Buchtipps Herbst 2017
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Buchtipps aus dem PIPER Verlag

Die besten Bücher Herbst 2017

Mittwoch, 04. Oktober 2017 von Piper Verlag


Buchempfehlungen für den Herbst

Herbstzeit ist Lesezeit: Wenn es wieder früher dunkel wird, nimmt auch die Leselust zu. Unserer Verlagskollegen verraten ihre Lieblingsbücher für lange Leseabende.

Das bewegende Zeugnis einer mutigen Frau

Dieses Buch spricht mit einer Stimme zu uns, die wir noch nie gehört haben und die uns doch vertraut vorkommt. Wie Piedad Bonnett ihren Schmerz in Worte fasst, ist großartig, berührend und zutiefst menschlich. Ich lade Sie ein, ein ganz besonderes Buch zu entdecken, das Ihre Aufmerksamkeit verdient.

Eine Buchempfehlung von Martin Janik, Programmleiter Sachbuch

Blick ins Buch
Wofür es keinen Namen gibtWofür es keinen Namen gibt

Ich bin keine Witwe, ich bin keine Waise, ich bin eine Mutter, die ihren Sohn verloren hat

Piedad Bonnett erzählt in ihrem Buch von der vielleicht schrecklichsten Erfahrung, die Eltern machen können: dem Selbstmord ihres 28-jährigen Sohnes Daniel, der unter Schizophrenie litt. Daniel war zunächst ein ganz normaler junger Mann wie viele andere, er war künstlerisch begabt, und er liebte das Leben, bis seine Krankheit ihn daran zerbrechen ließ. Bonnett begibt sich in ihrem Buch auf die Suche nach ihrem Sohn und stellt Fragen, die er selbst ihr nicht mehr beantworten kann: Wer war Daniel wirklich? Was wusste ich von ihm, und was wusste ich nicht? Hätte ich ihm helfen können in seiner Einsamkeit und wie? Sie schreibt mit der klaren und zärtlichen Sprache des Herzens – mit einer Sprache, die jeden berührt.
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Unwiederbringlich

Wir suchen uns einen freien Platz zum Parken und finden ihn fünfzig Meter entfernt von dem alten fünfstöckigen Gebäude, das, würdevoll, aber reizlos, fast am Ende der 84th Street zwischen der 2nd und der 3rd Avenue aufragt, einer der typischen New Yorker Straßen der Upper East Side, gediegen und beinahe immer ruhig trotz der Läden, die in den Erdgeschossen betrieben werden. Aus dem Kofferraum des Wagens holen wir zwei große Koffer, leicht zu heben, da leer. Vor dem Haus angekommen, bleiben wir, wie vom gleichen Gedanken bewegt, stehen und blicken nach oben, als wollten wir die vier Stockwerke abschätzen, die wir gleich hinaufsteigen müssen. Camila öffnet die Eingangstür, und vor uns liegen der riesige dunkle Hausflur – einer dieser Orte, an denen das leiseste Geräusch widerhallt – und die Treppen aus Granit, die uns letzten August endlos erschienen, als Camila, Renata und ich hier treppauf, treppab liefen, euphorisch, keuchend, mit allen möglichen Sachen beladen. Jetzt hingegen liegt etwas Verkrampftes in unserem Schweigen, in der schwerfälligen und zugleich ungeduldigen Art, wie wir dieselben Stufen hinaufsteigen, sodass die Metallräder der Koffer auf dem Granit scheppern. Pamela öffnet die Tür und begrüßt jeden von uns mit einer festen Umarmung und ihrem reizenden Lächeln, das nicht einmal die Trauer zu vertreiben vermag. Nach einem kurzen Wortwechsel durchqueren wir die Küche und den kleinen Wohnraum und betreten zögernd das Zimmer. Das Erste, was mir ins Auge fällt, ist das riesige offen stehende Fenster und dahinter die Feuerleiter. Mit einem kurzen Blick nehme ich alles auf: das sorgfältig gemachte Bett, den mit Büchern überhäuften Schreibtisch, den von Heften in Beschlag genommenen Nachttisch, das fein säuberlich über den Stuhl gehängte karierte Jackett. Einige Augenblicke lang sagen wir nichts, machen wir nichts, obwohl innerlich von einem Gefühlssturm geschüttelt. Dann öffnet Camila den Schrank, und wir sehen die aufgereihten Schuhe, die Pullover und Hemden sorgsam eingeräumt. Es ist das Zimmer eines gepflegten, disziplinierten, ordnungsliebenden Bewohners. Verstört wechseln wir ein paar knappe Sätze, die effizient sein wollen, und teilen uns die Räume auf, um das zu erledigen, weswegen wir hergekommen sind. Keiner weint: Ließe einer von uns den Tränen freien Lauf, würde er die anderen mit seinem Schmerz mitreißen. Für einen Moment habe ich das Gefühl, wir verletzten mit unserer Gegenwart eine fremde Privatsphäre; und zugleich das erschreckende Empfinden, wir befänden uns auf einer Bühne. Ich frage mich, was hier geschah in den letzten zwanzig Minuten von Daniels Leben. Hat er vielleicht ein letztes Mal Zwiesprache mit sich selbst gehalten, ängstlich, verzweifelt, untröstlich? Oder wurde sein wacher Verstand getrübt von einem Heer dunkler Schatten? Beim Anblick dieses nüchternen Raums kommen mir die Verse von Wisława Szymborska in den Sinn, die ich jahrelang mit meinen Studenten gelesen habe. Jetzt scheint mir, sie wurden exakt für diesen Augenblick geschrieben: Es schien nicht so, als gäbe es aus diesem Zimmer keinen Ausweg, zumindest durch die Tür, als gäbe es nicht auch irgendeine Aussicht, zumindest durch das Fenster. Die Weitsichtbrille lag auf dem Fensterbrett, und eine Fliege summte, das heißt, sie lebte noch. Sicher glaubt ihr, wenigstens der Brief schuf etwas Klarheit. Wenn ich euch aber sagte, da gab es keinen Brief. So viele sind wir, Freunde, und alle passten wir in einen leeren Umschlag, er lehnte an einer Vase.

Ich blättere die Bücher, die Hefte durch, eines nach dem anderen. Im Grunde meines Herzens bitte ich inständig, es möge ein Tagebuch, eine persönliche Notiz auftauchen. Aber es gibt nur Textbesprechungen und Unterrichtsaufzeichnungen, akkurat, in winziger, gedrängter Schrift geschrieben. In seinem Rucksack finde ich die Karte, die ich ihm vor zwei Tagen geschickt habe, beigefügt ein Geldschein, damit Du Dir eine kleine Freude machst. In Liebe, Deine Ma. Camila zieht die Schubfächer der Kommode auf und räumt Hemden und Socken heraus. In einem Paar Strümpfe findet sie eine kleine Rolle Dollarscheine, dort verstaut, um sie vor einem möglichen Eindringling zu verbergen. Da lenkt Rafael, mein Mann, unsere Aufmerksamkeit auf das, was er soeben entdeckt hat: akkurat aufgereiht auf dem Schreibtisch liegen die Uhr, das Portemonnaie, der iPod und das Handy. Unsere Augen füllen sich mit Tränen. Als wir hinausgehen, jetzt mit vollgepackten Koffern, öffnet sich die Tür der Nachbarwohnung, und zwei runzlige alte Damen, die offensichtlich nur auf ein Geräusch von uns gewartet haben, um herauszukommen, überreichen uns einen kleinen Blumenstrauß mit einem Kärtchen und umarmen uns zutiefst ergriffen. In dem Moment erscheint auf dem Treppenabsatz ein Pärchen mit einem Kind; sie bleiben stehen, voller Scheu. Ob wir Verwandte des Studenten seien, der sich gestern umgebracht habe. Auch ihnen tut es unendlich leid. Die Frau, eine junge, freundlich wirkende Blondine, sagt uns, sie sei zu dem Zeitpunkt, als sich der tragische Vorfall ereignete, da gewesen und habe Daniel Anlauf nehmen hören. Meine Tochter Camila wundert sich und tritt vor: Sie haben ihn Anlauf nehmen hören? Wo waren Sie denn? In ihrem Stockwerk, ganz oben. Von dort hörte sie trampelnde Schritte auf dem Dach. Nun wird schließlich alles klar: das offene Fenster, die Feuerleiter, die nicht nur nach unten auf die Straße führt, sondern auch nach oben bis aufs Dach des Gebäudes.

Daniel starb in New York, am Samstag, dem 14. Mai 2011, mittags um zehn nach eins. Er hatte gerade sein achtundzwanzigstes Lebensjahr vollendet und absolvierte seit zehn Monaten ein Masterstudium an der Columbia University. Renata, meine ältere Tochter, überbrachte mir die Nachricht zwei Stunden später per Telefon mit fünf Worten, von denen das erste, mit zitternder Stimme vorgebracht, wohl wissend, welches Entsetzen sie am anderen Ende auslösen würde, natürlich lautete: Mama. Die vier restlichen verkündeten ohne Umschweife oder fromme Lügen die Tatsache, die schlichte und einfache Wahrheit, dass ein unendlich geliebter Mensch für immer gegangen ist und nie mehr zurückkehren, uns nie mehr ansehen oder anlächeln wird. In einem solch unvorhergesehenen tragischen Fall verweist die Sprache uns auf eine Realität, die der Verstand noch nicht zu begreifen vermag. Ehe ich meine Tochter detailliert befrage, genauer nachforsche, verneinen meine Worte das Gehörte ein ums andere Mal in einem kleinen, sinnlosen Wutanfall. Doch die Wucht der Fakten ist nicht zu leugnen: »Daniel hat sich umgebracht« meint das, und nichts anderes, benennt ein Geschehen, das zeitlich wie räumlich unumkehrbar, an dem nicht mehr zu rütteln ist, weder mit einer Metapher noch mit einer veränderten Darstellung. Daniel hat sich umgebracht, wiederhole ich immer und immer wieder im Kopf, und obwohl ich weiß, dass meine Zunge niemals Zeugnis über das ablegen kann, was die Sprache übersteigt, ringe ich auch heute wieder hartnäckig mit den Worten, um einzutauchen bis auf den Grund seines Todes, das gestaute Wasser aufzuwühlen, nicht auf der Suche nach der Wahrheit, die es nicht gibt, sondern damit die Gesichter, die er zu Lebzeiten hatte, in den schillernden Reflexionen der dunklen Oberfläche aufscheinen.

Dein Sohn ist gestorben, nun musst du einen Koffer packen, um dorthin zu reisen, wo sein Leichnam dich erwartet. Und du tust es. Jemand hilft dir, sagt eine schwarze Hose, sagt die Schuhe verstaut man besser in einem Beutel. Drei Stunden ist es her, drei Stunden einer Zeit, die bereits angefangen hat zu rasen, immer schneller, bis sie sich auflösen wird, und du bist nicht in Ohnmacht gefallen, bist nicht auf die Knie gesunken, wankst nicht am Rande des Strauchelns, des Wahnsinns. Nein. Du befindest dich, wie es in den Handbüchern zur Trauer heißt, in einem Zustand des Schocks, der Benommenheit. Dein Schmerz der ersten Minuten nach Erhalt der Nachricht ist in kaltes Entsetzen, in Fassungslosigkeit, in Sich-Dreinfügen umgeschlagen, ähnlich wie wenn wir in den Operationssaal geschoben werden oder wenn wir feststellen, dass wir das Flugzeug verpasst haben, mit dem wir in eine ferne Stadt fliegen wollten. Du versuchst an Strümpfe zu denken, an Pyjamas, an Medikamente und wiederholst in deinem Kopf, in dich hinein, die Worte, die du soeben gehört hast, mit dem Wunsch, eine körperliche Reaktion möge dich aus der Starre lösen, ein Weinkrampf, ein Fieberschub, ein Schütteln, etwas, das diese Gefasstheit zerstört, die so sehr der Lüge, dem Tod selbst gleichkommt. Ich habe dir einen Schal eingepackt, sagt die Stimme. Perfekt, danke.

Das Alltägliche pflegt grausam zu sein. Am Flughafen, kurz vor Mitternacht, empfängt uns der Angestellte der Fluggesellschaft mit einem Ausdruck des Missfallens. Warum wir erst so spät zum Schalter kämen? Wir erklären ihm, unser Sohn sei vor wenigen Stunden gestorben, wir nähmen den erstmöglichen Flug, für den wir unter äußersten Schwierigkeiten noch Sitzplätze hätten bekommen können. Ohne uns eines Blickes zu würdigen, inspiziert der Mann die Pässe mit der misstrauischen Miene so vieler in unserem Land, in deren Augen wir, ihre Landsleute, immer schuldig sind. Ich schaue mir seine breiten Hände an mit den schlecht geschnittenen Nägeln, am kleinen Finger ein protziger, mit Steinen besetzter Goldring, den zusammengekniffenen Mund, die gerunzelte Stirn, die keinerlei Reaktion erkennen lässt, nachdem er unsere Erklärung vernommen hat. »Gehen Sie«, brummt er. Das ist alles, was er sagt.

Du musst schlafen, sage ich mir, denn was uns erwartet, ist hart, niederschmetternd. Doch das ist leichter gesagt, als getan. Zum einen, weil die Gedanken keine Ruhe geben, sie surren in meinem Kopf wie ein gefangener Käfer in einer Tüte. Zum anderen, weil ich mich gerade erst von einer Operation erhole, die vor nicht einmal einer Woche erfolgt ist, und ich immer noch Schmerzen habe. Irgendwann habe ich einmal geschrieben, in der Luft »dehnt sich die Zeit wie zwischen zwei Gedankenstrichen«, und heute sehe ich das bestätigt in diesen sechs langen, von Visionen durchzogenen Flugstunden. Es ist ein erdrückendes Gefühl der Verwunderung, der Ungläubigkeit: Kann ich diese Person sein, die sich auf der Reise befindet, um ihren Sohn zu beerdigen? Ja, Piedad. Das ist eine Tatsache. Es hat sich ereignet. Noch nie haben mir so deutliche Worte derart unwirklich geklungen. Mit den wenigen Informationen, über die ich verfüge, rekonstruiere ich im Geiste die Gegebenheiten, ebenjene, die jeden Tod einzigartig machen, in diesem Fall noch einzigartiger, da Daniel nicht friedlich in seinem Bett gestorben ist, betäubt von Beruhigungsmitteln, ein Tod, wie wir ihn uns alle erträumen, sondern vom Dach eines fünfstöckigen Gebäudes gesprungen ist, um unten auf dem Asphalt zerschmettert zu werden. Ich versuche mir vorzustellen, welcher Kampf in ihm getobt haben muss zwischen dem Wunsch, Schluss zu machen, und seiner Angst, und frage mich, ob es ein Selbstmord aus einem spontanen Impuls heraus war oder im Gegenteil eine wohlüberlegte Tat, das, was die Experten »Bilanzsuizid« nennen. War er schon vorher einmal aufs Dach gestiegen, um den Weg zu bereiten? Woran dachte er, als er sprang? Was fühlt man im Fallen? Verliert man das Bewusstsein? Sind wir, die wir ihn lieben, ihm in den letzten Stunden durch den Kopf gegangen? Die Fragen tauchen auf und ersterben augenblicklich wieder, besiegt, geschlagen. »Die Wahrheit ist ein Dschungel«, schreibt Javier Marías.

Dort oben, mitten in der nächtlichen Dunkelheit, stürmen unerbittlich die Bilder auf mich ein. Bilder vom Leben, Bilder vom Tod. Ich durchlebe noch einmal Daniels Geburt im Wasser, das gedämpfte Licht im Kreißsaal, die Musik, der winzige Körper, noch mit der Nabelschnur verbunden, mir behutsam auf die Brust gelegt, damit ich sein noch beschmiertes Köpfchen streicheln und küssen kann: das atmosphärische Stimmungsbild einer neuen Ära, ein wenig sentimental, ein wenig kitschig, absichtlich so arrangiert, damit seine Ankunft auf dieser Welt für ihn ein sanfter Übergang wird. Ich denke an die ganze Zärtlichkeit, die ganze Fürsorge, all das zunichtegemacht durch die aus den Fugen geratenen Schatten der Angst und des Todes.

Als wir uns in seinem Zimmer befinden und die anderen sich darum kümmern, seine Kleidung und sonstigen Habseligkeiten durchzusehen, stapele ich seine Bücher in einen der Koffer. Plötzlich, als bärge der Zufall die Lösung, fällt mein Blick auf den Umschlag eines Buches mit Werken von Jenny Saville, einer von Daniels Lieblingskünstlerinnen, auf dem »Reverse« abgebildet ist, ein Gemälde, das ein junges, aufgedunsenes Gesicht zeigt, seitlich auf einer glänzenden Unterlage liegend, die es teilweise widerspiegelt. Die Pinselstriche suggerieren, dass da Blut im Gesicht ist und im Mund, der sich in einer grotesken Geste halb öffnet. Die Augen wirken erschreckend leer.

Ich finde die Sammelmappe mit Zeichnungen und Gemälden, die Daniel während seines Studiums gewissenhaft angefertigt hat, und blättere sie nun ganz anders durch, auf der Suche nach Erhellendem. Ich sehe eine Frauenskizze, eine Puppe, schrecklich und obszön, mehrere Selbstporträts von 2001, verstörend, traurig; ich sehe die Palette von Ölgemälden mit abstrakten Motiven, Stiche, Kohlezeichnungen, Acrylbilder … Mich beeindrucken seine Beherrschung, seine kommunikative Kraft, die scharfe Grenze zwischen der thematischen Emotionalität und der technischen Strenge. Mit achtzehn Jahren begann Daniel Kunst zu studieren. Schon seit Langem galt seine Leidenschaft dem Zeichnen und Malen, weshalb er bereits vor dem Abitur bei einem Lehrer Unterricht nahm und sich zwei Sommer lang zum Studium an der Art Students League von New York einschrieb. Einige Male erzählte er uns, wenn er von einem dieser Kurse heimkam, halb spöttisch, halb stolz, dass viele seiner Kommilitonen, alle älter als er, des Öfteren um ihn herumstanden, während er malte, und sein Geschick bewunderten. Obwohl er selbst nie so recht an sein Talent glauben wollte, wirkte er, als er sich an der Fakultät für bildende Kunst einschrieb, ziemlich enthusiastisch. Am ersten Unterrichtstag kehrte er mit einem ironischen Lächeln auf den Lippen heim: Einer seiner Lehrer, vielleicht der für Kunstgeschichte, hatte ihnen auf theatralische Weise den verheerenden Satz gesagt, den er in den vier Jahren seines Universitätsstudiums unentwegt zu hören bekommen sollte: »Jungs, vergesst die Malerei. Die Malerei ist tot.«

»Das Leben ist rein physisch.« Dieser Vers von Watanabe hat mir immer gefallen. Ebenso wie folgende Zeilen von Blanca Varela: »[…] es ist die Lust der Seele / welche der Körper ist.« Was mir wenige Stunden nach Daniels Tod bis zur Verzweiflung fehlt, sind Daniels Hände, seine Wangen, über die mein Handrücken strich, wenn ich ihn traurig sah, seine Stirn, die ich so oft küsste, als er ein Kind war, seine vom vielen Sonnen braun gebrannten Schultern. Seine Einzigartigkeit. Seine Art zu lachen, zu gehen, sich zu kleiden. Sein Geruch. Ein absurder Gedanke verfolgt mich: Das Universum wird nie mehr noch so einen Daniel hervorbringen. Es wird immer jemand kommen, der mir sagt, uns bleibe die Erinnerung, unser Sohn lebe auf eine andere Art und Weise in uns fort, uns blieben die glücklichen Erinnerungen als Trost und dass er ein Werk hinterlassen habe … Doch das wahre Leben ist rein physisch, und was der Tod uns nimmt, ist ein Körper, ein unwiederbringliches Gesicht: die Seele, welche der Körper ist.

Wenige Stunden nach Daniels Tod riefen meine Kinder mich an, um nachzufragen, ob ich einer Organspende zustimmen würde. Einen Moment lang war ich erschüttert beim Gedanken an seinen sportlichen Körper, die Schönheit, die, ob real oder nicht, mich insgeheim voller Stolz und Verzückung auf meinen Sohn hatte blicken lassen, und ich hauchte ein verzweifeltes Nein. Doch sie machten mir klar, dass es eine kleinliche Geste wäre, dass sein Herz, seine Lunge für jemanden, der den Wunsch hat zu überleben, die einzige Rettung sein könnte. Da stimmte ich zu und machte mich auf der Bettkante sitzend bereit, die Person anzuhören, die dafür zuständig war, mein Einverständnis entgegenzunehmen. Am anderen Ende der Leitung sprach eine Frau, ihr Ton war sanft und fest zugleich. Es passiert ja immer, dass eine Stimme ein imaginäres Gesicht hervorruft, und ich stellte mir ein dunkelhäutiges vor, das Gesicht einer üppigen Frau mit großen, mitfühlenden Augen. Ich hörte mir geduldig ihre Beileidsbekundungen an, die vom Gesetz vorgeschriebenen Formalitäten, ihren Dank im Voraus und dann eine ungeahnte Liste von Organen, die weit über sein Herz, seine Nieren, seine Augen hinausging. »Die Rückenhaut.« »Ja.« »Die Beinknochen.« »Ja.« Und Daniel, mein geliebter Sohn, der Junge mit den vollen Lippen und der sonnengebräunten Haut, löste sich zusehends auf, mit jedem meiner Worte mehr. Das Leben ist rein physisch.

Man sagt uns, wir müssten noch mindestens drei Tage warten, bis sein Leichnam zur Bestattung freigegeben würde, also füllen wir die leeren Stunden auf unterschiedlichste Weisen, während mich ein niederschmetternder Gedanke nicht mehr loslässt: Jetzt, in den Händen der Pathologen, ist sein Körper nicht mehr sein Körper, sondern ein kalter Gegenstand, den man von oben bis unten seziert hat. Und ich denke voller Dankbarkeit an Adam, Renatas Mann, das letzte Familienmitglied, das Daniel vor seinem Tod noch sah, und der die Güte hatte, meinen Töchtern den Schock der Identifizierung zu ersparen. Um den Preis, dass er jetzt auf ewig mit dem Anblick des vom Tod entstellten Gesichts belastet ist. Von der Küche in Renatas Wohnung aus, wo wir jeden Morgen sitzen und unseren Kaffee trinken, sehen wir schnell und lautlos wie in einem Stummfilm die Autos auf der Autobahn vorbeifahren. Ein milchiger Dunst, der bis knapp über den Boden herabgesunken ist, breitet sich wie ein Schleier aus und verzerrt die Fernsicht auf die Brücke, die Bäume. Es regnet, regnet, regnet. Die Zeit scheint jetzt endgültig stillzustehen. Da man mir einen Tag vor Daniels Tod einen Literaturpreis verliehen hat, erreichen mich ununterbrochen telefonische Mitteilungen, die ich eine nach der anderen beantworte, meistens nur mit knappen Dankesworten, und fast immer verkünde ich die schreckliche Nachricht. Wieder erhalte ich Post, diesmal Kondolenzschreiben. Darin versucht die Ratlosigkeit über den Tod sich in Worte zu fassen, doch nahezu alle beklagen, wie sehr Worte sich als untauglich erweisen und überhaupt unzulänglich sind. Uns spenden diese fernen Grüße und die immer mit ihnen verbundenen Umarmungen trotz allem Trost. Das wohlwollende Zureden der Freunde beschert uns ein gewisses Maß an Benommenheit, gerade genug, um nicht in Verzweiflung zu versinken. Stundenlang sitzen wir, jeder in einer anderen Ecke der Wohnung, geistesabwesend am Computer oder am Telefon und wirken zeitweilig geradeso, als führten wir ein absurdes Theaterstück auf. Auf Daniels Pinnwand bei Facebook haben meine Töchter die lakonische Nachricht hinterlassen, dass er freiwillig aus dem Leben geschieden sei. Es gibt massenhaft Reaktionen, lärmend, schmerzlich, sentimental und vollkommen anders als die persönlichen Briefe. Vergeblich sage ich mir, dass wir uns dem Massenwahn des Netzes nicht mehr entziehen können, dass auch Ehrlichkeit in der Betrübnis steckt, die aus all diesen Botschaften tropft; und doch spüre ich in diesen emotionalen Ergüssen fast so etwas wie Schamlosigkeit. Einem alten nordamerikanischen Brauch folgend, bringen Renatas Freunde selbst zubereitete Speisen vorbei. Sie kommen ganz diskret nur bis zur Haustür und ziehen sich gleich wieder zurück, um die Privatsphäre der Familie nicht zu stören. Der Kühlschrank füllt sich nach und nach mit Gerichten: Es gibt Tacos, indisches Essen, Nudeln. Mit dieser Gabe für unseren Lebenserhalt tragen die Freunde dafür Sorge, dass die häuslichen Verrichtungen unsere von der Trauer schon genug gebeutelten Körper nicht noch restlos schwächen. Und plötzlich passiert es, dass wir ein Schokoladeneis kosten, eine Soße loben, ein weiches Brot, einen Fisch. Wir sind am Leben.

Ellen Marie Wiseman entführt uns in die faszinierende Zirkuswelt

Nur noch selten kommen mir beim Lesen die Tränen, doch das Schicksal der kleinen Lilly hat mich zutiefst berührt und tagelang nicht mehr losgelassen. Ich habe ihre Einsamkeit gespürt, die sie empfindet, weil sie so einzigartig ist, aber auch ihre Glückseligkeit, wenn sie mit den Elefanten JoJo und Pepper in der Manege tanzt, und ihren Mut, als sie ihr Herz der Liebe öffnet. Und dachte: Wie gern würde ich dieser ungewöhnlichen jungen Frau einmal begegnen.

Eine Empfehlung von Kerstin von Dobschütz, Programmleitung Unterhaltung

Blick ins Buch
Die bittere GabeDie bittere Gabe

Roman

Noch nie im Leben durfte die zehnjährige Lilly ihre Kammer auf Blackwood Manor verlassen. Die Menschen würden bei ihrem Anblick zu Tode erschrecken, so ihre Mutter. Umso erstaunter ist das Mädchen, als sie eines Tages mit in den Zirkus darf. Doch statt eine Vorstellung zu bestaunen, wird Lilly an die Freakshow verkauft und fortan als »Eisprinzessin« ausgestellt. Ihr Schicksal bessert sich erst, als sie entdeckt, wie gut sie mit den Elefanten umgehen kann. Aber erst zwanzig Jahre später wird ihr hartes Los gesühnt ...
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 1    Lilly

Juli 1931

Blackwood-Manor-Gestüt

Dobbin’s Corner, New York

 

Der neunjährigen Lilly Blackwood kam es so vor, als würde sie zum hunderttausendsten Mal am Fenster der Dachkammer stehen, und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass sich das Fenster öffnen möge und sie die Luft von draußen riechen könnte. Am folgenden Tag war ihr Geburtstag, und sie hätte sich kein schöneres Geschenk vorstellen können. Gewiss würde Daddy ihr nach seiner Rückkehr aus Pennsylvania wieder ein neues Kleid sowie ein weiteres Buch schenken. Aber kurz vorher hatte es geregnet, und sie wollte doch so gern wissen, ob sich die Luft draußen anders anfühlte als die Luft drinnen. Lilly fragte sich, ob sich durch die Regentropfen wohl alles weich und kühl anfühlte, wie dann, wenn sie mit einem Schwamm gewaschen wurde. Oder war die Luft draußen so warm und stickig wie in ihrem Zimmer? Sie hatte Momma hundertmal angefleht, das Fenster gegen eines auszutauschen, das sich öffnen ließ, und dann auch das verschnörkelte Metallgitter vor dem Fenster abzunehmen, doch wie immer hatte Momma ihr überhaupt nicht zugehört. Wenn Momma wüsste, dass Daddy sie in einer anderen Kammer auf dem Dachboden spielen ließ, wenn sie in der Kirche war, würde Daddy ordentlich Ärger bekommen. Sogar noch mehr Ärger als dafür, dass er ihr Lesen und Schreiben beigebracht und ihr zum dritten Geburtstag eine Katze geschenkt hatte. Lilly seufzte, nahm das Fernrohr, das auf der Fensterbank lag, und hielt es sich vors Auge. Wenigstens war jetzt Sommer, sodass sie kein Eis von der Scheibe kratzen musste.

Daddy bezeichnete diese Tageszeit immer als Zwielicht, und tatsächlich sah es draußen so aus, als sei alles in nur zwei Farben getaucht – Grün und Blau. Die Kiefernreihe hinter dem Stall, noch hinter den Weiden, auf denen die Pferde grasten, sah wie der Filz aus, den Lilly für ihre Puppendecken benutzte. Über allem lagen Schatten, die von Minute zu Minute wuchsen.

Lillys Blick schweifte über den Waldrand, als sie nach dem Reh suchte, das sie dort gestern gesehen hatte. Dahinten stand der verwachsene Weidenbaum. Und da drüben befand sich der Felsbrocken neben dem Busch, der sich im Winter rot färbte. Dort der eingebrochene Baumstamm neben der Steinmauer. Und da hinten der – sie hielt inne und kehrte mit dem Fernrohr zur Steinmauer zurück. Hinter dem Wald, nahe den Eisenbahnschienen, die mitten über die dahinter liegende Weide führten, sah es irgendwie anders aus. Lilly ließ das Fernrohr sinken, blinzelte, sah noch einmal hindurch und keuchte. Mit einem Pfeifen füllte sich ihre Lunge, wie es immer passierte, wenn sie sich aufregte oder erschrak.

Ketten mit blauen, roten, gelben und grünen Lichtern – wie die, die Daddy an Weihnachten über ihrem Bett anbrachte – hingen über einem gewaltigen Haus, das aussah, als sei es aus einem Material gemacht, das Stoff ähnelte. Weitere Lichter leuchteten rund um andere Häuser herum auf, die wie dicke, kleine Geister wirkten. Zwar konnte Lilly die Aufschrift nicht erkennen, doch es gab auch Schilder, deren Buchstaben von bunten Glühbirnen beleuchtet wurden. An hohen Masten flatterten Fahnen, und eine Kette mit gelben Lichtern schwebte über den Eisenbahnschienen. Es sah aus, als hätte ein Zug angehalten. Ein wirklich sehr langer Zug.

Lilly setzte das Fernrohr ab und wartete darauf, dass ihre Lunge aufhörte zu pfeifen, bevor sie zu ihrem Regal hinüberging, um ihr Lieblingsbilderbuch herauszuziehen. Sie blätterte die Seiten durch, bis sie fand, wonach sie gesucht hatte – die bunte Zeichnung eines gestreiften Zeltes, das von Wagen, Pferden, Elefanten und Clowns umgeben war. Schnell huschte sie zum Fenster zurück, um die Form des Zeltes in ihrem Buch mit dem leuchtenden Haus auf der anderen Seite der Bäume zu vergleichen.

Sie hatte recht.

Es war ein Zirkus.

Und sie konnte ihn sehen.

Normalerweise sah sie von ihrem Fenster aus nur Pferde und Felder sowie Daddy und seine Helfer, die an den weißen Zäunen oder dem gelben Pferdestall arbeiteten. Manchmal lief auch Momma über die Wiese zum Stall hinüber, wobei das blonde Haar wie ein Schleier hinter ihr herwehte. Gelegentlich bogen auch Lastwagen in die Einfahrt zum Stall ein. Daddys Gehilfen führten dann Pferde in die Anhänger hinein oder aus ihnen heraus oder entluden Säcke und Heuballen. Einmal waren zwei Männer in abgewetzter Kleidung – Daddy nannte sie Herumtreiber – die Einfahrt heraufgekommen, woraufhin Daddys Gehilfen mit Schrotflinten in der Hand aus dem Stall gerannt kamen. Wenn Lilly Glück hatte, zeigten sich Rehe am Waldrand, huschten Waschbären am Zaun entlang zum Schuppen, in dem die Futtermittel gelagert wurden, oder eine Eisenbahn surrte auf den Schienen entlang. Wenn sie dann das Ohr an die Fensterscheibe presste, konnte sie das Tuckern der Lokomotive oder einen grellen Pfiff durch das Glas hindurch hören.

Doch nun befand sich draußen vor ihrem Fenster ein Zirkus. Ein echter Zirkus! Zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie etwas, das sich nicht in einem ihrer Bilderbücher befand. Es machte sie glücklich, gleichzeitig war sie jedoch auch ein wenig verärgert über sich selbst. Wenn sie nicht den ganzen Nachmittag lang gelesen hätte, wäre ihr vielleicht nicht entgangen, wie der Zug angehalten hatte und dann entladen worden war. Sie hätte gesehen, wie die Zelte aufgebaut worden waren, und einen Blick auf Elefanten, Zebras und Clowns erhascht. Jetzt war es leider zu dunkel, um noch irgendetwas außer den Lichtern zu erkennen.

Sie legte das Buch beiseite und zählte die Bretter rund um ihr Fenster. Manchmal ging es ihr besser, wenn sie zählte. Eins, zwei, drei, vier, fünf. Es half jedoch nichts. Sie konnte an nichts anderes denken als daran, was sie verpasst hatte. Sie presste das Ohr an die Fensterscheibe. Vielleicht konnte sie die Stimme des Anführers oder die Zirkusmusik hören. Doch das Einzige, was sie vernahm, waren die Luft, die in ihrer Brust pfiff, sowie ihr rasender Herzschlag.

Auf der Fensterbank erwachte Abby, ihre Katze, und blinzelte. Lilly schlang einen Arm um die orangefarben getigerte Katze, zog sie an sich und vergrub ihre Nase im weichen Fell des Tieres. Abby war ihre beste Freundin und die klügste, geschickteste Katze der Welt. Sie konnte auf ihren Hinterbeinen stehen, um Küsschen zu geben, und zur Begrüßung das Pfötchen heben. Sie konnte sogar auf Lillys Bett springen und auf Befehl wieder hinunterhüpfen.

»Ich wette, Momma geht in den Zirkus«, flüsterte Lilly. »Sie muss sich keine Gedanken machen, dass die Leute Angst vor ihr haben.«

Die Katze schnurrte.

Wie es wohl wäre, einen echten Elefanten vor sich zu haben?, fragte sich Lilly. Wie würde es sich anfühlen, seine faltige Haut zu berühren und in seine großen, braunen Augen zu schauen? Und wie wäre es, auf einem rosa-weißen Pferdchen in einem Karussell zu reiten? Oder inmitten von anderen Menschen umherzuschlendern und dabei Erdnüsse und Zuckerwatte zu essen? Oder einem echten, lebendigen Löwen bei seinem Auftritt zuzuschauen?

Seit Lilly denken konnte, hatte es immer wieder Zeiten gegeben, wenn das Licht aus war und sie sich in ihr Bett gekuschelt hatte, in denen ihr unaufhörlich die Vorstellung im Kopf herumgegangen war, wie es wohl wäre, ihre Kammer zu verlassen und die Treppe hinabzusteigen. Sie hatte genügend Bücher gelesen, um zu wissen, dass Häuser mehr als ein Stockwerk besaßen, und sie stellte sich vor, wie sie heimlich über den Dachboden schlich, ein Treppenhaus fand und dann die unteren Etagen von Blackwood Manor durchstreifte, um schließlich durch die Haustür hinauszugehen. Sie stellte sich vor, mit den Füßen auf der nackten Erde zu stehen, tief einzuatmen und zum ersten Mal in ihrem Leben etwas außer altem Holz, Spinnweben und warmem Staub zu riechen.

Eines ihrer Lieblingsspiele bei Daddys wöchentlichem Besuch war es, die verschiedenen Gerüche an seiner Kleidung zu erraten. Manchmal roch er nach Pferden und Heu, manchmal auch nach Schuhcreme oder Rauch, frisch gebackenem Brot oder – wie hatte er dieses Zeug genannt, das eine Mischung aus Zitronen und Zedern sein sollte? Kölnischwasser? Was auch immer es war, es roch jedenfalls gut.

Daddy hatte ihr von der Welt da draußen erzählt, außerdem hatte sie in Büchern darüber gelesen, doch sie hatte keine Ahnung, wie sich Gras zwischen den Zehen oder Baumrinde in der Hand anfühlte. Sie wusste, wie Blumen dufteten, da Daddy ihr jeden Frühling ein Blumensträußchen mitbrachte. Doch sie wollte durch eine Wiese voller Löwenzahn und Gänseblümchen laufen, Erde und Tau an ihren bloßen Füßen spüren. Sie wollte Vögel singen hören und das Geräusch des Windes im Ohr haben. Sie wollte einen Lufthauch und die Sonne auf ihrer Haut fühlen. Sie hatte so viel über Pflanzen und Tiere gelesen und könnte sie alle benennen, hätte sie nur die Möglichkeit dazu. Doch außer Abby und den Mäusen, die im Winter an der Sockelleiste entlangliefen, hatte sie noch nie ein Tier aus der Nähe gesehen. Ihr zweites Lieblingsspiel war es, sich Orte in ihrem Weltatlas auszusuchen und dann alles darüber zu lesen, was sie fand, um beim Einschlafen eine Reise dorthin zu planen und zu überlegen, was sie alles tun und sich anschauen würde, wenn sie einmal dorthin käme. Ihr Lieblingsland war Afrika; sie stellte sich vor, dort die Löwen, Elefanten und Giraffen zu beobachten. Und manchmal malte sie sich aus, wie sie das Dachfenster aufbrach, hinauskrabbelte, an der Seite des Hauses hinunterkletterte und dann zum Stall hinüberhuschte, um sich die Pferde anzuschauen. Denn nach allem, was sie in den Büchern über Pferde gelesen hatte, waren das ihre Lieblingstiere. Natürlich von Katzen einmal abgesehen. Pferde waren nicht nur stark und wunderschön, sie zogen auch Wagen, Schlitten und Pflüge. Sie ließen Menschen auf ihrem Rücken reiten und konnten den Weg zurück nach Hause finden, wenn die Menschen sich einmal verlaufen hatten. Daddy behauptete immer, dass die Pferde von Blackwood Manor zu weit vom Dachbodenfenster entfernt seien, als dass sie bestimmen könnte, wie welches Pferd hieß, daher dachte sich Lilly eigene Namen für sie aus – Gypsy, Eagle, Cinnamon, Magic, Chester, Samantha, Molly und Candy. Wie gern hätte sie sich ihnen einmal genähert, ihre Mähnen gestreichelt und wäre auf ihrem Rücken über die Felder geritten! Wenn da nur nicht diese dummen Metallgitterstäbe vor dem Fenster wären, von denen Momma behauptete, sie seien dort nur zu ihrem Besten. Dann erinnerte sie sich an Mommas Warnung, und so schnell, wie die Träume aufgetaucht waren, verwandelten sie sich in Albträume.

»Die Gitterstäbe sind da, um dich zu schützen«, sagte Momma. »Wenn jemand hereinkäme und dich sähe, hätte er nur Angst vor dir und würde versuchen, dir wehzutun.«

Als Lilly fragte, warum irgendjemand Angst vor ihr haben sollte, antwortete Momma, weil sie ein Monster sei, eine Abscheulichkeit. Lilly wusste nicht, was eine Abscheulichkeit war, aber es klang schlimm. Sie ließ die Schultern hängen und seufzte in die Stille des Raums hinein. Für sie würde es keinen Zirkus geben. Weder jetzt noch sonst irgendwann. Auch würde sie niemals den Dachboden verlassen dürfen. Die einzige Chance, die Welt zu sehen, boten ihr die Bücher. Daddy sagte, die Welt da draußen sei nicht so wunderbar, wie sie denken würde, und sie solle froh sein, ein warmes Bett und genug zu essen zu haben. Viele Leute hätten weder ein Dach über dem Kopf noch eine Arbeit und müssten für ein wenig Brot und eine Suppe Schlange stehen. Dann erzählte er ihr eine Geschichte, die von Banken und Geld und irgendeinem Zusammenbruch handelte, doch Lilly verstand nicht, wovon er da redete. Und besser ging es ihr dadurch auch nicht.

Lilly nahm Abby auf den Arm und setzte sich mit ihr auf das Eisenbett, das sich in einem mit Tapete verzierten Alkoven unter einer gerundeten Decke befand. Ihre Nachttischlampe warf lange Schatten auf den Dielenboden, was bedeutete, dass es bald dunkel sein würde und es höchste Zeit wurde, das Licht auszumachen. Sie wollte das nicht wieder vergessen und dann von Momma eine weitere Lektion erteilt bekommen. Momma hatte sie hundertmal davor gewarnt: Wenn jemand das Licht sah und man sie hier oben fand, würde man ihnen Lilly wegnehmen, sodass Lilly Momma, Daddy und Abby niemals wiedersehen würde. Doch in der vergangenen Woche hatte sie eines Abends ein neues Buch angefangen und darüber völlig vergessen, das Licht zu löschen.

Lilly setzte die Katze aufs Bett und betrachtete die Narben auf ihren Fingern. Daddy hatte recht, durch die Tinktur ging es ihr schon besser. Aber oh weh, wie die Flamme von Mommas Laterne sie verbrannt hatte!

»Wer mit der Rute spart, verzieht das Kind«, hatte Momma erklärt.

Lilly hatte eigentlich fragen wollen, ob irgendetwas in der Bibel darüber stand, auf die Lampe zu verzichten, aber sie traute sich nicht. Von ihr wurde erwartet, dass sie wusste, was in der Bibel stand.

»Ich frage mich, was Momma wohl tun würde, wenn sie wüsste, dass ich statt der langweiligen alten Bibel Daddys Bücher lese?«, fragte sie Abby. Die Katze rieb den Kopf an Lillys Arm, rollte sich zusammen und schlief abermals ein.

Schnell nahm Lilly die Bibel vom Nachttisch – sie traute sich nicht, sie irgendwo anders hinzulegen –, schob das Lesezeichen ein paar Seiten weiter und legte die Bibel wieder zurück. Momma würde prüfen, wie viel sie diese Woche gelesen hatte. Und wenn das Lesezeichen dann noch an derselben Stelle wäre, würde sie Ärger bekommen. Denn laut Momma waren die Heilige Schrift und das Kruzifix, das über ihrem Bett an der Wand hing, das Einzige, was Lilly für ein glückliches Leben brauchte.

Alles andere in dieser Kammer stammte von Daddy – so auch der geflochtene Weidentisch, der mit Spitzendeckchen, Silbertablett und Porzellantässchen vollständig für eine Teegesellschaft gedeckt war. Ebenso der dazu passende Schaukelstuhl und der Teddybär, der auf einem blau gepolsterten Stuhl neben ihrem Kleiderschrank saß. Das Puppenhaus mit den Miniaturmöbeln und den Püppchen, die kerzengerade dasaßen. Die kleinen Bauernhoftiere, die auf der Ablage über ihrem Bücherregal aufgereiht waren und alle in die gleiche Richtung schauten, als würden sie gleich ein Lied anstimmen. Drei Porzellanpuppen, von denen eine sogar die Augen öffnen und schließen konnte, mit spitzenbesetzten Kleidchen in einem Korbwagen. Und natürlich das Regal voller Bücher. Eine Weile hatte es so ausgesehen, als würde Daddy ihr alles schenken – bis Lilly das Märchen von Schneewittchen gelesen und ihn um einen Spiegel gebeten hatte.

Manchmal, wenn sie sicher war, dass alle schliefen, und draußen vor dem Fenster nichts als Finsternis herrschte, machte sie mitten in der Nacht das Licht an und versuchte, ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe zu betrachten. Doch es starrte ihr lediglich eine verschwommene, geisterhafte Maske entgegen, während sich die gewundenen Metallstäbe draußen wie Schlangen über Lillys Haut schlängelten. Sie starrte ihr weißes Spiegelbild an, berührte die Stirn, Nase und Wangen und versuchte verzweifelt, eine Geschwulst oder ein fehlendes Körperteil zu finden, doch nichts stand hervor oder war nach innen gedrückt. Wenn sie Daddy fragte, was mit ihr nicht stimmte, erwiderte er nur, in seinen Augen sei sie wunderschön und dies sei alles, was zähle. Doch wenn er das sagte, schaute er sie so komisch an, weshalb Lilly nicht glaubte, dass er ihr die Wahrheit sagte. Er würde mächtig Schwierigkeiten bekommen, wenn Momma das herausfände. Denn laut Momma war Lügen eine Sünde.

Gut, dass Lilly Daddy niemals verraten würde. Schließlich war er derjenige, der ihr Lesen und Schreiben und auch ein wenig Rechnen beigebracht hatte. Er war derjenige, der die Wände ihrer Kammer mit einer Rosentapete verschönert hatte und ihr neue Kleider und Schuhe kaufte, wenn ihr die alten zu klein wurden. Er war derjenige, der ihr Abby mitgebracht hatte und Lilly in andere Bereiche des Dachbodens ließ, damit sie gehen und sich recken konnte. Einmal hatte er sogar einen Plattenspieler zum Ankurbeln mit heraufgebracht und versucht, ihr Charleston und Tango beizubringen, aber es hatte sie zu sehr angestrengt, sodass sie aufhören mussten. Sie liebte jedoch die Musik und flehte ihn an, ihr den Plattenspieler dazulassen. Doch er nahm ihn wieder mit hinunter, da Momma böse geworden wäre, wenn sie es herausgefunden hätte.

Momma brachte Essen und lebensnotwendige Dinge, aber keine Geschenke. Sie kam jeden Morgen in Lillys Kammer – mit Ausnahme der Tage, an denen sie es vergaß – und stellte ein Tablett mit Toast, Milch, Eiern, Sandwiches, Äpfeln und Keksen hin, die Lilly über den Tag hinweg essen sollte. Lilly bekam Seife und saubere Handtücher, und Momma erinnerte sie stets daran, vor jeder Mahlzeit zu beten. Jeden Abend stand sie mit einem Schlüsselring in der Hand in der Tür und wartete darauf, dass Lilly sich vors Bett kniete, Gott um Vergebung all ihrer Sünden bat und ihm dafür dankte, dass er ihr eine Mutter geschenkt hatte, die sich so gut um sie kümmerte. Davon abgesehen kam Momma niemals in ihr Zimmer, um einfach nur zu reden oder ein wenig Spaß zusammen zu haben. Anders als Daddy sagte sie auch nie, dass sie Lilly lieb hatte. Lilly würde niemals ihren siebten Geburtstag vergessen, als sich ihre Eltern draußen vor ihrer Kammertür gestritten hatten.

 

»Du verziehst sie mit all deinen Geschenken«, hatte Momma Daddy vorgeworfen. »Es ist eine Sünde, wie viel du ihr schenkst.«

»Es tut doch niemandem weh«, hatte Daddy entgegnet.

»Dennoch müssen wir aufhören, Geld auszugeben.«

»Bücher sind nicht so teuer.«

»Mag sein, aber was machst du, wenn sie anfängt, Fragen zu stellen? Was, wenn sie nach unten kommen oder nach draußen gehen will? Wirst du dann Nein sagen?«

Zuerst hatte Daddy nichts darauf geantwortet, sodass Lilly schon Hoffnung geschöpft hatte. Vielleicht würde er sie trotz allem einmal mit nach draußen nehmen. Dann jedoch hatte er sich geräuspert. »Was soll sie denn sonst da drinnen machen? Wir könnten wenigstens versuchen, ihr einen normalen Geburtstag zu ermöglichen. Es ist nicht ihr Fehler, dass sie …«

Momma hatte gekeucht. »Es ist nicht ihr Fehler? Wessen denn dann? Etwa meiner?«

»Das habe ich damit nicht gemeint«, hatte Daddy entgegnet. »Niemand ist schuld daran. Manchmal geschehen diese Dinge eben einfach.«

»Nun, wenn du von Anfang an auf mich gehört hättest, hätten wir jetzt nicht …« Sie machte ein komisches Geräusch, als wären ihr die Worte im Hals stecken geblieben.

»Sie ist immer noch unsere Tochter, Cora. Abgesehen von dieser einen Sache ist sie vollkommen normal.«

»An dem, was sich da auf der anderen Seite der Tür befindet, ist ganz und gar nichts normal«, hatte Momma widersprochen, wobei sich ihre Stimme überschlagen hatte.

»Das stimmt nicht«, hatte Daddy protestiert. »Ich habe mit Dr. Hillman gesprochen, und er sagte …«

»Du meine Güte! Bitte sag, dass du das nicht getan hast! Wie konntest du mich so verraten?«, hatte Momma daraufhin geschrien.

»Na, na, Liebes, schon gut. Ich habe niemandem etwas gesagt. Ich habe nur Dr. Hillman gefragt, ob er so etwas schon einmal gesehen hat, ob er schon einmal ein …«

Mommas Schluchzer hatten seine Worte übertönt, und Lilly hatte ihre Schritte gehört, wie sie über den Dachboden davongeeilt war.

»Liebes, warte doch!«, hatte Daddy ihr hinterhergerufen.

Am nächsten Tag hatte Lilly damit aufgehört, vor jedem Essen zu beten; Momma hatte sie davon nichts verraten. Seitdem hatte sie ihre Befehle insgeheim auf jede nur mögliche Art und Weise missachtet. Momma hatte gesagt, es sei böse, sich den eigenen nackten Körper anzusehen, und sie hatte Lilly dazu gezwungen, die Augen zu schließen, wenn sie einmal wöchentlich mit einem Schwamm abgewaschen wurde, bis sie alt genug war, dies selbst zu tun. Nun betrachtete Lilly ihre milchig weißen Arme und Beine, wenn sie sich wusch, und musterte ihren dünnen weißen Leib und die rosafarbenen Brustwarzen. Hinterher schämte sie sich, aber sie war nicht absichtlich böse. Sie wollte einfach nur herausfinden, was sie zum Monster machte. Das Einzige, was sie mit Gewissheit sagen konnte, war, dass ihre Eltern anders aussahen als sie selbst. Momma hatte lockiges blondes Haar und eine rosige Haut; Daddy trug einen schwarzen Schnäuzer, hatte schwarzes Haar und eine sonnengebräunte Haut; Lillys Haut dagegen war weiß wie Mehl, und ihr langes, glattes Haar besaß die Farbe und Beschaffenheit von Spinnweben. Es war, als hätte Gott vergessen, ihr Farbe zu verleihen. War es das, was sie zum Monster machte? Oder etwas anderes?

 

In der Hoffnung, morgen mehr von dem Zirkus zu sehen zu bekommen, zog sie nun ihr Nachthemd an, kletterte ins Bett und löschte das Licht. Erst da wurde ihr bewusst, dass Momma gar nicht heraufgekommen war, um sich zu vergewissern, dass sie ihr Nachtgebet auch wirklich sprach.

Lilly rollte sich neben Abby zusammen und zog sie nah an sich heran. »Wahrscheinlich ist sie im Zirkus«, murmelte sie und schloss die Augen.

 

In der nächsten Nacht, nachdem Lilly den Zirkus zum ersten Mal von ihrem Fenster aus gesehen hatte, riss sie das Klappern eines Schlüssels in der Tür aus dem Schlaf. Sie setzte sich auf und tastete nach der Nachttischlampe, hielt dann jedoch inne, die Finger auf dem Schalter. Es war mitten in der Nacht, und wenn Momma das Licht sah, würde Lilly richtig Ärger bekommen. Vielleicht hatte Momma irgendwie herausgefunden, dass sie den ganzen Tag damit verbracht hatte, durch ihr Fernrohr den Zirkus zu beobachten, anstatt ihr Zimmer aufzuräumen und die Bibel zu lesen. Durch das Fernrohr sah der Zirkus winzig klein aus, und sie konnte längst nicht jedes Detail erkennen, doch ganz gleich, wie Momma sie bestrafen würde: Es war die Sache wert gewesen, dabei zuzuschauen, wie die Elefanten und Giraffen unter das große Dach gebracht worden waren. Es war es wert gewesen, die Menschenmenge draußen vor den Zelten und die Parade der Wagen, Clowns und kostümierten Darsteller zu beobachten. Es war der aufregendste Tag in ihrem Leben gewesen, und nichts würde ihr diesen Tag verderben können. Sie zog die Hand von der Lampe zurück und berührte mit dem Daumen die Finger, einen nach dem anderen. Eins, zwei, drei, vier. Die Tür öffnete sich, und Momma schob sich durch den Spalt, eine Öllampe in der Hand. Lilly beobachtete sie, wobei sich ihr Magen vor Angst zusammenzog. Sonst kam Momma nie so spät in ihr Zimmer. Selbst Abby hob ihren Kopf und war anscheinend ebenfalls überrascht, Momma hier zu sehen.

Momma – Daddy sagte, ihr richtiger Name laute Coralline – war eine hochgewachsene, schöne Frau, die ihr langes blondes Haar auf beiden Seiten stets nach hinten gesteckt trug. Der Ehering an der linken Hand war ihr einziger Schmuck, und im Namen der Sittsamkeit und Bescheidenheit sowie zur Ehre Gottes trug sie ausschließlich schlichte Röcke und vernünftige Schuhe. Daddy sagte, Momma ziehe sich die besten Kleider und Pelze an, wenn sie zu wichtigen Abendessen und Gesellschaften gehe, jedoch nur, weil jedermann da draußen dies so erwarte. Lilly verstand nicht, warum Momma ihr Aussehen veränderte, doch Daddy meinte, das sei in Ordnung. Einmal hatte Daddy ihr ein Bild von Momma gezeigt, auf dem sie sich in Schale geworfen hatte, doch Lilly hatte sie darauf gar nicht erkannt.

Daddy erzählte gern die Geschichte, wie er Momma zwischen dem Stall und dem runden Pferch entdeckt hatte. Dort hatte sie auf einem Fass gesessen und den Pferden beim Grasen auf der Weide zugeschaut. Mommas Vater, ein pensionierter Priester der Pfingstgemeinde, der davon träumte, ein Gestüt zu besitzen, war hergekommen, um einen Zuchthengst zu kaufen. Daddy fand, dass Momma das schönste Mädchen war, das er je gesehen hatte. Doch es sollte noch ein halbes Jahr dauern, bis sie mit ihm sprach, und noch ein weiteres halbes Jahr, bevor sie endlich einwilligte, mit ihm zu Abend zu essen. Aus irgendeinem Grund trauten Mommas Eltern Daddy nicht. Doch schließlich spazierten Momma und Daddy Hand in Hand durch die Apfelplantagen, und dann heirateten sie. Wenn Daddy zu diesem Teil der Geschichte gelangte, wurde sein Gesichtsausdruck immer ganz traurig, und er sagte, dass Momma es als Kind und Jugendliche zu Hause nicht leicht gehabt habe.

Nun trat Momma in einem geblümten Kleid und rosafarbenen Schuhen mit hohen Absätzen in Lillys Kammer. Ihre Lippen waren rot geschminkt, dazu trug sie einen gelben Hut. Lilly konnte den Blick nicht von ihr abwenden. So hatte sie Momma noch nie gesehen, jedenfalls nicht persönlich. Mommas Wangen waren gerötet, und sie atmete schwer, als sei sie die Treppe heraufgelaufen.

Lilly drehte sich der Magen um. Daddy sollte erst morgen aus Pennsylvania zurückkommen, und er hatte ihr versprochen, dass sie dann als Allererstes ihre Geburtstagsgeschenke bekommen würde. Schon vor langer Zeit hatte er ihr erklärt, dass sie sich keine Sorgen zu machen bräuchte, wenn er und Momma ausgingen, da seine Gehilfen immer unten seien, falls sich einmal jemand wegen eines Pferdes melden sollte. Wenn Daddy und Momma etwas »zustoßen« würde, würde der Gehilfe einen Brief lesen, der in Daddys Schreibtisch lag. Dann würde er Lilly auf dem Dachboden finden und wissen, was zu tun sei. Lilly wusste zwar nicht so genau, was »zustoßen« bedeutete, doch sie ahnte, dass es nichts Gutes war. Was, wenn Momma nun gekommen war, um ihr zusagen, dass Daddy etwas »zugestoßen« war und er nie mehr zurückkehren würde?

Lilly fuhr mit der Zunge an jedem einzelnen Zahn entlang und zählte, während sie darauf wartete, dass Momma endlich etwas sagte. Eins, zwei, drei, vier …

Dann lächelte Momma.

Momma lächelte nie.

»Ich habe eine Überraschung für dich«, verkündete sie.

Lilly blinzelte. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Daddy brachte Überraschungen mit, nicht Momma. »Wo ist Daddy?«, brachte sie gerade so eben über die Lippen.

»Zieh dich an«, befahl Momma. »Und beeil dich, wir haben nicht viel Zeit.«

Lilly schob ihre Bettdecke zurück und stieg aus dem Bett. Abby setzte sich auf, streckte die Vorderbeine aus und tapste mit ihren Pfoten auf der Bettdecke herum. »Kommt mich jemand besuchen?«, fragte Lilly.

Außer ihren Eltern hatte noch nie irgendwer diese Kammer betreten. Eines Winters war sie krank geworden, sodass Daddy einen Arzt rufen wollte, doch Momma hatte sich gewehrt, weil der Doktor sie mitnehmen und »wegbringen« würde. Also hatte Daddy drei Tage lang Lillys Stirn abgewischt sowie mit Senfpulver eingerieben und warme Brustwickel gemacht. Niemals würde sie seinen traurigen Gesichtsausdruck vergessen, als sie aufgewacht war und ihn gefragt hatte: »Daddy, wohin würde man mich ›wegbringen‹?«

»In eine Anstalt für kranke Menschen«, hatte Daddy erwidert. »Aber mach dir keine Sorgen, du bleibst hier bei uns.«

Jetzt beobachtete Momma, wie Lilly ihr Kleid von der Rückenlehne des Schaukelstuhls nahm. Lilly bekam weiche Knie. Was, wenn jemand kam, um sie »wegzubringen«?

Momma gluckste. »Nein, Lilly, es kommt dich niemand besuchen.«

Lilly warf Momma einen Blick zu, sie hatte ein flatteriges Gefühl im Magen. Momma lachte nie. Vielleicht hatte sie von dieser seltsamen Flüssigkeit getrunken, die Daddy manchmal in einem silbernen Gefäß mit nach oben in ihre Kammer brachte. Lilly hatte keine Ahnung, welches Getränk es war, doch seine Augen wurden dann immer ganz glasig, und sein Atem roch danach seltsam. Manchmal lachte er dann mehr als sonst. Wie nannte er es? Whisky? Nein, das war unmöglich. Momma würde niemals Whisky trinken. Alkohol zu trinken, war eine Sünde.

»Warum muss ich mich anziehen, Momma?«

»Du hast heute Geburtstag, erinnerst du dich?«

Lilly runzelte die Stirn. Momma waren Geburtstage egal. »Ja«, brachte sie mühsam hervor.

»Und ich bin sicher, dass du draußen den Zirkus gesehen hast.«

Lilly nickte.

»Nun, da gehen wir jetzt hin.«

Lilly starrte Momma mit offenem Mund an. Ihre Beine zitterten auf einmal, ebenso die Arme. »Aber … was … was ist, wenn mich jemand sieht?«

Wieder lächelte Momma. »Keine Sorge, das Zirkusvolk ist es gewohnt, Leute wie dich zu sehen. Niemand außer den Darstellern wird dort sein. Denn gegen meinen Willen hat dein Vater sich durchgesetzt und den Zirkusbesitzer dafür bezahlt, eine besondere Vorstellung für dich zu veranstalten.«

Gänsehaut breitete sich auf Lillys Armen aus. Irgendetwas fühlte sich komisch an, doch sie konnte nicht genau sagen, was. Sie blickte zu Abby hinüber, als wüsste vielleicht die Katze die Antwort. Doch Abby starrte ihr nur mit neugierigem Blick entgegen. »Daddy hat aber gesagt, dass er erst morgen zurückkommt«, entgegnete Lilly.

Momma lächelte, doch der Ausdruck in ihren Augen veränderte sich. Und die obere Gesichtshälfte sah aus wie in Situationen, wenn Lilly großer Ärger bevorstand. Die untere Hälfte hingegen, als hätte Lilly diesen Menschen noch nie zuvor gesehen. »Er ist früher heimgekommen«, erwiderte Momma.

»Wo ist er denn dann?«, fragte Lilly. »Er kommt doch immer gleich zu mir, wenn er zu Hause ist.«

»Er wartet drüben beim Zirkus auf uns. Und jetzt beeil dich!«

»Warum kommt er dann nicht und holt mich?«

Daraufhin stürmte Momma auf sie zu und hob in einer jähen Bewegung die Hand. Diese traf Lilly quer über die Wange, sodass sie zu Boden fiel. Abby sprang zur Seite und kroch mit angelegten Ohren zur Wand.

»Du undankbare Ausgeburt des Teufels!«, schrie Momma. »Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du nicht an mir zweifeln sollst?«

»Es tut mir leid, Momma«, rief Lilly weinend.

Momma trat ihr mit dem Fuß in die Seite. »Was habe ich getan, dass ich mit dieser Plage gestraft bin?«, zischte sie. »Jetzt runter auf die Knie und beten!«

»Aber Momma …« Lilly schluchzte so heftig, dass sie nicht aufstehen konnte und kaum Luft bekam. Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht, während sie zum Bett kroch und sich daran hochzog. Dabei pfiff und rasselte die Luft in ihrer Brust.

»Senk den Kopf und bitte um Vergebung!«, befahl Momma.

Lilly faltete die Hände unter ihrem Kinn zusammen und zählte dabei die Finger. Eins, zwei, drei, vier. »Lieber Gott«, stieß Lilly zwischen ihrem pfeifenden Atem hervor. Fünf, sechs, sieben, acht. »Bitte vergib mir, dass ich an meiner Momma gezweifelt habe und dass ich ihr auf so viele Arten das Leben schwer mache.« Neun, zehn. »Ich verspreche, mich ab jetzt auf dem rechten Weg zu halten. Amen.«

»Und nun zieh dich an«, trieb Momma sie an. »Wir haben nicht mehr viel Zeit.«

Lilly erhob sich und zog sich mit zitternden Händen die Unterwäsche an, bevor sie sich ihren gewohnten Spielkittel über den Kopf streifte. Die Seite, wo Momma sie getreten hatte, tat ihr weh, und ihr lief die Nase.

»Nicht das«, ordnete Momma an. »Such ein besseres Kleid.«

Lilly zog den Spielkittel wieder aus und humpelte zum Schrank. Sie zog ihr Lieblingskleidungsstück hervor, ein gelbes Satinkleid mit einem Kragen aus Spitze und Rüschenärmeln. »Ist das hier gut?«, fragte sie und hielt das Kleid hoch.

»Das wird reichen. Jetzt such deine besten Schuhe raus. Und kämm dir die Haare.«

Lilly zog das Kleid an und band den Gürtel auf dem Rücken. Dann kämmte sie sich das Haar – eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Bürstenstriche – und setzte sich anschließend aufs Bett, um die Lacklederschuhe überzustreifen. Abby sprang zu ihr aufs Bett und rieb sich an Lillys Arm. Lilly streichelte sie kurz, erhob sich und stand dann mit schmerzenden Rippen und klopfendem Herz in der Mitte der Kammer. Momma öffnete die Tür, trat beiseite und wartete darauf, dass Lilly hindurchging.

Auf diesen Moment hatte Lilly ihr ganzes Leben lang gewartet. Doch jetzt wollte sie mehr als alles andere auf dem Dachboden bleiben. Sie wollte nicht nach draußen. Sie wollte nicht in den Zirkus gehen. Das beklemmende Gefühl in ihrer Brust wurde stärker und stärker.

»Lass uns gehen«, sagte Momma streng. »Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit.«

Lilly schlang die Arme um den Oberkörper und ging auf die Tür zu, während sie keuchend große Mengen Luft einatmete. Dann hielt sie inne und blickte zu Abby zurück, die ihr vom Fußende des Bettes zuschaute.

»Die Katze wird hier auf dich warten, bis du zurückkommst«, erklärte Momma. »Und jetzt beweg dich!«

 

 2    Julia

November 1956

Hatfield, Long Island

 

Die achtzehnjährige Julia Blackwood sah sich im Supermarktgang verstohlen nach links und rechts um, ob auch niemand sie beobachtete. Der Laden war klein, vielleicht nur knapp zehn Meter breit und zwölf Meter lang, und sie konnte über die Regale hinweg in jede Ladenecke schauen. Ein pickeliger Teenager saß auf einem Stuhl hinter der Verkaufstheke, kaute Kaugummi und starrte auf einen Schwarz-Weiß-Fernseher, der über der Kasse hing. Ein Radio im Regal hinter ihm spielte Only Fools Fall in Love von Elvis Presley, während eine grauhaarige Dame neben einer geöffneten Kühlschranktür Eier auf ihre Unversehrtheit hin überprüfte.

Julia holte tief Luft, ging in die Hocke und tat so, als müsse sie ihre fleckigen Leinenschuhe binden. Dann blickte sie sich ein letztes Mal verstohlen im Gang um, schnappte sich eine Dose Frühstücksfleisch vom mittleren Regal, ließ sie in ihre Tasche gleiten, richtete sich schnell wieder auf und schob sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Der Junge hinter der Verkaufstheke kratzte gedankenverloren an einem Pickel herum, während sein Blick immer noch gebannt auf den Fernseher gerichtet war. Julia atmete erleichtert auf und ging ohne Eile den nächsten Gang entlang, während sie so tat, als würde sie die Lebensmittel sehr genau begutachten. Schnell nahm sie einen kleinen Apfel von der Auslage, ließ ihn in die Tasche gleiten und lief zur Verkaufstheke.

»Dürfte ich bitte den Schlüssel für die Kundentoilette haben?«, fragte sie den Jungen.

Ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden, griff der Junge unter die Verkaufstheke und reichte ihr einen Schlüssel, an dessen Bund eine braune Kaninchenpfote als Glücksbringer hing. Dann ließ der Junge eine Kaugummiblase knallen und grinste sie an. »Hab heute Morgen eine neue Seife hingelegt.«

Julias Wangen färbten sich dunkelrot, und sie musste dagegen ankämpfen, auf dem Absatz umzudrehen und fortzulaufen. Der Junge wusste genau, warum sie die Kundentoilette benutzen wollte. Es war bereits das vierte Mal in ebenso vielen Monaten, dass es in ihrem Zimmerchen über dem Schnapsladen kein fließendes Wasser gab – wenngleich dieses Mal durch zugefrorene Rohre und nicht wegen unbezahlter Rechnungen –, und sie hatte sich seit drei Tagen weder die Haare gewaschen noch geduscht. Natürlich würde bei der Arbeit niemand sagen können, ob sie nun gebadet hatte oder nicht, aber wer wollte sich schon gern ein Spiegelei und mit Röstzwiebeln bedeckte Burger von einer Kellnerin mit fettigen Haaren servieren lassen? Der Diner von Big Al war ohnehin schon so ein schmieriger Laden, dass dem nicht noch nachgeholfen werden musste. Sie schluckte ihren Stolz hinunter, nahm den Schlüssel von dem Jungen entgegen und stapfte in den hinteren Teil des Ladens.

In der kalten, grün lackierten Kundentoilette stank es wie im Inneren eines Mülleimers – nach verdorbenem Essen und miefigen Socken. Schmutz färbte die Fugen zwischen den zerbrochenen, zusammengestückelten Bodenfliesen dunkel, und ein gezackter gelber Riss verlief quer über die Toilettenbrille. Julia wusch sich die Hände in dem Waschbecken, das auf silberfarbenen Beinen stand, und trocknete sich mit den braunen Papiertüchern ab; dann aß sie den Apfel, so schnell sie konnte, während sie damit kämpfte, den beißenden Gestank von altem Urin zu ignorieren. Als sie damit fertig war, zog sie sich bis auf die Unterhose und den BH aus, legte die preiselbeerfarbene Kellneruniform gefaltet auf ihren Mantel und packte beides auf den Spülkastendeckel – der einzige Ort, der hier halbwegs sauber aussah. Bibbernd schrubbte sie sich das Gesicht und die Achselhöhlen mit den Papiertüchern und der Kernseife, bevor sie sich das Haar im Becken wusch und dabei versuchte, sich nicht komplett nass zu machen. Das Wasser war eiskalt, und die grobkörnige Seife sorgte dafür, dass sich ihr Haar wie Stroh anfühlte – doch wenigstens war es jetzt sauber. Nachdem die letzte Seife ausgewaschen war, benutzte sie erneut ein paar Papiertücher, um das überschüssige Wasser aus den Haaren zu drücken. Danach zog sie sich wieder an, bürstete sich Knoten aus dem Haar, drehte es zu einem Dutt hoch und betrachtete sich in dem angelaufenen Spiegel.

Das unaufhaltsame Voranschreiten der Zeit, seit sie vor drei Jahren von zu Hause weggelaufen war, ließ sich an den hervorstehenden Wangenknochen und den dunklen Ringen unter den Augen ablesen. Die sonnengebräunte, weiche Haut war blass und fahl geworden durch Schlaf- und Sonnenmangel. Sogar das helle Haar, das einmal weißblond wie Engelsflügel gewesen war, kam ihr nun dunkler und dünner vor. Die Fingernägel waren bis zum Nagelbett abgekaut, und die Schultern ragten spitz unter dem Stoff ihrer Uniform hervor. Julia trat näher an den Spiegel heran, um die gelben Überreste eines Veilchens rund um ihr linkes Auge zu begutachten. Zum Glück war es mittlerweile fast verschwunden. Wie bist du bloß an einem Ort wie diesem gelandet? Wie konnte es passieren, dass du Lebensmittel aus einem Supermarkt stehlen und dir die Haare in einer öffentlichen Toilette waschen musst? Du hättest ein Jahr länger warten und aufs College gehen sollen, weit weg von Blackwood Manor. Mutter hätte für alles bezahlt. Stattdessen hast du das Ausgehverbot nach neun Uhr abends und die Beichte am Sonntag gegen Doppelschichten und einen kontrollsüchtigen Freund eingetauscht, der dich schlägt und das Geld schneller zum Fenster hinauswirft, als du es verdienen kannst. Vielleicht hatte Mutter recht. Du wirst es zu nichts bringen. Welchen Sinn hat es dann, es überhaupt zu versuchen?

Mutter – mit all ihrer Verachtung und ihren knochigen Fäusten – war eine Frau, die Regeln aufstellte und Regeln befolgte. Und erwartete den gleichen Gehorsam von allen Menschen um sie herum. Zu den zahllosen Regeln von Blackwood Manor – wo gewisse Zimmer abgeschlossen blieben und der Zutritt zu ganzen Stockwerken verboten war – hatte Julia dreimal täglich beten, ihr Zimmer makellos rein halten, ihre Aufgaben pflichtbewusst erledigen, beste Schulnoten bekommen und die Richtlinien der Schule genau befolgen müssen. Sie konnte die Pferde ihrer Eltern aus der Ferne sehen, doch es war ihr nicht erlaubt, den Stall zu betreten. Denn schließlich war der Stall ein Betrieb und kein Spielplatz. Make-up, Tellerröcke, Caprihosen und hautenge Pullover waren inakzeptabel; Kleider mussten eine züchtige Länge aufweisen. Am allerwichtigsten jedoch war, dass sie niemals vergessen durfte, dass schlimme Dinge geschehen würden, wenn sie sich nicht an die Regeln hielt.

Nachdem sie sich den Großteil ihres Lebens gefragt hatte, warum ihre Eltern sie überhaupt bekommen hatten, schien ihr die einzige Lösung für alle Probleme zu sein, von zu Hause wegzulaufen. Ja, sie bekam Kleidung, Nahrung und alle materiellen Dinge, die sie brauchte. Doch Mutter war zu beschäftigt mit Beten, Saubermachen, Kochen und dem Aufstellen von Regeln, um ihr eine Orientierungshilfe zu sein oder Zuneigung zu schenken. Ihr Vater, den sie für den warmherzigeren von beiden hielt, nahm sie nur an Weihnachten und zum Geburtstag einmal in den Arm. Die meiste Zeit verbrachte er im Stall bei den Pferden oder trank in seinem Arbeitszimmer hinter verschlossenen Türen, während immer und immer wieder die gleiche verkratzte Schallplatte – Little White Lies – spielte.

Jahrelang hatte sie sich gefragt, was es wohl bedeutete, wenn ihr Vater wegfuhr, um wieder zu genesen oder Hilfe zu bekommen. Es war eine angespannte Zeit, noch mehr als sonst, eine Zeit des Weitermachens und Sich-Verstellens, des »Normal«-Seins und Nicht-Jammerns. Die Blackwoods offenbarten niemals ihr Seelenleben oder schütteten ihr Herz aus. Als Julia zwölf wurde, eröffnete Mutter ihr die Alkoholsucht ihres Ehemannes und erklärte, diese sei Julias Schuld, weil sie ein so schwieriges Kind sei.

Julia dachte an den Tag zurück, an dem ihr Vater gestorben war. Der Himmel war blau und wolkenlos gewesen. Eine sanfte Brise hatte geweht, die nach Kiefern geduftet hatte. Wer hätte schon damit gerechnet, dass er an einem so wunderschönen Tag starb?

Julia hatte den Kirchenbesuch ausfallen lassen, um zum See zu gehen. Es war der letzte Sommerferientag, ein schwüler Tag, genau richtig, um zu schwimmen. Eines der beliebten Mädchen der Schule hatte Julia endlich eingeladen, mit ihm und seinen Freundinnen zur Landbrücke mitzukommen. Als es Zeit geworden war, zur Kirche zu gehen, hatte sich Julia im Badezimmer eingeschlossen und so getan, als sei sie krank. Solange sie es schaffte, vor Mutters Rückkehr wieder hier zu sein, wäre alles gut.

Doch als Julia nach Hause kam, stand ein Polizeiwagen in der Einfahrt; die frühe Nachmittagssonne spiegelte sich in der verchromten Stoßstange und der Windschutzscheibe. Dann erblickte sie Mutter auf der Eingangstreppe, eine Hand am Geländer, woraufhin ihr das Herz in die Hose rutschte. Hatte sich Julia mit der Zeit vertan? Hatte etwa Mutter die Polizei gerufen, weil Julia bei ihrer Rückkehr nicht in ihrem Zimmer gewesen war? So oder so stand ihr eine Menge Ärger bevor. Als Mutter sie die Einfahrt hinauflaufen sah, kam sie die Stufen heruntergestürmt und auf sie zumarschiert. Ihr Gesicht war wutverzerrt, ihr langer Rock hatte sich um ihre Beine gewickelt.

»Wo bist du gewesen?«, schrie Mutter.

»Ich … ich …«, stotterte Julia.

»Raus mit der Sprache!«

»Ich war mit ein paar Freundinnen schwimmen. Heute ist der letzte Tag vor Schulbeginn, und sie haben mich noch nie eingeladen. Ich wusste, dass du mich nicht gehen lassen würdest, deswegen …«

Mutter schlug sie, fest und mitten ins Gesicht. »Ich habe dir doch gesagt, dass etwas Schlimmes passiert, wenn du dich nicht an die Regeln hältst!«

Julia presste eine Hand auf die Wange, ihre Augen brannten. »Was meinst du damit? Was ist passiert?«

Mutter tastete, ohne hinzuschauen, nach dem Geländer der Veranda; ihr Gesicht war plötzlich ganz grau. »Dein Vater …«

Julia fing an zu zittern. So hatte sie Mutter noch nie gesehen. »Was ist mit ihm?«, rief sie. »Bitte sag!«

»Dein Vater hatte einen Autounfall.«

Julia hielt den Atem an. »Geht es ihm gut?«

Mutter starrte sie an und schüttelte den Kopf, als könnte sie ihre eigenen Worte nicht glauben. »Er ist tot.«

Der Boden unter Julias Füßen schwankte mit einem Mal, und fast hätten ihre Knie nachgegeben. Einen Moment lang hatte sie das Gefühl zu fallen. Doch dann wurde ihr klar, dass sie es irgendwie geschafft hatte, stehen zu bleiben. »Was ist passiert?«, hörte sie sich wie in Zeitlupe fragen.

»Er hat nach dir gesucht«, erklärte Mutter. Dann verzog sie das Gesicht. Die Trauer in ihren Augen verwandelte sich in Wut und Hass, der Mund verzerrte sich zu einem höhnischen Lachen. Dann hob sie die Arme und schlug mit ihren knochigen Fäusten auf Julias Kopf und Schultern ein. »Das ist deine Schuld!«, kreischte sie. »Das ist allein deine Schuld! Du bist schuld an allem!«

Julia riss die Arme hoch, um sich zu schützen, doch Mutters Schläge prasselten nur so auf ihren Kopf ein, auf die Brust und ins Gesicht, selbst nachdem sie Julia zu Boden geschlagen hatte. Am Ende zerrte die Polizei sie von ihr weg, jedoch erst, als Julias Lippe aufgeplatzt und ihre Wangen und Schultern mit Blutergüssen übersät waren.

In jener Nacht stahl Julia das Geld aus der Blechbüchse im Gewürzregal, ignorierte dabei den Blick von Jesus auf der Schmuckdose, packte ihre Tasche, verließ Blackwood Manor und schwor sich, nie wieder zurückzukehren. Ab jetzt würde es keine Ausgangsverbote mehr geben, keine strengen Regeln mehr, keine Abendgebete und wöchentlichen Beichten, keine abgeschlossenen Zimmer, keine Vorwürfe und Schuldzuweisungen wegen Vaters Trinkerei. Von diesem Tag an würde sie nur noch tun, was sie wollte. Julia würde ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen. Und sie würde nie mehr zulassen, dass irgendwer ihr für irgendetwas die Schuld gab.

Blieb nur die Tatsache, dass sich nichts wie geplant entwickelt hatte. Natürlich war die neue Freiheit zu Beginn großartig gewesen, als sie den Bus nach Long Island genommen und sich dort an der Strandpromenade mit Leuten angefreundet hatte. Nachdem sie ihren Schmuck versetzt hatte, war sie eine Meile vom Strand entfernt zusammen mit Kelly, einer Kellnerin aus einer Bar, und Tom, einem Veteranen aus dem Koreakrieg, in eine Wohnung gezogen. Die ersten Monate vergingen wie in einem Nebel aus Musik, Partys, Bier und Marihuana. Dann zog Kelly wieder nach Hause zurück, der Winter kam, die Strandpromenade schloss, und Julia ging das Geld aus. Sie konnte nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, wie es passiert war, doch sie und Tom zogen in ein billiges Zimmer in der Stadt um, und von da an war Schluss mit Spaß und Freude. Tom hatte Schwierigkeiten, über längere Zeit einen Job zu behalten, und er warnte sie immer wieder, dass etwas Schlimmes passieren würde, wenn sie ihren nicht behielt.

Julia verließ die Kundentoilette des Supermarkts, gab den Schlüssel mit der Kaninchenpfote dem pickeligen Jungen zurück und verließ den Laden. Beim Betreten des Supermarkts hatte es noch geschneit, doch inzwischen hatte es aufgehört.

Der Neuschnee ließ die Straßen heller und freundlicher wirken. Das Stadtviertel war immer noch heruntergekommen und schmutzig, überall lag Müll herum, doch insgesamt sah es nicht mehr ganz so schlimm aus wie gestern ohne den Schnee. Big Al’s Diner befand sich in der Nähe der Straßenecke und wurde von einem Schnapsladen mit Gitterstäben vor den Schaufenstern und einem Pfandleihhaus mit einem durchnässten, zerrissenen Teppich vor der Eingangstür flankiert.

Julia knöpfte den Mantel zu, zog den Kopf ein, um sich vor der Kälte zu schützen, und versuchte, den Schneematsch zu ignorieren, der durch ihre Leinenschuhe drang. Kurz berührte sie die Dose Frühstücksfleisch in ihrer Tasche, um sicher zu sein, dass sie immer noch da war, und wünschte sich, sie hätte dazu noch etwas anderes mitgehen lassen. Wenn sie in zehn Stunden von der Arbeit nach Hause ging, würde das Frühstücksfleisch auf einer Scheibe Weißbrot Toms und ihr Abendessen sein, genauso wie an den vier vergangenen Abenden. Heute war Zahltag, doch ihr komplettes Gehalt würde für die Miete draufgehen. Sonst stünden sie Ende der Woche auf der Straße.

Als sie den Diner erreichte, lief sie am Haupteingang vorbei, ging um die Ecke und bog in die dahinter liegende Gasse ein. Big Al hatte die fixe Idee, dass die Mitarbeiter nicht durch den Haupteingang kommen durften, als sei sein Diner ein feines Restaurant und nicht etwa ein billiges Schnellrestaurant. Der Geruch von Speck und Bratkartoffeln wehte durch die kalte Luft der Gasse, und trotz des Apfels, den sie vorher gegessen hatte, knurrte Julias Magen vor lauter Hunger. Ein Junge in einer zerrissenen Jeans und einem weißen T-Shirt wühlte im Müllcontainer neben der Treppe des Hintereingangs zum Diner. Neben dem Jungen schnüffelte ein dünner brauner Hund in der Luft und wartete geduldig darauf, dass sein Besitzer etwas zu essen fand. Als der Hund Julia erblickte, wedelte er mit dem Schwanz und trottete auf sie zu, ein Bündel aus Pfoten, Ohren und Fell. Julia bückte sich, um den Kopf des Hundes zu kraulen.

»Hey, Kumpel!«, begrüßte sie ihn. Dann richtete sie sich auf und wandte sich an den Jungen. »Du weißt ja, was Big Al mit dir macht, wenn er dich hier draußen noch mal erwischt, oder, Danny?«

Mit weit aufgerissenen Augen wirbelte der Junge zu ihr herum. »Ach, du bist das!« Erleichtert atmete er auf.

Er war neun Jahre alt, hatte haselnussbraune Augen und struppiges, kaffeebraunes Haar. Julia hatte ihn im vergangenen Jahr kennengelernt, als er mit seinem Hund vor dem Pfandleiher um Kleingeld gebettelt hatte.

»Wo ist dein Mantel?«, fragte sie ihn.

Danny zuckte mit den Schultern. »Den brauchte mein Bruder.«

»Ist dein Vater wieder arbeitslos?«

Danny nickte. »Und Mom ist krank.«

Julia holte die Dose Frühstücksfleisch aus der Tasche. »Hier, nimm das. Ich versuche, nach meiner Schicht mit mehr vorbeizukommen.«

Danny nahm die Dose, riss sie sofort auf, schüttete das gepresste Fleisch in seine Hand und biss ab. »Danke!« Dann brach er ein großes Stück ab und gab es dem Hund, der es mit einem Happs verschluckte.

»Gern geschehen«, erwiderte Julia. »Und jetzt verschwindest du hier besser.«

Danny grinste und lief die Gasse entlang, der dünne Hund ihm dicht auf den Fersen.

Julia stieg die Hintertreppe des Diners hinauf, klopfte an die Tür und trat einen Schritt zurück, um zu warten. Auf der anderen Seite der Tür ertönten Schritte auf dem gefliesten Boden. Jemand fummelte am Knauf herum, bis die Tür schließlich aufschwang. Vor ihr stand Sheila, eine der anderen Bedienungen.

»Wo warst du nur?«, flüsterte sie. »Deine Schicht hat vor zwei Stunden angefangen. Big Al ist kurz davor, dich rauszuschmeißen.«

Julia runzelte die Stirn. »Was meinst du damit? Mittwochs fange ich erst um zehn an!« Sie betrat den Diner und zog den Mantel aus.

»Heute ist Dienstag«, entgegnete Sheila.

»Mist!«, fluchte Julia. Sie hängte den Mantel an einen Haken, nahm eine Schürze vom Wäschekorb, der vor dem Kühlraum stand, band sie sich um und eilte in die Küche, während sie die Schürzenbänder im Rücken verknotete. Sheila folgte ihr.

Big Al kam durch die Schwingtür zwischen der Küche und dem Essbereich gelaufen. Seine Stirn war von Schweißperlen bedeckt, das grau melierte Haar hing ihm in den Augen. Wie sein Name schon erahnen ließ, war er ein großer Mann, über eins achtzig, mit breiten Schultern und kräftigen Beinen. Doch es war sein enormer Bauch, der ihm den Spitznamen »Big Al« eingebracht hatte. Mit einer speckigen Schürze bedeckt, hing er wie ein Belugawal über seinen Hosenbund.

»Na sieh mal einer an. Hat sich da doch noch jemand entschieden, heute zum Arbeiten aufzutauchen«, knurrte er wütend.

»Tut mir leid«, entschuldigte sich Julia. »Ich dachte, heute wäre Mittwoch.«

»Und ich dachte, es wär mein Geburtstag«, konterte Big Al. »Dass das der Grund ist, warum ich gleichzeitig bedienen und kochen muss.«

»Es tut mir leid«, entschuldigte sich Julia erneut. »Ich habe einen Fehler gemacht. Wird nicht noch mal vorkommen.«

Big Al grunzte. »Ganz richtig, das wird nicht noch mal vorkommen. Ich halte deinen Gehaltsscheck bis nächste Woche zurück. Vielleicht hast du bis dahin herausgefunden, ob du diesen Job hier willst oder nicht.«

»Aber ich …«, stammelte Julia. »Bitte, Al. Ich brauche das Geld für die Miete.«

»Darüber hättest du dir Gedanken machen sollen, bevor du zu spät zur Arbeit kommst«, erklärte Big Al. »Und jetzt halt die Klappe und beweg deinen Hintern!«

Julia biss die Zähne zusammen und passierte die Schwingtür zum Essbereich. Sowohl die Theke als auch fast jede Tischnische waren besetzt. Sheila kam aus der Küche und balancierte zwei Teller mit Spiegeleiern und einen Teller mit Pancakes in der einen Hand sowie einen Teller mit French Toast in der anderen.

»Kannst du die Theke übernehmen?«, bat sie Julia. »Nur bis der Frühstücksandrang vorbei ist?«

»Klar.« Julia nickte. Sie schnappte sich Block und Stift und schaute, wer an der Theke als Nächstes bedient werden musste. Ein Mann in einem schwarzen Jackett mit einem Filzhut saß am anderen Ende der Theke, die Speisekarte lag geschlossen vor ihm. Julia machte sich auf den Weg zu ihm.

»Könnte ich noch Kaffee nachgeschenkt bekommen?«, rief ein Kunde, als sie an ihm vorbeiging.

»Ja, Sir«, erwiderte sie. Dann ließ sie Stift und Block in ihrer Schürze verschwinden, nahm die Kaffeekanne, füllte den Becher des Mannes auf und ging anschließend zu dem Mann mit Filzhut weiter. Sie stellte einen weißen Becher vor ihn auf die Theke.

»Kaffee?«, fragte sie.

»Ja, bitte.«

Julia schenkte ihm ein, stellte die Kanne auf der Theke ab und holte dann wieder Block und Stift hervor.

»Miss?«, rief jemand vom anderen Ende. »Wo bleiben meine Pancakes?«

Julia zwang sich zu einem Lächeln. »Ich bin gleich bei Ihnen.«

Genau in diesem Moment ertönte die Klingel über der Tür, und ein Mann in einem Nadelstreifenanzug und mit glänzenden Schuhen betrat den Diner. Er hielt einer Frau und einem kleinen Mädchen, die beide jeweils einen blauen Mantel trugen, die Tür auf. Das kleine Mädchen hielt die Hand der Frau, und beide lächelten, als sie in einer der Sitzgruppen Platz nahmen. Julia starrte sie an, während der Stift über dem Block in der Luft verharrte. Die kalte Luft draußen hatte ihre Nasenspitzen, die genau gleich aussahen, rot gefärbt und für ihre ebenso roten Apfelbäckchen gesorgt. Mutter und Tochter, dachte Julia. Die Mutter streifte ihre Handschuhe ab, lächelte und beugte sich über den Tisch, um dem Mädchen dabei zu helfen, die Fäustlinge auszuziehen. Das Mädchen fing an zu lachen, als die Mutter ihre Hände nahm und diese in ihren Händen rieb, um sie aufzuwärmen. Ob das kleine Mädchen wohl heute Geburtstag hat?, fragte sich Julia. Vielleicht gehen sie auch nur bummeln. Dann küsste die Mutter die Fingerspitzen des kleinen Mädchens, und Julia stiegen Tränen in die Augen. Sie suchte nach dem Mann im Nadelstreifenanzug, da sie annahm, dass er der Vater des kleinen Mädchens war. Doch er war in der Mitte des Diners stehen geblieben und sah sich um, als würde er nach jemandem suchen. Vielleicht hatte er sich verlaufen. Er sah nicht aus, als gehörte er in dieses Viertel.

»Ich hätte gern zwei beidseitig gebratene Spiegeleier«, erklärte der Mann vor ihr an der Theke. »Mit Toast und Butter.«

Julia blinzelte und sah den Gast an, als hätte sie kurzzeitig vergessen, wo sie war. Sie schüttelte den Kopf, um sich von ihren Gedanken loszureißen. »Äh, klar. Tut mir leid. Kommt sofort.«

Sie eilte in die Küche, um die Bestellung aufzugeben, und schalt sich selbst, dass sie sich derartig hatte ablenken lassen. Sie musste mit diesen Tagträumereien aufhören! Wenn Big Al sie dabei ertappte, wie sie Löcher in die Luft starrte, würde sie auf jeden Fall gefeuert, so viel stand fest. Doch manchmal konnte sie nichts dagegen tun. Der Anblick von Menschen, die sich so offensichtlich liebten, zog sie magisch an, insbesondere bei Eltern und ihren Kindern. Sie mochte es, wenn die Gesichter der Leute vor Zuneigung und bedingungsloser Liebe aufleuchteten – und die Tatsache, dass sie wussten, wie wichtig sie füreinander waren, ohne je ein Wort darüber verlieren zu müssen. Julia fragte sich, wie sich das wohl anfühlte.

»Ich habe schon vor zehn Minuten um Ketchup gebeten«, beschwerte sich eine Frau, als Julia an ihr vorbeieilte.

Julia griff nach einer Flasche Ketchup und stellte sie vor die Frau auf die Theke.

»Wo bleibt meine Rechnung?«, rief eine andere Frau.

»Ich schau schnell mal nach«, antwortete Julia. Sie legte die Bestellung auf die Durchreiche, klingelte und erkundigte sich nach den fehlenden Pancakes. Big Al reichte ihr einen Teller durch das Fenster und wischte sich die Stirn mit der Oberseite seines Arms ab, während er sie finster anstarrte. Julia nahm den heißen Teller entgegen und brachte ihn zu dem wartenden Kunden. Als sie zum anderen Ende der Theke zurückkehrte, stand dort der Mann im Nadelstreifenanzug hinter den Hockern. Julia reichte der Frau die Rechnung und wandte sich dann dem Mann zu, um ihn nach seinem Wunsch zu fragen.

»Kann ich Ihnen helfen?«, erkundigte sie sich.

»Ich suche Julia Coralline Blackwood«, erwiderte er.

Mit einem Schlag war Julias Mund wie ausgetrocknet. War er ein Cop? War er gekommen, um sie wegen des Diebstahls im Supermarkt zu verhaften? Mit beklommenem Gefühl lächelte sie. »Sie arbeitet heute nicht. Kann ich ihr etwas ausrichten?«

Der Mann griff in die Brusttasche seines Anzugs, holte ein Foto hervor und drehte es um, damit sie es sehen konnte. Julia spürte, wie ihr alle Farbe aus dem Gesicht wich. Es handelte sich um ihr Highschool-Foto, aufgenommen in dem Jahr, als sie von zu Hause weggelaufen war. Wie war es in seinen Besitz gekommen? Und was wollte er?

»Ich bin Privatdetektiv, Miss Blackwood«, erklärte der Mann. »Ich bin vom Anwalt Ihrer Eltern angeheuert worden.« Wieder griff er in seine Tasche und zog dieses Mal einen Briefumschlag hervor. »Ich suche seit fast einem Jahr nach Ihnen. Das hier ist für Sie.« Er reichte ihr den Umschlag. »Einen schönen Tag«, sagte er, tippte sich grüßend an den Hut und verließ den Diner.

Julia starrte auf den Umschlag, ihre Hände zitterten. Mutter hatte sie gefunden.

Vom Leben mit Giovanni, der ein Chromosom mehr hat

Geschwister zu haben ist ein großes Privileg, vor allem, wenn einen nicht nur die Haarfarbe oder die Stupsnase eint, sondern man in ihnen einen Freund fürs Leben weiß. Daher freue ich mich schon sehr auf das Buch der Brüder Giacomo und Giovanni, das sehr ehrlich, berührend und auch lustig beschreibt, wie die Diagnose Down-Syndrom aus zwei sehr unterschiedlichen Jungs ein unschlagbares Team macht.

Eine Buchempfehlung von Isabella Nelte, Herausgeberin im Piper Verlag

Blick ins Buch
Mein Bruder, der SuperheldMein Bruder, der Superheld

Vom Leben mit Giovanni, der ein Chromosom mehr hat

Dies ist die Geschichte von Giovanni. Giovanni ist 13 Jahre alt, steht auf Dinosaurier und hat das ansteckendste Lachen der Welt. Giovanni bringt seinen Schwestern jeden Tag eine Blume aus dem Garten und fängt mitten in der Stadt an zu tanzen. Giovanni hat das Down-Syndrom. Für seinen Bruder Giacomo ist er ein Superheld. Doch das war nicht immer so. Und deshalb ist dies auch die Geschichte von Giacomo, der sich in diesem Buch ehrlich und offen seiner eigenen Scham und Angst vor dem Anderssein stellt. Gleichzeitig erzählt er mit viel Humor und Leichtigkeit von Giovannis ganz eigenem Blick auf die Welt und der besonderen Beziehung zwischen den Brüdern, die zwei ganz unterschiedliche Menschen und doch ein starkes Team sind.
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Dies ist die Geschichte von Giovanni.

 

Giovanni kauft sich ein Eis.

»In der Waffel oder im Becher?«

»In der Waffel.«

»Aber du isst die Waffel doch gar nicht!«

»Na und? Den Becher doch auch nicht!«

Giovanni ist dreizehn – und sein Grinsen breiter als seine Brille. Giovanni klaut Obdachlosen den Hut und haut damit ab. Er liebt Dinosaurier und die Farbe Rot. Er geht mit einer Freundin ins Kino und verkündet danach: »Ich habe geheiratet.« Giovanni fängt mitten auf dem Marktplatz an zu tanzen. Mutterseelenallein, zur Musik eines Straßenkünstlers. Und plötzlich taut ein Passant nach dem anderen auf und macht es ihm nach. Giovanni hat die Kraft, ganze Plätze zum Tanzen zu bringen. Für Giovanni dauert alles exakt zwanzig Minuten, nie länger als zwanzig Minuten. Giovanni kann anstrengend und nervtötend sein, aber er geht täglich in den Garten, um seinen Schwestern eine Blume zu pflücken. Und wenn er im Winter keine findet, schenkt er ihnen eben vertrocknetes Laub.

 

Giovanni ist mein Bruder. Und deshalb handelt dieses Buch nicht nur von ihm, sondern auch von mir. Ich bin neunzehn und heiße Giacomo.

 

 

1
Verkündigung

 

Zunächst einmal möchte ich von dem Parkplatz erzählen, denn dort hat alles angefangen – auf einem dieser leeren Firmenparkplätze, wie es sie nur sonntagnachmittags gibt. Ich weiß nicht, woher wir gerade kamen – vielleicht von unserer Oma. Aber ich weiß noch genau, wie ich mich gefühlt habe: satt und zufrieden. Meine Eltern saßen vorn, Alice, Chiara und ich hinten. Die Sonne blitzte zwischen den Baumwipfeln hindurch, und ich sah aus dem Fenster oder, besser gesagt, versuchte es. Unser Auto – ein bordeauxroter, von schlammigen Schuhen, Eis- und Limonadeflecken gezeichneter Passat, der schon Koffer, Kinderwagen und Millionen von Einkaufstüten transportiert hatte – war nämlich so schmutzig, dass man durch die Scheiben kaum noch was erkennen konnte. Ich war also gezwungen, mir die Welt außerhalb des bordeauxroten Passats mehr oder weniger zusammenzureimen: Sie war wie ein Traum – wie einer von diesen Träumen kurz vor dem Aufwachen, und die mochte ich sehr.

Ich war fünf, Chiara sieben und Alice eins.

Wie gesagt, wir kamen gerade von unserer Oma oder so, und alles sah danach aus, dass dieser Sonntag genauso enden würde wie alle anderen auch, nämlich mit einer Dusche und einem Zeichentrickfilm auf dem Sofa, als Papa plötzlich vor einem leeren Firmenparkplatz das Lenkrad herumriss wie in einem Actionfilm, so, als müsste er einer Explosion ausweichen, und ihn ansteuerte. Wir fuhren über ein Schlagloch und wurden heftig durchgerüttelt. Mama klammerte sich am Türgriff fest und sah Papa nur schräg von der Seite an. Ich wartete darauf, dass sie so etwas sagte wie: »Was ist nur in dich gefahren, Davide?« Doch stattdessen lächelte sie nur und murmelte:

»Wir hätten auch damit warten können, bis wir zu Hause sind …«

Papa tat so, als wäre sein Verhalten völlig normal.

»Was ist denn?«, fragte Chiara.

»Was ist?«, fragte ich.

»…?«, machte Alice, ihr Gesicht ein einziges Fragezeichen.

Mama stieß nur einen merkwürdigen Seufzer aus und sagte … nichts. Papa ebenso wenig.

Wir drehten eine Runde nach der anderen über den Parkplatz, als müssten wir nach einem freien Stellplatz suchen, obwohl es bestimmt zweitausendfünfhundert davon gab. Auf der riesigen Asphaltfläche stand nur ein einziger alter Laster, ganz hinten unter den Bäumen, auf dessen Motorhaube sich zwei Katzen sonnten. Papa drehte weiter seine Runden, bis er einen Platz gefunden hatte, der ihm zusagte. Der musste etwas ganz Besonderes sein, denn er bremste und stellte das Auto genau darauf ab. Dann machte er den Motor aus und ließ ein Fenster herunter. Geheimnisvolles Schweigen und Moosgeruch breiteten sich im Wageninnern aus. Eine der Katzen auf dem Laster öffnete ein Auge, gähnte und blieb wachsam.

»Warum halten wir?«, fragte Chiara und sah sich angewidert um. »Und das ausgerechnet hier?«

»Ist das Auto kaputt?«, fragte ich.

»…?«, machte Alice, ihr Gesicht immer noch ein einziges Fragezeichen.

Seufzend warfen sich unsere Eltern einen Blick zu, aus dem ich nicht schlau wurde. Zwischen ihnen herrschte eine seltsam aufgekratzte Atmosphäre, eine Art Energiestrom aus knallbunten Konfetti.

Chiara beugte sich vor, die Augen groß wie Untertassen: »Also?«

Eine Krähe landete auf dem Asphalt. Papa musterte sie, schnallte sich ab und beugte sich zu uns nach hinten, wobei sich das Lenkrad in seine Seite bohrte. Mama verzog schmerzhaft das Gesicht und tat es ihm nach. Ich hielt die Luft an und starrte sie verständnislos an. Insgeheim wurde ich langsam nervös: Wieso verhielten sie sich so seltsam?

»Sag du es ihnen, Katia!«, meinte Papa.

Mama machte den Mund auf, aber es kam kein Wort heraus.

Mein Vater nickte ihr aufmunternd zu.

Seufzend sagte sie: »Es steht jetzt zwei zu zwei.«

Papa sah mir tief in die Augen. »Verstanden?«, bedeutete mir sein vielsagender Blick. »Wir haben es tatsächlich geschafft!«

Ich sah zwischen beiden hin und her. Was zum Teufel sollte das heißen?

Dann legte sich Mama die Hand auf den Bauch und Papa beugte sich vor, um seine daraufzulegen. In diesem Moment schlug Chiara die Hände vor den Mund und stieß einen lauten Schrei aus: »Ich fass es nicht!«

»Was denn?«, sagte ich zunehmend beunruhigt, weil ich nach wie vor nur Bahnhof verstand. »Was?«

»Sind wir schwanger?«, quietschte sie, warf die Arme in die Luft und trommelte begeistert gegen die Wagendecke.

»Na ja«, sagte Papa. »Rein medizinisch gesehen, ist nur eure Mutter schwanger.«

Ich zog die Nase kraus. »Wir sind schwanger?«, dachte ich. Donnerwetter! Doch dann fiel der Groschen – so rasant wie ein Skatebord, das ein steiles Gefälle hinuntersaust, nicht ohne dabei gehörig Blätter und Staub aufzuwirbeln und wild über Steine zu rumpeln: Zwei zu zwei, hatte Mama gesagt. Zwei zu zwei. Schwanger! Sohn! Bruder! Zwei Jungs und zwei Mädchen. Zwei und zwei.

»Zwei zu zwei?«, rief ich. »Zwei zu zwei?« Ich riss die Tür auf, stieg aus, ließ mich auf die Knie fallen und reckte die Faust, als hätte ich soeben rückwärts ein Tor geschossen. Ich sprang wieder auf, wirbelte herum und rannte wie besessen zu meinem Vater, versuchte, ihn zu umarmen, indem ich mich zum Fenster hineinbeugte. Aber ich war einfach zu klein und bekam nur sein Ohrläppchen zu fassen – das aber gründlich, sodass ich schon Angst hatte, ihm wehgetan zu haben. Ich stieg wieder ein und zog die Autotür zu. Ich bekam kaum noch Luft vor Freude. »Ich bekomme einen kleinen Bruder?«, sagte ich atemlos. »Ich bekomme tatsächlich einen kleinen Bruder? Wann genau? Wie soll er heißen? Wo wird er schlafen? Melden wir ihn im Basketballverein an?« Aber niemand hörte mir zu, denn Chiara hatte sich über den Schaltknüppel gebeugt, um Mama zu umarmen, Alice klatschte in die Hände, und Papa machte sich locker, indem seine Schultern einen Tanz aus lauter winzigen Zuckungen aufführten. In diesem Moment herrschte eine solch positive Energie in unserem Auto, dass sie ausgereicht hätte, die ganze Welt zu erleuchten.

»Und es wird wirklich ein Junge?«, schrie ich, um mir Gehör zu verschaffen.

»Ja, ein Junge«, bestätigte Papa.

»Irrtum ausgeschlossen?«

»Irrtum ausgeschlossen.«

Chiara war überglücklich, Alice bestimmt auch, aber ich war eindeutig der Glücklichste, denn ab jetzt würde eine ganz neue Ära anbrechen, eine neue Weltordnung: Papa und ich waren endlich nicht mehr in der Minderheit, und das war einfach … gigantisch. Drei Männer und drei Frauen – endlich Gerechtigkeit! Endlich keine unfairen Abstimmungen mehr, wenn um die Fernbedienung gestritten wurde. Endlich keine endlosen Shoppingtouren und vorhersehbaren Niederlagen mehr, wenn es darum ging, an welchen Strand wir fahren oder was wir essen sollten.

Aber das war noch längst nicht alles: »Damit ist unser Auto endgültig zu klein«, sagte ich. »Wir müssen uns ein neues kaufen.«

Chiara riss die Augen auf. »Deshalb ziehen wir auch um!«

Unsere Eltern hatten vor einiger Zeit begonnen, ein Haus zu renovieren. Jetzt war uns alles klar.

»Ich will ein blaues Auto«, sagte ich.

»Und ich ein rotes«, sagte Chiara.

»Blau!«

»Rot!«

»…!«, machte Alice, ihr Gesicht ein einziges Ausrufezeichen, und klatschte, ohne zu begreifen, was da eigentlich vor sich ging. Sie hatte sich einfach von der allgemeinen Begeisterung anstecken lassen. Die Sonne war ein Eidotter kurz vor dem Auslaufen, die Katze sprang von der Motorhaube und ein ganzer Vogelschwarm erhob sich wie auf Kommando in die Luft, um riesige Muster in den Himmel zu malen.

 

»Und, wie soll er heißen?«

Ich war der Erste, der das fragte, und zwar, als Mama mir gerade die Haare föhnte.

»Petronio!«, rief Papa aus dem Wohnzimmer, wo er Nüsschen knabberte.

»Maurilio«, erwiderte ich. Keine Ahnung, warum mich dieser Name immer so zum Lachen brachte. Sollte sich mein Bruder als Unsympath erweisen – was durchaus im Bereich des Möglichen lag, da man so etwas nicht im Vorfeld beeinflussen kann –, würde ich so auf jeden Fall meinen Spaß haben, allein schon, wenn ich seinen Namen rief.

»Kommt gar nicht infrage!«, sagte Chiara. »Wenn es ein Junge wird, heißt er Pietro, und wenn es ein Mädchen wird, Angela.«

»Chiara …« Ich seufzte geduldig.

»Ja?«

»Wir wissen bereits, dass es ein Junge wird.«

Sie schnaubte nur und tat so, als hätte sie mich nicht gehört.

Ich ahnte bereits, dass die Frauen in unserer Familie weniger glücklich mit der Pattsituation waren. Vielleicht hofften sie insgeheim, das Ergebnis noch ändern zu können.

»Dann eben Pietro!«, wiederholte Chiara.

Aber Pietro gefiel niemandem, ebenso wenig wie Marcello, Fabrizio oder Alberto. Ich schlug Remo vor, konnte mich aber nicht damit durchsetzen. Wir versuchten es mit den Namen von Großvätern und Onkeln, allerdings ohne Erfolg. Mit denen von entfernten Verwandten: ebenfalls Fehlanzeige. Dann mit denen von Schauspielern und Sängern – nada! Die Frage wurde also erst mal vertagt. Ich strengte mich ganz besonders an, einen passenden Namen zu finden: Es ging schließlich um meinen Bruder! Außerdem musste er gut zu Mazzariol passen, was im Veneto auch der Name eines Kobolds mit spitzem Hut und rotem Anzug ist. Er ist dafür bekannt, dass er allen Streiche spielt, die keinen Respekt vor der Natur haben, und eine der Sagengestalten, von denen die Alten an langen Winterabenden erzählen.

Aber in meinem kindlichen Eifer war ich mir sicher, dass man nicht nur von seinem Namen geprägt wird. Dass einen noch ganz andere Dinge zu der Persönlichkeit machen, die man ist oder einmal sein wird: Spielsachen zum Beispiel. Deshalb konnte ich meine Begeisterung kaum bremsen und wollte mich sofort nützlich machen. Schon am nächsten Tag bat ich meinen Vater, ein Geschenk für meinen Bruder kaufen zu gehen: Ich hatte beschlossen, ihm ein Stofftier zu schenken, ein Willkommensstofftier. Ich musste meine Eltern gar nicht lang überreden – im Gegenteil! Meine Mutter schien sich dermaßen über meinen Vorschlag zu freuen, dass sie mich im Kreis herumschwenkte. Seit wir eingeweiht worden waren, konnte ich über nichts anderes mehr reden. Wir gingen in meinen Lieblingsladen, ein altes Spielwarengeschäft, das mir allein schon deshalb gefiel, weil es von allen alten Läden der einzige war, der neu roch.

»Ich brauche ein starkes Stofftier!«, dachte ich. »Etwas, mit dem sich mein Bruder identifizieren kann.« Meine Eltern hatten mir beigebracht, auf den Preis zu achten – das Geld liegt schließlich nicht auf der Straße! Aber das war ein besonderer Anlass, und da durfte ich unter Umständen – ja mit Sicherheit! – etwas mehr ausgeben: mehr als zehn Euro, also einen Haufen Geld, wie ich fand. Denn mein Bruder hatte eindeutig ein Stofftier im Wert von über zehn Euro verdient.

Ich näherte mich dem Regal und konzentrierte mich auf die Tiere. Es gab Kaninchen, Katzen und Hunde. »Nein!«, dachte ich. »Das ist keiner, der mit Kaninchen spielt. Wenn, dann gefällt ihm bestimmt ein Löwe, ein Nashorn oder ein Tiger. Vielleicht auch ein …«

Da sah ich ihn.

»Der da!«, sagte ich zu meinem Vater und zeigte darauf.

»Was ist denn das?« Er nahm ihn in die Hand.

Ich schnaubte über so viel Ignoranz und verdrehte die Augen. »Ein Gepard«, sagte ich und dachte: »Wie kann man nur als Erwachsener nicht wissen, wie ein Gepard aussieht?«

»Bist du sicher, dass du den willst?«

»Der ist perfekt«, sagte ich. Und das war er auch – nicht umsonst ist der Gepard das wendigste, schnellste, majestätischste und vornehmste Tier überhaupt. Ich sah ihn schon vor mir: meinen Bruder, den Geparden. Wir würden im Treppenhaus Fangen spielen, uns auf dem Bett balgen, darum kämpfen, wer als Erster ins Bad dürfte. Und – was noch viel wichtiger war: Wir würden uns verbünden: um in den Besitz der DVD-Player-Fernbedienung zu gelangen oder um Schokokekse und einen Basketballkorb zu bekommen. Wir zwei würden die Welt erobern!

 

In dieser Nacht malte ich mir aus, was wir alles gemeinsam anstellen würden, der Gepard und ich. Ich stellte mir vor, wie wir das Zimmer mit Postern und die Wände mit Graffiti zupflastern würden. Ich würde stets sechs Jahre älter sein als er, mein Leben lang, und alles sechs Jahre vor ihm machen. Ich würde ihm jede Menge beibringen: Rad fahren, aber auch den Umgang mit Mädchen oder wie man auf Bäume klettert.

Wir Mazzariols sind nämlich begnadete Baumkletterer, und das schon seit vielen Generationen.

Deshalb bat ich Wochen später meinen Vater, ihn auf die Baustelle unseres zukünftigen Hauses begleiten zu dürfen. Ich hatte ein Glas mit Pflanzensamen dabei, die ich den ganzen Frühling über beim Mittag- und Abendessen gesammelt hatte. Irgendjemand hatte mir erzählt, dass man aus Obstkernen und Nüssen Bäume ziehen kann. Und da hatte ich begonnen, sie zu sammeln. An diesem Tag nahm ich sie mit. Es waren wahnsinnig viele.

Während sich Papa mit den Handwerkern unterhielt, ging ich heimlich auf die Rückseite des Hauses, schraubte den Deckel von meinem Einmachglas und streute die Samen aus – dort, wo später der Garten hinkommen sollte. Ich trampelte auf ihnen herum und bedeckte sie mit Erde, tat also alles, was ich für nötig hielt, um sie gut anwachsen zu lassen. Dann zwängte ich mich wieder auf den Rücksitz und wartete.

Doch auf einmal beschlich mich eine furchtbare Angst: Was, wenn ich zu viele zu dicht nebeneinander ausgesät hatte? Was, wenn sich die Bäume eines Tages umeinanderschlingen, ganz nah am Haus, ja sogar darin wachsen würden, sodass wir von Wald eingeschlossen wären?

Nachdem mein Vater alles erledigt hatte und in den Wagen gestiegen war, ließ er den Motor an und musterte mich im Rückspiegel. Meine besorgte Miene entging ihm nicht. »Ist irgendwas?«

Mein Vater hat seit jeher einen sechsten Sinn, wenn ich in Schwierigkeiten stecke.

Aber in diesem Moment wurde das Bild überwucherter Hausmauern von einem anderen überlagert, das zeigte, wie der Gepard und ich im tollsten Dschungelhaus überhaupt wohnen würden. Besser gesagt, in einem Baumhaus.

»Nein, nein«, erwiderte ich. »Alles bestens.«

Ich wischte mir die Hände an den Oberschenkeln ab. Mein Vater legte den ersten Gang ein und ließ den Wagen anrollen. Der Gedanke an das Baumhaus ließ mich nicht mehr los, sodass ich ihn mit ins Bett nahm und er mir bis zum nächsten Morgen Gesellschaft leistete.

 

Dann wurde ein Name gefunden. Im Supermarkt. Denn genau so macht man das.

 

Wir waren einkaufen, und zwar zu fünft. Wir schoben unsere Wagen durch die Gänge mit Obst, Haferflocken und Putzmitteln. Im Radio lief irgendeine exotische Musik und Chiara und ich führten einen hawaiianischen Tanz auf, den wir im Fernsehen gesehen hatten. Mein Vater versuchte, heimlich Schokoriegel, Nüsschen und Butterplätzchen in den Einkaufswagen zu schmuggeln.

»Warum eigentlich nicht Giacomo junior?« Abrupt hörte ich auf zu tanzen.

»Wie bitte?«, sagte meine Mutter.

»Als Name für meinen Bruder: Giacomo junior. Als ältester Sohn hab ich gewisse Rechte, oder etwa nicht?«

»Nein.«

»Was soll das heißen: ›Nein‹?«

»Ich will keinen ausländischen Namen.«

»Giacomo ist doch nicht ausländisch!«

Mama verdrehte die Augen.

»Dann eben Giacomo der Zweite? Giacomo der Kleine? Giacomo der Jüngere?«

»Hör auf mit dem Quatsch!«

»Wenigstens mit ›G‹ könnte er anfangen. Darf es ein Name sein, der mit ›G‹ anfängt? Die Leute sollen wissen, dass wir Brüder sind. Das ist ein Liebesbeweis. Mein Liebesbeweis.« Ich legte die Hand aufs Herz und setzte einen treuen Hundeblick auf, machte mein flehendstes Gesicht. Chiara tat so, als müsste sie in den Einkaufswagen kotzen.

»Gualtiero? Giancarlo, Gastone, Gilberto, Giuseppe, Girolamo …?«

»Die sind ja furchtbar!«, bemerkte Chiara.

»Das kann man wohl sagen«, bestätigte meine Mutter.

»Dann eben Gepard! Können wir ihn Gepard nennen?«

Aber da hörten sie mir schon gar nicht mehr zu und überlegten laut, wo Papa geblieben war. Der nutzte unsere Zerstreutheit gerne aus, um zu diesen Leuten zu gehen, die irgendwelche Kostproben anbieten. Dort tat er so, als wollte er etwas kaufen, nur um sich wie ein Verhungernder über ihre Tabletts herzumachen. Wir kamen zur Käsetheke und ich geriet ins Schwitzen. Was, wenn wir uns niemals einig werden würden? Was, wenn wir uns irgendwann geschlagen geben müssten und ihm gar keinen Namen geben würden? Ein namenloses Kind. Er für die Kindergärtnerinnen. Du weißt schon wer für seine Freunde. Der da oder He, Sie! für seinen zukünftigen Arbeitgeber.

»He, ihr zwei, worauf habt ihr mehr Lust?«, fragte Mama. »Auf Mozzarella oder Stracchino?«

»Stracchino!«, entschied Chiara. »Der von Nonno Nanni.«

In diesem Moment hatte ich einen Geistesblitz. »Giovanni!«, rief ich. Mama und Chiara drehten sich um. »Mein Bruder Joe!«

Mama rümpfte die Nase.

»Nein, entschuldige, ich meine natürlich mit ›G‹, nicht Joe. Mein Bruder Giovanni. Na, was sagt ihr dazu?«

»Giovanni gefällt mir«, erwiderte Chiara – meiner Meinung nach allerdings nur, weil sie den Stracchino hatte aussuchen dürfen.

»Hm, mir auch.« Mama nickte und sah aus, als wollte sie sagen: Wieso sind wir da nicht schon viel früher draufgekommen?

Damit war Gepards Name besiegelt – mitten im Käsegang des Supermarkts, umgeben von Provola und Robiola, umsäuselt von Einkaufsmusik –, allerdings ohne unseren Vater, der mal wieder auf Beutezug war.

 

Im Grunde war damit für mich das Wichtigste erledigt: Ich hatte einen Plüschgeparden gekauft, der ihm sein wahres Wesen vor Augen führen würde. Und ich hatte ihm einen Namen gegeben. Jetzt hieß es einfach nur abwarten. Mamas Bauch nahm zunehmend Gestalt an, unser Haus ebenfalls – nur der Wald in unserem Garten nicht, aber das hatte ja auch noch Zeit. Die Welt war auch so voller Wunder.

Doch dann, eines Sonntags – wieder an einem Sonntag –, als wir von irgendwoher zurückkamen, vielleicht wieder von unserer Oma, und wie immer am verlassenen Firmenparkplatz vorbeifuhren, riss Papa abrupt das Lenkrad herum und machte sich wie damals auf die Suche nach einem ganz besonderen Stellplatz für unseren bordeauxroten Passat. Aber auch für eine erneute Ankündigung.

»Schon wieder?«, fragte Chiara.

»Schon wieder?«, fragte ich.

»…?«, machte Alice, ihr Gesicht ein einziges Fragezeichen.

Kurz dachte ich: »Vielleicht sind es ja Zwillinge?« Oder aber … Ich riss die Augen auf. Nein, das war einfach ausgeschlossen! Papa fand einen Platz, parkte ein und machte den Motor aus. Dann schnallte er sich ab. Mama tat es ihm gleich. Noch bevor sie auch nur ein Wort sagen konnten, platzte es förmlich aus mir heraus: »Nein, ich flehe euch an! Sagt nicht, dass ihr euch geirrt habt, sagt nicht, dass es ein Mädchen wird!«

»Nein.« Mama setzte ein merkwürdiges Lächeln auf, das mir neuen Mut gab. »Wir haben uns nicht geirrt.«

Ich atmete auf. Alles andere war mir egal.

»Und warum stehen wir dann wieder auf diesem Parkplatz?«, fragte Chiara.

Unsere Eltern sahen sich an wie damals – wenn auch nicht ganz genau wie damals. Und wieder war da dieser Energiestrom aus bunten Konfetti, allerdings in einer etwas anderen Farbe. Es war, als würden wir dieselbe Szene erneut proben. Weil der Regisseur gesagt hatte: »Okay, okay, aber es fehlt mir noch an Pathos, kapiert? Ich will das pralle Leben sehen, mit allem Drum und Dran! Wut und Freude. Vergangenheit und Zukunft. Wärme und Kälte. Versetzt euch da richtig rein und anschließend ins genaue Gegenteil.«

Achtung, Aufnahme!

Und los ging’s.

Der verrostete Laster war weg. Stattdessen stand dort ein blauer Anhänger, der von einer Plane bedeckt war. Keine Katze weit und breit, nur zwei Krähen, die Verstecken spielten. Es war Sommer, die Sonne brach durch eine diesige Wolkenschicht und an den Zweigen der Bäume zitterten die Blätter. Ein Auto fuhr vorbei, das Radio bis zum Anschlag aufgedreht, mit wummernden Bässen. Mama wartete, bis die Musik verstummt war, und verkündete dann: »Wir müssen euch etwas sagen … Es hat was mit eurem Bruder zu tun.« Papa drückte ihre Hand.

»Euer Bruder …« Sie verstummte. »Nun, euer Bruder wird … besonders sein.«

Chiara und ich sahen uns an.

»Besonders?«, sagte sie.

»Besonders? Wie besonders?«, wollte ich wissen.

»Na ja, er wird auf jeden Fall … anders sein«, sagte Papa. »Vor allem liebevoll, unglaublich liebevoll. Er wird viel lächeln, sehr lieb und ruhig sein. Und er wird sein eigenes … Tempo haben.«

Ich runzelte die Stirn. »Tempo?«

»Und andere besondere Eigenschaften, die wir noch nicht kennen«, sagte Mama lächelnd.

»Es ist also eine gute Nachricht?«, fragte Chiara.

»Das auch, aber nicht nur«, sagte Papa ernst und runzelte seltsam die Stirn. Da blähte sich das Auto auf und fiel wieder in sich zusammen, als atmete es mit uns. »Es ist vor allem eine Nachricht, die alles verändert«, sagte er. Dann drehte er sich wieder nach vorn und machte das Radio an.

Ganz genau.

Damals erstaunte mich vor allem die Sache mit dem Radio – zumindest ist mir die von diesem Tag noch am besten im Gedächtnis geblieben. Papa hört eigentlich nicht oft Musik, ist aber ein echter Bruce-Springsteen-Fan: Seiner Meinung nach ist alles, was es über das Leben, den Tod, die Liebe und wichtige Weggabelungen zu sagen gibt, schon in einem Bruce-Springsteen-Song gesagt worden. Er machte also das Radio an und aus den Lautsprechern kam das Quietschen einer Mundharmonika. Sofort füllte sich das Auto mit Wehmut. Springsteen begann zu singen. The River. Und obwohl ich nichts von dem verstand, was er da sang – ich wusste nicht einmal, dass das Lied The River hieß –, also obwohl ich nichts davon verstand, wurde ich von Gefühlen regelrecht überschwemmt. Keine Ahnung, warum, aber ich erinnere mich noch mit einer unglaublichen Intensität daran, und auch, dass ich am liebsten alle umarmt hätte. Vielleicht tat ich das sogar, wenn auch im Stillen: Meinen Vater, weil er mein Vater war. Meine Mutter, weil sie meine Mutter war. Und meine Schwestern … na gut, doch sogar sie hätte ich umarmt. Keine Ahnung, warum.

 

Etwas höchst Ungewöhnliches würde geschehen.

 

In dieser Nacht träumte ich von einem Gepardenkind mit Superkräften. Wenn er besonders war, hatte er vielleicht Superkräfte. »Wow!«, dachte ich im Traum: Mein Bruder konnte fliegen. Mein Bruder war drei und superschnell, er hatte den Bizeps eines Bodybuilders und das Kreuz eines Rugbyspielers. Ich war von Feuer eingeschlossen, und er brach durch die Flammen, um mich da rauszuholen. Mehrere Terroristen aus der Vierten – aus der 4b, um genau zu sein – hielten mich gefangen, und er kam durch die Wand, um mich zu retten, ohne sich wehzutun, als wäre sein Skelett von Adamantium ummantelt wie das von Wolverine. Ich stand kurz davor, von einem Bären gefressen zu werden, und er hob mich zack! hoch und brachte mich in Sicherheit. Dann kehrte er mit einem Steak zum Bären zurück, um ihm eine Freude zu machen. Mein Bruder war Licht, Atome, Unvorhersehbarkeit. Mein Bruder wich Kugeln aus und Pfeile prallten einfach an ihm ab. Aber das war noch längst nicht alles: Er kam fast zu spät, um den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu retten, weil er vorher noch schnell eine Katze vom Baum holen musste. Er stürzte sich in einen Fluss, um ein Papierschiff an Land zu ziehen. Und er holte Spielzeugautos zurück, die in Gullys gefallen waren.

Tja.

Er war wirklich sehr speziell mit seinem hautengen Superheldenanzug und dem großen »S« auf der Brust. Er war drei Jahre alt, hatte gegeltes Haar, Bambiaugen und die Bauchmuskeln eines Wrestlingstars. Er redete nicht, er handelte. Und je mehr Zeit verging, desto mehr schmückte ich das Wort »speziell« aus, wenn auch erfüllt von einem riesigen nagenden Zweifel: Warum nur würde er so zur Welt kommen?

Kleines Land

»Kleines Land« ist ein Buch, das an die Kraft der Poesie glaubt und an die Menschlichkeit. Es ist ein Buch, das seine Leser*innen auf allen Ebenen anspricht. Wie in einer Melodie mischen sich in seinem Roman Freude und Melancholie zu etwas Wunderschönem. »Kleines Land« hat Kraft und Energie, und es ist das Buch zu unserer Zeit, in der so viele Menschen in Europa eine neue Heimat suchen.

Ein Buchtipp von Eva Maria Kaufmann, Lektorat Literatur

Blick ins Buch
Kleines LandKleines LandKleines Land

Roman

»Bevor all das geschah, von dem ich hier erzählen werde, gab es nur das Glück, das nicht erklärt werden musste. Wenn man mich fragte, wie geht es dir, habe ich geantwortet: gut.« Damals traf sich Gabriel mit seinen Freunden auf der Straße, erlebte seine Kindheit wie in einem paradiesischen Kokon. Bis seine Familie zerbrach und fast zur selben Zeit sein kleines Land, Burundi, bei einem Militärputsch unvorstellbare Grausamkeiten erdulden musste. Und seine Mutter den Verstand verlor. Zwanzig Jahre später erst, nach der Flucht mit seiner Schwester in ein fernes, fremdes Frankreich, kehrt Gabriel in eine Welt zurück, die er längst verschwunden glaubte. Doch er findet dort etwas wieder, das er für unwiederbringlich verloren hielt. – »Kleines Land« ist ein überwältigendes Buch, voller Schrecken und Glückseligkeit, Güte und ewiger Verlorenheit – ein Stück französischer Weltliteratur im allerbesten Sinne.
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1

Die wahren Gründe für die Trennung meiner Eltern werde ich nie erfahren. Aber anscheinend gab es da von Anfang an ein großes Missverständnis. Einen Konstruktionsfehler in ihrer Begegnung, ein Sternchen, das niemand gesehen hatte oder sehen wollte. In der Zeit davor waren meine Eltern jung und schön, Hoffnung ließ ihre Herzen schwellen wie die Sonne der Unabhängigkeiten. Das musste man sehen! Mein Vater konnte sein Glück nicht fassen, als er ihr am Hochzeitstag den Ring an den Finger steckte. Mit seinen stechenden grünen Augen, seinen blond gesträhnten brünetten Haaren und seiner Wikingerstatur hatte er natürlich einen gewissen Charme und auch was Väterliches. Mama war er trotzdem nicht gewachsen. Nicht mal bis zu den Knöcheln, denn die waren was ganz Besonderes. Nämlich der Ausgangspunkt langer, wohlgeformter Beine, die Frauen von Flinten träumen ließen und Männern von halb offenen Fensterläden. Papa war ein kleiner Franzose aus dem Jura, vom Zivildienst nach Afrika verschlagen, aus einem Kaff in den Bergen, wo die Landschaft der in Burundi zum Verwechseln ähnlich sah, aber dort gab es keine Frauen wie Mama, ranke Schönheiten wie Süßgrasrispen, hochgewachsen wie Wolkenkratzer, mit einer Haut wie Ebenholz und großen Augen wie ein Ankole-Rind. Das musste man hören! Am Hochzeitstag entsprang den schlecht gestimmten Gitarren eine unbekümmerte Rumba, und das Glück pfiff leise einen Cha-Cha-Cha unterm Sternenhimmel. Da gab’s kein Vertun! Blieb nur noch eins: Lieben. Leben. Lachen. Sein. Immer der Nase nach, ohne stehen zu bleiben, bis ans Ende der Straße und weiter.

Nur dass meine Eltern ratlose Jugendliche waren, von denen man auf einmal verlangte, verantwortungsvolle Erwachsene zu werden. Kaum ihrer Pubertät, den Hormonen und durchzechten Nächten entwachsen, sollten sie die auf ex geleerten Flaschenleichen entsorgen, die Stummel der Joints aus den Aschenbechern kratzen, ihre psychedelischen Rockplatten zurück in die Hüllen stecken und ihre Jeans mit Schlag und die indischen Blusen zusammenfalten. Ihre Stunde hatte geschlagen. Kinder, Steuern, Pflichten, Sorgen – sie kamen zu schnell und zu früh. Und mit ihnen Straßenräuber, Diktatoren und Staatsstreiche, Strukturprogramme, die Verleugnung der Ideale, dazu Tage, an denen es schwerfiel aufzustehen, und eine Sonne, die jeden Morgen ein bisschen länger im Bett lag. Die Wirklichkeit brach in ihr Leben ein. Hart und unbarmherzig. Aus dem leichtfüßigen Anfang wurde ein tyrannischer Rhythmus, unerbittlich wie das Ticken einer Standuhr. Die Natur machte auf Bumerang und flog meinen Eltern um die Ohren, die plötzlich begriffen, dass sie Lust mit Liebe verwechselt und sich die Eigenschaften des anderen entsprechend zusammengezimmert hatten. Sie hatten nur ihre Illusionen geteilt, nicht aber ihre Träume. Die behielten sie egoistisch für sich und waren auch nicht bereit, die Erwartungen des anderen zu erfüllen.

In der Zeit davor, bevor das alles passierte, vor dem, was ich erzählen werde, und dem ganzen Rest, war es das Glück, das Leben, das man nicht erklären muss. Es war, wie es war, wie es immer gewesen war und wie ich mir wünschte, dass es immer bleiben möge. Ein leiser, friedlicher Schlummer, ohne dass dir eine Mücke vor den Ohren herumtanzt, ohne dass ein Hagel von Fragen auf deinen Kopf einprasselt wie Regen auf ein Blechdach. In der Zeit des Glücks antwortete ich auf die Frage »Wie geht’s?« immer mit »Gut!«. Einfach so, zack. Das Glück erspart einem das Überlegen. Erst danach habe ich angefangen, über die Frage nachzudenken. Das Für und Wider abzuwägen. Mich dem zu entziehen und vage zu nicken. So ging es dem ganzen Land. Alle sagten nur noch »Geht so«. Weil nach all dem, was mit uns passiert war, das Leben nicht mehr richtig gut gehen konnte.

 

2

Der Anfang vom Ende des Glücks war, glaube ich, dieser Nikolaustag auf Jacques’ großer Terrasse in Bukavu. Einmal im Monat besuchten wir ihn in Zaire, den alten Jacques, das war zu einer Gewohnheit geworden. An diesem Tag kam Mama mit, obwohl sie schon seit Wochen nicht mehr viel mit Papa sprach. Bevor es losging, fuhren wir noch bei der Bank vorbei, um uns Devisen zu holen. »Wir sind Millionäre!«, rief Papa, als er wieder herauskam. Unter Mobutu hatte das Geld in Zaire so an Wert verloren, dass man für ein Glas Trinkwasser mit Fünf-Millionen-Scheinen bezahlte.

Am Grenzposten wechselten wir in eine andere Welt. An die Stelle burundischer Zurückhaltung trat zairisches Tohuwabohu. In dem Riesengewusel trafen sich Leute, schrien durcheinander oder beschimpften sich gegenseitig wie auf einem Viehmarkt. Lärmende, schmutzige Kinder beglotzten die Rückspiegel, die Scheibenwischer und die von Pfützen stehenden Wassers dreckbespritzten Felgen. Für ein paar Schubkarren Geld wurden Ziegen zu Spießen, ledige Mütter liefen Slalom durch die Reihen von Pick-ups und Minibussen, die Stoßstange an Stoßstange in der Schlange standen, und verkauften schwarz harte Eier, die man in grobes Salz tauchen konnte, oder Tütchen mit scharfen Erdnüssen, Bettler mit von der Kinderlähmung verbogenen Beinen wollten ein paar Millionen, um die lästigen Folgen des Berliner Mauerfalls zu überleben, und ein Pastor stand mit einer in Königspythonhaut gebundenen Bibel auf Suaheli in der Hand auf der Motorhaube seines klapprigen Mercedes und verkündete lautstark das baldige Ende der Welt. Ein in dem rostigen Grenzhäuschen vor sich hin dösender Soldat wedelte träge mit einer Fliegenklatsche. Dieselschwaden und heiße Luft hatten die Kehle des Beamten, der seit Ewigkeiten kein Gehalt mehr bekommen hatte, ausgedörrt. Riesige, aus Schlaglöchern entstandene Krater in den Straßen setzten den Autos zu. Das hinderte den Zöllner aber keineswegs daran, die Reifenprofile, den Kühlwasserstand und das ordnungsgemäße Funktionieren der Blinker bei jedem Einzelnen genauestens zu überprüfen. Zeigte das Fahrzeug keinen der erhofften Mängel, verlangte er einen Tauf- oder Erstkommunionschein, damit man ins Land durfte.

Kampfesmüde rückte Papa an diesem Nachmittag endlich das Trinkgeld raus, auf das all diese grotesken Manöver abzielten. Der Schlagbaum hob sich, und wir konnten unseren Weg im Dampf der heißen Quellen fortsetzen, die den Straßenrand säumten.

Zwischen der kleinen Stadt Uvira und Bukavu hielten wir an diversen dubiosen Spelunken, um Bananenbällchen und Tütchen mit frittierten Termiten zu kaufen. Die Lokale trugen wunderliche Namen wie »Au Fouquet’s des Champs-Elysées«, »Snack-bar Giscard d’Estaing« oder »Restaurant fête comme chez vous«. Als Papa die Polaroidkamera zückte, um diese Schilder zu verewigen und die Kreativität der Einheimischen zu feiern, tchipte Mama ihn an und warf ihm vor, einem Exotismus für Weiße zu huldigen.

Nachdem wir eine Vielzahl von Hähnen, Enten und Kindern fast totgefahren hätten, gelangten wir nach Bukavu, einer Art Paradies am Ufer des Kivu-Sees mit Art-déco-Überresten einer einst futuristischen Stadt. Bei Jacques war schon der Tisch für uns gedeckt. Er hatte frische Gambas aus Mombasa kommen lassen.

»Eine schöne Austernplatte wäre besser gewesen«, bemerkte Papa, »aber es tut schon gut, von Zeit zu Zeit was Anständiges zwischen die Zähne zu kriegen!«

»Worüber beklagst du dich, Michel?«, fragte Mama ohne Zärtlichkeit. »Schmeckt dir das Essen bei uns nicht?«

»Nein! Dieser blöde Prothé zwingt mich jeden Mittag, seine afrikanischen Hülsenfrüchte runterzuwürgen. Wenn er doch wenigstens ein Entrecôte braten könnte!«

»Davon kann ich auch ein Lied singen!«, pflichtete Jacques ihm bei. »Mein Küchenmakak brät alles tot, weil das angeblich die Parasiten vernichtet. Ich weiß gar nicht mehr, was ein ordentliches englisches Steak ist. Wäre ich doch nur in Brüssel, um mich einer anständigen Amöbenkur zu unterziehen!«

Allgemeines Gelächter. Nur Ana und ich am Ende des Tisches blieben still. Ich war zehn Jahre alt, sie war sieben. Vielleicht verstanden wir deshalb Jacques’ Humor nicht. Ohnehin war es uns strengstens verboten, etwas zu sagen, es sei denn, wir würden angesprochen. Das war die goldene Regel bei allen Einladungen. Papa konnte es nicht leiden, wenn Kinder sich in die Gespräche der Erwachsenen einmischten. Schon gar nicht bei Jacques, der wie ein zweiter Vater für ihn war, ein Vorbild, von dem er, ohne es zu merken, die Ausdrucksweise, die Mimik und sogar den Tonfall übernahm. »Von ihm habe ich alles über Afrika gelernt!«, sagte er oft zu Mama.

Zum Schutz vor dem Wind beugte sich Jacques unter den Tisch, um sich mit seinem silbernen Zippo mit den zwei eingravierten Hirschen eine Zigarette anzuzünden. Dann kam er wieder hoch, ließ ein paar Rauchkringel aus seiner Nase aufsteigen und schaute eine Weile auf den Kivu-See. Von seiner Terrasse aus konnte man in der Ferne eine verlorene kleine Inselkette entdecken. Jenseits, auf der anderen Seite des Sees, lag die ruandische Stadt Cyangugu. Mamas Blick hing an diesem Jenseits. Bestimmt gingen ihr jedes Mal, wenn wir bei Jacques zum Essen waren, trübselige Gedanken durch den Kopf. Dort drüben, nur wenige Kabellängen entfernt, lag ihre Heimat Ruanda, zum Greifen nah. Sie war nicht mehr dort gewesen, seit sie 1963 als Vierjährige im Schein der Flammen, die das Haus ihrer Familie niederbrannten, in einer Massakernacht von dort geflohen war.

Der Rasen in Jacques’ Garten war tadellos gemäht, von einem alten Gärtner, der seine Machete in weit ausholenden Bewegungen schwang wie einen Swingolf-Schläger. Vor uns saugten metallicgrüne Kolibris Nektar aus dem roten Hibiskus, was ein bemerkenswertes Ballett abgab. Ein Kronenkranichpärchen spazierte durch den Schatten der Zitronenbäume und Guajaven. Jacques’ Garten wimmelte vor Leben, sprühte vor Farben und verströmte einen zarten Zitronengrasduft. Sein Haus, das aus seltenen Hölzern des Nyungwe-Waldes und schwarzem, porösem Stein vom Nyiragongo-Vulkan erbaut war, ähnelte einem Schweizer Chalet.

Als Jacques die Tischglocke läutete, kam der Koch angelaufen. Seine Dienstkleidung mit Mütze und weißer Schürze passte nicht recht zu seinen schrundigen nackten Füßen.

»Stell uns noch drei Primus hin, und räum gefälligst diesen Saustall auf!«, befahl Jacques.

»Wie geht es dir, Évariste?«, fragte Mama den Koch.

»Gott sei Dank ganz gut, Madame!«

»Lass gefälligst Gott aus dem Spiel!«, warf Jacques ein. »Dir geht es nur deshalb gut, weil es noch ein paar Weiße in Zaire gibt, die den Laden am Laufen halten. Ohne mich würdest du betteln gehen, wie alle anderen von deiner Sorte auch!«

»Wenn ich Gott sage, mein ich doch dich, Chef!«, gab der Koch spöttisch zurück.

»Verarsch mich nicht, du Makak!«

Sie mussten beide lachen, und Jacques fuhr fort: »Unglaublich, dass ich es bei keiner Frau geschafft habe, sie länger als drei Tage zu halten, aber mir seit fünfunddreißig Jahren diesen Schimpansen aufhalse!«

»Du hättest mich heiraten sollen, Chef!«

»Funga kimwa! Bring lieber das Bier, statt hier dumm rumzulabern!«, sagte Jacques in einem neuerlichen Lachanfall, gefolgt von einem Räuspern, bei dem mir fast die Gambas wieder hochkamen.

Ein Kirchenlied vor sich hin singend, trollte sich der Koch. Jacques schnäuzte sich laut in ein mit seinen Initialen besticktes Stofftaschentuch, nahm seine Zigarette wieder auf, ließ ein bisschen Asche auf das versiegelte Parkett fallen und sagte zu Papa: »Das letzte Mal in Belgien haben die Ärzte mir gesagt, wenn ich nicht mit dem Rauchen aufhöre, gehe ich über den Jordan. Was ich hier nicht alles mitgemacht habe: Kriege, Plünderungen, Mangelwirtschaft, Bob Denard und Kolwezi, dreißig Jahre schwachsinnige ›Zairisierung‹, und am Ende bringen mich die Zigaretten um! Himmel, Arsch und Zwirn!«

Seine Hände und der kahle Schädel waren voller Altersflecken. Es war das erste Mal, dass ich ihn in Shorts sah. Seine unbehaarten, milchweißen Beine bildeten einen merkwürdigen Gegensatz zur sonnenverbrannten Haut der Unterarme und des zerfurchten Gesichts – als ob sein Körper aus unterschiedlichen Teilen zusammengefügt wäre.

»Vielleicht haben die Ärzte recht, und du solltest mal kürzertreten«, schaltete Mama sich ein. »Drei Päckchen pro Tag sind ganz schön viel, lieber Jacques.«

»Fang du jetzt nicht auch damit an!«, erwiderte Jacques, immer noch an Papa gewandt, als wäre Mama gar nicht da. »Mein Vater hat geraucht wie ein Schlot und ist fünfundneunzig geworden. Und was der sonst noch so alles erlebt hat! Das waren Zeiten, damals im Kongo unter Leopold III.! Ein Teufelskerl, mein Vater! Hat die Eisenbahnstrecke von Kabalo nach Kalemi gebaut. Die natürlich auch schon lange nicht mehr funktioniert, wie alles in diesem Drecksland. Das totale Chaos, kann ich dir sagen!«

»Warum verkaufst du nicht alles und kommst nach Bujumbura?«, rief Papa mit der Begeisterung aus, die ihn gelegentlich befiel, wenn er spontan eine Eingebung hatte. »Das Leben dort ist angenehm. Ich habe jede Menge Baustellen und bekomme Angebote en masse. Da ist gerade einiges zu holen!«

»Verkaufen? Hör mir auf mit dem Scheiß! Meine Schwester bequatscht mich schon ständig am Telefon, dass ich nach Belgien gehen soll. ›Komm nach Hause, Jacques‹, sagt sie immer, ›sonst geht es noch schlecht für dich aus. Bei den Zairern endet es doch immer damit, dass sie die Weißen ausplündern und lynchen.‹ Kannst du dir mich in einer Wohnung in Ixelles vorstellen? Ich hab nie da gelebt, was soll ich dort in meinem Alter? Als ich das erste Mal belgischen Boden betreten habe, war ich fünfundzwanzig und hatte zwei Kugeln im Bauch. Die haben sie mir aus einem Hinterhalt verpasst, als wir die Kommunisten aus Katanga vertrieben haben. In Belgien bin ich unters Messer gekommen, aber kaum war ich wieder zusammengeflickt, bin ich stehenden Fußes zurück. Ich bin mehr Zairer als all diese Neger zusammen! Ich bin hier geboren und werde hier sterben! In Bujumbura würde es mir ein paar Wochen gefallen, ich würde zwei, drei Geschäfte abschließen, ein paar großen bwanas die Hand schütteln, ein paar Garküchen und alte Freunde abklappern und dann wieder heimfahren. Die Burunder sind so gar nicht mein Fall. Bei den Zairern weiß man wenigstens, woran man ist. Matabiche, Bakschisch, Trinkgeld, und alles läuft! Aber die Burunder? Komische Käuze. Kratzen sich mit der rechten Hand am linken Ohr …«

»Genau das sage ich auch immer zu Michel!«, warf Mama ein. »Ich halte das Land nicht mehr aus!«

»Bei dir ist das ganz was anderes, Yvonne«, sagte Papa verärgert. »Du träumst ja davon, in Paris zu leben, das ist deine fixe Idee!«

»Ja, und es wäre gut für uns alle, für dich, für mich und für die Kinder. Was haben wir denn für eine Zukunft in Bujumbura? Kannst du mir das sagen? Doch nur dieses jämmerliche, kleine Leben!«

»Fang nicht schon wieder damit an, Yvonne! Es ist immerhin deine Heimat, von der du sprichst.«

»Nein, nein, nein, nein, nein … Meine Heimat ist Ruanda! Da, gegenüber, vor deinen Augen! Ruanda! Ich bin ein Flüchtling, Michel. Und in den Augen der Burunder bin ich das immer gewesen. Sie haben es mich spüren lassen mit ihren Beleidigungen, ihren Unterstellungen, ihren Ausländerquoten und ihrem Numerus clausus in der Schule. Also lass mich gefälligst von Burundi denken, was ich will!«

»Warte, Schatz!«, sagte Papa in gewollt beruhigendem Tonfall zu Mama. »Schau dich mal um. Diese Berge, diese Seen, diese Landschaft! Wir leben in einem schönen Haus mit Hausangestellten, Platz für die Kinder, das Klima ist gut, und die Geschäfte laufen nicht schlecht. Was willst du mehr? So einen Luxus wirst du in Europa nie haben, das kannst du mir glauben. Europa ist keineswegs das Paradies, das du dir vorstellst. Warum, glaubst du, habe ich mir hier seit zwanzig Jahren ein Leben aufgebaut? Warum, glaubst du, bleibt Jacques lieber in Zaire, statt nach Belgien zu gehen? Hier sind wir privilegiert. Dort sind wir niemand. Warum weigerst du dich, das zu begreifen?«

»Du redest und redest, aber ich weiß um die Schattenseiten. Du bewunderst die lieblichen Hügel, aber ich kenne das Elend derer, die dort hausen. Du schwärmst von der Schönheit der Seen, aber ich rieche das Methan, das unter dem Wasser schlummert. Du bist aus deinem ruhigen Frankreich geflohen, um in Afrika Abenteuer zu erleben. Schön für dich! Aber ich wünsche mir die Sicherheit, die ich nie hatte, den Luxus, meine Kinder in einem Land großzuziehen, in dem man keine Angst haben muss zu krepieren, weil man …«

»Hör auf mit deinen ewigen Ängsten und deinem Verfolgungswahn, Yvonne! Du musst immer gleich alles dramatisieren. Mit deinem französischen Pass hast du doch nichts mehr zu befürchten. Du lebst in einer Villa in Bujumbura, nicht in einem Flüchtlingslager, also mach bitte mal halblang!«

»Ich pfeife auf deinen Pass, das ändert nichts an der Sache, an dieser Bedrohung, die überall lauert. Aber die Geschichte, von der ich spreche, interessiert dich ja nicht, Michel, und sie hat dich auch nie interessiert. Du warst immer nur auf der Suche nach einem neuen Spielplatz, wo du als verwöhntes Kind des Westens deine Träume ausleben kannst …«

»Was redest du denn da? Du gehst mir ganz schön auf die Nerven, ehrlich. Viele Afrikanerinnen würden sich glücklich schätzen, wenn sie an deiner Stelle …«

Mama starrte Papa so streng an, dass er es nicht wagte, den Satz zu beenden. Dann fuhr sie sehr ruhig fort:

»Du merkst ja nicht einmal mehr, was du sagst, mein armer Michel. Ich gebe dir einen guten Rat: Als alter Baba-cool-Hippie solltest du es nicht mit Rassismus versuchen, das steht dir überhaupt nicht. Überlass das lieber Jacques und den anderen echten Kolonialisten.«

Jacques verschluckte sich am Rauch seiner Zigarette. Mama war es egal, sie war aufgestanden, hatte Papa ihre Serviette ins Gesicht geworfen und war gegangen. In dem Moment kam der Koch, ein freches Grinsen auf den Lippen, und brachte das Primus auf einem Plastiktablett.

»Yvonne! Komm sofort zurück!«, brüllte mein Vater, beide Fäuste auf den Tisch gestemmt und den Hintern leicht angehoben. »Du entschuldigst dich auf der Stelle bei Jacques!«

»Lass gut sein, Michel«, sagte der. »Frauen …«

 

3

In den folgenden Tagen versuchte Papa immer wieder, mit zärtlichen Worten und Scherzen alles wiedergutzumachen, doch Mama blieb kalt wie Marmor. Am Sonntag wollte er uns unbedingt zum Essen nach Resha ausführen, das sechzig Kilometer von Bujumbura entfernt am Seeufer liegt. Es wurde unser letzter gemeinsamer Familiensonntag.

Die Fenster des Wagens waren heruntergekurbelt, und der Wind pfiff so laut, dass wir kaum was verstanden. Mama wirkte abwesend, und Papa versuchte, das Schweigen zu übertönen, indem er uns ständig Sachen erklärte, nach denen keiner gefragt hatte: »Schaut mal, ein Kapokbaum. Den haben die Deutschen Ende des 19. Jahrhunderts nach Burundi eingeführt. Von ihm kommt Kapok, diese Fasern, mit denen die Kopfkissen gefüllt sind.« Die Straße führte am See entlang und dann geradeaus Richtung Süden bis zur tansanischen Grenze. Papa redete weiter vor sich hin: »Der Tanganjika-See ist der längste und fischreichste See der Welt. Er misst über sechshundert Kilometer, und seine Fläche ist größer als die von Burundi.«

Die Regenzeit war vorbei, der Himmel klar. In den Zairer Bergen am gegenüberliegenden Ufer konnte man in ungefähr fünfzig Kilometer Entfernung die Blechdächer schimmern sehen. Kleine weiße Wolken schwebten wie Baumwollbäuschchen vor den Gipfeln.

Die Brücke über den Mugere-Fluss war nach dem letzten Hochwasser zusammengebrochen, also durchquerten wir den Fluss in seinem Bett. Wasser lief in den Wagen, und Papa schaltete zum ersten Mal, seit er den Pajero hatte, den Allradantrieb ein. In Resha gab es ein Schild zum »Restaurant le Castel«. Wir bogen in einen kleinen, von Mangobäumen gesäumten Erdweg ein und wurden von einer Horde Grünmeerkatzen empfangen, die einander auf dem Parkplatz lausten. Am Eingang zum Restaurant stand ein komisches Gebäude mit einem roten Blechdach, überragt von einem Signalmast; ein kupfernes Schild stellte den Pharao Echnaton dar.

Wir nahmen unter einem Amstel-Sonnenschirm auf der Terrasse Platz. Nur ein anderer Tisch in der Nähe der Bar war noch besetzt, dort aß ein Minister mit seiner Familie zu Mittag, umrahmt von zwei bewaffneten Soldaten. Die Ministerkinder waren noch braver als wir, sie gaben keinen Mucks von sich, griffen höchstens scheu nach ihrer Fantaflasche. Aus den Lautsprechern erklang leise und verrauscht Canjo Amissi von einer Kassette, Papa wippte auf seinem Plastikstuhl mit und ließ seinen Schlüssel um den Finger kreisen. Mama schaute Ana und mich mit einem traurigen Lächeln an. Als die Kellnerin kam, bestellte sie: »Kapitänsspieße, vier! Zwei Fruito. Zwei Amstel.« Kleinen Angestellten gegenüber sprach Mama nie in ganzen Sätzen, sondern im Telegrammstil. Das Personal verdiente kein Verb.

Man musste oft eine gute Stunde rechnen, bis das Essen kam. Und da die Atmosphäre am Tisch zwischen Papas Schlüsselklimpern und Mamas schiefem Lächeln so drückend war, nutzten Ana und ich die Gelegenheit zu verschwinden, um einmal in den See zu hüpfen. »Passt auf die Krokos auf, Kinder …«, rief Papa uns nach, um uns Angst zu machen. Zehn Meter vom Ufer entfernt ragte ein Felsen aus dem Wasser wie der runde Rücken eines Nilpferds. Wir rannten zu der Stelle und fanden etwas weiter einen Eisensteg, von dem wir in das türkisfarbene Wasser tauchen und die Fische beim Herumschwänzeln zwischen den großen Steinen beobachten konnten. Als ich die Leiter hinaufstieg, sah ich Mama in ihrem weißen Kostüm mit dem breiten braunen Ledergürtel und dem roten Tuch in den Haaren am Strand stehen. Sie bedeutete uns, dass wir essen kommen sollten.

Danach fuhr Papa mit uns zum Kigwena-Wald, um uns die Paviane zu zeigen. Wir liefen fast eine Stunde einen schmalen, lehmigen Weg entlang, ohne irgendwas zu entdecken außer ein paar grünen Turakos. Die Stimmung zwischen Mama und Papa war furchtbar. Sie redeten nicht miteinander und wichen den Blicken des anderen aus. Meine Schuhe waren total matschig. Ana lief voraus, sie wollte die Affen als Erste entdecken.

Anschließend zeigte Papa uns die Palmölfabrik in Rumonge, bei der er 1972, als er nach Burundi kam, die Bauaufsicht geführt hatte. Die Maschinen waren alt und das ganze Gebäude von einer schmierigen Substanz bedeckt. Berge von Palmfrüchten trockneten auf großen blauen Planen. Rundherum breitete sich kilometerweit eine riesige Plantage aus. Während Papa die verschiedenen Stufen der Pressung erklärte, sah ich, wie Mama sich absetzte und zum Wagen ging. Auf dem Heimweg kurbelte sie die Fenster hoch und machte die Klimaanlage an. Dann legte sie eine Kassette von Khadja Nin ein, und Ana und ich sangen »Sambolera« mit, bis Mama einfiel. Sie hatte eine schöne Stimme, die die Seele streichelte und uns genau solche Schauer über den Rücken jagte wie die Klimaanlage. Wir hätten am liebsten die Kassette angehalten, um nur Mamas Stimme zu hören.

Als wir über den Markt von Rumonge fuhren, schaltete Papa in einen anderen Gang und legte dabei seine Hand auf Mamas Knie. Sie schob sie weg, wie man eine Fliege von seinem Teller verscheucht. Papa schaute in den Rückspiegel, und ich drehte meinen Kopf zum Fenster und tat so, als ob ich nichts gesehen hätte. Bei Kilometer 32 kaufte Mama ein paar Kugeln ubusagwe, in Bananenblätter eingewickelte kalte Maniokpaste, die wir im Kofferraum verstauten. Zum Abschluss unseres Ausflugs hielten wir am Livingstone-Stanley-Stein mit der Inschrift »Livingstone, Stanley, 25-XI-1889«. Ana und ich spielten das Treffen der beiden Forscher nach: »Doktor Livingstone, nehme ich an?« Von Weitem sah ich, wie Papa und Mama endlich miteinander redeten. Ich hoffte so sehr, dass sie Frieden schlossen, dann würde Papa Mama in seine starken Arme nehmen und sie ihren Kopf in seine Halsbeuge legen, und dann würden sie Hand in Hand wie Verliebte den Weg zur Bananenplantage hinunterlaufen. Doch bald war mir klar, dass sie sich stritten, weil sie so wild herumfuchtelten und einander ständig anklagend den Zeigefinger unter die Nase hielten. Ein warmer Wind hinderte mich daran zu verstehen, was sie sagten. Hinter ihnen bogen sich die Bananenstauden, eine Gruppe Pelikane flog über das Vorgebirge, die rote Sonne versank hinter den Hochebenen im Westen, und ein blendendes Licht legte sich auf die glitzernde Oberfläche des Sees.

 

Nachts ließ Mamas Zorn die Wände unseres Hauses wackeln. Glas splitterte, Scheiben zersprangen, Teller zerschellten auf dem Boden.

»Beruhige dich, Yvonne!«, sagte Papa immer wieder. »Du weckst noch das ganze Viertel auf!«

Doch sie schrie nur: »Hau ab!«

Mamas Stimme hatte sich vor lauter Schluchzen in einen Strom aus Schlamm und Schotter verwandelt. Wortkaskaden und dröhnende Flüche erfüllten die Nacht. Schließlich verlagerte sich der Lärm nach draußen. Ich hörte Mamas Geschrei unter meinem Fenster und das Krachen der Stoßstange, als sie den Wagen zu Schrott fuhr. Dann nichts mehr, dann wieder das Grollen der Gewalt, dieser Gewalt, die überall grollte. Ich sah das Hin und Her ihrer Schritte in dem Lichtspalt unter meiner Zimmertür. Mein kleiner Finger bohrte in dem Loch im Mückennetz über meinem Bett. Die Stimmen vermischten sich, verzerrten sich in den Tiefen und in den Höhen, sprangen von den Fliesen zurück, hallten an der Zwischendecke wider, ich wusste nicht mehr, ob es Französisch war oder Kirundi, ob Schreie oder Weinen, ob meine Eltern sich schlugen oder die Hunde im Viertel den Tod anheulten. Ich klammerte mich ein letztes Mal an mein Glück, weil ich es nicht verlieren wollte, aber ich konnte es so fest halten, wie ich wollte, es war voller Palmöl aus der Fabrik in Rumonge und glitschte mir schließlich aus den Händen. So, das war’s, unser letzter Familiensonntag zu viert. In der Nacht verließ Mama das Haus, Papa unterdrückte sein Schluchzen, und während Ana mit geballten Fäusten schlief, zerriss mein kleiner Finger das Netz, das mich seit Ewigkeiten vor Mückenstichen schützte.

Vom Autor der Entdeckung der Langsamkeit

Auch in seinem jüngsten Roman »Das Glück des Zauberers« bedient sich Sten Nadolny zweier Kunstgriffe, um seinem literarischen Anliegen Ausdruck zu verleihen. Er stellt nicht nur einen 106-jährigen, indianischen Helden Pahroc in den Mittelpunkt seiner Geschichte, sondern er verleiht ihm überdies die Fähigkeit zu zaubern.

Seine Geschichte, die 1904 beginnt und in unseren Tagen endet, ist zugleich die Geschichte des 20. Jahrhunderts – betrachtet durch die Augen eines außergewöhnlichen Mannes, dessen Kunst es ihm ermöglicht, den Ereignissen seiner Zeit mit ungewöhnlichen Mitteln zu begegnen. Wichtiger aber vielleicht ist, dass Pahroc noch etwas mit anderen Helden aus dem Nadolny’schen Werk teilt: seinen Humor, seinen Eigensinn und seine große Menschlichkeit. Diese wunderbaren Eigenschaften machen »Das Glück des Zauberers« zu einem funkelnden Stück Literatur, das einen kurzweiligen, erfrischend anderen Blick auf unsere jüngste Geschichte wirft.

Ein Geschenktipp von Thomas Tebbe, Lektorat Literatur

Blick ins Buch
Das Glück des ZauberersDas Glück des ZauberersDas Glück des Zauberers

Roman

»Allem Zauber wohnt ein Anfang inne«: So formulierte es sein Berliner Lehrmeister Schlosseck gern – und die Anfänge des Zauberers Pahroc reichen zurück in die Jahre vor dem ersten Weltkrieg. Schon bald kann Pahroc durch die Lüfte spazieren, später lernt er durch Wände zu gehen und für Sekunden aus Stahl zu sein, was ihm dabei hilft, auch den nächsten Krieg zu überleben. Als es ihm gelingt, Geld herbeizuzaubern, kann er endlich auch seine wachsende Familie ernähren. Pahroc gehört bald zu den Großen seines heimlichen Fachs, getarnt hinter Berufen wie Radiotechniker, Erfinder und Psychotherapeut. Im Alter von über 106 Jahren gilt seine größte Sorge der Weitergabe seiner Kunst an seine Enkelin Mathilda – und so schreibt er sein Leben für sie auf. Es ist die lebenskluge, unerhörte Geschichte eines Mannes und seiner sehr eigenen Art des Widerstands gegen die Entzauberung der Welt.
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Rejlanders Begleitbrief

Stockholm, 28. Juli 2017

 

Liebe Iris, lieber Stephan,

Pahroc hat mich zur Nachlassverwalterin bestimmt. Ich schicke Euch hier vertraulich die zwölf langen Briefe, die er mit Unterbrechungen zwischen 2012 und 2017 an seine Enkelin Mathilda geschrieben hat – an die spätere, erwachsene Mathilda wohlverstanden! Denn während er den ersten Brief schrieb, war sie drei Monate, und beim letzten, den er einen Tag vor seinem Tod unvollendet liegen lassen musste, fünfeinhalb Jahre alt.

Mathilda wird die Briefe also erst im Jahre 2030 oder später, sozusagen als Buch, überreicht bekommen, so hat Pahroc das verfügt. Ihr seid die Einzigen außer Waldemar III. und Waldemar IV., Pahrocs letzten Dienern, denen ich Kopien dieser Briefe schon jetzt zu lesen gebe. Der Grund, warum ich Euch teilhaben lasse: Ihr gehört zu denen, die meine Geschichte mit Pahroc verstanden haben und ich möchte über ihn und seine Briefe mit Euch sprechen können.

Wie es mit dem Schreiben dieser Briefe angefangen hat, hat er mir selbst erzählt, und wenn ich je einen Film über ihn machen sollte, würde er mit jenem Tag beginnen – und mit Mathilda:

 

Da schläft ein Baby. Es wird von einem alten Mann beobachtet, der sich dazu eigens einen Stuhl an das Bettchen herangerückt hat. Er schaut nicht rechts und nicht links und scheint darauf zu warten, dass das Kind erwacht. Es ist still in der Wohnung, zu hören ist das Ticken der Pendeluhr an der Wand, und ab und zu brummelt der alte Herr etwas, es klingt freundlich und wie eine Frage, aber was für eine Antwort könnte ihm der Säugling geben? Mathilda ist an diesem Tag Ende März gut drei Monate alt, geboren in der Heiligen Nacht. Was übrigens nur begrenzt Glück bedeutet, denn die Zahl der Geschenke pro Jahr verringert sich bei solchen Kindern durch das Zusammentreffen von Geburts- und Weihnachtstag etwa auf die Hälfte.

Der Alte hat schlohweißes, etwas zerzaustes Haar und viele Falten im Gesicht. Es sind freundliche Falten, keine griesgrämigen, er hat das Lachen offenbar nicht verlernt. Dünn und leicht ist sein Körper, die Haltung aufrecht, der Rücken gerade. Er beobachtet, murmelt und lächelt, wirkt neugierig, aber nicht ungeduldig.

Die Wohnung ist groß, hier lebt eine Familie mit mehreren Kindern, und es ist eine teure Wohnung, weitläufig, hell, hoch über der Stadt gelegen. Durch die Fenster sind Dachgiebel zu sehen und in der Ferne der Turm eines Senders. Vom Straßenlärm merkt man hier nichts, hin und wieder dröhnt ein Flugzeug. Die Pendeluhr schnarrt jetzt und lässt zwölf Glockenschläge hören. Das Kind regt sich, wird es aufwachen? Es öffnet ein Auge, und die rechte Hand schlüpft aus der Decke, zuckt kurz hoch, aber dann bleibt sie liegen, die Kleine schläft weiter.

Dem alten Herrn ist die Brille von der Nase und zu Boden gefallen, er bückt sich ächzend nach ihr und sieht: Ein Glas ist raus. Er scheint sich nicht darüber zu ärgern, im Gegenteil, er lacht vergnügt in sich hinein. Nun steht er auf und versucht, das Brillenglas auf dem Boden zu sehen, aber erst als er ein Knacken hört, weiß er, wo es ist oder besser gesagt, war. Der Alte droht dem Säugling lachend mit dem Finger und sagt: »Jetzt habe ich dich! Du bist erkannt, du liegst vor mir wie ein offenes Buch!« Er geht näher an das Bett heran, streicht dem Baby übers Köpfchen und flüstert: »Du kleiner Teufel! Du hast meinen Segen – und den von Emma.«

Der Alte holt ein Schäufelchen und einen Handbesen aus der Küche und beseitigt die Glassplitter auf dem Teppich. Danach geht er durch einen langen Flur, an dessen Wänden Preisurkunden und Porträtfotos hängen. Sie zeigen aber nicht ihn, sondern offenbar einen Schauspieler in verschiedenen Bühnen- oder Filmrollen, einen virilen Typ mit viel Kinn, kühlem Blick und der Nase eines Indianerhäuptlings. »John Parrock« steht auf einer der Urkunden, wir sind also in der Wohnung einer Familie Parrock. Der Alte betritt ein kleines Zimmer, das sein eigenes zu sein scheint: Auch in diesem hängen viele Fotos, auf denen vor allem eine lächelnde Frau zu sehen ist, meist zusammen mit ihm, dem Alten, in jüngeren Jahren. Er setzt sich an einen Biedermeiersekretär, dessen Schreibfläche durch einen verschließbaren Rollladen vor ungebetenen Blicken geschützt ist. Den zieht er hoch und drückt mit beiden Daumen zwei Stellen nahe der Rückwand, wodurch ein Geheimfach aufklappt. Da schimmert eine kleine Flasche Whisky, die er aber nur herausnimmt, um an das zu kommen, was darunter liegt, ein großes Kuvert, aus dem er einen mehrseitigen Brief zieht. Er liest die erste Seite, die mit der Anrede »Johann, mein lieber Sohn!« beginnt, schraubt das Tintenfass auf und greift zu einer der Federn im Becher – ja, er schreibt mit Feder und Tinte, wie man es vor hundert Jahren in den Volksschulen gelernt hat. Sein erster Strich ist die Streichung der bisherigen Anrede, dann schreibt er darüber: »Meine liebe Enkelin Mathilda«. Und an den Rand: »Wenn Du das liest, bin ich tot. Vielleicht schon so lange, dass Du Dich an Großvater Pahroc nicht mehr erinnerst.« Er korrigiert an dieser Formulierung noch ein wenig herum, malt einen Pfeil, der den Randtext unter der neuen Anrede einfügt, und liest dann das bereits Vorhandene weiter, um zu sehen, ob weitere Streichungen oder Einfügungen nötig sind.

Jetzt fällt ihm etwas Wichtiges ein. Er zieht die hölzerne Jalousie wieder über die Schreibfläche, steht auf, geht zurück in den Flur und zieht sich einen dicken Mantel an, denn dieser März ist der kälteste seit Jahrzehnten. Der Mantel ist ein geräumiges, schützendes Fellhaus mit Kapuze, ein Dufflecoat. Der alte Herr betrachtet sich im Spiegel an der Tür und ist zufrieden. Dufflecoat und Baskenmütze – schon ihretwegen liebt er den Winter. »Trevor Howard«, murmelt er vergnügt. Ja, sein Gedächtnis ist noch ganz gut. Er wäre vor sechzig Jahren nie auf die Idee gekommen, sich diesen Mantel zu kaufen, hätte nicht auch der britische Ermittler im »Dritten Mann« einen solchen getragen. Ohne den Film hätte der Siegeszug des Dufflecoats nicht stattgefunden. »Major Calloway«, sagt er, setzt die Baskenmütze schräger, verlässt die Wohnung, fährt abwärts und geht aus dem Haus. Dass ihm ein Glas in der Brille fehlt, behindert ihn kaum. Unterwegs kauft er eine Zeitung.

In der Trambahn muss er stehen. Heutzutage hebt niemand mehr für einen Hundertjährigen den Hintern vom Sitz, aber das bekümmert ihn nicht. Sollen sie doch sitzen bleiben, diese maroden Sechzehnjährigen, er kann unmöglich wollen, dass sie aufstehen, um dann vor seinen Augen aus Überanstrengung zusammenzubrechen. Er selbst kann stundenlang stehen und gehen. Der Weg von der Haltestelle bis zum Friedhof ist für ihn ein Leichtes, auch über den festgetretenen Schnee, der sich vielerorts in Eisplatten verwandelt hat – zwei Wochen vor Ostern schneit es immer noch. Als er am Grab angekommen ist, schiebt er den Schnee vom Bänkchen, breitet seine Zeitung über die Sitzfläche – nein, nur den Anzeigenteil, aber der ist dick genug –, setzt sich und schaut den Grabstein an. Unter dem Foto im ovalen Rähmchen steht: »Emma Pahroc, geb. von Schroffenstein, auf ewig geliebte Zauberin, 1912–1955«.

So dürfte sich das, an einem Märztag des Jahres 2012, also vor fünfeinhalb Jahren, tatsächlich zugetragen haben. Und so könnte der Film anfangen – mit einem Rätsel. Danach käme die große Rückblende, in der klar werden würde, warum der alte Mann einen Brief, den er 1955 seinem Sohn zugedacht hat, gut sechzig Jahre später um- und fortschreibt, an seine noch winzige Enkelin richtet und ihm weitere Briefe hinzufügt.

Ob es eine Buchveröffentlichung geben wird, ist zweifelhaft. Pahroc hat das alles ja nur für Mathilda geschrieben, und sie wird, wenn sie volljährig ist und es gelesen hat, über diese Frage entscheiden. Dass ich es Euch beiden zu lesen gebe, bleibt bitte erst mal unter uns. Ich weihe Euch auch aus folgendem Grund ein: Falls mir (und dem Originalmanuskript) irgendetwas zustoßen sollte, kümmert Euch bitte um Mathilda und gebt ihr Euer Exemplar zur vorgesehenen Zeit. Außerdem hattet Ihr am lebenden Pahroc Eure Freude, und ich bin sicher, dass es Euch mit diesen Briefen genauso gehen wird – ich jedenfalls liebe darin das Wahre ebenso wie das Erfundene.

Einige Briefe waren auf dem Computer, andere mit der Hand geschrieben. Es war nicht leicht für mich, Letztere vollständig zu entziffern und abzuschreiben. Pahroc brauchte keine Geheimschrift – sein Sütterlin können nur die lesen, die sich das, so wie ich, mühsam beigebracht haben. Jetzt dürften aber alle Briefe richtig wiedergegeben sein. Ich habe selbstverständlich nichts hinzugefügt, auch keine Erklärungen bis auf eine einzige. Wo Pahroc es zum Beispiel abgelehnt hat, historische Personen beim Namen zu nennen, habe ich diese Entscheidung respektiert.

Seinen Vornamen führte er nicht, wie Ihr wisst, daher ist der im Manuskript nicht zu finden, und ich denke, er fehlt auch nicht.

Obwohl Ihr ihn ja kennengelernt habt, wisst Ihr vielleicht nichts über Pahrocs Herkunft: Er wurde 1905 als Sohn von John Pahroc geboren, einem 1899 in Deutschland eingebürgerten Paiute-Indianer vom Stamm der Pahranagat aus Nevada, und einer Berlinerin namens Marianne. Dieser John war 1890 als Reiter und Tänzer mit der Wildwestshow von Buffalo Bill nach Berlin gekommen und hatte sich in die junge Frau verliebt, die der Legende nach von ihm den Kriegstanz lernen wollte und ihm dafür Walzer beibrachte. Er scheint schnell gelernt zu haben. Offenbar ist der Geistertanz der Paiute eine gute Ausgangsbasis für die europäischen Standardtänze. Als Marianne eine kleine Erbschaft machte, heirateten sie und zogen nach Berlin-Pankow, wo sie 1902 in einer ehemaligen Gaststätte mit Saal eine Tanzschule eröffneten. Nirgendwo in Deutschland wurde damals leidenschaftlicher und ausdauernder getanzt als in Pankow. Das Unternehmen kam in Schwung und lief bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs recht gut. Die Familie wohnte in der vornehm-bürgerlichen Hartwigstraße, und es gab schließlich vier Kinder, von denen unser Pahroc das jüngste war. Seine Kindheit scheint glücklich gewesen zu sein, seine Eltern waren ruhige und gutmütige Menschen, und er hatte in der Straße Spielkameraden, darunter den kleinen Schneidebein, der ebenso wie Pahroc jederzeit zu dummen Streichen aufgelegt war – bei Schneidebein bekanntlich der Beginn einer unglückseligen Karriere, darüber ist in Pahrocs Briefen einiges zu lesen.

Über seinen Lebenslauf steht dort alles Weitere, auch über seinen Ruhestand, der ab Rentenbeginn noch fast fünfzig Jahre gedauert hat und bei dem von Ruhe nicht die Rede sein konnte. Ab 2012, seit Glasgow, habt Ihr ja einiges davon miterlebt. Dort lernte ich ihn kennen und lieben. Ihr wart dabei, und Eure Geschichte begann am selben Tag und im selben Hotel. Er schreibt auch darüber in einem seiner Briefe. Damals war er nahe 100 – und zwar »nahe« von 200 aus gesehen! Er spielte mir ein Stück von Chopin vor, und ich staunte nur so, wie gut. Er hat zwar mal in den Dreißigerjahren ein bisschen Orgel gelernt, aber erst als Neunzigjähriger mit dem Klavier angefangen.

Ende 2011 kam Mathilda als jüngste Tochter seines Sohnes John und Adele Reuter zur Welt, sie war Pahrocs letzte Enkelin, während es rundherum schon viele Urenkel gab. Die Kleine ruinierte schon im Alter von dreieinhalb Monaten seine Brille, gewann aber sein Herz vollkommen. Den Brief, den er 1955 als Schwerkranker an seinen kleinen Sohn gerichtet hatte, schrieb er nun für Mathilda um, und zusammen mit vielen Folgebriefen entstand ein umfangreiches Manuskript. Sein letzter Diener, Ihr kennt ihn als »Waldemar IV.«, hat es mir übergeben, und ich soll es an Mathilda irgendwann nach ihrem achtzehnten Geburtstag weiterreichen. Jetzt ist sie erst fünfeinhalb, in den Jahren bis zu ihrer Volljährigkeit kann also noch viel passieren.

Pahroc verhielt sich in seinem langen Leben (111 Jahre!) keineswegs immer nur vernünftig. Abgesehen von der strafbaren, aber für mich völlig verzeihlichen Handlungsweise, die ihn ins Gefängnis brachte, war er im bürgerlichen Sinne ordentlich und betont unauffällig. Was von ihm in Erinnerung bleiben wird, ist vor allem die lange, glückliche Ehe mit seiner Emma, daneben seine außergewöhnliche Gabe, Menschen zum Blühen zu bringen, und drittens seine lebhafte Fantasie. Von seinen Schriften werden wohl nur die Briefe an Mathilda Bestand haben, und auch die wie gesagt nur, wenn sie sich für eine Veröffentlichung entscheidet.

Ich vermute allerdings, dass ein Film leichter zu verstehen sein würde als das Buch. Ihr als Leute vom Fach werdet bei der Lektüre bestätigt finden, was ich meine: Wenn man den schreibenden alten Mann und das Kind auch nur ein Mal zusammen im Bild sieht, dann hat man keine Mühe damit zu erkennen, dass er all die Briefe, in denen er sein Leben erzählt, an die Erwachsene schreibt, die dieses Kind irgendwann einmal sein wird. Beim Lesen des Buches hingegen werden sich viele fragen, ob es einen Dialog mit Mathilda geben wird.

Aber solche Fragen können wir noch ausgiebig erörtern. Vielleicht gibt es ja doch nur einen Film, und wenn wir 2030 alle noch leben, dann machst Du, Iris, die Maske, Stephan ist Tonmann, und ich führe Regie – alles wie immer.

Damit umarme ich Euch. Ich fliege morgen früh zum 75. Geburtstag von Waldemar III. nach Reykjavík und habe noch nicht gepackt. Er hat Euch ja auch eingeladen, aber wie ich hörte, könnt Ihr nicht kommen. Schade, aber dann sehen wir uns eben in Berlin wieder!

 

Eure

Rejlander

 

 

Erster Brief

Einen langen Arm machen

März 2012

 

Meine liebe Enkelin Mathilda,

wenn Du das liest, bist Du achtzehn Jahre oder älter, ihr schreibt etwa das Jahr 2031, und ich bin schon lange tot. Vielleicht schon so lange, dass Du Dich an Großvater Pahroc nicht mehr erinnerst. Ich schreibe Dir ab heute einige Briefe, die Du aber nicht nacheinander, sondern alle zusammen in einer Mappe erhalten wirst, wenn Du groß bist. Besser gesagt: die Du erhalten hast, Du blickst ja gerade auf die erste Seite und beginnst zu lesen. Was ich Dir hier mitteilen will, sind meine wichtigsten Erfahrungen mit dem Zaubern. Daher wird auch jeder Brief eine Zauberart zum Thema haben.

Heute, an einem Märztag des Jahres 2012, hast Du, noch keine vier Monate alt, aus Deinem Korb heraus ein langes Ärmchen gemacht und mir die Brille von der Nase gehauen. Ich bin sehr glücklich darüber. Wir nennen das Ereignis »die lange Hand«, sie ist das, woran wir jemandes Begabung fürs Zaubern schon im Babyalter erkennen. Da geschieht es noch unbewusst im Halbschlaf, danach geht es erst einmal wieder verloren, um nach fünf oder sechs Jahren wiederzukehren. Du bist da bestimmt keine Ausnahme. Ich hoffe, dass Waldemar Dich, wie ich es ihm aufgetragen habe, mit meiner Kollegin Rejlander zusammenbringt. Dann weißt Du auch, wie man diese Techniken einleitet. Während ich das hier schreibe, ist Rejlander trotz ihrer jungen Jahre bereits eine Meisterin. Ich habe sie noch nicht persönlich kennengelernt, werde sie aber, wenn es meine Kräfte erlauben, diesen Sommer einmal aufsuchen und ihr ans Herz legen, sich um Dich zu kümmern. Sie soll nebenher eine gute Filmregisseurin sein.

Über die Technik des Zauberns möchte ich hier nichts schreiben, was in falsche Hände geraten könnte. Außerdem muss das genaue Vorgehen ohnehin durch einen Meister persönlich vermittelt werden, Schriften können das nur ergänzen. Vermutlich wirst Du aber bereits gelernt haben, wie man sich auf die Bildmitte eines bestimmten Gedankens konzentriert und gleichzeitig in einen zauberischen Dämmerzustand sinkt – Zaubern ist eben nicht nur Begabung, es verlangt den gekonnten Zugriff. Ich vermute, dass Du das weißt und dass Du die Künste, die in den jüngeren Jahren möglich werden, längst einigermaßen beherrschst. In dem Fall kannst Du diesen und sicher auch noch die unmittelbar folgenden Briefe überspringen. Oder sie doch lesen, um zu erfahren, wie es mir mit alledem ergangen ist (dann lernst Du immerhin Deinen Großvater kennen).

Eines gilt in jedem Fall: Lass Dir Zeit, Mathilda! Erwarte keinen sofortigen Aufstieg zur höchsten Kunst! Sei nicht traurig, wenn Du nicht schon morgen unsichtbar werden oder durch Mauern gehen kannst, von den schweren Waffen der Zauberei ganz zu schweigen. Es ist nun einmal so, dass die höheren Techniken erst nach und nach möglich werden, sie öffnen sich mit den Lebensphasen. Für Jugendliche ist vieles völlig unerreichbar, egal wie begabt sie sind. Und mir ist zum Beispiel erst mit über vierzig Jahren aufgegangen, wie man im Nu Geld schaffen kann. Und auch wenn man so etwas geübt hat und beherrscht, ist der Rat eines Älteren nie unwichtig.

Ich hatte als Halbwüchsiger das große Glück, dass uns gegenüber in der Hartwigstraße das Haus des Zauberers Schlosseck stand. Er bewohnte mit seinem Diener die dritte Etage. Schlosseck wurde mein erster Lehrer.

Ich kann nicht genau wissen, in welcher Situation und mit welchen Kenntnissen Du dies lesen wirst. Es wird immer wieder Sätze geben, die Dir zunächst unverständlich sind. Irgendwann wirst Du alles verstehen, Du bist Zauberin.

Du bist auch zu einem ganz kleinen Teil Indianerin, aber damit haben Deine Zauberfähigkeiten nichts zu tun. Mein Vater John war ein richtiger Indianer. Er konnte ohne Sattel reiten, mit dem Bogen Pfeile verschießen und tanzen wie ein Gott, aber wohlgemerkt nicht zaubern! Dass ich es konnte oder irgendwann einmal können würde, war mir als Kind nicht klar, und es gab zunächst auch niemanden, der es mir sagte. Meine Geschwister und meine Eltern hatten davon keine Ahnung. Ich merkte nur, dass ich kein normales Kind war, und ich litt darunter. Ich war etwas in mich gekehrt, fantasievoll, im Grunde fügsam, aber alles, was man mir einschärfte oder auftrug, vergaß ich sofort und weinte sehr, wenn ich Vorwürfe hörte.

Übermäßig streng waren meine Eltern nicht. Auch wenn ich Fehler gemacht hatte, konnte ich mich auf ihre Zuneigung verlassen. Sie liebten mich, und sie spürten, dass sie mir helfen mussten, wenn ich mich wieder einmal als Versager empfand. Oft wurde ich von anderen Kindern verspottet, weil ich merkwürdig war. Kleine Zauberer stehen ständig jemandem im Weg, und sie schauen zuverlässig nicht dorthin, wohin sie schauen sollen. Oft stand ich minutenlang reglos in einer Wiese oder im Gebüsch und beobachtete Vögel oder Insekten, ich studierte die Bewegungen der Blätter und Halme im Wind. Ich hörte manchmal nicht, wenn jemand mich rief, man warf mir Trotz vor. Ich war aber nicht trotzig, sondern abwesend. Konzentration ist das Ausblenden von allem, was »sonst noch anliegt«. Wenn ich eine drei Meter entfernte Kirsche ins Auge fasste und pflückte, ohne auch nur einen Schritt zu tun, dann nahm ich sonst nichts wahr, auch keine Schmerzen. Damals war mir nicht einmal klar, dass das Zaubern war. Ich war viel zu konzentriert, um über mein Tun nachzudenken.

Auch wenn einem dann allmählich dämmert, dass man Zauberer werden könnte, ist man nicht gerade froh darüber. Das hast Du inzwischen sicher auch erlebt. Diese Gabe trennt Dich ja von den anderen, von Deiner Klasse, Deiner Gruppe, Deinen besten Freunden! Mit wem kannst Du darüber reden, außer mit Zauberern? Denn eines wird jedem von uns sofort klar: Diese Kunst muss geheim bleiben.

Es gab in unserem Viertel nur noch einen einzigen anderen Jungen mit dem Zauberer-Gen, er hieß Schneidebein. Wir ahnten gleich, dass wir etwas gemeinsam hatten, später spielten wir viel miteinander, vor allem verübten wir Streiche. In der Schule kam Schneidebein etwa auf die Idee, anderen Jungen mit der langen Hand irgendeinen Knopf zu öffnen, um dann zu rufen: »Mann, wie läufst du denn rum!« Ich habe über seine Späße gelacht, auch über seine Schadzauber, bei denen Blumenvasen kaputtgingen oder Perücken entschwebten. Aber so unzertrennlich wir manchmal schienen, Schneidebein erwies sich letztlich doch mehr als Konkurrent denn als Freund. Als Kind war ich froh, dass es ihn gab, ein Kind braucht Geheimnisse, die es nur mit ganz wenigen teilt. Als Schneidebein meinen Lehrer Schlosseck aufsuchte und ihn bat, auch ihm Ratschläge zu geben, lehnte der Meister ab. Er habe schon zu viele Schüler und sei auch sonst sehr beschäftigt. Ich wusste aber, dass er meinen Kameraden einfach nicht mochte, er konnte sowieso viele Menschen nicht leiden, darunter auch viele Zauberer. Ich versuchte, ihn umzustimmen:

»Er ist nur ein bisschen anders, weil sein Vater ihn dauernd schlägt.«

Das stimmte, die Reitpeitsche des Bauern Schneidebein tanzte nicht nur auf seinem Pferd – auf dem am allerwenigsten. Die Schneidebeins waren durch Grundstücksverkäufe an die Stadt reich geworden, ihre Wiesen und Äcker waren inzwischen Rieselfelder. Das ging in Ordnung, aber viel Gutes hatte das Geld nicht gestiftet: Die Familie war ziemlich trostlos.

Schlosseck war trotzdem nicht bereit, jemandem etwas beizubringen, der ihm suspekt schien. Den jungen Schneidebein wurmte das, und er ließ seinen Ärger an mir aus. Mehr als einmal brachte er mich in Gefahr und tat das ganz bewusst. Es machte ihm Vergnügen, gefährlich zu sein. So etwas kann schlimm enden, und so ist es auch gekommen. Er schloss sich später einer alleinregierenden Partei an – das tun Leute gern, die gefährlich sein wollen – und stürzte zusammen mit ihr in den Abgrund. Davon erzähle ich noch genauer.

Es gab einen anderen Spielgefährten und wirklichen Freund, den kleinen Jakob aus der Eintrachtstraße, der war netter und dazu auch klüger als Schneidebein. Aber er konnte nicht zaubern.

Wir Zauberer sind im Allgemeinen nicht böser als andere Leute, auch in keiner Weise besser. Es gibt besonnene Alte unter uns und gute Mütter, aber auch zwanghafte Schadenstifter und ausgesprochen fiese Feen. »Hexen« gibt es nicht, weil es keinen Teufel gibt, der sie anführen könnte.

Als John Pahroc, mein Vater, in den Krieg musste, weil er es nicht hatte lassen können, Deutscher zu werden, hat Mutter geweint. Er nicht – Indianer weinen ja bekanntlich nie. Obwohl ihm sicher danach zumute war: Er hatte zur Kavallerie gewollt, kam aber zu einem Infanterieregiment. Auch sonst weinte niemand, jedenfalls kein Mann. Ich tat es doch und schämte mich dafür. Zauberer haben recht präzise Ahnungen. Das wusste ich aber damals noch nicht, ich hatte nur ein mulmiges Gefühl. Das ist immer das Anzeichen einer präzisen Ahnung, man muss dann aber noch genauer in sich hineinschauen.

Mein Vater hat mir Tanzen beigebracht, auch Bogenschießen und Reiten. Wir hatten ein Pferd im Stall, ganz nahe unserer Straße, beim Schloss Niederschönhausen. Er hat mir von seinem Volk in Nevada erzählt, den Paiute, und seinem Stamm, den Pahranagat. Er hat mir sogar seinen wirklichen indianischen Namen genannt, der aber sehr schwierig auszusprechen war. Aus diesem Grund hatte ihn Buffalo Bill nur »Pahroc« genannt, nach dem Gebirge, neben dem die Pahranagat wohnen, und »John«, weil alle Personenlisten Vornamen verlangen.

Inzwischen war Vater längst mit Begeisterung Deutscher. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, deutscher als deutsch zu sein, was ihm aber nie gelingen wollte. Immerhin war er so etwas wie berühmt: Ein Zeitungsartikel in der »B. Z. am Mittag« berichtete über ihn (»Der preußische Indianer«) und hing dann jahrelang eingerahmt an der Wand. Sein Deutsch war etwas speziell, aber immer klar verständlich, sein Blick auf die Deutschen bei aller Bewunderung belustigt. Außer wenn sie von »Konsequenzen« sprachen, da fürchtete er sich. Und das alles hat sich auf mich übertragen.

In seinem Regiment wurde er Meldegänger, weil sich ein Indianer dafür angeblich besonders eignete – die Vorgesetzten hatten zu viel Karl May gelesen. Er freundete sich mit einem Maler an, der vor Jahren, nach dem Besuch einer Show von Buffalo Bill, ein Bild gemalt hatte, von Indianern auf Pferden. Vater erzählte in einem seiner Briefe, er habe ein Foto dieses Bildes gesehen. Er, Pahroc, sei auf einem der Pferde deutlich zu erkennen. Dieser August – so nannte Vater den Maler – muss ein freundlicher, gedankenvoller Mensch gewesen sein. Er wurde im September 1914 bei Perthes-lès-Hurlus totgeschossen, mein Vater im Sommer 1916 beim Fort Douaumont. Was sagst Du zu meinem Gedächtnis?

Meine Mutter verkaufte dann die Tanzschule unter ungünstigen Umständen, vor allem erhielt sie nie die Kaufsumme, das war der ungünstigste Umstand.

Zurück zur langen Hand. Sie ist das früheste unserer Kunststücke, und sie entspricht dem, was jedes kleine Kind immerzu tun möchte und tut: etwas anfassen, nehmen, möglichst in den Mund stecken, damit spielen oder es einfach nur haben und behalten. Es ist gut, dass die lange Hand nach dem Säuglingsalter erst einmal wieder verschwindet. Aber irgendwann kehrt sie zurück und kann bewusst eingesetzt werden, dann ist nichts mehr sicher. Als ich elf war, mitten im Weltkrieg, hatte das große Vorteile, denn wir hungerten.

Besonders arg war es im »Kohlrübenwinter«, in dem es fast nur noch diese fade schmeckenden Knollen gab und ganz Berlin ins Umland fuhr, um auf Bauernhöfen irgendetwas Genießbareres zu bekommen. Auf diesen Hamsterfahrten war ich viel erfolgreicher als meine Geschwister, obwohl ich nicht so gut betteln konnte – ich griff einfach zu und sammelte alles in meinen Rucksack, Brot, Kartoffeln, Seife und Eier, einmal sogar einen großen geräucherten Schinken. Natürlich durften die anderen nichts von meinem Zaubern wissen, ich antwortete auf ihre anerkennenden Bemerkungen nur: »Das lag da so rum.« Einmal merkte einer der Bauern, was los war. In Stahnsdorf war das. Er wusste wohl, dass es Zauberer mit langem Arm gab, und er ahnte, dass ich kleiner Kerl einer war. Er wollte mich mit einer Mistgabel anpiken, und da ich noch kein anderes Kunststück beherrschte, rannte ich um mein Leben. Den Rucksack musste ich mit allen Kostbarkeiten zurücklassen, darunter fünf gute Wachskerzen, die ich für das Lesen am Abend brauchte. Erst mit über zwanzig habe ich gelernt, im Dunkeln zu sehen, später sogar den sogenannten Erleuchtungszauber, bei dem auch andere etwas sehen.

Für Diebstahl gibt es viele verharmlosende Ausdrücke: Hamstern, Stiebitzen, Mopsen und »lange Finger machen«. Schlosseck sagte mir dazu einiges, nachdem ich ihm die Sache mit der Mistgabel erzählt hatte. »Wenn du Hunger und kein Geld zum Kaufen hast, ist Mundraub erlaubt! Besitzer sind zwar auch in diesem Fall wütend, das sind sie fast immer. Aber du hast ein Recht auf Überleben.« Er fügte hinzu: »Als Zauberer hast du es mit dem Stehlen leichter als andere und, zugegeben: Diebische Gewinne können einen recht vergnügt machen. Aber beachte die Regel! Sie heißt Gerechtigkeit. Sie bedeutet nicht, dass du dich immer sklavisch an die Gesetze der Besitzer halten musst, auch nicht an die des Besitzers aller Besitzer, des Staates. Aber sei grundsätzlich gerecht!«

Schlosseck verwendete, um mir Gerechtigkeit genauer zu erklären, auch das englische Wort »Fairness«. Es ist schwer ins Deutsche zu übersetzen, aber mein Vater hat es gebraucht, daher weiß ich gut, was damit gemeint ist. »Bleib fair« heißt: Nimm anderen nur das weg, was sie im Überfluss haben, nichts Lebensnotwendiges und nichts, wofür sie lange arbeiten mussten. Zerstöre anderen Leuten keine Chancen, nur um deine eigenen zu verbessern. Die Versuchung zum Stehlen ist oft stark, besonders wenn man dafür schlau und schnell genug ist. Aber widerstehe ihr, wenn das Ergebnis unfair wäre. Am Beispiel der Hamsterfahrt: Man darf nicht denen, die ebenfalls auf der Suche nach Essbarem sind, etwas von ihrem mühsam Erbettelten und Gefundenen wegnehmen. Man kommt sich dann aus gutem Grund schäbig vor und hasst sich, ob man es zugibt oder nicht.

Meine diebischen Fähigkeiten hätten nie ausgereicht, um die Familie zu ernähren, und ohne Schlosseck wäre es nicht gegangen. Er brachte immer wieder einen großen Korb voller Lebensmittel mit. Er war Hauseigentümer, hatte woanders weitere Grundstücke und erzählte meiner Mutter (mit der Bitte um Verschwiegenheit), er baue hinter hohen Mauern heimlich Obst und Gemüse an. Er behauptete sogar, Hühner zu halten. All das hatte er aber nicht wirklich nötig, schließlich konnte er zaubern. Das zeigte sich auch Jahre nach dem Ersten Weltkrieg in der Inflationszeit, als Geldbeträge binnen Stunden nur noch ein Zehntel wert waren. Ich erinnere mich an die Tränen meiner Mutter, als sie zu spät zum Einkaufen gegangen war. Das Geld, von dem alle hätten satt werden sollen, hatte nicht einmal mehr für einen Viertelliter Milch gereicht. Ich sehe Onkel Schlosseck in der Küche stehen, wie er etwas verlegen in die Tasche griff und eine Milliarde herausholte: »Gehen Sie doch einfach noch mal hin, zufällig habe ich gerade ein Grundstück verkauft.«

Ich war schon als Kind ein begeisterter Bastler und Tüftler. Als Schlosseck für seinen Hund – einen Schäferhund namens Ulf – eine Hütte zaubern wollte, protestierte ich:

»Darf ich das machen? Bitte, Herr Schlosseck!«

»Also gut! Bretter liegen genug da.«

Ich machte Zeichnungen, fand Säge und Hammer, es fehlten aber die Nägel.

»Deine Sache«, beschied mich mein Lehrer. »Du hast das übernommen, also löse das Problem.«

Es erwies sich als sehr schwierig, in Eisenwarengeschäften mit dem langen Arm Schubladen zu öffnen und Nägel herauszuholen, gerade Eisenwarenhändler sind extrem wachsam. Da fiel mir ein, dass am Königsplatz vor dem Reichstag, dicht neben der Siegessäule, eine Holzstatue des Generals Hindenburg errichtet worden war, um Geld für weitere Kriegsanstrengungen zu sammeln. Jeder, der einen Nagel ins Holz der Statue trieb (wo auch immer), musste diesen zuvor für eine Mark kaufen. Die Nägel lagen zu Tausenden lose in kleinen Kisten bereit, eine davon war offen. Der Hammer hing an einer langen Kette – man kannte die Berliner –, aber ich brauchte nur Nägel. Der Schäferhund Ulf lag eine Woche später behaglich in einer tadellosen Hütte, und die Nägel taten dort bessere Dienste als im hölzernen Hindenburg.

Über Schlosseck werde ich Dir noch viel erzählen, und auf dem Umweg über mich wirst auch Du von seinen Ratschlägen profitieren.

Erkannt hatte er mich schon als Säugling über die Straße hinweg – er konnte mich in meiner Wiege auf dem Balkon beobachten. Ihm war aufgefallen, dass ich im Halbschlaf ein langes Ärmchen machte und im Blumenkasten Petunien abriss, die kein normales Kind hätte erreichen können. Er nahm sich dann in den folgenden Jahren meiner an und zeigte mir, als ich schon ein paar Sachen konnte, Proben seiner eigenen großen Kunst.

Schlosseck war der konservativste von allen meinen Lehrern. Die anderen waren überzeugte Weltbürger, trotzdem fast beschränkt im Vergleich zu ihm, denn er war ein echter Philosoph. Er arbeitete an einem gewaltigen Denkgebäude des Zauberns nicht nur auf dem Globus, sondern auch im Weltraum. Er soll sich auf das Krümmen von Räumen und das Ändern von Winkelsummen verstanden und damit Albert Einstein zu einer Theorie gebracht haben. Ich weiß darüber nichts Genaues – er hat mir unmöglich alles beibringen können, was er wusste.

Schlosseck hatte auf seinem Dach eine große Fahnenstange, an der er an Kaisers Geburtstag oder anderen Festtagen flaggte. 1916 stand er bei einer der vielen Siegesmeldungen mit mir im Garten – wir hörten den Zeitungsverkäufer von der Breiten Straße bis dorthin. Er seufzte, denn er fühlte sich nun verpflichtet, ins Dach des Hauses zu steigen und die Flagge zu hissen. Da schwebte eine Taube ein und setzte sich auf die Spitze der Stange. Schlossecks Augen leuchteten auf, verengten sich gleich darauf in übermenschlicher Konzentration zu Schlitzen, und nach knapp zehn Sekunden gab es keine Taube mehr: Sie hatte sich zu einer riesigen Kriegsfahne entrollt und wehte siegesgewiss wie alle anderen. »War das jetzt besonders schwer?«, fragte ich ihn. Er antwortete: »Mit einer Taube schon.«

Noch etwas zum langen Arm: Er ist ja von Nichtzauberern kaum zu sehen, aber für Leute mit schnellen Augen doch. Umso wichtiger ist es, auf den richtigen, unbemerkten Moment zu warten. Nun hat der Arm, bloß weil er dann lang ist, keineswegs stärkere Muskeln. Er ist dünn, leicht und schnell, aber, sobald Du mit ihm schwerere Lasten bewegen willst oder wenn das Objekt einfach zu weit weg ist, von penetranter Langsamkeit. Ich habe mit dreizehn versucht, vom Balkon her die Gaslaterne auf dem Bürgersteig zu löschen, aber zehn Meter waren zu viel. Meine Hand schaffte es nicht bis zum Ziel und sank in den Vorgarten, ich holte sie mühsam wieder ein. Und körperlos ist der Langarm auch nicht. Das bedeutet, er kann eingeklemmt werden. Das ist unter Umständen sehr peinlich, ich weiß, wovon ich rede. Ich pflegte zum Beispiel in der Elektrischen beim Einsteigen jemandem die Fahrkarte wegzuschnappen, der bereits kontrolliert worden war und sie eben einstecken wollte. Das lief recht gut, bis eines Tages die Bahn zu voll war. Ich hatte Mühe, im Gedränge meine Hand überhaupt zurückzubekommen. Ich schaffte es, aber ohne Fahrkarte, ich musste zahlen. Menschen sind oft in unglaublich schneller Bewegung. Da können leicht einmal zwei aneinandergeraten oder sich spontan umarmen – unser Arm steckt natürlich genau dazwischen! Und sei vorsichtig mit Türen, die sich schließen könnten, besonders Dreh- und Schwingtüren. Ich hoffe, dieser Rat kommt nicht um Jahre zu spät und Deine Arme sind in Ordnung!

Schlosseck gab mir sogar Nachhilfestunden, denn ich war zu sehr mit dem Zaubernlernen beschäftigt, um im Schulunterricht durch Leistungen aufzufallen. Schlosseck sah, dass er mir beistehen musste, damit ich die Versetzung schaffte. Nach einigem Zögern brachte er mir auch Kniffe bei, mit denen ich bei Klassenarbeiten schummeln konnte. Er gab es nicht gerne zu, aber das schriftliche Griechisch-Abitur hatte selbst er nur mit der Technik des Um-die-Ecke-Sehens geschafft, also durch meisterliches Abschreiben. Sosehr er für seine Prinzipien lebte – er machte bei mir hin und wieder eine Ausnahme, und dafür bin ich ihm bis heute dankbar. Ohne Schlosseck wäre ich durchs Abitur gefallen und ohne Abitur niemals zu der Anstellung bei Telefunken gekommen.

Das Wichtigste, was er mir mitgegeben hat: Er ermutigte mich, indem er mir seine eigene Freude am Zaubern zeigte, und er gab mir unschätzbare Ratschläge zu den einzelnen Verfahren.

Er begleitete auch meine ersten Versuche, in der Luft zu schweben und Hindernisse zu überfliegen. Hätte ich es darin nicht zu einigem Können gebracht, ich wäre im Kessel von Stalingrad geblieben und dort womöglich mit 36 Jahren gestorben. Es gäbe dann weder Deinen Vater noch Dich, oder Dich vermutlich nicht als Mathilda. – Auf das Fliegen komme ich noch zurück.

Es ist wichtig, erfahrene Zauberer persönlich zu erleben. Da wir leider irgendwann sterben wie andere Leute auch, solltest Du alles versuchen, um noch ein paar berühmte Alte bei der Arbeit zu sehen. Man darf nicht vergessen, dass wir mit unserer Kunst auf den Schultern der großen Toten stehen. Ich nenne nur Caspar, Melchior und Balthasar, die drei Magier aus dem Osten. Diese Zauberer sind dem Weihnachtsstern nicht etwa gefolgt, wie immer behauptet wird, sondern sie haben ihn hoch droben hinter sich hergezogen wie einen Papierdrachen, ohne Wind und ohne Schnur. Das Christentum hat aus diesen phänomenalen Könnern dann etwas verlegen »Könige« gemacht, obwohl sie doch offensichtlich keinerlei Gefolge hatten. Gut, sollen die Leute ruhig den »Dreikönigstag« feiern, er ist trotzdem unser Fest! Emma und ich haben uns an diesem Tag immer Geschenke gemacht – heimlich, denn für die Kinder musste es ja Weihnachten geben. Da traf es sich günstig, dass ich, wie Du, in der sogenannten Heiligen Nacht geboren bin. Wie auch andere bedeutende Zauberer der Geschichte – das Datum scheint es in sich zu haben.

Könnte ich durch die Zeiten zurückreisen – einige von uns können es, ich leider nicht –, ich würde mich in München bei Bachstelz melden, den man den »Großen Bachstelz« genannt hat, einem meiner Vorfahren mütterlicherseits aus dem Schwäbischen. Und wenn ich schon im frühen 19. Jahrhundert wäre, würde ich nach Schweden reisen und Arfwedson besuchen, weil er nicht nur zaubern konnte, sondern auch Lithium entdeckt hat, ein Element, ohne dessen medizinische Wirkung ich nicht einmal bis in die Siebzigerjahre gekommen wäre. Oder ich brächte Fatma Pertschy einen Blumenstrauß, der legendären Fee aus österreichisch-osmanischer Familie, die sehr viel mehr erfunden hat als nur das Vanillekipferl. Unbedingt würde ich Racing Turtle besuchen, den einzigen echten Indianer auf der Boston Tea Party von 1773, der aber danach kein Freund der Weißen blieb, sondern ein großer Medizinmann wurde. Gern würde ich auch zwei ausgezeichnete Kollegen wiedersehen, die versucht haben, dem Sozialismus etwas mehr Zauber einzuhauchen. Er hat es ihnen nicht verziehen, es ist eine tragische Geschichte.

 

Liebe Mathilda, habe Geduld beim Lernen! Alles Können wird sich einstellen, wenn Du nur beharrlich weiter probierst. Oft ist lange kein Fortschritt zu merken, und dann ist er plötzlich da wie ein Geschenk. Bis dahin genieße, was Du kannst, und vermisse nicht zu bitter, was Du noch nicht kannst. Ehrgeiz ist zauberisch wertlos. Magische Zugänge tun sich auf oder nicht, Du kannst das nicht erzwingen. Wir können ohnehin nicht alles lernen, was möglich ist. Von den Tausenden von Kunststücken bildet ein Einzelner etwa 20–50 Standardmöglichkeiten aus, daneben noch einmal so viele exotische, und es kommen neue dazu, solange Du lebst. Bei mir sind es über 200 geworden, überdurchschnittlich viele, allerdings gelingen mir einige jetzt nicht mehr so gut wie noch vor wenigen Jahren, ich werde langsamer.

Wenn es im Leben wieder einmal so weit ist, wenn eines der zauberischen Felder sich Dir öffnet – Du merkst es ja –, dann lies darüber alles, was Du bekommen kannst! Aber das kann die persönlichen Einführung, etwa durch einen Meister wie Kollegin Rejlander, nicht ersetzen. Befrage die Bücher aus Rejlanders Beständen, und vielleicht sind ja sogar aus meiner Bibliothek noch welche da. Du kannst übrigens alle älteren Werke, die hinter ihrem unverfänglichen Inhalt in unsichtbarer Schrift etwas über das Zaubern enthalten, sofort mit der Nase erkennen: Sie riechen fast unmerklich nach Gorgonzola.

Es ist ratsam, sich das Lesen nicht zu leicht zu machen. Gewiss, es gibt die Kunst, zwei Finger der rechten Hand auf den Buchrücken zu legen und binnen einer Minute alles zu wissen, was drinsteht. Manche besorgen das sogar mit dem langen Arm von der Couch aus, aber das finde ich eine ausgesprochen schlechte Angewohnheit. Wissen wird besser verarbeitet, wenn man sich bewegt, und überhaupt: Für uns Zauberer ist Faulheit eine ernste Gefahr. Wenn Du für alles nur Deinen Greifarm auszufahren brauchst, bleibst Du irgendwann nur noch hocken. Mach es Dir zur Gewohnheit, aufzustehen und hinzugehen. Du kannst den Gegenstand ja mit dem langen Arm zu Deinem Sessel hinüberreichen und dann erst selbst wieder dorthin zurückgehen. Bewege Dich auch dann, wenn Du es nicht müsstest, bewege Arme und Beine, liebe jeden Umweg und sorge für Erschwerungen! Lies Bücher Seite um Seite, außer es ist ein Notfall. Und zaubere keine Texte aufs Papier, schreibe und tippe mühselig Buchstabe für Buchstabe, dann überlegst Du bei jedem Wort, ob es nötig ist! Alles Schwere, ebenso wie die Erdanziehungskraft als solche, bereitet viel Mühe, aber es macht Dich auch sicher. Ich werde Dir beim Thema Fliegen noch etwas dazu schreiben.

Der Große Bachstelz wurde übrigens in seinen letzten Jahren zu seinem Missvergnügen »Schweinzi« genannt, weil er aus Bewegungsmangel wirklich arg dick geworden war. Der hochbegabte Zauberer starb viel zu früh, weil sein Herz sich mit den Fettmassen schwertat und ihm den Dienst aufkündigte. Was hätte er den Jüngeren noch alles beibringen können!

 

Lies bitte auch Bücher, die nichts über das Zaubern enthalten! Lies viel, lies so gut wie alles, lies Romane! Lesen entwickelt die Fähigkeit, zwischen Spreu und Weizen zu unterscheiden. Wer sehr viel gelesen hat, kann irgendwann nach wenigen Seiten erkennen, ob er ein Buch sofort zur Seite legen kann oder erst später.

Und noch über etwas anderes sollte ich gleich hier reden: über Angst! Die erlebt ein Zauberer auf jeden Fall. Kaum hat er begonnen, seine Begabung zu spüren, fürchtet er, ihr vielleicht nicht gerecht zu werden, was ja eine Schande wäre. Dazu kommt die Sorge aufzufallen, Neid zu wecken, zu vereinsamen oder verfolgt zu werden. Oder die Angst, Böses zu tun, einfach weil es so leichtfällt – der Versuchungen sind viele. All diese Befürchtungen dürftest Du schon erlebt haben. Angst ist nicht schlimm, wenn Du sie nicht zum Raubtier werden lässt. Das kann den Geist verformen. Wer ständig Angst hat, fängt auch irgendwann an, Menschen zu hassen, die keine haben. Bilde Dir aber nie ein, Du wärest ganz frei von ihr. Lass sie leben, gib ihr einen Platz, halte sie als Haustier. Erlaube ihr, ab und zu ein bisschen zu fauchen und zu kratzen, aber zeige ihr Grenzen, verwöhne und mäste sie nicht. Dann wird sie Dir nützlich sein und Dich davor bewahren, Risiken zu unterschätzen. Aber jede Panik solltest Du Dir verbieten, selbst wenn der Tod Dich im Visier hat. Dann sieh ihm ins Auge und bleibe ruhig, überlege, welche Spielzüge Dir noch möglich sind, und sei offen für die Geschenke des Zufalls.

Mut brauchst Du unbedingt. Und Du hast ihn, da bin ich sicher, wir sind verwandt. Er sollte nicht in Exzesse ausarten (dann wäre auch er ein Raubtier), aber er darf die Dinge schon mal etwas beschleunigen. Wie hätte ich ohne Mut jemals Emma angesprochen – obwohl ich damals den Schönheits- und den Begehrenszauber bereits hinreichend beherrschte, aber ich merkte, dass ich bei ihr nur ohne Hilfsmittel landen konnte. Ich brauchte also Mut, um mich ihr zu erklären. Und den haben wir Menschen ja doch manchmal genau im entscheidenden Moment. Irgendwie fühlen wir: Das ist jetzt kein leichtsinniges Risiko, sondern ein notwendiges, und diesen bestimmten Schritt jetzt zu unternehmen, das ist nicht voreilig, sondern richtig. Es belebt enorm, wenn man sich mal ein Herz gefasst hat und merkt: Ich habe den Mut gerufen, und schwupp – da ist er! Du erkennst sofort, wenn Du einen frischen, guten Mut hast. Dann lege los, handle, rede! Lass ihn nicht zu lange warten, sonst verkrümelt er sich wieder.

Emma und ich wollten übrigens unbedingt ein zauberndes Kind haben. Das war nicht selbstverständlich, weil dieses Können sich nicht direkt vererbt, sondern unvorhersehbar aus dem genetischen Niemandsland auftaucht. Wir wünschten uns trotzdem einen kleinen Zauberer und machten einen Versuch nach dem anderen, ihn zu erzeugen. Zähle mal alle Deine Onkel und Tanten durch, dann hast Du einen Eindruck von unserem Fleiß. Und einmal, bei unserem letzten Kind, schien es dann tatsächlich so weit zu sein: bei Deinem Vater Johann, der sich heute John nennt.

1955 glaubte ich fest, dass er Zauberer werden würde, weil er mir, gerade drei Monate auf der Welt, die Taschenuhr gezogen hatte. Heute weiß ich, dass Emma es war, die ihm das Ärmchen lang machte – sie war nach dieser letzten Geburt schwer krank, aber das Zaubern beherrschte sie wie eh und je. Sie wollte mir für einen Moment die Hoffnung geben, wir hätten nun endlich ein zauberndes Kind. Ich glaubte es nur zu gern, zumal ich dann, nach Emmas Tod, selbst krank wurde. Den Brief über das Zaubern, den ich ihm damals schrieb, bekam Johann aber nie zu sehen, denn erstens wurde ich wieder gesund, und zweitens war irgendwann klar, dass er zum Schauspieler und nicht zum Zauberer geboren war. Meine wunderbare Emma! Wie gern habe ich ihr dieses letzte Kunststück verziehen! Wer aus Liebe schummelt, liebt wirklich.

Kleine Mathilda, die Du beim Lesen dieses Briefes schon ganz groß bist, ich möchte Dir so vieles mitteilen! Hoffentlich schaffe ich es noch, alles aufzuschreiben. Ich bin jetzt 106. Den Tod hält kein Zauberkunststück auf, auch wenn einige Kollegen das bei mir seit einigen Jahren vermuten. Nur Pospischil in Wien ist älter, und noch dazu ist sie nach wie vor eine schöne Frau. Von ihr wird noch die Rede sein.

Ich lebe immer noch gern. Zwar kommt keine Post mehr von so vielen Menschen, die ich gekannt und gern gesehen, oft auch geliebt habe. Aber wenn Schönes seltener ist, dann wird es umso wertvoller. Einsam bin ich nicht. Ich spreche viel mit Deiner Mutter, mit meinem Diener Waldemar IV., ferner meinem ehemaligen Diener Waldemar III., der jetzt Bücher schreibt, und mit Deinem Vater, wenn er einmal nicht bei Dreharbeiten ist.

Ich habe noch alle Adressbücher aus meinem ganzen Leben. Die, die aus Papier und mit der Hand beschriftet sind, enthalten nur noch durchgeringelte Namen mit zwei senkrechten Strichen dahinter, einem dünnen und einem dicken. Das ist der Schlussstrich am Ende einer Musik. Ich male keine Kreuze ins Adressbuch! Viele meiner Toten sind sowieso Muslime oder Juden.

Seit Jahren lösche ich auch aus meinen elektronischen Verzeichnissen und aus meinem Mobiltelefon von Zeit zu Zeit Menschen, die nicht mehr zu erreichen sind. Ich bin dabei traurig, denn ich weiß: Namen, die ich elektronisch gelöscht habe, vergesse ich noch schneller als die durchgeringelten.

Aber das ist nun das Schöne im Leben: Es kommen immer neue Menschen in ihm an, es wuselt nur so von ihnen. Mit etwas Glück kann man ihr Freund werden, auch wenn man schon ziemlich alt ist.

Während ich das schreibe, bist Du die Jüngste, die bei uns wuselt. Ich werde gleich mal nach Dir sehen. Meine neue Brille lasse ich aber auf dem Schreibtisch.

 

Dein Großvater Pahroc

Zwischen Ost und West

Christian Bangel nimmt uns in seinem rasanten Debütroman mit auf eine Reise in seine Heimatstadt: das andere, weniger bekannte Frankfurt, das er uns mit einem erfrischenden und herzlichen Blick näherbringt. Man fühlt sich mitten in die bunten Neunzigerjahre zurückversetzt, die auf einmal wieder zum Greifen nah sind. Scharfsinnig und spitz spielt er mit Ost-West-Klischees, nur um diese endgültig aufzulösen, denn am Ende des Tages sind alle Beteiligten in einer gemeinsamen Sache vereint: der Angst vor einer ungewissen Zukunft. Entscheidend ist, den Humor nicht zu verlieren.

»Oder Florida« lebt von einfallsreichen, kantigen Charakteren, die ihren Weg oft selbst nicht genau kennen, aber das Herz am rechten Fleck haben. Fernab von nostalgischer Verklärung zeigt Christian Bangel, wie es um das Deutschland nach der Wende steht und das sollte man nicht verpassen.

Ein Buchtipp von Caroline Adler, Marketing

Blick ins Buch
Oder FloridaOder Florida

Roman

Man kann alles erreichen, wenn man nur will - daran würde Matthias Freier, 20, so gerne glauben. Aber wenn er im Jahr 1998 in seiner Platte sitzt und auf Frankfurt (Oder) blickt, weiß er nicht recht: Ist das der wilde Osten der unbegrenzten Möglichkeiten oder nur eine öde Brache, die sich fest in der Hand von Neonazis befindet? Aber Freiers Kumpel Fliege hat eine Lösung für alle Probleme: die Frankfurter SPD durch organisierten Masseneintritt übernehmen. Das Wahlprogramm: endlich besseres Wetter für Frankfurt. Zur Sonne, zur Freiheit! Christian Bangel hat einen so humorvoll-nostalgischen wie scharfsichtig-visionären Roman geschrieben und einen Helden erfunden, der zwischen Ost und West seinen eigenen Weg gehen muss.
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Frankfurt (Oder)

 

1

Langsam wurde es peinlich. Zehn Fragen hatte ich auf dem Zettel, sieben hatte ich schon gestellt, nur drei hatte sie beantwortet. Wobei eine davon die gewesen war, wie es ihr gehe. Dieses große Interview, das ich all meinen Bekannten lange angekündigt hatte, es entwickelte sich zu einer riesigen Pleite.

 

Flieges Plan war eigentlich nicht schlecht gewesen: die bekannteste Frau Deutschlands, auf ihre subversive Art subversiv, Pornografie als stumme Selbstverständigung der Mettbrötchen-Deutschen. Das klang gut, wenn man es von Fliege hörte, der, Füße auf dem Schreibtisch, seinen Bleistift wie einen Taktstock schwang und die nächste Ausgabe unseres Stadtmagazins orchestrierte.

Aber jetzt, da ich Dolly Buster tatsächlich gegenübersaß, kriegte ich sie einfach nicht in die Falle. Ich war ungefähr der Zwanzigste, der sie in diesem öligen, engen Zelt befragte. Draußen waren es mindestens achtundzwanzig Grad, aus irgendeinem Grund stand das Backstagezelt in der prallen Sonne. Dolly Buster schien das besser abzukönnen als ich. Vielleicht, weil sie einen Bikini trug. Ich dagegen sah in meinem schwarzen Rollkragenpulli aus wie ein Schiedsrichter nach einem Fußballspiel um die Mittagszeit in Mexico City.

 

Dolly Buster war wieder ganz in die Computer Bild versunken. »Was kann Windows 98?«, stand in großen Lettern auf dem Titel. Sie schien echt interessiert, mehr jedenfalls als an meinen Fragen. Zehn Minuten blieben mir noch, um irgendetwas von ihr zu bekommen, was ich in der Redaktion abliefern konnte. Ich lehnte mich vor und sah ihr direkt in die Augen:

»Wie stehen Sie zu Helmut Kohl?«

Immerhin, ich schien sie überrascht zu haben. Sie schaute auf, sah mich forschend an und sagte nichts. Das war gut.

»Sag mal«, fragte sie, »bist du überhaupt Journalist?«

Was sollte das denn jetzt? Das ging ja wohl ziemlich unter die Gürtellinie. Sollte ich ihr meine Akkreditierung zeigen, oder was?

»Zeig mir mal deine Akkreditierung«, sagte Dolly Buster. Sie hatte wirklich diesen tschechischen Akzent, den man immer im Fernsehen hörte. Aber sie lächelte nicht. Und so, wie sie mich gerade anschaute, erinnerte sie mich eher an meine Mutter, wenn sie misstrauisch war, als an einen Pornostar. Das war wirklich albern. Ich kramte trotzdem den Zettel aus meiner Umhängetasche.

»0335«, las sie. »Bescheuerter Name.«

Ich schwieg. Sie ließ den Zettel sinken und sah mich unangenehm direkt an. »Dein wievieltes Interview ist das hier?«

»Mein drittes.«

Das stimmte sogar, wenn man Raiko mitzählte, den Discofascho aus Alt Zeschdorf. Sie wirkte nun etwas versöhnlicher. »Hör mal, wenn du gute Antworten von mir haben willst, kannst du mich nicht fragen, wie ich mich als Wichsvorlage der deutschen Trucker fühle.«

»Aber das ist provokant«, protestierte ich.

»Nein«, sagte Dolly Buster, »das ist blöd.«

 

Eigentlich hätte ich ahnen können, dass es so kommen würde. Zwei Stunden hatte ich im Backstagezelt auf Dolly Busters Manager gewartet, und als er endlich aufgetaucht war, wusste er meinen Namen nicht. Dabei konnte sogar ich ihn auf dem Zettel lesen, den er in der Hand hielt: »Freier, 0335, 12:45«. Ziemlich am Ende der Liste, unter Antenne Brandenburg. Doch der Manager hatte nur gesagt: »Du da. Bist in einer Dreiviertelstunde dran. Fünfzehn Minuten, keine Fotos.« Immerhin: Zeit genug, um das klebrige Zelt noch einmal zu verlassen und eine Runde über das Festgelände am Seeufer zu drehen.

Es war Samstagmittag, und schon jetzt war halb Frankfurt am See. Die Stadt verlor an jedem Sommerwochenende die Hälfte ihrer Bevölkerung, und diese Hälfte tauchte dann geschlossen an dem acht Kilometer entfernten See wieder auf. Zehntausende zwängten sich in ihre unklimatisierten Kompaktwagen, kurbelten die Fenster runter und spürten den Fahrtwind auf ihren Oberarmen. Sie überschritten das Tempolimit auf der B112, rochen schon bald nach dem Abzweig in Lossow den See. Sie parkten zwischen flimmernden Frontscheiben, trugen Sonnenöl auf und eilten auf dieses unfassbare Blau zu, das vor ihnen zwischen den Kiefern glitzerte.

Ein paar Dutzend Leute saßen jetzt auf den Bierbänken in Hörweite der großen Bühne. Heute Nachmittag war großes Programm. Der Regionalstar Frederic Rosmarin würde seine neue Single Bella Elena vortragen, außerdem war ein internationaler Stargast angekündigt. Morgen dann das große »Hau den Mercedes«.

Aber der eigentliche Star war der Helenesee. Er war so anders als die vielen Brandenburger Waldseen. Die Kommunisten hatten die alte Kiesgrube vor Frankfurt in den Sechzigern zum Erholungsgebiet ernannt und mit Wasser volllaufen lassen. Dabei war ihnen ein echtes Kunstwerk gelungen. An den Rändern gab es kilometerweit feinen weißen Sand, weshalb der See sofort »die kleine Ostsee« getauft worden war. Und das war kein bisschen übertrieben. Es gab sogar eine Strandpromenade.

Heute war Franziskus-Fest. Beziehungsweise Franziskus-Center-Hansa-Nord-Fest, aber wer nannte das schon so. Der Name änderte sich jedes Jahr, je nachdem, was Franziskus’ neuestes Großprojekt war. Zu meiner Schulzeit hatte es BMW-Franziskus-Fest geheißen. Später dann Beste-Jahreswagen-bei-Franziskus-Fest. Irgendwann hatte ich den Überblick verloren. Ich bekam nur mit, wie Mutti sich fürchterlich aufregte, weil Frankfurts Mogul in einem Zeitungsinterview verlangt hatte, dass das Fest auch offiziell Franziskus-Fest heißen sollte. Ich kapierte damals weder meine Mutter noch Franziskus. Das Ding hieß doch sowieso schon Franziskus-Fest.

 

»Herrgott und Maria«, seufzte Dolly Buster. »Deine Fragen werden wirklich immer noch dämlicher.«

Die beiden Typen hinter mir lachten laut auf. Sie arbeiteten fürs Stadtfernsehen und waren nach mir dran. Keine Ahnung, wer die hier reingelassen hatte. Anfangs glucksten sie nur, inzwischen hatten sie jede Scheu verloren.

»Zeig mir mal deine restlichen Fragen«, sagte Dolly Buster.

Das ging zu weit. Ich wollte eben keine blöden Fragen stellen. Ich wollte die Inszenierung Dolly Buster verstehen. Warum spielte sie nicht einfach mit?

»Nein, Frau Buster. Das ist ein Interview.«

»Das ist kein Interview«, sagte sie. »Und es wird auch keins mehr. Außer ich helfe dir. Also gib mir den Zettel.«

Die Fernsehtypen konnten nicht mehr vor Lachen.

»Was soll das?«, herrschte Dolly Buster die beiden an. »Ihr Knalltüten fliegt gleich raus.«

Und zu mir gewandt: »Nun gib schon her.«

Was sollte ich tun? Ohne Interview brauchte ich in der Redaktion nicht aufzutauchen. Dabei hatte ich endlich allen zeigen wollen, dass ich nicht nur deshalb schrieb, weil es in der Agentur keinen anderen gab, der den Job übernahm.

Ich gab ihr den Zettel. Dolly Buster legte ihr Magazin beiseite und las.

 

Okay, vielleicht hätte ich mich besser vorbereiten sollen. Aber am See war es nahezu unmöglich, einen ruhigen Ort zu finden, um meine Notizen noch einmal durchzugehen. Bis ganz nach hinten, wo der Wald anfing, nichts als rot-weiße Schirme und Badehandtücher. Oben auf der Promenade hatten sie Buden aufgebaut, zwischen denen sich die Leute drängelten. Es musste doch irgendwo einen Ort geben, an dem man Ruhe hatte vor der Franziskus-Kirmes. Ich wollte mich gerade auf ein Dixie-Klo zurückziehen, da hörte ich eine aufgekratzte Stimme hinter mir.

»Freier! Hierher!«

Fliege. Er stand zwischen Dutzenden Menschen hinter dem Tresen einer Bude, mit frisch gefärbtem pinken Iro und einem klaren Getränk in der Hand. Über ihm prangten auf einem weißen Schild die roten Lettern »MoSü«. Und darunter, etwas kleiner: »Masseneintritt organisieren – SPD übernehmen«. Hinter ihm hing ein Plakat, auf dem ein SPD-Logo mit flatternden Entenflügeln zu sehen war. Fliege winkte.

MoSü, wie das jetzt also hieß, war eine klassische Fliege-Idee. Ein bisschen krank, aber faszinierend und nicht komplett abwegig. Schon seit der Wende stellte die SPD in Frankfurt den Bürgermeister: Werner Krautzig, der Ewige. Gleichzeitig hatte der SPD-Ortsverband nicht einmal hundert Mitglieder, inklusive der Karteileichen. In zwei Monaten standen Wahlen an, und weil niemand in der Partei mit einem Gegenkandidaten rechnete, war die Kür kein großes Ereignis, sondern eine einfache Gremiensitzung, ein paar Wochen vor der Wahl. Fliege wollte durch einen organisierten Masseneintritt die Mehrheit im Ortsverband gewinnen und so den Kandidaten bestimmen können, der dann fast automatisch Bürgermeister werden würde.

 

Wir hatten in unserer Stammkneipe, dem Eastside, gesessen, als Fliege mir von seiner Idee erzählte. Nach jedem zweiten Satz schnippste er eine Pistazienschale in die Luft. Eine war in meinem Bier gelandet. Ich hatte auf die Schale geblickt, die wie ein kleines Boot auf hoher See in meinem Pils schwamm, und gegrinst. Nach zwei, drei Gläsern konnte man gut an Flieges Ideen glauben. Und es war schon mein viertes gewesen.

Seitdem war Fliege nur noch für das Projekt Bürgermeister zu sprechen. Im Eastside waren wir fast gar nicht mehr, ich war nicht mal dazu gekommen, ihm von Nadja zu erzählen. Wahrscheinlich hätte er eh nur ins Leere geschaut und irgendeine Alibinachfrage gestellt. Fliege war im Jagdmodus, alles hatte sich nur noch der Frage unterzuordnen, wie die Übernahme der Frankfurter SPD gelingen könnte.

Auch die Auswahl unserer Interviewpartner für die 0335 stand inzwischen im Zeichen des politischen Kampfes. Fliege verlangte mehr Prominenz. Ich hatte Eißfeldt oder Tocotronic vorgeschlagen. »Kennt kein Schwein«, sagte Fliege. »Wir müssen jetzt in den Mainstream. Aber kritisch!«

So war es zu dem Plan gekommen, ein »feuilletonistisches Interview« mit Dolly Buster zu führen. Zitat Fliege.

An seinem Stand wurde er gerade von einer Gruppe alter Damen umringt. Fliege gab mir ein Zeichen, dass er mit mir reden müsse: »Ich brauch dich morgen im Sea Park«, sagte er. »Tisch ist reserviert. Freier, mach dich auf was gefasst!«

Ins Sea Park Cuisine? In diesen Nobelschuppen? Was wollten wir denn da? Doch Fliege hatte sich schon wieder unters Volk gemischt und tippte gegen sein Handgelenk. Ich tippte gegen meine Stirn und drehte mich um.

»Versau es nicht!«, rief er mir hinterher.

 

»So, und jetzt noch die Charity-Frage«, sagte Dolly Buster.

»Die was?«

Sie rollte mit den Augen. »In jedem anständigen Interview kommt am Ende was Soziales. Tierschutz, Kindern helfen, Hunger bekämpfen. So was. Also stell mir jetzt die Charity-Frage.«

Es nahm kein Ende. Sie hatte alle meine Fragen gestrichen und durch neue ersetzt: Würden Sie gern eine zweite Karriere als Schauspielerin beginnen? Fühlen Sie sich manchmal allein im Showbusiness? Ich hatte ihr trotzdem noch jede Frage vortragen müssen, damit es, wie sie sagte, authentisch wirke. Was für eine Demütigung.

Die beiden Kameratypen lachten nur noch manchmal, dafür schrieben sie jetzt permanent SMS. Wahrscheinlich wusste längst die ganze Stadt Bescheid.

»Tun Sie denn überhaupt etwas Soziales?«

»Du bist aber auch keine Hundertwattbirne, oder? Es reicht, wenn ich mich für etwas Soziales ausspreche. Du kannst dir also ein Thema einfallen lassen.«

Sie nahm wieder die Computer Bild zur Hand.

Na, guten Tag, dachte ich und überlegte. Es dauerte ein bisschen, aber dann hatte ich es.

»Finden Sie nicht auch, dass das Wetter besser sein könnte?«

 

2

Ich warf die Wohnungstür in Schloss, hängte die Tasche an den Nagel und zog den Rollkragenpulli aus. Die nasse Baumwolle blieb an meiner Nase hängen und klebte im Gesicht. Ich schmiss das Ding in die Ecke. Irgendwo musste noch eine Packung Eistee sein.

Meine Wohnung war eigentlich nur ein Zimmer auf Etage vier. Meine Eltern hatten nichts Billigeres für mich gefunden, als sie vor vier Jahren raus nach Güldendorf gezogen waren. Siebenundzwanzig Quadratmeter, die sich auf einen Raum, einen winzigen Flur und ein Klo verteilten. Trotzdem war die Bude perfekt. Direkt an der Grenze, Blick bis zum Oderturm. Bester Tribünenplatz. Alle, die unten in der Stadt unterwegs waren, kamen an meinem Hochhaus vorbei.

Im Kühlschrank war der Eistee nicht, überhaupt war der Kühlschrank ziemlich leer. Die Butter und der Frischkäse waren weg. Ich blickte mich im Zimmer um. Auf dem Tisch stand ein rotes Paket mit Weihnachtssternen, mein einziges Weinglas stand auf dem Fensterbrett, es waren Stiefmütterchen drin. Und jemand hatte »putzen« in den Staub auf den Bildschirm geschrieben. Meine Mutter war hier gewesen.

Auf dem Tisch, gleich neben Nadjas Brief, lag ein Zettel.

»Junge, ich hab dir ein paar Kleinigkeiten mitgebracht. Die verfallenen Sachen aus deinem Kühlschrank hab ich entsorgt. Umarmung, Mutti«. Und PS: »Denk dran, morgen ist Sonntag, da haben alle Geschäfte zu.«

Oh Mann. Ich musste einen Weg finden, ihr endlich den Wohnungsschlüssel abzunehmen. Ich riss am Paketband, wühlte in dem Paket. Oben lagen abgepacktes Brot und Kokosflocken, darunter Wattestäbchen und Walnüsse. Ich würde ihr irgendwie erklären müssen, warum ich den Schlüssel brauchte. Ein paar Äpfel und Dauerwurst. Ich biss in einen Apfel und schob ein Stück Salami hinterher.

Die Pakete waren leider wieder wichtig geworden, seit ich nicht mehr Zivi war. Was waren das für Zeiten gewesen. Wie Fliege und ich zusammen in der Agentur die 0335 entwickelt hatten. Unser eigenes Stadtmagazin, vierfarbig, Auflage zwanzigtausend. Nachts mit dem Taxi nach Hause, und bei Hunger einfach was bestellen. Und dafür gab es jeden Monat auch noch tausend Mark plus Miete vom Bundesamt für den Zivildienst. Das hatte Fliege genial gedeichselt.

Aus und vorbei, seit zwei Monaten. Man konnte seinen Zivildienst leider nicht verlängern. Klar machte ich weiter die 0335, aber was Fliege mir in der Agentur zahlte, reichte für die Miete und für wenig mehr. Obwohl Fliege meinen Satz schon verdoppelt hatte. Immerhin fand sich im Agentur-Kühlschrank immer irgendwas zu essen. Und auf jeden Fall war der Job besser, als in den Westen zu gehen oder Gurken zu ernten oder den ganzen Tag Schreibtisch und Telefon zu machen wie Mutti. Oder Bankkaufmann zu werden. Aus unserer Schulklasse hatten fünf Leute Bankkaufmann gelernt, und keiner von ihnen freiwillig. Jetzt saßen sie in ihrer Filiale und sahen aus wie die Auslegeware unter ihnen. Bevor ich Fliege und Nadja kennengelernt hatte, hatte ich überlegt, ob ich das auch machen sollte. Immer noch besser als Gurken ernten, dachte ich damals. Dann kam Fliege auf die Idee mit der 0335 und fragte mich, ob ich nicht Journalist für das Magazin werden wolle. Was für eine Frage. Leute wie Jan Carpentier und Ulrich Wickert hatte ich schon immer bewundert. So kritisch und mutig wollte ich auch sein.

Ich wühlte mich zum Boden des Pakets durch. Mutti hatte wieder Letscho eingepackt. Ich hielt das Glas ins Licht. Eine wabbelige rote Masse aus Tomaten, Speck, Paprika und Zwiebeln. So schmeckte die DDR, würden sie im ORB sagen. Ich hatte ein einziges Mal davon gegessen. Da war ich acht, und meine Mutter brauchte anschließend eine neue Tischdecke. Trotzdem wurde sie nicht müde, es mir vorzusetzen. Und jedes Mal, wenn ich mich beschwerte, sagte sie: »Nu werd mal nicht arrogant.« Ich kapierte nicht, was das mit Arroganz zu tun hatte.

Ich ging zum Bücherregal, wo die Fußballbücher standen. Vorsichtig zog ich das von der WM 90 und das dicke Oberligabuch heraus. Dann schob ich das Glas zu den anderen Letschogläsern. Es waren mindestens zehn. Irgendwann würde ich die Dinger loswerden müssen. Das Risiko war zwar gering, dass Mutti ausgerechnet die Fußballbücher lesen würde, aber es wurde auch nicht kleiner. Ich schob die Bücher zurück ins Regal, drückte den Power-Knopf des Computerturms und lehnte mich aufs Fensterbrett. Friedlich wie ein Leuchtturm drehte sich das große, gelbe M unter meinem Fenster. Ein Reisebus zischte, ein Funkgerät knackte. Aus dem Abluftrohr drang der Geruch von Chicken McNuggets.

Als ich eingezogen war, hatte ich es noch vermieden, zu lange am Fenster zu stehen. Ich kam mir dabei irgendwie vor wie Frau Zeschke, die Nachbarin in unserem alten Haus. Ossis, die biertrinkend aus Neubauhäusern schauen, waren ja wohl das mieseste Klischee, das es gab.

Aber mittlerweile hatte ich jede Zurückhaltung verloren. Ich legte mir inzwischen sogar ein Kissen für die Ellbogen hin. War einfach bequemer. Außerdem überlegte ich schon seit einer Weile, ein Holzbrett anzubauen. Das Bier stand auf dem Fensterbrett nicht ganz sicher.

Ich liebte den Blick nach draußen. Geradeaus sah ich auf die große Kreuzung. Magistrale gegen Rosa-Luxemburg-Straße, das Treffen der Giganten. Irgendwer hatte immer was zu hupen. Aber auch drum herum war ziemlich viel zu sehen. Die Bürgersteige auf der Magistrale waren so kommunistisch extrabreit mit Bäumen und Bänken. Mal saßen da Skater, mal Nazis, mal Rentner und mal Kippenverkäufer. Ich hatte noch nicht ganz heraus, wovon das abhing. Heute war es jedenfalls heiß und Wochenende, und die Skater saßen da und kifften.

Und wenn ich der Straße nur fünfzig Meter nach links folgte, dann sah ich die Grenze. Das grüne Abfertigungsgebäude, dahinter der Bogen der Oderbrücke. BGS-Wannen, Dutzende Verkehrsschilder, nachts alles hell erleuchtet. Hier endete Deutschland, hier endete die EU. Eine Wand mit Tür. Mir konnte keiner erklären, wieso ich mir kein Holzbrett für das Bier ans Fenster bauen sollte.

Wer weiß, vielleicht würde ich irgendwann wieder mit Nadja hier rausschauen. Ihr Brief zog mich magnetisch an. Seit ein paar Tagen lag er offen auf dem Tisch, und ich sah ihn mit jedem Tag größer werden. Wie ein Kuchen im Ofen ging er auf und brauchte immer mehr Platz in meinem Kopf, dabei bestand er nur aus vier Worten. »Ich komme wieder. Nadja«, aus ausgeschnittenen Zeitungsbuchstaben, wie ein Erpresserbrief. Mehr nicht, nach drei Jahren.

 

Der Computer war hochgefahren. Ich startete das T-Online-Programm, das Modem begann zu pfeifen. Schon krass, sein eigenes Internet zu Hause zu haben. Fliege hatte darauf bestanden, und ich hatte mich nicht gewehrt. Schließlich bezahlte er alles.

Drei neue E-Mails. Die erste war von Mike Mischjemüse, er war tatsächlich beim Vereinsregister gewesen und hatte alle Unterlagen beisammen, um seinen Club der coolen Typen zu gründen. »Good Guys e. V.«, schrieb Mike, »das wird ’ne große Nummer. Wir könnten Mickey Rourke und Biggie Smalls zu Ehrenmitgliedern machen. Müssen die doch gar nicht wissen. Ich komm nächste Woche mit ein paar andern Typen und Wodka vorbei, und dann besprechen wir alles. MfG Mike«.

Die Fabrik suchte noch Tresendienste für nächste Woche. Dafür gab’s zwar kein Geld, aber den ganzen Abend freien Alkohol. Ich trug mich für Dienstag- und Donnerstagabend ein. Kinoabend und Percussionkonzert. Die paar Rotweintrinker von der Uni, die da kamen, waren nicht besonders anstrengend.

Die letzte Mail war von Fliege. Betreff: »Sonne!« Text: »Freier, toll, dass du dich getraut hast, Dolly Buster zu interviewen. Wieder ein Schritt auf dem Weg zum Topjournalisten. Bin stolz auf dich. PS: Nicht vergessen, nächste Sonnendemo ist Montag.«

 

Vor etwas mehr als drei Wochen war Fliege mit einem Editorial für die 0335 zu mir gekommen. »Mal was Politisches«, hatte er gesagt, als er den Text zum Redigieren auf meinen Tisch warf.

»Jetzt ist er endgültig durch«, sagte André, der Grafiker, nachdem ich ihm den Text vorgelesen hatte.

Fliege forderte in seinem Text besseres Wetter, mehr Sonne und weniger Regen. Und zwar nicht, wie das in Editorials von Stadtmagazinen immer gefordert wurde, weil den Chefredakteuren nichts Bedeutenderes einfiel. Nein, Fliege hatte dezidiertere Forderungen gestellt. Er verlangte feste wöchentliche Regenzeiten sowie eine staatliche Garantie für täglich zehn Stunden Sonne. Er behauptete, dass es dafür längst die technischen Möglichkeiten gebe, und verlangte sofortige Verhandlungen der EU mit Afrika über einen Klimatausch. »Frag nicht, was du für deine Regierung tun kannst, frag, was deine Regierung für dich tun kann!«

Ich hatte ihm eindringlich abgeraten, doch Fliege hörte nicht auf mich. Das Editorial erschien. Er hatte dem Heft sogar einen Bekennerbutton zum Ausschneiden beilegen lassen. Und als wäre das alles noch nicht genug gewesen, hatte er eine Demo angemeldet, zu der wir aus der Agentur anzutreten hatten. Fliege diktierte uns den Text für die selbst gemalten Transparente und Fahnen: »Für ein gerechtes Klimaabkommen mit Afrika«, »Schluss mit der Wetterapartheid« und Ähnliches mehr.

So schlecht war der Tag dann aber gar nicht. Die Polizei ließ für uns die Magistrale sperren, von den Bürgersteigen und Balkonen glotzten uns die Leute an. Passenderweise regnete es. Fliege marschierte an der Spitze und rief als Erster: »Reiht euch ein!« – wie damals, im Herbst 89. Viele Passanten fanden mehr Sonne anscheinend wirklich eine gute Idee und hatten an diesem Tag wohl auch nicht viel mehr vor. Unser Zug wurde ein kleines Volksfest. Rentner, Muttis, Kinder, Alkis, Punks beömmelten sich gemeinsam über unsere Forderungen an die Stadtverwaltung. Die Parolen kannten sie alle noch. »Kommt die Sonne, bleiben wir. Kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr.«

Als wir am Rathaus ankamen, waren wir vielleicht zweihundert Demonstranten, die Bürgermeister Krautzig laut aufforderten, sich zu zeigen. Was der natürlich nicht tat. Irgendwoher war ein Kamerateam vom ORB aufgetaucht. Fliege hatte sein Bestes gegeben, und das war nicht wenig: »Wir haben 1989 etwas anderes gewollt als Politiker, die uns Bürger ignorieren!«, rief er, und es gelang ihm, dabei nicht zu lachen. »Eigentlich müssten wir seine Partei übernehmen, um den Wählerwillen ins Rathaus zu bringen.«

So absurd dieser Satz gewesen war: Er war es, den sie in der Abendschau gesendet hatten. Da kapierte ich erst, was das sollte. Die Kampagne für besseres Wetter war ein Vehikel, um die Leute zum Eintritt in die SPD zu bewegen. Was für eine bescheuerte Idee, dachte ich.

 

Ich las im Polizeibericht, den Fliege angehängt hatte. Die Bullen hatten am Wochenende vierzig Punks vor einem Konzert im Westkreuz festgenommen. Die waren zwar friedlich gewesen, aber den Bullen war wohl die Gefahr zu groß, dass Nazis kamen. Also wurden die Punks vorsorglich für den Rest des Tages eingebuchtet.

Das hatte hundertpro mit Gramschi zu tun, diesem neuen Chefnazi, dessen Gesicht und Namen niemand kannte. Seit wir in der Fabrik vor ein paar Monaten zum ersten Mal von ihm gehört hatten, hatte sich was verändert. Klar, es war immer scheiße gewesen mit den Nazis. Mich hatten sie schon sechs- oder siebenmal aufgeklatscht. Aber bis vor ein paar Monaten konnte man sich auf sie einstellen, zumindest ein bisschen. Meist waren es besoffene Muskelaffen, die nachts in großen Trupps durch die Straßen zogen. Man musste immer bereit sein zu rennen, und nach Neuberesinchen, wo sie auf den Innenhöfen zwischen den Hochhäusern rumhingen, ging man halt nicht. Aber seit dieser Gramschi da war, schienen sie sich zum ersten Mal richtig zu organisieren. Neulich waren dreißig von denen an der Brücke aufgetaucht, gerade als Mike Mischjemüse sich eine Stange Kippen von den Vietnamesen holen wollte, und entrollten ein riesiges Plakat: »Achtung, Deutsche! Hier werden Drogen verkauft«. An einem anderen Tag waren die Nazis nach Hansa Nord gekommen, um Linden zu pflanzen. Außerdem schienen alle Nazis inzwischen Handys zu haben. Und was für welche. Das Ericsson am Gürtel war fast deren zweites Erkennungsmerkmal geworden. Das konnten diese Penner nie selbst bezahlt haben. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sich was zusammenbraute. Und dass die Bullen jetzt anfingen, Punks zu ihrer eigenen Sicherheit zu verhaften, verstärkte das Gefühl nur noch.

 

Das Telefon klingelte.

»Guten Tag, hier spricht das MobCall-Meinungsforschungsinstitut. Dürfte ich Ihnen einige kurze Fragen stellen?«

Auch das noch.

»Mutti, nicht schon wieder!«

Seit sie in diesem Callcenter an der Autobahn arbeitete, rief sie mich jede Woche mehrmals an. Konnte sie nicht im Supermarkt arbeiten? Oder auf dem Amt? Irgendwo, wo ich sie besuchen konnte und nicht sie mich?

»Du sollst mich nicht Mutti nennen!«, sagte sie. »Wenn die hören, dass ich dich anrufe, bin ich erledigt.«

»Und wieso rufst du dann ständig an?«

»Ich weiß, wann die zuhören. Du nicht«, sagte sie. »Ist alles okay bei dir?«

»Alles bestens«, sagte ich, »ich wollte nur mal mit dir über das Letscho …«

»Also gut«, sagte sie, »dann fangen wir mal an. Wie oft in einem Monat kaufen Sie bei Lidl ein? Sehr oft, oft, hin und wieder, selten, sehr selten oder gar nicht?«

»Gar nicht«, sagte ich tonlos.

»Plus?«

»Gar nicht.«

»Matthias!«, sagte meine Mutter.

Ich rieb mir die Stirn. Dann zog ich den Telefonstuhl ran. »Oft«, sagte ich und schaute auf den Stromzähler, der an der gegenüberliegenden Wand hing. Das Rädchen drehte sich wie immer. Vierundzwanzig Sekunden brauchte das Ding für eine volle Umdrehung.

»Wollt schon sagen«, brummte meine Mutter und begann vorzulesen. »Nehmen wir einmal an, Sie würden sich das Käseangebot bei Plus für einen Moment als eine Person vorstellen. Wäre es eher ein Mann oder eine Frau?«

Sie wurde in dem Callcenter nach geführten Interviews bezahlt. Einer der Angestellten hatte einen Trick entwickelt, die Telefonnummern zu manipulieren. Und seitdem rief Mutti in der Arbeitszeit hauptsächlich ihre Freunde an, um ihre Interviews zu führen. Und natürlich mich.

»Okay«, sagte sie, nachdem ich alle Käsesorten in Männer und Frauen eingeteilt hatte. »Die Leitung ist wieder sauber.« Sie klang, als würde sie sich längs auf eine Hollywoodschaukel legen. Das Zählrad hatte gerade die fünfundvierzigste Umdrehung gemacht.

»Willst du nicht mal einen Englischkurs machen?«, fragte ich. »Oder Windows lernen? Ist echt nicht so schwer.«

»Ach, hör auf damit. Ich habe einen Job, und mit dem bin ich zufrieden.«

Ja, aber was für einen. Vor acht Jahren war sie noch Chefillustratorin gewesen, jetzt saß sie in dieser Legebatterie und wurde abgehört. Ein Jahr nach der Wende war ihr Verlag geschluckt worden, und mit den neuen Chefs kam sie nicht klar. Und das bedeutete für jemanden wie meine Mutter: dann eben nicht. Dann eben Kackjobs.

»Aber wäre es nicht toll, wenn du wieder zeichnen könntest?«, fragte ich.

»Klar wäre das toll«, sagte sie. »Genau wie ein Häuschen am Balaton. Aber ist eben nicht. Dafür hab ich keinen Chef, dem ich gefallen muss. Punkt. Und jetzt Schluss!«, sagte sie. »Wie war dein Gespräch mit der Schauspielerin?«

»Ach«, sagte ich. »Wie geht’s denn Papa?«

»Ach«, sagte meine Mutter. »Was hat dir denn die Schauspielerin Tolles erzählt? Wo hat die noch mal mitgespielt?«

»Polizeiruf. Wo ist er denn gerade?«

»Wer?«, fragte meine Mutter.

»Na, Papa!«

»Achtung«, flüsterte sie und wechselte wieder in ihren Callcenter-Tonfall: »Wir kommen nun zu einigen Fragen aus der Politik.«

Ich hatte das Gefühl, dass dieses Mal niemand in der Leitung war. Aber ich konnte es nicht beweisen.

»Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank hat vorgeschlagen, jungen Menschen nur noch drei statt sechs Wochen bezahlten Urlaub zu geben. Bewerten Sie diese Idee als gut, schlecht oder weiß nicht?«

Bescheuerte Frage. »Schlecht.«

»Und nehmen wir nun einmal an, den jungen Menschen würde durch einen solchen Urlaubsverzicht ein sicherer Job zustehen. Würden Sie diese Idee dann als gut, schlecht oder weiß nicht bewerten?«

Die Frage war ja noch blöder. »Gut natürlich«, sagte ich.

»Okay«, sagte Mutti, »wir können wieder. Jetzt erzähl doch mal, wie es mit der Schauspielerin war. Hast du sie gefragt, ob sie sich als erotische Projektionsfläche sieht? Fred Hollmann konnte so was richtig gut.«

Fred Hollmann war Muttis Posterboy. Ostintellektueller, DDR-Auslandsreporter, Schnauzbart, Brille, stechende Augen. Hatte zu Ostzeiten in der Wochenpost Reportagen aus Kuba und Angola geschrieben, die wohl sogar im Westen gelesen wurden. Inzwischen erschien einmal in der Woche in der MOZ seine Kolumne, meist ging es um das nahende Ende des Kapitalismus. Ich hatte keine Ahnung von materialistischer Dialektik, aber ich kannte noch immer keinen Menschen, der schöner schreiben konnte.

Ich wollte jetzt nicht über Fred Hollmann reden. Papas letzte Karte war schon drei Wochen her. Aus Rotterdam, wo die Firma Hartwig, bei der er arbeitete, die Elektrik in einem Busbahnhof reparierte. Wirkte irgendwie müde. Seine Karten lasen sich, als hätte er sie betrunken geschrieben. Trotzdem malte er immer noch was Lustiges drauf, eine Sonne oben in die Ecke oder einen Witz an den Rand. Und er unterschrieb grundsätzlich mit »Surabaya Johnny«. Was auch immer das bedeutete.

Aber neulich hatte er ganz anders geklungen. »Bin ich ein Clown?«, schrieb er. »Lebe ich dieses Leben, um anderen zur Belustigung zu dienen? Wer sind Sie, meine unsichtbaren Herren?«

 

»Er hat’s schwer«, sagte meine Mutter. »Weißt du doch.«

»Und wo ist er?«

»Ich glaube, in Darmstadt. Irgendeine Bank.«

»Ist was mit ihm?«

»Nein«, sagte Mutti, »Hundertdollar vermisst nur seine Familie.«

Ich schwieg.

Mutti auch.

»Sag mal«, sagte ich nach ein paar Momenten, »sollten wir Papa nicht zum Geburtstag ein Handy schenken? Dann ist er nicht so allein, und wir wissen immer, wo er ist und wie es ihm geht.«

»Also, Matthias«, sagte sie, »bist du jetzt völlig abgehoben?«

»Wieso?«

»Weißt du, was das kostet?«

Wusste ich leider nicht. Mein Ericsson bezahlte Fliege.

»So, damit wären wir dann schon am Ende des Interviews angelangt.«

»Warte doch mal!«, rief ich.

»Bitte? Ich verstehe Sie nicht. Na gut, wir sind ja ohnehin mit unseren Fragen durch. Ich danke Ihnen herzlich für die Teilnahme und wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.«

 

Ich schaltete die Glotze ein, das Stadtfernsehen, wie immer, wenn ich an Papa dachte. Mintgrün legte sich über den Bildschirm. FR7, der schlechteste Fernsehsender der Welt. Eigentlich war es gar kein Fernsehsender, sondern Dauervideotext. Es gab keine Menschen und keine Stimmen, sondern nur Lokalnachrichten in Textform. Was heißt Nachrichten: »Der Billardsalon Heißer Huber öffnet ab August auch montags.« Manchmal zeigten sie auch völlig bescheuerte Standbilder. Gerade zum Beispiel sah man die Shell-Tankstelle vor den Hochhäusern Neuberesinchens im Abendlicht.

Das einzig Bedeutende an FR7 war die Hintergrundmusik. Papa hatte sie komponiert. »Astro-Freier«, stand immer ganz klein am unteren Bildrand. Daneben der Titelname. Coming home to Germany. Resistance in Mind. Titanic Desaster.

Es war unmöglich, diese Musik zu beschreiben. Synthiesound, Fahrstuhlmusik aus den Achtzigern. Aber irgendwie lag darunter noch etwas Düsteres, als hätte David Lynch Werbung für Kinderschokolade gemacht. Einmal hatte ich ihn gefragt, wie man das nannte, was er machte. Und er hatte gesagt: »Kosmonautenblues.«

FR7 hatte die Musik von Papa gar nicht verdient. Aber es gab dreißig Mark pro CD. Haben oder nicht haben.

Mutti hatte ihm den Synthesizer in dieser üblen Zeit direkt nach der Wende geschenkt. Das war, kurz nachdem er im Elektroladen gefeuert worden war. Roland, Modell Juno-1, mit Gebrauchsspuren. Krasses Teil, jede Menge Lichter und Schieberegler, aber Papa ließ mich nicht ran. Das Ding stand eingeschlossen in der Waschküche, in der er dann manchmal tagelang verschwand. Am Ende kam er fertig und glücklich mit einer Neunzig-Minuten-Kassette zurück, die wir sofort zusammen durchhören mussten.

Ansonsten ging es damals nur bergab. Plötzlich trugen immer mehr Typen auf dem Schulhof Aktenkoffer und Bomberjacken. Jeder sagte ständig »Verarsche«. Ins Stadion ging ich da schon ohne Papa. Diese brutale letzte Oberligasaison, in dem alle Spieler um ihr Leben rannten, Papa sagte »das Knochenbrecherjahr«. Vorwärts hatte als Letzter abgeschlossen. Dritte Liga, und es wurde jedes Jahr schlimmer. Zu Hause ging es nicht mehr um Fußball. Es ging um überhaupt nichts Lustiges mehr. Stattdessen jeden Abend dasselbe Thema. Matthias, es kann passieren, dass wir bald kein Geld mehr haben … Wir wissen es noch nicht, aber vielleicht müssen wir in eine andere Stadt ziehen … Das ist schwer zu erklären … Jetzt iss dein Letscho.

Meine Mutter kam mit dem ganzen Ärger irgendwie zurecht, aber Papa nicht. Ich erinnerte mich an den Abend, bevor er das erste Mal für vier Wochen auf eine Baustelle in den Westen fuhr. Reisestullen eingepackt, Landkarte mit rot eingezeichneter Route auf dem Küchentisch, und sie klopfte ihm auf den Rücken und sagte: »Dieses Mal bist du auf Achse, Hundertdollar.« Und da fing er an zu heulen. Und sie machte einen Wein auf und zündete eine Kerze an und nahm ihn in den Arm, und es half nichts.

Die vier Wochen waren zum Kotzen gewesen. Mutti und ich hatten uns jeden Nachmittag in die Telefonzelle unten an der Puschkinstraße gequetscht. Papa, sehr verrauscht, versuchte, was Schönes zu sagen wie: Gute Zimmer hier. Und mir fiel nichts Besseres ein als: Du musst bald wiederkommen. Wenn ich fertig war mit meinem Gestammel, nahm Mutti den Hörer und sagte Sachen über eine Versicherung oder einen Vertrag. Und ich guckte durch die zerkratzte Scheibe, die Leipziger Straße hoch. Abends saßen wir allein am Küchentisch. Nur zwei Teller und kein großes Glas saure Gurken mehr, weil die nur Papa mochte.

An einem dieser Abende hatte sie plötzlich gefragt: »Weißt du eigentlich, dass wir damals Kunden waren?«

Ich guckte blöd. Kunde, so quatschten sich doch alle an. Kunde, das bedeutete so etwas wie Typ oder Vogel.

»Nee«, sagte sie. »Kunde war nicht jeder.«

Dann legte sie das Messer beiseite und holte die Fotokiste. Sie leerte sie auf dem Teppich im Flur aus, und wir saßen dort den ganzen Abend und wühlten uns durch die Bilder. Es waren Hunderte, fast alle schwarz-weiß, mit Leuten darauf, die ich nicht kannte. Die meisten hatten lange Haare und sahen lustig und besoffen aus.

»Wir waren die Kunden«, sagte sie noch mal und erzählte von Freunden namens »Mocca«, »Schraubzwinge« und »Doppelkorn«. Sie lachte die Bilder an und weinte ein bisschen.

Ich kapierte erst später wirklich, was Kunden genau waren. So nannten sich die Hippies in der DDR. Typen, die mit langen Haaren und Jeansjacken jedes Wochenende in Nester wie Pößneck oder Zwickau trampten, um in irgendwelchen Landgasthöfen Bluesbands zu hören, die Bob Dylan nachspielten. Es gab kein Gras in der DDR, weshalb die Kunden sich vor allem die Kante gaben und gern in großen Gruppen tagsüber hackedicht in Stadtparks lagen. Was wiederum die Bullen nicht mochten.

Irgendwann an dem Abend fand ich in dem Fotohaufen ein Bild von Papa, mit vollem Haar und ohne Wampe. Er sah gut aus, ein bisschen wie Sheriff Truman aus Twin Peaks. Auf dem Foto war er eingerahmt von fünf Typen mit Kutten. Ziemliche Schränke, die nicht unbedingt Angst vor ihm zu haben schienen. Zwei legten ihren Arm um seinen Hals, einer wuschelte ihm durch die Haare. Papa sah ein bisschen hilflos aus.

Mutti nahm das Bild in die Hand und sah es liebevoll und spöttisch an.

»Bahro.«

Sie erzählte alles ziemlich durcheinander, weil sie auch schon was getrunken hatte. Das Bild war an dem Tag aufgenommen worden, als die beiden sich kennengelernt hatten. An einem Wochenende im Sommer 1977, als in Frankfurt irgendein großes sozialistisches deutsch-polnisches Jugendfest stattfand.

Auch viele Kunden wollten in die Stadt. Das wussten aber die Bullen schon und hatten deswegen alle Zugverbindungen gekappt und Straßensperren aufgebaut. Hinter Beeskow ging’s nicht weiter.

»Außer man hatte eine Flasche Wodka und wusste, wo die Russenkaserne war«, sagte sie.

Sie und ihre Clique waren gerade einmal drei Stunden in Frankfurt, bis sie hochgenommen wurden. Die Bullen setzten sie in einen Mannschaftswagen und ließen sie in irgendeinem gottverlassenen Dorf raus, dreißig Kilometer vor Frankfurt. In Bahro.

Sie ist mit mir später mal hingefahren. Da war nix, eine Straße, paar Laternen und der Gasthof Zur Gekrönten Eiche. Den gab’s damals schon. Die Kunden sind da sofort rein. Ein Riesensaal mit Holz an den Wänden und ohne Gäste. Und ganz hinten am Tresen putzte mein Vater die Schankanlage und fluchte, weil er eigentlich zum Fußball wollte, aber von Opa zum Tresendienst verdonnert worden war.

»Hundert Dollar«, sagte meine Mutter. »Für hundert Dollar wollte er uns da übernachten lassen.«

Sie haben ihn dann mit einer Mischung aus Schnaps und Drohungen überzeugt. Am nächsten Morgen küsste er meine Mutter und hieß für immer Hundertdollar.

An dem Abend, als sie mir diese Geschichte erzählte, durfte ich mein erstes Bier mit ihr trinken. Sie beschloss, meinem Vater einen Synthesizer zu schenken. Und ich kotzte ins Bett.

 

Plötzlich schepperte es, als hätte jemand fünfzehn Blechtöpfe fallen gelassen. Ich schreckte hoch. Was war das denn? Draußen war es dunkel geworden, FR7 lief immer noch. Die Glotze warf matt mintgrünes Licht an die Wand. War ich eingeschlafen?

Ich setzte mich auf, drückte die Mute-Taste und lauschte. Das einzige Geräusch kam aus dem Treppenhaus. Quietschende Turnschuhschritte auf Linoleum.

Und dann noch mal dieses Scheppern.

Langsam stand ich auf und schlich zur Wohnungstür. Letzte Woche waren sie bei Volkmar Kuhlee nebenan eingebrochen. Sie hatten sogar das Trikot gestohlen, das er als Mittelstürmer im Pokal-Spiel gegen den BFC getragen hatte. Barbaren. Ich schaute durch den Spion, sah aber nichts. Zu hell. Ich knetete in meinen Augen herum und versuchte es noch einmal. Langsam bildete sich der Flur im Spion ab. Kein Mensch zu sehen. Der Fahrstuhl war geschlossen, genau wie die Wohnungstüren. Die einzige Tür, die ich nicht sehen konnte, war die von Töffler. Ich drückte die Klinke.

Vor der Nachbartür kniete Töffler am Boden, vor einem Haufen VHS-Kassetten. Daneben eine zerrissene Aldi-Tüte. Hastig packte er die Kassetten in seinen Rucksack.

»Mensch, Töffler«, sagte ich, »ich dachte schon, die Einbrecher kommen.«

Er fuhr ruckartig hoch, entspannte sich aber, als er mich erkannte. »Freier«, sagte er. »Mann, erschreck mich doch nicht so.«

Wer hatte denn hier wen erschreckt? Nun gut, Töffler sah eindeutig zu lieb aus, um jemanden zu erschrecken. Schmales Gesicht, hohe Augenbrauen, Pulli mit Kragen, grüner 4You-Rucksack. Irgendwie dachte ich bei ihm an einen jungen Franzosen, der einmal mit seinen Gedichten berühmt werden würde.

»Was machst’n du?«, fragte ich. »Videoabend?«

»So was in der Richtung«, sagte er. »Uni-Kram. Wir machen nächste Woche ’ne Videoperformance, und ich muss heute Abend das ganze Zeug sichten.«

»Ah«, sagte ich.

Klang langweilig. Sollte ich wirklich studieren, würde ich definitiv spannendere Sachen machen.

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