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Roman

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14 — Inhalt

Frankreich, 1914: Ein idyllischer Sommertag, Anthime radelt durch die sonnenbeschienene Vendée. Er hört die Sturmglocken läuten, das Signal für die allgemeine Mobilmachung. Mit der alle gerechnet haben, nur nicht an einem Samstag, dem 1. August. Echenoz erzählt vier Kriegsjahre im Zeitraffer: Fünf Männer ziehen in den Krieg, eine schwangere Frau wartet auf die Rückkehr von zweien von ihnen. Bleibt zu erfahren, ob sie wiederkommen. Und wann. Und in welchem Zustand. Der Erste Weltkrieg ist heute nicht mehr mit traditionellen Mitteln darstellbar – Echenoz als Meister der Romansubversion zeigt, wie es anders gelingt.

 

 

€ 8,99 [D], € 9,30 [A]
Erschienen am 14.09.2015
Übersetzer: Hinrich Schmidt-Henkel
128 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-1019-5

Leseprobe zu »14«

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Da das Wetter sich ganz ausgezeichnet dafür eignete und es Samstag war, ein Tag, an dem seine Tätigkeit ihm erlaubte, nicht arbeiten zu müssen, war anthime nach dem Mittagessen zu einer Radtour aufgebrochen. Seine Pläne: die pralle augustsonne genießen, sich ein wenig ertüchtigen und die Landluft tief einatmen, wahrscheinlich auch, im Gras liegend, lesen, denn er hatte an seinem Fahrzeug mit einem Gummispanner ein Buch befestigt, das für den Drahtgepäckträger zu voluminös war. nachdem er locker aus der Stadt hinausgerollt und mühelos rund zehn [...]

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Da das Wetter sich ganz ausgezeichnet dafür eignete und es Samstag war, ein Tag, an dem seine Tätigkeit ihm erlaubte, nicht arbeiten zu müssen, war anthime nach dem Mittagessen zu einer Radtour aufgebrochen. Seine Pläne: die pralle augustsonne genießen, sich ein wenig ertüchtigen und die Landluft tief einatmen, wahrscheinlich auch, im Gras liegend, lesen, denn er hatte an seinem Fahrzeug mit einem Gummispanner ein Buch befestigt, das für den Drahtgepäckträger zu voluminös war. nachdem er locker aus der Stadt hinausgerollt und mühelos rund zehn Kilometer durch eine ebene geradelt war, musste er bei einem hügel in den Wiegetritt gehen und geriet, sich auf seinem Rad von links nach rechts werfend, ins Schwitzen. Das war freilich kein allzu steiler hügel, wie hoch die anhöhen in der Vendée so sind, weiß man ja, nur eine kleinere Kuppe, wenn auch so hoch, dass sich von ihr eine gewisse aussicht bot.
als anthime auf dieser erhebung angelangt war, kam jäh ein ruppiger Wind auf, der ihm erst beinahe die Mütze weggeweht und dann das Rad aus dem Gleichgewicht gebracht hätte – ein solides Gefährt der Marke euntes, von Kirchenmännern für Kirchenmänner konstruiert, das er einem von der Gicht geplagten Vikar abgekauft hatte. Derart lebhafte, geräuschvolle und brüske Luftbewegungen sind in der Region im Sommer eher ungewöhnlich, schon gar bei solchem Sonnenschein, und anthime musste einen Fuß auf den Boden setzen, der andere blieb auf dem Pedal, das Rad etwas schräg unter ihm, während er mit einer schraubenden Bewegung in dem ohrenbetäubenden Brausen die Mütze auf der Stirn festdrehte. Dann betrachtete er die Landschaft: ringsum verstreute Dörfer, Felder und Weiden, soviel das herz begehrte. Unsichtbar, aber vorhanden, atmete zwanzig Kilometer weiter westlich auch der atlantik, den er eher zufällig bereits vier, fünf Mal befahren hatte, obgleich anthime, da er nichts vom angeln versteht, seinen Freunden an diesen Tagen
keine große hilfe gewesen war – seine Tätigkeit hatte es ihm allerdings erlaubt, nach der Rückkehr am Kai die stets willkommene Rolle desjenigen zu übernehmen, der die Makrelen, Wittlinge, Schollen, Butte und andere Plattfische sortiert und zählt.
es war der erste augusttag, und anthimes Blick wanderte über das Panorama: Von diesem hügel aus, auf dem er sich allein befand, sah er hintereinander aufgereiht fünf oder sechs Weiler, zusammengewürfelte, sich unter ihren Glockentürmen duckende häuser, die durch ein netz schmaler Straßen verbunden waren, auf denen weniger die sehr seltenen automobile fuhren als vielmehr ochsenkarren oder Pferdegespanne mit der Getreideernte. es war jedenfalls eine angenehme Landschaft, wenngleich im Moment von diesem jähen, lärmigen, für die Jahreszeit wirklich ungewöhnlichen Wind gestört, der anthime zwang, seine Mützenkrempe festzuhalten, und der den ganzen Luftraum füllte. nichts anderes war zu hören als dieses Tosen, und es war vier Uhr nachmittags.
Wie seine augen so zerstreut von einem Weiler zum anderen schweiften, bot sich anthime ein ihm bis dato unbekanntes Phänomen. an der Spitze eines jeden Glockenstuhls, im selben Moment auf allen zugleich, begann eine Bewegung, eine winzige, aber regelmäßige Bewegung: regelmäßig sich abwechselnde schwarze und weiße quadratische Vierecke, die alle zwei, drei Sekunden aufeinanderfolgten, waren aufgetaucht, wie ein Wechsellicht, ein zweiphasiges Blinken, das an die automatischen Klappen gewisser Maschinen in der Fabrik erinnerte: ohne sie zu begreifen, betrachtete anthime diese mechanischen Impulse, die daherkamen wie auslöser oder wie augenzwinkern, von ein paar Unbekannten aus der Ferne an ihn gerichtet.
Dann brach das betäubende Grollen des Windes ebenso jäh ab, wie es aufgekommen war, und wich dem Geräusch, das es bislang übertönt hatte: nämlich den Glocken, die hoch auf den Türmen zu läuten begonnen hatten und unisono in einem ernsten, bedrohlichen, schweren Durcheinander erklangen, in dem anthime, obgleich er über wenig erfahrung damit verfügte, denn er war zu jung, um schon viele Beerdigungen erlebt zu haben, sogleich instinktiv die Sturmglocke erkannte – die man nur selten betätigt und deren anblick ihn vor dem Ton erreicht hatte. angesichts des gegenwärtigen zustandes der Welt konnte das Sturmgeläute nur eines bedeuten: Mobilmachung. Wie alle anderen, obgleich ohne wirklich damit zu rechnen, war anthime mehr oder weniger darauf gefasst, hätte aber nie gedacht, dass sie auf einen Samstag fallen würde. er reagierte nicht sofort, sondern lauschte fast eine Minute lang den feierlich dröhnenden Glocken, richtete dann sein Gefährt wieder auf und setzte den Fuß aufs Pedal, um den hang hinabzurollen und den Weg nach hause einzuschlagen. ein plötzliches Rumpeln, und ohne dass anthime es bemerkte, fiel das dicke Buch vom Fahrrad, öffnete sich während des Falls und blieb für immer und ewig allein am Straßenrand liegen, auf dem Bauch, auf der ersten Seite eines mit Aures habet, et non audit überschriebenen Kapitels.
als er in die Stadt kam, sah anthime, wie immer mehr Leute ihre häuser verließen, sich zu Trupps versammelten und dann in Richtung Place Royale losgingen. Die Menschen wirkten nervös, fiebrig in der hitze, sie drehten sich nach einander um, riefen einander, vollführten linkische, mehr oder weniger selbstsichere Gesten. anthime fuhr zu hause vorbei, um das Fahrrad unterzustellen, dann schloss er sich der allgemeinen Bewegung an, die nun aus sämtlichen Straßen auf dem Platz zusammenfloss, wo eine lächelnde Menge wogte, die Fahnen und Flaschen emporreckte, sich herumfuchtelnd drängelte und kaum Platz für die Pferdewagen ließ, die schon Gruppen transportierten. alle schienen sie höchst zufrieden über die Mobilmachung: fieberhafte Debatten, übertriebenes Lachen, hymnen und Fanfaren, patriotische Rufe, von Gewieher unterlegt.
auf der anderen Seite des Platzes, bei einem Laden mit Seidenstoffen, an der ecke der Rue crébillon und über dieser in patriotischer Glut und Schweiß erröteten animierten Menge erkannte anthime die Gestalt von charles, dessen Blick er aus der entfernung zu erhaschen versuchte. als ihm das nicht gelang, begann er sich einen Weg durch die Leute zu bahnen. Wie in seinem Büro in der Fabrik in einen zur schmalen, hellen Krawatte passenden anzug gekleidet, schien charles sich am Rande des ereignisses aufzuhalten, den emotionslosen Blick auf das Gedränge gerichtet und wie stets seinen »Rêve Idéal«-Fotoapparat von Girard & Boitte um den hals. Wie er auf ihn zuging, musste anthime sich zu einer straffen haltung zwingen und
ich zugleich entspannen, ein widersprüchliches Vorhaben, das doch notwendig war, um die gewisse verschüchterte Geniertheit zu bezwingen, die charles’ Gegenwart ihm, was auch geschehen mochte, einflößte. Der andere blickte ihm kaum ins Gesicht, sein Blick glitt zu dem Siegelring, den anthime am kleinen Finger trug.
aha, sagte charles, das ist neu. Und du trägst ihn rechts, sieh an. Sonst hat man ihn eher links. Ich weiß, gab anthime zu, aber es ist nicht zur zierde, sondern wegen meines schmerzenden handgelenks. ach ja, meinte charles herablassend, und er stört dich nicht, wenn du den Leuten die hand gibst. Ich gebe wenig Leuten die hand, erklärte anthime, und ich sag doch, es ist wegen der Schmerzen im rechten handgelenk, es beruhigt. er ist ein bisschen schwer, aber es funktioniert. es ist irgendwie magnetisch, wenn du so willst. Magnetisch, wiederholte charles mit dem atom eines Lächelns und stieß ein weiteres atom Luft aus der nase aus, wobei er den Kopf schüttelte, eine Schulter hochzog und die augen verdrehte – alle fünf Regungen innerhalb einer Sekunde, und anthime fühlte sich wieder einmal gedemütigt. Na, versuchte er weiterzureden und deutete mit dem Daumen auf eine Gruppe, die mit Schildern wedelte, was hältst du davon. Das war unvermeidlich, antwortete charles, kniff eines seiner kalten augen zu und legte das andere an den Sucher, aber das ist eine Sache von zwei Wochen, höchstens. na, erdreistete anthime sich einzuwenden, da wäre ich mir nicht so sicher. Wie auch immer, sagte charles, morgen sehen wir weiter. Und am Morgen darauf sahen sich alle in der Kaserne wieder. anthime hatte sich sehr früh dorthin begeben, hatte unterwegs seine anglerund Kaffeehausfreunde getroffen, Padioleau, Bossis, arcenel – der halblaut darüber jammerte, das ereignis am Vorabend allzu lange gefeiert zu haben: hämorrhoiden und schwerer Kater. Padioleau, ein schmächtiges, etwas scheues Wesen mit hagerem, wachsbleichem Gesicht, legte ganz das Gegenteil der körperlichen Tüchtigkeit eines Metzgergesellen an den Tag, dabei war genau das sein Beruf. Bossis, nicht zufrieden damit, seinerseits die Figur eines abdeckers zu haben, war tatsächlich einer, und arcenel wiederum arbeitete als Sattler, was keinen besonderen habitus nahelegt. Diese drei jedenfalls interessierten sich, jeder auf seine Weise, sehr für
Tiere, hatten schon viele gesehen und sollten nicht wenigen weiteren begegnen.
Wie alle Frühankömmlinge ergatterten sie eine Uniform in ihrer Kleidergröße, während charles, der verspätet gegen Mittag eintraf, unnahbar und gleichgültig wie gehabt, zunächst eine schlechtsitzende Kluft verpasst bekam. Da er aber voller Verachtung protestierte und arrogant eine ganze Geschichte vorbrachte, sich auf seinen Status als Vizedirektor einer Fabrik berief, wurden anderen – nämlich Bossis ebenso wie Padioleau – einzelne Teile wieder abgenommen, ein Kapuzenmantel und eine rote hose, die dem feinen herrn zu konvenieren schienen, trotz seiner leicht angewiderten, distanzierten Miene. Padioleau wurde dank dieses Verfahrens verwirrt von seinem Mantel umflattert, während Bossis sich in der zeit, die ihm noch zu leben blieb, nicht mehr an diese hose gewöhnen würde.
anthime, ein mittelgroßer Rekrut mit unauffälligem, selten lächelndem Gesicht, in dem der Schnurrbart wie ein Balken stand wie bei mehr oder weniger allen Männern seiner Generation, dreiundzwanzig Jahre alt, sah in seiner Uniform nicht stattlicher aus als in seinem alltäglichen arbeitsanzug; und er erwog kurz, zu charles hinzugehen und ihn anzusprechen – zu charles, seinerseits siebenundzwanzig, nicht weniger schnurrbärtig und ausdruckslos, aber schneidiger, größer, ranker, mit einem gelassenen, kalten Blick auf die Welt; der mehr als je darauf bedacht schien, Kontakt zu vermeiden und niemanden von geringerem Rang auch nur anzusehen, also jedenfalls anthime schon mal nicht. Dieser verzichtete dann auch lieber darauf und ging zu seinen Freunden zurück, und sei es, um Bossis zuzureden, der gegen seine hose pestete. als er sich doch noch einmal nach charles umdrehte, sah anthime ihn eine zigarre aus dem etui ziehen, das er dann gerade wieder in die Tasche stecken wollte, als er sich besann und eine zweite herausnahm, um sie diskret dem nächststehenden offizier anzubieten. Dann sah er ihn diesen offizier fotografieren, so, wie er seit Monaten alles in seiner Reichweite fotografierte und sich in dieser Praxis so weit vervollkommnete, dass man seit kurzem manche seiner Fotos in zeitschriften wie Le Miroir und L’Illustration sehen konnte, die auch amateurfotos veröffentlichten. an den Folgetagen ging in der Kaserne alles ziemlich schnell. nach ankunft der letzten Reservisten stießen angehörige der Landwehr dazu, ältere Kerle von vierundvierzig bis neunundvierzig Jahren, die man sogleich zwang, die eine oder andere Runde auszugeben, und um die Wahrheit zu sagen, folgten diese Runden von Montag bis Donnerstag recht dicht aufeinander: Später abends war keiner mehr so ganz frisch. Dann nahm alles eine etwas ernstere Wendung, als die Korporalschaften gebildet wurden: anthime sah sich der 10. Korporalschaft der 10. Kompanie zugeteilt und damit in steigender Reihenfolge dem 93. Infanterieregiment, der 42. Brigade, der 21. Infanteriedivision, dem 11. Korps der 5. armee. erkennungsmarke 4221. Munition wurde verteilt, ebenso die Reserverationen, und am abend dieses Tages tranken alle noch mal ordentlich. am Tag danach erst begann man, sich als Soldat zu fühlen: Morgens absolvierte das Regiment einen ersten Marsch, dann nahm der oberst auf dem exerzierplatz eine Truppenparade ab, wonach alle am nachmittag durch die Stadt defilierten; am nächsten Morgen sollte der zug fahren. Dieses Defilee war ziemlich fröhlich, alle hielten sie sich schön aufrecht in ihren Uniformen und bemühten sich, geradeaus zu schauen. Das 93. schritt die avenue entlang, dann die hauptstraßen der Stadt; an deren Rändern drängte sich die Bevölkerung und geizte nicht mit applaus, Blütenregen und anfeuernden zurufen. charles war es natürlich gelungen, ganz vorn bei der Truppe mitzulaufen, anthime folgte auf der hälfte des Regiments, umgeben von Bossis, der sich in dem Kleidungsstück immer noch unbehaglich fühlte, arcenel, der unaufhörlich meckerte, und Padioleau, dessen Mutter noch zeit gefunden hatte, den Kapuzenmantel an den Schultern enger zu machen und die Ärmel zu kürzen. Während er halblaut mit den anderen scherzend einhermarschierte, dabei dennoch versuchte, den Schritt stolz zu bemessen, meinte anthime, er habe kurz Blanche erspähen können, auf dem linken Bürgersteig an der avenue. erst dachte er, es handle sich nur um eine Ähnlichkeit, aber nein, sie war es, Blanche, wie in Festtagskleidung, mit leichtem rosa Rock und jahreszeitlich passender malvenfarbener Bluse. als Schutz gegen die Sonne hatte sie einen ausladenden schwarzen Regenschirm über sich aufgespannt, während man im Gleichschritt unterm neuen Käppi, das an den Schläfen verdammt eng saß, und unterm vorschriftsmäßig geschnürten Tornister schwitzte, der an diesem ersten Tag immerhin noch nicht so am Schlüsselbein zerrte.
Wie er es erwartet hatte, sah anthime zunächst, wie Blanche charles angesichts seiner martialischen haltung mit einem stolzen Lächeln bedachte, dann, als er selbst auf ihrer höhe anlangte, fand er sich durchaus nicht ohne Überraschung von ihr mit einer anderen Variante des Lächelns beschenkt, ernster und sogar, so wollte ihm scheinen, ein wenig gerührter, intensiver, nachdrücklicher, unmöglich zu sagen, wie nun genau. Wie charles, den er ohnehin nur von hinten sah, auf ihr Lächeln reagierte, bemühte anthime sich nicht einmal herauszufinden, doch er selbst, anthime, erwiderte es nur mit einem Blick, der so kurz wie möglich war und so lang wie möglich, wobei er sich zwang, ihn mit möglichst wenig ausdruck zu versehen, aber zugleich möglichst suggestiv zu gestalten – eine weitere, diesmal doppelt widersprüchliche Übung, keine kleine angelegenheit, zumal wenn man im Gleichschritt bleiben muss. Danach, als sie an Blanche vorüber waren, schaute anthime die anderen Leute lieber gar nicht mehr an.
am Bahnhof früh am nächsten Morgen war Blanche wieder da, am Gleis inmitten der f ähnchenschwenkenden Menge, Jungs schrieben mit Kreide Nach Berlin auf die Seiten der Lok, vier, fünf Blechbläser buchstabierten sich nach bestem Vermögen durch die nationalhymne. hüte, Schals, Blumensträuße und Taschentücher wurden in alle Richtungen gewedelt, Körbe mit Wegzehrung durch die Fenster gereicht, man drückte kleine Kinder und Greise, Paare umarmten einander, Tränen platschten auf die Trittbretter – wie man es heute in Paris auf dem großen Fresko von albert herter im elsass-Saal der Gare de l’est sehen kann. aber insgesamt lächelte alle Welt vertrauensvoll, denn all das würde ganz offensichtlich nur sehr kurz dauern, man würde schnell wieder zu hause sein – und von fern, über charles’ Schulter hinweg, der sie in den armen hielt, sah anthime wieder, wie Blanche ihn noch einmal mit demselben Blick bedachte. Dann hieß es einsteigen, und es war gerade eine Woche verstrichen seit seiner kleinen Fahrradtour, da traf anthime, der Samstagmorgen sechs Uhr früh in nantes aufgebrochen war, am späten Montagnachmittag in den ardennen ein.
onntag früh ist Blanche in ihrem Schlafzimmer aufgewacht, im ersten Stock einer imposanten Villa, wie notare oder abgeordnete sie besitzen, hochgestellte amtspersonen oder Fabrikbesitzer: Familie Borne leitet die Borne-Sèze-Werke, und Blanche ist das einzige Kind.
In diesem eigentlich so ruhigen, wohlaufgeräumten zimmer herrscht eine seltsam unharmonische note. auf der ein wenig schief geklebten Blümchentapete hängen gerahmte Genreszenen – Frachtkähne auf der Loire, Fischerleben auf noirmoutier –, und die Möbel zeugen von einem großen Willen zur waldwirtschaftlichen Vielfalt, wie in einer Baumschule: verspiegelter Wäscheschrank in nussbaum, eichener Schreibtisch, Mahagonikommode mit obstbaumfurnier, das Bett ist aus Kirschholz, der Schrank aus Pitchpine. eine merkwürdige atmosphäre also, von der man nicht weiß, ob sie an den – in so einem an und für sich ordentlich tapezierten Bürgerhaushalt unerwarteten – Spalten zwischen den Bahnen der altmodischen Tapeten liegt, auf denen das Blumendekor ebenfalls schon zu welken scheint, oder an dieser überraschenden Vielfalt an Möbelhölzern: erst fragt man sich, wie derart verschiedene Gattungen miteinander harmonieren sollen. Und dann begreift man sehr schnell, sie harmonieren überhaupt nicht miteinander, sie können einander nicht ausstehen – daher stammt ganz sicher diese note, daran muss es liegen.
Geduldig warten die Möbel darauf, dass Blanche aufsteht, um ihre Rolle zu spielen. auf dem nachttisch – Buchenholz – liegen unter einer Lampe einige Bücher, darunter Marc elders Das Volk des Meeres, in dem Blanche manchmal blättert, weniger weil der autor rühmlicherweise im Vorjahr den Prix Goncourt erhalten hat, gegen Marcel Proust, sondern weil er unter seinem wahren namen Marcel Tendron ein Freund des hauses ist und dieser Roman sie an die sonntäglichen Familienausflüge in die Umgebung erinnert, wenn sie die Fischerboote aus noirmoutier ansehen fahren oder die in Trentemoult vor anker liegenden Kähne, die in der Mündung fischen – Fischbrut, aale, Lampreten.
Blanche, die widerwillig aufgestanden ist, hat vor ihrer Morgentoilette gewählt, was sie anziehen wird: ein kurzärmeliges Batisthemd aus dem Wäscheschrank, ein grünes cheviotkostüm aus dem Kleiderschrank, Unterwäsche und Strümpfe aus den Schubläden der Kommode, auf der zwei Parfümflakons herumstehen. Sie hat in Sachen Schuhe zwischen zwei verschieden hohen absätzen geschwankt, nicht jedoch bei ihrer entscheidung für den Reisstrohhut mit dem schwarzen Samtband gezögert. nach einem knappen Stündchen im Badezimmer ist sie gewaschen und angekleidet und hat im Spiegel des Wäscheschrankes die Wirkung begutachtet, hier eine Strähne geglättet, da eine Falte zurechtgezupft. Beim Verlassen des zimmers ist sie am Schreibtisch vorbeigekommen, der mithin an diesem Morgen keinerlei Rolle gespielt hat: er ist daran gewöhnt, seine einzige aufgabe besteht darin, die Briefe zu bewahren, die anthime und charles regelmäßig an Blanche schreiben, jeder für sich, und die als mit Bändern in Komplementärfarben zusammengebundene Stapel in getrennten Schubladen ruhen.
So vorbereitet, ist Blanche leise die Treppe ins erdgeschoss hinuntergegangen und hat die eingangshalle durchquert, mit einem Schlenker, um dem esszimmer auszuweichen. Dort – raues Knuspern des Brotmessers auf der Kruste, Teelöffelklimpern im Dunst des zichorienkaffees – beenden ihre eltern das Frühstück: Wenig vernehmbarer austausch zwischen eugène und Maryvonne Borne, verdrießliches Schlucken des Fabrikdirektors, melancholisches ausatmen der Fabrikdirektorengattin. aus dem mit Wachstuch gefütterten Schirmständer aus Weidengeflecht neben der haustür hat Blanche einen mit Karos bedruckten cretonneSonnenschirm genommen.
einmal draußen, ist sie auf das Tor zugegangen; vom Mittelweg des Gartens, sorgsam gekämmter weißer Kies, zweigen kleinere Pfade entlang den Beeten, dem Wasserbecken, den Rosenbögen und zierbäumen ab – unter Letzteren eine matte Palme, die schon allzu lange in diesem Klima durchhalten muss. ebenso ist Blanche, wenn auch umstandsloser, der Gestalt des krummrückigen, hinkebeinigen Gärtners ausgewichen, der genauso taub ist wie die Palme und der die Rabatten gießt: Sie hat nur gerade darauf geachtet, dass der Kies bis zum schmiedeeisernen Tor nicht allzu vernehmlich knirscht.
Draußen jetzt sonntägliche Geräuschkulisse: alles ist leiser als in der Woche, einerseits wie an jedem anderen Sonntag, dann aber auch wieder nicht, es ist nicht dieselbe Stille wie sonst, als hinge noch ein Restecho von den Jubelrufen der letzten Tage in der Luft, von den Fanfaren und ovationen. Früh an diesem Morgen haben die hiergebliebenen ältesten städtischen angestellten die letzten welken Blumensträuße weggeräumt, zerknitterte Kokarden, Reste von Spruchbändern, Taschentücher, erst nassgeweint, dann getrocknet, bevor sie durch den Rinnstein gespült wurden. ein paar verloren gegangene Gegenstände sind ins Fundbüro gewandert, ein Gehstock, zwei zerrissene halstücher, drei verbeulte hüte, die im patriotischen Taumel gen himmel geschleudert wurden und deren legitime Träger man nicht mehr hat finden können: Jetzt wartet man darauf, dass sie sich zeigen.
außerdem ist es ruhiger, weil weniger Leute, zumal weniger junge Männer auf der Straße sind – allenfalls sehr junge, die gemeinhin der Meinung sind, dieser Krieg werde sehr kurz sein, und ihn daher ignorieren oder sich keine Gedanken darum machen wollen. Die wenigen jungen Männer ihres alters, denen Blanche begegnet, sind mehr oder weniger sichtbar beeinträchtigt und ausgemustert worden, jedenfalls zu diesem zeitpunkt – es könnte vorläufig sein, aber auch das wissen sie noch nicht. Die Kurzsichtigen zum Beispiel, zunächst vom Soldatendienst befreit und dank ihrer Brillen geschützt, ahnen keinen augenblick lang, dass sie demnächst mit ihnen per zug ostwärts fahren könnten, wenn möglich mit einem ersatzgestell im Gepäck. ebenso die Tauben, nervösen, Plattfüßigen. Diejenigen, die eine Beeinträchtigung simulieren oder dank ihrer Verbindungen ausgemustert werden und nicht einmal simulieren müssen, zeigen sich derzeit lieber nicht so in der Öffentlichkeit. Die Kneipen sind menschenleer, die Kellner verschwunden, die Wirte müssen selbst auf der Schwelle und zwischen den Tischen auf dem Bürgersteig kehren. Die Dimensionen der Stadt, aus der die Männer wie pneumatisch abgesaugt wurden, scheinen erweitert: abgesehen von den Frauen sieht Blanche nur Greise und Kinder, deren Schritte wie in einem zu großen anzug hohl hallen.
Und es war auch gar nicht so schlecht gewesen, im zug, abgesehen von der Unbequemlichkeit. am Boden sitzend futterten sie die Vorräte auf, sangen alle möglichen Lieder, bespien Wilhelm II. und tranken nach wie vor nicht nur einen, sondern viele. In den rund zwanzig Bahnhöfen, wo gehalten wurde, durften sie nicht aussteigen, um einen Blick auf die jeweiligen Städte zu werfen, wenigstens aber hatten sie dank der herablassbaren Fenster, durch die die allzu warme, fast körperliche, von Flugasche durchsetzte Luft kam – eine hitze, von der sich nicht mehr sagen ließ, ob sie am august lag oder von der Lokomotive stammte, wahrscheinlich überlagerte sich beides –, einige Flugzeuge sehen können. Manche zogen in verschiedenen höhen über den blitzblanken himmel, folgten oder kreuzten einander ohne erkennbaren zweck, andere standen, von Männern mit Lederhauben umgeben, etwas durcheinander auf beschlagnahmten Feldern herum, an denen der zug entlangfuhr.
Sie hatten von diesen zerbrechlich aussehenden Flugmaschinen schon reden hören und auch Fotos von ihnen in der zeitung gesehen, doch noch keines in Wirklichkeit, außer natürlich charles, der immer bei allem auf dem Laufenden war, der sogar mehrmals in welchen gesessen hatte – oder eher auf welchen, da es noch kein cockpit gab – und den anthime, ohne ihn zu finden, mit seinen Blicken im Waggon suchte. Da die Landschaft dann unter Mangel an attraktionen litt, wandte er sich von dem ausblick ab und suchte nach einem Mittel, um die zeit totzuschlagen. Karten schienen dafür geeignet zu sein: Gemeinsam mit Bossis und Padioleau – arcenel war immer noch allzu sehr hinterrücks geplagt, um sich anzuschließen – konnte anthime eine ecke herrichten, um unter den bald leeren, mit ihren Gurten an haken baumelnden Feldflaschen eine Manille zu spielen.
Da das Spiel zu dritt schwierig wurde, Padioleau einschlief und Bossis selbst auch schon schwankte,
eendete anthime die Partie und beschloss, die benachbarten Wagen zu erkunden, halbherzig auch auf der Suche nach charles, ohne rechte Lust, ihn zu sehen, er ahnte, wie er allein in einer ecke saß, stets auf seine nächsten herabblickend, wenn auch gezwungenermaßen von ihnen umgeben. Doch ganz anders: Irgendwann entdeckte er ihn, bequem in einem Wagen mit Sitzen eingerichtet, nah bei einem Fenster, wie er die Landschaft fotografierte, in Begleitung eines Grüppchens von Unteroffizieren, die er ebenfalls porträtierte und deren adressen er dann aufschrieb, um ihnen später abzüge schicken zu können. anthime entfernte sich wieder.
In den ardennen, kaum aus dem zug ausgestiegen, hatten sie nur wenig zeit, sich an diese neue Landschaft zu gewöhnen – ohne auch nur den namen des Dorfes zu kennen, in dem sie als erstes Quartier bezogen, noch zu wissen, wie lange sie hier bleiben würden –, da ließen die Feldwebel die Männer in Linie antreten, dann hielt der hauptmann zu Füßen des Kreuzes auf dem Marktplatz eine ansprache. Sie waren ziemlich müde, sie hatten nicht einmal mehr Lust, leise Witze zu machen, aber sie hörten sie sich trotzdem in habtachtstellung an und betrachteten dabei die Bäume, eine art, die sie noch nie gesehen hatten, die Vögel auf diesen Bäumen stimmten sich aufeinander ein und schickten sich an, den abend einzuläuten.
Dieser hauptmann namens Vayssière war ein schmächtiger junger Mann mit Monokel, merkwürdig rotgesichtig und mit einer kraftlosen Stimme, den anthime noch nie gesehen hatte und dessen Morphologie wenig aufschluss darüber gab, wie und woher bei ihm eine Berufung zum Kriegerischen hatte entstehen und sich entwickeln können. Ihr werdet allesamt wieder nach hause kommen, versprach hauptmann Vayssière ausdrücklich, indem er seine Stimme mit aller Kraft anschwellen ließ. Ja, wir werden alle wieder in die Vendée zurückkommen. eines aber ist wichtig. Wenn im Krieg doch ein paar Mann sterben, dann wegen mangelnder hygiene. nicht die Kugeln töten, sondern die Unsauberkeit ist fatal, sie heißt es in erster Linie zu bekämpfen. also, wascht euch, rasiert euch, kämmt euch ordentlich, dann habt ihr nichts zu befürchten.
als man sich nach dieser Darlegung wieder rührte, fand anthime sich in der allgemeinen Bewegung unversehens neben charles wieder, nahe der Feldküche, die gerade aufgebaut wurde. charles schien nicht mehr zum Reden aufgelegt zu sein als im zug und als sonst auch, weder über den Krieg noch über die Fabrik, doch hier konnte er sich, apropos Fabrik, nicht in einen Flur entziehen wie dort unter dem Vorwand, er habe gerade dringende Post unterm arm, wie er es immer zu tun gewusst hatte, hier hatte er doch zu anthimes Sorgen Stellung nehmen müssen. außerdem war man jetzt gleich gekleidet, das erleichtert den austausch ja immer. Und mit der Fabrik, sorgte sich also anthime, wie sollen wir das machen? Ich habe Madame Prochasson, die kümmert sich um alles, erklärte charles, ihr liegen alle akten vor. Bei dir genauso, du hast Françoise in der Buchhaltung, du wirst alles tipptopp vorfinden, wenn wir zurückkommen. Wer weiß, wann, überlegte anthime. Sehr bald, meinte charles wieder, für die Septemberbestellungen sind wir wieder zurück. na ja, sagte anthime, wir werden schon sehen.
Die Männer wanderten ein wenig im Quartier herum, um sich kundig zu machen, was die Gegend so zu bieten hatte. Manche maulten schon, es gebe nichts zu essen, kein Bier und nicht einmal Streichhölzer, und der Wein, der von den ortsansässigen angeboten wurde, war unverschämt teuer – man hatte sofort erkannt, wie aus der Situation Profit zu schlagen war. Fern waren fahrende züge zu hören. Und aus den Feldküchen war nichts zu erwarten, solange sie nicht fertig aufgebaut waren. Da vom Reiseproviant längst nichts mehr übrig war, teilte man sich ein paar Portionen kaltes Dosenfleisch, dazu gab es etwas trübes Wasser, dann ging man schlafen.

Jean Echenoz

Über Jean Echenoz

Biografie

Jean Echenoz, geboren 1947 in Orange (Provence), erhielt 1999 den Prix Goncourt für seinen Roman »Ich gehe jetzt«. Er lebt in Paris.

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