Begeisterte Buchhändlerstimmen zu »Einfach unvergesslich«
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Montag, 18. August 2014 von


Begeisterte Buchhändlerstimmen zu »Einfach unvergesslich«

Blick ins Buch
Einfach unvergesslichEinfach unvergesslich

Roman

Neuerdings weiß Claire nicht mehr, welcher Schuh zu welchem Fuß gehört. Oder wie das orangefarbene Gemüse im Kochtopf heißt. Doch das Leben ist zu kurz, um Trübsal zu blasen. Und so schreibt sie, noch bevor die letzte Erinnerung verblasst, all die Glücksmomente der vergangenen Jahre nieder. Wohl wissend, dass diese Gedanken bald das Einzige sein werden, was ihrer Familie von ihr bleibt. Dabei gibt es noch viel zu erledigen: Sie muss ihrem Mann zeigen, wie sie die Lieblingslasagne ihrer Kinder zubereitet. Sie muss ein letztes Mal leben, sich vielleicht auch neu verlieben. Denn wenn die Zeit davonrennt, ist jede Minute kostbar.
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CLAIRE

 

Es regnet immer heftiger. Wäre ich doch bloß nicht ohne meinen Mantel losgestürzt. Nach einer Weile sehen die Straßen hier alle gleich aus: Doppelhäuser aus den 1930ern. Reihenweise. Auf beiden Seiten der Straße.

Ich wollte auf Vorhänge achten, oder? Welche Farbe noch mal? Ich biege ab, sehe ein paar Läden und bleibe stehen. Ach. Wollte ich vielleicht Kaffee trinken gehen? Hier komme ich samstagsmorgens immer mit Greg und Esther her, um ein Schokocroissant zu essen und einen Kaffee zu trinken. Aber jetzt ist es dunkel. Und kalt. Und dunkel. Und einen Mantel habe ich auch nicht an. Ich sehe zu meiner Hand. Keine Esther. Erschrocken fasse ich mir an die Brust: Habe ich sie irgendwo vergessen? Nein, sie war nicht bei mir, als ich losging. Wenn sie bei mir gewesen wäre, hätte ich auch ihren Affen dabei, der immer überall mit hinmuss, den Esther aber nie selbst tragen will. Also bin ich hier, weil ich Kaffee trinken gehen wollte. Weil ich mir ein bisschen was gönnen wollte. Schön.

Ich überquere die Straße und bin dankbar für die warme Luft, die mich begrüßt, als ich das Café betrete. Einige der Gäste sehen auf, als ich in der Tür erscheine. Ich muss schlimm aussehen, meine Haare kleben mir regennass im Gesicht.

Ich stelle mich am Tresen an und merke erst dort, dass ich zittere. Ich muss meinen Mantel vergessen haben. Wenn ich mich doch nur erinnern könnte, warum ich Kaffee trinken gehen wollte. Bin ich mit jemandem verabredet? Mit Greg? Ich komme manchmal mit Greg und Esther her, um ein Schokocroissant zu essen und Kaffee zu trinken. »Alles in Ordnung?«, fragt die junge Frau hinter dem Tresen. Sie ist ungefähr in Caitlins Alter und lächelt, als müsste ich sie kennen. Oder ist sie einfach nur freundlich? Gleich links von mir sitzt eine Frau mit einem Buggy, sie schiebt ihn ein bisschen weiter von mir weg. Ich muss wirklich merkwürdig aussehen, als sei ich gerade aus einem See gestiegen. Haben die denn noch nie einen durchnässten Menschen gesehen?

»Kaffee, bitte«, sage ich. Ich spüre das Kleingeld in meiner Jeanstasche und hole es hervor. Ich weiß nicht mehr, wie viel der Kaffee hier kostet. Ich weiß, dass die Information, die ich brauche, auf der Tafel hinter dem Tresen steht, aber ich kann mir keinen Reim drauf machen. Ich strecke die Hand mit dem Kleingeld aus. Die junge Frau hinterm Tresen rümpft die Nase, als könnte Geld, das ich angefasst habe, irgendwie besudelt sein. Ich friere, und ich fühle mich sehr einsam. Ich will ihr erklären, warum ich zögere, aber die Worte wollen nicht kommen – jedenfalls nicht die richtigen. Es fällt mir schwerer, Dinge auszusprechen, als sie zu denken. Ich habe Angst, mit Leuten zu sprechen, die ich nicht kenne, habe Angst, etwas so Peinliches zu sagen, dass sie mich sofort wegbringen und einsperren, und bis es so weit ist, habe ich vergessen, wie ich heiße und …

Ich sehe zur Tür. Wo ist dieses Café? Ich war mit meiner Mutter im Krankenhaus, wir hatten einen Termin mit diesem Arzt, Dr. Dingsbums, ich konnte mir seinen Namen nicht merken und fand das lustig, und jetzt bin ich hier. Aber ich habe keine Ahnung, warum ich hier bin. Und wo ich überhaupt bin. Ich schaudere, nehme den Kaffee und die braunen Münzen, die die Frau auf den Tresen gelegt hat, und suche mir ganz konzentriert und ruhig einen Sitzplatz.

 

Ich habe das Gefühl, wenn ich irgendwelche plötzlichen Bewegungen mache, könnte ich damit eine versteckte Falle auslösen, mich verletzen oder irgendwo hinunterfallen. Ich habe das Gefühl, dass ich dann sehr tief fallen würde. Ich sitze ganz still da und befasse mich mit der Frage, wie ich hierhergekommen bin und wie ich wohl von hier wieder wegkommen soll. Und wohin ich dann gehen soll. Kleine Erinnerungsfetzen kehren zurück – Fragmente mit Informationen, die ich irgendwie decodieren muss. Die Welt um mich herum liegt in Trümmern. Ich spreche nicht auf die Behandlung an, so viel weiß ich. Aber das war fast zu erwarten gewesen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Medikamente irgendeine Wirkung zeigen würden, war dieselbe, als würde man eine Münze werfen und auf Kopf hoffen: fifty-fifty. Aber alle hatten natürlich gehofft, dass mir die Behandlung helfen würde. Weil ich so jung bin, weil ich zwei Töchter habe, von denen die eine erst drei ist und die andere sich hinterher um alles wird kümmern müssen. Alle – sogar der Arzt mit dem langen, komplizierten Namen – hatten sie gehofft, dass die Behandlung bei mir anschlagen würde, und zwar besser, als man je für möglich gehalten hätte. Und auch ich hatte auf ein bahnbrechendes Wunder gehofft, das alles ändern würde.

Es wäre doch nur gerecht gewesen, wenn das Schicksal oder Gott in meinem speziellen Fall mildernde Umstände geltend und eine Ausnahme gemacht hätte. Aber das hat das Schicksal oder Gott nicht gemacht. Wer auch immer sich da gerade auf meine Kosten amüsiert, hat genau das Gegenteil getan. Aber vielleicht nehme ich das alles viel zu persönlich. Vielleicht handelt es sich nur um eine Reihe genealogischer Unfälle über die letzten Jahrtausende, aufgrund derer ich jetzt hier sitze und auserwählt bin, die Konsequenzen zu tragen. Ich baue viel schneller ab, als die Ärzte erwartet hatten. Das hat mit diesen kleinen Embolien zu tun. An das Wort »Embolie« kann ich mich genau erinnern, aber ich habe keine Ahnung, wie das Metallteil heißt, mit dem ich den Kaffee umrühren kann. Das Wort Embolie finde ich schön, fast schon melodisch. Winzige Blutgerinnsel im Gehirn. Ist was ganz Neues, damit hatten die Experten nicht gerechnet. Ich bin damit wohl so ziemlich die einzige Patientin auf der Welt. Die Leute im Krankenhaus sind alle ganz aus dem Häuschen deswegen, obwohl sie natürlich versuchen, das zu überspielen. Ich weiß nur, dass mit jedem Blutgerinnsel wieder ein Stückchen von mir für immer verschwindet. Irgendeine Erinnerung, ein Gesicht oder ein Wort sind einfach weg.

 

Ich sehe mich um. Ich friere jetzt noch mehr als vorher, und mir wird klar, dass ich Angst habe. Ich habe keine Ahnung, wie ich nach Hause kommen soll. Ich bin hier, ich fühle mich gesund – aber hier wieder wegzugehen scheint mir vollkommen unmöglich zu sein. Bunte Kugeln hängen von der Decke. Seltsam. Ich kann mich nicht erinnern, dass bald Weihnachten wäre. Ich bin mir sicher, dass nicht bald Weihnachten ist. Aber wenn ich nun vielleicht schon seit Wochen hier bin? Was, wenn ich zu Hause weggegangen bin und immer und immer weitergegangen bin, ohne stehen zu bleiben, und wenn ich jetzt meilenweit weg bin von allem, Monate vergangen sind und alle denken, ich sei tot? Ich müsste eigentlich meine Mutter anrufen. Sie ist wahrscheinlich sauer, weil ich weggelaufen bin. Sie sagt immer, wenn ich möchte, dass sie mich wie eine Erwachsene behandelt, dann soll ich mich auch wie eine Erwachsene benehmen. Sie sagt, das hat mit Vertrauen zu tun. Und ich sage, gut, dann hör auf, in meinen Sachen rumzuschnüffeln, blöde Kuh. Das mit der blöden Kuh sage ich natürlich nicht laut. Ich könnte ihr ja eine SMS schicken, aber sie hat kein Handy. Wie oft habe ich ihr schon gesagt, Mum, wir befinden uns im einundzwanzigsten Jahrhundert, du musst mit der Zeit gehen. Aber sie mag keine Handys. Irgendwie mag sie diese winzigen Tasten nicht, sagt sie. Jetzt wünschte ich, sie wäre hier. Ich wünschte, meine Mutter wäre hier und würde mich nach Hause bringen, weil ich nicht weiß, wo ich bin. Ich sehe mich im Café um. Was, wenn sie hier ist und ich nur vergessen habe, wie sie aussieht? Moment. Ich bin ja krank. Ich bin kein kleines Mädchen mehr. Ich bin krank und ich bin hier, um einen Kaffee zu trinken, weiß aber nicht mehr, warum. Meine Vorhänge haben eine bestimmte Farbe und glühen. Orange vielleicht. Orange kommt mir irgendwie bekannt vor.

 

»Hallo.« Ich sehe auf. Vor mir steht ein Mann. Ich soll nicht mit Fremden reden, darum sehe ich wieder hinunter auf den Tisch. Vielleicht geht er ja wieder weg. Tut er aber nicht. »Alles in Ordnung?« »Ja, ja«, sage ich. »Na ja … Ich friere.« »Darf ich mich dazusetzen? Ist sonst nichts mehr frei.« Ich sehe mich um. Es ist tatsächlich ziemlich voll in dem Café, aber es gibt schon noch ein paar andere freie Plätze. Er sieht ganz okay aus. Nett sogar. Ich mag seine Augen. Ich nicke und frage mich, ob ich wohl genügend Worte herausbekommen werde, um mich mit ihm zu unterhalten. »Gar keinen Mantel dabei?« Er zeigt auf mich. »Anscheinend nicht«, antworte ich vorsichtig. Ich lächele, um ihm keine Angst zu machen. Er erwidert mein Lächeln. Ich könnte ihm erzählen, dass ich krank bin. Vielleicht würde er mir helfen. Aber das will ich nicht. Er hat schöne Augen. Er redet nicht mit mir, als wenn ich jeden Moment tot umfallen könnte. Er weiß nichts über mich. Da haben wir doch direkt etwas gemeinsam. »Was ist passiert?« Er sieht aus, als würde er sich amüsieren. Ich habe Lust, mich ihm entgegenzulehnen, das muss heißen, dass er magnetisch ist. »Ich wollte nur schnell Milch holen«, erzähle ich lächelnd. »Und habe mich ausgesperrt. Ich wohne in einer WG, mit drei anderen Frauen und meinem …« Gerade wollte ich »Kind« sagen, aber das Wort schlucke ich hinunter. Aus zwei Gründen. Erstens, weil ich weiß, dass es Jahre her ist, seit ich mit drei anderen Frauen in einer WG wohnte, und dass ich damals kein Kind hatte. Zweitens, weil ich nicht will, dass er erfährt, dass ich ein Kind habe, ein Kind, das gar kein Kind mehr ist. Caitlin, ich habe Caitlin, und Caitlin ist kein Kind mehr. Nächstes Jahr wird sie einundzwanzig, und meine Vorhänge sind rubinrot und glühen. Ich rufe mir in Erinnerung, dass es mir nicht zusteht zu flirten: Ich bin eine verheiratete Frau – Mutter von sogar zwei Kindern. »Wie wäre es mit noch einem Kaffee? Geht auf mich.« Er macht der jungen Frau hinterm Tresen Zeichen. Sie lächelt ihn an, als würde sie ihn kennen. Es beruhigt mich, dass die Caféfrau ihn auch mag. Es fällt mir zusehends schwerer, an den Gesichtsausdrücken der Leute etwas abzulesen, ich erkenne jene Nuancen nicht mehr, die einem verraten, was das Gegenüber denkt und fühlt. Vielleicht sieht er mich an, als wäre ich komplett gaga. Und ich finde einfach nur, dass er schöne Augen hat. »Danke.« Er ist freundlich und redet mit mir wie mit einem Menschen. Natürlich, ich bin ja auch ein Mensch. Aber ich meine, dass er mit mir redet, mit MIR, und das gefällt mir. Mir wird ganz warm ums Herz, ich bin richtig glücklich. Glücklich sein – das vermisse ich. Einfach nur glücklich, ohne dieses Gefühl, dass jeder Moment des Glücks, den ich erlebe, auch gleichzeitig irgendwie traurig sein muss. »Sie haben sich also ausgesperrt. Werden Ihre Mitbewohnerinnen Sie anrufen, wenn sie zurück sind? Oder Ihnen den Schlüssel bringen?« Ich zögere. »Gleich kommt jemand nach Hause.« Keine Ahnung, ob das gelogen ist. »Ich warte noch ein bisschen und gehe dann zurück.« Das ist gelogen. Ich weiß nicht, wo ich bin und wie ich wieder zurückkommen soll. Und wohin überhaupt. Er schmunzelt. Ich sehe ihn böse an. »Tut mir leid.« Er lächelt. »Es ist nur … Sie sehen wirklich aus wie ein begossener Pudel, und zwar wie ein sehr hübscher begossener Pudel, wenn ich das sagen darf.« »Das dürfen Sie gerne. Sagen Sie ruhig mehr solche Sachen!« Wieder lacht er. »Ich bin ein Pechvogel«, sage ich und freunde mich sehr schnell mit meinem neuen, nicht kranken Status an. Es ist ein tolles Gefühl, einfach nur ich zu sein und nicht ich mit dieser Krankheit, diesem Attribut, das mich jetzt definiert. Ich habe in diesem Strudel der Unsicherheit einen Moment des Friedens und der Normalität gefunden, und das ist eine riesige Erleichterung. Ich könnte den Mann vor lauter Dankbarkeit knutschen. Stattdessen rede ich zu viel. Ich bin dafür bekannt, zu viel zu reden, früher war das eine der Eigenschaften, die die Leute an mir mochten. »Schon immer gewesen. Wenn irgendwo irgendwas schiefgehen kann, dann passiert es mir. Ich weiß nicht, warum, aber man könnte meinen, ich sei ein Unglücksmagnet. Unglücksmagnet. Schönes Wort. Hört man nicht so oft.« Ich plappere vor mich hin, ohne wirklich darauf zu achten, was ich da sage, einzig in dem Bewusstsein, dass ich ein Mädchen bin und gerade mit einem Jungen spreche. »Mir geht es ganz ähnlich«, sagt er. »Manchmal frage ich mich, ob ich je erwachsen werde.« »Ich werd’s nicht«, sage ich. »Das weiß ich ganz sicher.« »Hier.« Er reicht mir seine Papierserviette. »Sie sehen ein bisschen so aus, als seien Sie der Apokalypse entgangen. Haarscharf.« »Eine Papierserviette?« Ich nehme sie und lache, tupfe mir damit übers Haar und das Gesicht und wische unter meinen Augen. Schwarzes Zeugs bleibt an der Serviette haften, was heißen muss, dass ich irgendwann heute dieses schwarze Zeug aufgetragen habe, und das beruhigt mich: Schwarzes Zeug auf meinen Wimpern lässt meine Augen schöner aussehen, lässt mich ansprechender erscheinen, selbst wenn ich aussehe wie ein begossener Pudel oder ein Panda. »Na ja, besser als gar nichts.« »Auf der Toilette gibt es Handtrockner.« Er zeigt auf eine Tür hinter sich. »Da könnten Sie sich doch kurz ein bisschen trocken pusten lassen. Damit Ihnen nicht mehr so kalt ist.« »Mir ist nicht kalt«, sage ich und klatsche mir wie zur Betonung auf die feuchten Knie. Ich will nicht weg von diesem Tisch, diesem Stuhl, diesem Kaffee. Ich will nirgendwo anders hin. Hier habe ich das Gefühl, fast sicher zu sein, als würde ich mich an einen Fenstersims klammern, und solange ich mich nicht bewege, ist alles gut, und ich stürze nicht ab. Je länger ich hier sitze, ohne darüber nachdenken zu müssen, wo ich bin und wie ich wieder nach Hause komme, desto besser. Ich verdränge die in mir aufsteigende Angst und Panik und konzentriere mich aufs Jetzt. Darauf, glücklich zu sein. »Wie lange sind Sie schon verheiratet?« Mit einem Nicken deutet er auf meine Hand, an der zu meiner eigenen Überraschung ein Ring steckt. Er fühlt sich richtig an, als gehöre er zu dem Menschen, der ich bin. Gleichzeitig hat er irgendwie gar nichts mit mir zu tun. »Der gehörte meinem Vater.« Was ich da sage, sind Worte aus einer fernen Vergangenheit. Von damals, als ich sie gegenüber einem anderen Jungen aussprach. »Nach seinem Tod hat meine Mutter ihn mir gegeben. Ich trage ihn ständig. Eines Tages werde ich ihn dem Mann geben, den ich liebe.« Schweigen stellt sich ein. Betretenes, glaube ich. Und wieder fließen Gegenwart und Vergangenheit ineinander, und ich bin komplett verwirrt. So verwirrt, dass für mich in diesem Moment wirklich nur dieser Tisch existiert, dieser freundliche Mensch, seine schönen Augen. »Darf ich Sie dann ein andermal zu einem Kaffee einladen?«, fragt er vorsichtig. »Wenn Sie trocken sind und sich nicht ausgesperrt haben. Hier oder irgendwo anders?« Vom Tresen holt er ein kurzes, dickes Schreibteil, das kein Kugelschreiber ist, und kritzelt etwas auf meine unbenutzte Papierserviette. »Es hat aufgehört zu regnen. Darf ich Sie nach Hause begleiten?« »Nein«, sage ich. »Woher soll ich wissen, dass Sie kein Psychopath sind?« Er lächelt. »Aber rufen Sie mich an? Damit wir zusammen Kaffee trinken können?« »Ich werde Sie nicht anrufen.« Ich schlage einen bedauernden Ton an. »Ich habe wahnsinnig viel zu tun. Von daher werde ich es wahrscheinlich vergessen.« Er sieht mich an und lacht. »Also, falls Sie doch Zeit oder Lust haben, rufen Sie einfach an. Und keine Sorge: Sie kommen bestimmt bald wieder zu Hause rein. Eine Ihrer Mitbewohnerinnen wird sicher jede Minute hier sein.« »Ich heiße Claire«, stelle ich mich schnell vor, als er aufsteht. »Das wussten Sie noch nicht.« »Claire.« Er lächelt mich an. »Sie sehen auch aus wie eine Claire.« »Was wollen Sie denn damit sagen?«, lache ich. »Und Sie? Wie heißen Sie?« »Ryan. Ich hätte es auf die Serviette schreiben sollen.« »Wiedersehen, Ryan«, sage ich und weiß, dass ich mich schon bald nicht mehr an ihn erinnern werde. »Danke.« »Wofür?« Er sieht perplex aus. »Die Serviette!« Ich halte das Teil hoch. Schmunzelnd verlässt er das Café und verschwindet in der Dunkelheit. Ich sehe ihm nach. Ich sage immer wieder seinen Namen. Wenn ich ihn oft genug sage, bleibt er vielleicht hängen. Eine Frau am Nachbartisch sieht ihm auch nach. Sie runzelt die Stirn, und das verwirrt mich. Ich frage mich sofort, ob all das gerade wirklich passiert ist – und ob es ein schönes Erlebnis war oder ob irgendwas Schlimmes passiert ist, ich kann das nämlich leider nicht mehr richtig unterscheiden. Draußen ist es dunkel bis auf einen Streifen rosa Himmel, der zwischen den Wolken hervorlugt. Die Sonne geht unter. Die Frau runzelt immer noch die Stirn, und ich klebe an meinem Stuhl fest. »Claire?«, spricht mich die Frau an. »Ist Ihnen nicht gut? Stimmt etwas nicht?« Ich sehe sie an. Ihr sanftes, ovales Gesicht, ihr langes, glattes, braunes Haar. Die Runzeln auf ihrer Stirn bedeuten, glaube ich, dass sie sich Sorgen macht. Sie kennt mich wohl. »Ich weiß nicht genau, wie ich von hier nach Hause komme«, vertraue ich mich ihr an, weil mir einfach nichts Besseres einfällt. Sie sieht zur Tür und will etwas sagen. Aber dann überlegt sie es sich doch anders und sieht mit immer noch gerunzelter Stirn wieder zu mir. »Sie wissen nicht, wer ich bin, stimmt’s? Macht nichts, ich habe von Ihrem … Problem gehört. Ich bin Leslie. Unsere Töchter sind befreundet. Meine Tochter ist Cassie, die mit den pinken Haaren und dem Nasenpiercing. Und dem unterirdischen Geschmack, wenn es um Männer geht. Vor ungefähr vier Jahren waren unsere Töchter mal unzertrennlich.« »Ich habe Alzheimer«, sage ich. Da ist es wieder, wie die letzten Sonnenstrahlen, die die Wolken durchdringen. Doch ich bin erleichtert. »Ich vergesse alles Mögliche. Manche Sachen kommen irgendwann wieder. Andere nicht.« »Ich weiß, Cassie hat es mir erzählt. Sie und Caitlin haben sich vor ein paar Tagen getroffen und mal wieder ausgiebig geratscht. Ich habe Caitys Telefonnummer hier, noch von damals, als die beiden angeblich bei der jeweils anderen übernachteten und in Wirklichkeit in London durch die Klubs ziehen wollten. Wissen Sie das noch? Wir beide haben fast die ganze Nacht die Züge aus London abgewartet, und um zwei sind sie endlich aus einem ausgestiegen. Man hatte sie nicht in den Klub reingelassen, und im Zug hatte ein Betrunkener sie angepöbelt. Die beiden haben so herzzerreißend geheult, dass wir es ihnen schließlich durchgehen ließen.« »Was für Schlitzohren«, sage ich. Die Frau runzelt abermals die Stirn, und dieses Mal bin ich mir sicher, dass sie nicht wütend, sondern besorgt ist. »Würden Sie Caitlin erkennen, wenn sie hereinkäme?«, fragt sie mich. »Ja, klar! Caitlin. Ganz bestimmt. Ich weiß doch, wie sie aussieht! Dunkle Haare und Augen wie Gezeitentümpel im Mondlicht, schwarz und tief.« Sie lächelt. »Ich hatte ganz vergessen, dass Sie Schriftstellerin sind.« »Ich bin keine Schriftstellerin. Aber ich habe ein Schreibzimmer, immerhin. Ich hab’s versucht, das mit dem Schreiben, aber es hat nicht funktioniert, jetzt habe ich also ein leeres Schreibzimmer unterm Dach. Da steht nichts drin außer einem Tisch, einem Stuhl und einer Lampe. Ich war mir damals total sicher, dass die Ideen dort nur so sprudeln würden, aber das Gegenteil war der Fall.« Die Frau runzelt wieder die Stirn, ihre Schultern versteifen sich. Ich rede so viel, dass es ihr offenbar unangenehm wird. »Am meisten Angst habe ich davor, Wörter zu verlieren.« Ich habe sie wohl überfordert. Ich plappere zu viel. Und weiß gar nicht recht, was ich eigentlich sage. Ich muss nachdenken, bevor ich etwas sage. Abwarten. Zu viel zu reden gehört nicht mehr zu meinen liebenswerten Eigenschaften. Ich presse die Lippen aufeinander. »Ich bleibe mit Ihnen hier sitzen, ja? Bis sie kommt.« »Ach …«, will ich protestieren, doch dann knicke ich ein. »Danke.« Ich höre ihr dabei zu, wie sie Caitlin anruft. Nach der anfänglichen Begrüßung steht sie auf und geht mit dem Telefon hinaus. Ich sehe sie durchs Fenster unter einer Straßenlaterne stehen, die eine Hand am Ohr, die andere frei gestikulierend. Sie nickt, dann legt sie auf und atmet einmal kräftig durch, bevor sie wieder hereinkommt und sich an meinen Tisch setzt. »Sie kommt gleich«, sagt sie. Sie wirkt so nett, dass ich mich gar nicht traue, sie zu fragen, von wem sie spricht.

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