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Berge, wie Sie sie noch nie gesehen haben

Donnerstag, 25. August 2016 von Piper Verlag


Die schönsten Berge der Welt

m4 Mountains ist ein einzigartiger Bildband mit mehr als 170 atemberaubenden Ansichten von faszinierenden Bergwelten, die dank modernster Satellitentechnik in noch nie erreichter Präzision und Qualität sichtbar und erlebbar werden.

Die großen Berge in diesem Buch stehen für epochale Besteigungen und neue Routen, aber auch für das Scheitern und für noch zu bewältigende Aufgaben und Visionen: von Achttausendern wie Mount Everest und K2, den höchsten Erhebungen in Nord- und Südamerika Denali und Aconcagua bis zu den Alpengipfeln Matterhorn und Mont Blanc, von bekannten Wänden wie am Nanga Parbat bis hin zu »Geheimtipps« wie Ushba oder Masherbrum. Anhand dieser Berge erzählt Reinhold Messner die Geschichte des Alpinismus neu.

Mit topografischen Karten, Infografiken und Steckbriefen werden die individuellen Charakterzüge jedes Berges greifbar. Persönliche Erlebnisberichte und authentische Fotografien von den besten Alpinisten der Welt runden diesen ungewöhnlichen Band ab.

So fügen sich Originalzeugnisse unterschiedlicher Epochen mit neuester, satellitengestützter Visualisierungstechnik, Besteigungshistorie und geografisches Hintergrundwissen zu einem Gesamtbild, das von der Erschließung neuer Horizonte erzählt.

Blick ins Buch
m4 Mountains – Die vierte Dimension
Berge, an denen Geschichte geschrieben wurde: Dieser exklusive Band präsentiert sie auf völlig neue Weise. Am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt entstanden auf Basis von Satellitenaufnahmen aus mehreren Hundert Kilometer Höhe hochgenaue digitale Abbilder der Gebirgslandschaften. Aus den erstellten Geländemodellen schufen Wissenschaftler am Computer fotorealistische Abbilder. So wurden »virtuelle« Darstellungen aus zuvor undenkbaren Perspektiven, in bislang unerreichter Präzision möglich: Ansichten, die ein genaues Bild der dreidimensionalen Gestalt entstehen lassen. Zusammen mit topografischen Karten, Infografiken und Steckbriefen werden die individuellen Charakterzüge jedes Berges greifbar. Persönliche Erlebnisberichte und authentische Fotografien von den besten Alpinisten der Welt runden diesen ungewöhnlichen Band ab. Sie künden von epochalen Besteigungen und neuen Routen, vom Scheitern und von noch zu bewältigenden Aufgaben und Visionen. So fügen sich Originalzeugnisse unterschiedlicher Epochen mit neuester, satellitengestützter Visualisierungstechnik, Besteigungshistorie und geografisches Hintergrundwissen zu einem Gesamtbild, das von der Erschließung neuer Horizonte erzählt.
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Kapitel Masherbrum

Herausforderung für die Zukunft

Dreizehn der vierzehn Achttausender sind »erobert«, als im Sommer 1960, nach mehreren Versuchen, der Masherbrum erstmals bestiegen werden soll. 7821 Meter hoch, gehört er zu den höchsten noch unbestiegenen Bergen der Welt. Von Norden »unmöglich«, gelingt der Gipfelgang über die Südseite, von Hushe aus, wo frühere Expeditionen schon agierten.
Als ich 1975 erstmals unter seiner Nordwand stand, konnte ich nur den Kopf schütteln: Unmöglich für mich! Konkav, nach oben hin steiler werdend, baut sich die Wand auf – wie eine verdoppelte Eigerwand! Man müsste genau dort hochklettern, wo alles herunterkommt: Steinschlag, Lawinen, Eistrümmer. Ganz oben der Gipfelzahn: 500 Meter überhängend und eigenwillig wie der Gipfel des Matterhorns. Wie ein Vogelkopf sieht er aus. Im Fernglas sah ich nur rostroten Granit, Überhänge nach allen Seiten. Ich kannte das Klettern in der Todeszone – die Herausforderung Masherbrum-Nordwand kam für mich also nicht infrage.
1938, unter der Leitung von T. Graham Brown, hatte es den ersten Versuch am Masherbrum gegeben. Nein, nicht über die Baltoro-Seite, von der Rückseite, vom Hushe-Tal aus: Am 17. Juni steigen Jock B. Harrison und Robin A. Hodgkin gipfelwärts, sehen sich aber bei etwa 7620 Metern am Ende ihrer Möglichkeiten. Erschöpft und mit Erfrierungen geben sie auf. Schlechtwetter setzt ein, die Gipfelmannschaft ist gehunfähig und muss zuletzt im Schneesturm nach Hushe getragen werden. Zehen und Finger sind erfroren. Hätten sie den Gipfel bei schönem Wetter erreicht ? Nein, denn die obersten 300 Meter sind die technisch schwierigsten: Felskletterei, tiefer Schnee, dazu die große Höhe. 1955 folgt eine neuseeländische Masherbrum-Expedition unter Leitung von Stanley Conway. Wieder aus dem Hushe-Tal und über die Route, die 1938 gefunden worden ist. Wetter- und Schneeverhältnisse sind schlecht, Hochträger krank, einer stirbt an Lungenentzündung. Bei 7000 Metern wird aufgegeben.
1957 ist Don Whillans am Masherbrum. Wieder ist das Wetter schlecht. Whillans scheitert 150 Meter unter dem Gipfel! Der beste Kletterer Großbritanniens, der Zyniker, das Genie, wagt einen zweiten Versuch. Im sechsten Hochlager aber stirbt ein Teammitglied, auch Whillans gibt auf. Am 6. Juli 1960 endlich der Erfolg! Applaus, Applaus! Nick Clinch leitet die Expedition, Willi Unsoeld und George Irving Bell stehen am Gipfel, derselbe Willi Unsoeld, der 1963 mit Tom Hornbein den Gipfel des Mount Everest überschreiten wird, derselbe, der seine Tochter auf den Namen Nanda Devi getauft hat. 1985 ist die Masherbrum-Nordwestwand das Ziel zweier Expeditionen. Beide Gruppen agieren unabhängig voneinander. Am 23. Juli stehen zehn Teilnehmer eines japanischen Unternehmens auf dem Gipfel; fünfzehn Stunden später haben die Österreicher Robert Renzler, Andi Orgler und Michael Larcher die Nordwestwand »by fair means« bis zum Gipfel durchstiegen. Eine großartige Pionierleistung! Fast dreißig Jahre später, 2014, versuchen sich wieder Tiroler am Masherbrum. An seiner Nordostwand! Es ist ihr zweiter Anlauf, und sie gehören zu den besten Alpinisten ihrer Zeit: David Lama, Hansjörg Auer und Peter Ortner. Aber sie zögern. Sind die Gefahren zu groß? Die Schwierigkeiten in der Gipfelwand zu hoch? »Das Können ist des Dürfens Maß« ist auch ihre Prämisse. Also verzichten sie auf einen ernsten Versuch. Um wiederkommen zu können! Allein im Karakorum sind noch viele große Wände undurchstiegen, auch in Alaska, Kanada, im Garhwal, in Sikkim, Patagonien und Kaschmir gibt es ungezählte Möglichkeiten. Schließlich liegt es an uns selbst, uns unsere Herausforderungen zu erfinden.
Das traditionelle Bergsteigen (Trad-Bergsteigen) erfährt einen enormen Aufschwung überall in der Welt – von Norwegen bis Südafrika, von den USA bis Japan. Nur, die Trad-Kletterer sind in der Minderzahl, und die Hallen- und Sportkletterer haben vergessen, dass Bergsteigen mehr ist als Sport, eine physische, mentale sowie spirituelle Auseinandersetzung mit sich und den letzten Oasen einer ungezähmten Welt. Diese vierte Dimension macht aus einer geologischen Formation eine sinnstiftende Wirklichkeit – als Herausforderung für die Zukunft.

Einblick in die tiefe Erdkruste

Neben den zahlreichen atemberaubenden Gipfeln, Gletschern und Felswänden ist die Geologie des Karakorum-Gebirges nicht minder beeindruckend. Der von seinem Entdecker T. G. Montgomerie ursprünglich K1 benannte Masherbrum, mit seinen 7821 Metern die siebthöchste Erhebung des Karakorum-Gebirges, macht dies in beiderlei Hinsicht deutlich. Nicht nur die Furcht einflößende, steil in die Höhe ragende Nordwand nimmt einem den Atem; für Geologen bietet sich hier ein fantastisches natürliches Labor, um die Auswirkungen von Schmelzbildung und Magmatismus in der tieferen Erdkruste an der Erdoberfläche zu beobachten. Schon von Weitem leuchten Flächen in hellem Orange an der Spitze des Masherbrum. Diese Granite der Baltoro-Intrusion wechseln sich ab mit Migmatiten, also ehemals teilgeschmolzenen Gesteinsformationen des Masherbrum-Migmatit-Komplexes. Die chemische und mineralogische Zusammensetzung dieses Gesteinskomplexes, der aus Hochtemperaturgneisen, Kalksilikat-Marmoren, ver- formten teilgeschmolzenen Migmatiten und granatführenden Granitgängen besteht, zeigt, dass diese Schmelzen in der tieferen Kruste entstanden sind und vor 21 bis 15 Millionen Jahren von Schmelzen der Baltoro-Intrusion durchdrungen wurden. Ähnlich wie bei der Entwicklung des benachbarten K2 führte die fortschreitende Kollision von Indien und Asien auch hier zu einer verdickten kontinentalen Kruste, in der unter hohem Druck und Temperaturen von nahezu 850° C amphibolreiche Gesteine Schmelzen bildeten, aus denen dann die Granite des Masherbrum entstanden. Das Zusammenspiel von Indien-Asien Konvergenz, Bewegung entlang der Karakorum-Störung und Erosion durch Wasser und Eis führte dazu, dass diese Gesteine an die Erdoberfläche gebracht wurden, sodass wir sie heute bestaunen können.

Ähnlich unnahbar wie die Topografie präsentiert sich auch das Klima des Masherbrum. Der Berg mit der besonders schwierigen Nordflanke liebt auch hier die Extreme: Bei gutem Wetter lassen hohe Temperaturen die mächtige Schneedecke schmelzen und Wasser und Schnee in großen Rinnen die Bergflanken herabstürzen. Eisfälle, Steinschläge und das Abbrechen von steil aufragenden Séracs stellen dann eine große Gefahr für jede Expedition dar.

»Wir werden es wieder versuchen«

Die ganze Nacht hindurch hat es geschneit. Die Stangen meines Zeltes biegen sich auf das Maximum – die Spannung durch die Schneelast wird sie wohl bald brechen lassen. Nein, ich liege nicht hoch oben auf einem kleinen Felsband, auch nicht unterhalb eines Séracs. Keine Sorge, ich bin in Sicherheit. Keine zwanzig Meter von mir entfernt höre ich die freundlichen Stimmen unserer pakistanischen Köche und das Surren der Kerosinkocher. Die Geräusche sagen mir, dass bald das allmorgendliche »breakfast ready« ertönen wird.

Ich öffne den Reißverschluss. Komischerweise fesselt mich der Anblick heute mehr als sonst und so sehr, dass ich ihn auch fast zehn Jahre später noch immer deutlich vor Augen habe: eine Bergspitze, formschön und Endpunkt eines großen Bergmassivs, abgeschlossen von einer wohl
hundert Meter hohen Schneefahne, wild, verschneit und unnahbar. So steht er da. Der Masherbrum, gesehen vom Shipton Spire Basecamp am Morgen des 22. August 2006 um sieben Uhr dreißig …

Mein Blick wandert nach oben und verläuft sich im oberen Teil der Nordostwand. Was ich sehe, erscheint mir zu komplex, um eine eindeutig kletterbare Linie ausmachen zu können. Dennoch wollen wir esversuchen. Nachdem Peter und David bereits im Sommer 2013 den Berg erkundet hatten, ich aber wegen meiner Expedition zum Kunyang Chhish East verhindert war, durfte ich für den 2014er-Versuch mit ins Boot. Es klingt recht gemütlich, wenn man locker und lässig von »mit ins Boot« spricht. Passagiere für dieses Boot zu finden ist allerdings schwierig, ganz zu schweigen von der Herausforderung, dieses Boot dann irgendwie Richtung Gipfel zu steuern. Ehrlich gesagt, befindet sich die größte Crux bereits beim Auslaufen ins Meer, ein Meer aus Fels, Eis, Séracs und vor allem voll von Momenten der objektiven Gefahren, die man kaum vermeiden kann. Man muss sie akzeptieren. Und gerade dieses Akzeptieren bringt es mit sich, dass alles auf dem Spiel steht. Ein Spiel, das uns entweder an das totale Limit unseres Leistungsvermögens bringen oder aber uns bereits am ersten Tag zur Umkehr zwingen wird. Es gibt nur diese zwei Möglichkeiten. Probieren und abseilen aus dem oberen Wandteil scheint uns nicht möglich.

Einmal vor dem Berg, mahnen einen der Instinkt und die Erfahrung, nicht einzusteigen. Zu bedrohlich wirken die abbruchreifen Eisbrocken links und rechts unserer Route bis hinauf auf eine Höhe von etwa 6000 Metern. Weiter oben sieht es sicherer aus, aber bis dorthin ist noch niemand geklettert. Bereits am Ende des Zustiegs zur Wand befindet man sich im Neuland. Es haben in den vergangenen Jahrzehnten viele von dieser Wand geträumt; nur eine russische Expedition hat den Versuch gewagt. Doch auch sie war gezwungen, bereits während des Zustiegs umzudrehen.

Mitte Mai 2014 brachen wir dann gemeinsam auf. In unserem Dreiergespann herrschte gute Stimmung. Es ist sehr wichtig, sich untereinander gut zu kennen. Vor allem braucht es zwischen uns Respekt. Wir müssen um die Schwächen und Stärken der anderen wissen, um sie am Berg möglichst gut ausgleichen zu können. Nach einigen Akklimatisierungsrunden am Achttausender-Riesen Broad Peak fühlten wir uns bereit. Doch es sollte anders kommen und der Masherbrum uns einen Denkzettel verpassen, den wir so schnell wohl nicht vergessen würden.

Reinhold Messner über »m4 – Mountains, die vierte Dimension«

Reinhold Messner hat als erster Mensch alle 14 Achttausender bestiegen. Heute widmet er sich vor allem seinen Bergmuseen sowie in seinen Büchern und Filmen Schlüsselmomenten der Alpin- und Entdeckergeschichte. Sein umfangreiches und fundiertes Bergwissen fließt in das Buch ein – zu jedem Berg (»meine Dreizehn«) liefert er einen historischen Abriss.

Was ist das Besondere an »m4 – Mountains, die vierte Dimension«, was macht den Band ungewöhnlich / einzigartig?

RM: So habe auch ich die dreizehn »Schlüsselberge« nie gesehen. Die Bilder zeigen einzigartige Perspektiven und dazu stellen wir ungewöhnliche Geschichten.

Hätten Ihnen diese Bilder während Ihrer aktiven Zeit als Bergsteiger geholfen, und wenn ja, warum? An welchem Berg hätten Sie gerne diese Bilder zur Verfügung gehabt?

Am Nanga Parbat 1970 mit Sicherheit. Am K2 sehe ich neue Routen für die nächste Generation, und für Recherchen zur alpinen Geschichte helfen sie mir heute.

Welcher Berg ist für Sie am interessantesten und warum?

Alle 13 Berge sind in Summe ein Mosaik um schlüssig und übersichtlich (im Details und als Ganzes) das Verhältnis Mensch / Berg zu erzählen. Es gibt Millionen Berge auf der Erde, »meine Dreizehn« erklären die Faszination, die Berge auslösen sowie die kulturelle Bedeutung des Absurden.

»Wir waren sofort fasziniert.«

Bettina Feldweg ist Programmleiterin des Malik Verlags, der sich auf Bücher rund um Abenteuer, Reise und Sport spezialisiert hat, und betreut Autoren wie Gerlinde Kaltenbrunner, Reinhold Messer, Jon Krakauer, Alexander Huber sowie viele weitere bekannte Sportler und Bergsteiger.

Sie ist im Verlag für das das Projekt »m4 Mountains – Die vierte Dimension« verantwortlich und hat es während seiner Entstehung und Veröffentlichung begleitet.

 

Wie lange hat es von der Idee bis zum fertigen Buch gedauert?

BF: Über 5 Jahre. Stefan Dech vom Erdbeobachtungszentrum des DLR hatte 2010 erstmals die Idee, die großen Berge der Welt mithilfe modernster Satellitendaten zu zeigen. Mit Gerlinde Kaltenbrunners Gipfelerfolg am K2 2011, die dank der Daten des DLR ihre Aufstiegsroute vorab schon in 3D sehen und planen konnte, wurde dieses Vorhaben konkret. Anfang 2013 kam das DLR auf uns als Verlagspartner zu. Wir waren sofort fasziniert von den Möglichkeiten der Bildgebung und von dem einzigartigen interdisziplinären Charakter des Buchprojekts.

Wie sah die Zusammenarbeit zwischen dem DLR und dem Verlag aus?

Die Idee zum Buch wurde im DLR geboren. Schon beim ersten Zusammentreffen mit Stefan Dech und Nils Sparwasser begann deren faszinierende Vision Gestalt anzunehmen. Erst recht, als sich Reinhold Messner für das Projekt begeisterte und sich uns anschloss. Er gab den entscheidenden Input für die aus alpinistischer Sicht wichtigsten Berge und ordnet jeden von ihnen historisch ein. Zur Dreidimensionalität der Bilder kommt so die Zeit als vierte Ebene.

Was waren die besonderen Herausforderungen bei der Erstellung dieses Buchs?

Der Perfektionismus, ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches Buch auf die Beine zu stellen. Das Gelingen hing vor allem vom Bildmaterial ab – hoch genaue, gestochen scharfe Bilder, die aus Geländemodellen errechnet wurden, die wiederum auf der Basis feinster Satellitenaufnahmen erstellt worden waren. Wie kompliziert und anspruchsvoll dieser Prozess ist, kann man sich vorstellen – und auch, wie stark Herr Dech und Herr Sparwasser mit ihrem Team bei der Gewinnung der Bilder von politischen und klimatischen Bedingungen abhängig waren. Bis zuletzt blieb spannend, ob wir die Auswahl »unserer« dreizehn Berge beibehalten würden können, ob sich wirklich für alle 13 die Aufnahmen in entsprechender Präzision generieren lassen würden.

Außerdem hatten wir uns als Ziel gesteckt, zu jedem der gezeigten Berge den Originalbericht eines Weltklassebergsteigers zu bringen, die Satellitenbilder aus dem All also zu konterkarieren mit ganz persönlichen Erlebnisberichten und (zum Teil sehr privaten) Fotos. Reinhold Messners Hinweise auf wegweisende Besteigungen waren hier immer wieder wesentlich. Wir haben Bergsteigerinnen und Bergsteiger unterschiedlichster Nationen und Generationen um ihre Beteiligung gebeten – von jungen Bergsteigerstars der Szene wie Hansjörg Auer oder Hervé Barmasse bis hin zu Titanen wie Stephen Venables, dem 1929  geborenen Pierre Mazeaud oder Robert Paragot (* 1927). Barbara Washburn, die erste Frau, die den Denali bestiegen hat, hat sich zwar noch am Buch beteiligt, die Veröffentlichung aber leider nicht mehr erlebt.

In wie vielen Ländern erscheint das Buch nun?

»m4 Mountains – Die vierte Dimension« ist nicht nur für den deutschsprachigen Raum ein wichtiges Projekt, sondern auch international – wir haben es in mehrere Ländern verkauft, wo es zeitgleich bei den renommiertesten Bildbandverlagen erscheint. Zur Buchmesse diesen Herbst kommen Ausgaben in Englisch (England, Amerika, Kanada usw.) bei Thames & Hudson heraus, in Frankreich (Editions Glénat), Italien (Rizzoli) und Spanien (Lunwerg/Editorial Planeta). Eine koreanische Ausgabe (Haroo) folgt.

Wie bewerten Profi-Bergsteiger diese Aufnahmen?

Sie können ihnen entscheidende Daten für Besteigungsversuche, für Routenplanungen und neue Vorhaben liefern an den Bergen, die sonst kaum zu kartieren sind.

Gibt es einen Berg im Buch, den Sie besonders interessant finden, und wenn ja, warum?

Jeder der 13  hat seinen Reiz. Der K2 ist sicher einer der imposantesten, ebenso der Nanga Parbat. An Symbolgehalt ist der Kailash kaum zu übertreffen. Die Nanda Devi habe ich dank dieses Buchs zum ersten Mal in ihrer ganzen Schönheit begriffen. Und als noch unbewältigte Aufgabe ist die Masherbrum-Nordostwand ein Highlight. Auch weil sie eine Geschichte mit offenem Ende darstellt: eine 3500 Meter hohe Wand, die noch darauf wartet, bestiegen zu werden.

»Wir können es nicht fassen: Damit hatten wir nicht gerechnet.«

Gerlinde Kaltenbrunner, 1970 geboren, gehört zu den besten Bergsteigerinnen unserer Zeit. Mit 23 stand sie auf ihrem ersten Gipfel über 8000 Meter; 2011 erreichte sie mit dem K2 ihren 14. Achttausender. Die Aufstiegsroute hatte sie vorher virtuell und in vollem 3D im Erdbeobachtungszentrum des DLR studiert.

»Ich hatte lange Zeit kein eindeutiges Gefühl für eine nächste Expedition. Ob und wann ich wieder zum K2 aufbrechen würde, hatte mich den ganzen Winter über beschäftigt. Doch plötzlich gibt es keine Fragen mehr, alles ist ganz leicht und klar: Wir werden in diesem Sommer wieder zum K2 gehen. Dieses Mal wollen wir den Berg über die Nordroute versuchen. Ich möchte eine – für mich – neue Seite dieses wunderschönen Berges kennenlernen. Die Route am Nordpfeiler zieht so direkt und eindrucksvoll nach oben, zudem ist diese Seite des K2 völlig einsam und abgelegen.

All das zusammen gibt mir ein positives Gefühl. Schon einige Zeit vor dieser Entscheidung, im September 2010, erreicht mich eine E-Mail von Stefan Dech vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen bei München. Er hat meinen Vortrag in Wolfratshausen besucht und berichtet von der Möglichkeit, den K2 mithilfe von Satellitenaufzeichnungen neu zu kartografieren. Er wäre froh, wenn wir einmal einen Blick auf die Daten werfen könnten. Ich kann mir zu dem Zeitpunkt zwar nicht so richtig vorstellen, wie das gehen soll und ob es viel bringt – schließlich gibt es ja gute Fotos vom Berg –, bin aber doch sehr neugierig.

Fortan bleiben wir in Kontakt, und jetzt verabreden wir einen Besuch. Anfang Juli 2011, kurz vor unserer Abreise nach China, sind wir schließlich in Oberpfaffenhofen, im Erdbeobachtungszentrum des DLR. Stefan erklärt uns die aufwendige Prozedur, um die Daten zu empfangen und aufzubereiten. Klingt alles recht spannend und ziemlich kompliziert, aber tatsächlich begreifen wir es erst, als der Raum verdunkelt wird, wir mit speziellen 3-D-Brillen ausgestattet werden und wenige Sekunden später am Fuße des K2-Nordpfeilers stehen, unweit der Stelle, wo wir zwei Wochen später unsere Zelte aufschlagen wollen.

Wir können es nicht fassen: Damit hatten wir nicht gerechnet. Wir sehen unsere geplante Aufstiegsroute in allen Details und in vollem 3-D. Erkennen, dass manche Passagen flacher sind als angenommen, andere viel steiler. Manche Abschnitte, die wir eigentlich in Betracht gezogen hatten, erscheinen fast unmöglich. Zu viel Eis, zu lawinengefährdet. An anderen Stellen eröffnen sich neue Möglichkeiten. Auch gute Positionen für Zeltplätze und mögliche Ausweichstellen für Biwaks werden klar. Besonders spannend ist der obere Teil des Berges, im Bereich des Japanercouloirs. Wenn wir diese Stelle erfolgreich gequert haben, trennt uns nur noch die Gipfelflanke vom höchsten Punkt. Hiervon gibt es fast keine Fotos. Überraschenderweise ist dieser Teil deutlich weniger steil als befürchtet. Er scheint also gut machbar … Nur wenig später haben Ralf und ich die vom DLR entwickelte »Space Maus« selbst in Händen und fliegen – anfangs noch ein wenig unbeholfen – virtuell durch die Welt, die uns in den nächsten zwei Monaten alles abverlangen wird. Gedanklich bin ich jetzt fast schon angekommen.

Als das Licht wieder angeht, müssen wir uns erst einmal sammeln, um die Eindrücke und Möglichkeiten zu begreifen. Wir sprechen mit den Mitarbeitern des EOC über die vermeintlichen Schlüsselstellen und günstige Perspektiven für Ausdrucke, die uns vor Ort nützlich sein könnten. Wir fühlen uns gut aufgehoben und spüren die Freude und Begeisterung, mit der uns unsere neuen Freunde im DLR unterstützen.

Nur wenige Tage später starten wir – bestens ausgerüstet mit reichlich DLR-Kartenmaterial – unser Abenteuer zum K2. Wird es mir dieses Mal vergönnt sein, den Gipfel zu erreichen? Wird derK2 bereit sein und uns gnädig an seinen Flanken dulden? Ich weiß es nicht. Aber ich habe ein zunehmend gutes Gefühl. Wir sind nicht alleine. Auch das DLR Oberpfaffenhofen wird uns begleiten auf unserem Weg.

Maxut, Vassiliy und die anderen brüten einmal mehr über den DLR-Karten im Basislager. Stunde um Stunde wird gefachsimpelt, studiert, geprüft, verworfen, diskutiert. »Was, wenn wir hier queren, wäre es nicht eine Option, diese Rinne zu nehmen?« Irgendetwas muss man ja tun, sonst fällt einem die Zeltdecke auf den Kopf. Endlich geht es los, am 16. August. Charly Gabl verspricht uns ein letztes gutes Wetterfenster. Wir wollen am Sonntag, dem 21. August, oben sein. Es ist unsere letzte Chance in dieser Saison. Am Ende wird es der 23. August werden, an dem uns am späten Nachmittag der Gipfelgang gelingt. Der K2 wird uns wieder einmal alles abverlangt haben. Aber er wird mich beschenken mit einem unbeschreiblichen Moment, von dem ich mein ganzes Leben lang träumen werde. Auf den letzten Metern, auf dem Schneehang kurz unterhalb des Gipfels, muss ich auch an Stefan und die Oberpfaffenhofener Kollegen des DLR denken und daran, wie ich diese Passage vor ein paar Wochen im Animationslabor des EOC studiert habe. Ja, sie hatten recht, das ist machbar, denke ich mir, muss etwas schmunzeln bei dem Gedanken und weiß, jetzt hält mich nichts mehr auf.«

»It is magnificent  and I feel very flattered to be included in such a distinguished line-up ...«


Stephen Venables über m4

Buchpremiere des Bildbandes m4 Mountains in Berlin

Die Autoren Stefan Dech, Reinhold Messner und Nils Sparwasser stellten das Projekt »m4 Mountains – die vierte Dimension« in den Räumen der Bundespressekonferenz in Berlin erstmals der Presse vor.

»m4 Mountains — die vierte Dimension« ist ein außergewöhnlicher Bildband. Er präsentiert Berge auf völlig neue Weise: anhand von Daten aus dem All. Am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) entstanden auf Basis von Satellitenaufnahmen aus mehreren Hundert Kilometer Höhe digitale Abbilder der Gebirgslandschaften. Aus diesen Aufnahmen schufen Wissenschaftler des DLR am Computer dreidimensionale Abbilder.

So wurden »virtuelle« Darstellungen der Berge aus zuvor undenkbaren Perspektiven in bislang unerreichter Präzision möglich.

Neueste, satellitengestützte Visualisierungstechnik und fototechnisches Know-how, alpinistische Erlebnisberichte und besteigungshistorisches Wissen fügen sich zu einem Gesamtbild, das von der Erschließung neuer Horizonte erzählt und die Geschichte des Alpinismus völlig neu beleuchtet. Die zeitliche Komponente wird so zu einer weiteren Ebene: die großen Berge der Welt in vier Dimensionen.

Der Einladung zur Buchpräsentation waren zahlreiche interessierte Journalisten gefolgt, die den Erläuterungen der Autoren aufmerksam folgten und diese anschließend zu dem besonderen Projekt befragten.

»Als ich das Buch in die Hand nahm, faszinierten mich nicht nur die großartigen 3D-Ansichten, sondern auch die Vielschichtigkeit der spannenden Texte. Ein großes Werk.«


Michael Martin (Fotograf und Autor von »Planet Wüste«)

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