimmes – aber alle anderen Ereignisse sind ebenso möglich.

Wir wissen nicht, was passieren wird, das haben wir nicht im Griff. Dieser Gedanke klingt zunächst beängstigend, für mich ist er aber in den letzten Jahren immer befreiender geworden. Denn vielleicht wird tatsächlich auch einfach alles gut! Das habe ich durch das Schreiben des Buches wieder einmal gelernt, denn jetzt erscheint diese Geschichte tatsächlich in gedruckter Form; ich kann auf meine eigenen Gefühle vertrauen, und es ist tatsächlich alles vielleicht auch ziemlich gut geworden. 

Wer sollte dein Buch lesen?  
„Aber vielleicht wird auch alles gut“ ist ein Buch für alle, für die die Zwanziger nicht die „Beste Zeit ihres Lebens“ geworden sind, obwohl das alle immer prophezeien. Für alle, die denken, dass sie eigentlich schon an einem ganz anderen Punkt in ihrem Leben stehen sollten. Für alle, die endlich einen Schritt nach vorne tun und dafür die Vergangenheit endlich loslassen wollen. Und natürlich für alle, die schwere Themen gerne mit ein bisschen Humor angehen – das ist meiner Meinung nach immer noch die beste Medizin. 

Was möchtest du deinen LeserInnen mit auf den Weg geben?  
Du bist es wert, dass es dir gutgehen darf. Deine Gefühle sind echt und wichtig. Und immer dran denken: Aber vielleicht wird auch alles gut. 

 

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