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Buchtipps aus dem Belletristik-Lektorat

Dienstag, 24. November 2015 von Piper Verlag / Belletristik-Lektorat


Julia Mielewski: »Der schmale Pfad durchs Hinterland«

Dorrigo Evans, ein junger australischer Chirurg, hat sich zum ersten Mal in seinem Leben leidenschaftlich verliebt – in Amy, die sich jedoch als die Frau seines Onkels herausstellt. Dennoch beginnen die beiden eine Affäre, die mit einem Schlag beendet ist, als der Zweite Weltkrieg ausbricht. Dorrigo muss an die Front und gerät bald in Gefangenschaft der Japaner. Er wird Teil eines der unmenschlichsten Projekte der Kriegsgeschichte: dem Bau der Strecke der sogenannten Todeseisenbahn zwischen Thailand und Burma. Tagtäglich muss der junge Arzt den Unterschied zwischen Leben und Sterben seiner Mitgefangenen ausmachen. Doch der grausame Lageralltag verändert ihn, und spätestens als sein bester Freund Darky Gardiner ermordet wird, kann Dorrigo dem Überleben nicht mehr denselben Wert beimessen wie zuvor.

»Der schmale Pfad durchs Hinterland« erzählt von Geschehnissen, die jegliche Menschlichkeit vermissen lassen, und trotzdem ist der Roman voller Poesie und Hoffnung. Flanagan schafft einen unglaublichen literarischen Spagat, der ihm 2014 den Booker Preis eingebracht hat.

Julia Mielewski: »Binewskis: Verfall einer radioaktiven Familie«

Olympia »Oly« Binewski (aka McGurk) ist als Albino-Zwergin mit ihren großen Füßen und der ständig verrutschenden Perücke eine völlige Ausnahme unter ihren Geschwistern - sie leidet sehr darunter, wie normal sie geraten ist. Denn in dem Zirkusalltag der Binewskis ist der Brotverdienst kein Zuckerschlecken und daher gilt: Je ungewöhnlicher man ist, desto besser. Ihr Bruder Arturo der Fischjunge ist die große Nummer im Programm und tut alles dafür, dass das auch so bleibt, schreckt vor keinem Hinterhalt zurück. Besonders auf den kleinen Bruder Chuck hat er es abgesehen, und niemand außer Oly weiß, wozu der Junge mit dem Fischschwanz fähig ist.

»Binewskis« ist eine sprachgewaltige Familiengeschichte über Liebe, Hass und andere Absonderlichkeiten, von denen Katherine Dunn genauso erzählt, wie sie nun mal sind: völlig normal und gleichzeitig unglaublich skurril. 25 Jahre nach dem Erscheinen in den USA endlich auf dem deutschen Markt und seit diesem Herbst auch als Taschenbuch im Berlin Verlag erhältlich!

Martina Schlögl: »H wie Habicht«

 

Ein Buch über einen Vogel? Wer will das denn lesen, vielleicht mal abgesehen von leidenschaftlichen Ornithologen und junggebliebenen Naturfreunden?

 

Offensichtlich nicht Wenige, denn »H wie Habicht« ist fast direkt nach Erscheinen auf die SPIEGEL Bestsellerliste geklettert und hält sich dort nun schon seit 15 Wochen. Und das zu Recht! Dieses nicht nur von außen wunderschöne und poetische (Sach-)Buch lässt einen voller Staunen und Ehrfurcht vor der wilden Anmut der Natur zurück und schafft es, wie nebenbei die große Geschichte von Verlust, Schmerz und dem Überleben zu erzählen.

Thomas Tebbe: »Im Frühling sterben«

 

Auch nach 12 Büchern ist Ralf Rothmann noch immer nicht jedem Leser in Deutschland bekannt. Das ist schade, denn er gehört zu den Besten. Es mag daran liegen, dass ihn viele noch immer als milieu- und ortsspezifischen Autor wahrnehmen, dessen frühe Romane sich mit seinen frühen Jahren im Ruhrpott beschäftigen. „Im Frühling sterben“ erzählt aber etwas ganz anderes – die Geschichte seines Vaters und dessen Zeit bei der Waffen-SS, eine wortmächtige, sensible und auch dramatische Auseinandersetzung mit einer kurzen Episode aus einem Leben, das dem Sohn bis zuletzt fremd geblieben ist. Großartige Lektüre, die in keinster Weise übrigens eine Rechtfertigung für die Taten der Elterngeneration ist.

Anvar Cukoski: »Die Gestirne«

 

Manchmal landen Bücher auf dem Tisch eines Lektors, die einem das Herz brechen. Eleanor Catton schreibt 1000 Seiten über einen Schotten, der sich Mitte des 19. Jahrhunderts aufmacht, um Neuseelands Goldrausch mitzuerleben – und dann in geheimnisvolle und ganz und gar irre Geschehnisse verwickelt wird. Historisch, Neuseeland, eine unbekannte Autorin: kann das auf dem deutschen Buchmarkt nicht nur scheitern? Zum Glück erscheint »Die Gestirne« trotzdem, leider nicht im Piper Verlag, sondern im November bei den Kollegen von btb. Ein überwältigender, komplexer und soghafter Roman, mit dem Catton zur jüngsten Booker-Preisträgerin aller Zeiten wurde.

Thomas Tebbe: »Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke«

 

Es gibt Murakami-Liebehaber, es gibt Karl-Ove-Knausgard-Jünger. Ich selbst gehöre zu den Meyerhoff-Süchtigen und verschlinge gierig jedes neue Buch von ihm. »Ach, diese Lücke, immer diese Lücke« ist sein dritter, und er schildert Meyerhoffs Beziehung zu den Großeltern und seine Jahre als Schauspielschüler in München. Skurriles Personal, schreiend komische Momente, beobachtet von einem Erzähler, dem nichts entgeht und dem man gerne folgt, auch in die traurigen Winkel seiner großartigen Familiengeschichte.

Julia Mielewski: »Leberknödel«

 

Die sympathischste Engländerin auf Erden ist Joyce Beddoes nicht unbedingt. Und doch wird ihr ein wahres Wunder zuteil: Nachdem ihr ein unheilbarer Leberkrebs diagnostiziert wurde, fliegt sie in die Schweiz und plant, ihrem Leben durch einen Medikamentencocktail ein Ende setzen. Im letzten Moment entscheidet sie sich jedoch dagegen und pfeift auf alle, ihre erbsüchtige Tochter eingeschlossen. Was folgt ist eine wahre Auferstehungsgeschichte, denn urplötzlich gesundet Joyce zusehends - nur, dass sie damit gar nicht so glücklich ist. Eine Gruppe von katholischen Gläubigen möchte sie für ihre Zwecke instrumentalisieren und auch sonst hat sie nicht viel Glück in Zürich, das zumindest für ihren Namensvetter James Joyce die letzte Station im Leben wurde ...
»Leberknödel« wurde aus Will Selfs Geschichtenband »Liver« ausgekoppelt und erschien im September bei Hoffmann und Campe.

Anvar Cukoski: »A Little Life«

 

Das Tollste an meinem Job? Ich kann in die Zukunft sehen. Denn dieses Buch gibt es (in Deutschland) noch gar nicht. Auf Englisch kann man diesen herzzerreißenden, lebenssatten und nichts weniger als vollkommen WAHREN Roman über 4 junge Männer in New York aber Gott sei Dank schon lesen. Wir verfolgen ihre Freundschaft über die Jahre und mit der Zeit verändert sich auch dieses Buch, immer und immer wieder. Das ist wunderschön und schmerzvoll und düster und zart. Nein, nicht jeder Lektor hat heimlich ein Manuskript in der Schublade, aber »A Little Life« hätte ich selber gerne geschrieben. Auf Deutsch wird es wahrscheinlich im Herbst 2016 bei Hanser Berlin erscheinen.

Martina Schlögl: »Orang Utan Klaus«

 

Die singende Herrentorte ist 60! Das muss gebührend zelebriert werden.

Ich gebe zu, dieses Buch ist nur etwas für Hardcore-Fans und Liebhaber skurrilen Humors. Für die allerdings ein Muss. Denn hier sind (fast) alle Geschichten des Meisters versammelt. Die meisten hat man zwar irgendwann, irgendwo schon einmal gehört, könnte sie wahrscheinlich auswendig mitsprechen (»Viele von euch, haben wenig Geld. Ich kenne das, von meiner frühesten Kindheit her…« oder »Es war so: Ich saß in meinem Zimmer und schrob auf meiner Schreibmaschine…«), trotzdem – oder vielleicht auch deswegen – kann man sie sich immer und immer wieder anhören und ist jedes Mal wieder überrascht vom Einfallsreichtum und der Radikalität dieses genialen Gesamtkunstwerks »Helge Schneider«. Alberner Helge, alberner!

Ach ja, natürlich ist das Buch illustriert. Ratet vom wem!

What a wurst!

Anvar Cukoski: »Die Philosophie des Laufens«

 

Die wahre Herausforderung im Leben eines Schreibtischtäters ist der Marathon im Herbst. Vor allem, wenn es der erste ist. Darum brauchte ich dieses Jahr sämtliche Erbauungsliteratur, die zu dem Thema zu haben ist. Wenn man Murakamis »Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede« schon dreimal gelesen hat, ist die allerbeste Wahl der neueste Streich aus der großartigen »Philosophie des …«-Reihe des mairisch Verlags. Nach Klettern und Radfahren haben sie nun kluge Texte über das Laufen in einem sehr schön gestalteten Band versammelt, der zum Losrennen und Denken gleichermaßen anregt. Ach so, ihr fragt nach meiner Zeit? Ich habe dieses Buch unter 4 Stunden gelesen.

Julia Mielewski: »Sonnenspiegelung«

 

Er ist zurück, diesmal mit einem Geschichtenband. Jan Costin Wagner, Meister der stillen Spannung und dunklen nordischen (Seelen-)Landschaften bricht nach seinem letzten Krimiroman um den eigenbrötlerischen Kommissar Kimmo Joentaa nun zu neuen Ufern auf. »Sonnenspiegelung« besteht aus acht Erzählungen, die sich durch die feine Sprache auszeichnen, die man von Wagner kennt. Die Geschichten schleichen sich leise aber nachhaltig ins Hirn; unversehens kippen die Figuren aus scheinbar harmlosen und alltäglichen Situationen in tiefe Abgründe.
Am 10. September erschien »Sonnenspiegelung« im Galiani Verlag.

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