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1794

Roman

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1794 — Inhalt

Endlich! Nach „1793“ die mit Spannung erwartete Fortsetzung vom preisgekrönten Spiegel-Bestsellerautor
Nach den Ereignissen des letzten Jahres fällt Jean Michael Cardell in ein tiefes Loch. Die Ermittlungen im Fall der verstümmelten Leiche gaben seinem Leben einen Sinn. Nun ist er wieder da, wo er vorher war. Bis zu dem Tag, als ihn eine Frau kontaktiert: Ihre Tochter wurde in der Hochzeitsnacht auf grausamste Weise zugerichtet und getötet. Als Täter wird deren frisch angetrauter adeliger Ehemann identifiziert und in ein Irrenhaus eingewiesen. Die Mutter der Getöteten glaubt diese Version jedoch nicht und sucht Hilfe bei Cardell. Seine Nachforschungen führen diesen erneut in die Abgründe Stockholms, und er muss feststellen, dass die Stadt verruchter und gefährlicher ist als je zuvor.


€ 16,99 [D], € 17,50 [A]
Erschienen am 03.01.2020
Übersetzt von: Leena Flegler
560 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06194-0
€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erscheint am 01.03.2021
Übersetzt von: Leena Flegler
560 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-31794-8
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 03.01.2020
Übersetzt von: Leena Flegler
560 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99594-8
„Bemerkenswert intensiv!“
Hörzu
„Es ist dieser Kontrast zwischen den Idealen dieser Zeit und der Gewalt, die Natt och Dag eindringlich aufeinander prallen lässt.“
Süddeutsche Zeitung
„Der Schwedenkrimi hat einen neuen Star.“
Sächsische Zeitung

Leseprobe zu „1794“

Teil 1
Winter 1794
Aus dem Grab der Lebenden

Wer wehret dem, der seine Verbrechen mit Stärke verbindet
und meint, er sei dabei nur dem Himmel verpflichtet?
Wer reißt den Arm zurück, der andre mit Gewalt überwindet,
wenn’s keinen Himmel gibt, der urteilt und der richtet?
Isak Reinhold Blom, 1794


1.
Inzwischen ist es Januar, das Jahr 1794 ist kürzlich angebrochen.
Am Morgen hat man mich aus dem Schlaf gerissen, aus dem Bett gejagt und mir befohlen, mich anzukleiden: Das Jahr sei noch jung, man habe Ungeziefer und Dreck lange genug ertragen, allmählich müsse die [...]

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Teil 1
Winter 1794
Aus dem Grab der Lebenden

Wer wehret dem, der seine Verbrechen mit Stärke verbindet
und meint, er sei dabei nur dem Himmel verpflichtet?
Wer reißt den Arm zurück, der andre mit Gewalt überwindet,
wenn’s keinen Himmel gibt, der urteilt und der richtet?
Isak Reinhold Blom, 1794


1.
Inzwischen ist es Januar, das Jahr 1794 ist kürzlich angebrochen.
Am Morgen hat man mich aus dem Schlaf gerissen, aus dem Bett gejagt und mir befohlen, mich anzukleiden: Das Jahr sei noch jung, man habe Ungeziefer und Dreck lange genug ertragen, allmählich müsse die schale Luft in der Kammer mit Reisig ausgeräuchert und der Boden mit Essig gereinigt werden. Unbeholfen band ich mir die Hose zu, schloss die Schnallen an meinen Schuhen und warf mir den Rock über die Schultern, die inzwischen so schmal geworden waren, dass der Stoff nur so an mir hinabhing. Ich ging die Treppe hinunter und trat ins Freie – zum ersten Mal seit Wochen, so kam es mir vor – und hinaus in den Tag, von dem ich durch die Fensterluke bislang bloß einen schmalen Streifen erhascht hatte.
Die Linden auf dem Hof sind seit Monaten unbelaubt. Allerdings hatte der Winter die Schuld des Herbstes mit frischem Neuschnee beglichen. So weit das Auge reichte, hatten sich lange Gewänder über die Zweige gelegt; die Schleppen fielen bis hinab auf die Erde. Die Sonne schien, und ihre Strahlen glitzerten über dem gleißenden Weiß mit einer Kraft, die keine andere Farbe duldete. Ich blinzelte ins Licht, war geblendet, musste mir die Hand vor die Augen halten. Andere Patienten drängten sich im Treppenhaus oder taumelten durch den Schnee und fluchten, sobald sich die kalte Nässe in ihre Schuhe ergoss. Statt mich zu ihnen zu gesellen, ging ich weiter, den Weg entlang zum Wasser hinunter, wo sich mir über dem Eis ein Spazierweg darbot, der durch die Schneedecke führte, bis man in einiger Entfernung das Meer erahnen konnte. Der jungfräuliche Schnee versprach Einsamkeit. Die Luft war schneidend kalt, aber die Sonne wärmte allmählich, und obwohl ich mich matt fühlte, ging ich ein Stück auf das Eis hinaus, das mittlerweile wohl dick genug war, um bis auf den Grund zu reichen.
Zu meiner Linken blitzte in weiter Ferne die vergilbte Zahnreihe der Skeppsbron, dahinter zu den Spitzen verjüngte Kirchtürme, und noch weiter entfernt war die gedrungene Kontur des Schlosses zu sehen. Ich wandte den Blick ab, als wollte ich das schlummernde Raubtier lieber nicht auf mich aufmerksam machen. Stattdessen sah ich zurück zu der Stelle, von der ich aufgebrochen war. Der Ufersaum erstreckte sich vor mir, und ich genoss den Anblick, wie er sonst nur Schiffsleuten vergönnt ist.
Die Stadt hat dem Danviken den Rücken gekehrt, und die Zeit scheint es ihr gleichgetan zu haben. Hier draußen vergeht die Zeit anders; ein Tag ist kurz, die Nacht ist lang. Hier begrenzen zwei Bergkämme unser Himmelsgewölbe zu beiden Seiten und verkürzen die Sonnenbahn. Wer in dieses Hospital kommt, hat es in der Regel nicht mehr abwenden können. Viele, die mit mir unter demselben Dach untergebracht sind, leiden indes bloß am Alter: Ihre Söhne und Töchter haben für sie ein Plätzchen gefunden, auf dass sie in den letzten Lebensjahren gut versorgt werden; allerdings haben sie offenbar nie die Zeit, um herzukommen und ihren Alten einen Besuch abzustatten, die vor Vernachlässigung allmählich kindisch im Geist werden.
Ein Stück weiter den Ufersaum entlang in Richtung Finnboda steht das Tollhaus. Von meinem Posten auf dem Eis konnte ich alles in allem sieben Stockwerke erkennen, die sich ein gutes Stück über den Hang erstrecken. Die Fundamente müssen waagerecht in den Berg getrieben worden sein – wie Treppenstufen für einen Riesen. Auf den Fluren des Hospitals sorgt das Tollhaus für einen steten Strom aus Gerüchten. Es heißt, es seien dort zigfach mehr Irre untergebracht, als das Gebäude beherbergen könne. Zahlreiche Fenster sind mit Brettern zugenagelt, vor anderen befinden sich Gitter. Als ich einmal bis fast an die Außenmauern spaziert war, meinte ich von drinnen ein Geräusch zu hören, einen mahlenden Dauerton, der mir wieder in Erinnerung rief, wie mich einst als kleiner Junge die Neugier dazu verleitete, draußen auf dem Feld zu einem der Bienenstöcke zu schleichen, woraufhin ich das träge Summen mit bedrohlichen, spitzen Giftstacheln zu verknüpfen lernte. Es müssen die Irren selbst gewesen sein, die dort drinnen in ihrem wahnhaften Zustand und in viel zu beengten Räumen zusammengepfercht jene Geräusche verursachten. Hier und da kommen Herrschaften in Kaleschen aus der Stadt und erkaufen sich für ein paar Münzen, die in die Taschen der Wärter wandern, einen Besuch bei den Irren, die sie mit ihren Possen gleichermaßen entsetzen und amüsieren. Wer immer im Hospital noch die Kraft hat, sich mit derlei Umtrieben zu beschäftigen, achtet darauf, welchen Eindruck die Gäste bei der Abreise hinterlassen, und lacht schadenfroh, wenn jene nach all ihren Erlebnissen ein wenig blass um die Nase wirken.
Aus Beweggründen, die ich selbst nicht benennen könnte, hielt ich an jenem Morgen selbst auf das Tollhaus zu. Eitergelb wie der Schanker thront es auf seiner Klippe – eine einstige Salzsiederei, die weitab der nächsten Besiedelung steht, weil früher unreine Dämpfe von dort emporstiegen; inzwischen ist die abgeschiedene Lage nur mehr den Insassen geschuldet. Am Eingang blieb ich vor einem Schriftzug stehen, einer Art Vers. Einige Worte ätzten sich mir ins Gedächtnis: „Hier hausen all jene, die beschämender Ruhmessucht oder einer unglücklichen Liebe erlegen. Leser, erkenne dich selbst!“ Waren diese kantigen, in Stein gemeißelten Zeichen nicht vielleicht einzig und allein an mich gerichtet?
Niemand verwehrte mir den Weg, und die große Eingangstür war unverschlossen. Im selben Moment, da ich sie einen Spaltbreit aufgeschoben hatte, schlugen mir ebenjene Laute entgegen, die ich zuvor nur als gedämpftes Raunen hatte vernehmen können. Ich erahnte die Vielzahl der Stimmen: ein Durcheinander aus Schnattern, Klagen, Jaulen und Glucksen. In den Eingangsbereich fiel kaum Licht, und es dauerte eine Weile, ehe ich den kleinen Mann ausmachte, der mir reglos gegenüberstand, als hätte er nur auf meine Ankunft gewartet. Ich nickte ihm zögerlich zu, woraufhin er mit schnellen Schritten quer durch den Raum auf mich zukam. Sein Blick war merkwürdig intensiv und verriet eine spöttische Neugier, während die Stimme weich und geschmeidig klang.
„Willkommen. Und auf die Minute pünktlich! Für Ihre Verlässlichkeit gebührt Ihnen meine höchste Anerkennung.“
Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was er damit meinte, und er muss mir die Verwirrung angesehen haben, was seiner augenscheinlich strahlenden Laune mitnichten einen Abbruch tat. Mit ausholender Geste bedeutete er mir, auf eine Treppe zuzugehen.
„Wenn Sie so freundlich wären, mir zu folgen? Dann zeige ich Ihnen die Räumlichkeiten.“
Dass es die reine Neugier gewesen war, die mich hierhergeführt hatte, kann ich nicht verhehlen, und diese Neugier sorgte nun dafür, dass ich tat wie geheißen, auch wenn der Mann mich ganz offenkundig mit jemandem verwechselte.
Ich folgte ihm in einen Innenhof, der ringsum von Mauern umgeben war, welche vier Stockwerke hoch in den Himmel ragten. Am Fuße dieser Mauern sammelte sich Unrat und Dreck, der allem Anschein nach aus den oberen Fenstern herabgeworfen worden war. Ich konnte gesprungene Scheiben sehen; andere Fensterstöcke waren mit Brettern bewehrt. In einer Ecke des Hofs stand ein Grüppchen Irrer in schmutzigen Kitteln. Sie wiegten sich vor und zurück, blickten verschreckt drein, und aus ihren Mundwinkeln triefte der Geifer. Mein Begleiter folgte meinem Blick und tat die Szene mit einer Geste ab.
„Nehmen Sie die besser gar nicht zur Kenntnis. Die sind wie zahmes Vieh in Menschengestalt und machen kein Gewese, solange man sie nicht zu Tode erschreckt. Ich kann Ihnen wesentlich spannendere Patienten zeigen. Folgen Sie mir!“
Auf der rückwärtigen Seite verließen wir den Hof über ein paar Stufen. Auf dem oberen Treppenabsatz hielt mein Gastgeber an der Tür zu einem Flur inne, räusperte sich und hob zu einem kleineren Vortrag an.
„Ursprünglich hatten wir hier siebenundzwanzig einigermaßen geräumige Zellen, die jeweils für einen Insassen vorgesehen waren. Ich weiß nicht, welche Sichtweise Sie auf die Welt haben, mein Herr, aber wenn Sie mich fragen, ist es wenig verwunderlich, dass sich schon sehr bald zeigen sollte: Der Bedarf war wesentlich größer. Die Stadt raubt den Menschen den Verstand, und von dort kommt er auch, dieser nie enden wollende Strom aus Wahnsinnigen. Heutzutage muss jede Zelle mindestens vier Insassen beherbergen. Sobald sie zu Gewalt neigen, werden sie in Eisen gelegt, um sie voneinander fernzuhalten, und in viele der Zellen haben wir aus demselben Grund Zwischenwände einziehen müssen.“
Er trat zur Seite, schob den Riegel zurück und bedeutete mir vorzugehen. Zu beiden Seiten des Flurs sah ich schwere Türen. Ohrenbetäubender Lärm schlug mir entgegen: Gebrüll und Gejammer mischten sich mit dem Kratzen von Fingernägeln an den Zellenwänden und dem Geräusch von Fäusten und beweglichen Gegenständen, die gegen die Türen polterten.
„Bald ist Abspeisung. Diese Leute mögen von Sinnen sein, aber der Magen funktioniert immer noch einwandfrei. Das Hungergefühl gibt ihnen ein Gefühl für die Zeit.“
Er ging weiter den Flur entlang, blieb aber hier und da stehen, um auf weitere interessante Umstände hinzuweisen.
„Wie Sie hier sehen, sind die Türen überaus stabil. In den meisten Zellen gibt es sogar eine zusätzliche Innentür, die besonders gut geeignet ist, allen erdenklichen Beschädigungen standzuhalten. Um viele dieser Irren steht es derart schlecht, dass man sie besser gar nicht mehr rauslässt – daher auch die Luken, die Sie hier sehen: Dort hindurch werden die Nachttöpfe geleert, ohne dass jemand die Zelle betreten müsste. Leider sind nicht alle imstande, die Fazilitäten wie vorgesehen zu benutzen, deshalb stinkt es so. Auch die Kachelöfen werden von außen mit Holz bestückt. Allerdings können wir uns das nur noch in den kältesten Nächten des Jahres leisten. Diesbezüglich hat sich die Überbelegung jedoch als Segen erwiesen: Die Zellen bleiben auf diese Weise einigermaßen warm. Wollen Sie mal sehen?“
Er legte den Zeigefinger an die Lippen und schob dann behutsam eine Luke auf, die auf Augenhöhe in eine Tür eingelassen war. Was er vor sich sah, schien ihm ein Schmunzeln zu entlocken, und er winkte mich näher. Es dauerte eine Weile, ehe ich in den Schatten der Zelle überhaupt etwas erkennen konnte. Zum rhythmischen Rasseln der Kette, mit der sein Bein an die Wand gefesselt war, vollführte ein halb nackter Mann einen schleppenden Tanz. An der Wand kauerten drei weitere Gestalten auf Strohhaufen. Als ich entdeckte, dass sie alle ihr steifes Glied in der geballten Faust kneteten, während die Fingerknöchel hell unter dem ganzen Schmutz hervorblitzten, wandte ich mich angewidert ab.
Wir zogen weiter. Mein Fremdenführer zeigte auf die Zellen am Ende des Gangs.
„Das sind die Dunkelkammern, in denen wir derzeit ein finsteres Trüppchen beherbergen; bei denen kann nicht mal mehr das Quecksilber etwas gegen die fortgeschrittene Franzosenkrankheit ausrichten. Leider gibt es dort kein Guckloch, sodass ich es Ihnen nicht zeigen kann. Aber es ist ohnehin nicht besonders sehenswert: lauter deformierte Nasen – und dann der Aussatz! Und wenn die Lust sie packt und sie ihre unbeherrschten Anfälle haben, ist das ein unvergleichlicher Anblick! Ansonsten hat es ihnen mehr oder weniger die Sprache verschlagen, und das meine ich buchstäblich, weil der Brand die Zunge verätzt.“
Mir war zusehends unwohl, und ich verspürte den unbezähmbaren Impuls, diesen gottverlassenen Ort zugunsten der kargen Uferlandschaft zu verlassen, die mir mit einem Mal so erstrebenswert vorkam wie das Reich der Glückseligkeit. Doch mein Führer machte keine Anstalten, sich von der Stelle zu rühren. Er stand da, als erwartete er eine Rückfrage. Ich tat ihm den Gefallen.
„Welche Behandlung wird diesen armen Seelen zuteil?“
Er nickte eifrig, als hätte er genau mit dieser Frage gerechnet.
„Wie die Wissenschaft uns lehrt, beruht die Tollerei auf dem Umstand, dass der gesunde Geist – sei es durch äußere, sei es durch innere Begebenheiten – aus der Bahn gerät, und wir wissen inzwischen, dass wir gesunde Gedanken nur wieder hervorlocken können, indem wir dem Kranken einen Schock verpassen, der ebenso groß ist wie derjenige, der den Patienten ursprünglich aus der Fassung gebracht hat. Wir setzen hier einen Lederschlauch ein, durch den wir die Zellen mit eiskaltem Wasser fluten können. Früher hat man den Irren die Krätze geimpft, weil man hoffte, der Juckreiz könnte den Wahnsinn verdrängen, aber die Krätze sitzt inzwischen richtiggehend in den Wänden, und die Insassen stecken sich ganz ohne unser Zutun damit an. Mit anderen Sachen im Übrigen auch – aber das lassen wir vielleicht fürs Erste …“
Möglicherweise hatte er diese Worte gewählt, weil mich ein plötzlicher Schwindel nötigte, mich an der Wand abzustützen.
Endlich setzte er sich wieder in Bewegung und zeigte mir den Weg nach draußen. Doch als wir wieder auf Höhe der Zelle mit den vier Männern waren, legte er mir die Hand auf die Schulter.
„Wie ich sehe, habe ich vergessen, die Luke zu schließen – aber das ist gar nicht weiter schlimm, weil ich Ihnen ohnehin gern noch eine letzte Sache zeigen möchte.“
Er schob mich auf die Tür zu, hinter der immer noch dasselbe Schauspiel vonstattenging.
„Sehen Sie die Ecke dort – ganz hinten? Wo sich einige der Herren erleichtert haben, weil wohl der Nachttopf besetzt war?“
Er kam ganz dicht an mein Ohr heran, und seine Stimme war nur mehr ein Flüstern.
„Das ist der Platz, den wir für Sie reserviert haben. Wenn Sie bald kommen, sind wir für Sie bereit.“
Ich zuckte zurück, sah, wie sich sein Mund zu einem höhnischen Grinsen verzog und er zwei Reihen scharfkantiger, weit auseinanderstehender Zähne bleckte.
„Obendrein sind Sie noch jung und so hübsch! Schlank gebaut, mit einer Haut wie Alabaster. Sie werden Ihren Zellenkameraden viel Freude bereiten, das verspreche ich Ihnen.“
„Wer sind Sie?“
Er beäugte mich mit einem boshaften Blick.
„Ach, das ist von Tag zu Tag unterschiedlich. Gestern war ich Karlchen der Zwölfte und schwelgte in glücklichen Erinnerungen an die Zeit, da ich meine Jungs in Blau auf dem Weg in die Schlacht von Poltawa durch die verschneiten masurischen Fichtenwäldchen führte, wo wir zu unserem größten Vergnügen vor den Augen ihrer Eltern Säuglinge unter unseren Stiefelabsätzen zermalmten. Wären Sie einen Tag eher gekommen, hätten Sie den Bleiklumpen in meinem Schädel rasseln hören können, wenn ich den Kopf geschüttelt hätte. Aber heute? Heute habe ich mehr Namen, als man zählen könnte. Ich bin schon der Alte genannt worden, Gehörnter Per, Leibhaftiger, Hellewart oder Roter Petter. Sie dürfen mich Satanas nennen. Wir warten bereits auf Sie. Und Sie wissen besser als jeder andere, dass Sie hierhergehören.“
Ich weiß ehrlich nicht, was mir als Erwiderung entschlüpft wäre, hätte im nächsten Moment nicht eine mir fremde Stimme das Getöse auf dem Flur übertönt.
„Tomas, du weißt, dass du hier nichts zu suchen hast! Wie oft haben wir dir schon gesagt, nur weil wir dich herumspazieren lassen, heißt das noch lange nicht, dass du dir solche Freiheiten erlauben darfst! Sofort zurück ins Bett mit dir!“
In einer Tür am anderen Ende des Flurs war ein untersetzter Mann aufgetaucht, der jetzt eilig auf uns zukam. Mit einem verschmitzten Gesichtsausdruck rückte mein Fremdenführer näher an mich heran.
„Ich will Ihnen zum Abschied eine Rätselfrage stellen. Es heißt oft, ich sei auf mein infernalisches Reich beschränkt und könne die Hölle nicht verlassen – aber wie kann ich dann unter die Menschen geraten sein? Anhaltspunkte gibt es, wohin man sieht. Bewahren Sie alles im Gedächtnis, was Sie hier gesehen haben, und nehmen Sie sich in Acht, wenn Sie nun weiter durch die Welt trotten!“
Der Mann, der allem Anschein nach zum Tollhauspersonal gehörte, packte Tomas, den Irren, am Arm und zerrte ihn den Flur entlang. Schweiß stand ihm auf dem runden Gesicht. Als Tomas sich wehrte, wurde er am Kragen gepackt und bekam eine Reihe kräftiger Maulschellen verpasst, bis sich Nasenblut und Tränen miteinander vermischten und ihm vom Kinn tropften. Er schluchzte demütig, schien fürs Erste gebändigt. Sein Widersacher warf mir einen beschämten Blick zu.
„Manchmal lassen wir seine Zellentür offen stehen, und dann kommt es vor, dass er auf Entdeckungsreise geht, hier im Tollhaus, aber auch drüben im Hospital. Tagsüber sind wir lediglich zwei Aufseher für die Insassen, und ich wäre Ihnen zutiefst verbunden, wenn Sie diesen Vorfall für sich behielten. Ich hoffe, Tomas hat Sie nicht verärgert. Er erzählt mitunter die merkwürdigsten Dinge.“

Nachdem dieses Missverständnis ausgeräumt war, wankte ich erleichtert und ob des Gehörten zugleich tief erschüttert nach draußen. Die apathischen Irren im Hof pressten sich an die Mauer, als strahlte sie Wärme aus dem Innern des Gebäudes ab. Vor dem Eingang blieb ich kurz stehen und dachte über dieses Grab für Lebende nach, und mit einem Mal war mir, als stimmte die Welt ihre Saite nach meinem Gemütszustand. Auch wenn am Himmel keine einzige Wolke zu sehen war, spürte ich, wie sich das Licht veränderte. Ich blickte nach oben, und was ich dort sah, erfüllte mich mit Entsetzen. Es war, als hätte ein fremdes Wesen ein Stück aus der Sonne gerissen, so wie meine Zähne in einer frischen Scheibe Brot einen Abdruck hinterlassen. Ich konnte nicht an mich halten, stieß einen Schrei aus, und meine Knie gaben unter mir nach. Zitternd und zusammengekauert lag ich im Schnee, ergab mich vollends meiner Todesangst, ehe ich nach einer Weile die Augen ganz vorsichtig wieder aufschlug und feststellte, dass das Licht zurückgekehrt war. Es war eine Sonnenfinsternis gewesen, nichts weiter, gerade wie es mir mein Hauslehrer stets versucht hatte zu erklären: der Mond, der sich zwischen die Sonne und die Erde schob – allerdings nicht zur Gänze. Es konnte sich um nicht mehr als eine Handvoll Minuten gehandelt haben.
In meinen eigenen Fußspuren machte ich mich durch den Schnee auf den Rückweg. Als ich die Zimmertür hinter mir ins Schloss geschoben hatte, kroch ich in mein schmales Bett und zog mir die Decke über den Kopf. Es war ein Fehler gewesen, die Kammer zu verlassen, ein Fehler, der mir nicht noch mal unterlaufen würde – nicht einmal wenn man versuchte, mich mit glimmendem Reisig auszuräuchern. Man hat mich gebeten, Geduld aufzubringen, bis man für mich die richtige Kur gefunden hat. Bis dahin soll ich der Dinge harren und mich von anderen fernhalten. Tomas mag verrückt gewesen sein, aber er hat mich zugleich an meine Schuld erinnert. Ich kann heute niemandem mehr ins Gesicht sehen, ohne an meine Untat zu denken, und der Schmerz, den ich dann verspüre, ist unerträglich. Und so durchleide ich die taghellen Stunden ebenso wie den Dämmerschlaf.
Teilweise habe ich Zugang zu Thebaica, einer Tinktur, die Körper und Sinne betäubt, die Qualen und Krämpfe lindert und mir erlaubt, den Tag in einem Nebel zu verbringen, in dem ich kaum mehr Notiz selbst vom aufdringlichsten Besucher nehme. Diese kostbaren Tropfen – verdünnt in mit Zucker oder Honig aromatisiertem Wasser – muss ich mir allerdings mit vielen anderen teilen. Immer wieder versiegen die Vorräte, obzwar wir, wie mir zu Ohren gekommen ist, das Glück haben, dass die Ration, die eigentlich dem Tollhaus zugedacht wäre, ebenfalls dem Hospital zugeschlagen wird. Ich habe beschlossen, an Tagen, da ich keine Tropfen bekomme, einfach zu schauspielern. Ich wiege mich hin und her oder ziehe mich mit halb geschlossenen Lidern in mein Innerstes zurück, summe tonlos vor mich hin und richte den Blick ins Leere, bis die Geduld meiner Besucher zur Neige geht und sie mich wieder in Ruhe über meine Schuld grübeln lassen. So mache ich weiter, bis die Dämmerung einsetzt, gefolgt von der Nacht, in der ich endlich mein Schreibgerät hervorholen kann.

Mein Wohltäter hat mich gebeten, alles aufzuschreiben und meine Erinnerungen an die unglückseligen Ereignisse zusammenzutragen, die mich in diese Lage brachten, auf dass ich mich vielleicht eines fernen Tages mit den Taten versöhne, die mich hier ans karge Ufer des Saltsjön und ins Hospital am Danviken geführt haben. Man hat mir gesagt, dass ich nicht Herr meiner Sinne sei, dass dem aber womöglich abgeholfen werden könne; dass das Verbrechen, für das ich Buße tue, nicht meine Schuld gewesen sei, sondern eine Laune der Natur. Deshalb habe ich ein wenig Hoffnung.
In meinem Kopf wütet ein Sturm. In meiner Brust hingegen herrscht Leere. Ich halte mir die Hände vor das Gesicht – rot. Sie lassen sich nicht mehr rein waschen. Die Waffen eines Mörders.
Mein Leben lang mangelte es mir an Liebe. Als sie sich zu guter Letzt einstellte, hätte ich sie mir niemals so vorgestellt: schön und schrecklich zugleich, wie fiebriges Blut – eine Despotin im Festtagskleid. Die Liebe führte mich so tief in die Dunkelheit, dass ich schlussendlich an einen Punkt gelangte, von dem es kein Zurück mehr gab. Hätte ich einen Wunsch frei, es wäre der folgende: niemals geliebt zu haben. Ohne die Liebe wäre uns all dies erspart geblieben, ich säße nicht in dieser gottvergessenen Felsspalte fest, und sie … Nein, ich will nicht mehr darüber nachdenken. Und lasse die Feder ruhen. Am Ende bin ich wohl doch noch nicht bereit zu schreiben. Für heute Nacht muss dieser Anfang genügen.

2.
Ich hätte eine sorglose Kindheit haben können, in der es mir an nichts fehlte, doch das Schicksal wollte es anders. Ich kam unter einem samtenen Betthimmel zur Welt: auf dem Gut meines Vaters, das seit Generationen im Besitz der Familie war und genau wie diese den Namen Drei Rosen trug. Das Anwesen lag weit genug von den Ränken der Stadt entfernt und hatte unter der Führung einer langen Reihe von Vätern und Söhnen gestanden, die mit Politik nichts zu schaffen gehabt hatten und daher gemeinhin als harmlos galten. Grund und Boden brachten jahraus, jahrein eine reiche Ernte hervor. Mein Vater sorgte gut für seine Pächter. Er war klug genug zu erkennen, dass das Wohlwollen seiner Untergebenen den Erträgen dienlich war.
Ich kam sieben Jahre nach meinem Bruder Jonas zur Welt. Meine Mutter, die mit dem Treiben und den Eitelkeiten der Stadt wohlvertraut war, hatte sich angesichts der Tatenlosigkeit, zu der sie in ihrem Leben auf dem Lande verdammt war, wohl nach einem zweiten Kind gesehnt. Sie war bereits in die Jahre gekommen und ging ein großes Risiko ein, aber Mutter war eine unerschrockene Frau, die genau wusste, was sie wollte. Meiner Ankunft waren mehrere Fehlgeburten vorausgegangen, was meine Mutter hart getroffen hatte. Mein Bruder – zu dem ich angesichts des Altersunterschieds nie ein vollends gutes Verhältnis aufbauen konnte – erzählte mir einmal, um mich zu quälen, was er heimlich mit angehört hatte, nämlich dass unser kurzsichtiger alter Hausmedicus meiner Mutter von einer weiteren Entbindung abgeraten hatte – war er doch ohnehin davon ausgegangen, dass ihr fortgeschrittenes Alter ihr längst die Fruchtbarkeit geraubt hatte. Er diente ihr diverse Methoden an, wie sie die derzeitige Schwangerschaft beenden könnte, doch sie lachte nur spöttisch und schickte ihn in die Wüste. Als ich zu guter Letzt kam – fast drei Wochen später als berechnet –, kostete es sie das Leben. Nur ein einziges Mal hatte ich die Wärme einer mütterlichen Umarmung spüren dürfen, und ausgerechnet daran habe ich keine Erinnerung mehr. Noch während sie mich in den Armen hielt, erkalteten sie.

Jene unglückselige Geburt markierte auch die unumkehrbare Wende in der Beziehung zu meinem Vater. Er war mit dem Erben, den er bereits hatte, vollauf zufrieden gewesen und meinte, er sei zu alt für die neuerliche Vaterschaft. Zudem nehme ich an, er wurde bei meinem Anblick stets daran erinnert, dass er meinetwegen der Frau beraubt worden war, mit der er seine späten Jahre hatte vergolden wollen. Vielleicht fühlte er sich durch den Tauschhandel auch übervorteilt, insbesondere nachdem ich mich schon bald als untüchtig für all die Tätigkeiten erwies, die er besonders hoch schätzte. Auf dem Pferderücken saß ich nicht sicher; auf der Jagd versagte ich beim einfachsten Schuss; der Degen flog in weitem Bogen davon, sowie ich ihn mit einem anderen kreuzte. Meine Konstitution bescherte mir des Öfteren Fieber und Husten, sodass ich nicht einmal hätte mit anpacken können, selbst wenn ich gewollt hätte.
Ich wurde zunehmend der alleinigen Obhut von Hauslehrern anvertraut, und je häufiger der Tag für mich zu einer langen Reihe Verpflichtungen und Enttäuschungen wurde, umso mehr eroberte ich mir die Nacht. Sobald sich das Haus schlafen gelegt hatte, stieg ich aus dem Bett und machte mich auf die Suche nach dem, was ich verloren hatte. Über der Treppe hing ein Porträt meiner Mutter, der ich, wie man sagte, ähnlich sah. Wie oft zog ich vorsichtig einen Schemel über den Boden, um den schweren Spiegel von der Wand zu nehmen und ihn so unter das Gemälde zu stellen, dass ich in meinem Gesicht besser nach ihren Zügen suchen konnte. Dann bewegte ich die flackernde Kerze vor und zurück, auf dass das Licht jedwede Ähnlichkeit hervorschmeichele – die Kontur des Kinns, die Rundung der Wangen, die Wölbung der Brauen.
Ich war noch keine elf Jahre alt, als mein Bruder uns verließ, um bei der Armee Karriere zu machen. Dass er nicht mehr da war, traf meinen Vater hart. Sie standen sich sehr nahe und hatten die Zeit, die meinem Vater nach seinen täglichen Geschäften geblieben war, gemeinsam auf der Jagd, mit Ausritten oder beim Schießen verbracht – allesamt Aktivitäten, die mir ob meines Alters und mangels Talent unzugänglich waren. Ich kann mich nicht daran erinnern, ihn je lächeln gesehen zu haben – es sei denn, mein Bruder kam auf Besuch. Ansonsten zog er sich völlig in sich zurück. Wann immer es sich nicht vermeiden ließ, dass wir einander Gesellschaft leisteten, ahnte ich seinen unterdrückten Zorn über das Los, das ihm vom Leben beschert war. Ich schlug Umwege ein, um ihm auf den Fluren von Drei Rosen nicht begegnen zu müssen, und beäugte ihn zusehends ängstlich. Nicht selten suchte er Trost im Weinkeller. Zeitweise kam er seinen väterlichen Pflichten nach, indem er mich für die Missachtung häuslicher Regeln züchtigte, von denen es viele gab; mitunter war er tags darauf dann ein klein bisschen milder gesinnt. Nichtsdestotrotz vergoss ich bittere Tränen, wenn auch eher aus Verdruss denn angesichts der Schmerzen, und entfernte mich nur umso mehr von ihm.

In jenem Jahr lud Vater zu Ostern Freunde, Verwandte und die wichtigsten Pächter zu einem Fest, dem ersten Großereignis seit vielen Jahren. Ich hatte den leisen Verdacht, dass ihn die Einsamkeit und das allmählich spürbare Alter in gewisser Weise beunruhigten und er sich womöglich ein letztes Mal dagegen aufbäumen wollte. Während der Vorbereitungen erlebte ich erstmals in meinem Leben einen Hauch von Begeisterung an ihm – bis uns die Nachricht ereilte, dass Jonas’ Regiment ihn am Tag der Feier nicht würde beurlauben können. Im selben Moment erstarb der Funke, der in Vaters Augen geflackert hatte. Am liebsten hätte er alles abgesagt, aber die Einladungen waren bereits verschickt. Während der Feierlichkeiten ließ er sich volllaufen; mit jedem Glas Wein wurde die Schwermut größer und breitete sich unaufhaltsam auch bei der restlichen Gesellschaft aus.
Als der Abend anbrach, wurde zu Tisch gerufen; der Stuhl neben meinem Vater war im Gedenken an meine Mutter leer geblieben. Während ich mich an den Tisch schlich, um meinen Platz am unteren Ende der Tafel einzunehmen, sah ich, wie hochrot das Gesicht meines Vaters jetzt schon war, und hörte, dass er bereits lallte. Als er sich auf die wackligen Beine stemmte, um einen Trinkspruch auf meine Mutter auszubringen, sickerten ihm Tränen in den Bart. In der darauffolgenden andächtigen Stille streckte ich mich nach meinem Glas, das Teil des monogrammierten Services aus Mutters Mitgift war und nur selten benutzt wurde. Doch ich schätzte den Abstand falsch ein, stieß das Glas um, und der Fuß brach ab. Damals befand ich mich mitten in einem Wachstumsschub und hatte ständig Schwierigkeiten, mir zu vergegenwärtigen, wie lang meine Arme und Beine gerade waren. Mein Ungeschick sorgte bei meinem Vater für enorme Irritation, und ich konnte ihm ansehen, wie seine Trauer in Zorn umschlug. Ehe ich michs versah, hatte er sich auf mich gestürzt, zerrte mich am Kragen von meinem Stuhl und verpasste mir ein paar saftige Ohrfeigen. Sobald ein paar herbeigeeilte Gäste mich mit beschwichtigenden Worten aus seiner Gewalt befreit hatten, rannte ich schluchzend aus dem Saal, durch die Eingangstür hinaus und kauerte mich im Schutz einer Schneewehe draußen im Säulengang so klein zusammen, dass nicht einmal die Bediensteten mich entdeckten, die nach mir geschickt worden waren.
Ich saß so lange da und weinte, bis wer weiß welcher meiner Sinne die Anwesenheit eines anderen erspürte. Als ich den Kopf hob, blieb mein Blick an einem Mädchen hängen, das bleich wie der Schnee war und dessen rotes Haar aussah wie die fahle Glut, die sich in einem Kupferkessel spiegelt. Sie stand einfach nur reglos im Schnee, als machte die Kälte ihr nichts aus, obwohl sie sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, über das schlichte Baumwollkleid etwas Wärmeres anzulegen. Wortlos hob sie ein Glas in die Höhe, das ganz genauso aussah wie jenes, das ich zuvor zerschlagen hatte. Sie hielt die ganze Zeit Blickkontakt, während sie das Glas auf das steinerne Pflaster fallen ließ, wo sich die Scherben zu den herabgefallenen Eiszapfen gesellten. So verlief unsere erste Begegnung.
Die Osterfeier war das letzte Fest im Leben meines Vaters, bei dem er auch nur den Ansatz von Freude an den Tag legte. Von da an versank er zusehends in Düsternis.

3.
Ich suchte nach ihr, als wüsste ich genau, wo ich sie finden würde; als wäre ich plötzlich mit einem Spürsinn gesegnet, mit dem ich Witterung aufnahm, sodass ich nur noch meinen Instinkten folgen musste. Und ich fand sie tatsächlich: im Wald, sobald der Frühling die Erde vom Schnee befreit hatte und das Schmelzwasser um die Baumwurzeln sprudelte. Ein weißes Kleid war zwischen den dunklen Stämmen aufgeblitzt und ein ebenso weißes Gesicht, das Haar eine flüchtige Flamme, die Gliedmaßen zart wie Weidenzweige.
Auch wenn meine Suche zu guter Letzt von Erfolg gekrönt war, blieb ich wie angewurzelt stehen; sie kam mir plötzlich wie ein Naturwesen vor – ein Waldgeist, eine Elfe. Sie muss meinen Blick gespürt haben, denn sie hielt auf dem Baumstamm inne, auf dem sie balanciert hatte. Statt vor mir Reißaus zu nehmen, vollführte sie eine Pirouette auf der glatten Rinde, nur um mich dann über die blasse Schulter hinweg zu mustern. Ihre grünen Augen, die von Fragen und Herausforderungen überzugehen schienen, und eine unerklärliche Kraft ermutigten mich derart, dass ich ihr tiefer hinein in den Wald nachfolgte.
Ihr Name war Linnea Charlotta, und sie war die Tochter von Eskil Colling, einem der Pächter des Landes, das seit Urzeiten meiner Familie gehörte und das mein Vater geerbt hatte. Colling war ein zupackender Kerl, der es durch unermüdlichen Fleiß zu einem anständigen Auskommen gebracht hatte, denn er wusste, wie man den Boden bestmöglich bestellte. Seit er vor einigen Jahren nach Drei Rosen gekommen war, hatte er seine Parzelle kontinuierlich vergrößert, und dank seiner gewitzten Haushaltsführung hatte die Familie an Wohlstand und Ansehen hinzugewinnen können. Er wusste indes auch, dass nicht allein Plackerei erforderlich war, wenn man aufsteigen wollte, und tat, was in seiner Macht stand, um sich nach oben zu arbeiten. Er benahm sich eher wie ein Mann von Adel denn wie ein Bauer, wenn auch auf subtile Weise, um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Seine Frau und seine Töchter bekleidete er mit Gewändern, die ihre Schönheit unterstrichen; er selbst trug eine goldene Taschenuhr an einer Kette sowie Silberspangen an Schuhen und Hosen. Damit war er erfolgreich. Von all unseren Pächtern stand Colling in der Gunst meines Vaters am höchsten, und wann immer jemand eine Einladung absagte und an unserer Tafel ansonsten Plätze frei geblieben wären, wurden er und seine Familie hinzugebeten – so auch an Ostern, als ich Linnea Charlotta erstmals gesehen hatte.
Im Wald spielten wir Falke und Taube. Wir waren Kinder, und unsere Freundschaft war eine Selbstverständlichkeit, auch wenn sie zerbrechlich war. Denn Linnea war wahnsinnig launenhaft, und ihre Geduld konnte binnen eines Wimpernschlags erschöpft sein. Dann blitzten ihre Augen zornig auf. Ich hatte schnell gelernt, dass ich in derlei Momenten besser die Flucht ergriff, als vergebens Widerstand zu leisten. Trotzdem war sie tags darauf jedes Mal wieder da, wartete auf mich, oft zu meiner großen Verwunderung, und allmählich lernte ich das Wort „Verzeihung“ in der einzigen Sprache, die sie beherrschte: ein schiefes Lächeln, ein verschämter Blick. Eine Berührung, die wie zufällig wirkte. Ein klingendes Lachen als Reaktion auf eine meiner Äußerungen, die eine solche Wertschätzung aber in Wahrheit gar nicht verdient hätte. Dann waren wir wieder Freunde, und sie zeigte mir Plätze, die ich ansonsten niemals zu Gesicht bekommen hätte, denn so wenig, wie ich etwas vor ihr geheim halten konnte, konnte es der Wald. Sie fand den Trinkplatz eines alten Elchbullen an einem Weiher. Den versteckten Nistplatz des Grünspechts. Die Höhle des Waldkauzes in einem verrotteten Baumstamm. Den prächtigen Horst des Adlers in der Krone einer Kiefer. Im Gegenzug hatte ich selbst ihr nicht allzu viel anzubieten, aber das bisschen, was ich besaß, gehörte ganz ihr. Als sie einmal vorschlug, ich solle Ruten zurechtbiegen und in den Boden stecken, peitschten mehrere davon zurück und trafen mich im Gesicht. Doch ich schluckte die Tränen hinunter und hängte Fichtengrün über die Ruten, damit wir bei Wind darunter Schutz suchen konnten.

Wie viel besser wäre es gewesen, wenn dieses unschuldige Kinderspiel für alle Zeit hätte andauern können. Doch die Jahre vergingen und veränderten auch uns. Linneas hageren Leib, der einst kaum von meinem zu unterscheiden gewesen war, formte die Natur nach ihrem ureigenen Willen um. Auf Drei Rosen war ansonsten alles beim Alten, und auch wenn wir unsere gemeinsamen Tage weitab der Blicke Dritter verbrachten, kommt mir die Zeit im Nachhinein unendlich kurz vor, viel zu kurz. Meine Erinnerungen an die wechselnden Jahreszeiten fließen ineinander, mehrere Sommer sind zu einem verschmolzen, ein Winterspiel draußen in den Schneewehen ist vom anderen nicht mehr zu unterscheiden. Doch plötzlich waren wir beide vierzehn und keine Kinder mehr.
Aus dem Hinterhalt schlich sich die körperliche Reife an. Niemand von uns wollte sie; ich weiß noch, wie wir draußen auf einer Wiese vom Sommerregen überrascht wurden und Neas Kleid mit einem Mal durchsichtig war wie ein Schleier. Sie schlang die Arme um ihren Oberleib, um ihre Blöße zu bedecken, während ich den Blick verschämt zu Boden richtete. Hernach zog sie andere Kleider an, aber weil unsere Spiele mitunter gröber wurden, war unvermeidlich, dass wir einander berührten, woraufhin wir jedes Mal auseinanderstoben und sich Stille zwischen uns ausbreitete, ohne dass einer von uns gewusst hätte, wie er dem Schweigen ein Ende setzen sollte. Ein paar Tage im Monat blieb sie lieber zu Hause, statt an unserem Treffpunkt auf mich zu warten, und immer hatte sie unterschiedlichste Entschuldigungen parat. Auch ich war gewachsen, war jetzt stärker als sie, und wenn wir um etwas zankten, fühlte ich mich zu einem Schauspiel genötigt, damit sie weiter glaubte, wir seien einander noch immer ebenbürtig. Niemand von uns hatte vom Baum der Erkenntnis gekostet; trotzdem war unser Garten nicht mehr derselbe.
Und ihre Stimmung verdüsterte sich. Ein einziges unbedachtes Wort oder eine Geste konnte der entscheidende Funke sein, damit ihr Zorn wie eine Leuchtbake aufloderte, genug für sie, um entweder davonzustürmen oder mich mit einer Gebärde, die einer Königin würdig gewesen wäre, ihres Waldes zu verweisen. Es war Sommer, als ich das Schicksal schließlich herausforderte; nachdem ich ein paar Tage mit Fieber im Bett verbracht hatte, war ich besonders dickköpfig, und ihre Knüffe, die ich zuvor immer klaglos hingenommen hatte, waren gegen meine frühreifen Jünglingsmuskeln mit einem Mal auf verlorenem Posten. Als sie in ihrer Wut über mich herfiel, um mich zu kratzen, lachte ich nur, denn eine von Linneas Unsitten war nun mal, dass sie sich die Fingernägel bis aufs Nagelbett abkaute, sodass sie sie kaum mehr als Krallen einsetzen konnte. Ehe ich michs versah, packte sie meine Hand, mit der ich sie auf Abstand hielt, und biss hinein – und zwar nicht spielerisch, sondern so hart, dass es blutete.
Vom plötzlichen Schmerz überrascht schrie ich auf. Sie ließ von mir ab, unsere Blicke trafen sich, und ich sah, dass sie in ihrer hoffnungslosen Verzweiflung angefangen hatte zu weinen. Zitternd holte sie Luft. Dann rannte sie davon und verschwand zwischen den Fichten. Obwohl ich ihr am liebsten nachgelaufen wäre, blieb ich völlig perplex stehen und befeuchtete das Moos mit roten Blutstropfen.
Noch immer sind die Bissspuren auf meiner Hand zu sehen, mit der ich diese Worte niederschreibe.
Es dauerte einige Zeit, bis ich sie tags darauf aufspürte. Ich hatte mir die Hand verbunden und trug sie in einer Schlinge, damit es nicht so wehtäte. Diesmal hatte sie sich als Versteck eine entlegene Lichtung ausgesucht – einen Zufluchtsort, zu dem sie mich nur selten mitgenommen hatte. Ihre Schluchzer wiesen mir den Weg. Sie hatte die Arme um beide Knie geschlungen und bebte am ganzen Leib wie eine Espe im Wind. Ein abgebrochener Zweig unter meinen Sohlen verriet meine Ankunft. Ich ging ein Stück von ihr entfernt in die Hocke, weil ich mich nicht näher an sie heranwagte.
„Was ist los, Nea? Vergiss meine Hand. Das war nicht mehr als eine Schramme. Lass uns vergessen, was passiert ist.“
Als sie nach einer Weile antwortete, presste sie das Gesicht an die Knie.
„Du solltest hören, wie sie über euch reden, Erik.“
Ich hatte keine Ahnung, was sie damit meinte.
„Wer – sie?“
„Mein Vater ist so stolz darauf, dass er den Grund und Boden deines Vaters beackern darf. Er redet vom alten Drei Rosen, als wäre der die Sonne – eine Zierde für seinen Stand, als wüchse ohne sein Zutun rein gar nichts auf diesem Land. Meine Schwestern tuscheln über deinen Bruder und seine Kadettenfreunde, als wären sie Preise in einem Wettbewerb, dessen Regeln allen bekannt sind. Sie verbringen jede freie Minute damit, sich das Gefieder zu putzen. Sie üben, in ihren feinen Kleidern adrett dazusitzen, mit Nadel und Faden Blümchen zu sticken, einen Haushalt zu führen und schön zu singen, kokette Blicke zu werfen, auch wenn sie keusch daherreden – all die Fähigkeiten, die ihnen zum Vorteil gereichen könnten, wenn sie einen Mann umgarnen wollten, der reicher ist als ihr Erzeuger.“
Sie hob den Blick und wischte sich über Augen und Nase. Nicht einmal der Umstand, dass ihr Gesicht vom Heulen geschwollen und vom Kummer gerötet war, vermochte ihrer Schönheit Abbruch zu tun.
„Und ich muss still dasitzen und bei alledem zuhören. Mein Vater will, dass ich mich aus dem Wald fernhalte und mich entweder an den Webstuhl setze oder die Nase in den Katechismus stecke. Hinter seinem Rücken piesacken mich meine Schwestern, weil sie uns zusammen gesehen haben, und stacheln mich an, weil sie von sich selbst auf andere schließen. Die Ungerechtigkeit in alledem schert sie kein bisschen. Eine geborene Colling, ein geborener Drei Rosen – eine, die nichts besitzt, der andere alles. Mein Vater scharrt mit den Füßen und überschlägt sich mit Komplimenten, um die Brosamen von eurer Tafel auflesen zu dürfen, und hat das inzwischen so sehr verinnerlicht, dass er einfach nur überglücklich ist, wenn seine Schmeicheleien gut ankommen. Und meine Schwestern wollen nichts lieber, als eines Tages auf andere hinabzublicken, so wie andere gegenwärtig auf sie herabblicken.“
So hatte ich sie noch nie reden hören.
„Aber Nea …“
Doch sie ließ mich nicht ausreden.
„Ich will nicht, was sie wollen. Ich wollte immer einfach nur ich selbst und für mich allein sein. Ich habe mich nie nach einem Mann gesehnt.“
Sie muss mir angesehen haben, wie verwirrt ich war. Als sie erneut das Wort ergriff, konnte ich ihr Flüstern kaum verstehen.
„Aber nach dir sehne ich mich, Erik Drei Rosen. Nach dir und niemandem sonst. Meine alten Träume hast du zum Platzen gebracht, doch wovon ich jetzt noch zu träumen wagen darf, weiß ich nicht mehr.“
Unbändige Glückseligkeit keimte in mir auf. Was ich als Nächstes sagte, erschien mir nur selbstverständlich.
„Ich sehne mich auch nach dir – und nach niemandem sonst! Ich ahne, wie deine Träume aussehen könnten, weil ich die gleichen schon unzählige Male geträumt habe. Du und ich vor dem Traualtar, Linnea. Als Mann und Frau.“
Bekümmert schüttelte sie den Kopf.
„Ich will nicht als Gattin eines Adeligen auf einem Anwesen sitzen und über Leute mein Urteil fällen, die mir die Aufwartung machen und hinter der freundschaftlichen Maske doch bloß neidisch sind.“
Ich lachte.
„Mein Bruder wird Drei Rosen erben. Mein Anteil beziffert sich auf so gut wie nichts. Wenn du um den Preis der Armut frei sein willst, könnte ich dir nichts Besseres anbieten.“
Doch mit einem Mal beschlichen mich Zweifel, und die Mannesstimme, die seit Neuestem aus meiner Kehle drang, schlug wieder um in das Stammeln des nervösen Jungen.
„Sofern du denn willst …?“
Ihr liefen immer noch die Tränen hinab – auch wenn die Ursache inzwischen eine andere war.
„Ja! Tausendmal ja!“
Dann fiel sie mir mit einer Heftigkeit um den Hals, wie ich es noch nie erlebt hatte. Wir saßen lange so da – und weil sie meine Hand nur ungern loslassen wollte, folgte sie mir am Ende den ganzen Weg bis zur Wiese, die Drei Rosen säumte.
Zum Abschied drückte sie ihre Lippen auf meine. Ich hatte noch nie zuvor im Leben einen Kuss bekommen, aber diese Kunst scheint so alt zu sein wie die Menschheit selbst, und so schloss ich die Augen und küsste sie meinerseits, während die Dunkelheit hinter meinen Lidern vom Aufblitzen fremdartiger Farben und Formen erhellt wurde und durch jene Stelle, an der wir miteinander vereint waren, all die Liebe strömte, die mir das Leben bislang verwehrt hatte. Mir wurde all das zurückgegeben, was mir gefehlt hatte, und zum ersten Mal überhaupt fühlte ich mich vollständig. Ich zitterte am ganzen Leib angesichts dieser überwältigenden Woge, meine Knie gaben unter mir nach, und das Salz unserer Tränen vereinte sich an der Stelle, wo unsere Lippen sich begegneten.

4.
Mein Bruder Jonas, der vom Dienst freibekommen hatte, um bei der Ernte zu helfen, war der Erste, der mich darauf aufmerksam machte, dass meine Liebe zu Linnea auf Drei Rosen kein Geheimnis mehr war. Bereits tags darauf nahm er mich mit zu den Ställen, vorgeblich um mir ein Pferd zu zeigen, schlug mir dort hinterhältig auf die Schulter und grinste mich feixend an.
„Also, kleiner Bruder, wie ich von den Knechten höre, bist du in den letzten Sommern mit der Tochter eines unserer Angestellten im Gras herumgetollt.“ Ich glotzte stumm zu Boden, während er lachend fortfuhr: „Anscheinend ist sie ein ganz hübsches Ding – aber ein Bauernmädel, Erik. Ein bisschen höher könntest du doch zielen, oder? Auch wenn ich deine übrigen Eigenschaften selten gelobt habe, so bist du doch immerhin ganz hübsch anzusehen.“
Mir stieg die Röte ins Gesicht, was ihn nur umso mehr anstachelte.
„Böse Zungen behaupten, sie sei ein Sonderling, halte sich von den anderen fern, scheine sich für etwas Besseres zu halten, was für eine ausgewiesene Dummheit spricht, und ich bin geneigt, dem Gerede der Leute zu glauben, da sie ja deine Gesellschaft erträgt.“
Er versetzte mir einen Stoß in die Seite, um zu signalisieren, dass er mich lediglich piesacken wollte. Dann bestand er darauf, dass ich ihm sämtliche wollüstigen Details schilderte, die bloß in seiner Fantasie existierten.
Als ich nicht reagierte, begnügte er sich damit, mich mit erhobenem Zeigefinger auf unerwünschte Folgen unseres Techtelmechtels hinzuweisen. Er sollte recht behalten, wenn auch nicht so, wie er geargwöhnt hatte, sondern indem ich nach dem Erntefest – nach Tagen, an denen meine Gastgeberpflichten mich daran gehindert hatten, Linnea Charlotta zu treffen – in Vaters Zimmer gerufen wurde. Ich fragte mich, wer uns verraten hatte.

Ich war Vater seit Wochen nicht mehr unter vier Augen begegnet und erkannte erst jetzt, wie sehr die jüngste Phase der Melancholie an seinen Kräften gezehrt haben musste. Er schien in jenem kurzen Sommer um ein Vielfaches gealtert zu sein. Sein Gesicht war von tiefen Furchen durchzogen, das einst dichte Haupthaar gelichtet. Er hatte gut und gern fünfzehn Pfund an Gewicht verloren, wodurch die früher so straffen Wangen eingefallen und seine Züge auf eine Weise verändert waren, dass mir angst und bange wurde. Sein Schreibzimmer wirkte trotz allen Prunks düster, und die Vorhänge waren zum Schutz vor der Nachmittagssonne vorgezogen. Er bat mich, auf einem der zwei Stühle Platz zu nehmen, die er allem Anschein nach eigens für diese bevorstehende Unterredung zurechtgerückt hatte. Dann seufzte er tief und ergriff das Wort.
„Wie ich von deinem Hauslehrer erfahren musste, vernachlässigst du deine Studien.“
Ich ließ den Kopf hängen und antwortete einsilbig, statt mit Ausreden aufzuwarten, und er entschied sich, alsbald zur Sache zu kommen.
„Ich nehme an, du schläfst mit ihr?“
Ich lief rot an, und mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich schüttelte den Kopf, und so stellte er mir sogleich die nächste Frage.
„Und warum nicht?“
In der darauffolgenden Stille stand er auf und trat ans Fenster, wo er die Hände hinter dem Rücken verschränkte und durch den Spalt zwischen den Vorhängen sah.
„Erik, du bist in diesem Hause der Zweite in der Erbfolge. Das ist nicht die glücklichste Position. Dein Bruder wird mich eines Tages beerben und das Anwesen übernehmen. Wenn auch du dein Scherflein zum Wohl unseres Geschlechts beitragen willst, wirst du dir Mühe geben müssen. Dazu ist eine gute Partie erforderlich. Wenn du nun schon dem Weibsvolk zugeneigt bist, wüsste ich diverse Töchter, deren Väter willens wären, eine gediegene Mitgift zu zahlen, auf dass ihre Enkel von einem Grafen gezeugt werden.“
Tränen der Entrüstung stiegen mir in die Augen, was meinem Vater mitnichten entging. Missbilligend schüttelte er den Kopf, ehe er sich wieder mir gegenüber niederließ.
„Versteh mich nicht falsch. Ich sage ja nicht, dass du den Kontakt zu dem Colling-Mädchen abbrechen musst. Nichts dergleichen. Verlustier dich mit ihr, Erik, säe nach Herzenslust deinen Wildhafer. Wenn sie schwanger wird, können wir uns die Kosten für den Bastard leisten, auch wenn wir dann womöglich einen Kerl finden müssen, den sie heiraten kann. Wenn du sie anschließend als Mätresse behalten willst, habe ich nichts dagegen. Aber du wirst sie nicht zur Frau nehmen, Erik. Niemand aus dem Geschlecht Drei Rosen heiratet eine Bauerntochter.“
Ich trocknete mir die Tränen, bevor ich antwortete, und hörte selbst, wie kindlich meine Stimme klang, so als wäre sie zwischen den Bücherregalen und Blumentapeten erstickt.
„Ihre Familie ist für mich gut genug.“
Diesmal war es an meinem Vater, rot anzulaufen – allerdings vor Wut.
„Dann taugt dir der ungehobelte Boden in ihrer Hütte plötzlich mehr als das Gut deiner Urahnen? Gefällt dir eine verlauste Strohmatratze besser als Seidenlaken, solange sie in deinen Armen liegt? Glaubst du ernsthaft, wir hätten all dies erreicht, wenn wir nicht Opfer erbracht hätten? Glaubst du ernsthaft, du könntest die Strapazen deiner Vorfahren um einer jugendlichen Verliebtheit willen einfach mit Füßen treten?“
Ich hatte meinem Vater kaum je widersprochen, und wenn, dann hatte ich es im Nachhinein immer bitter bereut. Doch aus meiner Liebe zu Linnea bezog ich den Mut, den ich brauchte, um zu entgegnen: „Ich liebe sie über alles! Wir sind bereits verlobt, und auch wenn es keine Verlobung unter einem Kirchendach war, bin ich mir sicher, dass Gott uns gehört hat.“
Mir war, als kämen die Worte aus dem Mund meines Vaters herausgeschossen wie siedendes Wasser aus einem brodelnden Kupferkessel.
„Deine Mutter musste dein Leben mit ihrem eigenen büßen. Du warst zu lange in ihrem Schoß, und als du schließlich kamst, hast du sie schier entzweigesprengt. Wie viele glückliche Jahre hätten meine geliebte Frau und ich noch haben können, wenn du nicht gewesen wärst? Du hast sie mir genommen! Und was tust du, um diese Schuld zu sühnen, Erik? Du willst dein Leben an eine Armenhäuslerin verschwenden!“
Er verstummte. Ich ahnte, dass er sich erst wieder beruhigen musste. Nach einer Weile wurde seine Atmung regelmäßiger, und seine Hände hörten auf zu zittern. Als er erneut das Wort ergriff, klang er beherrscht.
„Im Dezember wirst du fünfzehn. Damit bleiben dir noch drei Jahre, bis du mündig bist und derlei Entscheidungen selbst treffen darfst.“
„Ich warte, so lange es nötig ist.“
Mit erhobener Hand gebot er weiteren Erwiderungen Einhalt.
„Ich schicke dich gen Süden, Erik. Ich habe Freunde, die auf Sankt Barthelemi, unserer schwedischen Kronkolonie, Geschäfte betreiben. Ich bitte sie, irgendeine Aufgabe für dich zu finden. Sobald du achtzehn bist, kann ich dich nicht daran hindern, wieder nach Hause zurückzukehren, und auch nichts anderes unternehmen, um dich zur Vernunft zu zwingen, solltest du immer noch dieselben Flausen im Kopf haben. Aber ich hoffe, dass du von selbst Vernunft annimmst, sobald du gesehen hast, was die Welt sonst noch zu bieten hat.“
Ich sprang so abrupt auf, dass mein Stuhl umkippte.
„Niemals! Ich verlasse sie nicht.“
Auf wackligen Beinen ging ich zur Zimmertür. Seine Stimme folgte mir nach draußen.
„Ihr werdet voneinander getrennt. Solltest du dich weigern abzureisen, bleibt mir keine andere Möglichkeit, als die Pacht ihres Vaters zu kündigen. Die Entscheidung liegt bei dir.“
Ich stürmte hinauf in mein Zimmer. Mein Vater hatte mir eine Grube gegraben, aus der – da war ich mir sicher – kein Entkommen war. In mir brodelte die Wut, wie ich es noch nie erlebt hatte. Ein roter Schleier legte sich über meine Augen, wurde dichter und immer dichter, bis die Welt vollends in einem dröhnenden Nebel versank. Als ich wieder zur Besinnung kam, stand ich inmitten der Scherben und Splitter meines kompletten Mobiliars. Schockiert und verständnislos sah ich mich um, als hätte ich einer Theateraufführung beigewohnt, bei der soeben der Vorhang gefallen und wieder emporgezogen worden war – nur dass aufgrund eines Missgeschicks eine komplette Szene gefehlt hatte, weshalb die Zusammenhänge nicht mehr nachvollziehbar waren. Schmerzen verleiteten mich schließlich dazu, nach unten zu sehen. Meine Fingerknöchel bluteten, die Fäuste waren geschwollen und mit Blutergüssen übersät. Hätten meine eigenen Hände nicht davon gezeugt, wäre ich mir sicher gewesen, dass irgendein namenloser Gewalttäter diese Wahnsinnstat begangen und ich selbst bewusstlos danebengelegen hätte.
Irgendwann dämmerte mir, dass jener Kuss, den Nea und ich geteilt hatten, ein mir bislang unbekanntes Schleusentor einen Spaltbreit geöffnet hatte. Dahinter staute sich ein stickiger Zorn auf, der sich fortan jedes Mal entladen sollte, wenn meine Liebe zu Linnea Charlotta auf die Probe gestellt wurde. Mit ihr hatte ich etwas gefunden, das ich nie mehr verlieren durfte. Jener Wutausbruch war lediglich der erste gewesen, doch zu meinem Leidwesen beileibe nicht der letzte.

5.
Sobald ich die Gelegenheit hatte, machte ich mich auf die Suche nach Linnea Charlotta, doch wie sich herausstellen sollte, waren sämtliche Treffpunkte in unserem Wald verwaist. Als ich schließlich sogar ein Pferd sattelte und zu Eskil Collings Hof ritt, erfuhr ich dort, dass sie zu Verwandten geschickt worden war. Ich blickte ihrem Vater tief in die Augen und konnte die blanke Angst darin sehen. Ich selbst – ein Junge von gerade einmal vierzehn Jahren – schien für ihn zu einem Monstrum geworden zu sein, das seine Zukunft in Schutt und Asche zu legen drohte. Unverrichteter Dinge und mit bitteren Tränen auf den Wangen führte ich mein Pferd wieder heimwärts – und traf auf Linnea Charlottas Mutter, die zwischen Ackerland und Waldrand auf mich gewartet hatte. Sie setzte sich auf einen Stein und bedeutete mir, neben ihr Platz zu nehmen.
„Natürlich habe ich Sie zusammen gesehen, Sie und meine Nea. Schon da habe ich gedacht, dass das nicht gut enden würde, doch ich konnte nichts tun – Nea ist ein Mädchen mit einem unbeugsamen Willen. Ich konnte bloß hoffen, dass der Docht der Leidenschaft von selbst wieder ausginge.“
Sie fing meinen Blick auf.
„Lange hatte ich die Sorge, dass sie für Sie lediglich ein Spielzeug sein könnte – eine Bauerntochter für den jungen Edelmann, mit der er tanzen kann, solange der Sommer in voller Blüte steht.“
„Ich habe sie nie angefasst. Ich will sie zur Frau nehmen. Ich will, dass Sie mir Ihren Segen geben.“
Es dauerte eine Weile, ehe sie antwortete. Zunächst stieß sie einen tiefen Seufzer aus.
„Sie hat ebenfalls geweint, Erik, so sehr, dass es mir fast das Herz zerriss. So fest hat sie sich an den Türrahmen geklammert, dass nicht einmal ein erwachsener Kerl sie losbekommen hätte. Ich weiß, dass Ihr Vater Sie fortschicken will … Aber so wie wir ihm versprochen haben, Linnea Charlotta so lange andernorts unterzubringen, bis Sie abgereist wären, will ich auch Ihnen etwas versprechen, auf dass es Ihnen ein Trost sei: Nea wartet auf Sie. Bis zum Tag Ihrer Volljährigkeit wird sie unverheiratet bleiben. Sie will keinen anderen, und wir haben dieses Mädchen noch nie zu etwas nötigen können. Wenn Sie wiederkehren und Sie beide sich immer noch einig sind, dann bekommen Sie unseren Segen.“
Ich fiel ihr um den Hals. Nachdem wir uns schon voneinander verabschiedet hatten, kam mir noch etwas in den Sinn, und ich drehte mich noch einmal nach ihr um.
„Wenn ich ihr schreibe und die Briefe zu Ihren Händen schicke, sorgen Sie dafür, dass sie ihr Ziel erreichen?“
Kurz zögerte sie, nickte dann, und ich setzte mich wieder in Bewegung, um den ersten von zahllosen Briefen zu verfassen.

Meine Abreise wurde für Ende Oktober terminiert, was mir für die Vorbereitungen reichlich Zeit gab. Ich saß viel in der Bibliothek, um etwas über Sankt Barthelemi in Erfahrung zu bringen. Da mein Vater sich mit dem Lesen schwertat, hatte er nicht allzu viel zur Sammlung seiner Vorfahren beigetragen. Nach stundenlanger vergeblicher Suche gab ich auf und setzte stattdessen all meine Hoffnungen auf meinen Hauslehrer. Lundström saß wie üblich krumm gebeugt über Kerzenstummel und Buch in seiner Kammer. Er bedachte mich mit dem gleichen vorwurfsvollen Blick wie schon so oft zuvor, seit meine Treffen mit Linnea zulasten meines Lerneifers gegangen waren. Ich gab mir alle Mühe, reumütig auszusehen, und als wir uns kurz über meine Lage unterhielten, taute er ein wenig auf. Natürlich hatten die Gerüchte von meiner Abreise wie ein Lauffeuer die Runde gemacht, und er gab sein Bestes, um mich aufzumuntern. Am meisten schien ihm Aufwind zu geben, als ich ihm von Linneas Mutter erzählte.
„Aber Erik, da sehen Sie es doch! Was hätte denn Besseres passieren können? Sie wartet auf Sie, ohne dass Sie Ihrerseits in der Pflicht stünden, und unterdessen wird es höchste Zeit, dass Sie das eine oder andere Abenteuer erleben. Es ziemt sich nicht für einen Mann, direkt von der Schulbank in die Ehe zu gehen, ohne erst erfahren zu haben, was das Leben sonst noch bereithält. Um ehrlich zu sein, wünschte ich mir, ich wäre an Ihrer Stelle! Sowohl Euphrasén als auch Carlander haben Barthelemi besucht, um ihre naturkundlichen Sammlungen zu ergänzen. Fahlberg ist sogar immer noch dort und schickt zur Freude der Akademie eifrig Funde nach Hause. Aber gewiss gibt es dort noch vieles andere, was es wert wäre zu entdecken.“
Als ich anfing, ihn nach Details zu befragen, schlug sein jungenhafter Enthusiasmus um in das typische Stirnrunzeln des Lehrmeisters, und ich ahnte, dass er in sich ging, um sich sein vielfältiges Wissen in Erinnerung zu rufen. Er erklärte mir, dass sich die Übernahme der Kolonie alsbald zum zehnten Mal jähre und der selige König Gustav sie in seiner weisen Vorausschau bei den Franzosen gegen die Zollfreiheit im Göteborger Hafen eingetauscht habe – von einem besseren Handel habe man bis dato nie gehört. Die Insel lag inmitten weiterer Inseln auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans und war angeblich ein tropisches Paradies, wie es Defoes Feder hätte entsprungen sein können, bestens beschaffen für Feldfrüchte, die das Reich andernfalls für teuer Geld woanders einkaufen müsste: Baumwolle für Bekleidungsstoffe, Zucker für die gute Küche, Melasse zum Trinken und Süßen. Die Hauptstadt, Gustavia, war zu Ehren des Königs umbenannt worden.
„Und wer lebt dort?“
Lundström klopfte sich mit dem Daumennagel an die Schneidezähne.
„Ein Gutteil Schweden, schätze ich, aber auch Ihr Französisch wird Ihnen dort von großem Nutzen sein.“
Nachdem seine Kenntnisse damit erschöpft zu sein schienen, bat ich ihn beschämt um Vergebung, weil meine Possen ihn die Weiterbeschäftigung gekostet hatten, doch er zuckte bloß mit den Schultern. Wenn ich ihm nur verspräche, ihm eine beliebige Kuriosität der dortigen Flora mit heimzubringen, wären wir quitt. Ich gab ihm mein Wort.

Die folgenden Wochen waren von Langeweile geprägt. Als sich der Abreisetag endlich näherte, stand mein Vetter Johan Axel mit einer gepackten Reisetruhe vor unserer Tür. Er würde mir auf Barthelemi Gesellschaft leisten, und dass er dem Abenteuer freudig entgegenblickte, war nicht zu übersehen. Nun war das kein Wunder. Genau wie ich selbst war auch Johan Axel zu spät zur Welt gekommen, als dass er damit hätte rechnen können, je irgendein Erbe anzutreten. Er hatte gleich mehrere ältere Brüder, gedachte nach Lund oder Uppsala zu gehen, hatte aber die Möglichkeit beim Schopfe gepackt, erst andernorts Erfahrungen zu sammeln. Obwohl wir uns in der Kindheit vergleichsweise oft gesehen hatten, war in den Monaten, die ich an Linnea Charlottas Seite verbracht hatte, unser Kontakt im Sande verlaufen, und er schien froh zu sein, unsere alte Freundschaft wiederzubeleben. Sein Enthusiasmus bescherte mir einen gewissen Trost.
Meine eigene Truhe war schnell gepackt. Die meisten Habseligkeiten eigneten sich ohnehin nicht für das äquatoriale Klima. Meine Hemden und Hosen hatten von den Mägden teils umgenäht werden müssen, um den dortigen Temperaturen besser gerecht zu werden, die höher waren, als wir es hier im Norden gewöhnt waren. Ein Schuster kam, um sowohl bei mir als auch bei Johan Axel Maß zu nehmen, und kehrte einige Tage später mit je einem Paar Lederschuhen wieder, die wir mit ein wenig Glück ein ganzes Jahr oder länger würden tragen können, sollten unsere Füße nicht übermäßig wachsen.
Der Abschied von Vater erwies sich als ebenso wortkarg, wie man es hätte erwarten können – ein kurzes Lebewohl über den Schreibtisch hinweg, der uns daran hinderte, uns einander auf weniger als fünf Schritte zu nähern. Allerdings zeigte er auf die Schreibplatte. Dort lag sein Abschiedsgeschenk an mich: eine hübsch intarsierte Schatulle. Der Deckel war mit einem Häkchen gesichert, und als ich es aus dem Verschluss schob und den Deckel anhob, lag eine Handfeuerwaffe darin: blau angelassener Lauf, reich verzierte Messingbeschläge am Kolben, oberhalb des Perkussionsschlosses und einiger Kugeln ein Pulverhorn und die Kugelgussform. Auf dem Lauf prangte das Wappen unserer Familie – direkt neben meinem Monogramm.

Niklas Natt och Dag

Über Niklas Natt och Dag

Biografie

Niklas Natt och Dag, geboren 1979, arbeitet als freier Journalist in Stockholm. Der Spiegel-Bestsellerautor entstammt der ältesten Adelsfamilie Schwedens. Nicht zuletzt deshalb hat er eine besondere Verbindung zur schwedischen Geschichte. Sein historischer Kriminalroman „1793“ wurde...

Weitere Titel der Serie „Winge und Cardell ermitteln“

Cardell und Winge ermitteln im verruchten Stockholm des 18. Jahrhunderts. Fantastisch recherchiert und großartig komponiert von SPIEGEL-Bestsellerautor Niklas Natt och Dag.
Pressestimmen
Hörzu

„Bemerkenswert intensiv!“

Süddeutsche Zeitung

„Es ist dieser Kontrast zwischen den Idealen dieser Zeit und der Gewalt, die Natt och Dag eindringlich aufeinander prallen lässt.“

Sächsische Zeitung

„Der Schwedenkrimi hat einen neuen Star.“

SWR2 „Matinee“

„So packend und anschaulich, sodass man sich fühlt, als wäre man in eine Zeitmaschine geschleudert worden und könnte tatsächlich die Realität, die bestialisch grausam war, aus erster Hand miterleben.“

radioeins rbb „Literaturagenten“

„Auch dieses Buch ist fantastisch. Es ist keine Schönfärberei dieser Zeit. Es ist sehr sehr reell, das was er macht und ich kann es Ihnen wirklich sehr sehr stark empfehlen.“

medienprofile – Medienempfehlungen für die Büchereiarbeit

„Spannend, lesenswert und mit einem Ausblick auf Fortsetzungen ist der manchmal grausame und verstörende Krimi eine Bereicherung für viele Büchereien.“

trend (A)

„Ein top recherchierter Historienthriller“

ARD „Druckfrisch“

„Herrlicher Schmöker! Gewalt regiert, ein Schmutzfilm liegt über allem, man fühlt sich besudelt und befleckt nach der Lektüre.“

Salzgitter Zeitung

„Sehr spannend mit guten Einblicken in diese Zeit in Schweden“

die aktuelle

„In seinem zweiten Roman ›1794‹ verwebt der Bestseller-Autor wieder gekonnt historische Fakten mit mörderischem Treiben.“

rnd.de

„Natt och Dag gelingt es wie keinem Zweiten, das 18. Jahrhundert mit so einer unbändigen Sprachgewalt wieder aufblühen zu lassen, das es einem mehr als einmal den Atem bis zum Erreichen der letzten Seite raubt.“

Süddeutsche Zeitung

„ Das schonungslose Sittengemälde mit Details, die sich zarte Gemüter besser ersparen sollten, wird immer wuchtiger und unerträglicher - hat gleichzeitig aber eine ungeheure Sogwirkung. (…) Der Erfolg des Romans rührt aber wohl vor allem her von den Schilderungen der Beziehungen und der Innenleben der Figuren.“

Main Echo

„Mit einer dem späten 18. Jahrhundert angepassten, aber nie verkrampft altertümlichen Sprache entwirft Natt och Dag sein über 560 Seiten enorm spannendes, beeindruckendes empathisches Sittengemälde.“

rnd.de

„Natt och Dag gelingt es wie keinem Zweiten, das 18. Jahrhundert mit so einer unbändigen Sprachgewalt wieder aufblühen zu lassen, das es einem mehr als einmal den Atem bis zum Erreichen der letzten Seite raubt.“

Radio Weser TV „Buchtipp der Woche“

„›1794‹ ist einerseits ein hochspannender Schweden-Krimi, andererseits auch ein Historienkrimi und einfach ein toller Roman.“

Stuttgarter Zeitung

„Neuerscheinung der Saison“

Luzerner Zeitung

„Gut recherchierter und sehr sinnlich geschriebener Historienthriller“ („1794“)

Radio 91.2

„Ein echter Page-Turner, deftig und düster geschrieben. Spannend, atmosphärisch dicht und so authentisch, dass man am Schluss den Brandrauch riecht, wenn Stockholm in Flammen steht. Wer historische Thriller mag, kommt an diesem Buch nicht vorbei.“

Rhein-Neckar-Zeitung

„Niklas Natt och Dags düsterer Historienroman „1794“ lässt weder Trost und Hoffnung zu.“

TV Star

„Schockierend gut wie bereits ›1793‹“

Mitteldeutsche Zeitung

„›1794‹ führt die Geschichte des unfreiwilligen Mordermittlers Jean Michael Cardell nun fort, in ebenso düsteren Farben und mit ebenso erschütternden Details. Soghaft.“

Stadtkind

„Für alle mit Hunger nach aufrichtigem Horror ist er ein Leckerbissen“

Ruhr Nachrichten

„Spannend und sehr lesenswert“

NÖN Brucker (A)

„Niklas Natt och Dag versteht es, die politische Situation und das Leben der einfachen Leute miteinander zu verbinden.“

Hessische Allgemeine

„Für Zartbesaitete dürfte das in einer nie verkrampften altertümlichen Sprache geknüpfte Netz aus dreisten Lügen, sadistischer Gewalt und unsäglichen Perversionen nichts sein.“

Westfalen Blatt

„Fesselnd, aber äußerst brutal“

Nordsee-Zeitung

„Natt och Dags gut recherchierter Historienthriller ist erneut drastisch in seinen Gewaltdarstellungen und der Schilderung menschlicher Bosheit.“

kulturnews.de

„Natt och Dags gekonnte Mischung aus historischem Schauerroman in Briefform, Detektivgeschichte und Horrorstory verfällt man schon nach wenigen Seiten.“

Mannheimer Morgen

„Natt och Dags zweiter, wieder faszinierend gut recherchierter Historienthriller ist erneut drastisch in seinen Gewaltdarstellungen und der Schilderung menschlicher Bosheit zu Zeiten eines allgemeinen Werteverfalls.“

Radio Bremen „Der Morgen“

„Niklas Natt och Dag beschreibt seine Stadt – er lebt ja in Stockholm – so detailreich, so lebendig, man sieht, man riecht förmlich diese Kaffeehäuser, die Kneipen und die Kaschemmen.“

Haller Tagblatt

„Auch ›1794‹ ist nichts für Zartbesaitete, aber Natt och Dag erzählt auf mehr als 500 Seiten so meisterhaft von einer Epoche, dass man gar nicht glauben mag, dass dieser 40-jährige Autor sie gar nicht erlebt hat.“

Lausitzer Rundschau

„Dieser heftige Thriller, inspiriert von Francisco de Goya, Umberto Eco und William Faulkner, ist eine würdige Fortsetzung.“

Die Presse am Sonntag (A)

„›1794‹ ist eine Reise in die Finsternis, durchaus vergleichbar mit Werken von Joseph Conrad und Herman Melville.“

Berliner Morgenpost

„Eine würdige Fortsetzung“

Dresdner Morgenpost

„Ein enorm spannender Krimischmöker, der wegen mancher Brutalität nichts für Zartbesaitete ist.“

Kleine Zeitung Online (A)

„Mit ›1794‹ glückte Niklas Natt och Dag erneut der Beweis, wie zeitgemäß und brisant Abenteuerromane sein können.“

Der Standard (A)

„›1794‹ besticht erneut durch die Komplexität der Figuren und die detailreichen, drastischen Bilder aus den Kloaken einer für die Zeit typischen Stadt. Unbedingt lesen!“

rbb radioeins „ab zehn“

„Die Mischung zwischen historischem Hintergrund, politischer Aufklärung und hard-boiled Krimi machen diese Serie wirklich sehr ungewöhnlich und (...) sie hat zurecht ihre Fans.“

Weser-Kurier

„Zur Vorwarnung: Für Zartbesaitete dürfte auch ›1794‹ nichts sein. An der Meisterschaft dieses neuen skandinavischen Krimi-Autors besteht jedoch kein Zweifel.“

Kronen Zeitung (A)

„Ein packender Mix aus historischem Roman, Krimi und blutrünstigen Horrorszenarien.“

Stuttgarter Zeitung

„Wie im Vorgängerroman gelingt es dem Autor, die archaischen Abgründe des Menschen auszuloten – geschickt angesiedelt in einer Zeitenwende zur Aufklärung, die so viel Hoffnung versprach – und doch die Natur des Menschen nicht zu ändern wusste.“

Saale Zeitung

„Nicht nur die nochmals erweiterte Faktenfülle fasziniert an ›1794‹,sondern auch die nachhaltig-beeindruckende Atmosphäre des Geschehens. Dies schafft der 40-jährige Autor durch einen ungewöhnlichen, der alten Zeit angepassten, dennoch nicht antiquierten Sprachstil, mit dem er seine Leser tief in die Szenerie hineinzieht.“

hr2 „Krimi mit Mimi“

„Niklas Natt och Dag spart nichts aus. Er hat ein ganz einzigartig gutes Erzähltalent.“

eschborner-stadtmagazin.de

„Ein historischer Roman, der unter die Haut geht.“

fraulehmannliest.com

„Auch der zweite Teil besticht durch einen ungewöhnlichen Kriminalfall, tiefe Einblicke in die schwedische Gesellschaft um 1790, sehr realistische Beschreibungen, eine akribische Recherche zu den Gegebenheiten und Spannungsbögen, die ununterbrochenes Lesen zu einem Muss machen. Chapeau!“

Kölnische Rundschau

„Auch im zweiten Teil seiner ›Bellman Noir‹-Trilogie erkundet Niklas Natt och Dag die Abgründe der Stockholmer Gesellschaft Ende des 18. Jahrhunderts und fördert erneut Abscheuliches ans Licht der Krimi-Welt.“

galore.de

„Wer auf der Suche nach einem blutrünstigen Thriller auf hohem literarischen Niveau ist, der einem den ein oder anderen Schauer über den Rücken laufen lässt, macht mit diesem Taschenbuch jedenfalls nichts falsch.“

tanzschrift.at (A)

„Wer (…) Freude an einer atmosphärisch dichten und lebendigen Schilderung von Land und Leuten in Schweden vor gut 225 Jahren und an einer kunstvollen Konstruktion des Plots hat, wird auch ›1794‹ nicht aus der Hand legen können, bis das große Feuer lodert.“

Playboy

„Düsterer, atmosphärischer Roman mit Stil“

Eßlinger Anzeiger

„Die Fortsetzung ›1794‹ ist noch düsterer. Gewalt, Wahnsinn, Korruption, Sadismus: All die Abscheulichkeiten des Menschseins verdichtet der Autor zu einem Krimi, in dem niemand an Leib und Seele unbeschadet bleibt.“

Westfalenpost

„Natt och Dag gelingt es, seinen handelnden Personen viel Tiefe zu verleihen. Täter sind Opfer, Opfer auch Täter. Für beide empfindet man eine gewisse Sympathie.“

Kommentare zum Buch
Ein düsteres Jahr
Ascora am 30.03.2020

Der Klappentext: „Nach den Ereignissen des letzten Jahres fällt Jean Michael Cardell in ein tiefes Loch. Die Ermittlungen im Fall der verstümmelten Leiche gaben seinem Leben einen Sinn. Nun ist er wieder da, wo er vorher war. Bis zu dem Tag, als ihn eine Frau kontaktiert: Ihre Tochter wurde in der Hochzeitsnacht auf grausamste Weise zugerichtet und getötet. Als Täter wird deren frisch angetrauter adeliger Ehemann identifiziert und in ein Irrenhaus eingewiesen. Die Mutter der Getöteten glaubt diese Version jedoch nicht und sucht Hilfe bei Cardell. Seine Nachforschungen führen diesen erneut in die Abgründe Stockholms, und er muss feststellen, dass die Stadt verruchter und gefährlicher ist als je zuvor.“ Zum Inhalt: Bei Krimis bin ich mit eigenen Inhaltsangaben immer vorsichtig um nicht aus Versehen zu viel zu verraten und anderen den Lesespaß zu verderben. Dies ist nun der zweite Fall für Jean Michael Cardell und er kommt gerade zur rechten Zeit, hört sich zwar hart an, aber unser Ermittler ist quasi in einer Lebenskriese und der Fall rüttelt ihn wach. Neben der Suche nach dem Mörder begibt sich Cardell übrigens noch auf eine ganz persönliche Suche, soviel sei verraten. Obwohl es sich übrigens um den zweiten Fall handelt, kommt man ohne Vorkenntnisse des ersten gut zurecht, ich selbst kannte ihn auch nicht und Querverweise oder bereits eingeführte Personen mitsamt ihren Marotten können gut verstanden werden. Der Stil: Der Autor Niklas Natt och Dag hat hier einen atmosphärisch dichten und gut recherchierten historischen Kriminalfall erdacht. Man taucht richtig in die Zeit und die Stadt Stockholm ab und obwohl die Sprache der Zeit angepasst wurde, ist das Buch flüssig und gut lesbar. Das liegt vor allem an dem spannenden Aufbau des Falls, der einen in vier Abschnitten und in vier verschiedenen Blickwinkeln erzählt wird. Neben dem Mordfall nehmen mehrere Charaktere und deren Geschichten relativ viel Raum ein, aber es rundet immer das Gesamtbild ab und man erfährt viel Informatives, Düsteres und teilweise Grausames aus dieser Zeit. Aber der Leser sei hier gewarnt, es gibt kein zufriedenstellendes Ende, ich hoffe schwer, dass an einer Fortsetzung geschrieben wird. Mein Fazit: Ein ungewöhnlicher Kriminalfall, bei dem nicht unbedingt nur der Mord im Vordergrund steht, sondern tatsächlich das Historische.

Was kostet Gerechtigkeit?
Helga Hensel am 25.02.2020

Erik Drei Rosen wird vom Vater in Begleitung seines Vetters Johann Axel auf die Insel Barthelemi verbannt. Nach dem Tod von Bruder und Vater kehrt er in Begleitung seines väterlichen Freundes Tycho Ceton zurück nach Stockholm, um sowohl sein Erbe anzutreten, als auch seine große Liebe nach der langen Trennung zu heiraten. Die Ehe wird geschlossen, am nächsten Tag ist Linnea tot und Erik wird ins Tollhaus verbracht.   Nun lerne ich Jean Michael Cardell kennen, welcher, mit amtlicher Macht ausgestattet, den Todesfall im Hause Drei Rosen überprüfen und abschließend klären soll. Da er sowohl hinsichtlich seines Auftretens, seines Erscheinungsbildes sowie seiner Sprachgewandtheit nicht unbedingt dazu geeignet ist, Menschen zu befragen oder sich in gewissen Kreisen zu bewegen, findet er auf unkonventionelle Weise einen Partner in Emil Winge.   Die beiden Männer tauchen tief in den Untergrund Stockholms ein und müssen zum Teil weit über ihre Grenzen gehen, um diesen Fall aufzuklären. Der Täter ist geständig und doch besteht für Cardell auf direktem Wege keine Möglichkeit, seiner Habhaft zu werden, geschweige denn, ihn einer Gerichtsbarkeit zuzuführen. Letzten Endes scheint es Gerechtigkeit zu geben, doch sie ist viel zu teuer erkauft und kommt von unerwarteter Stelle.   1794 ist ein unkonventionelles Buch, kein richtiger Krimi, kein klassischer historischer Roman. Und doch erscheinen mir die Gegebenheiten dieses Jahres sowohl in Stockholm, als auch auf Barthelemi sehr gut recherchiert und schlüssig geschildert. Bei all dem Elend, dem Dreck, der Ungerechtigkeiten, der Willkür und Gewalt wünsche ich mir einen hellen Fleck, einen Sonnenstrahl, der mir das Herz zwischendurch etwas erwärmt. Und ich bekomme ihn. Doch auch die schönste Sonne muss untergehen…   1794 ist das zweite Buch aus der Feder von Niklas Natt och Dag. Die Unkenntnis von 1793 stellte für mich beim Lesegenuss kein Problem dar.     Niklas Natt och Dag, 1794, Historischer Kriminalroman, Klappenbroschur, Piper Verlag 16,99 €, 560 Seiten, Erscheinungstermin 03.01.2020

Stockholm: Ende des 18. Jh.
Hennie am 18.01.2020

„Schreckliches ist geschehen, doch es wird noch grausamer."   Rund ein Dreivierteljahr nach „1793" habe ich nun den Folgeband gelesen. Niklas Natt och Dag gelang es nach seinem hervorragenden Debüt, mit „1794“ eine weitere hochbrisante Geschichte zu erzählen. Hier wie da überzeugte mich der 40jährige Autor.   Nachdem Jean Michael Cardell (genannt Mickel) im Jahr zuvor durch die Ermittlungen zu dem männlichen Torso einer sinnvollen Tätigkeit nachging, ist er nun wieder ganz unten. Der einarmige Stadtknecht und Häscher hat resigniert bis zu dem Tag, als ihn eine Frau aufsucht. Sie wendet sich an ihn, da die Tochter in ihrer Hochzeitsnacht auf bestialischste Art und Weise ums Leben kam, angeblich von Wölfen so zugerichtet, die aber in der Gegend gar nicht heimisch sind. Von der Schuld des frisch angetrauten, jungen Ehemanns, der im Tollhaus sein Dasein fristet, ist sie in keinster Weise überzeugt. Und wieder geht ein Duo Cardell/Winge auf Spurensuche. Dieses Mal ist es nicht Cecil, der inzwischen der Tuberkulose erlag, sondern sein verstörter Bruder Emil Winge. Stockholms knallharte, rücksichtslose Realität im Machtvakuum Schwedens geht weiter. Es herrschen anarchische Zustände in einer vor stinkendem Unrat strotzenden Stadt! Viele Menschen leben in unbeschreiblicher Armut, in unhygienischen Verhältnissen mit Ungeziefer aller Art. Krankheiten, Siechtum, Tod sind an der Tagesordnung, ebenso wie Trunksucht, Hurerei, rohe Gewalt bis hin zu Totschlag und Mord...   In vier Teilen folgen die Begebenheiten den Jahreszeiten, allerdings auch hier wieder wie im vorigen Band nicht in ihrer natürlichen Abfolge. In kurzen Kapiteln zeichnet Natt och Dag ein dichtes, kompakt erzähltes Sittengemälde, das mir ab und zu wegen der unvorstellbaren Grausamkeiten und der allgemein herrschenden, unmenschlichen und gesetzlosen Zustände den Atem raubte. Die Atmosphäre ist vorherrschend düster und zumeist äußerst brutal. Und trotzdem wirken die Szenarien und die Charaktere so realistisch, so greifbar. Die Geschichte der Anna Stina Knapp wird weitererzählt und bringt damit eine weibliche Note ins Bild samt der Rolle der Frau Ende des 18. Jahrhunderts. Nicht vorstellbar, was dieses junge Mädchen durchmacht.   [S. 95] „Der Mensch ist dazu gedacht, frei zu sein, und doch liegt er in Ketten, wo immer man hinsieht.“ Es sind Sätze wie dieser, ausgesprochen von einem Sklavenhalter, die mich immer mal wieder verwirrten. Am Ende sind sie bezeichnend für die abgrundtiefe Bosheit, Verdorbenheit, Unmenschlichkeit der betreffenden Person.   Zum Finale hin eskaliert es nochmal, obwohl das kaum möglich erschien. Der letzte Teil ist mit „Minotaurus“ untertitelt und ich meinte wirklich, dass ein Ungeheuer die bösartigen Taten auslöste. Die Menschen wurden zu seinem Opfer und verfielen zum Schluß der (vorläufigen) Orientierungslosigkeit. Ich bin nun sehr gespannt auf „1795“! Kann es noch grausamer werden?   Fazit: Das Buch ließ sich hervorragend lesen. Der Sprachstil des Autors scheint durch die Übersetzerin Leena Flegler exzellent ins Deutsche übertragen worden zu sein. Allerdings warne ich zartbesaitete, sehr empfindliche Menschen vor der Lektüre!   Ich vergebe fünf von fünf Sternen und meine Lese-/Kaufempfehlung.  

Harmonischer Dreiklang von Fakten, Handlung und Sprache
Buchbesprechung am 09.01.2020

REZENSION – War schon sein vielfach ausgezeichnetes und bisher in 30 Ländern erschienenes Thriller-Debüt „1793“ einer der besten historischen Romane vergangener Jahre, so hat der schwedische Autor Niklas Natt och Dag (40) mit dem Folgeroman „1794“ etwas geschafft, was kaum einem Bestsellerautor gelingt: Der zweite Roman, kürzlich im Piper-Verlag erschienen, ist noch besser gelungen! Erneut begleiten wir den kriegsversehrten Häscher Jean Michael Cardell und die als Gastwirtstochter „adoptierte“ Anna Stina Knapp durch das Jahr im alten Stockholm. Auch dieser Folgeband ist wieder in vier Teile mit jeweils wechselnden Hauptfiguren gegliedert. Ihre Lebenswege treffen sich zum Schluss und führen zu einem überraschenden, aber schlüssigen Ergebnis. Zwar baut der zweite Band historisch und atmosphärisch auf dem Erstlingswerk auf, doch ist es nicht zwingend notwendig, den Vorgängerband unbedingt gelesen zu haben. Wir befinden uns im Stockholm des Jahres 1794, also nur vier Jahre nach dem verlustreichen Krieg gegen Russland. Armut bis zum Elend und Brutalität beherrschen das Straßenbild, während die politische Situation nach dem Tod König Gustavs III. Unsicher ist und durch die europaweiten Auswirkungen der französischen Revolution noch unsicherer zu werden droht. Im Vorjahr hatte der von der Stockholmer Polizeikammer mit einer Mordermittlung beauftragte Cecil Winge den durch die brutalen Kriegserlebnisse und seine Handamputation verzweifelten, in den Suff abgerutschten Häscher Mikkel Cardell als Assistenten verpflichtet und seinem Leben damit einen Sinn gegeben. Doch nach erfolgreichem Auftragsabschluss und dem Tod des zum Freund gewordenen Winges ist Cardell erneut abgerutscht. Erst der Auftrag einer Bäuerin, die Umstände des grausamen Todes ihrer Tochter in deren Hochzeitsnacht zu untersuchen, gibt Cardell wieder neuen Mut. Er macht sich mit Winges jüngerem Bruder Emil an die Aufklärung dieses mysteriösen Falles, in deren Folge der Bräutigam, ein junger Landadliger, psychisch erkrankt im Hospital gelandet war. In seinem zweiten Band hat der Autor seine akribische Sammlung historischer Fakten noch weiter ausgebaut: Wir erfahren viel über das koloniale Leben der Schweden auf der erst 1785 von den Franzosen übernommenen Antillen-Insel Saint-Barthélemy und den dort betriebenen Sklavenhandel, über das Elend lediger Mütter in Schweden und die Versorgung in Waisenhäusern, Hospitälern und Irrenhäusern. Doch auch das alltägliche Treiben auf den dreckigen Straßen oder in schmutzigen Wirtshäusern und Kaschemmen kommt nicht zu kurz. Nicht nur die nochmals erweiterte Faktenfülle fasziniert an „1794“, sondern auch die nachhaltig-beeindruckende Atmosphäre des Geschehens. Dies schafft der 40-jährige Autor durch einen ungewöhnlichen, der alten Zeit angepassten, dennoch nicht antiquierten Sprachstil, mit dem er seine Leser tief in die Szenerie hineinzieht. Deshalb ist der Erfolg dieser schwedischen Romanreihe im deutschsprachigen Raum nicht zuletzt der erfahrenen Übersetzerin Leena Flegler zu verdanken, der es auch diesmal wieder beispielhaft gelungen ist, die Sprachmelodie ins Deutsche zu übertragen. Die historischen Fakten, die spannende Handlung und der ungewöhnliche Sprachstil bilden wie schon in „1793“ so auch wieder in „1794“ einen derart harmonischen Dreiklang, dass auch dieser zweite Band um Mikkel Cardell zweifelsfrei ins Bücherregal eines jeden Liebhabers historischer Romane und/oder historischer Krimis gehört.

Langsam aber sicher baut sich die Spannung auf.
Raoul Chagny am 07.01.2020

Zugegeben "1794" von Niklas Natt och Dag braucht eine ganze Weile, bis sich endlich Spannung aufbaut, doch ab diesem Moment lässt sie nicht mehr nach. Doch von Anfang an: Zu Beginn des Buches werden wir unmittelbar in den Ereignisbericht eines gewissen Eriks geworfen, den dieser aus seinem Zimmer in einem Hospital am Rande Stockholms schreibt. Er berichtet von seiner adligen Herkunft, seiner unstandesgemäßen Liebe zur Tochter eines Pächters und von der zornigen Reaktion seines Vaters, der ihn in die schwedische Kolonie auf Saint-Barthélemy schickt. Dort erlebt Erik die unmenschliche Realität der Sklaverei und ist froh, als er nach einem Jahr wieder nach Schweden zurückkehren und seine geliebte Linnea Carlotta heiraten kann. Doch das Glück der beiden weilt nicht lange: Nach der Hochzeitsnacht findet Erik, der schon vorher zu Wutausbrüchen geneigt hat, seine Braut tot und entstellt auf und wird daraufhin vor der Justiz in einem Irrenhaus versteckt. Als offizielle Version der Geschehnisse wird verlautbart, dass Linnea Carlotta von einem Rudel Wölfe getötet wurde. Daran zweifelt jedoch ihre Mutter und kontaktiert Jean Michael Cardell, der ein weiteres Mal in einem Kriminalfall ermittelt - diesmal zusammen mit Emil Winge - und eine ganze Reihe von dunklen Abgründen aufdeckt... "1794" ist von Niklas Natt och Dag in einer guten und klaren, teils poetischen Sprache geschrieben, die des öfteren mit den grausigen Details nicht spart. Die Lesung von Philipp Schepmann und Louis Friedemann Thiele bringt diese in angenehmer Geschwindigkeit gut zur Geltung. Die Handlung ist gut konstruiert und abwechslungsreich aufgebaut. Das Buch braucht zwar eine Weile bis sich Spannung aufbauen kann - so wird auch beispielsweise erst gegen Ende von Eriks Bericht dessen Bedeutung für die spätere Handlung deutlich - ab diesen Moment will die Spannung jedoch nicht mehr nachlassen. Besonders zeichnet sich "1794" durch die detailreiche Beschreibung des Lebens im 18. Jahrhundert und insbesondere auch der grausamen Geschichte der Sklaverei aus. Hier wird deutlich, dass sich der Autor ausführlich mit dieser Zeit beschäftigt haben muss. Im Gesamten kann "1794" überzeugen und lädt zu einer interessanten und spannenden Beschäftigung mit dem 18. Jahrhundert ein. Es ist jedoch auf die detailreichen Beschreibung der grausamen Geschehnisse hinzuweisen, die sicherlich nicht alle ansprechen werden.  

Erneuter Ausflug an die dunklen Orte Stockholms
Philiene am 05.01.2020

Ich war schon von 1793 begeistert und wurde auch von 17994 nicht enttäuscht. Wir reisen ein zweites Mal nach Stockholm und lernen dort den furchtbaren Ort kennen, an dem man damals kranke Menschen verwahrte, behandelt wäre hier das völlig falsche Wort. Die Schilderung der Anstalt und der armen Leute, die dort eingewiesen worden waren, waren schokierend. Aber auch sonst führt uns der Roman an die dunkelsten Orte Stockholms. Der Autor versteht es Orte und Menschen vor dem inneren Auge lebendig werden zu lassen und dem Leser den einen oder anderen Schauer über den Rücken laufen zu lassen.   Das Buch ist in vier Teile aufgeteilt. Im ersten lernen wir Erik kennen. Er ist ein junger Adeliger der im Irrenhaus sitzt, da er ein grausames Verbrechen begangen haben soll. Danach kommen alte Bekannte zu Wort Cardell wird damit beauftragt jenes Verbrechen aufzuklären und wird dadurch aus einem tiefen Loch gerissen...   Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Es war spannend von der ersten bis zur letzten Seite . Besonders die Beschreibungen der Charaktere begeistern mich immer wieder.

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