Buchtipps Frühling 2017
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Buchtipps aus dem PIPER Verlag

Auf diese Bücher freuen wir uns 2017

Donnerstag, 16. Februar 2017 von Piper Verlag


Buchempfehlungen für den Frühling

Die Leipziger Buchmesse steht bald wieder vor der Tür und mit ihr startet auch der Bücherfrühling. Unsere Kollegen haben uns verraten, auf welche Bücher sie sich 2017 besonders freuen:

»Der Diversant« von Andree Hesse

»Jedes Buch, das unter unseren Verlagsnamen herauskommt, ist mir wichtig, doch gibt es in jeder Saison einige, die einem ganz besonders am Herzen liegen. In diesem Frühjahr ist das für mich »Der Diversant« von Andree Hesse aus dem Berlin Verlag, ein Roman, der mich seit der Lektüre nicht losgelassen hat.

Es ist die Geschichte eines jungen Menschen, der unverzagt nach seinem Platz im Leben sucht, obwohl ihm dieser immer wieder verweigert wird – innerhalb seiner Familie, aber auch in der Gesellschaft, in die er hineingeboren wird.«

Eine Buchempfehlung von Felicitas von Lovenberg, Verlegerin

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Der DiversantDer Diversant

Roman

»Diversant [lat.-russ.] der: (bes. DDR) Saboteur; jmd., der Störmanöver gegen den Staat mit Mitteln der Sabotage verübt.«(*) - Andree Hesse schildert die Geschichte eines jungen Menschen auf der Suche nach seinem Platz im Leben: von einem Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen und vom Zerfall einer Familie in der Nachkriegszeit. Der Roman handelt von der deutschen Teilung und einer doppelten Flucht, lässt eine Welt auferstehen, die unsere Gegenwart geprägt hat, in der Menschen lebten, die unsere Eltern und Großeltern sind, eine Generation, die bald sterben wird. Einfühlsam und packend direkt erzählt »Der Diversant« von dem, was lange verschwiegen wurde, und wie die Grausamkeit eines totalitären Sytems einfach jeden treffen kann – eine wahre Geschichte.
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»Das Umgehen der Orte« von Fabian Hischmann

»Lisa friert einfach nicht. Noch nicht einmal im T-Shirt auf einem isländischen Gletscher. Sie schwitzt dafür umso schneller und muss sich im Sommer vor der Hitze im Eisstadion verstecken. Als Anne ins Nachbarhaus zieht, flüchtet Lisa aber nicht nur vor der Sonne – denn sie hat sich verliebt, doch Anne hat nur die Rebellion gegen ihre Eltern im Kopf und küsst nachts Magnus auf dem Golfplatz.

Fabian Hischmann erzählt wirklich die besten Figuren - so etwas Einzigartiges und Liebevolles liest man viel zu selten. »Das Umgehen der Orte« ist weise, komisch, traurig, und manchmal auch alles auf einmal, aber vor allem ist es ein leiser, wunderschöner Roman über Gemeinsamkeit und Einsamkeit. Ich bin ganz beglückt von diesem tollen Buch!«

Eine Empfehlung von Anna Riedel, Lektorat Literatur

Blick ins Buch
Das Umgehen der OrteDas Umgehen der Orte

Roman

Lisa friert nicht. Sie kann es einfach nicht. Schwitzen dafür umso mehr. In den Sommermonaten flüchtet sie ins Eisstadion und stellt sich vor, es hätte sie noch weitaus schlimmer treffen können als in Südwestdeutschland. Etwa in Bangkok oder Miami. Und dann zieht Anne ins Nachbarhaus, ein Anti-Mädchen mit Gletscheraugen und einem Plan im Gepäck … Wie Lisa und Anne sind alle Figuren in »Das Umgehen der Orte« Geheimnisträger, deren Wege sich kreuzen und Schicksale aufeinanderprallen. Einige trägt es hinaus in die Welt, nach Melbourne oder auf die Westmännerinseln, andere zieht ihre Last bis auf den Grund. Was zählt sind Freunde – die Familie, die man sich aussucht, wie es heißt. Mit ihnen teilt man: Träume, Ängste, die guten Momente und die richtig miesen. Kaum ein deutschsprachiger Autor unserer Tage vermag das Fangnetz der Emotion so sensibel und kunstvoll zu knüpfen wie Fabian Hischmann. In seinem neuen Roman erfindet er Figuren und Szenen, die berühren und verstören, die laut auflachen und die existenzielle Wucht des Beiläufi gen erleben lassen.
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"Hinter den Türen warten die Gespenster" von Florian Huber

»"Hinter den Türen warten die Gespenster. Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit" von Florian Huber hat mich beim Lesen besonders beeindruckt. Das Buch handelt von all dem, was sich hinter den verschlossenen Haustüren der deutschen Familien in den Fünfzigerjahren abgespielt hat: Vom Schweigen über die Taten der Elterngeneration im Krieg, vom »Geschlechterkampf« und vom Hass und Unverständnis zwischen den Generationen.

Huber liefert in seinem Buch spannend und immer gut lesbar den Schlüssel zum Verständnis der Gründungszeit der Bundesrepublik sowie der Sozialisationserfahrung der folgenden Generation, die das Land  maßgeblich geprägt hat. So konnte die Familie trotz Wirtschaftswunder nicht jene Widersprüche aussperren, die die deutsche Nachkriegsgesellschaft prägten und die sich am Höhepunkt in den ziellosen Randalen der sogenannten Halbstarken entluden.«

Eine Buchempfehlung von Markus Zwecker, Abteilung Presse

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Hinter den Türen warten die GespensterHinter den Türen warten die GespensterHinter den Türen warten die Gespenster

Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit

Nach dem Zusammenbruch des »Dritten Reiches« gab es einen unverrückbaren Ort, der Halt und Geborgenheit versprach: die Familie. Sie erwies sich als der einzige Wert, der den Nationalsozialismus weitgehend unversehrt überdauert hatte. Eines aber konnte die Familie nicht - sie konnte nicht jene Widersprüche und Konflikte aussperren, die im ersten Nachkriegsjahrzehnt die Gesellschaft begleiteten. Zu ihrer vielleicht größten Hypothek wurde das Verdrängen und Verschweigen. Sie waren der Nährboden für die berüchtigten Familiengeheimnisse der deutschen Gesellschaft nach 1945, an deren Gift bisweilen noch die Enkelgeneration laborierte. So wurden aus großen Erwartungen nicht selten große Enttäuschungen, die bis heute nachwirken. Der deutsche Familienkosmos der Nachkriegszeit war eine historisch einzigartige "Versuchsanordnung". Florian Huber liefert den Schlüssel zum Verständnis dieser Zeit und der folgenden Generationen.
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Vorwort

Es gibt viele Gründe, die 50er Jahre zu hassen.

Das beginnt mit dem Blick auf jenen Täterfilz, der sich wie Flugrost auf den Pfeilern und Scharnieren des neuen Landes niederschlug. Auf allen Feldern saßen, bis hinauf in höchste Positionen, die alten Kameraden und knüpften mit Fleiß an neuen Netzen. Ihnen zur Seite standen Juristen und Bürokraten aus derselben braunen Ursuppe, die ihre Nachbarn von einst nicht ans Messer liefern wollten, statt dessen jedoch alles taten, um den Blick auf die Verbrechen, die auch ihre eigenen waren, zu verschleiern und die Aufarbeitung zu verschleppen. Sie stapelten bis auf wenige Ausnahmen die Akten des Völkermords in die Staubwinkel ihrer Ordnerschränke und überließen sie dem Papierfraß.

So kam es, dass die anderen, die Entrechteten und Gedemütigten und Gefolterten, denen man den Besitz gestohlen und die Verwandten ermordet hatte, die sich mit letzter Kraft in die Befreiung geschleppt hatten, sich verhöhnen lassen mussten: keine Zuständigkeit, keine Handhabe, kein Interesse. Schon gar kein Mitgefühl. Ihre Hoffnungen auf Gerechtigkeit zerschellten an dieser Kaltschnäuzigkeit. An ihrer Stelle spielte sich eine andere Gruppe in die Rolle der letzten Opfer des Diktators – die Millionen Deutschen, die von nichts gewusst und am Ende alles erlitten haben wollten. Veteranen von sämtlichen Fronten strickten mit an der Legende vom Wehrmachtssoldaten von der ritterlichen Gestalt. Sie vergossen öffentliche Tränen im Kameradengedenken an Smolensk und Stalingrad und Monte Cassino, ohne je zu fragen nach dem Grund oder dem Ziel oder ihrem eigenen Anteil am deutschen Jahrtausenddesaster.

Man kann den ganzen Geist der Aufbaugesellschaft hassen. Diese Beflissenheit, mit der sich die Männer in das Hamsterrad von Karriere und Überstunden schwangen, um Stufe für Stufe die Leiter hinauf zu kletterten; während die Frauen, freiwillig und nicht weniger beflissen, zurück in die Küche, ins Kinderzimmer huschten, auf dass es der Beschützer und Ernährer so bequem wie möglich habe. Jeder spielte seine Rolle auf dem Weg zur privaten Festung Eigenheim und dem ersten Wagen als Blickfänger für Nachbarn. Sie waren so in ihrem Eifer verfangen, dass sie keine Zeit fanden, sich über Politik oder Vergangenheit oder ihre Gefühle auszutauschen. So ordentlich, so rechtwinklig und übersichtlich war dieser Rahmen, dass bald alles in musterhafter, öder Einheitlichkeit daher kam. Der Andersartige, krumm Gewachsene sollte sich daran ruhig den Kopf einrennen, wenn er ihn nicht rechtzeitig einzog. Das verkündeten auch die Produkte der Unterhaltungsindustrie, die das Leben mit simplem Pinsel in rotbäckigen Heimatfilmen und Schnulzenmusik ausmalten.

Als würde sich die Wiederkehr von Patriarchat und Obrigkeitsglauben ihre Leitfiguren suchen, standen an der Spitze dieser Gesellschaft der Tüchtigen durchweg Männer, und zwar solche, die mit der Autorität des alten Schlages ausgestattet waren. In ihrer Sprache klang das Echo vom Feldwebelton der Kasernen nach, wenn sie ihre Automobilunternehmen oder Versandhäuser oder die Polizei oder den Staat befehligten, stets im Bewusstsein ihrer Macht und harthörig auf dem Ohr des Widerspruchs.

So kann man diese Jahre sehen, und man kann man sie für all das verabscheuen. Die meisten von jenen, die sie nicht selber erlebt haben, sind genau darüber froh und erleichtert.

Es gibt aber genauso viele Gründe, die 50er Jahre zu lieben.

Es sind sogar verblüffenderweise die gleichen, man muss nur einen anderen Standpunkt zu ihnen einnehmen. In diesem Licht betrachtet erscheinen dieselben hartknochigen Männer nämlich als große Firmenpatriarchen und Staatenlenker, die angesichts aller Demütigung ein bewundernswertes Selbstvertrauen verströmten. Nichts bedurfte das geschundene, von jeder Orientierung verlassene Volk nötiger, als einen kerzengeraden Rücken vorneweg marschieren zu sehen. Stattliche Figuren ohne Wenn und Aber waren es, die dem tiefen Schmerz der Unterwerfung ihre Tatkraft entgegen stellten, der Ratlosigkeit ihre Zuversicht.

Sie verkörperten einen neuen Stolz, den bald eine ganze Generation im kleinen für sich in Anspruch nehmen konnte. Anders als der verhängnisvolle Reichsstolz von gestern speiste sich dieser Stolz aus der eigenen, buchstäblich eigenhändigen Leistung und wirkte für die anderen ringsum nicht mehr gefährlich, dafür umso besser sichtbar. Mit dem Bungalow in der neu erschlossenen Wohnstraße erkämpfte man sich das Glück eines eigenen privaten Lebens zurück, das man, ausgebombt oder vertrieben oder in nervtötender Enge jahrelang vermisst hatte. So gesehen war auch der selbstvergessene Arbeitseifer jener Jahre nicht bloß blindstumpfe Beschäftigungswut, sondern hatte eine Berechtigung und ein Ziel. Mehr noch als endlich wieder wer zu sein, ging es darum, endlich wieder was zu haben, etwas zu kaufen, in farbigen Katalogen etwas anzukreuzen. In einem Gefühl von fröhlicher Unschuld konnte man rauchen und trinken und zusammen feiern, die deutsche „Party“ war nämlich eine Erfindung dieser Zeit. Es war die Entdeckung der Lebensfreude der kleinen Dinge.

Im Geist der Aufbaugesellschaft lagen Aufbruch und Optimismus, so erlebten es die, die dabei waren. Die Rollen vom rackernden Büromann, der nimmermüden Hausfrau und den gehorsamen Kindern folgten vielleicht altertümlichen Mustern, doch gerade darin boten sie Sicherheit und eine neue Heimat. Zur Ära der Wunder mag sie erst im Nachhinein stilisiert worden sein, denn die Zeitgenossen selber waren vom Wunderglauben gründlich geheilt. Viel wichtiger als Wunder war ihnen etwas ganz anderes, nämlich Ruhe und Normalität. Ein ganz normales Leben zu führen, in der glücklich wieder vereinten Familie – das war, nach dem Irrsinn des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkriegs, die deutsche Idee vom Paradies auf Erden. Endlich kam das Land neben der äußeren mehr noch zu einer inneren Atempause. Diese Ruhe schaffte den dringend benötigten Abstand zum Grauen von gestern, das die Gedanken verfinstert, die Hände gelähmt und die Gespräche und Begegnungen der Menschen vergiftet hätte. Es war wie eine Rettung aus dem Mahlstrom der Tragödien.

Die anderen aber sehen genau darin den schlimmsten Auswuchs. Denn der scheinbar segensreichen Ruhe lag der Schweigepakt einer Gesellschaft zugrunde, die die verbrecherischen Taten im eigenen Namen verleugnete. Aus dem Verdrängen der Schuld wuchs in diesen Jahren die „zweite Schuld“. Aus dieser Sicht wirkt die Ruhe der 50er Jahre wieder wie die eisige Friedhofsstille über den Grabplatten der Millionen Opfer, darunter auch der eigenen. Beschweigen und Vergessen wurden zur Bürgertugend. War der Lärm von Motoren und Baustellen die äußere Begleitmusik der Epoche, dann war eine beklemmende Stille die innere.

Auf diese Weise haben sich beide, die die Epoche hassen und die sie lieben, immer wieder an denselben Argumenten abgearbeitet, bis sie zu Klischees einer mal bösartig provinziellen, mal heiter modernen Gesellschaft erstarrt sind. Zuschreibungen wie „Motorisiertes Biedermeier“, „Kinder, Küche, Kirche“, „Petticoat und Nierentisch“ deuten weder Tiefe noch Abgrund an. Verglichen mit den dramatischen 30er und 40er Jahren erscheint das Folgende als ein Übergangsgebilde ohne Größe und Charakter. Wie ein mal billiges, mal buntes Etikett klebt der Nachkriegsära der Ruf der klein gemusterten Oberfläche ohne Gehalt an. Dabei kamen die Deutschen gerade aus der größten moralischen und materiellen Katastrophe aller Zeiten getaumelt. Diese Umstände waren an sich so außergewöhnlich, dass das Bild von der nichts sagenden Zweckmäßigkeit der Zeitgenossen große Zweifel aufwirft.

Tatsächlich gab es eine Ebene unter dem Sichtbeton, wo die Bruchlinien dieser Gesellschaft aufklafften. Es war der Ort, nach dem sich alle Deutschen angesichts ihres Untergangs sehnten: die Familie, Fluchtpunkt des Glücks und des viel beschworenen normalen Lebens. Obwohl selbst dort der Schweigepakt seine Wirkung zeigte und eine Gesprächskultur nicht entstehen wollte - in der Nähe und Enge der Familien ließ sich das Beschwiegene nicht einfach begraben. Auch wenn sie nicht darüber sprachen, was ihnen passiert war, machte es sich in jedem einzelnen von ihnen bemerkbar. Es drängte nach draußen durch die Ritzen des täglichen Lebens, bahnte sich seinen Weg ans Licht in Gestalt von Gewohnheiten und Marotten, Alpträumen und Kämpfen zwischen Männern und Frauen, Eltern und Kindern. Die gemeinsamen Atmosphären, die sie erzeugten, war die Summe ihrer Erlebnisse.

Es war eine Ära der Familiengeheimnisse. Sie gaben dieser Zeit ihre Tiefe und ihre Abgründe, die zu verdecken man nach außen so emsig bestrebt war. Die verschlossene Welt hinter den Haustüren war nicht das Fundament jenes guten und ruhigen Privatlebens, von dem alle in Deutschland, von Heimkehrer und Hausfrau bis zum Familienminister, zu träumen schienen. Ruhig, geordnet und langweilig wie in einer Tanzstunde ging es dort selten zu. Die Konstruktion vom „normalen Leben“ und dem Glück durch Langeweile blieb eine Wunschvorstellung. Hinter den Türen saßen Männer mit traurigen Augen und wilden Erinnerungen, Frauen, die sich verleugneten, und Kinder, die dem Treiben der Erwachsenen ahnungsvoll zusahen, sich zum Komplizen machten oder dagegen anrannten. Sie blieben in ihren Widersprüchen verkeilt, weil in der beengenden Räumlichkeit der Familie kein Entkommen möglich war.

Es stimmt, dass die Familien den Kern dieser Gesellschaft bildeten. Aber dieser Kern hatte viele Schichten und Schattierungen, von schäbig grau bis grell rot und tief schwarz. Die Legenden und Geheimnisse, die ihn umgaben, waren die Quelle von Leidenschaften, Raserei und eisiger Kälte. Sie führten zu Illusionen, verwischten Identitäten, Ersatzpartnerschaften, Doppelleben und Parallelfamilien. Davon handelt dieses Buch. Vom deutschen Familiengeheimnis, vom Schweigen, vom Hassen und vom Lieben. Vorwort Es gibt viele Gründe, die 50er Jahre zu hassen. Das beginnt mit dem Blick auf jenen Täterfilz, der sich wie Flugrost auf den Pfeilern und Scharnieren des neuen Landes niederschlug. Auf allen Feldern saßen, bis hinauf in höchste Positionen, die alten Kameraden und knüpften mit Fleiß an neuen Netzen. Ihnen zur Seite standen Juristen und Bürokraten aus derselben braunen Ursuppe, die ihre Nachbarn von einst nicht ans Messer liefern wollten, statt dessen jedoch alles taten, um den Blick auf die Verbrechen, die auch ihre eigenen waren, zu verschleiern und die Aufarbeitung zu verschleppen. Sie stapelten bis auf wenige Ausnahmen die Akten des Völkermords in die Staubwinkel ihrer Ordnerschränke und überließen sie dem Papierfraß.

So kam es, dass die anderen, die Entrechteten und Gedemütigten und Gefolterten, denen man den Besitz gestohlen und die Verwandten ermordet hatte, die sich mit letzter Kraft in die Befreiung geschleppt hatten, sich verhöhnen lassen mussten: keine Zuständigkeit, keine Handhabe, kein Interesse. Schon gar kein Mitgefühl. Ihre Hoffnungen auf Gerechtigkeit zerschellten an dieser Kaltschnäuzigkeit. An ihrer Stelle spielte sich eine andere Gruppe in die Rolle der letzten Opfer des Diktators – die Millionen Deutschen, die von nichts gewusst und am Ende alles erlitten haben wollten. Veteranen von sämtlichen Fronten strickten mit an der Legende vom Wehrmachtssoldaten von der ritterlichen Gestalt. Sie vergossen öffentliche Tränen im Kameradengedenken an Smolensk und Stalingrad und Monte Cassino, ohne je zu fragen nach dem Grund oder dem Ziel oder ihrem eigenen Anteil am deutschen Jahrtausenddesaster.

Man kann den ganzen Geist der Aufbaugesellschaft hassen. Diese Beflissenheit, mit der sich die Männer in das Hamsterrad von Karriere und Überstunden schwangen, um Stufe für Stufe die Leiter hinauf zu kletterten; während die Frauen, freiwillig und nicht weniger beflissen, zurück in die Küche, ins Kinderzimmer huschten, auf dass es der Beschützer und Ernährer so bequem wie möglich habe. Jeder spielte seine Rolle auf dem Weg zur privaten Festung Eigenheim und dem ersten Wagen als Blickfänger für Nachbarn. Sie waren so in ihrem Eifer verfangen, dass sie keine Zeit fanden, sich über Politik oder Vergangenheit oder ihre Gefühle auszutauschen. So ordentlich, so rechtwinklig und übersichtlich war dieser Rahmen, dass bald alles in musterhafter, öder Einheitlichkeit daher kam. Der Andersartige, krumm Gewachsene sollte sich daran ruhig den Kopf einrennen, wenn er ihn nicht rechtzeitig einzog. Das verkündeten auch die Produkte der Unterhaltungsindustrie, die das Leben mit simplem Pinsel in rotbäckigen Heimatfilmen und Schnulzenmusik ausmalten.

Als würde sich die Wiederkehr von Patriarchat und Obrigkeitsglauben ihre Leitfiguren suchen, standen an der Spitze dieser Gesellschaft der Tüchtigen durchweg Männer, und zwar solche, die mit der Autorität des alten Schlages ausgestattet waren. In ihrer Sprache klang das Echo vom Feldwebelton der Kasernen nach, wenn sie ihre Automobilunternehmen oder Versandhäuser oder die Polizei oder den Staat befehligten, stets im Bewusstsein ihrer Macht und harthörig auf dem Ohr des Widerspruchs.

So kann man diese Jahre sehen, und man kann man sie für all das verabscheuen. Die meisten von jenen, die sie nicht selber erlebt haben, sind genau darüber froh und erleichtert. Es gibt aber genauso viele Gründe, die 50er Jahre zu lieben. Es sind sogar verblüffenderweise die gleichen, man muss nur einen anderen Standpunkt zu ihnen einnehmen. In diesem Licht betrachtet erscheinen dieselben hartknochigen Männer nämlich als große Firmenpatriarchen und Staatenlenker, die angesichts aller Demütigung ein bewundernswertes Selbstvertrauen verströmten. Nichts bedurfte das geschundene, von jeder Orientierung verlassene Volk nötiger, als einen kerzengeraden Rücken vorneweg marschieren zu sehen. Stattliche Figuren ohne Wenn und Aber waren es, die dem tiefen Schmerz der Unterwerfung ihre Tatkraft entgegen stellten, der Ratlosigkeit ihre Zuversicht.

Sie verkörperten einen neuen Stolz, den bald eine ganze Generation im kleinen für sich in Anspruch nehmen konnte. Anders als der verhängnisvolle Reichsstolz von gestern speiste sich dieser Stolz aus der eigenen, buchstäblich eigenhändigen Leistung und wirkte für die anderen ringsum nicht mehr gefährlich, dafür umso besser sichtbar. Mit dem Bungalow in der neu erschlossenen Wohnstraße erkämpfte man sich das Glück eines eigenen privaten Lebens zurück, das man, ausgebombt oder vertrieben oder in nervtötender Enge jahrelang vermisst hatte. So gesehen war auch der selbstvergessene Arbeitseifer jener Jahre nicht bloß blindstumpfe Beschäftigungswut, sondern hatte eine Berechtigung und ein Ziel. Mehr noch als endlich wieder wer zu sein, ging es darum, endlich wieder was zu haben, etwas zu kaufen, in farbigen Katalogen etwas anzukreuzen. In einem Gefühl von fröhlicher Unschuld konnte man rauchen und trinken und zusammen feiern, die deutsche „Party“ war nämlich eine Erfindung dieser Zeit. Es war die Entdeckung der Lebensfreude der kleinen Dinge.

Im Geist der Aufbaugesellschaft lagen Aufbruch und Optimismus, so erlebten es die, die dabei waren. Die Rollen vom rackernden Büromann, der nimmermüden Hausfrau und den gehorsamen Kindern folgten vielleicht altertümlichen Mustern, doch gerade darin boten sie Sicherheit und eine neue Heimat. Zur Ära der Wunder mag sie erst im Nachhinein stilisiert worden sein, denn die Zeitgenossen selber waren vom Wunderglauben gründlich geheilt. Viel wichtiger als Wunder war ihnen etwas ganz anderes, nämlich Ruhe und Normalität. Ein ganz normales Leben zu führen, in der glücklich wieder vereinten Familie – das war, nach dem Irrsinn des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkriegs, die deutsche Idee vom Paradies auf Erden. Endlich kam das Land neben der äußeren mehr noch zu einer inneren Atempause. Diese Ruhe schaffte den dringend benötigten Abstand zum Grauen von gestern, das die Gedanken verfinstert, die Hände gelähmt und die Gespräche und Begegnungen der Menschen vergiftet hätte. Es war wie eine Rettung aus dem Mahlstrom der Tragödien. Die anderen aber sehen genau darin den schlimmsten Auswuchs. Denn der scheinbar segensreichen Ruhe lag der Schweigepakt einer Gesellschaft zugrunde, die die verbrecherischen Taten im eigenen Namen verleugnete. Aus dem Verdrängen der Schuld wuchs in diesen Jahren die „zweite Schuld“. Aus dieser Sicht wirkt die Ruhe der 50er Jahre wieder wie die eisige Friedhofsstille über den Grabplatten der Millionen Opfer, darunter auch der eigenen. Beschweigen und Vergessen wurden zur Bürgertugend. War der Lärm von Motoren und Baustellen die äußere Begleitmusik der Epoche, dann war eine beklemmende Stille die innere.

Auf diese Weise haben sich beide, die die Epoche hassen und die sie lieben, immer wieder an denselben Argumenten abgearbeitet, bis sie zu Klischees einer mal bösartig provinziellen, mal heiter modernen Gesellschaft erstarrt sind. Zuschreibungen wie „Motorisiertes Biedermeier“, „Kinder, Küche, Kirche“, „Petticoat und Nierentisch“ deuten weder Tiefe noch Abgrund an. Verglichen mit den dramatischen 30er und 40er Jahren erscheint das Folgende als ein Übergangsgebilde ohne Größe und Charakter. Wie ein mal billiges, mal buntes Etikett klebt der Nachkriegsära der Ruf der klein gemusterten Oberfläche ohne Gehalt an. Dabei kamen die Deutschen gerade aus der größten moralischen und materiellen Katastrophe aller Zeiten getaumelt. Diese Umstände waren an sich so außergewöhnlich, dass das Bild von der nichts sagenden Zweckmäßigkeit der Zeitgenossen große Zweifel aufwirft. Tatsächlich gab es eine Ebene unter dem Sichtbeton, wo die Bruchlinien dieser Gesellschaft aufklafften. Es war der Ort, nach dem sich alle Deutschen angesichts ihres Untergangs sehnten: die Familie, Fluchtpunkt des Glücks und des viel beschworenen normalen Lebens. Obwohl selbst dort der Schweigepakt seine Wirkung zeigte und eine Gesprächskultur nicht entstehen wollte - in der Nähe und Enge der Familien ließ sich das Beschwiegene nicht einfach begraben. Auch wenn sie nicht darüber sprachen, was ihnen passiert war, machte es sich in jedem einzelnen von ihnen bemerkbar. Es drängte nach draußen durch die Ritzen des täglichen Lebens, bahnte sich seinen Weg ans Licht in Gestalt von Gewohnheiten und Marotten, Alpträumen und Kämpfen zwischen Männern und Frauen, Eltern und Kindern. Die gemeinsamen Atmosphären, die sie erzeugten, war die Summe ihrer Erlebnisse.

Es war eine Ära der Familiengeheimnisse. Sie gaben dieser Zeit ihre Tiefe und ihre Abgründe, die zu verdecken man nach außen so emsig bestrebt war. Die verschlossene Welt hinter den Haustüren war nicht das Fundament jenes guten und ruhigen Privatlebens, von dem alle in Deutschland, von Heimkehrer und Hausfrau bis zum Familienminister, zu träumen schienen. Ruhig, geordnet und langweilig wie in einer Tanzstunde ging es dort selten zu. Die Konstruktion vom „normalen Leben“ und dem Glück durch Langeweile blieb eine Wunschvorstellung. Hinter den Türen saßen Männer mit traurigen Augen und wilden Erinnerungen, Frauen, die sich verleugneten, und Kinder, die dem Treiben der Erwachsenen ahnungsvoll zusahen, sich zum Komplizen machten oder dagegen anrannten. Sie blieben in ihren Widersprüchen verkeilt, weil in der beengenden Räumlichkeit der Familie kein Entkommen möglich war.

Es stimmt, dass die Familien den Kern dieser Gesellschaft bildeten. Aber dieser Kern hatte viele Schichten und Schattierungen, von schäbig grau bis grell rot und tief schwarz. Die Legenden und Geheimnisse, die ihn umgaben, waren die Quelle von Leidenschaften, Raserei und eisiger Kälte. Sie führten zu Illusionen, verwischten Identitäten, Ersatzpartnerschaften, Doppelleben und Parallelfamilien. Davon handelt dieses Buch. Vom deutschen Familiengeheimnis, vom Schweigen, vom Hassen und vom Lieben.

»Das Lächeln des Schwertfischs« von Arthur Brügger

»Was gibt es Schöneres für Buchliebhaber als einen Roman über Bücher und die Magie der Worte? "Das Lächeln des Schwertfischs" von Arthur Brügger ist genau solch ein wundervoller Roman. Aber die Geschichte um den liebenswerten Fischverkäufer Charlie ist weit mehr: Durch den naiv-unschuldigen Blick des jungen Protagonisten entdecken wir die Komplexitäten der Liebe, erleben Freundschaft und Verrat. Uns werden aber auch Themen wie soziale Ungerechtigkeit und Verschwendungssucht vor Augen geführt.

"Das Lächeln des Schwertfischs" ist ein intelligentes und bezauberndes Buch, das zum Schwelgen und Träumen, aber auch zum Nachdenken einlädt. Wer hätte gedacht, dass es in der Fischhandlung eines Kaufhauses so viel zu erleben gibt?«

Ein Buchtipp von Diana Neiczer, Lektorat Unterhaltung

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Das Lächeln des SchwertfischsDas Lächeln des Schwertfischs

Roman

Charlie ist Fischfachverkäufer in einem großen Kaufhaus. Er arbeitet gerne dort, schließlich ist es der einzige Ort, an dem es das ganze Jahr über Eis und Schnee gibt. Tagein, tagaus schrubbt Charlie Fische, zerlegt sie, nimmt sie aus. Die Abfälle wandern in die »nullte« Etage zu Émile und seinem Müllschlucker. Doch dieser Émile ist ein sonderbarer Kauz – nicht nur, dass er Bücher vor der Vernichtung rettet, er liest sie auch noch! Nach und nach entsteht zwischen den beiden unterschiedlichen Außenseitern eine enge Freundschaft. Aber noch ahnt Charlie nicht, dass Émile nicht der ist, für den er sich ausgibt ...
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Monsieur Giordino sagt, dass Fisch nicht stinkt, außer wenn er nicht frisch ist. Monsieur Giordino, das ist der Chef meiner Abteilung im Kaufhaus. Einmal habe ich zu Monsieur Giordino gesagt, dass ich gerne hier arbeite, weil es der einzige Ort ist, an dem es das ganze Jahr über Schnee gibt. Wenn ich so etwas sage, also zu Monsieur Giordino, lächelt er mit den Augen. Er hat einen ganz kleinen Kopf, der auf einem massigen Körper sitzt, und er hat keine Haare. Ich habe mich nie getraut, ihn zu fragen, warum er keine Haare hat, sicher hat er Haarausfall und rasiert sich deshalb lieber gleich den Kopf. Morgens hat er dunkle Ringe unter den Augen, und sein Blick ist sehr intensiv, wenn er müde ist. Seine Augen sind hell, blau und strahlend, dazu ein bisschen blutunterlaufen wie die Augen eines Kuckucks-Knurrhahns. Ich könnte nicht genau sagen, wie alt Monsieur Giordino ist. Ich glaube, er ist irgendwas zwischen ein bisschen alt und noch nicht richtig alt. Seit der Eröffnung des Kaufhauses läuft die Fischabteilung wie geschmiert, und ich weiß, dass Monsieur Giordino darauf stolz ist, auch wenn er sich gerne einmal etwas ausruhen würde. Aber Monsieur Werner, der Chef der Lebensmittelabteilung, will keine weiteren Beschäftigten einstellen, weil der oberste Chef des Kaufhauses, der der Chef des Chefs von Monsieur Giordino ist, seine Gründe hat. Kostengründe. Also arbeitet Monsieur Giordino viel, und das jeden Tag. Ich arbeite achtzig Prozent, an fünf Tagen in der Woche: am Montag, Dienstag, Mittwochvormittag, Freitagvormittag und am Samstag.

Am Morgen hole ich die Fische für den jeweiligen Tag aus dem Kühlraum. Der Raum für den Fisch befindet sich ganz am Ende der Kühlräume des Kaufhauses, hinter den Kulissen. Monsieur Giordino bezeichnet das gern als »Kulissen«, er fühlt sich dann wohl wie ein Schauspieler. Während ich das Eis für die Thekenauslage vorbereite und anschließend die Filets für die Kunden hübsch in Reih und Glied lege, bereitet Monsieur Giordino die »hausgemachten« Fischsalate zu, die man an der Selbstbedienungstheke erstehen kann. Ich erinnere mich noch, wie ich ihm zum ersten Mal dabei zusah und es mir ganz komisch vorkam, als er drei Kanister mit jeweils zwei Litern Öl leerte, um dann einen riesigen Tintenfischsalat zuzubereiten. Im Kaufhaus muss man sich daran gewöhnen, alles im großen Maßstab zu sehen.

Am späteren Vormittag kommen dann die ersten Kunden, und bei mir ist es so, dass mich der erste Kunde immer ein wenig stresst. Ich verheddere mich bei der Maschine, mit der ich den Fisch luftdicht in Aluminiumfolie verschließe, damit er länger frisch bleibt. Monsieur Giordino predigt mir immer wieder sein italienisches Sprichwort: »Chi va piano va sano e va lontano.« Ich tue so, als würde ich alles verstehen, dabei spreche ich kein Wort Italienisch.

Jedenfalls ist Stress nicht hilfreich, wenn es darum geht, keine Dummheiten zu machen. Und Dummheiten mache ich ganz schön viele. Wenn ich mit Kunden zu tun habe, werde ich immer ganz rot und bin ein bisschen chaotisch. Wenn ich Angela bei der Arbeit zusehe, fühle ich mich echt ungeschickt. Ich wäre auch gern so zupackend wie sie. Angela ist die Assistentin, die rechte Hand von Monsieur Giordino, sie hat goldblonde Haare und ein hübsches Lächeln. Ich glaube, dass sie eine gute Mama abgeben würde. Angela war auch diejenige, die mir gezeigt hat, wie man einen Fisch ausnimmt.

Zuerst müssen die Schuppen entfernt werden, indem man den Fisch mit dem herzförmigen Kratzer kräftig abschabt, und zwar mehrmals. Das ist gar nicht so einfach, weil man oft abrutscht. Manchmal reicht aber auch ein Messer, zum Beispiel bei zarteren Fischen wie dem Seehecht. Es gibt auch Fische, die gar keine Schuppen haben, zum Beispiel die Makrele. Danach müssen die Flossen abgeschnitten werden. Monsieur Giordino sagt, dass sie einen Friseurtermin bei uns haben. Und schließlich muss man den Fischen eine Schere in den After stoßen und bis zum Hals hochziehen. Dann müssen die Fische geöffnet werden, und man muss mit der Hand hineingreifen, um die Eingeweide herauszuziehen. Manchmal piekst man sich, weil ja Gräten da drinnen sind, also muss man ganz schön aufpassen dabei. Dann werden die Kiemen und die gesamte Halspartie entfernt. Jetzt müssen die Handschuhe weggeworfen werden, weil sie ganz rot sind. Anschließend müssen die Innenseiten der Fische unter einem kräftigen Wasserstrahl gründlich abgespült werden, damit der Kunde glaubt, ein toter Fisch wäre innen tatsächlich hübsch anzusehen. Das ist manchmal gar nicht so einfach, weil die Innereien glitschig sind und man hier und da einen kleinen Fetzen vergisst. Und so etwas mag der Kunde ganz und gar nicht. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Fisch, eine Königsdorade. Angela hat mir zugeschaut, und sie hat mir auch ein wenig geholfen. Ich erinnere mich an ihr Lächeln, sie hat mich gelobt. An diesem Tag bin ich stolz auf mich gewesen.

Wenn die ersten Kunden kommen, tue ich immer so, als hätte ich etwas anderes zu tun. Sie sollen auf keinen Fall denken, dass ich darauf warte, sie zu bedienen. So lauten die Anweisungen der Vorgesetzten: Es muss so aussehen, als wäre man sehr beschäftigt, damit der Kunde das Gefühl hat, man arbeite unentwegt. Also spüle ich ein Messer, wische eine Arbeitsplatte ab oder hole Nachschub für den Papierhandtuchspender. Oder Handschuhe. Wir verbrauchen viele Plastikhandschuhe. Denn die Hygieneleute sollen zufrieden sein, wenn sie kommen. Man soll auch nie mit verschränkten Armen dastehen oder mit den Händen in den Hosentaschen, sonst bekommt man Ärger, weil man ja ein gutes Bild abgeben soll. Und natürlich soll man die Kunden anlächeln, das ist ganz wichtig, selbst diejenigen, die nicht lächeln und die nicht Guten Tag sagen. Angela besitzt eine echte Begabung dafür. Sie hat eine kräftige Stimme und ruft immer sehr laut: »Guten Tag«, damit die Kunden sich verpflichtet fühlen, etwas zu kaufen. Aber ich, ich bin schüchtern, und deshalb begrüße ich sie nur ganz zaghaft. Oft antworten sie dann gar nicht.

Angela erklärt mir immer wieder, dass das Verkaufen ein regelrechtes Spiel der Verführung ist. Es ist daher auch kein Zufall, dass die Männer immer mehr bei ihr kaufen als Frauen. Sie predigt mir immer, dass es bei mir genauso sein wird, wenn ich es gut anstelle. Aber ich besitze überhaupt keine Begabung für die Verführung, so ist es nun einmal. Und so lautet der Lieblingssatz der Kunden mir gegenüber: »Danke, ich schaue nur.« Aber sie können ruhig wissen, dass mir das ganz egal ist. Von mir aus können sie schauen, solange sie wollen. Außerdem begrüße ich die Kunden auch nur, weil ich dazu verpflichtet bin, genauso wie die Kassiererinnen sie automatisch fragen, ob sie eine Kundenkarte besitzen. Das ist Vorschrift.

Im Allgemeinen vermeide ich es zu reden, solange ich nicht dazu verpflichtet bin. Denn wenn ich gestresst bin, habe ich einen sogenannten Sprachfehler. Zwar bin ich als kleines Kind zu einer Logopädin gegangen, aber sie hat bei mir nichts logopädiert, überhaupt gar nichts. Ist doch nur ein kleiner Fehler, fällt gar nicht auf, tröstet man mich manchmal. Von wegen! Es ist so, als wollten die Worte nicht aus meinem Mund heraus und trieben stattdessen ihr Spiel mit meiner Zunge. Sie kitzeln sie und machen sich dabei über mich lustig, sie klammern sich fest, und so bleibt alles im Halse stecken, zusammen mit der Scham darüber. Und wenn schließlich alles auf einmal herauspurzelt, ist es auch nicht besser. Am schlimmsten ist es, wenn man mich bittet zu wiederholen, was ich gerade gesagt habe. Ich könnte all diejenigen umbringen, die mich darum bitten. Trotzdem bin ich nicht gewalttätig, nicht einmal einer Fliege habe ich jemals etwas zuleide getan.

Später am Tag mache ich eine Kaffeepause, und manchmal, da habe ich den Eindruck, dass die Angestellten des Kaufhauses nur auf ihre Kaffeepause hinarbeiten. Oder besser gesagt, auf ihre Glimmstängel-Pause, sodass man beinahe glauben könnte, sie machen sich süchtig, einfach nur, damit sie etwas Schönes haben, auf das sie sich freuen können. Ich rauche blöderweise nicht, und Kaffee trinke ich eigentlich auch nur, weil man es eben tut. Aber trotzdem gehe ich in meiner Pause hoch in die Kantine. Ich muss mit dem Aufzug bis ganz nach oben fahren und in der obersten Etage an den Büros der Direktion vorbeigehen. Manchmal begegne ich ihnen auch, den Direktoren und Abteilungsleitern. Sie grüßen mich, aber ich sehe genau, wie verächtlich sie mich mustern, weil ich ein weißes Polohemd und eine Schürze trage – das ist meine Uniform als Fischlehrling –, während sie selbst in schicken Anzügen herumlaufen, wie es Führungskräfte eben tun. Monsieur Giordino sagt, dass man die Vorgesetzten stets anlächeln soll. Ich grüße sie alle betont herzlich. Manche von ihnen halten mich, das glaube ich zumindest, irgendwie für einen Idioten, aber das ist mir gerade recht, denn so lassen sie mich wenigstens in Ruhe. Außerdem lache ich mir im Sommer schön ins Fäustchen, wenn sie wie dicke Schweine in ihren zu engen Anzügen schwitzen.

In der Kantine läuft Musik aus dem Radio. Es gibt eine Kaffeekapselmaschine, an der der Becher einen Franken kostet. Von der Kantine kann man aufs Dach des Kaufhauses hinausgehen, wo sich eine Terrasse für die Angestellten befindet. Die Kantine selbst ist zweigeteilt. Es gibt einen Bereich für Raucher und einen für Nichtraucher. Getrennt sind sie durch eine Schiebetür. Ich bleibe immer im Raucherbereich, da stinkt es zwar, aber alle sind dort. Wenn man schon Kaffee trinkt, der nicht gut schmeckt, dann braucht man ihn hier wenigstens nicht allein zu trinken.

Wenn ich in die Kantine komme, sind dort oft schon Mike aus der Backwarenabteilung oder Natascha vom Käse, die etwas trinken oder ihre übliche Zigarette rauchen. Sie begrüßen mich mit »Hi, Charlie!«, ich nicke ihnen zu und setze mich dann zu ihnen. Wenn Natascha da ist, werde ich ziemlich rot, weil sie so unglaublich hübsch ist. Zu hübsch für einen Kerl wie mich, der mit vierundzwanzig Jahren noch kein einziges Liebesabenteuer hatte, aber das, das sage ich niemandem. Sie erzählt mir immer ihre Männergeschichten, und ich höre ihr gern zu, wenn sie sich über ihren Freund beschwert, der jedes Mal einen anderen Namen hat, aber stets die gleichen Fehler macht. Anschließend beteuert sie immer: »Charlie, du bist echt in Ordnung« oder »Du kannst wenigstens zuhören«. Und sie versichert mir auch: »Eines Tages wirst du ein Mädchen sehr glücklich machen.«

Ich weiß nicht, ob ich gut zuhören kann, aber das haben schon viele gesagt. Wenn es wirklich so ist, dann vielleicht deshalb, weil ich nicht gut reden kann. Vielleicht sind Mängel wirklich zu etwas nutze. Monsieur Giordino sagt das jedenfalls immer. Er sagt, dass niemand vollkommen ist und dass das auch gut so ist, weil die Welt sonst ganz schön eintönig wäre. Mike von den Backwaren geht mir manchmal echt auf die Nerven, weil er sich über alles und jeden lustig macht. Er nennt mich einen »Autisten« und haut mir dabei auf den Rücken. Das ist nicht gerade sehr einfühlsam von ihm, aber ich weiß, dass es seine Art ist, freundlich zu sein. Er kann seine Gefühle nicht gut zeigen, also kümmere ich mich nicht weiter darum. Außerdem hat man mir immer eingetrichtert, dass jemand von meinem Kaliber besser keinen Streit sucht. Wie damals auf dem Hof des Waisenhauses. Das hätte mir eine Lehre sein sollen. Das haben sie zumindest gesagt. Ich weiß nur immer noch nicht, welche.

Claudine, die Frau von den Fleisch- und Wurstwaren, mag ich gern. Einmal war ich gerade dabei, fünfzig Portionen Räucherlachs unter Zellophan zu versiegeln, wobei man gut aufpassen muss, dass man sich nicht verbrennt. Claudine war derweil damit beschäftigt, an der anderen Maschine Stopfleber unter Vakuum zu verpacken. Das ist die Maschine, die so viel Lärm macht und beinahe so wirkt, als würde sie atmen. Sie holt erst tief Luft, und wenn sie damit fertig ist, stößt sie einen lauten Seufzer aus, und ta-da! Schon ist alles dicht. Man braucht nur noch den Deckel hochzuheben. Und während Claudine eingezwängt zwischen den beiden Maschinen ihre Arbeit tat, sagte sie zu mir: »Ich schwöre dir, mein lieber Charlie, dass mich diese ganze Stopfleber anekelt. Wenn es nach mir ginge, dann würde ich nicht mehr hier arbeiten, aber was soll man machen? Man muss schließlich von irgendetwas leben, nicht wahr? Und an die Kinder denken.« Und dann fügte sie noch hinzu: »Aber es ist doch schon verrückt, wenn man bedenkt, dass meine Kinder zu essen haben, weil man all diesen Enten ihre Leber herausreißt, damit alte Zimtzicken ihren Salat fürs Weihnachtsessen damit verfeinern.«

Da wusste ich nicht recht, was ich antworten sollte. Es stimmt schon, dass alles nicht so leicht zu verstehen ist. Wenn die ganzen nicht verkauften Lebensmittel in den Müll wandern, darf man trotzdem nichts mitnehmen, das ist verboten. Weil der Chef von Monsieur Giordino sagt, dass das Diebstahl ist. So steht es auch in den Betriebsregeln, in Artikel sieben, das habe ich überprüft: »Diebstahl von Abfall«. Man riskiert ein deftiges Bußgeld oder sogar noch Schlimmeres. Also wandert alles in den Abfall, und manchmal muss auch ich in die »Nullte« hinunterfahren. So nennen wir die Abfallabteilung des Kaufhauses, weil sie sich in der nullten Etage befindet. Man sagt »Ich gehe in die Nullte«, und das bedeutet dann, dass man Abfall wegbringt. Ich gehe nicht gern in die Nullte hinunter, vor allem nicht, wenn ich mit Fischabfällen dorthin muss. Der Speiserestekühlraum, der sich gleich links vom Aufzug befindet, ist ungefähr so groß wie mein Zimmer. Ich muss die Edelstahlwanne auf den Boden stellen, die große Tür öffnen, und dann schwappt einem der Geruch auch schon entgegen. Ganz hinten in dem Speiserestekühlraum steht ein riesiger Container mit Blut und Eingeweiden darin. Dort kippe ich die Fischstücke hinein, und sie landen auf gefüllten Wachteln und marinierten Steaks. Dann verlasse ich den Raum so schnell wie möglich und schließe die Tür hinter mir gut zu. Manchmal stelle ich mir vor, dass der Container wie ein riesiges Tier ist, das alles verschlingt. Der Container hat immer Hunger.

Monsieur Giordino gibt mir immer etwas zu tun, weil man, wie er sagt, nicht dafür da ist, um Löcher in die Luft zu starren. Außerdem sind wir sowieso häufig überlastet. Man könnte beinahe glauben, dass die Kunden sich heimlich absprechen. Eine halbe Stunde lang ist niemand in der Abteilung zu sehen, man fängt beinahe schon an sich zu langweilen, und dann plötzlich kommen sie alle auf einmal, und man weiß nicht mehr, wo einem der Kopf steht. Monsieur Giordino sagt, dass das der Schmetterlingseffekt ist, dann habe ich ihm geantwortet: »Eher der Kabeljaueffekt«, und darüber musste er lachen – dabei stimmt es in gewisser Weise sogar, denn den Kabeljau gibt es oft zum halben Preis.

Ich bringe Monsieur Giordino gern zum Lachen.

An manchen Tagen ist auch Juju in unserer Abteilung, der ist Lehrling hier, ich meine, Lehrling in dem Kaufhaus. Er wechselt die Abteilungen in regelmäßigen Abständen. Er ist ungefähr doppelt so groß wie ich, aber trotzdem nett. Er arbeitet schon länger hier als ich, und als er anfing, war er noch gar nicht erwachsen. Deshalb sprechen ihn alle mit diesem Kosenamen an. Ich weiß nicht einmal genau, ob sein wirklicher Vorname Jules oder doch vielleicht Julien ist. Auf jeden Fall macht Juju immer auf superschlau, weil er angeblich alles besser kann als ich. Angela behauptet allerdings, dass er ein bisschen ungeschickt ist, sie nennt ihn einen Tollpatsch. Mein Lieblingstag ist der Samstag, denn mit ihm ist die Woche zu Ende. Wie sagt Juju immer so schön auf meine Frage, wie es ihm gehe: »Heute Abend geht es besser.« Außerdem mag ich den Samstag, weil an diesem Tag auch Natascha arbeitet. Und im Kaufhaus sind die Abteilungen Fisch und Käse direkt nebeneinander, so kann ich die ganze Zeit zu ihr hinüberschauen. Wenn sie Käse schneidet, wirkt sie dabei immer ganz ruhig und auch ein wenig traurig, selbst wenn sie lächelt. Sie ist bei allem sehr geschickt. Ich schaue gern zu, wie ihre Hände über die Käserinden gleiten und dreieckige Käsestücke sorgfältig in beschichtete Papiere wickeln. Manchmal wirft sie mir ein Lächeln zu, dann wende ich rasch meinen Blick ab und werde rot, weil, nun ja, sie soll natürlich nicht denken, dass …

Monsieur Giordino hat es bemerkt, glaube ich. Manchmal macht er sich über mich lustig. Er ist nicht böse, Monsieur Giordino, auch er würde keiner Fliege etwas zuleide tun – trotz seiner Statur, die so bullig ist wie die eines Rausschmeißers. Das Einzige, was er rausschmeißt, sind die Kisten mit den nicht verkauften Fischen, wenn das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist.

Monsieur Giordino sagt, dass wir keine Kollegen, sondern ein Team sind. Ich glaube, das kommt daher, dass er total fußballbegeistert ist. Er verfolgt alle Spiele, und ich staune immer Bauklötze, wie genau er Bescheid weiß. Am Tag nach einem wichtigen Spiel fragt er mich: »Hast du das gesehen? Drei zu eins, einfach verrückt.« Er hat alle Ergebnisse im Kopf und alle Spielernamen auch. Im Vergleich zu ihm habe ich das Gedächtnis eines Goldfisches.

Manchmal, wenn ich mich langweile, schaue ich die Kunden an, die vorübergehen, und stelle mir vor, welches Tier sie abgeben würden. Wie jener Herr mit dem Walrossschädel oder aber die Dame mit dem Kopf einer Langustine. Das Lustigste war, dass sie gar keine Krustentiere verlangt hat. Die Krustentiere sind mir beim Aufräumen abends am liebsten, weil man sie einfach in Plastiktüten packt. Man nimmt, so viele man kann, auf einmal mit den Händen und steckt sie hinein. Am lustigsten sind allerdings die Sepien, Kalmare oder Kraken. Einmal hatten wir einen riesigen Kraken: Er war sehr schwer, und sein Kopf war doppelt so groß wie meine Faust. Ich habe mich immer gefragt, warum man so etwas »Meeresfrüchte« nennt, denn, ganz ehrlich, was haben eine Aprikose und ein Tintenfisch gemeinsam?

Am Ende des Arbeitstages sage ich zu Monsieur Giordino, dass das häufigste Lebewesen zwischen der Fischabteilung, den Fleischwaren und dem sonstigen Getier, das in allen anderen Abteilungen verpackt herumliegt, der Kunde ist.

Ein Aufschrei gegen den Magerwahn

»Jetzt im Frühjahr, wo in London, Paris, New York und Berlin die Fashion Weeks stattfinden und Heidi Klum im Fernsehen wieder auf „Modeljagd“ geht, ist es besonders wichtig, jungen Frauen darauf aufmerksam zu machen, welches extrem fragwürdige Schönheitsideal die Moderbranche zur Maxime erhoben hat.

Die junge Französin Victoire Dauxerre wurde mit 18  beim Stadtbummel von einem Modelscout entdeckt. Daraufhin nahm sie eine der renommiertesten Agenturen unter Vertrag und Victoire lief überall auf der Welt Modeschauen für große Designer wie Miu Miu oder Alexander McQueen. Das klingt nach einer märchenhaften Kariere, doch der Preis, den sie dafür zahlen musste, war hoch: Um in die Kleider für die Schauen zu passen, müssen die Mädchen sich auf Kleidergröße 32 herunterhungern. Victoire verlor 11 Kilo und wog nach wenigen Monaten keine 45 kg mehr, sie litt unter Magersucht, ausbleibender Menstruation und chronischen Magenschmerzen. Drei Äpfel am Tag, dazu Beruhigungs- und Abführmittel – mehr nahm Victoire nicht mehr zu sich.

In diesem aufrüttelnden, mutigen und wichtigen Buch erzählt sie ihre Geschichte und ruft usn alle dazu auf, unsere Schönheitsideale zu überdenken. Eine unbedingte Leseempfehlung!«

Ein Geschenktipp von Anja Hänsel, Lektorat Sachbuch

Blick ins Buch
Size ZeroSize Zero

Ein Topmodel über die dunklen Seiten der Modewelt

Victoire steht kurz vor dem Abitur, als sie mit 17 von einem Modelscout angesprochen wird. Sie unterschreibt bei der renommierten Agentur ELITE. Damals wiegt sie 56 Kilo bei einer Körpergröße von 1,78 m – zu viel! Um den tyrannischen Forderungen der Branche zu entsprechen, beugt sie sich dem Diätwahn und erkrankt schließlich an Anorexie. Prompt wird sie eines der gefragtesten Models und läuft für Häuser wie Céline oder Miu Miu. Hinter dieser schillernden Fassade erkennt Victoire schnell ein gnadenloses System, in dem junge Frauen nicht mehr sind als seelenlose Kleiderständer. Sieben Monate nach ihrem Model-Debüt versucht sie, Selbstmord zu begehen. Seitdem kämpft sie gegen den unmenschlichen Magerwahn in der Modebranche.
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RÜCKBLENDE

 

Ich wollte nicht mehr daran denken. Es ging mir gut. In jedem Fall viel besser. Ich hatte mein normales Leben wieder aufgenommen. Mein Studium. War umgezogen. Hatte einen Freund und einen Job gefunden. Fast schon eine Zukunft. Hatte wieder eine annehmbare Figur, so einigermaßen. Ich dachte immer ernsthafter darüber nach, die Theaterschiene einzuschlagen, weil es das Einzige war, wofür ich mich wirklich interessierte.

Aber dann rief Maman mich an. »Meine Loutch, ich habe eine Mail an diesen Abgeordneten geschrieben, der ein Gesetz gegen Anorexie durchbringen will.« Sie wollte, dass ich den Brief lese, wollte wissen, ob ich mit ihren Worten einverstanden war und ob es okay wäre, wenn sie meine Kontaktdaten anfügte. Ich habe ihn gelesen. Natürlich war ich einverstanden. Und ja, es war okay.

Sie hat ihn abgeschickt. Einige Journalisten haben angerufen und Fragen gestellt. Ich habe erzählt. Und damit hat alles wieder von vorn angefangen.

Essen.

Essen, um mich zu füllen. Essen, um diese Leere zu füllen. Widerwillen dabei empfinden. Es trotzdem tun. Zusehen, wie mein Körper sich verändert, selbst wenn ich ihn leere, nachdem ich ihn gefüllt habe. Ihn nicht wiedererkennen. Ihn hassen. Mich nicht wiedererkennen. Mich hassen. Mich schlecht fühlen. Mich hässlich fühlen. So leer. So belanglos.

Also habe ich beschlossen, alles aufzuschreiben. Sie noch einmal Revue passieren zu lassen, diese acht Monate, in denen mein Leben über dem Nichts schwebte. Diesen Schwindel, den ich nicht mehr loswurde. Diese barbarische, wilde Angst, die meinen Körper und meine Seele verschlang, wenn ich überhaupt noch eine hatte.

Die Einsamkeit.

Die Einsamkeit inmitten von Zynikern, Mistkerlen, Verirrten und Kaputten. Diese abscheuliche, heruntergehungerte, widerwärtige Hässlichkeit inmitten all dieser Schönheiten. Der Tod, ausstaffiert mit Glanz, Schminke, Pelz, Seide, Strass, Spitze, Satin, erlesenem Leder und 18-Zentimeter-High-Heels.

 

Der Tod, der mich fast in seine Klauen bekommen hätte.

 

 

CLAUDIA SCHIFFER

 

Es war an einem Sonntag. Maman hatte mich, fast schon gewaltsam, ins Marais-Viertel geschleppt, damit ich auf andere Gedanken kam. Ich hatte keine Lust, zu gar nichts. Ich bereitete mich gerade auf das Abitur und die Aufnahmeprüfungen für den Eintritt in die Eliteuniversität Sciences Po in Paris vor, die ich mit zunehmender Angst auf mich zukommen sah. Vor allem aber gab ich mich meinem Kummer hin. Meinem ersten Liebeskummer, wegen Hugo, der mich gerade verlassen hatte, um wieder mit seiner Juliette zusammenzukommen. Weggeworfen. Verlassen, wie irgendein nutzloses Ding, das nichts wert ist. Seine Worte hatten mich getroffen wie ein Schlag ins Gesicht und zutiefst verletzt. Eine Niederlage. Seitdem litt ich, und zwar so richtig, und ich hatte auch ein bisschen Angst. Davor, immer wieder fallen gelassen zu werden. Allein zu sein. Nicht zu wissen, was ich mit meinem Leben anfangen sollte, und vor allem, mit wem. Vor dem Unbekannten. Mich zu verirren. Vielleicht auch davor, mich zu verlieren.

Alles war nach dem Wechsel aufs Lycée so richtig schwierig geworden. Nach einer unproblematischen Schulzeit auf dem Collège wurde ich durch eine Neustrukturierung der Klassen beim Eintritt ins Lycée von meinen Freundinnen getrennt. In der ersten Zeit hörte ich auf zu lernen, dann beschloss ich, nie wieder einen Fuß in ein Lycée zu setzen. Ich würde mein Abi ganz allein vorbereiten – und zwar zu Hause. Ehe ich meinen Eltern diese Neuigkeit verkündete, klärte ich alles ab. Ich hatte im Vorfeld die Kontaktdaten eines Lycées für Fernunterricht besorgt und meinen Stundenplan genau ausgearbeitet, um ihnen zu beweisen, dass ich wirklich an alles gedacht hatte. Außerdem versprach ich, mich ins Zeug zu legen, um als Beste abzuschneiden.

Natürlich waren meine Eltern nicht gerade begeistert, aber sie ließen sich darauf ein. Sie kennen mich eben. Ich war immer eine gute Schülerin, wusste, wie man lernt, und hätte es vor allen Dingen auf gar keinen Fall ertragen, an etwas zu scheitern, das ich mir fest vorgenommen hatte. Zumal ich sie quasi gezwungen hatte, es mir zu erlauben. Ich würde mein Abitur machen. Und zwar ein Einser-Abitur.

 

Beim Lernen komme ich gern schnell voran. Sobald sich etwas in die Länge zieht, wird mir langweilig. Also zog ich das Jahresprogramm in einem halben Jahr durch, damit ich mich im zweiten Halbjahr mit anderen Dingen befassen konnte. Wie zum Beispiel: Viel Zeit mit Daddy und Nana verbringen, meinen geliebten Großeltern. Salsa und Tango tanzen lernen. Theater spielen. Meinen Cousin Tom und seine dreißigjährigen Kumpel treffen und mit ihnen um die Häuser ziehen; mit Sophie zusammen sein, meiner besten Freundin, die ich beim Tanzkurs kennengelernt hatte … Mein Leben war wunderbar organisiert. Aufstehen um acht. Um neun ab an den Schreibtisch in meinem Zimmer, zusammen mit Plume, meiner Katze, während Maman in ihrem Atelier in der Etage darüber arbeitete. Meine Mutter ist Künstlerin, sie malt, bildhauert, klebt, zeichnet. Sie kann einfach alles! Zum Mittagessen sah ich mir irgendwelche schwachsinnigen Serien im Fernseher an. Maman macht keine Mittagspause, sie hat noch nie wirklich gern gegessen. Ich schaute am Nachmittag oft bei ihr im Atelier vorbei, um etwas Zeit mit ihr zu verbringen, oder aber wir zogen los und sahen uns eine Ausstellung an oder gingen shoppen, bis meine Brüder von der Schule nach Hause kamen.

Ich habe zwei Brüder, den eineinhalb Jahre jüngeren Alexis und den sechs Jahre jüngeren Léopold. Ich freute mich immer darauf, wenn sie wieder heimkamen. Dann aßen wir eine Kleinigkeit zusammen in der Küche. Mein Leben verlief in ruhigen Bahnen. Behütet.

 

»Ganz eindeutig, du bist die nächste Claudia Schiffer.« Ich schaute mir gerade Uhren in einer Auslage in der Rue des Francs-Bourgeois an, als mich ein kleiner, ziemlich schmächtiger Schwarzer ansprach, der mir gerade mal bis zu den Schultern reichte. Ich musterte ihn kühl. Er lächelte mich an. »Hast du noch nie daran gedacht, Model zu werden?« Ha, ha, ha. Was für eine coole Anmache. Vielen Dank auch. Und tschüs. Maman kam zu uns. Nicht dass ihn das in irgendeiner Weise abgeschreckt hätte, ganz im Gegenteil. »Ihre Tochter ist außergewöhnlich hübsch. Und diese Nase! Sie balanciert das ganze Gesicht aus und macht sich im Licht bestimmt hervorragend. Sie können mir glauben, damit kenne ich mich aus!« Damit kennt er sich aus? Mit Nasen? Ich hatte gute Lust, laut loszulachen. Schließlich hatte ich diese kleine Beule auf der Nase, die in unserer Familie mütterlicherseits seit mindestens drei Generationen weitervererbt wird. Meine ganze Kindheit über hatte ich auf sie geklopft, immer in der Hoffnung, sie würde dadurch verschwinden. Das hatte ich so ausdauernd wiederholt, dass meine Nase seitdem eine leicht bläuliche, platt gedrückte Stelle aufweist …  Jeder Kenner sah doch sofort, dass das, was mit meinem Gesicht nicht stimmte, meine Nase war …

Er ließ nicht locker. Duzte mich, als würden wir uns schon ewig kennen: »Ehrlich, Mann, ich erzähl hier keinen Mist! Ich arbeite für eine Modelagentur, Elite, vielleicht kennst du die ja? Du bist für diesen Job gemacht, hundertpro. Ich kann dich im September zur Fashion Week nach New York bringen, da wirst du voll einschlagen. Hier, meine Karte. Denk mal darüber nach und ruf mich an. Ich schwöre dir, du bist absolut gemacht für diesen Job.« Ich bedankte mich bei ihm und sagte, ich würde mich gerade aufs Abi und die Aufnahmeprüfung für Sciences Po vorbereiten, außerdem sei das überhaupt nicht mein Ding. Im Gehen drehte er sich noch einmal um und rief mir zu: »Ruf mich an!« Maman grinste mich an. Sobald er außer Hörweite war, prusteten wir los. Dann stimmten diese Geschichten von den Scouts also tatsächlich, die Mädchen auf der Straße ansprachen, um sie für eine Modelagentur anzuwerben? Und so lief das ab? Ein kleines Schnipsen vor einer Uhrenauslage? Topmodel – sonst noch was?

Trotzdem war Elite natürlich nicht irgendeine Agentur! Auch ohne ein totaler Modefreak zu sein, las ich ab und zu Frauenzeitschriften. Ich wusste, dass Elite eine der wichtigsten Agenturen war. Abends mal eben schnell ins Internet geklickt, schon hatte ich die Bestätigung: Naomi Campbell, Cindy Crawford, Claudia Schiffer, Linda Evangelista … Auch wenn er übertrieben hatte, dieser Seb – er heißt eigentlich Sébastien, das stand auf seiner Visitenkarte –, war es doch sehr schmeichelhaft, mir zu sagen, dass ich vielleicht, unter Umständen, zur Gruppe der allerschönsten Mädchen der Welt gehören könnte!

Es war Balsam für meine Seele. Sebs Visitenkarte legte ich auf einer Ecke meines Schreibtischs ab, seine Worte in einer Ecke meines Gehirns, dann konzentrierte ich mich wieder intensiv aufs Lernen. Gleichzeitig versuchte ich, die Angst in den Griff zu bekommen, die mich von innen heraus zerfraß, sobald ich an die Klausuren dachte. Das Abitur würde ich bestehen, da war ich mir sicher, und dennoch hatte ich schreckliche Angst, ich könnte durchfallen … Sciences Po hingegen war die große Unbekannte. Selbst meine seit jeher hervorragenden schulischen Leistungen verschafften mir hier kein gutes Gefühl: Je näher das Examen rückte, umso mehr Schiss bekam ich. Es war nicht nur ein leichtes, unbedeutendes Lampenfieber, nein, es war eine schreckliche Angst davor, zu versagen, unfähig zu sein. Eine Niete.

 

 

WARTEN AUF SCIENCES PO

 

Ich brachte meine Prüfungen hinter mich. Alle. So entschlossen wie eine Kriegerin. Ich war eine gute kleine Soldatin. Eine verdammt gute kleine Soldatin sogar. Das Abi, kein Problem. Aber Sciences Po, das war etwas ganz anderes! Eine verrückte Welt. Und dann die Angst, plötzlich nichts mehr zu wissen, auf genau das Thema zu stoßen, das ich nicht genug gepaukt hatte. Ich hatte den Stoff gelernt, so gut es ging, aber alles bis zur Perfektion durchzunehmen, das hatte ich nicht geschafft … Ich war gut vorbereitet, würde die Situation schon meistern, gleichzeitig aber fühlte ich mich zerbrechlich, wie abhängig von irgendeinem Zufall, der mein Leben in eine andere Richtung lenken könnte als in die von mir vorgesehene. Und dann die Prüfung bei 40 Grad in einem unklimatisierten Raum. Eine regelrechte Zerreißprobe. Doch hatte ich bestanden? Die Antwort darauf würde ich Ende Juli erhalten. Genau wie die Ergebnisse der Hypokhâgnes, einer Vorbereitungsklasse für die Aufnahmeprüfung an der Elitehochschule École Normale Supérieure, an die ich meine Bewerbungsmappe geschickt hatte.

In der Zwischenzeit rief ich Seb an. Einfach mal so. Als ich ihn fragte: »Erinnern Sie sich an mich?«, antwortete er: »Als ob ich dich vergessen könnte!« Ich weiß, das ist bescheuert, aber es hat mich gefreut. Immerhin war auch das eine Option: Wenn ich nicht intelligent genug war, um mit meinem Köpfchen Erfolg zu haben – ob im Journalismus, beim Theater oder in der Politik, das wusste ich noch nicht so genau –, dann könnte ich es doch vielleicht mit meinem »Traumbody« versuchen, oder?

Wir vereinbarten einen Termin. Maman ließ mich vor seiner Wohnung aussteigen, irgendwo bei Saint-Michel, und wiederholte x-mal: »Wenn irgendetwas merkwürdig ist, dann gehst du, versprochen? Dann rufst du mich an. Dann rufst du mich an, und ich hole dich ab.«

»Mach dir keine Sorgen, Maman. Ich will doch nur ein bisschen über diesen Beruf quatschen, verstehen, wie das so abläuft, und hören, was er mir anzubieten hat.«

Wenn ich weder bei Sciences Po noch an einer Hypokhâgne angenommen würde, hätte ich so immer noch die Möglichkeit, für die Fashion Week nach New York zu gehen. New York, davon träumte ich schon seit Friends und Sex and the City. Und vielleicht würde ich mich auf der Fashion Week ja ganz gut machen, wer wusste das schon?

Seb war eine regelrechte Quasselstrippe. Er legte los, kaum dass ich zur Tür reingekommen war, und hörte gar nicht mehr auf: meine Schönheit, meine Nase, meine blauen Augen, meine ellenlangen Beine – »Wie groß bist du? Eins achtundsiebzig würde ich mal sagen, kommt das hin? Volltreffer, da hätte ich wetten können! Du bist perfekt, meine Schöne, per-fekt!« Er schwafelte über die Agenturen, die Modenschauen, die Castings, die Shootings, die überragenden Kreationen der berühmtesten Modeschöpfer, die Werbekampagnen, die mehrere Hunderttausend Euro einbrachten, die herrlichen Hotels in der ganzen Welt sowie alle großen, von ihm höchstpersönlich entdeckten Topmodels, die er ganz nach oben gecoacht hatte. Artig hörte ich zu, wie er mich für dumm verkaufte. Wenn er so erfolgreich war, weshalb empfing er mich dann in dieser schäbigen Einzimmerwohnung, die noch dazu nicht einmal seine Wohnung war, sondern die seiner Freundin Clémentine, ein hübsches, etwas rundliches Mädchen, das Schauspielerin werden wollte und ebenfalls von ihm gecoacht wurde?

Schauspielerin, von diesem Beruf träumte ich, seit ich mit acht Jahren Romy Schneider in Sissi gesehen hatte! Die Aufnahmeprüfung zur Sciences Po machte ich, weil ich eine gute Schülerin war und mein Vater mir dazu geraten hatte, erst ein Studium zu absolvieren, aber im Grunde wollte ich schon immer Schauspielerin werden. »Du bist verrückt, Victoire, vergiss es!«, lautete Sebs Kommentar dazu. »Du hast das Aussehen eines Models, nicht das einer Schauspielerin. Als ich Marion Cotillard in Taxi gesehen habe, da war mir vor allen anderen klar, dass aus ihr ein Kinostar würde. Sie hat dieses gewisse Etwas. Du nicht. Du bist ein Topmodel! Dein Gesicht taugt nicht für Hollywood.«

Er ging mir auf die Nerven, immer mehr sogar. Redete nur von sich, spickte seine Erzählung mit Namen von berühmten Leuten. Das alles klang nach einer einzigen himmelschreienden Lüge, seine Geschichte von wegen afrikanischer Diplomatensohn, der an die Eliteuni Sciences Po wollte (was für ein Zufall), sich dann aber dazu entschieden hätte, »seine Mädchen« zu coachen. Nach einer Mischung aus Ramsch und Strass, aus Traum und erbarmungswürdiger Schinderei. Aber immerhin, Elite! Er könnte mich bei Elite unterbringen!

Wir machten ein paar Fotos, damit er mich bei Elite vorstellen konnte. Also, keine Fotos, sondern Polas, Polaroidfotos. Früher war das die einzige Möglichkeit, sofort ein Bild in Händen zu halten. Heute sind diese Fotos digital, aber ohne Nachbearbeitung, ohne Schminke, ohne Filter. In den Exemplaren der Vogue, die nachlässig auf dem Couchtisch herumlagen, zeigte er mir die Basics für eine Pose: zusammengebundene Haare, damit das Gesicht nicht verdeckt war, den Kopf leicht geneigt, den Blick gerade nach vorn. »Leg eine Absicht in deinen Blick. Man muss spüren, dass du denkst. Und öffne die Lippen ein bisschen, sonst wirkst du verschlossen.« Ich schwankte zwischen der unbändigen Lust, mich über ihn lustig zu machen, und der riesigen Konzentration, die mir die gleichzeitige Umsetzung seiner Anweisungen abverlangte. Er hatte recht: Posen war tatsächlich ein Beruf. Aber wollte ich ihn wirklich zu meinem machen?

Ich würde darüber nachdenken, sagte ich ihm, als ich ging.

 

An diesem Abend sprach ich zu Hause lange mit meinen Eltern darüber. Papa war begeistert: »Ist dir eigentlich klar, was das für eine Chance ist, Victoire? Du wirst die ganze Welt bereisen, die schönsten Orte besuchen, gut verdienen, ohne dass du viel dafür arbeiten müsstest! Eine solche Gelegenheit bekommst du kein zweites Mal! Du bist jung, du kannst es ein Jahr lang ausprobieren.« Er hatte recht. Vielleicht war das ja tatsächlich die Chance meines Lebens. Maman war etwas zögerlicher: Sollte es mit Sciences Po oder einer Hypokhâgne klappen, dann wäre es vielleicht verkehrt, dort abzusagen. Sicher, Sebs Vorschlag versprach unglaubliche Erlebnisse, aber würde ich mich nicht sehr schnell langweilen, wie das so häufig der Fall war? Würde ich meine Entscheidung bereuen? Oder schlimmer noch: Würde ich auf meine Eltern wütend sein, weil sie mir erlaubt hatten, eine so schlechte Wahl zu treffen?

 

Trunken von Sebs Worten ging ich zu Bett. All das schwirrte mir noch lange im Kopf herum: die Bilder in den Hochglanzmagazinen, mit denen er mich bestürmt, die Fachausdrücke, mit denen er um sich geworfen hatte, die renommierten Namen, die in jedem seiner Sätze aufgeploppt waren. New York, Tokio, London. Pola, Shooting, Staff, Book, Casting. Dior, Galliano, Céline, Castelbajac. Claudia, Natalia, Kate … Wenn ich diese Chance ablehnte, würde ich ihr dann nicht den Rest meines Lebens nachweinen?

Am nächsten Morgen rief ich ihn an: Ich wollte die Leute von Elite kennenlernen. Ganz unverbindlich.

»Etwas bleibt immer« von Edgar Rai

»Eine Villa in Saint-Tropez einsam gelegen an der Cote d’Azur…
Ein Millionärsehepaar, das nur einmal im Jahr und nur für wenige Tage das Anwesen genießen kann…

Nino der junge Housesitter, der die Villa samt Luxusjacht in Schuss hält genießt mehr Privilegien als Pflichten. Allerdings hat er sich auf diesen Job nicht ohne Grund eingelassen. Es ist ruhig, aber etwas stimmt nicht.

Die bevorstehende Ankunft der Breuers und deren Geschäftspartner bringt Ninos ruhiges Leben völlig durcheinander.«

Eine Geschenkidee von Susanne Schumann, Herstellung

Blick ins Buch
Etwas bleibt immerEtwas bleibt immerEtwas bleibt immer

Roman

Nicolas hat ein Geheimnis, von dem niemand erfahren darf auf dem Anwesen über Rayol-Canadel-sur-Mer, einem traumhaft gelegenen Ort an der südfranzösischen Mittelmeerküste. Es gibt hier allerdings auch nicht viele Menschen: den Gärtner, die Haushälterin, die Nachbarstochter mit ihren wechselnden Party-Freundinnen und den Hund Silencio, der nicht bellt. Als Housesitter des Feriendomizils eines deutschen Großindustriellenpaares hat sich der junge Mann von der Welt zurückgezogen, weil er weiß, es geht ihm besser in selbstgewählter Einsamkeit – ihm und der Welt. Sein täglicher Langstreckenlauf gibt ihm Ruhe und Sicherheit. Doch als sich das Ehepaar Breuer für eine Woche mit Gästen ankündigt, kehrt Nicolas’ Unruhe zurück. Mit einer verwüsteten Suite im Westflügel fängt es an, und es wird einen Toten geben. »Etwas bleibt immer« führt die flirrende Atmosphäre und den schwebend leichten Ton von Edgar Rais Bestsellern weiter und ist ein Meisterwerk der untergründigen Spannung.
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Wer je behauptet, unmögliche Dinge
könne man nicht glauben,
tut das aus Mangel an Erfahrung.

(Ron Segal, Jeder Tag wie heute)

1

Du stehst also auf der Terrasse des Haupthauses, eine Hand an der nachtkühlen Balustrade, und lauschst zur Küstenstraße hinunter. Wie immer um diese Jahreszeit duften die Pinien besonders intensiv. Eine Motoryacht teilt das Wasser und jagt aus der Bucht, als hinge ihr Leben davon ab.
Es wird ruhiger, von Tag zu Tag. Die Saison geht zu Ende. Noch vor einem Monat kreuzten um diese Zeit ein Dutzend Yachten vor der Bucht. Langsam aber sind nur noch solche unterwegs, für die jeder Montag wie der Sonntag ist. Für dich ist der Montag auch wie der Sonntag, der Dienstag aber ist nicht wie der Montag. Und heute ist Dienstag.
Bevor er hinter der großen Pinie hervor- und in dein Blickfeld kriecht, hörst du Ennos alten Pick-up bereits die schmale Serpentine heraufkommen. Was nicht schwer ist, der Auspuff hat mehr Löcher als ein Emmentaler, und das Getriebe besteht aus losen Einzelteilen. Zwischen Saint-Tropez und Le Lavandou gibt es kein zweites Auto, das solche Geräusche von sich gibt.
Sobald der Pick-up wieder aus deinem Blickfeld entschwindet, wird dein Smartphone vibrieren und das Display aufleuchten. Noch ruht es neben deiner Hand auf der Balustrade, aber gleich … Da. Agueda. Und wie jeden Dienstag begrüßt sie dich mit denselben Worten.
»¡Hola, Nino!«
»Bonjour, Agueda.«
»Kannst du uns das Tor aufmachen?«, fragt sie, auf Englisch allerdings, Kalifornien, mit leicht mexikanischem Einschlag: Can you open the gate for us?
Agueda kann kein Deutsch, du kannst kein Spanisch, und Französisch kostet dich auch nach vier Jahren noch Mühe, denn du sprichst es nur selten. Also Englisch.
»Sure.«
Du aktivierst die SmartHome-App, lässt das fliederfarbene Metalltor zur Seite rollen, Enno schaltet gewaltsam in den ersten Gang herunter, und die Eidechse, die jeden Morgen auf der oberen Stufe der Freitreppe die frühen Sonnenstrahlen abpasst, verschwindet eilig zwischen den Zierbüschen.
Für die Farbe von Ennos Pick-up gibt es keinen Namen. Eine Nichtfarbe. Er lässt den Motor laufen und grüßt, indem er wortlos eine Pranke aus dem geöffneten Fenster streckt. In die linke obere Ecke der Windschutzscheibe hat er ein Tattoomotiv geklebt – ein Tiger im Sprung. Das Bild verhält sich zu Ennos Wagen wie die Tattoos auf seinen Armen zu Enno. Sie sind alles, was er nicht ist: dynamisch, kampfbereit, mühelos die Schwerkraft überwindend. Zum Glück hat er Agu-eda.
Sie steigt aus und entriegelt die Heckklappe. Wie üblich trägt sie die grüne Latzhose mit den aufgenähten Knieschonern, dazu die Basecap mit Ennos Firmenaufdruck: GARDEN MAINTANANCE. Agueda hat ihm gesagt, dass es maintenance geschrieben wird, mit E in der Mitte. Ennos Antwort war ein Schulterzucken. Hauptsache, der Rasen ist grün.
Sie hakt die Heckklappe wieder ein und schlägt mit der flachen Hand auf die Ladefläche. Der Pick-up walzt Rillen in den Kies. Um zu wenden, muss Enno den Rückwärtsgang reinwuchten. Ein Geräusch, als werfe jemand Steine in einen Mixer. Dann rollt er die Auffahrt hinunter durch das Tor und ist weg, und Agueda steht am Fuß der Treppe inmitten ihrer Geräte. Doch etwas ist anders heute. Neben ihr sitzt ein Hund. Weiße Beine, brauner Körper, der Kopf halb weiß, halb braun.
Die Sonne ist so weit über den Hügel gestiegen, dass sie über Aguedas Wange streicht, als die zur Villa aufblickt. Sie hat ihre Haare zum Pferdeschwanz gebunden, der im Nacken unter der Basecap hervorspringt.
»Das ist Silencio!«, ruft sie und winkt.
Statt zu antworten, hebst du nur den Arm, spürst das Morgenlicht auf der Handfläche, als könntest du es greifen.
Aguedas Zähne blitzen auf.
»Wird ein schöner Tag, heute!«
Du richtest deinen Blick hinüber zur Bucht, weiter zu den noch dunstig verklärten Inseln und hinaus aufs Meer. Ja, denkst du, wird ein schöner Tag werden. Wie jede Woche. Und jede Woche fällt es Agueda aufs Neue auf.
Gestern Vormittag zeigte dein Smartphone eine eingegangene E-Mail an: franziska.scheffer@breuer-holding.com. Breuers Chefsekretärin. Herr Breuer und seine Frau planten, für fünf Tage ihr Haus in Rayol-Canadel-sur-Mer zu nutzen. Herr Breuer bitte darum, alles entsprechend vorzubereiten. Die Ankunft des Fluges erfolge Freitag, 18:32 Uhr, Aéroport Nice. Herr Breuer wünsche, am Flughafen abgeholt zu werden. Des Weiteren bitte er darum, das Dead-Salmon-Zimmer vorzubereiten. Samstagvormittag erwarteten sie Gäste, die ebenfalls am Flughafen abzuholen seien: Herr Robert Wolff sowie dessen Frau Melanie.
Als die Breuers dir den Job als Haussitter ihrer Ferienvilla anboten, sagte Bettina Breuer, die Zeit könne einem »dort unten« sehr lang werden. Offenbar empfand sie das als Manko. Sie nutzten das Haus selten länger als drei Wochen im Jahr, womöglich werde es einsam werden so allein, insbesondere nach dem Ende der Urlaubssaison. Du musstest nicht lange überlegen.
In deinem ersten Jahr kamen die Breuers für zwei Wochen, im darauffolgenden gar nicht, letztes Jahr, über Pfingsten, verbrachten sie einen gemeinsamen Kurzurlaub mit Freunden in der Villa, Ende August flog dann Bettina Breuer für weitere fünf Tage mit ihrer Schwester ein. Im Schnitt also eine Woche pro Jahr.
Nichts an ihrem Anwesen schätzt die Hausherrin mehr als den Luxus des Pools. Zweiundzwanzig Meter lang, sechs Meter breit und fünfzig Wochen im Jahr ohne Wasser. Das ist es, was sie am meisten daran mag: Er ist sensationell unangemessen. Den Hügeln von Rayol muss man jeden Quadratmeter ebener Erde mühsam abringen. Einen halben Berg abzutragen, um die Fläche für einen Pool von über hundert Quadratmetern zu schaffen, der praktisch nie genutzt wird – solche Privilegien wagen nur die wenigsten für sich in Anspruch zu nehmen.
Noch überdimensionierter als der Pool selbst ist seine Gegenstromanlage. Ein Monstrum. Bei voller Leistung wälzt die Pumpe hundertzwanzig Kubikmeter Wasser pro Stunde um. Kein Weltmeister könnte dagegen anschwimmen. Frau Breuer versucht es dennoch. Das Problem ist: Nach fünfzig Wochen ohne Wasser gibt es immer etwas, das an der Pumpe nicht funktioniert. Ist einfach nicht, wofür sie gebaut wurde. Also ist das Erste, was zu tun ist, sobald die Breuers sich ankündigen, die Anlage aus der Wand zu nehmen, sie hinunter in die Garage zu tragen, sie einmal auseinander- und wieder zusammenzubauen.
Der Schatten auf der Stirnseite des Pools hat sich zu einem schmalen Keil verjüngt, die Sonnenstrahlen kriechen bis unter die Haut. Du bist mit dem Ausbau der Gegenstromanlage fertig und hast sie ohne anzuecken aus der Wand gezogen, als sich ein Schatten über deinen brennenden Nacken legt.
»Hola!« Zum zweiten Mal heute.
Der Hund sitzt neben Agueda am Beckenrand, als gebe er sich Mühe, nichts verkehrt zu machen. Agueda blickt eine Weile auf dich herab. Sie trägt den schweren Duft der letzten Oleanderblüten mit sich herum. Schließlich setzt sie sich auf die Sandsteineinfassung des Pools und lässt die Füße in die wasserlose Leere hängen. Im Moment, da sie sitzt, erlaubt sich der Hund, den Kopf auf seine schlanken Pfoten sinken zu lassen.
»Wie geht’s?«, fragt sie.
Sofort denkst du an die Mail von Breuers Sekretärin, an das Kribbeln in Mittel- und Ringfinger, das dich seit gestern begleitet und das alleine dir Warnung genug ist. Doch das zu erklären wäre kompliziert. Du ziehst kurz die Schultern hoch. Die Gegenstromanlage wiegt dreißig Kilo und wird nicht leichter, je länger du sie hältst. Agueda bemerkt den Besen in der Ecke, die zusammengefegten Nadeln, sieht auf die Pumpe, deine ölverschmierten Finger.
»Bekommst du Besuch?«, fragt sie. Als sei es deine Villa.
Vorsichtig setzt du die Pumpe auf dem Poolgrund ab.
»Die Breuers kommen, am Freitag.«
Ihre klobigen Schuhe pendeln vor und zurück.
»Wie sind die so?«
Du überlegst einen Moment.
»Reich.«
»Ich meine: Sind sie nett?«
»Sie versuchen es.«
Agueda zieht ihre Handschuhe aus, stützt die Arme neben den Oberschenkeln auf, umfasst die Rundung des Sandsteins. So habt ihr noch nie miteinander geredet.
»Sie versuchen es?«
Wenn du zu ihr aufblickst, löst sich der Umriss ihrer Silhouette in der Mittagssonne auf.
»Sie möchten gerne gemocht werden«, erklärst du.
»Und – magst du sie?«
»Ich bin ihr Angestellter.«
Agueda streicht dem Hund über den Kopf, der zum Zeichen der Dankbarkeit mit seinen braunen Ohrlappen zuckt.
»Würdest du mit ihnen Urlaub machen?«, fragt sie.
»Ich mache keinen Urlaub.«
»Schon klar. Aber würdest du?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Ich dachte, Urlaub macht man mit Freunden.«
»Und du machst nie Urlaub?« Sie wartet auf eine Antwort, doch die hast du ihr bereits gegeben. Schließlich sagt sie: »Du bist ein komischer Typ, Nino, weißt du das?«
Ja, weißt du. Spätestens seit du zwölf bist. Ist also keine neue Erkenntnis für dich.
Du beobachtest, wie sich die Sonne auf ihre Haut legt, ihren Hals, ihre Arme. Sie bemerkt es, also lenkst du den Blick auf den Hund.
»Woher hast du ihn?«
Der Hund hebt den Kopf, als habe er seinen Namen aufgeschnappt. Agueda greift ihn am Nacken.
»Hast du gehört, Silencio? Nino hat mich etwas gefragt. Seit einem halben Jahr komme ich jetzt her, aber erst muss ich dich mitbringen, bevor er mich etwas fragt.«
Sie sieht dich an.
»Ist mir zugelaufen.«
Glaube ich sofort, denkst du. Doch das sagst du nicht. Du sagst nur: »Ah.«
»Donnerstags kümmere ich mich um einen Garten drüben in Cavalaire. Da stand er plötzlich neben mir und wich mir nicht mehr von der Seite. Als Enno mich abends zu Hause absetzte, sprang er von der Ladefläche. Ich weiß nicht mal, wie er da raufgekommen ist.«
»Und den Namen – hat er den von dir?«
»Ich dachte, er passt. Er bellt nicht, weißt du? Silencio gibt alle möglichen Geräusche von sich, aber kein Bellen.«
Sie legt den Kopf in den Nacken und imitiert ein Bellen, laut und kräftig. Klingt ziemlich echt. Der Hund lupft die Ohren, dann stimmt er mit einem Fiepen ein. Als die beiden fertig sind, dreht Agueda die Handflächen nach oben: Was hab ich gesagt?
Dir fällt auf, dass ihr Daumennagel noch immer nicht vollständig nachgewachsen ist. Im Juni war das. Sie hatte gerade die Wildtriebe der Rosen an der Mauer hinterm Pool entfernt, als etwa auf Augenhöhe eine Kreuzotter zwischen den Ritzen hervorschnellte. Für einen Moment schwebte sie reglos vor Aguedas Gesicht, um schließlich in einer anderen Ritze zu verschwinden. Wie es passiert war, wusste sie anschließend nicht zu sagen, doch nachdem die Kreuzotter sich in die Mauer zurückgezogen hatte, war die Hälfte von Auguedas Daumennagel weg. Sie bemerkte es erst, als ihr das Blut vom Handschuh tropfte. Im Duschhaus hast du die Wunde gereinigt und verbunden. Sie hatte Tränen in den Augen. Gelacht hat sie trotzdem. »Ist nur der Nagel.« Sie zwang sich, gleichmäßig zu atmen. »Der wächst nach …« Als sie am Abend zu Enno in den Wagen stieg, reckte sie den verbundenen Daumen in die Höhe wie eine Trophäe. Als habe sie irgendwann beschlossen, fröhlich durchs Leben zu gehen. Als könne man das einfach so entscheiden.

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