Buchtipps Herbst 2016
Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich

Buchtipps aus dem PIPER Verlag

Die besten Bücher Herbst 2016

Freitag, 14. Oktober 2016 von Piper Verlag


Buchempfehlungen für den Herbst

Herbstzeit ist Lesezeit: Wenn es wieder früher dunkel wird, nimmt auch die Leselust zu. 5 unserer Verlagskollegen verraten ihre Lieblingsbücher für lange Leseabende.

Eine leidenschaftliche Affäre und ein schreckliches Geheimnis

Judith Lennox ist eine meiner absoluten Lieblingsautorinnen. Jetzt ist der Herbst da, die Abende werden länger: ideal, um in ihren neuen Roman »Die Frau des Juweliers« zu versinken.

Im Mittelpunkt steht Juliet, die als sehr junge Frau in die englische Juweliersdynastie Winterton einheiratet – beeindruckt von deren selbstbewusster Noblesse und geschmeichelt durch Henry Wintertons drängendes Werben. Marsh Court, der Landsitz der Wintertons, wird ihr schnell zum Zuhause, aber ihre Ehe mit dem stolzen Henry, das muss sie früh erkennen, war ein Fehler. Ausgerechnet Henrys bester Freund wird Juliets Liebhaber. Von ihm lässt sie sich in ein schreckliches Geheimnis hineinziehen, durch das sie am Ende alles verlieren könnte.

Einmal mehr schafft es die englische Erfolgsautorin Judith Lennox, eine starke, beeindruckende Frau zur Schlüsselfigur eines absolut mitreißenden, vielschichtigen Familienromans zu machen, in dem auch die Spannungsmomente und das Zeitkolorit nicht zu kurz kommen. Elegant und mit viel Gefühl begleitet sie ihre Figuren durch drei überaus bewegte Jahrzehnte. Ein großartiger Schmöker und das perfekte Geschenk!

Ein Geschenktipp von Bettina Feldweg, Programmleitung Malik

Blick ins Buch
Die Frau des JuweliersDie Frau des Juweliers

Roman

Kairo, 1938: Wir werden uns lieben, denkt Juliet, als sie den reichen englischen Juwelier Henry Winterton heiratet und mit ihm nach England geht. Sofort empfindet sie das Herrenhaus Marsh Court als ihr neues Zuhause. Doch ihre Heirat soll sich als großer Fehler herausstellen. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, wird alles noch schlimmer. Plötzlich schwelgen die Wintertons nicht mehr in Luxus, und Juliet kämpft um das Überleben der Familie. In ihrer Verzweiflung und ihrem Hunger nach Liebe lässt sie sich auf eine Affäre mit dem charismatischen Gillis ein. Doch ihn umgibt ein Geheimnis, das ihr Leben zerstören könnte.
Taschenbuch
€ 11,00
E-Book
€ 4,99
€ 11,00 inkl. MwSt.
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 4,99 inkl. MwSt.
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Teil 1

Die Perlenkette

1938–1946

 

 

 

1

Oktober 1938–Dezember 1938

 

Beim Frühstück ließ das Dienstmädchen einen Bückling auf Henrys Schoß fallen, und er nannte sie dumm und warf sie hinaus. Sie war wirklich dumm, musste Juliet Winterton einräumen, ein armes, ungebildetes kleines Ding, das jüngste Kind einer großen Familie, die in beengten Verhältnissen in einem zu kleinen Haus in Maylandsea lebte. Doch das Mädchen tat ihr leid, und sie nahm es in Schutz, nachdem es weinend aus dem Zimmer gelaufen war.

Henry bekam diesen gemeinen Blick, den sie in den drei Monaten ihrer Ehe bereits kennengelernt hatte. »Du kannst manchmal so schwach sein, Juliet«, sagte er und riss dem Unglücksfisch das Rückgrat heraus.

Sie ließ sich nicht beirren. »Ethel kann nichts dafür. Du machst ihr Angst, Henry, du machst sie nervös. Mein Vater hat immer gesagt, man solle freundlich sein zu den Angestellten, gerade weil sie weniger Glück im Leben hatten als wir.«

»Dein Vater war ein Narr.« Er schlitzte mit dem Brieföffner einen Umschlag auf. »Er hat sein Geld verschleudert und dich mittellos zurückgelassen, wie ich mich erinnere. Weiß Gott, was aus dir geworden wäre, wenn ich dich nicht gerettet hätte.«

Sie hasste es, ihn in diesem Ton von ihrem Vater sprechen zu hören, der noch keine sechs Monate tot war. Doch sie hatte gelernt, sich vor Henrys Zunge zu hüten, deshalb strich sie nur schweigend Butter auf den Toast, den Ethel hatte anbrennen lassen. Sie hatte allen Appetit verloren, und der fischige Geruch des Bücklings schlug ihr auf den Magen.

Als sein Teller leer war, legte Henry Messer und Gabel weg. »Wir haben heute Abend einen Gast«, bemerkte er. »Sinclair hat sich angemeldet.«

Gillis Sinclair war Parlamentsmitglied und lebte in London. Henry war der Patenonkel seiner jüngeren Tochter Claudia und sprach häufig von ihm, doch Juliet hatte weder Sinclair noch seine Frau Blanche bisher kennengelernt.

»Ich lasse ein Zimmer richten«, sagte sie. »Kommt Mr. Sinclair allein?«

»Ja, Blanche fühlt sich nicht wohl. Mach ein Zimmer im Cottage fertig. Wenn die Sinclairs nach Marsh Court kommen, übernachten sie immer im Cottage.«

Henry tupfte sich den Mund mit der Serviette ab und stand auf. Er und seine beiden Geschwister, Jonathan und Jane, waren rein äußerlich wie aus einem Holz geschnitzt, blond und attraktiv wie alle Wintertons, wobei Henry der Stattlichste und Markanteste von ihnen war. »Am besten lädst du Jonny und Helen dazu ein«, fügte er hinzu. »Und die Barbours. Machen wir eine kleine Gesellschaft daraus.«

Charles und Marie Barbour, die Nachbarn der Wintertons, lebten auf einem großen Bauernhof im Süden von Marsh Court. »Lass mich noch einmal mit Ethel reden«, drängte Juliet sanft.

»Nein.« Sein Mund wurde schmal. »Wenn ich sage, sie geht, dann geht sie.«

Da sie jetzt nur noch auf die Hilfe der Köchin, Mrs. Godbold, und der alten Wirtschafterin zurückgreifen konnte, die so klapprig war, dass Juliet jedes Mal um ihr Leben fürchtete, wenn sie die Treppe hinaufkeuchte, gab es an diesem Morgen viel zu viel zu tun. Juliet bereitete selbst das Zimmer in dem hübschen kleinen Gästecottage vor und tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie am Abend Helen und Jonathan sehen würde. Jonathan war ein umgänglicherer Mensch als Henry, und Helen, ihre Schwägerin, war ihr schon fast eine Freundin geworden.

Nach dem Mittagessen ging sie nach draußen. Die Bäume hatten das Laub in diesem Jahr früh verloren, ein heftiger Oktobersturm hatte es von den Ästen gerissen und die Blätter der japanischen Fächerahorne in blutroten Wirbeln über den Rasen geworfen. Ohne den Streit mit Henry hätte Juliet ihren Skizzenblock geholt und versucht, die Farbenvielfalt des gefallenen Laubs auf Papier zu bannen, doch sie war zu aufgewühlt, um zu malen. Dein Vater war ein Narr. Er hat sein Geld verschleudert und dich mittellos zurück-gelassen. Gott weiß, was aus dir geworden wäre, wenn ich dich nicht gerettet hätte.

Gerettet?, dachte sie, während sie durch das Gras ging, dessen Halme nass über ihre Fesseln streiften. So siehst du das, Henry?

Die Regenwolken hatten sich verzogen und blauen Himmel und friedliche Stille zurückgelassen. Marsh Court stand auf einer Halbinsel, die zwischen zwei Flüssen in die Nordsee hinausragte, dem Crouch im Süden und dem breiten Delta des Blackwater im Norden. Das flache Land rund um das Haus schimmerte in weichen Tönen von Grün, Grau und Braun, die dem Auge wohltaten. Juliet beobachtete eine Schar Möwen, die über dem Wasser kreiste, und aus der Ferne wirkten die weißen Vogelbrüste im Sonnenlicht wie ein einziger leuchtender Körper.

Der Garten ging, ohne Zaun oder Hecke zur Begrenzung des Landes, zuerst in Felder und dann in Salzmarsch über. Das einzige andere Haus in Sichtweite war das im letzten Jahrhundert für eine unverheiratete Winterton-Tante erbaute Cottage aus rotem Backstein, in dem Henrys Freund Gillis Sinclair die kommende Nacht verbringen würde.

Juliet blickte zurück zum Haus mit den drei breiten Giebeln, die dem Marschland und dem Watt zugewandt waren, wo die Priele und Salzmarschen vom Wasser durchwirkt schienen wie von metallischen Fäden. Unter dem jahrzehntelangen Einfluss von Sonne und Regen waren die Farben von Dach und Mauern zu zart rötlich getöntem Ocker und Gold verblasst, sodass das Haus mit seinem Umland eine harmonische Einheit bildete. Hohe Fenstertüren führten auf Terrassen voller Geranienkübel hinaus, und Bienen summten im staubigen Licht eines gesprungenen Buntglasfensters. Den Kaminsims im Salon zierten bäuerliche Holzfiguren von Adam und Eva, Eva drall und keck, Adam mit strähnigem Haar und etwas verlottert. In der Abstellkammer standen Flaggenstöcke und Schlaghölzer für Spiele, deren Regeln Juliet nicht kannte; in der Bibliothek lag ein Album, das ausschließlich Fotografien von den Hunden der Familie Winterton enthielt. Für Juliet sahen die Tiere alle gleich aus, aber wenn Henrys Schwester Jane in dem Band blätterte, sagte sie seufzend: »Ach, da ist Lucky, und, oh, schau! Meine süße alte Sally.« Und ihre Brüder nickten lächelnd dazu.

Juliet war Marsh Court gleich in jenem ersten Moment verfallen, als sie es am Ende ihrer langen Reise von Ägypten nach England aus dem Küstennebel auftauchen sah. Und doch war sie in zwei Monaten Ehe das Gefühl nicht losgeworden, dass sie die Rolle der Hausherrin nur spielte, dass sie ihr nicht zustand, dass sie ein Eindringling war, eine Hochstaplerin.

Manchmal strich sie mit der Hand über ein glänzendes Geländer oder drückte ihr Gesicht in den verblichenen Samt eines Vorhangs, als könnte sie so ein Teil des Hauses werden und ein Teil dieser Familie.

Dort, wo das Land abfiel, wurde das Gras grob und büschelig und ging nahtlos in das Feld dahinter über. Sie kam zu der Stelle, wo die Wintertons zur Feier wichtiger Familienereignisse Feuer anzuzünden pflegten. Jetzt lag nur ein kreisrunder Aschering in der Feuergrube.

Juliet begann das herabgefallene Laub zu einem Haufen zusammenzufegen: goldgelbe Eichenblätter, scharlachrote und korallenfarbene Zungen von den Kirschbäumen sowie gefingerte Kastanienblätter, die aussahen wie zerknitterte braune Hände. In ihrer Tasche fand sie einen alten Einkaufszettel – Strümpfe, Briefmarken, Aspirin. Sie knüllte ihn zusammen und stopfte ihn unter das Laub. Ihr elegantes goldenes Feuerzeug war von Winterton, ein Geschenk von Henry. Sie hielt die Flamme ans Papier, bis es Feuer fing, und trat ein Stück zurück, um den beißenden, herbstlichen Geruch des Rauchs einzuatmen, der aus den Blättern aufstieg.

Am unteren Rand des Feldes bemerkte sie einen Mann, der dort den Fußweg entlangging. Obwohl das Land, das an das Mündungsgebiet grenzte, nicht zu Marsh Court gehörte, sahen die Wintertons es gern als ihr eigenes an, zumal sich dort kaum je ein Mensch zeigte. Sie hatte sich ihrem Alleinsein hingegeben, der Vorstellung, mit dem toten Laub ihren Kummer zu verbrennen, und fühlte sich … nicht direkt ertappt, aber doch peinlich berührt, als wäre sie bei einer intimen Verrichtung wie dem Zähneputzen oder Haaremachen überrascht worden.

Der Mann auf dem Fußweg war hochgewachsen und bewegte sich leichten Schrittes. Juliet sah, wie er vom Fußweg abbog und landeinwärts ging, auf das Laubfeuer zu. Sie nahm an, dass der Mann nach dem Weg fragen oder vielleicht um ein Glas Wasser bitten würde.

Doch als der Fremde in Hörweite kam, rief er: »Sie müssen Juliet sein. Als ich hörte, dass Henry mit einer Ehefrau aus Ägypten zurückgekommen ist, war ich sehr gespannt und konnte es kaum erwarten, Sie kennenzulernen.« Die Hand zur Begrüßung ausgestreckt, trat er auf sie zu. »Verzeihen Sie, wenn ich Sie erschreckt habe. Ich bin Gillis Sinclair. Henry hat Sie hoffentlich vorgewarnt und Ihnen gesagt, dass ich komme.«

Er hatte eine hohe Stirn und ausdrucksstarke blaugraue Augen unter geraden Brauen. Die hellen Haare waren gelockt, die schmale Nase war lang und gerade, der Mund groß und wohlgeformt. Juliet fand den Mann überraschend attraktiv. Sie murmelte eine Begrüßung und gab ihm die Hand.

Er lachte. »Könnte es sein, dass ich nicht Ihren Erwartungen entspreche, Mrs. Winterton? Sie hatten sich vielleicht einen etwas angejahrten Politiker vorgestellt, den die Bürde der Staatsgeschäfte vorzeitig gebeugt hat?«

Es stimmte, sie hatte einen älteren Mann erwartet. Henry war siebzehn Jahre älter als sie, und Juliet hatte angenommen, sein Freund sei etwa im gleichen Alter.

»Aber nein, keineswegs«, antwortete sie. »Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, Mr. Sinclair.«

»Gillis. Ich hoffe, wir können die Förmlichkeiten lassen.«

»Dann müssen Sie mich Juliet nennen. Gillis ist ein ungewöhnlicher Name.«

»Es ist ein dänischer Name. Meine Mutter stammt aus Kopenhagen.«

»Und sprechen Sie Dänisch?«

»Ein bisschen. Sie müssen entschuldigen, dass ich einfach so in Ihrem Garten aufkreuze. Mein Auto steht mit einem kaputten Auspuff in Maldon in der Werkstatt. Das verflixte Ding hat die ganze Fahrt von Chelmsford bis hierher schwarzen Qualm gespuckt. Ein Mann von der Werkstatt bot mir an, mich herzufahren, aber ich bin lieber marschiert. Ich liebe die Wanderungen hier am Delta.«

Sein Blick ruhte auf ihr, während er sprach. Es war seltsam, dachte Juliet, dass einem ein Lächeln, ein Blick alle Ruhe rauben und zugleich bewirken konnte, dass man sich plötzlich hellwach und lebendig fühlte, so als hätte man die ganze Zeit im Schatten dahinvegetiert und wäre nun ins strahlende Licht hinausgetreten.

»Ich hörte, dass Ihre Frau sich nicht wohlfühlt. Das tut mir leid.«

»Ach ja, die arme Blanche. Sie meint, sie hätte es von den Kindern aufgeschnappt. Ich halte mich von ihnen möglichst fern.«

Er sagte es mit einem Augenzwinkern. Sie hatte immer noch Mühe mit dieser Angewohnheit der Engländer, das eine zu sagen und dabei etwas ganz anderes zu meinen. Sie fürchtete, dass ihre Konversation den Leuten hier im Vergleich recht schwerfällig vorkam.

Das Feuer war zu weiß umkränzter roter Glut heruntergebrannt. Als sie den Weg zum Haus antraten, fragte sie Gillis, wie alt seine Töchter seien.

»Flavia ist vier und Claudia – Moment! – zwei.«

»Wie niedlich.«

»Wenn ich das nächste Mal komme, bringe ich sie mit. Ich glaube, sie werden Ihnen gefallen.«

»Ja, das wäre schön.«

»Henry hat mir erzählt, dass Sie sich in Kairo kennengelernt haben. Sind Sie dort geboren?«

Juliet schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin gebürtige Engländerin, aber mein Vater und ich sind sehr viel gereist. Henry habe ich zwei Wochen nach dem Tod meines Vaters kennengelernt.«

»Das war sicher alles nicht einfach.« Er warf ihr einen Blick von der Seite zu, während sie den nassen Hang hinaufstiegen. »So ein Verlust ist ja immer schlimm. Und Henry, so gern ich ihn habe, ist nicht gerade ein einfacher Mensch.«

Juliets Vater Alexander Capel, Ägyptologe und Gräzist, hatte ein halbes Dutzend Sprachen fließend gesprochen und die Fähigkeit besessen, neue Sprachen bemerkenswert schnell zu erlernen. Im Alter von einundzwanzig Jahren hatte er England nach einem Zerwürfnis mit seinen Eltern den Rücken gekehrt und war seither auf fortgesetzter Wanderschaft durch die Länder des östlichen Mittelmeerraums gewesen. Als Juliet zwölf war, starb ihre Mutter, erschöpft von Krankheit und dem rastlosen Wanderleben. Sie war untröstlich nach diesem Verlust. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es ihr nichts ausgemacht, kein festes Zuhause zu haben; ihre Mutter hatte jede Unterkunft zu einem Zuhause gemacht. Doch nach ihrem Tod fühlte Juliet sich entwurzelt und orientierungslos.

Mit siebzehn war sie mit ihrem Vater nach Kairo gezogen. Anfangs lebten sie dort in einer Mietwohnung in Zamalek, einem wohlhabenden Viertel mit grünen Bäumen und geräumigen Villen. Sie hatten eine Hausangestellte und gingen zum Essen meistens aus. Juliet nahm Mal- und Zeichenunterricht, während ihr Vater als Übersetzer an der britischen Botschaft arbeitete. Zu ihrem Freundeskreis, der aus der gewohnten internationalen Clique bestand, gehörten Schriftsteller, Intellektuelle und Weltenbummler. Sie liebte die ausgedehnten, gemütlichen Abendessen und Gespräche, die niemals vor Mitternacht zu Ende gingen, und die Kühle der frühen Morgenstunden, die tiefschwarzen Schatten in den uralten Straßen.

Als ihr Vater krank wurde, konnte er nicht mehr arbeiten, und sie mussten die Wohnung aufgeben und sich auf der Südseite der Insel Gezira eine Bleibe suchen. Sie beschäftigten keine Angestellte mehr, Juliet selbst kümmerte sich um den Haushalt und das Kochen. Sie verdiente etwas Geld als Gesellschafterin und Briefeschreiberin einer alten Französin (sie hatte zuvor ihrem Vater mehrere Jahre mit den Schreibarbeiten geholfen) und gab drei verwöhnten englischen Schulmädchen Zeichenunterricht. Ihr Vater trank billigen Fusel, um die Schmerzen zu betäuben. Immer schon ein freimütiger Bewunderer der arabischen Kultur, ging er dazu über, sich in Dschallabija und Fez zu kleiden, und stritt sich mit seinen britischen Bekannten, die nicht mehr so oft vorbeikamen. Juliet vermutete, sie glaubten, er zähle sich nun ganz zu den Einheimischen.

Ein halbes Jahr vor dem Tod ihres Vaters, dessen historische Monografien sich in der französischsprachigen Welt einer gewissen Popularität erfreuten, führte sein Verleger, ein Franzose, Juliet zum Essen aus. Jean-Christophe warnte sie, dass man auf einen Krieg zusteuere, und riet ihr, Kairo zu verlassen. Der Sieg der Italiener in Abessinien, südlich von Ägypten, sei einer der ersten Schritte auf dem Weg in den kommenden Konflikt, der, wie er ruhig und sachlich erklärte, unvorstellbar grausam werden würde. Er habe versucht, mit ihrem Vater zu reden, sei jedoch auf taube Ohren gestoßen. Sie müsse unbedingt auf ihn einwirken.

Danach hatten sie sich erfreulicheren Dingen zugewandt. Es wurde ein netter Abend, und später nahm Jean-Christophe sie mit in seine Villa in der Abou-el-Feda-Straße und schlief mit ihr. Sie ließ sich von ihm verführen, weil sie den Trost menschlicher Berührung brauchte. Er war ein zärtlicher und einfühlsamer Liebhaber, der ihr das Gefühl gab, dass sie schön sei. Sie verliebte sich in ihn und war zutiefst niedergeschlagen, als er einen Monat später zu seiner Frau und seinen Kindern in sein Schloss an der Loire zurückkehrte.

Als die Krankheit ihres Vaters sich verschlimmerte, verkaufte Juliet nach und nach alle Wertgegenstände, um das Morphium bezahlen zu können. Es war ein langes Leiden, erschütternd mitanzusehen. In den letzten Wochen konnte sie ihm keinen Trost mehr spenden, und so blieb nach seinem Tod ein Gefühl des Versagens in ihr zurück, das sie niemals ganz abschütteln konnte.

Nachdem die dringendsten Schulden ihres Vaters bezahlt waren, blieb ihr nichts. Es war Sommer und schon unerträglich heiß. Sie hatte Kairo, diese laute, geheimnisumwitterte Stadt nie gemocht, und nun wusste sie nicht, wohin, und hätte sich einen Umzug in einen anderen Teil der Welt auch gar nicht leisten können. Sie begann, die Taschen ihrer Mäntel und Jacken nach Münzen zu durchsuchen, und versteckte sich hinter den geschlossenen Läden, wenn der Hauswirt klopfte.

Sie war allein und mittellos und hatte Angst, durch das Raster zu fallen. In Kairo mussten genug Menschen, die der Hilfe dringender bedurften als sie, auf der Straße leben. Nachts hielten nicht nur Hitze und Kummer sie wach, sondern auch die Angst vor dem Alleinsein, vor Verlassenheit und finanzieller Not. Sie war kaum noch fähig, etwas anderes zu empfinden als Entsetzen über die letzten Monate und Grauen vor der Zukunft. Sie war neunzehn Jahre alt und fühlte sich, als wäre ihr Herz verdorrt. Ihre Sehnsucht nach Liebe war stärker als ihr Hunger nach dem zuckersüßen Konfekt, das an den Straßenständen verkauft wurde.

Sie beschloss, ihr letztes Wertstück zu verkaufen, eine Perlenkette, die einst ein reicher Händler aus Aleppo ihrem Vater geschenkt hatte. Alexander Capel hatte ihm alte aramäische Texte in modernes Arabisch und ins Englische übersetzt und seinen sechs Söhnen Englischunterricht gegeben. Ihr Vater hatte ihr die Kette zum fünfzehnten Geburtstag geschenkt. Anfangs hatte sie ihr nicht gefallen, sie fand sie altmodisch und schwer, doch mittlerweile liebte sie dieses Stück und den Zauber der großen, runden Perlen mit ihrem grünlich goldenen Glanz. Es waren Meerwasserperlen, in der Lagune eines Atolls im Pazifischen Ozean geerntet, alle in Gelbgold gefasst, jede durch einen kleinen Brillanten von der anderen abgesetzt.

Henry Winterton betrat den Laden, als der Schmuckhändler, der zweifellos ihre Notlage witterte, gerade versuchte, sie kräftig zu prellen. Zu Juliets Verblüffung setzte er dem Angebot augenblicklich ein besseres entgegen und machte sich, ohne die Proteste des Händlers zu beachten, mit ihr bekannt.

»Ich habe ein Juweliergeschäft in London«, sagte er. »Winterton’s in der Bond Street. Kennen Sie es zufällig, Miss –?«

»Capel«, sagte sie. »Nein, leider nicht.«

»Wären Sie trotzdem bereit, mein Angebot anzunehmen?«

Da es ihr Genugtuung bereitete, dem schäbigen Händler einen Strich durch die Rechnung zu machen, und das Angebot großzügig war, nahm sie es dankend an. Doch irgendwie empfand sie das Geschäft als anrüchig, so als hätte sie sich auf eine Sache eingelassen, bei der es um etwas anderes ging als den Tausch einer Perlenkette gegen Geld.

Als sie aus dem Laden traten, sie mit Henry Wintertons Scheck in der Handtasche, hielt er ihr das grüne Lederkästchen hin, in dem die Perlen lagen. »Nehmen Sie sie für mich in Verwahrung«, sagte er. »Ich bleibe zwei Wochen in Kairo. Sie können sie mir vor meiner Abreise zurückgeben.« Als sie zögerte, fügte er hinzu: »Wenn sie nicht getragen werden, verlieren sie den Glanz. Ich wohne im Shepheard’s Hotel. Kommen Sie heute Abend zum Essen, ich lade Sie ein, dann können wir die Einzelheiten hinsichtlich der Rückgabe der Kette festlegen. Es ist nicht meine Gewohnheit, unschuldige Schulmädchen zu verführen, falls Sie das befürchten. Geben Sie mir Ihre Adresse, dann lasse ich Sie um acht abholen. Und tragen Sie die Kette. Sie ist ein bemerkenswertes Stück.«

Henry lud sie an jenem ersten Abend zum Essen ein und danach zwei Wochen lang jeden Abend. Juliet löste seinen Scheck nicht ein; sie legte ihn in eine Zedernholzschatulle in ihrem Zimmer und sah ihn sich hin und wieder an.

Die Ärmlichkeit ihre Tage stand in scharfem Kontrast zu der Pracht der Abende im Shepheard’s Hotel. Um acht kam ein Wagen und brachte sie dorthin. Henry erwartete sie an einem Tisch im Maurischen Speisesaal. Am ersten Abend war sie befangen und brachte kaum ein Wort heraus, und er überbrückte das Schweigen mit seinen Erzählungen. Sein Ururgroßvater, berichtete er, hatte in den 1850er-Jahren in Colchester das erste Winterton-Juweliergeschäft eröffnet. Dreißig Jahre später hatte die Familie ein zweites Anwesen in der Bond Street erworben. Es gab einen speziellen Winterton-Schliff, der einem Diamanten ein ganz außergewöhnliches Feuer verlieh, und Henry versuchte, ihr mit seinen großen gepflegten Händen eine Vorstellung von dem Verfahren zu geben. Er reiste mehrmals im Jahr ins Ausland, um rohe Schmucksteine einzukaufen; verarbeitete Steine erwarb er nur, wenn sie von höchster Qualität waren. Sein Blick hing an ihrer Perlenkette, während er sprach.

Dann erzählte er ihr von seiner Familie. Seine Schwester Jane war mit Peter Hazelhurst, einem Chirurgen, verheiratet; die beiden hatten zwei Söhne, Zwillinge, namens Jake und Eliot, und eine kleine Tochter, Gabrielle. Henrys jüngerer Bruder Jonathan war sein Partner in dem Familienunternehmen. Henry war für die Finanzen und den Einkauf zuständig, Jonathan für Personalangelegenheiten und die Führung der Geschäfte. Bei Entwurf und Herstellung neuer Stücke arbeiteten sie zusammen. Beide verfügten über das Gespür für die typische Winterton-Verbindung von Extravaganz und Eleganz. Jonathan und seine Frau Helen lebten in Maldon, in Essex, im Osten Englands, knapp sechs Kilometer von Henrys Haus Marsh Court entfernt.

Juliet stellte sich Marsh Court klamm und düster vor. In der Hitze eines Kairoer Sommers hatte das etwas Verlockendes. Ihr fiel auf, dass Henry, auch wenn er mit Wärme von seinen Geschwistern sprach, nicht vergaß, ihre Fehler und Schwächen zu erwähnen, Jonathans Unentschlossenheit, Janes Faible für moderne Methoden der Kindererziehung.

Drei Tage vor seiner geplanten Abreise aus Kairo machte er ihr einen Heiratsantrag.

»Und?«, blaffte er sie an, als sie, sprachlos überrascht, nicht gleich antwortete. »Haben Sie nichts zu sagen?«

In Panik griff sie auf die Romane des neunzehnten Jahrhunderts zurück, die sie gern las. »Ich fühle mich sehr geehrt.«

»Ehren. Schmeicheln. Das will ich nicht. Das liegt mir nicht.«

Darauf zählte er ihr die Vorteile einer Ehe mit Henry Winterton auf. Er sei sechsunddreißig Jahre alt, siebzehn Jahre älter als sie, und könne ihr und den Kindern, die sie vielleicht bekommen würden, ein bequemes Leben bieten. Er bewege sich gern in der Gesellschaft und halte sich eine Wohnung in London, sie brauche also weder Langeweile noch Unsicherheit zu fürchten. Sie werde ein Mitglied seiner Familie sein. Sie werde ein Zuhause haben.

Juliet, die sich schon halb in ihn verliebt hatte, wünschte sich das alles sehnlichst. Henry Winterton sah gut aus, war selbstsicher und intelligent und hatte sich ihr gegenüber großzügig gezeigt. Im Grunde genommen würde eine Heirat mit ihm all ihre Probleme lösen. Aber er hatte nichts davon gesagt, dass er sie liebte.

Er nahm ihre Hand. »Ich fürchte, zu langem Schwanken bleibt keine Zeit. Auf mich warten dringende Geschäfte in London, ich muss so bald wie möglich zurück.« Er senkte die Stimme. »Juliet, ich begehre Sie.«

Nicht, ich liebe Sie oder ich bete Sie an, sondern, ich begehre Sie. Sie entdeckte, dass es eine mächtige Wirkung besaß, sich begehrt zu wissen, vom anderen als Objekt der Begierde gesehen zu werden. Es entwaffnete und fesselte sie. Vielen Engländern fiel es schwer, von Liebe zu reden, sagte sie sich, und sie war sich sicher, dass die Glut in Henry Wintertons Blick alles sagte, was sie wissen musste.

Zwei Tage später heirateten sie auf dem zuständigen Standesamt im Justizministerium. Die Hochzeitsnacht verbrachten sie im Shepheard’s Hotel. Bevor sie in ihrem Nachthemd aus dem Badezimmer trat, kam ihr der Gedanke, dass sie im Begriff war, sich einem Fremden hinzugeben. Doch die Feuerprobe war bald überstanden und wirklich nicht so schlimm, wie sie gefürchtet hatte. Henry war ein kraftvoller Liebhaber, und sein Stolz verlangte, dass er ihr so viel Lust bereitete, wie er empfing. Jean-Christophe hatte dafür gesorgt, dass sie nicht völlig unerfahren war, und falls Henry das bemerkte, sagte er nichts darüber.

Am folgenden Tag bestiegen sie ihr Schiff, um nach England abzureisen. Nach Übernachtungen in Valletta und Gibraltar gingen sie in Dieppe von Bord und reisten mit der Bahn nach Paris weiter. Dort führte Henry seine junge Frau ins Modehaus Worth, um sie standesgemäß auszustatten. Er hatte ihr aufgetragen, vier Abendkleider zu bestellen. Die Verkäufer rollten Stoffballen um Stoffballen vor ihr aus, und nach einer Stunde angenehmen Überlegens und Vergleichens entschied sie sich für ein Abendkleid in Schwarz, eines in Rosé und eines in Rot.

Nur für das vierte Kleid konnte sie sich zunächst nicht entscheiden. Die Verkäuferin, eine zierliche, elegante Frau um die sechzig, schlug ein schlichtes Modell aus Ecruseide mit schwarzer Paspelierung an Halsausschnitt und Saum vor. Juliet hatte Vorbehalte, sie meinte, der Farbton hebe sich nicht genug von ihrem blassen Teint und ihren honigblonden Haaren ab, doch die Verkäuferin antwortete darauf nur mit einem Schnauben. Eingeschüchtert gab Juliet nach.

Sechs Wochen später traf der Karton mit den vier in Seidenpapier verpackten und mit Satinbändern verschnürten Abendkleidern in Marsh Court ein.

An diesem Abend trug sie das ecrufarbene Kleid und dazu die Perlenkette. Die Kette brauchte einen schlichten Hintergrund, um voll zur Geltung zu kommen. Bei kritischer Betrachtung im Spiegel stellte sie fest, dass ihr Glanz die warmen Töne ihrer Haut zum Leuchten brachten. Ihre Wangen waren noch gerötet vom Nachmittag im Garten. Sie drückte ihr Gesicht in die Hände und atmete den rauchigen Geruch des Feuers ein, der sich in ihre Haut gesenkt hatte, und sah vor sich Gillis Sinclair, wie er ihr über das Feld entgegenging.

Henry war ihr offenbar immer noch böse, denn als sie in den Salon hinunterkam, sagte er: »Ah, da bist du. Ich habe schon geglaubt, du wärst uns abhandengekommen. Ich dachte, du wärst zum Fluss hinuntergegangen, um noch ein paar Gestrandete aufzusammeln.« Dann wandte er sich seinen Gästen zu, die auf den Sofas rund ums Feuer saßen. »Juliet hat ein weiches Herz. Wenn es nach ihr ginge, würde sie mir scharenweise Schnorrer und Narren ins Haus schleppen.«

»Du hättest wohl kaum eine hartherzige Frau genommen, Henry.« Gillis Sinclair stand im Schatten neben dem Bücherschrank. Er neigte den Kopf in Richtung Juliet. »Mrs. Winterton, darf ich sagen, dass Sie bezaubernd aussehen. Henry, ich gratuliere dir zu diesem Schatz.«

»Pff«, machte Henry mit herabgezogenen Mundwinkeln. »Ich verabscheue Leichtgläubigkeit. Sie wird so gern als Gutherzigkeit verkauft, dabei ist sie der Dummheit weit näher.«

»Anteilnahme ist doch nichts Schlechtes.«

»Ich zweifle nicht, dass du sehr teilnehmend sein kannst, Sinclair, wenn es dir passt.«

Froh, nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen, gesellte sich Juliet zu Helen und Jonathan aufs Sofa. Sie hasste es, wenn Henry in dieser zynischen Stimmung war, in der er selbst noch im Handeln der Menschen, die ihm am nächsten standen, nach niedrigen Motive suchte. Den Barbours ging es vermutlich ähnlich, denn sie senkten beide die Blicke auf ihre Gläser. Jonathan und Helen hingegen schienen unerschüttert. Sie hatten solche Szenen wahrscheinlich unzählige Male erlebt. Außerdem war, wie Juliet mittlerweile festgestellt hatte, selbst der liebenswürdigste Winterton stets für einen Streit zu haben.

Sie fürchtete, Gillis könnte gekränkt sein, doch er sah Henry nur mit einem amüsierten Lächeln an. »Du hast recht, wenn es mir passt, bin ich ein wenig Heuchelei durchaus nicht abgeneigt.«

»Gillis hat nämlich ein Herz«, erklärte Jonathan. »Bei meinem Bruder hingegen hatte ich immer schon den Verdacht, dass das Ding, das ihm das Blut durch die Adern pumpt, aus hartem Stein besteht.«

Henry antwortete ihm mit einem dünnen Lächeln. »Aber du bist ja auch nicht gerade von Ehrgeiz geplagt, stimmt’s, Jonny?« Henry hatte etwas von einem eifersüchtigen Vierjährigen, der seinen kleinen Bruder mit hinterhältigen Knüffen und Püffen traktierte. Seine letzte Bemerkung war mit mehr als nur einem Spritzer Gift gewürzt. Henry war derjenige in der Familie, der dafür sorgte, dass die Geschäfte liefen; er, nicht Jonathan, hatte den altmodischen, traditionsgebundenen Goldschmiedebetrieb der Wintertons zu einem erfolgreichen Unternehmen modernen Stils gemacht.

Jonathan hob als Antwort sein Glas, und Henry wandte sich befriedigt wieder Gillis zu.

»Du gibst also zu, dass du ehrgeizig bist?«

»Ehrgeiz gehört dazu, wenn man Erfolg haben will.«

»Ehrgeiz und Heuchelei gehen Hand in Hand, oder siehst du das anders?«

»Wenn du damit sagen willst, dass in der Politik eine gewisse Fähigkeit zur Verstellung nötig ist, gebe ich dir recht.«

»Ehrlich von dir«, sagte Henry sarkastisch.

»Und wenn ich dir sagte, dass es auch anständige, bescheidene Politiker gibt …«

» … würde ich sagen, dass sie die größten Lügner von allen sind.«

Gillis blickte ins Kaminfeuer, doch Juliet bemerkte das Lächeln um seinen Mund. »Wenn ich dir also erklärte, dass sich unter meinem zugegebenermaßen attraktiven Äußeren ein anständiger und bescheidener Mensch verbirgt …«

Henry lachte schallend und schlug Gillis auf den Rücken. »Arroganz steht dir, mein Freund, du brauchst dich ihrer nicht zu schämen.« Und alle lachten mit.

Wenig später meldete das Mädchen, dass das Abendessen serviert sei.

Bei Tisch fiel Juliet erneut auf, mit welchem Geschick Gillis es verstand, Henrys Stimmung in positivere Bahnen zu lenken. Sie beobachtete ihn, in der Hoffnung, etwas von ihm zu lernen. Von seinem Freund ließ Henry sich gutmütige Spötteleien gefallen, auf die er bei jedem anderen mit Sarkasmus oder Gereiztheit reagiert hätte. Beim Abendessen vergaß Henry allmählich seinen Missmut und zeigte sich von seiner gewinnendsten Seite, charmant und liebenswürdig, der vollendete Gastgeber. Und Gillis, gewandt und heiter, erwies sich als großartiger Gesellschafter, der aus jedem Thema eine amüsante Geschichte zu machen wusste. Blanche Sinclair, dachte Juliet, konnte sich glücklich schätzen, einen so aufgeschlossenen Menschen zum Mann zu haben.

Vom Junkie zum Autor

Ich habe lange kein so kraftvolles Buch gelesen wie »Shore, Stein, Papier«. Die Coming-of-Age-Geschichte von $ick, der mit 15 zum ersten Mal Shore (Heroin) raucht und dessen Leben sich von da an um Diebstähle und Einbrüche für den nächsten Rausch dreht, ist für mich die Entdeckung des Jahres. Trainspotting authentisch.

Schonungslos, unterhaltsam und ohne erhobenen Zeigefinger erzählt $ick von der Straße, von Gefängnis und Therapie, von der Sucht nach dem größten Kick und dem noch größeren Entzugsschmerz. Ein Buch über Drogen, ja, aber auch eine Geschichte über Freundschaft und Verlust, über Liebe, Hoffnung und Selbstbestimmung.

Eine Empfehlung von Sven Dietrich, Lizenzen

Blick ins Buch
Shore, Stein, PapierShore, Stein, Papier

Mein Leben zwischen Heroin und Haft

»Shore« ist der Straßenname für Heroin, »Stein« ist Koks und »Papier« ist Geld. Über zwanzig Jahre sind das die Eckpfeiler in $icks Leben. Nachdem er mit 15 zum ersten Mal Shore raucht, rutscht er immer tiefer ab in eine Spirale aus Drogensucht, Beschaffungskriminalität und Haftstrafen. Nach der Geburt seiner Tochter und verschiedenen Entzugsprogrammen ist $ick heute clean. In der erfolgreichen YouTube-Serie Shore, Stein, Papier redete er sich alles von der Seele, für seine ehrliche und authentische Erzählweise wurde er beim Grimme Online Award 2015 mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. In diesem Buch erzählt er seine Geschichte – unverblümt und ohne erhobenen Zeigefinger.
Paperback
€ 14,99
E-Book
€ 9,99
€ 14,99 inkl. MwSt.
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 9,99 inkl. MwSt.
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

INTRO

 

 

Irgendwo in Hannover, früher Morgen, Herbst 1995

Das Blut läuft dünn wie Wasser aus den Einstichstellen an meinen Armen und Handrücken. Immer wieder jage ich mir die Nadel im Schein der Straßenlaterne in den linken und dann in den rechten Arm. Am liebsten würde ich die Nadel an der Halsschlagader ansetzen, aber dazu bin ich auch mit Spiegel nicht mehr in der Lage. Meine Hände zittern und vor meinen Augen verschwimmt alles.

Tränen schießen mir in die Augen. Durch den Nebel in meinem Kopf sehe ich den Sensenmann auf mich zukommen. Jedes Mal, wenn ich mir die Kanüle ins Fleisch bohre, kommt er einen Schritt näher, so nahe, dass ich glaube, ihn berühren zu können, wenn ich die Hand nach ihm ausstrecken würde. Trotzdem höre ich nicht auf, mich mit dem Stahl zu penetrieren. Auf dem Asphalt zwischen meinen Füßen glänzt eine Blutlache.

Als die Kripo das erste Mal hinter mir vorbeifährt, fingere ich nach der Geldrolle in meiner blutverschmierten, schmutzigen Jeans und lege sie neben meinen Fuß auf die Bank. Ein kurzer Griff in die Socken und knapp zehn Gramm Koka wandern direkt neben das Geld. Ich verstecke beides am Fuß eines Baumes, dann setze ich mich wieder zurück auf die Bank.

Völlig überdosiert und jetzt auch noch mit Bullenstress im Nacken stochere ich in meinen Venen herum. Einen Druck schaffe ich bestimmt noch, bevor sie mich verhaften. Wieder und wieder versuche ich, mir einen Knaller zu setzen. Doch entweder steche ich durch die Vene oder ich rutsche sofort wieder raus. Ich vibriere wie ein Dildo auf Stufe drei. Immer wieder kommen mir die Tränen und verschleiern mir die Optik. Die Jungs von der Staatsgewalt drehen ihre dritte Runde. Vielleicht hab ich noch zwei, drei Minuten, bevor der Bullenfilm losgeht. Eher weniger.

Getroffen! Das Blut schießt in die Pumpe, ich greife um und drück mir die komplette Ladung in die Vene. Der Kokainexpress rast mit einem Höllentempo durch meinen Schädel. Langsam ziehe ich die Nadel aus der Vene und das Blut läuft mir am Unterarm runter, über den zerstochenen Handrücken, sammelt sich an der Spitze meines Zeigefingers, tropft im Sekundentakt auf den Asphalt.

Wenige Augenblicke später stehen zwei Beamte der Kriminalpolizei neben mir. Einer sagt was von »Spritze weglegen« und »Personenkontrolle«. Die Worte kommen von ganz weit weg, wie durch einen langen, dunklen Tunnel, der in meinem betäubten Schädel endet.

Ich stehe auf, schwankend wie ein Volltrunkener. Die Zugfahrt in meinem Kopf ist noch nicht vorbei. Ich krame alles aus meinen Taschen heraus und werfe es auf die Bank.

Einer der Beamten schnappt sich mein Portemonnaie und wühlt darin nach meinen Personalien. Natürlich findet er nichts, außer etwa 200 Mark in kleinen Scheinen und ein paar Zettel mit Telefonnummern und akas statt Namen.

Ich bin müde, völlig ausgelutscht und nur wenige Schritte trennen mich vom Exitus. Also gebe ich meinen richtigen, vollständigen Namen und mein Geburtsdatum an. Ich allein bin nicht mehr in der Lage, aus diesem Teufelskreis auszubrechen.

Seit Tagen schon wusste ich, dass der Tod und ich aufeinander zurannten, aber ich hörte einfach nicht auf, mir den Dreck in die Venen zu jagen. Wie von Sinnen kam ich dieser unglaublichen Gier nach, die das Kokain mit sich bringt, und machte innerhalb von knapp zehn Monaten ein zerschlissenes Nadelkissen aus meinem Körper.

Es liegt ein Haftbefehl gegen mich vor. Einer der beiden Polizisten will mir die Acht anlegen, doch der andere hält ihn davon ab.

»Versuchst du wegzurennen, wenn wir auf die Handschellen verzichten?«, fragt er mich fast väterlich.

Ich schüttele den Kopf und gehe schwankend auf ihr Dienstfahrzeug zu, die beiden Beamten links und rechts an meiner Seite. Ich bedanke mich mechanisch, als sie mir die Wagentür öffnen und lasse mich auf die Rückbank fallen. Ein zweites Mal befreit mich eine Verhaftung aus den Klauen meiner Sucht. Dieses Mal rettet sie mir tatsächlich das Leben.

Als wir am Waterlooplatz bei den Arrestzellen ankommen, fordern die Beamten sofort einen Arzt an. Sie sind ziemlich besorgt wegen meines Zustands, und es dauert nicht lange, bis ein Doktor in dem kleinen Büro auftaucht und mich untersucht. Nach wenigen Minuten bekomme ich eine 6-ml-Dosis Methadon, muss meine Schnürsenkel und meinen Gürtel abgeben und werde in eine der winzigen Zellen gebracht. Ein vielleicht eins fünfzig breiter Raum, etwa drei Meter lang, eine Stahlpritsche mit schwarzem Kunststoffbezug, zwei JVA-Wolldecken darauf und das ist alles. Keine Toilette, kein Waschbecken, nur ein Notfallknopf, eine Ampel, rechts neben der Zellentür. Aber das alles ist mir egal!

Ganze zehn Monate hatte mich die Hure Koka im wilden Galopp durch ihr weißes Wunderland geritten. Jetzt ist der letzte Kokainexpress schon lange abgefahren. Das Methadon kommt wie eine warme Welle über mich. Ich sacke auf die Pritsche, ziehe mir eine der Decken über und schlafe ein.

 

 

 


AUS DEM NEST GEFALLEN

 

 

Wie alles begann

 

Sindelfingen, März 1986

»Los, trödel nich so rum. Wir wollen endlich los.« Meine Mutter schob mich ungeduldig vor sich her. Sie war aufgekratzt und nervös. Ihr neuer Freund aus Hannover war seit gut einer Stunde da und nach ein paar Küsschen verstauten sie die größten Möbel sofort in dem Kastenwagen, mit dem der Typ angejuckelt gekommen war. Mama hatte ihn während des Aufenthalts in einer Rehaklinik, wo sie sich wegen ihres Rückens behandeln lassen hatte, kennen und anscheinend auch lieben gelernt. Ich für meinen Teil konnte den Mann vom ersten Moment an nicht leiden.

Widerstrebend folgte ich ihrer Aufforderung und verließ unsere alte Wohnung. Der halbe Hausflur stand noch voll mit Kartons, Koffern, Taschen und ein paar Möbeln. Ein letztes Mal zog meine Mutter die Wohnungstür hinter sich zu. Sie seufzte und rang sich ein trauriges Lächeln ab.

»So, das war’s. Alles raus.«

Ich war voll angepisst und zog ein langes Gesicht. Ich wollte hier nicht weg und in scheiß Hannover wohnen. In unserer Hochhaussiedlung fühlte ich mich sehr wohl, hier war ich neun Jahre lang zu Hause gewesen, nachdem meine Mutter kurz nach meinem vierten Geburtstag mit mir hergezogen war. Hier hatte ich doch all meine Freunde, verdammt! Plötzlich musste ich an die coole BMX-Strecke denken, und an das Luftgewehr, mit dem wir so oft die Laternen in der Siedlung kaputt geschossen hatten.

»Jetzt guck nich so grimmig. Wirst schon sehen, es wird dir gefallen. Dein neues Zimmer hat sogar einen eigenen Balkon.«

»Na toll«, antwortete ich genervt. Als ob das jetzt alles gutmachen würde. Was stellte sie sich denn vor? Beleidigt und mit den Händen in der Tasche lehnte ich an der Flurwand, den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen und den Blick auf den Laminatboden geheftet.

»Kann ich nicht hier bei Bernd bleiben?« Der Trotz in meiner Stimme beinhaltete eigentlich schon die Antwort auf diese Frage, aber Bernd war schließlich bis gerade eben noch mein Stiefvater gewesen. Warum also sollte ich nicht hier bei ihm bleiben können? Auch wenn er nicht mein Erzeuger und dazu noch Alkoholiker war. Das war auch der Trennungsgrund meiner Mutter, aber ich fand ihn toll. Ich wäre sofort bei ihm geblieben.

Sie aber zog ihr strengstes Gesicht und schüttelte energisch den Kopf. »Das geht nicht. Das Thema hatten wir doch schon. Du kommst schön mit und jetzt beweg dich endlich.« Ihr Ton ließ keinerlei Widerspruch zu und ich ergab mich enttäuscht der Situation. Lustlos und beleidigt schob ich eine meiner Klamottentaschen vor mir durch den Flur, die Hände in den Hosentaschen zu Fäusten geballt.

Was hätte ich jetzt auch noch tun können? Weglaufen und mich verstecken vielleicht? Das wollte ich irgendwie nicht. Heulen, toben und jammern hatte ich als Erstes ausprobiert, hatte aber nichts genutzt. Auch dass ich am vorletzten Abend sturzbetrunken nach Hause gekommen war, änderte nichts an der Tatsache, dass wir nach Hannover umzogen. Jeder Widerstand war zwecklos und stieß wie auf Granit. Ganz egal, was ich sagte oder tat. Mama hatte sich entschieden.

»Los, mach dich mal nützlich und klemm den Keil unter die Fahrstuhltür.« Genervt kickte sie mir einen Türstopper zu, schob schwer atmend einen Karton nach dem anderen durch den Flur und trieb mich weiter an. »Jetzt nimm doch endlich mal die Hände aus den Taschen, die Kartons hüpfen nich von alleine in den Fahrstuhl.«

Sie hatte es wirklich verdammt eilig, hier wegzukommen. Die Trennung war ihr äußerst unangenehm und sie wollte Bernd unter keinen Umständen begegnen. Sie hatten sich alles gesagt.

Die kleine Aufzugkabine war schon fast bis zur Hälfte beladen, als Rick wieder mit dem großen Fahrstuhl im Treppenhaus ankam und uns half, die restlichen Sachen einzuladen. Fertig. Unsere finale Fahrt in diesem Fahrstuhl begann. Ich mit diesem Rick, ein paar Kartons und meinem BMX-Rad in dem großen und meine Mutter in dem kleinen Lift.

Mit glasigen Augen schaute ich mich ein letztes Mal in der blassgrünen Kabine mit der verspiegelten Rückwand um. Rick und ich sprachen kein Wort. Ich hätte heulen können. Grad war ich groß genug, um alleine im Aufzug den Knopf mit der 13 zu erreichen und jetzt mussten wir hier weg? Mit fünf, sechs Jahren war ich selbst auf Zehnspitzen nur bis an den Knopf der achten Etage gekommen. Alle übrigen Stockwerke bis zu unserer Etage musste ich mich dann zu Fuß hochschleppen. Das war immer blöd gewesen. Aber es hatte tierisch Spaß gemacht, von ganz oben aus der fünfzehnten Etage in einem Höllentempo runterzurennen, bis man taumelnd und mit einem üblen Drehwurm im Erdgeschoss oder Keller ankam. Am lustigsten war es, wenn wir mit Hausbewohnern auf einer der unteren Etagen zusammenstießen. Wenn man bereits zehn, zwölf Etagen im Kreis nach unten geflitzt war, fühlte man sich ungefähr so, als hinge man an einem Kettenkarussell. In diesem Zustand auszuweichen oder gar rechtzeitig zu bremsen, klappte oft nur bedingt. Immer wieder hatten die Nachbarn deshalb auf uns geschimpft. Aber trotzdem. Ich wollte hier nicht weg, Mann.

Keine halbe Stunde später rollten wir vom Parkplatz Richtung Autobahnauffahrt. Vor uns erhob sich das Breuningerland, ein riesiges Einkaufszentrum, in dem es Dutzende von Geschäften gab. Meine Mutter hatte da drin mal gearbeitet. Bei Feinkost Böhm, um genau zu sein. Dort gab es die edelsten Leckereien aus aller Welt. Man konnte dort sogar lebende Tiere kaufen. Hummer, blaue Krebse, verschiedenste Fischsorten und allerlei andere komische Meeresbewohner tummelten sich in einem mannshohen Glasbecken bei der Fischtheke. Immer wieder hatte ich mir daran die Nase platt gedrückt.

Natürlich gab es dort auch echten russischen Kaviar und die teuersten, stinkigsten Käsesorten, die man sich nur vorstellen kann. Ebenso extravagant war die Süßigkeitenabteilung, für die meine Mutter zuständig war. Pralinen mit irgendwelchen ekelhaften Füllungen und dunkle Zartbitterschokolade und so was alles. Nicht wirklich was für mich. Und sowieso, ich hatte längst Augen für etwas anderes in Mamas Laden.

Eine Zeit lang musste ich nämlich jeden Mittwochmorgen mit meiner Mutter dorthin und half ihr beim Auffüllen der Regale. In Wirklichkeit brauchte sie meine Hilfe aber gar nicht. Sie wollte mich nur nicht alleine zu Hause lassen. Mittwochs hatte ich immer die ersten beiden Schulstunden frei und Bernd war um diese Zeit natürlich schon längst bei der Arbeit. Also keiner da, der mich im Auge behalten konnte, und so kam ich nicht drum rum und musste mit. Ich hasste es.

Irgendwann begann ich, Flachmänner mit Chantré und Mariacron an der Kasse zu stehlen, wenn ich mich unbeobachtet fühlte, und schleppte den Schnaps mit in die Schule.

Natürlich blieb das damals nicht lange unbemerkt und meine Eltern wurden benachrichtigt. Als dann auch noch rauskam, wo ich den Alkohol herhatte, durfte ich mittwochmorgens wieder zu Hause bleiben und von dort aus zur Schule fahren. Meine Ersatzstrafe bestand aus zwei Wochen Hausarrest und Fernsehverbot.

Wir bogen auf die Autobahn ab und zwei Wimpernschläge später war der große Einkaufskomplex nur noch ein kleiner brauner Punkt am rechten Rand meines Blickfelds, bis er endgültig verschwand.

Auf der anderen Seite, hinter der grünen Schallschutzmauer, thronte unsere alte Siedlung. Im Schatten der vier fünfzehnstöckigen Hochhäuser, allesamt Werkswohnungen von Daimler-Benz, hatte ich neun glückliche Jahre verbracht. Das angrenzende Waldgebiet war ein Paradies für mich und meine Kumpels gewesen. Mein Hamster Fridolin lag dort seit knapp zwei Jahren begraben.

Rechts vor uns tauchte das Holiday Inn Hotel auf. Dort hatte ich mich immer wieder in den Wellnessbereich geschlichen. Man musste nicht unbedingt Hotelgast sein, um das Schwimmbecken und die Sauna dort nutzen zu können. Man musste es nur bezahlen können oder eben reinhuschen, wenn einer der Gäste das Hotel verließ. Keinen interessierte es, wenn ein Kind ohne Schlüssel im Hotel rumrannte. Im Gegenteil, die meisten hielten einem sogar noch die Tür auf.

Als irgendwann meine Tante Karin aus Frankreich zu Besuch bei uns gewesen war, hatte ich mit ihr den Colaautomaten im Solariumbereich geplündert. Sie ist die Halbschwester meiner Mutter und zwei Jahre jünger als ich. Mit unseren dünnen Ärmchen hatten wir es damals tatsächlich geschafft, die Getränkedosen durch den Ausgabeschacht des Automaten herauszufingern. Eine Büchse nach der anderen, schön langsam, wir wollten ja nicht stecken bleiben. Immer wieder hatten wir unsere Aktion unterbrechen müssen, wenn Hotelgäste vorbeikamen. Egal, wir hörten erst auf, als die Kiste komplett geleert war.

Natürlich konnten wir nicht im Ansatz so viel Limonade trinken, wie wir gestohlen hatten und mit nach Hause nehmen ging natürlich auch nicht. Wie hätten wir das erklären sollen? Zudem sprach Karin nur Französisch, sie würde vermutlich eine völlig andere Geschichte erzählen als ich. Nach kurzem Überlegen ließen wir stattdessen also alle Dosen auf dem leeren Parkplatz der Messehalle nebenan explodieren. Einer von uns schleuderte die vollen Blechbüchsen so hoch er konnte in die Luft und der andere versuchte, sie mit einem Stein abzuwerfen. Auch wenn wir sie so gut wie nie trafen, am Ende explodierten sie trotzdem alle durch den Aufprall auf dem Beton und verspritzten mit einem zischenden Laut den süßen Inhalt.

Wir klebten von oben bis unten und sahen aus wie die Schweine, als wir vom »Schwimmen« nach Hause kamen. Wir fingen uns einen gehörigen Anschiss ein und anschließend ging es ab in die Wanne. Karin und ich krümmten uns damals nur so vor Lachen.

Jetzt regnete es und das wiederkehrende Geräusch der Scheibenwischer holte mich in die Realität zurück. Wir waren unterwegs nach Hannover. Die Stadt meiner Kindheit lag nun endgültig hinter mir.

 

 

Goetheplatz 1

Am frühen Abend stiegen wir in Hannover aus dem Kastenwagen. Der Wind peitschte feinen Nieselregen in mein Gesicht. Ich war hundemüde und fühlte mich total beschissen. Die Fahrt war die Hölle gewesen, besonders seit unserem letzten Stopp.

Eigentlich war ich schon ab der Hälfte der Strecke nicht mehr beleidigt, sondern nur noch traurig über den Verlust.

Irgendwann steuerte Rick einen Rastplatz an, weil meine Mutter und ich dringend auf die Toilette mussten. Meine Mutter kletterte sofort hektisch aus dem Wagen und stürmte auf die Toiletten zu, doch mich hielt Rick am Arm zurück.

»Hör mal, deine Mutter liebe ich wirklich, glaub mir. Aber du, du bist nur ein unerwünschtes Mitbringsel.« Er ließ mich wieder los, stieg aus und tat, als wäre nichts gewesen.

Von jetzt auf gleich wurde mir übel. Seine Worte trafen mich wie ein Schlag in die Magengrube. Wieso sagte er mir so etwas? Was sollte das? Alles in meinem Schädel drehte sich und vor Wut schossen mir die Tränen in die Augen. Ich fühlte mich hilflos, verloren und allein.

Wie in Trance ging ich zur Toilette. Als ich wenig später zurück in den Wagen stieg, war ich vollkommen überfordert von meinen Emotionen und ich zitterte am ganzen Körper. Ich hasste diesen Typen. Und meine Mutter hasste ich gleich mit! Dafür, dass sie ihn anscheinend liebte und mich mit zu ihm nach Hannover schleppte. Meine Welt stand kopf, und ich verstand rein gar nichts mehr. Der Mann war doch das totale Arschloch! Was fand sie bloß an ihm? Ich fühlte mich verraten und war mir sicher, dass sie sowieso zu ihm halten würde. Deshalb behielt ich erst mal für mich, was er gesagt hatte und versuchte, die beiden auszublenden. Ich glotzte frustriert und mit verschränkten Armen in die Dunkelheit. Den Rest der Fahrt habe ich dann kein Wort mehr über die Lippen gebracht.

In dem Moment ertönte die Signalglocke einer Straßenbahn hinter uns und riss mich aus meinen düsteren Gedanken. Ich fuhr herum und schaute den quietschenden Waggons nach.

»Das sind unsere Straßenbahnen von der üstra. Damit wirst du bestimmt bald öfter fahren.«

Rick schloss die Haustür auf und nickte dabei in die Richtung der Bahn.

Als ob ich mich mit ihm nach der Nummer noch über Züge unterhalten wollte. Idiot! Ich ignorierte ihn und wartete vor der Tür, bis meine Mutter bei uns war.

Die kitschig bunten Lichterketten in der Kioskscheibe links neben dem Eingang spiegelten sich im regennassen Asphalt. Es war laut hier und überall lag Müll auf dem Gehweg. Hannover. Was für ein Drecksloch!

 

Inzwischen waren wir schon eine gute Woche hier, in Ricks moderner Dreizimmer-Eigentumswohnung. Alle Räume waren schneeweiß gestrichen. Der komplette Boden war mit großen weißen Fliesen ausgelegt und mit den schwarz-weißen Massivholzkommoden aus Sindelfingen wirkte die gesamte Wohnung irgendwie kalt.

Überall stapelten sich Ricks Briefmarkenalben und Hunderte kleiner Kunststoffkästchen mit losen Marken. Wenn der Typ nicht auf der Arbeit war, saß er mit übereinandergeschlagenen Beinen am Esstisch im Wohnzimmer und sortierte diese bescheuerten Papierschnipsel.

Ich hoffte jedes Mal, dass er mich nicht ansprach, wenn wir uns in der Wohnung notgedrungen über den Weg liefen, fühlte mich unwohl, war immer noch frustriert und beleidigt und verkroch mich seit unserer Ankunft fast ausschließlich in meinem neuen Zimmer.

Das nasskalte Wetter und der dunkelgraue Himmel passten perfekt zu meiner Stimmung. Zwar hatte ich wirklich meinen eigenen Balkon und das weiße Ledersofa, das ich als Bett nutzte, war eigentlich auch ganz toll, wie auch der Fernseher und die Stereoanlage, die mir Rick mit seinem widerlichen Grinsen und begleitet vom Jubel meiner Mutter ins Zimmer gestellt hatte. Aber trotzdem. Hier war es scheiße! Am liebsten wäre ich sofort nach Sindelfingen zurück. Zur Not auch zu Fuß.

Ich fühlte mich extrem ungeliebt und unverstanden in dieser Zeit. Dieses Gefühl steigerte sich noch, nachdem ich meiner Mutter am zweiten oder dritten Tag von der Sache mit Rick erzählt hatte. Sie dachte damals wirklich, dass ich sie anlog, nur um ihr meinen Willen aufzuzwingen. Ich war so unglaublich verletzt und gleichzeitig wütend auf sie und zog mich immer mehr zurück. Die konnten mich alle mal.

»Du kannst ab Montag wieder zur Schule gehen, is ganz hier in der Nähe.« Ich war gerade im Begriff, mir ein Brot zu schmieren, als meine Mutter neben mir in der Küche auftauchte und mir das eröffnete.

»Toll. Soll ich mich jetzt darüber freuen oder was?« Giftig schaute ich sie an und mein pampiger Unterton löste direkt den nächsten Streit aus, der auf beiden Seiten in einem heftigen Heulkrampf endete. Wir drehten uns nur noch im Kreis. Keiner von uns würde von seinem Standpunkt abweichen und nachgeben. Und so kam es, wie es kommen musste.

Hauptschule am Hohen Ufer & der Jugo

Meine neue Schule lag unmittelbar am Leineufer. Dort wo auch heute noch jeden Samstag der große Flohmarkt stattfindet, nur einen Steinwurf vom Rotlichtbezirk entfernt.

Rick hatte irgendwann beim Essen erzählt, dass dort Fritz Haarmann, der Vampir von Hannover, vor rund hundert Jahren sein Unwesen getrieben hatte.

Die Presse nannte ihn damals den Totmacher. Er hatte mehr als zwanzig Jungs und junge Männer durch einen Biss in den Hals oder durch Erwürgen getötet. Da Haarmann mit Fleischkonserven und gebrauchter Kleidung handelte, hielt sich damals hartnäckig das Gerücht, er hätte seine Opfer zu Dosenfutter verarbeitet und verkauft.

Als die Polizei im Zuge der Ermittlungen gegen Fritz Haarmann den Wasserspiegel der Leine senkte, fand sie dreihundert Knochen von mindestens zweiundzwanzig verschiedenen Menschen.

1925 wurde Fritz Haarmann in Hannover mit dem Fallbeil hingerichtet.

Das war das einzige Mal gewesen, dass ich Rick wirklich zugehört hatte seit seinem blöden Spruch auf dem Rastplatz. Mit der Geschichte hatte er es tatsächlich geschafft, meine Neugierde auf diese Stadt zu wecken. Zudem fühlte ich mich immer mehr wie ein Gefangener in meinem Zimmer und war ziemlich froh, als die Schule wieder losging.

Als ich mich an meinem ersten Tag in der Hauptschule am Hohen Ufer meinen neuen Klassenkameraden vorstellte, brach die Hälfte von ihnen wegen meines schwäbischen Dialekts direkt in schallendes Gelächter aus. Die ersten dummen Sprüche fielen, kaum dass ich zwei Sätze gesagt hatte.

Die Lehrerin hatte große Mühe, die Klasse wieder in den Griff zu bekommen. Erst die lautstarke Androhung von Nachsitzen brachte halbwegs Ruhe ins Klassenzimmer. Mir schoss das Blut in den Kopf, wie ein reißender Fluss rauschte es mir in den Ohren und ohne ein weiteres Wort setzte ich mich auf meinen Platz.

Mir war kotzübel und ich kam mir vor wie eine Attraktion im Zoo. Alle glotzten mich an. Immer wieder tuschelten meine neuen Mitschüler leise miteinander und blickten verstohlen zu mir rüber, um dann aufs Neue in Gelächter auszubrechen.

Vor Scham wäre ich am liebsten im Erdboden versunken. Ich fühlte mich so unglaublich gedemütigt und provoziert.

Schon am ersten oder zweiten Schultag verwies mich die Lehrerin aus dem Klassenzimmer. Ich war durch die Sticheleien der anderen ausgerastet, hatte meinen Stuhl quer durch den Raum getreten und die halbe Klasse angebrüllt und beleidigt. Die meisten von ihnen zuckten erschrocken zurück, was mir zusätzlichen Aufwind verlieh.

Ich war zwar auch in Sindelfingen schon mal unangenehm im Unterricht aufgefallen, aber das hier war ein neues Level. Erschrocken über mich selbst, aber auch stolz, mich gewehrt zu haben, ließ ich mich von meiner neuen Lehrerin am Arm auf den Gang zerren. Sie entschärfte die angespannte Situation durch meinen Rauswurf, denn drei meiner Klassenkameraden waren sofort aufgesprungen und hatten sich hinter ihren Tischen aufgebaut, um sich notfalls gegen mich zu verteidigen. Ich schäumte vor Wut. Die Jungs grinsten dreckig.

Vor dem Klassenzimmer wies mich die Klassenlehrerin zurecht. Ich musste schlucken, um sie nicht als blöde Kuh zu beschimpfen. Dann ließ sie mich einfach stehen und wieder fühlte ich mich ungerecht behandelt.

Ich war noch keinen Monat auf der neuen Schule, als ich schon das dritte oder vierte Mal aus der Klasse flog und auf dem Gang einen Mitschüler aus meiner Parallelklasse kennenlernte. Er war Jugoslawe. Ein schlaksiger Kerl mit dunklen, fast schwarzen Haaren, sehr blassem Gesicht und einer Nase, die mich stark an eine Streichholzschachtel erinnerte.

Auch er war aus dem Unterricht geflogen und hatte das Spektakel in unserem Klassenzimmer vom Flur aus mitbekommen.

»Alter, was geht denn bei euch ab?« Er kam auf mich zu, grinste und deutete auf die Klassentür, die meine Lehrerin gerade wieder hinter sich zuzog. Er war fast einen Kopf größer als ich und ich zögerte einen kurzen Moment, bevor ich ihm antwortete.

»Ich bin neu hier und die verarschen mich die ganze Zeit«, presste ich genervt hervor.

Als er meinen Dialekt hörte, grinste er gleich noch breiter. Anscheinend fand auch er mich zum Lachen.

Ich drehte mich angepisst weg und verdrückte mich frustriert Richtung Aula. Ich musste raus hier, an die frische Luft, hatte ein flaues Gefühl im Magen und meine Ohren glühten. Ich war verzweifelt und wütend auf die ganze verdammte Welt. Was zum Teufel sollte ich hier?

Ich stand keine zwei Minuten auf dem Hof, als ich hinter mir die Stimme von eben hörte. »Willste ne Kippe?«

Verschämt wischte ich mir die Tränen aus den Augenwinkeln und drehte mich zu ihm um.

Er nickte mir aufmunternd zu und hielt mir eine Schachtel Marlboro mit Feuerzeug unter die Nase. »Was is? Rauchst du nich?«

Wortlos fingerte ich eine der Zigaretten aus der Schachtel und griff nach dem Feuerzeug.

»Nich hier, Mann. Lass mal da rübergehen.« Er ging vorweg und ich folgte ihm wortlos ans Ufer der Leine und zündete mir mit ihm eine an. Meine erste Zigarette seit Sindelfingen.

Ich rauchte schon seit ich zwölf war ab und zu. Gelegentlich hatte ich Bernd in den letzten Monaten vor unserem Umzug ganze Schachteln aus seinen Zigarettenstangen geklaut. Ich wollte damals bei den Älteren im Jugendzentrum cool rüberkommen und verteilte immer ein paar der geklauten Zigaretten und bekam irgendwann im Gegenzug mein erstes Bier von den Jungs. Obwohl es mir nicht schmeckte, folgten später am Abend einige mehr. Bei einer Nachtwanderung hatte ich mich dann so stark betrunken, dass ich die ganze Rückfahrt über kotzend aus dem Beifahrerfenster hing.

Natürlich machten die Sozialarbeiter Meldung über unser Rauch- und Saufgelage und erteilten mir und ein paar anderen Jungs ein Jahr Hausverbot im Jugendzentrum. Es gab einen riesen Stress, und danach musste ich meine Mutter sogar eine Zeit lang anhauchen, wenn ich zu Hause reinkam. Ich versuchte es mit Hustenbonbons, aber das machte sie nur noch misstrauischer und wütender. Sie fühlte sich natürlich verarscht von mir und immer wieder flogen deswegen und wegen des Rauchens die Fetzen zwischen uns. Aber scheiß drauf! Die konnte mich sowieso gerade mal.

Ich zog den Rauch tief in die Lunge und bekam einen üblen Hustenanfall. Genau wie bei meinen allerersten Rauchversuchen im Wald hinter den Hochhäusern. Der Jugo lachte sich schlapp über mich, während ich versuchte, mich zu beruhigen. Jeder Atemzug schmerzte in der Brust. Das Nikotin hatte mich ziemlich schwindelig gemacht und ich musste mich setzen. Alles fühlte sich wattig und weit weg an. Ein schönes Gefühl, ich mochte es. Direkt noch einen Zug hinterher. Und noch einen.

Leider verkürzten sich die Kreislaufkicks bei jedem Zug und viel zu schnell blieben sie ganz aus. Aber trotzdem, es fühlte sich gut an, zum ersten Mal in dieser Stadt.

Der Jugo war cool. Er hatte etwas sehr Sympathisches an sich. Wir hatten beim Rauchen mehr miteinander gelacht als geredet und schlenderten nun langsam zurück zur Schule. Ich mochte den Jungen, der in seinen komischen Cowboystiefeln vor mir herlief. Er grinste zwar auch jedes Mal aufs Neue blöd, wenn ich redete, aber er lachte mich nicht dafür aus.

Er war selbst noch nicht lange an der Schule und hatte auch so seine Anpassungsschwierigkeiten. Aus der Schule in seinem Wohnbezirk, der Nordstadt, hatte man ihn wegen Vandalismus rausgeworfen und so war er hier in der Stadtmitte gelandet. Er hasste es genauso und war wie ich gegen seinen Willen hier. Ich hatte meinen ersten Verbündeten gefunden und als der Pausengong ertönte, betraten wir gemeinsam den Schulhof.

 

 

Spielplatzbande

»Na endlich, Alter! Ich warte schon ne halbe Ewigkeit auf dich.«

Der Jugo saß auf den Stufen der Christuskirche, schnippte mir seine glühende Kippe entgegen und grinste mich frech an, als ich unmittelbar vor ihm eine Vollbremsung mit meinem BMX hinlegte. »Lass uns erst zu mir nach Hause und dann auf den Spieler, die anderen sind bestimmt auch schon da oder kommen gleich noch.«

Ich nickte nur. Heute würde ich seine Freunde und Familie kennenlernen. Er hatte mir in der Schule schon einiges über sie erzählt. Wir überquerten den Engelbosteler Damm und bogen in die Marschnerstraße ein. Nach wenigen Minuten erreichten wir den Spielplatz, von dem ich ebenfalls schon gehört hatte. Ich war ziemlich aufgeregt.

»Hier hängen wir immer rum und da vorne rechts um die Ecke wohne ich.«

Fast stolz präsentierte er mir mit ausgestreckten Armen die alten Klettergerüste und Schaukeln. Der Spielplatz war menschenleer und überall im Sand lagen Kippen rum. Auf der steinernen Tischtennisplatte standen noch die Reste einer zerfallenen Sandburg. »Lass uns später wiederkommen. Ich will kurz nach Hause, bevor mein Alter von der Arbeit kommt.«

Als der Jugo fünf Minuten später die Wohnungstür aufschloss, schlug uns der Duft von frisch gebratenem Fleisch und Zwiebeln entgegen.

»Bin wieder da! Und hab Besuch mitgebracht«, rief er laut in die Wohnung, während wir uns die Schuhe auszogen. Keine zwei Sekunden später war sein kleiner Bruder zur Stelle und glotzte mich neugierig an. Er war etwas pummelig, beinahe blond und die Nervensäge stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Seine Zungenspitze wanderte aufgeregt von links nach rechts über die Oberlippe.

»Was is?«, fauchte der Jugo seinen kleinen Bruder an, baute sich wie ein Boxer vor ihm auf und schlug ihm mit den Fäusten eine Links-Rechts-Kombination auf den Oberarm.

»Aua!« Der Kleine wich einen Schritt zurück, rieb sich kurz die getroffene Stelle, um dann wie ein Bekloppter auf seinen Bruder loszugehen. »Du blöder Wichser, wieso boxt du mich?«

Noch bevor ich meine Schuhe richtig ausgezogen hatte, war eine ausgewachsene Rauferei zwischen den beiden Brüdern im Gange.

Als ihre Mutter um die Ecke kam, zerrte der Große den Kleinen gerade an den Haaren durchs Wohnzimmer und hielt ihn am ausgestreckten Arm auf Distanz. Der Kurze schimpfte wie ein Rohrspatz und ruderte wild mit den Armen, traf seinen Bruder aber trotzdem nicht. Und der lachte sich über seinen kleinen Bruder kaputt. »Lass mich los, du Arsch!«

Klatsch! Mein Kollege zuckte erschrocken zusammen, als die flache Hand seiner Mama ihn im Nacken traf. Der Kleine nutzte die Gelegenheit und trat ihm von hinten in die Beine, rannte dann blitzschnell an uns vorbei und flüchtete ins Kinderzimmer.

Schweigend und mit unterdrücktem Grinsen beobachtete ich die Situation. So wie’s aussah, war das hier wohl Standard. Brüder eben.

Es dauerte ein paar Augenblicke, bis sich die Lage wieder entspannt hatte und seine Mama ihn losließ. Sie hatte ihn am Kragen geschnappt, als er Anstalten machte, den Kleinen nach dem Tritt zu verfolgen, und lautstark auf Jugoslawisch mit ihm geschimpft.

»Komm, lass uns direkt wieder abhauen.« Schnaufend und mit frustriertem Gesichtsausdruck schob er sich an mir vorbei in den Flur und zog sich seine Schuhe wieder an. Ich nickte seiner Mutter freundlich zu. Die hatte sich mittlerweile zwischen uns und dem Kinderzimmer postiert, um die beiden Streithähne auseinanderzuhalten. Sie erwiderte meinen Gruß mit einem lauten Seufzer und einem gequälten Lächeln und verschwand dann schimpfend in ihrer Küche.

»Ja, ja, laber nich«, rief der Jugo seiner Mutter zu, dann knallte er die Wohnungstür mit voller Wucht ins Schloss und nahm mit großen Sprüngen die Treppenstufen.

»Was war das denn?«, fragte ich ihn unten angekommen. Das Meckern seiner Mutter über das Zuknallen der Tür hallte im Treppenhaus hinter uns.

»Is immer das Gleiche, Mann. Immer nimmt sie den kleinen Fettsack in Schutz und ich krieg die Schuld für alles.«

An der nächsten Häuserecke kamen uns die beiden italienischen Schwestern entgegen, von denen der Jugo mir schon des Öfteren vorgeschwärmt hatte. Er hatte nicht übertrieben. Die beiden waren wirklich hübsch. Sehr hübsch sogar. Sie waren zierlich, hatten lange dunkelblonde Haare und Augen wie Raubkatzen. Die von Luna waren grüngrau und die Augen ihrer jüngeren Schwester Morena leuchteten blau.

»Hey, is das der Kumpel, von dem du uns erzählt hast?« Die drei begrüßten sich mit einem Küsschen auf die Wange und auch ich wurde ohne Zögern herzlich von den beiden Schwestern gedrückt. Wooh! Ihre Haare dufteten wie ein Meer aus Erdbeeren. Nur einmal war ich einem Mädchen so nah gekommen, aber das lag schon über zwei Jahre zurück und hatte sich völlig anders angefühlt. Mir schoss das Blut in den Kopf und mein Herz klopfte wie wild. Ich zitterte innerlich vor Freude und Aufregung und grinste vermutlich ziemlich dämlich vor mich hin. Schätze, in dem Moment war mein Interesse an Mädchen endgültig geweckt. Vielleicht war Hannover ja doch nicht so scheiße?

An diesem Tag sollte ich auch noch den Julius kennenlernen. Den Spitznamen hatte er dem Wuchs seiner pechschwarzen Haare zu verdanken. Seine Frisur sah aus wie der Helm von Caesar bei Asterix und Obelix. Selbst die dazugehörigen Koteletten wuchsen ihm mit seinen knapp 14 Jahren schon. Er war einer der vier Griechen, die zu der Bande vom Jugo gehörten. Ein lustiger, zappeliger kleiner Kerl, der mich ebenfalls sofort begrüßte, als würde ich schon immer dazugehören. Ich mochte ihn und seine quirlige Art auf Anhieb. Selbst als er meinen schwäbischen Akzent imitierte und sich über meine Röhrenjeans lustig machte, feierte ich ihn.

Als es dunkel wurde, schwang ich mich auf mein BMX und fuhr nach Hause. Die Mädchen hatten sich zuerst verabschiedet. Die beiden Jungs und mich trieb der Hunger etwas später auch nach Hause. Es war ziemlich kühl und ich fror erbärmlich in meinem dünnen Pulli, aber das war mir egal. Ich hatte neue Freunde gefunden und war glücklich und zufrieden. Ich ließ den Nachmittag Revue passieren, während ich wie ein Wahnsinniger in die Pedale trat und jeden Bürgersteig und jeden Huckel mit einem Bunny Hop nahm.

Der Julius hatte sogar was von Haschisch und Eimerrauchen erzählt. Eigentlich hatte er schon heute etwas zum Kiffen mitbringen wollen. Aber aus irgendeinem Grund hatte das leider nicht geklappt. In Sindelfingen im Jugendzentrum, besser gesagt dahinter, hatte ich auch schon zwei, drei Mal an einem Joint gezogen, aber nie etwas gemerkt. Aber so wie es aussah, würde sich das schon sehr bald ändern.

Kind, Kegeln oder Karriere?

Erzählt wird die Geschichte von vier Freundinnen, die mitten im Leben stehen und die unterschiedlicher nicht sein könnten. Alle Anfang 30 macht die eine lieber Karriere im Ausland während die andere an Familienplanung denkt. Doch genau diese Unterschiede zeigen ihnen gegenseitig auf, dass alle auf ihre Weise an einem Wendepunkt stehen und gerade jetzt Entscheidungen getroffen werden müssen, die ihr ganzes Leben beeinflussen. Aber das ist gar nicht so leicht.

Es macht viel Spaß die Vier zu erleben, wie sie ihren Lebensentwurf hinterfragen und gleichzeitig ihren Weg gehen und wie hilfreich dabei ehrliche Freundschaft ist, in der es erlaubt ist auch mal kritische Fragen zu stellen.

Eine Buchempfehlung von Svenja Becker, Herstellung

Chronik des Alltags

Herbstliche Kälte? Regenwetter? Mit einem guten Buch ist das schnell vergessen. Auch wenn in diesem Buch ausgerechnet der Regen das Leben der Protagonistin gehörig aus der Bahn wirft: Denn eigentlich sucht Zoe in einer Bankfiliale nur kurz Zuflucht vor einem heftigen Regenschauer, als die Bank auf einmal überfallen und ein junger Mann erschossen wird. Plötzlich ist Zoe die einzige, die ihn noch retten könnte – denn sie kann die Zeit zurückdrehen …

Einfühlsam und packend erzählt»Nie mehr zurück« die Geschichte eines Mädchens mit einer besonderen Gabe, das in die Vergangenheit reist und sein Leben aufs Spiel setzt, um einen Mord zu verhindern. Dieser mitreißende Roman ist mein absolutes Highlight für spannende Lesestunden im Herbst!

Ein Buchtipp von Karin Pauluth, Lektorat Fantasy / Science Fiction

Kuriose Ratschläge aus dem Mittelalter

Die Historikerin Elizabeth P. Archibald zeigt mit ihrem »Ratgeber« wie Geschichte Spaß machen kann. Ihr Sammelsurium umfasst kuriose Lebensweisheiten und skurrile wie nützliche Ratschläge aus jahrhundertealten Büchern, über die man staunen oder lachen kann.

Die kurzweiligen Alltagstipps werden begleitet von historischen Illustrationen und Grafiken und machen das Buch zu einem unterhaltsamen Geschenk für Kultur- und Geschichtsinteressierte.

Ein Geschenktipp von Patricia Haas, Marketing

Blick ins Buch
Gutes von GesternGutes von Gestern

Wie man höflich rülpst und andere Tipps aus über 1000 Jahren

Wie beeindruckt man eine Frau beim Tanzen? Wie nimmt man am schnellsten ab? Und wie küsst man eigentlich richtig? Historikerin Elizabeth Archibald hat ebenso skurrile wie nützliche Ratschläge aus jahrhundertealten Büchern gesammelt und zeigt: Was früher galt, ist (manchmal) heute noch gut. Ob es ein Vorschlag für das Ausrotten von Bettwanzen ist (Bett mit Schießpulver bestreuen und anzünden), ein Fashion-Tipp aus dem Mittelalter (nicht zu viel Geld für Klamotten ausgeben, aber bei den Accessoires klotzen) oder ein elementarer Hinweis für eine gelungene Verführung (nicht furzen) – »Gutes von Gestern« liefert auf sehr unterhaltsame Weise praktische Tipps für alle Lebenslagen.
Hardcover
€ 14,00
E-Book
€ 10,99
€ 14,00 inkl. MwSt.
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 10,99 inkl. MwSt.
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Einleitung

 

»Einen Weg finden, wie man Bienen stiehlt« – das stand nicht unbedingt ganz oben auf meiner Agenda, aber manchmal kommt es eben anders, als man denkt, denn dieser Bienendiebstahl drängte sich plötzlich ganz ungefragt in mein Leben. Auf der Suche nach Material für ein neues Seminar, das ich am Peabody Institute der Johns Hopkins University über die Geschichte der Ratgeberliteratur geben wollte, hatte ich mich in die George Peabody Library gesetzt und in Erstausgaben geblättert.

Bei meiner Suche stieß ich auf einige bemerkenswerte Texte: in Baltimore gedruckte Anleitungen zur Handlesekunst aus dem 19. Jahrhundert, ein Kompendium der Schädlingsbekämpfung, geschrieben von einem königlichen Rattenfänger, ein Buch aus dem Jahr 1884 mit dem Titel How to Get Strong, dessen durchschlagende Wirkung durch einen vom Körper gelösten Bizeps auf dem Buchrücken beworben wurde. Und zwischen einer Anleitung, wie man verdorbenes Wildfleisch doch noch retten kann, und dem Tipp, sich durch das Trinken von Salatöl vor einem Rausch zu schützen, las ich es: »Wie man Bienen stiehlt«. Von da an war mir klar, dass diese Ratschläge eine größere Leserschaft verdienten.

Ich begann zur Unterhaltung meiner Freunde und Kollegen, einzelne Häppchen historischer Tipps und Tricks auf einem Blog zu posten, und bald trudelten die ersten Anfragen aus aller Welt ein. »Liebe Vergangenheit«, hieß es da, »wie sollte ich meine Haare waschen?«, »Wie kann ich meinen Chef beeindrucken?«, »Was sollte ich für den Urlaub einpacken?«. (Die Antworten – in willkürlicher Reihenfolge – lauten: Pökelzunge, rosa Kleidung, Eidechsen.)

Die in diesem Buch enthaltenen Ratschläge bilden eine ungeordnete Auswahl von in Bibliotheken aufbewahrtem Material, nach Lust und Laune zusammengestellt. Und doch nimmt die Landschaft der Ratgeberliteratur, die hier in den Blick gerät und die ich als Bewahrerin solch segensreicher Empfehlungen skizzieren möchte, erstaunlich klare Züge an.

Die Tatsache, dass all diese Ratschläge in Bücher Eingang gefunden haben, zeigt in erster Linie, dass es Autoren gab, die sie aufschreibenswert, und Schreiber oder Drucker, die sie weitergebenswert fanden. Daher ist für Historiker ein Ratschlag aus dem 16. Jahrhundert über das Rülpsen sowohl eine wertvolle Information zur Geschichte der Umgangsformen als auch zur Geschichte des Buchs und der Ratgeberliteratur.

Zudem haben diese Texte bestimmte Ziele gemeinsam. Ein Ratgeber ist eine Art Vertrag zwischen Verfasser und Leser. Der Verfasser gibt Anweisungen und der Leser folgt ihnen. Der Verfasser zieht Ansehen und Tantiemen aus diesem Vertrag, dem Leser bleiben eindrucksvolle Bauchmuskeln, ein Kuchen in Form eines Igels und ein makellos aufgebauter IKEA-Schrank – jedenfalls theoretisch. Dieser Vertrag liegt auch dem Vorwort zu einer Sammlung kluger Tipps aus dem Jahr 1759 zugrunde: Der Verfasser verspricht seinen Lesern, dass »ihr Geld nicht verloren ist«, denn sie werden den Preis des Buches durch dessen ökonomische Ratschläge zwanzigmal hereinholen, oder, wie er es ausdrückt: »Mühe und Arbeit bis hierher sind mein. / Gewinn und Vergnügen von hier aus sind dein.«[1]

Ratgeber eröffnen Möglichkeiten. Sie machen Lesern klar, dass man zur Überwindung einer naturgegebenen oder gesellschaftlichen Einschränkung kein göttliches Eingreifen, vererbtes Privileg oder langjährige Übung braucht – sondern nur eine kluge Anleitung und vielleicht die Galle eines Wiesels.

Nehmen wir zum Beispiel das von Antonius Arena im Jahr 1530 geschriebene Handbuch über das Tanzen, in dem er davor warnt, dass »die Damen … lachen und Hohn und Spott über jene ausgießen, die nicht gut tanzen und die Schritte nicht können, und sie sagen: ›Solche Menschen sind Tölpel‹. … Könige, Königinnen, Grafen und Barone tanzen selbst und lassen auch die anderen tanzen.«[2] Seien Sie ehrlich: Sie sind ein Tölpel. Aber lesen Sie weiter, und Sie werden weltmännische Gewandtheit erlangen und sogar »die Tänze lernen, bei denen Sie lange Küsse verteilen können«.[3]

Dies alles ist Teil einer alten und nützlichen Textgattung, die aus dem Leser einen höflichen, gewandten und kultivierten Zeitgenossen machen will – also genau das Gegenteil eines Tölpels. Mittelalterliche Texte wie Daniel of Beccles’ Urbanus magnus oder Liber urbani (Das Buch des kultivierten Mannes) hielten schon einige wichtige Prinzipien der Höflichkeit fest, etwa, dass man einen Feind, der sich gerade hinhockt, um sich zu erleichtern, nicht angreifen soll. Im 16. Jahrhundert wimmelte es dann nur so von Ratgebern zu kultivierten Umgangsformen, deren Verbreitung durch eine wachsende Zahl von Lesekundigen und eine neue Form des Textumlaufs, die mit der Erfindung der Druckerpresse einherging, gefördert wurde. Der große niederländische Humanist Erasmus von Rotterdam veröffentlichte 1530 sein De civilitate morum puerilium (Über das höfliche Benehmen junger Menschen) in der genialen Annahme, Schuljungen könnten die Benimmregeln beim Furzen und die lateinische Sprache aus einem einzigen Buch lernen. In Italien, wo die höfische Kultur blühte, schrieb Baldassare Castiglione mit Il libro del cortegiano (Das Buch des Hofmanns) im Jahr 1528 einen der einflussreichsten literarischen Texte des Landes; hier werden in einem Dialog die Eigenschaften des idealen Höflings dargestellt (wie etwa seine geschmackvolle Kleidung). Und Giovanni della Casa warnt in seinem Galateo, ein schlecht erzählter Witz wirke etwa so, wie wenn »jemand sehr Dickes mit einem riesigen Hinterteil tanze und in einem eng sitzenden Wams herumhopse«.[4] Ratgeber zum kultivierten Benehmen (insbesondere die von Erasmus und della Casa) wurden zum Vorbild einer ganzen Gattung, die einer wachsenden Leserschaft höfische Gewandtheit versprach.

Während solche Texte die Möglichkeit der Selbststilisierung in Aussicht stellten – also sich von einem Tölpel in einen eleganten und mondänen Hofmann zu verwandeln –, versprach ein anderer Typus beliebter Ratgeber Hilfe bei der Gestaltung der Welt, die den Leser umgab. Die Sammlungen von »Geheimnissen der Natur«, »Täuschungen« und »Wundern«, die frühmoderne europäische Leser so faszinierten, entsprangen einer sehr viel älteren Tradition geheimer alchemistischer Lehre seit dem Hellenismus, was man allerdings wegen ihrer vorrangigen Beschäftigung etwa mit der Vernichtung von Bettwanzen oder mit allen möglichen Tricks, bei denen Fleisch eine Rolle spielt, kaum vermuten würde. In einem der frühesten erhaltenen »Geheimnis«-Bücher, das aus dem 9. Jahrhundert stammt, sich aber auf antikes Material bezieht, findet man Verfahren zum Färben von Glas, Fellen und Tinte, zum Reinigen von Silber und zum Bau eines Rammbockes.

Es ist davon auszugehen, dass das »Rezept für das meiste Gold« ein Kaufanreiz war: »Es wird Wunder wirken«, verspricht der Text.[5] Und wenn dabei auch nur ein Wundern herauskam, wo denn das ›meiste Gold‹ geblieben ist, so konnte ein gescheiterter Alchemist immerhin weiterlesen und sich mit dem Anrühren einer schönen französischen Seife oder eines Sesamkonfekts trösten.

Selbst jüngere Sammlungen schmückten sich mit einem Hauch Altertum. Als europäische Gelehrte im Mittelalter anfingen, antikes naturwissenschaftliches und medizinisches Wissen in arabischen Texten zu suchen, musste plötzlich Aristoteles (auch einfach nur als »der Philosoph« bekannt) wieder herhalten. Ein enzyklopädisches Stückwerk über arabisches Wissen aus den Bereichen Politik, Medizin und Astrologie, bekannt als Kitāb Sirr al-Asrār (Das Buch über das Geheimnis der Geheimnisse oder Secretum secretorum in der lateinischen Fassung) sollte aus seiner Feder stammen. Es war paradox, aber doch nicht anders zu erwarten: Die supergeheimen Geheimnisse des »Aristoteles« wurden ein europäischer Bestseller und stellten Aristoteles’ echte Werke weit in den Schatten. Die Praxis, einen Text zu legitimieren, indem man ihn mit dem Namen des »Philosophen« schmückte, hielt sich über Jahrhunderte hinweg, wie das unglaublich beliebte Sexualhandbuch aus dem Jahr 1684 beweist, das in England unter dem Titel Aristotle’s Masterpiece (Das Meisterwerk des Aristoteles) oder The Works of Aristotle, the Famous Philosopher (Die Werke des Aristoteles, des berühmten Philosophen) bekannt wurde. (Man stelle sich die Gespräche vor: »Was liest du denn da gerade?« »Oh, nur die Werke des Aristoteles, des berühmten Philosophen.«)

Wurden mittelalterliche und frühmoderne Leser nicht misstrauisch, wenn sie feststellten, dass die antiken Philosophen mit Ratschlägen zum Zähnebleichen und Fleckenentfernen hausieren gingen, statt sich mit Transzendenz und Alchemie zu beschäftigen? Mit Sicherheit – doch die profane Ausrichtung dieser Texte tat ihrer Beliebtheit keinen Abbruch. Und mit der Verbreitung des Buchdrucks begann eine neue Gruppe von Experten – Drucker und Schriftsteller –, Texte für die wachsende Leserschaft auf den Markt zu bringen. Immer mehr kleine Broschüren mit Ratschlägen für den Alltag wurden gedruckt, etwa der Dificio di recette, eine Sammlung von Anleitungen aus dem Jahr 1525 von einem italienischen Drucker, der völlig richtig erkannt hatte, dass seine Leserschaft darauf brannte zu erfahren, wie man sich einen Bart wachsen ließ oder Kerzen unter Wasser anzündete.

Das Ratgeberfieber befeuerte auch den Erfolg von Alessio Piemontese (wohl ein Pseudonym des Humanisten Girolamo Ruscelli), dessen Buch der Geheimnisse erstmals 1555 erschien.[6] Nicht einmal fünfzig Jahre später hatte es siebzig Auflagen in acht Sprachen erlebt. Das Vorwort liest sich fast wie ein Werbetext:

Und dieweil ich allzeit von natur mich der weißheit und heimlichen verborgenen natürlichen künsten zu lernen geflissen, bin ich siben und fünffzig jar hin und haer an vil ort der welt gezogen, damit ich vil gelehrte menner erkennen möchte. Deshalben hab ich nit allein von gelehrten und anderen grossen herren, sonder auch von weibern, werckleuten und bauren vil und mancherley heimlich und verborgene kunst erlangt und überkommen.[7]

Das Werben mit »weibern, werckleuten und bauren« als Quelle wirkt ganz anders als die Legitimierung durch den Namen Aristoteles, es belegt einen allgemeinen Trend weg von dem Vertrauen auf antike Autoritäten und hin zu einem Interesse am Experimentieren. Geheimnissammlungen hängen jetzt oft das Wort »probatus« (»getestet« oder »geprüft«) an ihre Ratschläge oder erklären mit einer knappen Anekdote, wie wirksam ihrer Erkenntnis nach die Methode ist (»Ich kannte einen Mann, der unglaublich fett war … mit dieser Medizin verlor er sein Fett«, sagt Thomas Lupton zum Beweis der Wirksamkeit seiner Diät.[8])

Der allgemeine Hunger nach Geheimnissen ließ eine ganze Gruppe von Experimentierenden, sogenannten »Professoren der Geheimnisse«, entstehen, ein Titel, der den Glanz von Hogwarts heraufbeschwört, im Grunde aber über die Realität der Verfolgung durch die Gegenreformation hinwegtäuscht. Zu diesen Professoren gehörte Giambattista della Porta, dessen Begeisterung für die »Magie der Natur« die Kirche ganz und gar nicht teilte. Nun war seine Faszination für die Kuriositäten der Natur vielleicht wirklich nah an der Grenze zum Ungesunden, doch della Portas »Magie der Natur« ist eigentlich banaler, als sie klingt: Einen Pfirsich in der Form eines menschlichen Kopfes wachsen zu lassen, indem man ihn in eine Form zwängt, fällt zum Beispiel darunter. (Das fällt aber auch unter die Kategorie »gruselig«, falls Sie es genau wissen wollen.)

Ein Gesicht auf einem Pfirsich wachsen zu lassen, ist vielleicht nicht der Gipfel intellektuellen Forschergeists oder experimenteller Wissenschaft, aber es ist ein gutes Beispiel für die Bedeutung von »Geheimnisbüchern« und die Beliebtheit von Ratgebern im Allgemeinen. Während die Benimmbücher die Regeln des höfischen Lebens allen verfügbar machten, die Zugang zu diesen Texten hatten, boten Geheimnisbücher allen Lesern eine gewisse Kontrolle über die Natur.

Allerdings nur, wenn die Ratschläge auch funktionierten. Glaubten die Leser an die Wirksamkeit von Heilmitteln und Verfahren, die aus heutiger Sicht absolut zweifelhaft sind? Nehmen wir zum Beispiel eine Methode aus dem Jahr 1581, um übers Wasser zu laufen: Mit zwei kleinen Tamburinen an seinen Füßen soll der Wanderer »mit einer gewissen Kühnheit und Leichtigkeit des Körpers« über das Wasser gleiten. Wenn Ihnen diese Technik nicht besonders vertrauenswürdig erscheint, dann sind Sie damit nicht allein: Ein zeitgenössischer Leser notierte bissig am Rand eines Exemplars dieses Buches: »Falls man doch einsinkt, ist es immerhin nur Wasser.«[9]

Dieser kleine Seitenhieb verweist darauf, dass die Handbücher nicht das hielten, was sie versprachen – aber andererseits hatten sie auch mehr zu bieten. Ratgeber verrieten nicht einfach nur den besten Weg zum gewünschten Ergebnis. Mancher Ratschlag war in Wirklichkeit der Anlass für eine literarische Spielerei; das gilt etwa für poetische Werke wie Ovids Ars amatoria (wobei seine eleganten Aufreißtipps – tu so, als würdest du Staub von ihrer Kleidung wischen – vielleicht noch immer funktionieren). Aber selbst Texte mit geringerem literarischen Anspruch konnten anderen Zwecken dienen als der ernstgemeinten Verbreitung eines Zahnpastarezepts. Verfasser von Ratgebern erkannten die zum Teil lächerlichen Konventionen ihrer Textform und spielten mit ihnen: Ein Beispiel ist eine Rezeptparodie in einem mittelalterlichen Kochbuch, die »ein gutes Gericht für jemanden, der es gern isst« verspricht und literweise Schweiß, Kieselschmalz, Stieglitzhaxen und Fliegenfüße enthält.[10] Die zeitliche Distanz macht es zugegebenermaßen schwieriger, zwischen Parodie und ernsthaftem Bemühen zu unterscheiden, wenn beispielsweise Ohrenschmalz gegen Augenprobleme empfohlen wird und die Galle eines Aals zu den gängigsten Zutaten gehört. Sicher ist jedoch, dass in den Ratgebern eine gesunde Dosis an Scherzen (die berühmte Furzkerze) und albernen Anekdoten (»Wie man eine Katze ein Feuer auspinkeln lässt«) zu finden ist, was vermuten lässt, dass sie nicht nur kluge Tipps, sondern auch amüsanten Lesestoff bieten sollten.

In diesem Sinne präsentiere auch ich Ihnen diese Tipps und Ratschläge. Und ich gehe fest davon aus, dass Sie jeden einzelnen ausprobieren.

Eine Anmerkung zu den Texten.   Die hier versammelte Textauswahl entstand aus meiner eigenen Beschäftigung mit mittelalterlicher und frühmoderner europäischer Bildung und der Geschichte des Buches. Das hat der chronologischen und geografischen Reichweite einen Rahmen gesetzt (von der Spätantike bis in die Frühmoderne, mit einigen unterhaltsamen Ausreißern darüber hinaus, und fast rein europäisch). Es gibt natürlich noch viel mehr »Gutes von Gestern« als das, was hier zu lesen ist, und ich ermutige jeden, auch auf eigene Faust danach zu suchen.

Ich folge dem Beispiel vieler meiner Quellen, wenn ich die Texte ohne strenge chronologische oder thematische Ordnung präsentiere. Zum einen ist es schwer, Material einer bestimmten Zeit zuzuschreiben, wenn nützliche Ratschläge sich ewig hielten: So empfahl schon der ältere Plinius eine Veilchengirlande als Mittel gegen die Folgen zu großen Alkoholkonsums, und diese Empfehlung taucht immer wieder auf und wird wahrscheinlich bis zu dem gesegneten Tag im Umlauf bleiben, an dem die Menschheit tatsächlich ein wirksames Mittel gegen den Kater entdeckt. Die hier vorgelegten Auszüge belegen nicht das erste Auftauchen der Ratschläge im Druck (oder in einer Handschrift), aber sie belegen eine Zeit, in der Leser sich mit ihnen beschäftigten; aus derselben Logik heraus gebe ich die Daten der Ausgaben an, die ich konsultiert habe, und nicht notwendigerweise die Erstausgaben (wobei deren Daten zusammen mit Hinweisen zu englischen Übersetzungen in den Anmerkungen angegeben sind).

Auch die Mischung des Materials folgt dem Beispiel seiner Quellen. Eine thematische Ordnung wäre anachronistisch und würde eher heutige Gliederungen von Wissensgebieten widerspiegeln als Zeiten, in denen Musik ein Zweig der Mathematik war oder Kochbücher Ratschläge zur Haarpflege gaben. Und denken Sie an Thomas Luptons A Thousand Notable Things (1579), in dem er antikes und zeitgenössisches Wissen zu allen Themen sammelt und es dem Leser in reizvoller Unordnung darbietet. Auf nur einer Seite kann man staunen über:

  • eine Methode, eine Wunde mit Zucker und einem Stich Butter zu heilen.
  • die Geschichte über ein kleines Mädchen, das der Verfasser im Juni 1577 kennenlernte und das »die Wollärmel aß, die seine Arme bedeckten, und außerdem noch einen Handschuh vertilgte«.
  • ein Mittel gegen Kahlköpfigkeit (Mäusekot, verbrannte Wespen, Haselnüsse, Essig).
  • einen narrensicheren Weg, Frösche mit einer Kerze vom Quaken abzuhalten.

Als Rechtfertigung für mein eigenes Durcheinander kann ich nichts Besseres anführen als Luptons Vorwort zu seinen Tausend denkwürdigen Dingen:

Vielleicht werden Sie sich wundern, dass ich sie nicht in eine bessere Ordnung gebracht habe und dass Dinge zu ähnlichen Themen nicht zusammengefasst sind. Es finden sich hier wahrlich so viele von so unterschiedlicher und vielfältiger Art und gegensätzlichen Wirkungen, dass man überhaupt keine Ordnung einhalten könnte. Und meiner Ansicht nach wird das Buch sich durch die Fremdartigkeit und Vielfalt der Themen interessanter und angenehmer lesen lassen – in dem Wissen, dass wir so gemacht sind, dass zarte Eleganz uns sehr erfreut, wir es aber hassen, allzu lange mit demselben Essen gefüttert zu werden, und dass langes Umherstreifen in fremden und abwechslungsreichen Landen uns weniger erschöpft als ein kurzer Weg auf ausgetretenen Pfaden.[11]

In diesem Sinne: Frohes Umherstreifen.

 

[1] Thomas Lupton, A Thousand Notable Things of Sundry Sortes, London 1579, Titelseite.

[2] Antonius Arena, Leges dansandi, hrsg. und ins Engl. übers. v. John Guthrie und Marino Zorzi, »Rules of Dancing«, Dance Research 4, Nr. 2, 1986, S. 8 f.

[3] Ebenda, S. 26.

[4] Siehe »Wie man Witze erzählt«.

[5] Mappae clavicula, hrsg. und ins Engl. übers. v. Cyril Stanley Smith und John G. Hawthorne, »Mappae clavicula: A Little Key to the World of Medieval Techniques«, Transactions of the American Philosophical Society, n. s. 64, Nr. 4, 1974, S. 30.

[6] Siehe William Eamon, Science and the Secrets of Nature. Books of Secrets in Medieval and Early Modern Culture, Princeton 1994, S. 147–155.

[7] Kunstbuch des wolerfarnen Herren Alexii pedemontani [Girolamo Ruscelli?] von mancherley nutzlichen und bewerten Secreten oder Künsten, S. I., 1580.

[8] Siehe »Wie man in vierzehn Tagen abnimmt«.

[9] Thomas Hill, A Briefe and Pleasaunt Treatise, Intituled, Naturall and Artificiall Conclusions, London 1581; siehe »Wie man auf dem Wasser geht«. Das Exemplar mit den Randbemerkungen befindet sich in der Huntington Library.

[10] Melitta Weiss Adamson, »The Games Cooks Play. Non-Sense Recipes and Practical Jokes in Medieval Literature«, in: Food in the Middle Ages. A Book of Essays, hg. v. Melitta Weiss Adamson, New York 1995, S. 179.

[11] Lupton A3v.

 

 

Wie man beim Tanz Mädchen beeindruckt

1538

»Freund, wenn du tanzt, achte darauf, nicht zu rülpsen, denn wenn du rülpst, bist du ein richtiges Schwein. Weiterhin furze nie, wenn du gerade tanzt; beiß die Zähne zusammen und zwing deinen Hintern, den Furz zurückzuhalten … Hab keinen Tropfen an der Nase und sabber nicht aus dem Mund. Keine Frau will einen Mann mit Tollwut. Und unterlasse es, vor den Mädchen zu spucken, denn davon wird einem schlecht, es dreht einem den Magen um. Wenn du spuckst oder dich schnäuzt oder niest, denke daran, deinen Kopf nach der Körperregung wegzudrehen, und denke daran, dir die Nase nicht mit den Fingern abzuwischen, mach es anständig mit einem weißen Taschentuch. Iss weder Lauch noch Zwiebeln, weil sie einen unangenehmen Geruch im Mund hinterlassen.«

Antonius Arena, Leges dansandi

 

Das weibliche Herz ist ein ewiges Mysterium, aber man kann schon sagen, dass Tollwut und Blähungen auf dem Tanzparkett nicht unbedingt weiterhelfen.

 

 

Wie man Bier trinkt

1256

»Bier ist ein Trunk, der aus Hafer, Weizen und Gerste gemacht wird; doch das aus Hafer und aus Weizen ist besser, weil es keine Blähungen erzeugt. Doch woraus es auch gemacht ist, ob aus Hafer oder Gerste oder Weizen, es schadet dem Kopf und dem Bauch, macht schlechten Atem, schädigt die Zähne und füllt das Hirn mit üblen Dämpfen, deshalb wird jeder, der Bier mit Wein trinkt, schnell betrunken; doch es hat den Vorteil, Urin zu treiben, und es macht das Fleisch weich und weiß. Und Bier, das aus Roggen oder aus Roggenbrot, das Minze und Sellerie enthält, gemacht ist, dieses Bier ist zu bevorzugen.«

Aldobrandino da Siena, Le régime du corps

 

Dies ist ein Ratschlag aus einem Weinbaugebiet: Wenn Sie weiches, weißes Fleisch und starken Harndrang mögen, dann ist Bier genau das Richtige für Sie.

Kommentare

Kommentieren Sie diesen Beitrag:

Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtangaben und müssen ausgefüllt werden.

Weitere Blogs zum Thema