Bologna Book Fair
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Viele Gesichter und noch mehr Geschichten

Dienstag, 14. April 2015 von Piper Verlag


Unsere Kollegin Sabrina besuchte die »Bologna Children’s Book Fair«

Ob nun Jennifer Estep mit ihrer »Mythos Academy«, Lissa Price mit»Starters-Enders« oder Dan Wells mit seinen »Partials« – in unserem ivi-Programm wollen wir Bücher für Jugendliche und junge Erwachsene veröffentlichen, die etwas ganz Besonderes sind: Voller Fantasie, Spannung und Dramatik. Die aber auch gleichzeitig möglichst viele Leser erreichen können.

Doch wie erfährt man eigentlich von neuen Trends, Entwicklungen und vor allem: wie kommen wir an die ganzen tollen Manuskripte, die wir dann übersetzen dürfen? Ganz einfach: Wir sprechen darüber. Mit Literaturagenten, Scouts und anderen Verlagen aus aller Welt. Und wo geht so etwas besser als auf einer Buchmesse?

Die »Bologna Children’s Book Fair« ist die größte internationale Kinder- und Jugendbuchmesse. Etwa 1200 Aussteller aus 66 Ländern sollen laut Publishers Weekly dieses Jahr ihren Weg ins schöne Italien gefunden haben – und natürlich ungleich mehr Fachpublikum wie Autoren, Illustratoren, Übersetzer, Verlagsmitarbeiter, Händler, Agenten und und und. Hier werden Informationen ausgetauscht, Manuskripte vermittelt und mit Lizenzen gehandelt. Klar, dass wir für ivi auch mit von der Partie sind. Einen eigenen Stand haben wir auf der Messe nicht, dafür aber einen randvoll gefüllten Terminkalender. Im Halbstundentakt treffe ich mich mit den Menschen, mit denen ich sonst per Mail kommuniziere und mit Leuten, die ich zuvor noch nicht kannte – wie zum Beispiel diese eine Lektorin aus Norwegen, die mir vom dortigen Kinder- und Jugendbuchmarkt erzählt und mich auch gleich auf ein Manuskript aufmerksam macht, das ich lesen muss.

Das Wetter ist großartig, und trägt sicherlich zur entspannten Stimmung auf der Messe bei. In den Innenhöfen auf dem Gelände nutzen viele ihre freien Minuten, um ein bisschen Sonne zu tanken. Da Bologna auch eine Messe für Illustratoren ist, sieht man hier und da ein paar Leute mit ihren Skizzenblöcken. Meinen Vorsatz, mir irgendwann mehr Kunstwerke in den Hallen anzusehen, scheitert an Zeitmangel. Leider. Da ich nur zwei Tage auf der Messe bin, bekomme ich hauptsächlich nur das mit, was auf dem Weg zwischen Termin A, Termin B und dem Espresso-Verkauf liegt. Irgendwo in der SZ habe ich einmal gelesen, dass unsere Berufsgruppe den höchsten Kaffeeverbrauch pro Kopf hat – das kann ich nur bestätigen. Nach zwei Tagen habe ich das Gefühl, mit neuen Eindrücken bombardiert worden zu sein und freue mich darauf, all die Manuskripte zu lesen, die ich interessant fand. Vielleicht ist ja etwas dabei, was ihr bald bei ivi lesen könnt!


Blick ins Buch
FrostkillerFrostkillerFrostkiller

Mythos Academy 6

Niemand weiß besser als Gwen Frost, wie stark Loki und seine Schnitter des Chaos sind. Sie als Champion der griechischen Göttin Nike soll eine zentrale Rolle bei seiner Vernichtung spielen. Aber niemand weiß auch besser als Gwen Frost, dass sie keine Wunderwaffe ist - nur das komische Gypsymädchen, über das alle heimlich lästern. Zwar hat sie ihre Psychometrie, ihr sprechendes Schwert Vic, ihre Freunde und vor allem den Spartaner Logan Qinn an ihrer Seite, doch Gwen wird von Vorahnungen ereilt, und die verheißen nichts Gutes. Aber für Selbstzweifel bleibt keine Zeit, als einer der ihr wichtigsten Menschen in Lebensgefahr gerät. In Gwen erwacht eine brennende Entschlossenheit - sie ist bereit, alles zu geben. Und wenn es sie das Leben kosten sollte ...
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Kapitel 1

 

 

»Das ist unsinnig.«

Daphne Cruz, meine beste Freundin, lehnte sich vor, starrte in den Badezimmerspiegel und trug eine weitere Schicht Lipgloss auf. Magiefunken im selben Prinzessinnenrosa wie ihr Lippenstift schossen aus den Fingerspitzen der Walküre und verglühten im Waschbecken unter dem Spiegel.

»Unsinnig«, wiederholte ich. »Un. Sinnig.«

»Mmmm-hmmm.«

Daphne brummte abwesend, schloss ihren Lipgloss und ließ den Stift in die riesige Handtasche fallen, die an ihrem Arm hing. Dann griff sie in die Tiefen der Designertasche und zog eine Bürste hervor. Ohne mich zu beachten, glättete sie ihre goldenen Locken. Die natürlich bereits perfekt lagen. Daphne verließ niemals ihr Zimmer, ohne perfekt auszusehen.

»Komm schon«, sagte ich, weil ich einfach noch nicht bereit war, meine Tirade zu beenden. »Du weißt doch, dass ich recht habe. Dieser Tag wird auf jeden Fall in einer Katastrophe enden.«

Daphne beendete ihre Haarpflege und zog eine silberne Puderdose aus der Tasche. Sie trug ein wenig Make-up auf ihre grundsätzlich perfekte, dunkle Haut auf, dann musterte sie sich noch einmal kritisch im Spiegel und zupfte einen winzigen Fussel von ihrem rosafarbenen Kaschmirpullover.

Ich holte wieder Luft, um meine Schwarzmalerei fortzusetzen, doch Daphne schloss die Dose mit einem Klicken, bevor ich weiterreden konnte.

Sie sah mich im Spiegel an und suchte mit dem Blick ihrer schwarzen Augen meine violetten. »Himmel, Gwen. Entspann dich. Wir sind auf einem Date zu viert. Wir sollten … na ja … Spaß haben, statt uns ständig Sorgen zu machen, dass die Schnitter alles ruinieren könnten.«

Ich musterte meine Freundin finster. Sie mochte sich ja entspannen können, doch ich machte mir in letzter Zeit eigentlich rund um die Uhr Sorgen wegen der Schnitter.

Meine linke Hand glitt zu meinem rechten Handgelenk, dann schloss ich die Finger um das Armband, das dort hing. Das Armband selbst war einzigartig – mehrere Lorbeerblätter hingen von dünnen Strängen aus Mistelzweigen, die zu einer Kette verwoben worden waren. Alles bestand aus Silber. Ich packte eines der Blätter fester und wartete darauf, dass meine Psychometrie sich einschaltete. Doch das Einzige, was ich von dem Armband auffing, waren dieselben kühlen, ruhigen Schwingungen, die ich immer spürte, wenn ich mich auf das Silber konzentrierte.

Wenn man sich das Armband lediglich ansah, wirkte es einfach wie ein interessantes Schmuckstück. Doch es war der Schlüssel zum Sieg über Loki und seine Schnitter des Chaos. Zumindest behauptete das Nike, die griechische Göttin des Sieges. Ich diente als Nikes Champion und war damit das Mädchen, das die Wünsche der Göttin in der Welt der Sterblichen erfüllte – und die Göttin wollte Loki tot sehen. Dabei konnte mir das Armband angeblich helfen, auch wenn ich noch nicht ganz verstanden hatte, was ich wirklich damit anstellen sollte.

»Gwen?«, fragte Daphne ein wenig genervt. »Was grübelst du denn jetzt schon wieder?«

Ich spielte noch ein paar Sekunden an den Lorbeerblättern des Armbandes herum, dann schob ich das Ganze wieder unter den Ärmel meines purpurnen Kapuzenshirts.

»Ich frage mich, wie du den Schnittern so gleichgültig gegenüberstehen kannst«, sagte ich. »Hallo? Nur für den Fall, dass du es noch nicht mitbekommen hast, die Schnitter haben in den letzten Monaten so ungefähr alles auf Mythos ruiniert. Der große Schulball? Endete damit, dass ich in der Bibliothek gegen einen Schnitter gekämpft habe. Der Skiausflug zum Winterkarneval? Ein weiterer Kampf mit einem Schnitter im Hotel. Letzter Tag der Winterferien? Kampf gegen die Schnitter im Kreios-Kolosseum. Winterkonzert? Noch mehr Schnitter im Aoide-Auditorium. Ganz zu schweigen von den Vorfällen in den Eir-Ruinen.«

Ich zählte die Beispiele an meinen Fingern ab. Als ich fertig war, schenkte ich Daphne einen wissenden Blick. »Wieso sollte es heute anders sein?«

Daphne verdrehte die Augen und stemmte schwungvoll die Hände in die Hüften, sodass noch mehr pinkfarbene Funken aus ihren Fingerspitzen stoben.

»Weil es heute um uns gehen soll – um dich, mich, Carson und Logan – nicht um Schnitter«, erklärte Daphne. »Der Rest von uns hatte bis jetzt einen wirklich netten Nachmittag – obwohl du die ganze Zeit nur versucht hast, alles zu ruinieren, indem du hinter jeder Ecke nach Schnittern gesucht hast.«

»Die Walküre hat recht«, schaltete sich eine Stimme mit einem kühlen englischen Akzent ein. »Du warst heute ziemlich nervös.«

Ich griff nach unten, zog ein Schwert aus der schwarzen Lederscheide an meiner Hüfte und hielt es auf Augenhöhe. Anstelle einfacher Muster zeigte das silberne Heft ein halbes männliches Gesicht, komplett mit Hakennase, Mund, Ohr und einem purpurgrauen Auge, das im Moment auf mich gerichtet war. Vic, mein sprechendes Schwert. Die Waffe, die Nike selbst mir gegeben hatte.

»Ich dachte, du wärst ganz scharf darauf, heute ein paar Schnittern zu begegnen«, meinte ich. »Da du ja ständig nur darüber sprichst, dass du sie umbringen willst.«

Vic hatte keine Achseln, mit denen er zucken konnte, also verdrehte er stattdessen sein Auge. »Selbst ich brauche ab und zu mal ein wenig Freizeit, Gwen. Die Walküre hat recht. Du solltest die Ruhe genießen, solange sie anhält. Ich werde auf jeden Fall ein Nickerchen machen. Du kennst ja die Ansage.«

»Ja, ja«, murmelte ich. »Ich soll dich nur wecken, wenn es Schnitter zu töten gibt.«

»Genau.«

Damit schloss Vic sein Auge. Ich bedachte das Schwert mit einem schlecht gelaunten Blick, auch wenn Vic mich überhaupt nicht mehr beachtete. Mit einem Seufzen schob ich ihn zurück in die Scheide.

»Siehst du?«, meinte Daphne selbstgefällig. »Selbst Vic stimmt mir zu.«

Ich warf ihr einen bösen Blick zu, obwohl sie und Vic tatsächlich recht hatten. Ich war heute ein totaler Spielverderber. Doch es war fast zwei Wochen her, seit wir das letzte Mal etwas von Agrona Quinn, der Anführerin der Schnitter, gehört hatten, oder von Vivian Holler, dem Mädchen, das Lokis Champion und meine Erzfeindin war. Die zwei langen Wochen hatten den Schnittern zweifellos genügend Zeit gegeben, um sich neu zu ordnen – und einen weiteren schrecklichen Plan zu entwerfen, wie sie mich und jeden, der mir etwas bedeutete, verletzen konnten.

Schon allein der Gedanke daran, was die Schnitter vielleicht planten, sorgte dafür, dass mein Magen sich vor Furcht verkrampfte. Ich hatte bereits so viel an Agrona, Vivian und die anderen bösen Krieger verloren, und ich wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bevor die Schnitter wieder zuschlugen. Doch Daphne und Vic hatten recht. Es gab nichts, was ich heute gegen meine Widersacher unternehmen konnte, also sollte ich die Zeit mit meinem Freund und meinen Freunden genießen.

Weil mir vielleicht nicht mehr viel Zeit mit ihnen blieb, wenn Loki seinen Willen bekam.

»Okay, okay«, murmelte ich. »Ich werde mir für den Rest des Tages ein Lächeln ins Gesicht schrauben.«

Daphne bedachte mich mit einem scharfen Blick. »Versprochen?«

Ich zog ein X in die Luft vor meinem Herzen, genau über der Stelle, wo unter dem purpurnen Kapuzenshirt und dem grauen Pulli zwei Narben meine Haut verunstalteten. »Versprochen.«

»Gut. Dann lass uns gehen.« Daphne schnappte sich meinen Arm und setzte ihre Walkürenstärke ein, um mich zur Tür zu zerren. »Inzwischen sollte unsere Bestellung fertig sein, und ich brauche dringend eine Dosis Zucker.«

Ich seufzte wieder, bevor ich mich von ihr aus dem Raum zerren ließ.

Daphne und ich traten in den Hauptraum von Kaldis Kaffee.

In vielerlei Hinsicht war Kaldis ein typischer Coffeeshop. Ein langer Tresen an der hinteren Wand. Eine Vitrine voller sündhaft süßer Käsekuchen, Törtchen und jeder anderen Art von Dessert, die man sich vorstellen konnte. Jede Menge gepolsterter Stühle und Sofas. Schmiedeeiserne Tische. Espressomaschinen, die vor sich hin gurgelten und die Luft mit dem reichhaltigen, dunklen Aroma des Kaffees füllten, den sie aufbrühten.

Nicht so typisch war die Kundschaft im Café.

Walküren, Amazonen, Wikinger, Römer, Spartaner. Alles Jugendliche ungefähr in meinem Alter, alles Nachkommen mythologischer Krieger der Antike und alle bewaffnet. Schwerter, Dolche, Kampfstäbe, Speere. So gut wie jede Person im Raum hatte in einer Hand eine Tasse Kaffee und in der anderen etwas mit scharfer Klinge oder Spitze. Neben Morgan McDougall, einer meiner Walküren-Freundinnen, lag eine Armbrust so auf dem Tisch, dass sie auf die Tür zielte. Morgan hatte mir einmal erklärt, dass sie sich besser fühlte, wenn sie jederzeit eine Waffe griffbereit hatte. Jupp. Ich auch.

Mir blieb kaum die Zeit, Morgan zuzuwinken, bevor Daphne mich weiter zu zwei Sofas vor dem Kamin zerrte. Während wir uns durch das Café bewegten, fing hinter uns das Flüstern an. Oder vielmehr hinter mir.

»Hey, schau mal, Gwen Frost ist hier …«

»Anscheinend erholt sie sich mal von ihrem Kampf gegen die Schnitter …«

»Ich frage mich, wann sie gegen Loki kämpfen wird …«

Ich zog eine Grimasse und versuchte so zu tun, als könnte ich nicht hören, dass die anderen Schüler über mich redeten. Jeder auf der Mythos Academy wusste, dass ich Nikes Champion war und einen Weg finden sollte, uns alle vor Loki und den Schnittern zu retten. Es ging doch nichts über ein bisschen Druck, um dafür zu sorgen, dass ein Mädchen sich so richtig in seine Sorgen hineinsteigerte.

Ich seufzte. Daphne hatte recht. Ich war heute total paranoid, und ich wusste einfach nicht, wie ich das ändern sollte.

Meine Freundin ließ meinen Arm los und setzte sich neben einem Kerl mit schwarzer Brille auf die Couch, dessen Haare, Augen und Haut sandbraun waren. Carson Callahan, ihr Musik-Freak-Freund und ein echt netter Kerl.

Daphne lehnte sich vor und drückte Carson einen lauten, schmatzenden Kuss auf die Lippen, ohne sich darum zu kümmern, wer sie dabei beobachtete oder dass sie damit fast den gesamten Lipgloss von ihren Lippen auf seine übertrug. Carson bedachte sie mit einem bewundernden Blick und legte den Arm um ihre Schulter, um sie näher an sich zu ziehen. Daphne erwiderte die Umarmung mit ihrer Walkürenstärke, bis Carson das Gesicht verzog, dann ließ sie los.

»Ist das meine heiße Schokolade?«, fragte Daphne, während sie den Blick auf ein Tablett voller Tassen und gefüllter Teller zwischen den zwei Sofas richtete. »Endlich.«

So gut wie jeder Platz im Café war besetzt, also hatten wir es den Jungs überlassen, sich in die lange Schlange am Tresen einzureihen, während Daphne sich im Bad ein wenig frisch gemacht hatte.

Carson bedachte sie mit einem weiteren anbetungsvollen Blick. »Und ich habe dir ein Stück Schokoladen-Käsekuchen mitgebracht. Ich weiß doch, wie sehr du den magst.«

»Danke, Schatz.« Daphne küsste ihn noch einmal, bevor sie sich vorbeugte und nach ihrer riesigen Tasse griff.

Ich schlüpfte aus meiner Kapuzenjacke, dann setzte ich mich auf die andere Couch neben einen Kerl mit tiefschwarzem Haar und den unglaublichsten, eisblauen Augen, die ich je gesehen hatte. Er lächelte mich an, sodass ein warmes, prickelndes Gefühl in meinem Herzen explodierte.

Der verdammte Logan Quinn. Mein Freund. Der Kerl, den ich liebte.

»Wurde auch langsam Zeit, dass ihr zurückkommt«, sagte Logan neckend. »Ich habe mich schon gefragt, ob du dich aus der Hintertür geschlichen hast, um mich für einen anderen Kerl sitzen zu lassen.«

»Niemals«, antwortete ich. »Ist ja nicht mein Fehler, dass Daphne ewig braucht, um ihr Make-up zu richten.«

»Hmph.« Daphne schnaubte, war aber zu sehr damit beschäftigt, mit Carson zu schmusen und ihren Käsekuchen zu essen, um mir so richtig Saures zu geben.

Meine Freunde so verliebt zu sehen, brachte mich dazu, mich zu Logan umzudrehen. Ich lächelte ihn an und lehnte mich vor, um ihn zu küssen, doch er verzog das Gesicht. Es war nur ein winziges Zucken, nur eine fast unmerkliche Bewegung seines Mundes, aber das reichte aus, um mich aufzuhalten. Stattdessen wechselte ich die Richtung, streckte mich an ihm vorbei und schnappte mir meine eigene Tasse mit heißer Schokolade, als hätte ich von Anfang an nichts anderes vorgehabt. Als hätte ich seinen wachsamen Blick gar nicht bemerkt – und auch keinen Stich im Herzen gefühlt.

Mit meiner heißen Schokolade lehnte ich mich in die Kissen zurück. Logan zögerte, dann legte er einen Arm um mich. Doch er zog mich nicht an sich, wie Carson es bei Daphne getan hatte. Stattdessen saßen wir einfach so da. Wir berührten uns, doch zwischen uns lag immer noch ein gewisser Abstand – ein Abstand, von dem ich einfach nicht wusste, wie ich ihn überwinden sollte.

Vor nicht allzu langer Zeit hatte Logan mich angegriffen und fast getötet. Natürlich war er zu dieser Zeit mit Loki verbunden gewesen, und der böse nordische Gott hatte Logan gezwungen, mich zu verletzen. Mir war es gelungen, Lokis Halt über Logan zu brechen, aber nach diesem Vorfall hatte der Spartaner die Akademie verlassen. Letztendlich hatte ich ihn überzeugen können, zurückzukehren, aber Logan fürchtete immer noch, er könne mich erneut verletzen – obwohl ich genau wusste, dass er so etwas nie tun würde. Nicht aus freiem Willen.

An manchen Tagen verhielt sich Logan genauso locker, sorglos und charmant wie immer. Doch es gab andere Momente, in denen ich einen Blick von ihm auffing und genau wusste, dass er darüber nachdachte, ob er mit der Rückkehr an die Akademie wirklich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Ich hatte geglaubt, er hätte diese Selbstzweifel und Sorgen hinter sich gelassen, doch die Angriffe der Schnitter hatten Narben bei Logan hinterlassen, genau wie bei mir. Sie hatten uns alle gezeichnet, sowohl seelisch als auch körperlich.

All unsere Freunde ermahnten mich ständig, dass ich Logan Zeit lassen sollte. Ich wusste, dass sie recht hatten, doch das machte es nicht einfacher für mich, besonders wenn ich sah, wie rückhaltlos Daphne und Carson einander vertrauten und wie sehr sie sich liebten. Wie verdammt einfach es für sie war, eine Beziehung zu führen.

»Müsst ihr beide nicht irgendwann auch mal Luft holen?«, fragte ich.

Sicher, es war falsch, sie anzumeckern, aber ich konnte nur eine gewisse Zeit damit verbringen, die beiden bei der Mund-zu-Mund-Beatmung zu beobachten.

»Sorry, Gwen«, sagte Carson, nachdem er den Kuss gebrochen hatte. Seine Brille saß ein wenig schief.

»Ignorier sie einfach«, sagte Daphne und drückte ihrem Freund noch einen Kuss auf die Wange, bevor sie sich endlich ein Stück zurückzog. »Sie ist nur grummelig, weil sie heute noch nicht genügend Zucker hatte.«

»Ich könnte dich mit Kuchen füttern, wenn du willst«, schlug Logan mit einem hinterhältigen Zwinkern vor.

Ich schnaubte. »Bitte. Ich bin absolut fähig, selbstständig zu essen. Außerdem muss ich dann nicht teilen.«

Ich schnappte mir den Teller mit dem riesigen Kekssandwich, das Logan mir mitgebracht hatte, hob es hoch und vergrub meine Zähne in der süßen Versuchung. Leckere Butterkekse gefüllt mit gegrillten Marshmallows, zwei dicken Stücken halb geschmolzener dunkler Schokolade und gerösteten Mandelsplittern, die das Ganze knusprig machten. Es war eine perfekte Kombination aus süß und salzig, und ich genoss jeden einzelnen Bissen. Hmmm. So lecker.

Logan biss in den großen Blaubeer-Muffin, den er sich geholt hatte, während Carson an einem Erdbeerhörnchen knabberte.

Ein paar Minuten später kam ein Wikinger zu unserem Tisch, der in der Schulband spielte, um sich mit Carson und Daphne zu unterhalten. Die drei begannen ein Gespräch, sodass Logan und ich uns selbst überlassen blieben.

»Ich bin froh, dass wir heute diesen Ausflug gemacht haben«, sagte Logan leise. »Ab und zu ist es wirklich nett, aus der Akademie rauszukommen.«

Es war Samstag, also hatten wir den Nachmittag damit verbracht, die Läden von Cypress Mountain zu erkunden, dem Vorort, in dem die Akademie lag. Na ja, eigentlich hatte Daphne uns von einem Laden zum nächsten geschleppt. Aber Logan hatte recht. Es war schön gewesen, all die Probleme mal ein paar Stunden hinter uns zu lassen. Selbst wenn ich insgeheim damit gerechnet hatte, dass Vivian und Agrona mit einer Gruppe Schnitter auftauchen und uns irgendwo zwischen dem Buchladen an einem Ende der Einkaufsstraße und dem Juwelier am anderen angreifen würden.

»Ja«, antwortete ich. »Ich auch.«

Ich schloss die Augen, damit ich nicht wieder sehen musste, wie Logan das Gesicht verzog, und ließ den Kopf gegen die Lehne der Couch sinken. Die Bewegung sorgte dafür, dass die Metallfäden um meine Kehle sich spannten. Es waren sechs dünne silberne Ketten, die sich um meinen Hals zogen und vorne eine mit Diamanten besetzte Schneeflocke formten. Ich trug die Kette immer, denn Logan hatte sie mir geschenkt.

Die Kette erinnerte mich wieder an alles, was wir durchgemacht hatten, daher rutschte ich näher an Logan heran, bis ich seine Körperwärme fühlen konnte. Er seufzte leise, doch ich konnte nicht sagen, welchem Gefühl das Geräusch entsprang. Vielleicht Glück, vielleicht aber auch wieder Skepsis. Doch dieses Mal schlang Logan beide Arme um mich und zog mich an sich.

Obwohl ich fast nicht mehr daran geglaubt hatte, entspannte ich mich letztendlich und genoss die Zeit mit Logan und meinen anderen Freunden. Wir schaufelten Kuchen in uns hinein, tranken unsere Getränke und verbrachten die nächsten zwei Stunden mit gut gelaunter Unterhaltung. Schließlich allerdings entschieden wir, in die Akademie zurückzukehren. Alle stellten ihre dreckigen Tassen und Teller auf ein riesiges Tablett, das ich mir dann schnappte und zu einem der Geschirrwagen trug. Ich hatte gerade die letzte Serviette weggeworfen, als mir auffiel, dass die Leute schon wieder über mich flüsterten … diesmal waren es drei Römer, die ich aus meinem nachmittäglichen Sportunterricht kannte.

»… du glaubst wirklich, das Gypsymädchen wird verhindern, dass etwas passiert?«

»Nee … die Schnitter werden zuschlagen, egal was sie tut …«

»Das hoffe ich, wenn ich bedenke, wie viel Geld ich gesetzt habe …«

Geld? Was für Geld? Ich runzelte die Stirn und musterte die drei Kerle über die Schulter, doch sie konzentrierten sich bereits wieder auf ihre Laptops. Sie sahen nicht mal auf, als ich an ihnen vorbeiging. Ich versuchte einen Blick auf ihre Bildschirme zu erhaschen, doch sie surften einfach nur im Internet oder spielten dämliche Spiele. Es sah nicht so aus, als hätten sie etwas Verdächtiges vor. Trotzdem, ich wusste inzwischen, dass jeder ein Schnitter sein konnte – egal wie nett und harmlos die Person wirkte.

»Was ist los?«, fragte Logan, als ich mich wieder neben ihn setzte. »Du wirkst aufgebracht.«

Ich deutete mit dem Kinn in Richtung der drei Kerle. »Es geht um die da. Aus irgendeinem Grund haben sie über mich und Schnitter und Geld geredet. Ziemlich seltsam.«

Logan wechselte einen wissenden, schuldbewussten Blick mit Daphne und Carson.

»Was?«, fragte ich, während sich mein Magen wieder einmal vor Angst verkrampfte. »Was ist los? Was haben diese Kerle vor?«

»Es läuft eine Wette, dass die Schnitter den Valentinsball angreifen werden«, erklärte Logan. »Die Leute wetten darauf, was die Schnitter planen und welchen Schaden sie diesmal anrichten werden.«

Der Valentinsball sollte am Freitagabend stattfinden. Laut Daphne stellte er eines der größten Ereignisse im sozialen Kalender der Akademie dar, ungefähr so wichtig wie der Abschlussball an anderen Schulen. Tatsächlich war der Ball eine so große Sache, dass Daphne mich letzte Woche mit auf einen Einkauf geschleppt hatte, damit sie das perfekte Kleid aussuchen konnte. Und sie hatte mich ebenfalls gezwungen, mir ein neues Kleid zu kaufen. Logan hatte mich bereits gebeten, mit ihm auf den Ball zu gehen, aber ich hatte nicht groß darüber nachgedacht. So wie mein Leben in letzter Zeit verlief, war ich zu sehr damit beschäftigt gewesen, einen Tag nach dem anderen hinter mich zu bringen, ohne von Schnittern angegriffen zu werden.

»Sie wetten darauf, ob Schnitter den Ball sprengen? Ihr macht doch Witze«, meinte ich. »Wieso sollten sie so was tun?«

Logan zuckte nur mit den Achseln.

Meine gute Laune verpuffte. Denn die drei Römer hatten recht. Die Schnitter würden am Tanzabend wahrscheinlich angreifen und ihn total ruinieren, wie sie es mit jeder anderen Akademieveranstaltung in letzter Zeit getan hatten. Vielleicht war der Ball auch genau das, worauf sie warteten, und wir hatten deswegen seit der Schlacht in den Eir-Ruinen in Colorado nichts von Vivian und Agrona gehört.

Ich stand auf. »Kommt«, blaffte ich. »Lasst uns hier verschwinden.«

Logan stellte sich neben mich und schob seine Finger in meine. Ich drückte seine Hand und versuchte meine plötzliche Wut – und Sorge – zu verdrängen.

Wir verließen Kaldis Kaffee. Daphne und Carson folgten uns. Wir sprachen nicht viel, als wir Richtung Schulgelände wanderten. Heute war einer der seltenen Tage des Winters, an denen es nicht schneite. Stattdessen stand die Sonne hoch am Himmel, obwohl es selbst für Februar bitterkalt war. Oder vielleicht lag das auch nur an der eisigen Angst, die sich bei dem Gedanken, was die Schnitter beim Valentinsball anrichten konnten – und wie viele Leute sie diesmal töten würden – in meinem Körper ausbreitete.

Ich war so in meine finsteren Gedanken versunken, dass ich nicht einmal merkte, wie Logan seine Schritte erst verlangsamte, um dann ganz anzuhalten. Schließlich sah ich auf, weil ich davon ausging, dass wir den Zebrastreifen erreicht hatten. Doch dann entdeckte ich drei schwarze SUVs, die vor dem Haupttor zur Mythos Academy standen.

Ich verspannte mich, löste meine Hand aus Logans und senkte sie auf Vics Heft, jederzeit bereit, das Schwert zu ziehen, falls Vivian, Agrona oder andere Schnitter aus den Wagen stürzen sollten, um uns anzugreifen.

Doch der Mann, der die Fahrertür des vorderen SUVs öffnete und ausstieg, war kein Schnitter – sondern ein großer, dünner Mann mit blondem Haar und blauen Augen. Über seiner Winterkleidung trug er eine graue Robe, in deren Kragen das Symbol einer Hand eingestickt war, die eine Waage hielt. Ich erkannte ihn sofort.

Linus Quinn. Logans Dad. Und, viel wichtiger, der Leiter des Protektorats, der Polizeitruppe der mythologischen Welt.

Das Grauen, das mich den ganzen Tag begleitet hatte, verstärkte sich, und mein Magen verkrampfte sich schmerzhaft. Denn ich bezweifelte stark, dass Linus nur hier war, um seinen Sohn zu besuchen. Nein, irgendwas stimmte nicht, und mir drängte sich das Gefühl auf, dass die trügerische Ruhe der letzten zwei Wochen nun ein Ende finden würde.

Trotzdem konnte ich es mir nicht verkneifen, Daphne einen Blick voller morbider Selbstgefälligkeit zu schenken. »Was habe ich dir gesagt? Unser erstes Viererdate? Absolut ruiniert.«

 

 


Starters - Enders

Zwei Romane in einem Band

Die 16-jährige Callie lebt in einer Welt, in der eine unheimliche Katastrophe zahlreiche Erwachsenenleben vernichtet hat. Und in der die jungen Menschen einer scheinbar ausweglosen Armut verfallen. Die einzige Möglichkeit für die jugendlichen Starters an Geld zu kommen, ist ein mysteriöses Institut, in dem sie gegen Geld ihre Körper verleihen können. Das Bewusstsein des alten Menschen übernimmt den jungen Körper für eine Zeit, um wieder jung zu sein. Doch bei Callie geht es schief: Sie erwacht, bevor sie erwachen darf – in einem Leben, das ihr völlig unbekannt ist. Anstelle ihrer reichen Mieterin bewohnt sie eine teure Villa, verfügt über Luxus im Überfluss und verliebt sich in den jungen Blake. Bald aber findet sie heraus, dass ihr Körper zu einem geheimen Zweck gemietet wurde – um einen furchtbaren Plan zu verwirklichen, den Callie um jeden Preis verhindern muss ...
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Partials 3

Das große Finale der »Partials«-Reihe von Bestsellerautor Dan Wells: Die Zeit läuft ab und die Welt steht am Rand des letzten Krieges. Er wird das Schicksal beider Gattungen, der Menschen und der Partials, besiegeln. Während beide Seiten aufrüsten, um den vernichtenden Schlag zu führen, hat Kira Walker endlich ein Heilmittel für die Partials gefunden. In ihrem verzweifelten Bemühen, den Untergang zu verhindern, muss Kira bereit sein, alles zu opfern – selbst wenn es ihr eigenes Leben ist ...
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ERSTER TEIL

 

 

Kapitel 1

 

» Dies ist eine Botschaft für alle Einwohner von Long Island. «
Bei der ersten Durchsage hatte niemand die Stimme ­erkannt. Allerdings wurde der Text unablässig, Tag für Tag und Woche um Woche, auf sämtlichen verfügbaren ­Frequenzen wiederholt, damit es alle Bewohner der Insel hörten. Die verschreckten Flüchtlinge, die in Gruppen oder allein in der Wildnis hockten, kannten den Wortlaut bald auswendig. Erbarmungslos plärrte die Drohung aus den Funkgeräten und brannte sich ihnen unauslöschlich ins ­Gehirn und in die Erinnerungen ein. Nach einigen Wochen suchte sie die Stimme sogar in ihren Träumen heim, bis nicht einmal mehr der Schlaf Erholung von der gelassenen, nüchternen Drohung bot.
» Wir wollten keine Invasion durchführen, doch die Umstände zwangen uns dazu. «
Schließlich erfuhren sie, dass die Sprecherin eine Wissenschaftlerin namens McKenna Morgan war und dass sich das Wir in der Botschaft auf die Partials bezog – unbesieg­bare Supersoldaten, in Laboratorien erschaffen und in Bruttanks gezüchtet, um einen Krieg zu führen, den die Menschen aus eigener Kraft nicht gewinnen konnten. Sie kämpften und siegten, doch als sie in die Vereinigten Staaten zurückkehrten und sahen, dass sie heimatlos und ver­loren waren, wandten sie sich gegen ihre Schöpfer und ­zogen abermals in den Krieg. Dies war der Partialkrieg, der das Ende der Welt heraufbeschwor.
Allerdings war der Krieg, in dem die Welt unterging, nicht der letzte Krieg, den es auf der Erde geben sollte. Zwölf Jahre später standen Partials und Menschen kurz vor der Ausrottung, und beide Gruppen waren bereit, die jeweils andere zu vernichten, um selbst zu überleben.
» Wir suchen ein Mädchen namens Kira Walker. Sie ist sechzehn Jahre alt, einen Meter achtundsiebzig groß und wiegt etwa sechzig Kilogramm. Sie ist indianischer Abstammung und hat helle Haut und pechschwarzes Haar. Mög­licherweise hat sie es abgeschnitten oder gefärbt, um ihre Identität zu verschleiern. «
Nur wenige Bewohner der Insel kannten Kira Walker persönlich, doch jeder wusste, wer sie war : eine Sanitäterin, die im Krankenhaus ausgebildet worden war und nach ­einem Mittel gegen die RM-Seuche gesucht hatte. Dabei ­hatte sie dem Wunderkind Arwen Sato das Leben gerettet. Die Kleine war seit zwölf Jahren das erste menschliche Kind, das mehr als drei Tage überlebt hatte. Kira war berüchtigt, weil sie während der Suche nach dem Heilmittel zwei willkürliche Angriffe auf die Partialarmee durchgeführt und dadurch vermutlich das Ungeheuer geweckt hatte, das nach dem Partialkrieg in Schlaf gefallen war. Sie hatte die Welt sowohl gerettet als auch zum Untergang verdammt. Bei der ersten Ausstrahlung der Botschaft hatten die Menschen noch nicht gewusst, ob sie Kira Walker lieben oder hassen sollten. Mit jedem neuen Einwohner, der starb, ­sollte sich das Bild verändern.
» Bringen Sie uns dieses Mädchen, und die Besetzung ist sofort beendet. Wenn Sie das Mädchen weiterhin ver­stecken, richten wir jeden Tag einen von Ihnen hin. Diese Botschaft wird nacheinander auf allen Frequenzen aus­gestrahlt und wiederholt, bis Sie unsere Anweisungen be­folgen. Danke. «
Am ersten Tag hatten die Partials einen alten Mann ge­tötet, der in den Zeiten, als es noch Schulkinder gegeben hatte, Lehrer gewesen war. John Dianatkah hatte fünf Bienenstöcke betrieben, um für die Schüler Honigbonbons her­zustellen. Die Soldaten hatten ihn mitten in East Meadow, der größten Siedlung auf Long Island, durch einen Schuss in den Hinterkopf getötet. Zum Zeichen dafür, dass sie es ernst meinten, hatten sie ihn danach auf der Straße liegen gelassen. Niemand hatte Kira verraten, weil die Menschen damals noch stolz und unbeugsam gewesen waren. Die Partials sollten mit den Säbeln rasseln, so viel sie wollten, die Menschen gaben nicht klein bei. Doch die Botschaft spielte unablässig ab, und am nächsten Tag töteten die Besatzer ein gerade siebzehn Jahre altes Mädchen, am Tag darauf eine alte Dame und danach einen Mann in mittleren Jahren.
» Bitte zwingen Sie uns nicht, dies länger als nötig zu tun. «
Eine Woche verging, sieben Menschen starben. Zwei Wochen, und vierzehn Einwohner waren umgebracht worden. In der Zwischenzeit führten die Partials keine Angriffe auf die Menschen mehr durch und trieben sie nicht in Arbeitslagern zusammen, sondern sperrten sie einfach in East ­Meadow ein und nahmen jeden fest, der fliehen wollte. Wer einen Partial angriff, wurde ausgepeitscht oder geschlagen, und wer allzu großen Ärger machte, diente am folgenden Tag als Opfer. Wenn ein Mensch spurlos verschwand, machten getuschelte Gerüchte die Runde : Vielleicht war er entkommen. Vielleicht hatte Dr. Morgan ihn in ihr blutfleckiges Labor verschleppt. Oder der Betreffende kniete am folgenden Tag vor einem Partial, während in der ganzen Stadt die Botschaft aus den Lautsprechern plärrte, und bekam eine Kugel in den Kopf. Jeden Tag gab es eine neue Hinrichtung. Jede Stunde wurde die Botschaft wiederholt, immer wieder, unerbittlich.
» Wir suchen ein Mädchen namens Kira Walker. «
Dennoch verriet sie niemand – aber schließlich nicht mehr deshalb, weil die Menschen so stolz waren, sondern weil niemand Kiras Aufenthaltsort kannte. Einige behaupteten, sie habe die Insel verlassen, andere meinten, sie verstecke sich im Wald. Natürlich würden wir Kira ausliefern, wenn wir ihrer habhaft würden, aber sie ist nicht auffindbar, verstehen Sie das denn nicht ? Können Sie das nicht begreifen ? Können Sie nicht aufhören, uns zu töten ? Es sind doch kaum noch Menschen am Leben. Gibt es denn keinen anderen Weg ? Wir wollen Ihnen ja helfen, aber wir können es einfach nicht.
» Sechzehn Jahre alt … einen Meter achtundsiebzig groß … pechschwarzes Haar. «
Nach einem Monat hatten die Menschen genauso große Angst voreinander wie vor den Partials. Die Hexenjagd vergiftete die Gemeinschaft der Flüchtlinge … Du siehst aus wie Kira, vielleicht akzeptieren sie dich, vielleicht reicht das. Junge Mädchen, Frauen mit schwarzem Haar, alle, die auch nur entfernt indianisch wirkten oder den Eindruck erweckten, sie hätten etwas zu verbergen. Woher soll ich wissen, ob du nicht Kira bist ? Und wie sollen es die Partials wissen ? Vielleicht stellen sie das Töten ein, und sei es nur für eine Weile. Und wie ­sollen wir wissen, ob du sie nicht versteckst ? Ich will dich ja nicht hinhängen, aber wir sterben. Ich will dir nicht wehtun, aber sie zwingen uns dazu.
» Wenn Sie das Mädchen weiterhin verstecken, richten wir jeden Tag einen von Ihnen hin. «
Die Partials waren von Natur aus stärker als die Menschen. Sie bewegten sich schneller, waren widerstandsfähiger und in jeder Hinsicht überlegen. Sobald sie aus den Bruttanks geholt wurden, begann die militärische Aus­bildung. Die Partials kämpften wie Löwen, bis sie zwanzig wurden und das genetisch eingebaute Verfallsdatum sie umbrachte. Sie wollten Kira Walker fassen, weil Dr. Morgan den Menschen eine Information voraushatte : Kira war eine Partial. Ein Modell, das vorher nie in Erscheinung getreten war und von dessen Existenz keiner wusste. Nach Morgans Ansicht konnte Kiras DNA dazu beitragen, das Verfalls­datum aufzuheben. Doch selbst wenn die Menschen Bescheid gewusst hätten, wäre es ihnen gleichgültig gewesen. Sie wollten einfach nur überleben. Einige Widerstandskämpfer schlugen sich in der Wildnis durch, nutzten ihre Ortskenntnis und kämpften auf verlorenem Posten gegen die endgültige Auslöschung. Den fünfhunderttausend Partials standen fünfunddreißigtausend Menschen gegenüber, und zum Zahlenverhältnis von mehr als zehn zu eins kam die Tatsache hinzu, dass die Partials erheblich bessere Kämpfer waren. Wenn sie beschlossen, die Menschen zu ­töten, dann entkamen ihnen die Menschen auf keinen Fall.
Dann fanden die Widerstandskämpfer in einem untergegangenen Zerstörer der Kriegsmarine einen Atomsprengkopf.
» Wir wollten keine Invasion durchführen, doch die Umstände haben uns dazu gezwungen«, hieß es in der Botschaft.
Die Widerstandskämpfer sagten sich das Gleiche, als sie die Bombe ins Heimatland der Partials schmuggelten.

 


Kapitel 2


Senator Owen Tovar atmete gedehnt aus. » Woher wusste Delarosa, dass eins der versenkten Schiffe eine Atombombe an Bord hatte ? « Er warf Haru Sato, dem Soldaten, der ihm die Neuigkeiten übermittelt hatte, einen Blick zu und wandte sich an Mr. Mkele, den Geheimdienstchef der Insel. » Genauer gesagt – wie kommt es, dass Sie es nicht wussten ? «
» Die versenkte Flotte war mir bekannt «, erwiderte Mkele. » Hingegen hatte ich keine Ahnung, dass sie eine Atom­bombe transportierte. « Haru hatte Mkele immer als fähigen und selbstbewussten Mann betrachtet – furchtbar, wenn er und Haru unterschiedlicher Meinung waren, und äußerst zielstrebig, solange sie die gleichen Ziele verfolgten. Nun wirkte der Geheimdienstler niedergeschlagen und über­fordert. Mkele derart ratlos zu sehen, war in gewisser Weise sogar noch verstörender als die Schrecken, die dieser Situation vorausgegangen waren.
» Ein Mitglied von Delarosas Widerstandsgruppe wusste davon «, erklärte Haru. » Ich kann nicht sagen, wer. Nur so viel, dass es wohl ein alter Marineoffizier war. «
» Und das hat er all die Jahre für sich behalten ? «, fragte Tovar. » Wollte er irgendjemanden damit überraschen ? «
Senator Hobb trommelte mit den Fingern auf den Tisch. » Wahrscheinlich hegte er die begründete Befürchtung, man könne die Bombe bergen und einsetzen, falls er jemandem davon erzählte. Offenbar wird nun genau das passieren. «
» Delarosa behauptet, die Partials überrennen uns «, meinte Haru. Die vier Männer saßen tief unter dem ehemaligen JFK Airport in einem Tunnel. Die Anlage war zerstört und zerbombt, doch dank der weiten freien Flächen konnten anrückende Partials früh entdeckt werden. Dies war der letzte Rückzugsort des verzweifelten Senats. » Nicht nur jetzt – sie würden bis in alle Ewigkeit damit fortfahren. Sie denkt, die Menschen könnten ihre Welt nie wieder aufbauen, solange sich die Partials dort draußen herumtreiben. Damit hat sie recht, so schrecklich es auch ist. Das heißt aber noch längst nicht, dass alles besser wird, wenn wir eine Atombombe zünden. Ich hätte sie nur zu gern aufgehalten, doch sie verfügt über ein ganzes Heer an Guerillakämpfern, und die meisten Soldaten meiner Einheit haben sich ihr angeschlossen. « Er schüttelte den Kopf. Haru war mit seinen gerade dreiundzwanzig Jahren der jüngste der vier Männer. Schon lange hatte er sich nicht mehr so klein und hilflos gefühlt – genau genommen seit dem Zusammenbruch nicht mehr. Der Untergang und das Chaos waren schon schlimm genug, aber die Tatsache, dass er das alles bereits kannte, machte ihm noch viel mehr zu schaffen. Vor zwölf Jahren war die Welt schon einmal untergegangen, und nun wiederholte sich die Geschichte. Damals war er noch ein Kind gewesen, und plötzlich fühlte er sich abermals wie ein Kind : verloren, verwirrt und von dem verzweifelten Wunsch beseelt, irgend­jemand möge einschreiten und alles zum Besseren wenden. Dieses Gefühl mochte er überhaupt nicht, und er verachtete sich sogar selbst, weil es überhaupt in ihm aufgekommen war. Immerhin war er selbst Vater – der erste Vater seit zwölf Jahren, der ein lebendes, gesundes, atmendes Kind hatte. Die Kleine und ihre Mutter saßen zusammen mit ihm in der Patsche. Um ihretwillen musste er sich zusammen­reißen.
» Mir gefiel Delarosa besser, als sie noch im Gefängnis saß «, erklärte Hobb. » Das haben wir davon, dass wir einer Terroristin vertraut haben. « Er warf Tovar einen raschen Blick zu. » Anwesende natürlich ausgenommen. «
» Nein, Sie haben ganz recht «, erwiderte Tovar. » Wir ­haben viel zu oft Fanatikern vertraut, und das ist für uns selten gut ausgegangen. Ich war ein ziemlich gerissener Terrorist – jedenfalls klug genug, um mich als Freiheitskämpfer zu verkaufen und eine führende Position zu übernehmen. Aber ich bin ein schrecklicher Senator. Wir mögen es, wenn sich die Menschen erheben und kämpfen, ganz besonders, wenn wir mit ihnen übereinstimmen, aber es ist der nächste Schritt, auf den es wirklich ankommt. Was geschieht, wenn die Kämpfe vorüber sind ? « Er lächelte traurig. » Ich habe Sie alle enttäuscht. «
» Die Invasion der Partials war nicht Ihre Schuld «, widersprach Mkele.
» Die letzten Reste der Menschheit werden sich freuen, das zu hören «, erwiderte Tovar. » Es sei denn, die Invasion der Partials erweist sich als wundervolles Geschenk. In diesem Fall würde ich alle Belobigungen für mich beanspruchen. «
» Aber nur, wenn Hobb Ihnen nicht zuvorkommt «, warf Haru ein.
Senator Hobb stotterte etwas Unzusammenhängendes, um sich zu verteidigen, und Mkele warf Haru einen miss­billigenden Blick zu. » Wir haben Wichtigeres zu tun, als Sticheleien auszutauschen. «
» Selbst wenn sie wahr sind «, sagte Tovar. Daraufhin starrten Mkele und Hobb ihn an, doch Tovar zuckte nur mit den Achseln. » Was denn ? Bin ich etwa als Einziger bereit, persönliches Versagen einzugestehen ? «
» Auf unserer Insel läuft eine abgeurteilte Kriegsverbrecherin mit einer Atombombe herum «, erklärte Hobb. » Ganz zu schweigen von der Armee von Supersoldaten, die uns abschlachten wie Vieh. Könnten wir uns vielleicht darauf statt auf persönliche Angriffe konzentrieren ? «
» Sie wird die Bombe nicht auf der Insel einsetzen «, gab Haru zu bedenken. » Nicht einmal Delarosa ist derart blutrünstig. Sie will nicht um jeden Preis Partials töten, sondern vor allem die Menschen retten. Natürlich bringt sie Partials um, aber nicht auf Kosten der wenigen Menschen, die noch übrig sind. «
» Das ist ein guter Einwand «, räumte Mkele ein. » Aber eine Atombombe ist eine sehr ungenaue Waffe. Woher wissen wir, dass sie klug damit umgeht ? Im günstigsten Fall schafft sie die Bombe aufs Festland und zündet sie irgendwo nördlich der Partials, damit sie der strahlende Fallout tötet. Wahrscheinlicher ist aber, dass sie die Basis der Par­tials in die Luft jagt, worauf der Fallout anschließend uns umbringt. «
» Das könnte der einzige Plan sein, der überhaupt gelingen kann «, überlegte Hobb. » Soweit wir wissen, sterben die Partials nicht einmal an Strahlenvergiftung. «
» Wie weit ist White Plains entfernt ? «, fragte Tovar. » Hat jemand eine Landkarte ? «
» Aber klar. « Mkele legte die Aktentasche auf den Tisch, und die Schlösser öffneten sich mit leisem Klicken. » Die Reise von hier nach White Plains dauert eine gewisse Zeit, weil der Long Island Sound umgangen werden muss. « Er entfaltete eine Karte und breitete sie auf dem Tisch aus. » Selbst wenn Delarosa den Sund mit dem Boot überquert, braucht sie eine ganze Weile, um das Ziel zu erreichen. Wobei sie allerdings höchstwahrscheinlich erwischt wird. ­Sofern sie sehr vorsichtig ist und heimlich vorgeht, dauert die Reise vielleicht sogar mehrere Monate. Betrachtet man lediglich die Luftlinie, scheint es nicht sonderlich weit zu sein. Von White Plains bis East Meadow sind es … « Er betrachtete die Karte und maß die Entfernung mit einem abgegriffenen Plastiklineal. » Ungefähr sechzig Kilometer. « Er hob den Kopf. » Wissen wir, welche Atomwaffe sie besitzt ? Wie stark ist die Ladung ? «
» Sie sagte, die Bombe stamme aus einem Schiff namens The Sullivans «, berichtete Haru. » Ich weiß nicht, warum der Name die Pluralform hat. «
» Das war ein Zerstörer «, ergänzte Tovar. » Arleigh-Burke-Klasse. Das Schiff war schon vor zwölf Jahren recht alt, aber sehr zuverlässig. Die Navy setzte diesen Typ lange ein. Die The Sullivans ist nach fünf Brüdern benannt, die im Zweiten Weltkrieg gemeinsam in einer Schlacht gefallen sind. «
» Ich dachte, Sie wussten nichts von der Atombombe «, meinte Hobb.
» Das trifft auch zu «, erwiderte Tovar. » Aber Sie reden hier mit einem ehemaligen Marinesoldaten. Das Schiff, dessen Beschreibung ich nicht kenne, muss erst noch gebaut werden. «
» Dann klären Sie uns doch mal über die Daten dieses Schiffs auf ! «, drängte ihn Mkele. » Trägt ein Zerstörer dieser Bauart Atomraketen, oder hatte er eine Bombe geladen, die von einem Selbstmordkommando direkt an Bord gezündet werden sollte ? «
» Die Zerstörer der Arleigh-Burke-Klasse sind mit Tomahawks ausgerüstet «, erklärte Tovar. » Das sind Marschflugkörper mit Zweihundert- bis Dreihundertkilotonnenbomben. Die Waffen sind für Langstreckenangriffe gedacht, aber die Partials hatten eine starke Raketenabwehr und konnten sie abschießen, bevor sie einschlugen. Ich vermute, diese Bombe ist unmittelbar vor der Küste von Long Island gelandet, weil man sie dicht heranbringen und direkt am feindlichen Stützpunkt zünden wollte. Damit hätten sie die Flotte, den größten Teil von New York sowie New Jersey und Connecticut geopfert, aber die Partials wären auf jeden Fall vernichtet worden. «
Haru schnitt eine Grimasse und staunte wieder einmal darüber, wie verzweifelt die damalige Regierung gewesen war, um so etwas in Erwägung zu ziehen. Allerdings sah ihre eigene Situation derzeit auch nicht viel besser aus. Kurz vor dem Weltuntergang und wenn bereits klar war, wohin die Reise ging, war eine Atomexplosion ein kleiner Preis. Zwar kämen alle Menschen in Reichweite um, und die ganze Gegend bliebe für Jahrzehnte unbewohnbar, aber auch die Partials wären verschwunden. Das wäre es vielleicht sogar wert gewesen. Aber nun, da sich die letzten Vertreter der Menschheit nur sechzig Kilometer entfernt aufhielten …
» Wie sieht der Zerstörungsradius aus ? «, fragte Haru. » Ist anschließend die ganze Insel tot ? «
» Nicht unbedingt «, sagte Tovar. » Aber wenn es irgend-
wie möglich ist, wollen wir dann nicht hier sein. Bei dieser Ladung ist der Feuerball sofort nach der Zündung etwa zwei Kilometer groß. In diesem Bereich herrschen bis zu zweihundert Millionen Grad. Im Umkreis von etwa zehn Kilo­metern wird die Druckwelle alles zerstören. In diesem Bereich geht alles sofort in Flammen auf, und der jäh ausbrechende Brand saugt genügend Luft an, um einen Hurrikan mit Lufttemperaturen zu erzeugen, bei denen Wasser verkocht. Alle Lebewesen in einem Umkreis von … von zehn Kilometern sterben binnen weniger Minuten. Zehn bis fünfzehn Kilometer weiter entfernt sterben immer noch so viele Lebewesen, dass man den Unterschied kaum bemerkt. Die primären Auswirkungen würden wir hier auf der Insel nicht spüren. Der Boden bebt, und wer in die Richtung der Explosion blickt, wird erblinden, aber das dürfte auch schon das Schlimmste sein. Theoretisch jedenfalls. Dann aber geht die radioaktive Asche nieder, und wir bekommen alle Leukämie und sterben qualvoll und langsam. «
» Wie groß ist die Wolke ? «, fragte Haru.
» Eine radioaktive Staubwolke breitet sich nicht so schnell aus wie eine Druckwelle «, erklärte Mkele. » Die ­Wolke verteilt Feststoffe, deren Niederschlag vom Wetter abhängt. In dieser Gegend weht der Wind meistens nach Nordosten, daher wird die Aschewolke größtenteils in diese Richtung ziehen, doch wir bekommen auf jeden Fall am Rand noch etwas Fallout mit – Turbulenzen am Rand der Strömung und Mitbringsel der Winde, die beim Brand entstehen. «
» Alles, was weniger als zweihundertfünfzig Kilometer in Windrichtung entfernt ist, stirbt binnen zwei Wochen «, ergänzte Tovar. » Wir müssen einfach hoffen, dass sich der Wind nicht dreht. «
» Aber die Partials werden dabei auf jeden Fall umkommen «, meinte Hobb.
» Ja, auf dem Festland wird es keine Überlebenden geben «, bestätigte Mkele. » Da wir der Explosion sehr nahe sind, werden wir allerdings – selbst unter idealen Bedingungen – viele Menschen verlieren. «
» Richtig, aber die Partials sind dann vernichtet «, wiederholte Hobb. » Delarosas Plan wird funktionieren. «
» Ich glaube, Sie begreifen nicht, welche Auswirkungen … «, setzte Haru an, doch Hobb fiel ihm ins Wort.
» Sie begreifen es anscheinend auch nicht «, fauchte Hobb. » Welche Möglichkeiten stehen uns denn überhaupt noch ­offen, wenn wir es nüchtern betrachten ? Glauben Sie, wir können Delarosa aufhalten ? Seit Wochen sucht die ganze Partialarmee vergeblich nach der Frau. Wir können nicht einmal diesen Stützpunkt verlassen, ohne beschossen zu werden. Deshalb bin ich ziemlich sicher, dass auch wir sie nicht finden werden. Möglicherweise könnten wir ihre Truppen entdecken, weil wir wissen, wie wir es anstellen müssen. Aber das Team, das den Sprengkopf befördert, kann vermutlich sowieso nicht mehr zurückgerufen werden. Die Bombe wird explodieren, ob es uns gefällt oder nicht, und darauf müssen wir uns vorbereiten. «
» Die Partials werden sie schnappen «, widersprach Mkele. » Einen Atomsprengkopf kann man nicht so leicht transportieren. Sie dürfte Schwierigkeiten haben, sich damit zu verstecken. «
» Und wenn sie erwischt wird, jagt sie ihn womöglich auf der Stelle in die Luft «, wandte Hobb ein. » Solange sie mehr als dreißig Kilometer von East Meadow entfernt ist, kann unseren Einwohnern nichts passieren, und der Wind weht den Fallout immer noch nach Norden in Richtung White Plains. «
» Sofern sie überhaupt dreißig Kilometer weit kommt «, gab Haru zu bedenken.
Tovar zog die Augenbrauen hoch. » Sind wir bereit, für eine Reihe von Ungewissheiten das Überleben der Menschheit aufs Spiel zu setzen ? «
» Was riskieren wir schon ? «, meinte Hobb. » Wir schicken jemanden los, der sie aufhalten soll, und die anderen verlassen die Insel. Erst wenn wir die Hände in den Schoß ­legen, wird es gefährlich. «
» Hobb hat mit seiner Aussage nicht übertrieben, dass es schwierig ist, sich dort draußen zu bewegen «, meinte Mkele. » Haru kann es, weil er dazu ausgebildet ist und die Insel kennt. Aber wie wollen Sie eine Massenevakuierung durchführen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen ? «
» Wir nehmen es nach der Explosion in Angriff «, schlug Hobb vor. » Wir informieren die Menschen und bereiten sie darauf vor. Sobald die Bombe explodiert ist und die Besatzungstruppen abgelenkt sind, erheben wir uns, töten möglichst viele Partials und fliehen nach Süden. «
» Ihr Plan besteht also darin, eine überlegene Armee auszuschalten und dann vor dem Wind davonzulaufen «, fasste Tovar zusammen. » Es freut mich, dass es so einfach ist. «
» Wir müssen vorher evakuieren «, sagte Haru. » Am besten sofort, um nach Möglichkeit auch der Peripherie des Fallout zu entgehen. «
» Wir haben schon geklärt, dass dies nicht möglich ist «, widersprach Hobb. » So viele Menschen können wir nicht transportieren, ohne die Aufmerksamkeit der Partials zu erregen, die uns natürlich sofort daran hindern würden. « Er wandte sich an die anderen. » Könnte mir mal jemand erklären, warum der Junge überhaupt hier ist ? «
» Er hat sich als wertvoll erwiesen «, sagte Mkele. » Wir müssen jede nur mögliche Hilfe in Anspruch nehmen. «
» Aus diesem Grund sind übrigens auch Sie selbst hier «, warf Tovar ein.
» Meine Frau und mein Kind leben in East Meadow «, drängte Haru. » Sie wissen, wer die beiden sind – jeder lebende Mensch kennt die Namen. Daher wissen Sie auch, dass wir keine Zeit verschwenden dürfen. Arwen ist das einzige Kind auf der Welt, und sie wird früher oder später Aufmerksamkeit erregen. Soweit wir informiert sind, befinden sich beide bereits im Gewahrsam der Partials und könnten jederzeit seziert und untersucht werden. «
» Das Kind dürfen wir keinesfalls verlieren. « Haru sah, dass der Mann große Angst hatte. » Arwen repräsentiert unsere Zukunft. Wenn sie bei der Explosion oder beim anschließenden Fallout stirbt … «
» Deshalb müssen wir sofort mit der Evakuierung be­ginnen «, fiel Haru ihm ins Wort. » Noch bevor Delarosa die Bombe zündet. Es muss doch einen Weg geben. «
» Hobb wollte die Explosion als Ablenkung nutzen «, sagte Mkele. » Vielleicht können wir für eine andere Ablenkung sorgen. «
» Wären wir zu einer Ablenkung fähig, um die Partials zu überwinden, dann hätten wir sie längst vorgenommen «, widersprach Hobb. » Die Atombombe ist die einzig wirk­same Waffe, die wir haben. «
Mkele schüttelte den Kopf. » Wir müssen sie ja nicht besiegen, sondern nur ihre Aufmerksamkeit ablenken. Delarosas Guerillakämpfer tun das mehr oder weniger jetzt schon. Wenn wir nun alle losziehen … «
» Dann sterben wir «, wandte Tovar ein. » Wie Hobb schon sagte – gäbe es eine Möglichkeit, die uns selbst nicht gefährden würde, hätten wir sie längst ergriffen. «
» Dann gefährden wir uns eben «, sagte Mkele.
Die anderen Männer schwiegen.
» Die Situation ist sowieso schon bedrohlich und lebensgefährlich «, fuhr Mkele fort. » Wir reden über eine Atombombenexplosion in sechzig Kilometern Entfernung von der letzten Gruppe menschlicher Bewohner auf dem Pla­neten. Selbst im günstigsten Fall, wenn wir nämlich davon aus­gehen, dass Delarosa gefunden und rechtzeitig von ­ihrem Vorhaben abgebracht wird, sind wir einer Besatzungs­truppe nicht menschlicher Wesen ausgeliefert, die uns wie Tiere einpferchen. Bei einem offenen Angriff auf die Partials stirbt jeder Soldat, den wir noch haben, darüber dürfen wir uns keine Illusionen machen. Wenn es aber eine Fluchtmöglichkeit für die restlichen Menschen gibt, dann sollten wir zumindest überlegen, ob es die Sache nicht wert ist. «
Haru dachte an seine Familie : an seine Frau Madison und seine kleine Tochter. Die Vorstellung, Arwen ohne ­Vater aufwachsen zu lassen, war schrecklich, doch Mkele hatte recht. Wenn die Alternative die völlige Ausrottung war, dann wurden viele Schrecken auf einmal tragbar. » Wir sterben sowieso «, sagte er. » Auf diese Weise könnten wir mit unserem Tod wenigstens noch etwas bewegen. «
» Melden Sie sich nicht zu früh als Freiwilliger ! «, gab ­Tovar zu bedenken. » Der Plan muss zwei Teile haben : Eine Gruppe sorgt für die Ablenkung, die andere führt die Einwohner so weit nach Süden, wie es überhaupt menschenmöglich ist, und das meine ich nicht ironisch. «
» Also laufen wir weg. « Mkeles Stimme klang belegt. » Wir entfernen uns von der einzigen Quelle des Heilmittels. ­Haben Sie das alle schon vergessen ? «
Wieder herrschte Schweigen im Raum. Haru war wie betäubt. Gleichgültig, wie weit sie wegliefen, sie litten immer noch an der RM-Seuche. Arwen hatte allein deshalb überlebt, weil Kira im Pheromonsystem der Partials ein Heil­mittel gefunden hatte, das die Menschen bisher allerdings nicht im Labor hatten replizieren können. Sie mussten in einer anderen medizinischen Einrichtung noch einmal von vorn beginnen. Es konnte Jahre dauern, überhaupt ein passendes Labor zu finden und in Betrieb zu nehmen. Es gab keinerlei Garantie, dass ihre Forschungen jemals von Erfolg gekrönt wären. Wenn die Partials starben, ging das Heil­mittel höchstwahrscheinlich zusammen mit ihnen unter.
Haru sah den Männern an, dass sie über das gleiche unlösbare Problem nachdachten. Mit trockener Kehle und schwacher Stimme brach er das Schweigen. » Der günstigste Fall verwandelt sich nach und nach in den schlimmsten. «
» Die Partials sind unser größter Feind, aber sie sind auch die einzige Hoffnung für unsere Zukunft «, sagte Mkele. Er legte die Fingerspitzen zusammen und presste die Hände an die Stirn, bevor er fortfuhr. » Vielleicht sollten wir einige von ihnen mitnehmen. «
» Sie sagen das, als wäre das kinderleicht «, meinte Haru.
» Was wollen Sie denn tun ? Partials in Käfige einsperren und ihnen die Pheromone entziehen, sobald Sie sie brauchen ? Finden Sie das nicht verwerflich ? «
» Es ist meine Aufgabe, die Menschen zu beschützen «, erwiderte Mkele. » Wenn es auf die Frage hinausläuft, ob wir überleben oder sterben, ja, dann bin ich bereit, die Partials in Käfigen zu halten. «
Tovar machte eine grimmige Miene. » Ich vergesse immer wieder, dass Sie unter Delarosa den gleichen Job hatten. «
» Delarosa hat versucht, die Menschheit zu retten «, antwortete Mkele. » Als einziges Verbrechen ist ihr vorzuwerfen, dass sie dabei zu weit gehen wollte. Wir haben beschlossen, ihr auf diesem Weg nicht zu folgen, aber nun betrachten Sie unsere Lage ! Wir verstecken uns im Keller, lassen Delarosa unsere Kämpfe ausfechten und spielen ernsthaft mit dem Gedanken, sie eine Atombombe zünden zu lassen. Wir sind längst über den Punkt hinaus, an dem wir moralisch urteilen und entscheiden können. Entweder retten wir die Menschheit, oder wir lassen es sein. «
» Ja «, entgegnete Tovar, » aber danach sollten wir es immer noch wert sein, gerettet zu werden. «
» Entweder wir retten die Menschheit, oder wir lassen es sein «, wiederholte Mkele mit größerem Nachdruck. Nach­einander, bei Hobb beginnend, musterte er die anderen Männer. Der amoralische Senator nickte beinahe sofort. Dann wandte Mkele sich an Haru, der kurz zurückstarrte und schließlich ebenfalls nickte. Wenn die Alternative die Ausrottung ist, dann sind auf einmal viele Schrecken tragbar.
» Die Sache gefällt mir nicht, ist aber immer noch besser, als wenn alle sterben «, sagte Haru. » Für einen anderen Versuch haben wir keine Zeit mehr. «
Mkele wandte sich an Tovar, der ergeben beide Hände hob. » Wissen Sie, wie lange ich gegen eine solche Art von faschistischer Politik gekämpft habe ? «
» Ich weiß es «, antwortete Mkele ruhig.
» Ich habe einen Bürgerkrieg begonnen «, fuhr Tovar fort. » Ich habe mein eigenes Volk bombardiert, weil ich die Freiheit für wichtiger hielt als das Überleben. Es nutzt aber nichts, wenn wir uns retten und dabei die Menschlichkeit verlieren. «
» Wenn wir überleben, können wir uns verändern «, sagte Mkele. » Sogar eine Nation, die auf Sklaverei aufbaut, kann sich verändern, sofern wir nicht alle sterben. «
» Das ist falsch «, beharrte Tovar.
» Ich habe nie behauptet, es sei richtig «, räumte Mkele ein. » Jede Entscheidung, die wir treffen könnten, ist falsch. Dies ist das kleinste von neunundneunzig anderen Übeln. «
» Ich sorge für die Ablenkung «, sagte Tovar. » Ich gebe mein Leben, damit ihr anderen fliehen könnt, und ich will mich so teuer wie möglich verkaufen. Teufel auch, ich bin als Senator sowieso nicht so gut wie als Terrorist ! « Er starrte alle herausfordernd an. » Aber geben Sie den Glauben an das Gute nicht völlig auf ! Irgendwo dort draußen gibt es einen Weg, das alles zu überstehen. « Er öffnete den Mund, um noch etwas hinzuzufügen, schüttelte schließlich aber nur den Kopf und wandte sich zum Gehen. » Ich hoffe nur, wir finden diesen Weg auch rechtzeitig. «
Tovars Hand war nur noch Zentimeter vom Türknauf entfernt, als die Tür plötzlich in den Scharnieren erbebte, weil von draußen jemand kräftig anklopfte.
» Senator ! « Es war eine junge Stimme, die nach Harus Vermutung einem Soldaten gehörte. Tovar sah sich neu­gierig nach den anderen um, bevor er öffnete.
» Senator Tovar «, sagte der Soldat so aufgeregt, dass sich seine Stimme schier überschlug. » Die Botschaft hat auf­gehört. «
Tovar runzelte die Stirn. » Die Botschaft hat … aufgehört ? «
» Die Sendung der Partials «, erklärte der Soldat. » Sie haben die Sendung eingestellt. Alle Kanäle sind frei. «
Mkele stand auf. » Sind Sie sicher ? «
» Wir haben alle Frequenzen überprüft «, bekräftigte der Soldat.
» Sie haben sie gefunden. « Die Mischung aus Erleichterung und Entsetzen lähmte Haru. Er kannte Kira seit Jahren, und ihm wurde übel bei der Vorstellung, dass sie sich in den Händen der Partials befand. Kira hätte allerdings ­sofort dagegengehalten, dass ein einziges Mädchen ein ­guter Preis für die vielen Menschen sei, die die Partials auf der Suche nach ihr töten würden. Er hatte sie gehasst, weil sie sich nicht freiwillig gestellt hatte, und sich schließlich eingeredet, sie sei entweder tot oder von der Insel geflohen. Sonst hätte sie sich seiner Meinung nach doch längst gemeldet. Niemand konnte stumm zusehen, wie Menschen hingerichtet wurden. Wenn sie tatsächlich gefasst wurde, muss ich annehmen, dass sie die ganze Zeit in der Nähe war … Der Gedanke machte ihn wütend.
» Wir haben keine Gewissheit, dass sie das Mädchen gefunden haben «, sagte Mkele. » Möglicherweise sind nur die Sender vorübergehend ausgefallen. «
» Oder sie haben es einfach aufgegeben «, meinte Hobb.
» Überwachen Sie weiter die Frequenzen ! «, wies Tovar den Soldaten an. » Geben Sie mir sofort Bescheid, wenn Sie etwas herausfinden ! Ich komme so bald wie möglich zu Ihnen. « Der Soldat nickte und rannte los. Tovar schloss die Tür und sperrte ab, damit ihre Unterhaltung geheim blieb. Bisher wusste niemand sonst von der Atombombe, und nach Harus Meinung war das sinnvoll und sollte so bleiben. » Inwieweit beeinflusst dies unsere Pläne ? «, fragte Tovar und betrach­tete die anwesenden Männer. » Hat es überhaupt einen Einfluss ? Die Atombombe ist noch immer unterwegs, und Delarosa will ihren Plan zweifellos weiter ausführen. Auch ohne tägliche Hinrichtungen ist es nur eine Frage der Zeit, und dies ist nach wie vor der schwerste Schlag, den wir ihnen versetzen können. «
» Wenn sich die Partials zurückziehen, ist die Atom­bombe sogar eine noch attraktivere Möglichkeit «, sagte Mkele. » Denn dann erwischen wir bei der Explosion eine größere Anzahl von ihnen. «
» Und außerdem Kira «, warf Haru ein und wusste nicht recht, wie er sich damit fühlen sollte.
Tovar lächelte traurig. » Vor zwanzig Minuten haben wir um eine Rechtfertigung für den Angriff gerungen, und nun ertragen wir es nicht, den Plan aufzugeben. «
» Delarosa wird ihren Plan umsetzen, und wir sollten mit dem unseren fortfahren «, bekräftigte Hobb.
» Ich glaube, dann ist es Zeit, den überwältigend starken Feind nachhaltig zu ärgern. « Tovar salutierte ungelenk. Wie durch Zauberhand kam der ehemalige Marinesoldat in dem erfahrenen alten Mann zum Vorschein. » Es war mir ein Vergnügen, gemeinsam mit Ihnen zu dienen. «
Mkele erwiderte den militärischen Gruß und wandte sich an Hobb und Haru. » Sie leiten die Evakuierung. «
» Damit meint er mich «, sagte Hobb.
» Er meint uns beide «, entgegnete Haru. » Nur weil Sie Sena­tor sind, haben Sie nicht das Kommando. «
» Ich bin doppelt so alt wie Sie. «
» Wenn Ihnen kein besserer Grund einfällt, sollten Sie eindeutig nicht das Kommando haben. « Haru stand auf. » Können Sie schießen ? «
» Ich habe seit der Gründung von East Meadow mit dem Gewehr trainiert «, erklärte Hobb beleidigt.
» Dann packen Sie Ihre Sachen ! «, verlangte Haru. » Wir brechen in einer Stunde auf. « Gedankenverloren verließ er den Raum. Vielleicht hatten die Partials tatsächlich Kira gefunden – aber wo ? Und warum nach so langer Zeit ?
Und was würden sie als Nächstes tun, nachdem sie Kira gefasst hatten ?

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