Bettina Tietjen über Demenz
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Bettina Tietjen über Demenz

Dienstag, 21. Juni 2016 von Bettina Tietjen


»Demenz ist nicht nur zum Heulen« Bettina Tietjen (Videotranskription)

In ihrem sehr persönlichen Buch »Unter Tränen gelacht« erzählt Bettina Tietjen von der Demenzerkrankung ihres Vaters, vom ersten »Tüdeln« bis zur totalen Orientierungslosigkeit. Im Video erzählt sie, wie sie es geschafft hat ihrem Vater nahe zu bleiben.

Warum wollten Sie dieses Buch schreiben?

Ich hab das Buch „Unter Tränen gelacht“ genannt, weil ich zwei Seiten der Demenz zeigen möchte. Einmal natürlich die traurige und oft verzweifelte, aber auch die lebensbejahende, die manchmal ausgelassene. Wenn man sich darauf einlässt, dann kann man so viel Freude am Leben haben. Mein Vater und ich haben bis zuletzt viel zusammen gelacht. Er hat es geliebt aufs Wasser zu gucken, nach den Schiffen zu schauen , das hat ihn – auch in seiner Demenz – an ganz früher erinnert, an seine Zeit als Marineoffizier.
 

Wie haben Sie gemerkt, dass Ihr Vater dement wurde?

Meine Schwester, die gleich nebenan wohnte, hat zum Beispiel seine Brille im Tiefkühlschrank gefunden oder ihr ist aufgefallen, dass er zehn bis fünfzehn Mal am Tag zum Geldautomaten gefahren ist und immer denselben kleinen Betrag abgehoben hat. Das sind typische erste Anzeichen einer Demenz.

 

Was war Ihre Reaktion auf diese ersten Anzeichen und wie sind Sie und Ihr Vater damit umgegangen?

Am Anfang habe ich versucht, meinen Vater genauso zu behandeln wie immer, wie ich ihn sein Leben lang behandelt habe. Aber es kam natürlich der Moment, wo er sich in seiner Persönlichkeit durch die Demenz so verändert hat, dass das nicht mehr ging.

Ich glaube, es ist ganz typisch, dass man das erst tabuisiert. Sowohl derjenige selbst merkt: ‚In meinem Kopf ist etwas nicht in Ordnung ‘ und will das nicht wahrhaben, und auch die Angehörigen denken: ‚Könnte das wirklich Demenz sein? ‘, und man verdrängt das erstmal.
Erst habe ich mich dagegen gesträubt und wollte, dass mein Vater so ist, wie er immer war. Dann gab es auch Auseinandersetzungen, ich hab ihn immer verbessert, ich hab versucht ihn wieder auf die Spur zu bringen. Das hat natürlich nicht funktioniert.

Und erst in dem Moment, wo ich mich voll auf diesen veränderten Menschen eingelassen habe,  ist eine ganz neue Nähe entstanden. Aber das Wort „dement“ – ich glaube, wir haben das Wort kein einziges Mal benutzt in all den Jahren, in denen er dement war. Das war tabu, es wurde einfach nicht ausgesprochen.

Mein Vater war ja Architekt und er hat immer sehr, sehr gerne gezeichnet, vor allen Dingen sein Elternhaus. Das hat er ziemlich exakt hundertfach reproduziert. Und natürlich wurden seine Zeichnungen im Laufe der Demenz immer schlichter, aber trotzdem immer noch künstlerisch. Er hat sich selbst sehr gern gemalt, immer im Profil. Erst ganz am Ende ist er dann allmählich vom Profil zur Frontalansicht gewechselt. Und diese Gesichter von vorn, diese Menschen von vorn, die hatten immer einen leicht asiatischen Anschlag – warum auch immer.
 

Was haben Sie während dieser Zeit gelernt und was können Sie anderen Menschen mitgeben?

Ich musste lernen geduldig zu sein, ich musste lernen meinen Vater nicht ständig zu verbessern und zurechtzuweisen, ich musste lernen mir fünfzig Mal am Tag dieselben Geschichten anzuhören und ich habe vor allen Dingen beschlossen, meinen Vater nicht zu verstecken, sondern ihn überall mit hinzunehmen, auch wenn er sich mal daneben benommen hat, das war ja nicht seine Schuld.
Am Ende bin ich mit ihm durch die Innenstadt gelaufen, wir haben laut gesungen, er hat Gedichte rezitiert und ich fand es herrlich.

Ich möchte mit dem Buch anderen Menschen Mut machen, an der Diagnose Demenz nicht zu verzweifeln, sondern sie als einen anderen Bewusstseinszustand zu akzeptieren. Wenn man sich darauf einlässt, dann merkt man, dass man – auch in diesem Zustand –  sehr viel Freude am Leben haben kann.
 


Blick ins Buch
Unter Tränen gelachtUnter Tränen gelacht

Mein Vater, die Demenz und ich

In diesem sehr persönlichen Buch erzählt Bettina Tietjen von der Demenzerkrankung ihres Vaters, vom ersten »Tüdeln« bis zur totalen Orientierungslosigkeit. Sie beschreibt die Achterbahn ihrer Gefühle: den Schmerz, einen geliebten Menschen zu verlieren, aber auch das Glück, ihm in der letzten Lebensphase noch einmal ganz nahe zu sein – und nicht zuletzt die vielen komischen Momente, in denen sie trotz allem herzhaft zusammen lachen konnten. Denn Bettina Tietjen ist überzeugt: Demenz macht oft traurig und verzweifelt, aber sie kann auch Denkanstoß und Kraftquell sein.
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Prolog

 

Als am Sonntagabend gegen 22 Uhr mein Handy klingelt, weiß ich noch nicht, dass dieser Anruf mein Leben verändern wird. Ich bin müde, habe sieben Tage am Stück moderiert und freue mich auf mein Sofa.

Die Mailbox piept. Na und? Wer stört schon um diese Zeit. Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust, es herauszufinden, greife aber aus Gewohnheit trotzdem nach meinem Handy und höre mir die Nachricht an.

»Guten Abend, Frau Tietjen, hier spricht die Polizei Wuppertal. Wir befinden uns im Haus Ihres Vaters. Es gab einen … Zwischenfall. Wir bitten dringend um Rückruf.«

Ich starre fassungslos mein Handy an. Mein Vater ist zu diesem Zeitpunkt 86 Jahre alt. Er hat Demenz im fortgeschrittenen Stadium, lebt aber noch in seinem Reihenhaus in Wuppertal und wird rund um die Uhr von zwei lettischen Frauen betreut, die sich abwechseln. Zwei Häuser weiter wohnt meine jüngere Schwester Dagmar, die aber momentan in Afrika im Urlaub ist und dort meistens kein Netz hat. Vor einer Woche war ich noch bei ihm, um nach dem Rechten zu sehen. Da war alles noch so weit in Ordnung.

Und jetzt das. Ich rufe zurück. Mein Herz klopft. Ich befürchte das Schlimmste.

»Frau Tietjen? Die Nachbarn Ihres Vaters haben uns benachrichtigt. Wir haben seine Betreuerin hier bewusstlos vorgefunden, sie war volltrunken und hat sich mehrfach im Wohnzimmer übergeben. Sie wurde ins Krankenhaus abtransportiert. Ihr Vater wird gerade von der Nachbarin ins Bett gebracht. Können Sie bitte sofort kommen?«

Gott sei Dank! Er lebt noch.

»Äh, ich wohne in Hamburg, das kann dauern …«, höre ich mich stammeln.

»Das ist schlecht. Die Nachbarn sind alle hier, möchten Sie jemanden sprechen?«

Ich verlange nach dem einzigen Nachbarn, den ich näher kenne. Er erklärt mir, so knapp es geht, was passiert ist: Mein Vater hat gegen 21 Uhr völlig verwirrt bei der Nachbarin zur Linken geklingelt und gesagt, er wolle ins Bett. Als sie ihn zurückbringen wollte, war die Haustür ins Schloss gefallen, und niemand öffnete, obwohl innen alles hell erleuchtet war.

Eine kleine Delegation von eilig zusammengerufenen Nachbarn schlich sich daraufhin durch den Garten an und entdeckte beim Blick durchs Wohnzimmerfenster Fürchterliches. Auf dem Teppich lag ein regloser Frauenkörper. Zu sehen waren nur die Beine – der Rest war vom Sofa verdeckt. Es half kein Klopfen, kein Rufen und kein Hämmern – da regte sich nichts. Nach kurzem Beratschlagen (meine Schwester war ja nicht zu erreichen) wählten sie die 110. Und die Polizei tat, was in so einem Fall getan werden muss.

Eine Viertelstunde später sah die kleine Siedlung aus wie ein Tatort: Polizei, Blaulicht, Feuerwehr, Notarzt. Alle Nachbarn auf den Beinen. Im Handumdrehen wurde die Tür aufgebrochen – und da lag sie. Zum Glück nicht tot, aber so betrunken, dass sie nicht mehr ansprechbar war.

Mein armer Vater war in seiner Verwirrung natürlich als Zeuge völlig ungeeignet. Also wurde getratscht und spekuliert und währenddessen hektisch nach meiner Telefonnummer gesucht.

Ich bitte den netten Nachbarn, so lange bei meinem Vater zu bleiben, bis wir da sind, lasse mir von der strengen Polizistin noch nahelegen, »dieses Arbeitsverhältnis so schnell wie möglich zu beenden …«, und springe mit meinem Mann ins Auto.

Als wir gegen zwei Uhr nachts in Wuppertal ankommen, öffnet uns überraschenderweise die Missetäterin höchstpersönlich die Tür. Anna ist völlig zerknautscht und zerknirscht. Sie hat schon alle Spuren beseitigt. Offenbar hat sie sich aus dem Krankenhaus still und heimlich weggeschlichen. Der Nachbar guckt ratlos, mein Vater schläft.

»Ich nix wissen, was passiert. Haben getrunken Brandy mit Freundin. Ich sonst nie trinken. Ehrlich!« Sie schluchzt. »Nach Trinken ich noch mit Opa spazieren. Danach ich nix mehr wissen.« Ein klarer Fall von Filmriss. Todmüde nehme ich sie in den Arm, dann gehen wir alle schlafen.

Am nächsten Morgen berate ich mich mit meinem Mann. Mein Vater steht seit fast einem Jahr auf der Warteliste eines Hamburger Seniorenheims ganz bei mir in der Nähe. Meine Schwester drängt schon länger darauf, dass ich ihn zu mir hole. Seit dem Tod unserer Mutter vor mehr als 20 Jahren kümmert sie sich um ihn. Die fortschreitende Demenz, das ständige Kontrollieren der sprachlich und fachlich oft überforderten Pflegerinnen, das Gefühl, dass die ganze Verantwortung auf ihren Schultern lastet – all das macht ihr zu schaffen und zehrt an ihren Kräften. Dass sich etwas ändern muss, war schon länger klar. Über den Zeitpunkt hat jetzt der Zufall entschieden.

Ich rufe im Altenheim an und schildere den Fall. Eine Stunde später der Rückruf: »Sie können Ihren Vater mitbringen, wir haben einen Platz zur Kurzzeitpflege für ihn.«

Anna ist fassungslos und kaum zu trösten. Ich erkläre ihr, dass die Situation nach diesem Zwischenfall nicht zu halten und das Vertrauensverhältnis massiv gestört sei. Sie versteht das nicht und will nicht zurück nach Lettland. »Wir uns immer kümmern um Opa. Opa nix Heim. Lieber hier mit Anna bleiben.«

Es bricht mir fast das Herz, aber ich sehe keine andere Lösung. Sympathie hin oder her, ich kann meinen alten orientierungslosen Vater nicht länger mit einer Frau alleine lassen, die mal eben so an einem Sonntagnachmittag eine Flasche Brandy kippt und danach komplett die Kontrolle über sich und ihren Schützling verliert. Ich gebe ihr das Geld für den Bus nach Hause, packe meinem Vater den Koffer und ihn ins Auto.

Bei herrlichem Wetter drehen wir noch mal eine Runde durch das wunderschöne Bergische Land, meine Heimat und auch die meines Vaters. Sein ganzes Leben hat er hier verbracht. Was wir, mein Mann und ich, in diesem Moment wissen, ahnt mein Vater nicht: All das hier sieht er wahrscheinlich zum letzten Mal. Schluss, aus, vorbei. Zu Lebzeiten wird er hierher wohl nicht zurückkehren. Das hier ist ein Aufbruch ins Unbekannte.

 

Es treibt mir die Tränen in die Augen. Mein Vater dagegen sitzt ganz entspannt auf dem Beifahrersitz neben meinem Mann und betrachtet die grünen Hügel mit den Fachwerkhäusern.

»Schön hier«, sagt er. »Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich hier schon mal war.«

Was ich in diesem Moment noch nicht ahne: Sein Umzug nach Hamburg wird mein Leben nicht nur sehr verändern, sondern auch bereichern. Wir werden eng zusammenrücken, mein Vater und ich, enger als jemals zuvor. Wir werden viel Spaß miteinander haben. Aber mir steht auch eine große Herausforderung bevor. Meine Nerven werden starken Belastungsproben standhalten müssen, mein gewohnter Lebensrhythmus wird aus dem Takt geraten. Und auch für meine Familie wird es keine leichte Zeit werden.

Ein neuer Abschnitt beginnt. Für zwei Jahre und sieben Monate.

 

 

Kommt denn hier keiner?

 

Das Foyer des Seniorenheims ist hell und einladend, durch eine breite Fensterfront sieht man den bunt bepflanzten Garten. »Willkommen bei uns!«, steht auf dem Plakat am Eingang neben dem Zeitungsständer mit der Heimzeitschrift. Tüdelig – na und? heißt das Monatsblättchen. Na, die nehmen es hier offenbar mit Humor.

Wir werden gebeten, in einer Sitzecke Platz zu nehmen. Während wir warten, studiere ich die gerahmten Bilder an der Wand gegenüber. Alle leitenden Angestellten sind dort mit Foto abgebildet, daneben hängen jede Menge Zertifikate, die vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung regelmäßig an alle Pflegeeinrichtungen vergeben werden. Ich sehe nur »sehr gut« in allen Bereichen, was mich in diesem Moment beruhigt. Wie diese Noten zustande kommen und dass sie ihren Zweck, Transparenz zu schaffen, nur bedingt erfüllen, werde ich erst später lernen.

All das hatte ich mir schon einmal aufmerksam angesehen, vor einem Jahr, als ich nach einer Unterkunft für meinen Vater in meiner Nähe suchte. Auf den Internetseiten der Hamburger Gesundheitsbehörde wurden unter der Rubrik »spezielle Demenzbetreuung« in meiner unmittelbaren Umgebung nur zwei Heime aufgeführt, eins davon war dieses hier. Bei der Besichtigung fiel mir neben der angenehmen Atmosphäre vor allem eins auf: Es roch nirgendwo nach Urin. Und das ist in einem Altersheim leider ganz und gar nicht selbstverständlich.

»Kommt denn hier keiner?«, fragt mein Vater leicht ungehalten. Er weiß zwar nicht, wo er ist, erwartet aber, dass sich jemand um ihn kümmert. In seiner Jugend hatte man Personal: Köchin, Kindermädchen, Gärtner, Putzfrau. Die wohlhabenden Eltern machten sich selbst nicht die Finger schmutzig. Den leicht arroganten Befehlston hat er sich wohl schon als Kind angewöhnt. Der Dünkel kam immer mal durch, im Restaurant zum Beispiel rief er gern, noch bevor er sich gesetzt hatte: »Hallo? Bekommt man hier mal was zu essen?« Die Demenz hat ihn zwar sehr viel weicher und nachgiebiger werden lassen, aber ein bisschen Herrenreiter blitzt gelegentlich noch auf.

»Herzlich willkommen in unserem Haus, Herr Schniewind!«

Eine kleine, durchtrainierte Frau um die 40 hat sich neben meinen Vater gehockt. Ihre schwarz gefärbten Haare sind raspelkurz geschnitten, die Schläfen sind rasiert. Sie hat auffällig blaue Augen und einen offenen, klaren Blick. Leise, aber deutlich und freundlich spricht sie meinen Vater an und fragt, wie es ihm gehe. Er sei sicher noch müde von der langen Fahrt und brauche erst mal ein bisschen Ruhe. Sie stellt sich vor als Frau Platt, Heimleitung, und legt ihre Hand auf seinen Arm. Mein Vater lächelt. Er scheint sie sympathisch zu finden. Und das, obwohl ihre Fingernägel schwarz lackiert sind und sie einen dicken silbernen Totenkopfring am Mittelfinger trägt. Eine solche Erscheinung hätte ihn früher gleich skeptisch gemacht.

Frau Platt erklärt kurz, was jetzt auf uns zukommt: Mein Vater bekommt erst einmal ein Doppelzimmer zugewiesen, das er alleine nutzen kann. Für vier Wochen – die sogenannte Kurzzeitpflege.

»Verstehen Sie, Herr Schniewind? Damit Sie erst mal sehen können, ob es Ihnen hier überhaupt gefällt!«

Mein Vater schaut etwas irritiert und nickt. Die Chefin lächelt und stellt uns dann eine attraktive junge Frau vor, die sich gerade zu uns gesellt hat: »Das ist Frau Fedder, unsere Pflegedienstleiterin. Sie ist meine wichtigste Kraft hier und wird Sie jetzt zum Wohnbereich bringen.«

Frau Fedder ist groß und kräftig, hat einen wilden blonden Lockenkopf und fröhliche braune Augen. In der einen Hand hält sie eine Tüte mit Weingummis und ein Handy, mit der anderen schüttelt sie meine Rechte. Ich muss einen Schmerzensschrei unterdrücken, so einen Händedruck haben sonst nur Bodyguards.

»Herzlich willkommen!« Als sie den Blick meines Vaters sieht, der sich an die Weingummis geheftet hat, hält sie ihm die Tüte hin. »Die hab ich immer dabei«, sagt sie grinsend, »kommt super an bei Menschen jeden Alters!«

Wir fahren mit dem Aufzug in die zweite Etage: Wohnbereich 2.

»Das ist der sogenannte beschützte Bereich«, erklärt die Pflegedienstleiterin. »Hier leben 34 demenziell veränderte Menschen in Doppel- oder Einzelzimmern in einer Art Wohngemeinschaft. Der Jüngste ist erst 47 Jahre alt, die Älteste 101.«

Auch hier ist alles modern und geschmackvoll eingerichtet, es gibt zwei große Aufenthaltsräume mit Küchenbereich, Esstisch und Sitzgruppe. Alles ist liebevoll dekoriert im Retrostil: hier ein altes Transistorradio, da ein Herd aus Omas Zeiten, ich sehe auch ein Grammofon, ein Klavier und Blumen auf den Tischen.

Mein erster Blick fällt auf einen alten Mann im Rollstuhl. Er ist an eine Art Tropf angeschlossen, guckt apathisch, sein Mund steht offen. Er sieht aus wie ein Gespenst.

Oh mein Gott, denke ich, hoffentlich bleibt das meinem Vater erspart.

Frau Fedder sieht meinen Blick, streichelt dem Mann liebevoll über die Wange und beugt sich zu ihm hinunter: »Na, Herr Subowski, Sie sehen ja wieder fit aus! Immer schön aufpassen, dass hier kein Unbefugter den Flur betritt.«

Der Mann hebt kurz die Hand und verzieht den Mund zu etwas, das man mit viel Phantasie als Lächeln interpretieren könnte. »Herr Subowski ist schon 92«, sagt sie, während sie mit großen, energischen Schritten den Flur entlanggeht, »er hat vor Kurzem eine PEG, also eine Magensonde, gelegt bekommen. Seit er künstlich ernährt wird, ist er wieder richtig aufgeblüht.« Ich drehe mich vorsichtig noch mal um. Also, wenn so »aufgeblüht« aussieht, befindet sich mein Vater ja offensichtlich noch in Höchstform.

Auf dem Weg zum Zimmer rollt uns ein anderer Mitbewohner entgegen und strahlt mich an.

»Hallooooo!«, ruft er. »Kannst du mir helfen?«

»Was möchten Sie denn?«, frage ich leicht verunsichert.

»Zigaretten!«, ruft er fröhlich und krallt sich an meinem Arm fest.

»Nun lass mal los, Arthur!«, sagt Frau Fedder lachend und schiebt uns weiter den Flur entlang. »Das ist unser Schwerenöter Arthur. Er quatscht jede Frau an, entweder will er rauchen oder heiraten.«

Das Zimmer ist groß und fast leer. Bett, Nachttisch, Kleiderschrank, Stuhl. Na ja, es ist ja nur vorübergehend. Nachdem wir von den Pflegern begrüßt und eingewiesen wurden, kehrt erst einmal Ruhe ein. Ich beobachte meinen Vater. Wie nimmt er das hier auf? Versteht er, was gerade passiert? Ist er traurig, böse, durcheinander? Ist er so weit, den Umzug ins Altersheim zu akzeptieren?

Kommentare

1. Unter Tränen gelacht
Bügit Heerwald am 09.06.2015

Mit sehr viel Interesse habe ich dieses Buch gelesen, zum einen da ich als Mitarbeiterin im Demenzbereich (Pflegeheim) arbeite und zum anderen auch im privaten Umfeld mit dieser Thematik tgl. steigend, konfrontiert werde.
Der Buchinhalt spiegelt sehr viel Realität wieder, egal dienstlich oder im privaten Umfeld.
Ich persönlich denke noch intensiver über viele Handlungsabläufe und Gespräche nach.
Die tgl. Arbeit im Pflegeheim als Fachkraft für tiergestützten Therapie mit meinen 2 Hunden macht viel Spaß und man erhält total viel positive Reaktionen in unterschiedlicher Art.
Die private Herausforderung unterliegt nochmal eine ganz andere Dimension, die auch hier im Buch sehr positiv aufgegriffen wurde. Danke dafür.

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