Buchvorstellung »Nürnberg. Menschheitsverbrechen vor Gericht«
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Buchpräsentation zu den Nürnberger Prozessen

Dienstag, 23. Juni 2015 von Piper Verlag


Im Rahmen eines Podiumsgesprächs anlässlich der Vorstellung seines neuen Buches diskutierten der Autor Thomas Darnstädt, der Historiker Jost Dülffer sowie der Experte für Völkerstrafrecht Claus Kreß, wie dieser spektakuläre Prozess zur Geburt des modernen Völkerrechts führte. 

       

Die Nürnberger Prozesse veränderten die Welt


Wie macht man Frieden? 1945 finden die alliierten Siegermächte darauf eine revolutionäre Antwort: Zum ersten Mal in der Geschichte werden Politiker und Generäle als Kriegsverbrecher vor ein internationales Gericht gestellt. Dort muss sich die Nazi-Elite für ihre Untaten verantworten.

Thomas Darnstädt erzählt spannend und aus der Kenntnis unveröffentlichter Quellen von dem historischen Versuch, Frieden durch Recht zu schaffen.

Blick ins Buch
NürnbergNürnberg

Menschheitsverbrechen vor Gericht 1945

Nürnberg 1945: Die Nazi-Elite muss sich für ihre Verbrechen verantworten. Das ist etwas unvergleichlich Kühnes in der Geschichte der Menschheit: am Ende eines Krieges kein Blutvergießen, kein Friedensvertrag – stattdessen ein Prozess. Zum ersten Mal werden verantwortliche Politiker und Militärs vor Gericht gestellt. Niemand im Saal 600 des Justizpalastes hätte sich vorstellen können, welche Wucht die Ideen von Nürnberg bekommen sollten. Das Verfahren der Alliierten gegen die »Hauptkriegsverbrecher« (darunter Reichsmarschall Hermann Göring, Außenminister Joachim von Ribbentrop, Hitler-Sekretär Martin Bormann) endete mit 12 Todesurteilen und langjährigen Haftstrafen. Thomas Darnstädt, promovierter Jurist und Autor des Magazins Spiegel, zeigt, wie diese 218 Verhandlungstage die Welt veränderten, wie dieser spektakuläre Prozess zur Geburt des modernen Völkerrechts führte.
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Die Zukunft der Vergangenheit

 

 

Frieden machen

Krieg ist einfacher als Frieden. Und weil es so schwer ist, einen richtigen Frieden zu machen, gibt es immer wieder Krieg. Fast immer liegt der Grund für neuen Unfrieden unter den Völkern darin, dass der Krieg zuvor in einen falschen Frieden mündete.

Wie macht man richtig Frieden? Das letzte Mal, sagen Historiker, sei das vor zweihundert Jahren gelungen: 1814/15 trafen sich die europäischen Mächte beim Fürsten Metternich in Wien, um das durch die napoleonischen Kriege zerrüttete Europa neu zu ordnen. Seitdem wird es immer schwieriger, aus einem Krieg wieder herauszukommen. Wie ein falscher Frieden den nächsten Krieg gebiert, haben die Menschen im furchtbaren 20. Jahrhundert erleben müssen. Wenn der Erste Weltkrieg mit einem Einvernehmen der Völker statt mit dem unglückseligen Versailler Vertrag beendet worden wäre, hätte die Welt eine gute Chance gehabt, vom Zweiten Weltkrieg verschont zu bleiben.

Wie macht man Frieden? Es wird immer schwieriger. Kriegsherren und Friedenskämpfer sind ratlos, wie die Menschheit den Konflikten entrinnen soll, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts jeden Tag neue Todesopfer fordern. Wie lässt sich Frieden im Nahen Osten erreichen? Niemand, schon gar nicht unter den Krieg führenden Parteien, hat eine Idee, in welchen Frieden der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern münden könnte. Schon sehen sich militärisch mächtige und demokratisch legitimierte Staaten wie die USA aufgerufen, in das Gemetzel in der arabischen Welt mit dem letzten Mittel einzugreifen, das schließlich bleibt, um Frieden zu gewinnen: mit einem Krieg.

Krieg für den Frieden? Es scheint, als ob die Welt in eine globale Unordnung geraten sei, in der die uralten Kategorien verkehrt wurden, die seit dem Beginn der Neuzeit die Politik und das Leben, das Überleben der Menschen geprägt haben. »Krieg ist Frieden und Frieden ist Krieg«, fasste der Soziologe Ulrich Beck die neue Lage zusammen. Bedeutet das die Kapitulation der Friedensmacher vor den Kriegsmachern?

Wie macht man Frieden? Die Frage wird immer dringender. Denn Krieg betrifft jeden Menschen, überall, jeden Tag. Die »neuen Kriege« haben keine Grenzen mehr. Es sind nicht mehr die Soldaten eines Staates, die auf die Soldaten eines anderen Staates einschlagen, es sind Söldner, selbst ernannte Warlords und Terroristenheere, die Gewalt, Mord und Verwüstung über Dörfer und Städte bringen. Niemand kann sich mehr darauf verlassen, in Frieden zu leben, denn manche solcher Gruppen führen Krieg gegen die ganze Welt.

Ewigen Frieden versprachen sich manche zum Ausgang des 20. Jahrhunderts mit dem Ende der feindseligen Spaltung der Welt in Ost und West: Sogar vom Ende der Geschichte war die Rede. Wenn Geschichte zu verstehen ist als das ewige blutige Auf und Ab von Krieg und Frieden, Frieden und Krieg, dann scheint zwanzig Jahre später das Ende der Geschichte tatsächlich nahe. Nicht wegen eines ewigen Friedens. Sondern wegen eines ewigen Krieges.

 

Frieden durch Recht

Doch die Geschichte geht weiter. Staatsmänner, Diplomaten und Völkerrechtler in aller Welt haben aus den Archiven die alten Akten des schon fast vergessenen Prozesses geholt, mit dem die alliierten Siegermächte vor siebzig Jahren den Zweiten Weltkrieg beendeten. Auf den rauchenden Trümmern des zerstörten Deutschlands, am Tatort eines Jahrtausendverbrechens, haben sie in Nürnberg versucht, die Welt durch Recht neu zu ordnen. »Si vis pacem, para bellum«, hieß es zweitausend Jahre lang auf der Welt: Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor. Nürnberg hat etwas anderes gelehrt: Wenn du den Frieden willst, musst du den Frieden vorbereiten.

Frieden durch Recht: Die Idee, entstanden als Reaktion auf einen Krieg, wie es ihn nie wieder geben durfte, könnte im Zeitalter allgegenwärtiger Kriege Erlösung bringen. Internationale Strafgerichtshöfe nach dem Muster des Nürnberger Internationalen Militärtribunals sind in den letzten Jahren an zahlreichen Orten gegründet worden. Sollte in den alten Akten aus Nürnberg tatsächlich das Rezept für den Frieden der Zukunft liegen?

Vieles spricht dafür. Auch im 21. Jahrhundert ist Gewalt zwischen den Völkern, kriegerische Gewalt, noch immer ein Mittel der Politik. Doch sie ist zum Mittel ohne Zweck geworden. Gewalt löst keine Probleme. Siegen allein genügt nicht. Wenn du den Frieden willst, musst du den Frieden vorbereiten. Wenn die Waffen schweigen, geht die Arbeit erst los. Nicht nur Trümmer, Hass und Angst, Misstrauen und der Wunsch nach Vergeltung müssen Stein für Stein abgeräumt werden. Demokratie und Toleranz müssen gesät werden, wo Unterdrückung und Fanatismus in Gewalt mündeten. So wie damals, 1945, in Deutschland.

In einer sich neu formierenden globalen Weltordnung rücken die Menschen in den Mittelpunkt. Ihrem Schutz dienen die internationalen Menschenrechte. Menschenleben, Menschenfreiheit legitimieren staatliche Souveränität und staatliche Gewalt. Die humanitäre Verantwortung der Staaten kann es sogar rechtfertigen, ja dringend notwendig machen, gegen den Nachbarn Krieg zu führen. Unabweisbar wird damit eine Unterscheidung, die seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges überwunden schien. Politiker sehen sich gezwungen, wieder zu unterscheiden zwischen gerechten und ungerechten, zwischen guten und bösen Kriegen. Diese Unterscheidung kann nicht in der Hand der Sieger und nicht in der Hand der Verlierer liegen. Es muss eine Instanz geben, die zwischen Gut und Böse unparteiisch entscheiden kann und die Bösen bestraft. So wie damals, in Nürnberg.

Frieden durch Strafrecht war ursprünglich ein nationales Konzept. Staatliche Gewalt garantiert und monopolisiert die unparteiische Aufarbeitung von Hass, Furcht und Vergeltungsbedürfnis in Konflikten unter den Bürgern eines Staates. Damit demonstriert der Staat zugleich die Unhintergehbarkeit der Normen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Seit die nationalen Ordnungen ihre Abgeschlossenheit verloren haben und eine Weltgesellschaft entstanden ist, stellt sich dieselbe Aufgabe im globalen Maßstab zwischen den Völkern. Die Völkergemeinschaft braucht eine Instanz, die eine Verletzung der Grundnormen ihres Zusammenlebens nicht ungeahndet lässt. Das war, 1945, die Idee von Robert H. Jackson, dem Mann, der die »Nürnberger Prinzipien« geprägt hat.

 

Der Frieden und ich

Um zu lernen, wie man Frieden macht, bin ich in die alten, staubigen Keller gestiegen. In deutschen Archiven haben viele Dokumente über das Weltgericht von Nürnberg fast ein halbes Jahrhundert unberührt gelegen. Es war alles verschüttet in den Zeiten des Kalten Krieges: von alter Angst und neuem Hass, von den unermüdlichen Versuchen, die dunkle deutsche Zeit endlich zu begraben. Der Nürnberger Friedensprozess wurde in der Bonner Republik des Grundgesetzes nie anerkannt. Politiker und auch Juristen in Deutschland verunglimpften das Tribunal als ungerecht und als »Siegerjustiz«.

Im Land der Täter gab es darum nur wenige Veröffentlichungen über den Nürnberger »Hauptkriegsverbrecherprozess«, wie ihn die Alliierten genannt hatten. Dass Nürnberg ein epochaler Wendepunkt in der Geschichte des Rechts der Staaten und der Völker war, ging auch an der deutschen Rechtswissenschaft fast spurlos vorbei. Der Versuch einer Neuordnung der Welt durch das Recht sei ein »Glasperlenspiel«, eine »pazifistische Träumerei« gewesen – so lehrten es deutsche Professoren.

Die Deutschen überließen dieses Kapitel ihrer ureigensten Geschichte den USA, die den großen Kriegsverbrecherprozess ganz wesentlich geprägt und die Nürnberger Nachfolgeprozesse weitgehend allein durchgeführt hatten. Ein großer Teil der Prozessdokumente war noch in den Vierzigerjahren nach Amerika verschifft worden und lagerte dort seitdem überwiegend in Regierungs- und Universitätsarchiven. Die wichtigsten Prozessbeteiligten waren ebenfalls Amerikaner, und viele von ihnen haben später Erinnerungsbücher verfasst oder ihre Tagebuchaufzeichnungen veröffentlicht. Das Wenigste davon fand in Deutschland Interesse und verstaubte darum unübersetzt jahrzehntelang in US-Bibliotheken. Erst in den Neunzigerjahren fand das fundamentale Werk in Deutschland größere Beachtung, das Telford Taylor verfasst hat, einer der Hauptankläger in Nürnberg.

Als nach der Wende, während der Völkerschlacht auf dem Balkan die »Nürnberger Prinzipien« plötzlich wieder aktuell wurden und die alten Akten aus den Kellern geholt wurden, war ich dabei. Für den Spiegel berichtete ich über die eiligen Versuche von Politikern und Völkerrechtlern, eine neue Weltordnung förmlich aus dem Boden zu stampfen. Ich hatte das Glück, in den Kreis der Männer und Frauen eingeführt zu werden, die zu den Gründern des Jugoslawien-Tribunals und den Planern eines neuen, ständigen Weltstrafgerichts gehörten. Ich traf in New York den letzten lebenden Ankläger der Prozesse von Nürnberg, den weltweit verehrten Völkerrechtler Benjamin Ferencz, um seine Ansichten über ein neues Recht des Friedens zu hören. Und ich bekam die Erlaubnis, in den Unterlagen von damals zu stöbern. Wie viel es noch zu erzählen gibt über den historischen Wendepunkt von Nürnberg, das wurde mir klar, als mir in der Universität Köln die alte Handakte von Professor Hermann Jahrreiß in die Hände fiel, der in Nürnberg Verteidiger war. Darin fand sich ein Manuskript des Angeklagten General Jodl aus der Haft: Ideen über einen »Dritten Weltkrieg« mit Atomwaffen.

Eine junge Generation von weltweit vernetzten Völkerrechtlern und Historikern sitzt nun auch in Deutschland und arbeitet sich tiefer und tiefer in die alte Geschichte ein. Nach und nach erst können so die Akten der anderen Nürnberger Ankläger und Gerichtsherren erschlossen werden, die während der bleiernen Jahrzehnte des Kalten Krieges unzugänglich waren: Akten aus Frankreich, Großbritannien, Russland. Eine junge Wissenschaftlerin vom Marburger Forschungs- und Dokumentationszentrum Kriegsverbrecherprozesse (ICWC) hat in Moskau bislang unbekannte Details über die Rolle Stalins bei der Vorbereitung des großen Prozesses zutage gefördert und sie mir zur Verfügung gestellt.

Wie bereitet man den Frieden vor? In einer Zeit, in der Frieden zu schließen so schwierig geworden ist, kann jedes Detail wichtig sein. Die Geschichte von Nürnberg ist noch lange nicht zu Ende.

 

 

Was tun: Wie die Idee für ein Tribunal entstand

 

Satan selbst

Und wenn er plötzlich vor Ihnen steht? Nachts, im zertrümmerten Berlin, auf der Flucht vor den Siegern, allein, ohne Waffen? Auf der Suche nach einem Versteck im abgeholzten Tiergarten, nicht weit vom »Führerbunker«? Was würden Sie tun?

Was sollen wir machen, mit Hitler?

»Hätte ein britischer Soldat, der Hitler antrifft, die Pflicht, ihn zu erschießen oder ihn lebend zu fangen?« Auf diese Frage, gestellt von dem britischen Labour-Abgeordneten Ivor Thomas im Londoner Unterhaus, reagierte Anthony Eden, der Außenminister des Königreichs, ganz diplomatisch mit einem Scherz: »Ich bin absolut geneigt, diese Entscheidung völlig dem jeweiligen britischen Soldaten zu überlassen.« Das Protokoll registrierte Gelächter und Beifall.

Ein Trick. Eden war an diesem 28. März 1945 gar nicht zum Scherzen zumute. Der Krieg war gewonnen, die bedingungslose Kapitulation der Deutschen nur noch eine Frage von Wochen – und dann? Was sollen wir machen, mit Hitler, wenn wir ihn haben?

Während die alliierten Truppen auf Berlin vorrückten, jagten sich die Telegramme und geheimen Dossiers. Zu immer neuen Geheimtreffen verabredeten sich die Außenminister der Alliierten. In London wie in Washington und Moskau saßen Militärs, Diplomaten, Völkerrechtler, Strafjuristen längst nicht mehr an der Frage, wie dieser Krieg zu gewinnen sei. Nun ging es um ein Problem, das viel größer, viel komplizierter war – und ganz neu: Wie konnte man Frieden machen nach einem solchen Krieg?

Am 28. März 1945 fand der britische Außenminister in seinen Akten die jüngsten Berichte über die Befreiung der Konzentrationslager in den von Hitlers Wehrmacht besetzten Ländern im Osten Europas. Berichte darüber, was die Soldaten der Alliierten entdeckt hatten: Berge toter Menschen, Beweise für Folter und Entwürdigung, die Maschinerie einer Mordfabrik von bislang unvorstellbarem Ausmaß und unmenschlicher Perfektion. Nein, dieser 28. März 1945 war kein Tag zum Scherzen. Und was hier zu Ende ging, war kein Krieg wie alle Kriege, die man kannte. Das war ein Verbrechen, größer und furchtbarer als alle Verbrechen, an die sich die Politiker in London, Washington und Moskau erinnern konnten. Und der Täter, der all dies zu verantworten hatte, war noch immer auf freiem Fuß, irgendwo in Berlin in der Nähe des Tiergartens, dessen Bäume die Menschen in ihrer Not abgeholzt hatten, um zu heizen.

Was sollen wir machen, mit Hitler?

Am 28. März 1945 hatten sie immer noch keinen Plan, weder in London noch in Washington, noch in Moskau. Alle waren vorbereitet gewesen auf diesen Krieg – doch nicht auf sein Ende. Und Eden, der nun mit den Regierungen der anderen alliierten Mächte die Verhandlungen führte, musste wissen, dass er mit Scherzen nicht mehr lange durchkommen würde. In seinem Büro lag ein Dossier des Geheimdienstes, dessen Autoren davor warnten, die magische Macht des unheimlichen Mannes mit dem lächerlichen Bart zu unterschätzen: »Er kann und muss einfach als bösartig bezeichnet werden. Aber es hat keinen Zweck, sein Genie herabzusetzen oder seine Macht gering zu schätzen. Man kann ihn ebenso wenig mit einem Lachen abtun wie Satan selbst.«

Satan selbst: Welcher Kriegsherr der Weltgeschichte hätte jemals in der Neuzeit von den nüchternen Beamten einer staatlichen Behörde so einen Vergleich auszuhalten gehabt? Die Mischung aus Abscheu und Respekt fand direkten Eingang in die Endzeitdiplomatie der Briten: »Hitlers Schicksal könnte gewaltige Auswirkungen auf die zukünftige Weltgeschichte haben«, warnte damals John Simon, als Lordkanzler der zweitmächtigste Mann nach dem Premierminister. Der Satan aus Berlin, so Lord Simon, werde von der deutschen Jugend noch immer wie ein Gott verehrt.

Umso vorsichtiger musste man sein. Chefdiplomat Eden hatte von Anfang an davor gewarnt, allzu heftige Drohungen gegen die Naziführung auszustoßen: Das könne in der deutschen Bevölkerung nur den Kampfgeist anheizen und den Krieg unnötig in die Länge ziehen. Dem deutschen Spottspruch »Genießt den Krieg, der Frieden wird fürchterlich« dürfe man keine Nahrung geben. Am besten sei es, so die Edenparole, gar nichts zu sagen – was man noch immer mit einem kleinen Scherz hinbekommt.

Doch die Zeiten, da sich die Weltgeschichte von den grünen Tischen des Britischen Empire aus regulieren ließ, waren vorbei. Die Weltstadt London war in den Jahren des Krieges zugleich Zuflucht für Politiker aus den von Hitlers Truppen besetzten Ländern, Sammelpunkt des Widerstands gegen den Weltmachtanspruch der Nazis, Brennpunkt der Erwartungen von Naziopfern aus der ganzen Welt, man möge dem Terrorregime in Berlin, wenn schon nicht militärisch, so doch moralisch Einhalt gebieten. Exilpolitiker aus Polen, der Tschechoslowakei, Belgien, Griechenland, Luxemburg, Holland, Norwegen trafen sich schon seit Jahren in der britischen Hauptstadt mit versprengten französischen Widerstandskämpfern: Man kann doch nicht schweigend mitansehen, wie die Barbarei sich in ganz Europa ausbreitet …

Die Schreckensmeldungen aus den von Hitler besetzten Ländern kamen in diesem Kreis wahrscheinlich noch früher an als bei den Regierungen der Alliierten: dass die Nazis auf der Suche nach »Lebensraum« es nicht mit der Unterwerfung und Besetzung fremder Länder bewenden ließen, sondern überall in der Welt Krieg gegen die Zivilbevölkerung führten; dass sie Juden in den besetzten Gebieten verschleppten, in Gettos einsperrten, möglicherweise sogar ermordeten; dass sie Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter missbrauchten oder zu Zehntausenden, wenn nicht Millionen verhungern ließen. Schon seit 1941 machten in London und Washington solche Horrormeldungen die Runde. Doch die Reaktionen aus den Regierungssitzen der Krieg führenden Länder waren eher beschwichtigend: »Vergeltung« für Gräueltaten drohten in einer schwachen gemeinsamen Erklärung der britische Premier Winston Churchill und sein US-Kollege Franklin D. Roosevelt an. Was auch immer mit »Vergeltung« gemeint sein mochte.

Einen besseren Ort für ihren lauten Aufschrei hätten die Exilanten in London kaum wählen können: Der St. James’s Palace – zwei Türmchen mit Zinnen zieren das Haupttor des imperialen Backsteinbaus – war das eindrucksvollste Podium, das zu jener Zeit Personen außerhalb des engeren Machtzirkels zur Verfügung stand. St. James ist – bis heute – die offizielle Residenz der britischen Monarchen, der Buckingham-Palast sozusagen nur die Nebenwohnung. Hier an der Pall Mall traf man sich stets, wenn ein neuer Botschafter aus einem fremden Land seinen Dienst antrat.

Hier waren sie richtig. Am 13. Januar 1942 luden die Aufrechten aus neun von Deutschland bekriegten und unterworfenen Staaten in den St.-James-Palast ein und verkündeten dort der Welt eine Erklärung, die sorgfältig in der Weltsprache der Diplomatie, Französisch, abgefasst war. Darin klagten sie Deutschland der Errichtung eines Terrorregimes in den besetzten Ländern an, das gekennzeichnet sei von »Einkerkerungen, Massenvertreibungen, Hinrichtungen von Geiseln und Massakern«. Und dann kam etwas, was die Welt nie wieder würde beiseiteschieben können: Fortan solle es eines der Hauptziele des Krieges gegen Deutschland sein, »durch organisierte Gerechtigkeit die Bestrafung derjenigen, die sich dieser Verbrechen schuldig gemacht haben oder die dafür verantwortlich waren«, durchzusetzen. Und: »Die Nazis sollen aufgespürt, der Gerechtigkeit übergeben und gerichtet werden.«

Die St.-James-Deklaration vom 13. Januar 1942 sollte in die Geschichte des Völkerrechts eingehen. Nie zuvor in den kriegsreichen Jahrhunderten der europäischen Neuzeit hatte jemand so laut einen so kühnen Gedanken geäußert: dass die Sieger ihren Angreifern nach dem Sieg statt eines Blutbades einen Prozess bereiten könnten, wie Verbrechern. Frieden durch Gerechtigkeit. »Die Deklaration von St. James war ein wichtiger Ausgangspunkt einer völkerrechtlichen Entwicklung, die über die Nürnberger Prozesse bis zu den Völkerstrafrechts-Tribunalen von heute führt«, sagt der Marburger Historiker und Kriegsverbrechensforscher Eckart Conze.

Doch bis das jemand begriff, sollte sehr viel Zeit vergehen. Es dauerte fast ein halbes Jahrhundert, bis ans Ende des Kalten Krieges, ehe sich der Gedanke durchsetzen konnte, dass die Gräuel eines Krieges keine Kollateralschäden militärischer Zielsetzungen, sondern Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind, für die Militärführer und Politiker ganz persönlich haftbar gemacht werden müssen.

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