Beate und Serge Klarsfeld - Die Nazijäger
Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich

Nazijäger Beate und Serge Klarsfeld

Dienstag, 24. November 2015 von Piper Verlag


»Wie aus einer schweren Strafe doch noch eine schöne Belohnung wurde«

Beate Klarsfeld über die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am 20. Juni 2015 –
45 Jahre, nachdem sie Bundeskanzler Kiesinger die legendäre Ohrfeige erteilt hatte.

Auszug aus der Autobiografie »Erinnerungen« von Beate und Serge Klarsfeld:

Am 20. Juli 2014 wurden Serge und ich vom Präsidenten der Republik François Hollande in Gegenwart des Premierministers Manuel Valls sowie zahlreicher anderer Persönlichkeiten zum Grand Officier beziehungsweise Commandeur der Ehrenlegion ernannt. Diese Auszeichnungen wurden uns gemeinsam zuerkannt, als könne man unsere Leistung nicht einzeln, sondern nur zusammen angemessen würdigen. Und so haben wir uns auch selbst immer verstanden: als Einheit.

Am 20. Juli 2015, also genau ein Jahr später, nahmen wir auch das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse in der deutschen Botschaft aus der Hand der Botschafterin Susanne Wasum-Rainer gemeinsam in Empfang. Bundespräsident Joachim Gauck hatte den Mut, diese Ehrung uns als Paar zuzuerkennen, und zwar ausdrücklich für unseren Einsatz »gegen Antisemitismus und politische Unterdrückung und für die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen«. Die Kommentatoren hingegen hoben eher ab auf die Frau, die 1968 den Bundeskanzler geohrfeigt hatte und nun, fast ein halbes Jahrhundert später, eine der höchsten Auszeichnungen erhielt, die die Bundesrepublik zu vergeben hat.

Für mich selbst war das Bundesverdienstkreuz die offizielle Anerkennung dafür, dass der mit einem Jahr Gefängnis bestrafte »skandalöse« Akt des Nachdenkens wert war: Die deutsche Gesellschaft hatte 45 Jahre nachgedacht und schließlich eine schwere Strafe doch noch in eine schöne Belohnung verwandelt.Aus der Rede von Susanne Wasum-Rainer möchte ich hier jene Passagen zitieren, die mich zutiefst berührt und all meine Freunde bewegt haben. Sie alle, Aktivisten der Söhne und Töchter, waren gemeinsam mit uns im alten Pariser Palast von Josephine de Beauharnais anwesend.

ERINNERUNGEN

Beate & Serge Klarsfeld
»Erinnerungen« erschien am 05. Oktober
2015 im PIPER Verlag. Ein bewegendes Stück
Zeitgeschichte und Dokument einer
großen Liebe.

PIPER, 624 Seiten, 28,00€ (D),
28,80 € (A)

Liebe Beate, lieber Serge, Sie haben sich über Jahrzehnte in außergewöhnlicher Weise um Deutschland, das Ansehen Deutschlands in der Welt und die deutsch-französischen Beziehungen verdient gemacht. Sie haben Großes für die Aufarbeitung des dunkelsten Kapitels der jüngeren deutschen Geschichte geleistet. Zugleich stehen Sie beide als deutsch-jüdisches und als französisch-deutsches Ehepaar mit ihrer gemeinsamen Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit auch sinnbildlich für die Politik der Aussöhnung, um die sich Deutschland mit allen Regierungen seit 1945 bemüht hat – wenn auch nicht immer in dem Ihren Maßstäben genügenden Maße. Angesichts der Wunden, die die deutsche Besatzung und die Deportationen in Frankreich bis heute hinterlassen haben, kann diese Leistung nicht hoch genug eingeschätzt werden […]

Ihr moralisch-politisches Engagement galt über die Jahrzehnte stets einer gerechten Sache. In diesem Sinne war es unabhängig von politischen Richtungen, Parteien oder Trends und daher auch immer unbequem. Mit Ihrer Bereitschaft zum Handeln auch in Grenzsituationen, mit Zivilcourage, haben Sie politische und gesellschaftliche Konventionen im Nachkriegsdeutschland infrage gestellt und dazu beigetragen, dem Vorrang historisch-moralischer Maßstäbe Geltung zu verschaffen. Mittelbar haben Sie, Beate, so – als Deutsche aus nichtjüdischer Familie in Frankreich lebend – zu einer Mehrung des internationalen Ansehens für Deutschlands Aufarbeitung der eigenen Geschichte beigetragen […]

Hier in Frankreich stehen Sie, liebe Beate, als protestantische Deutsche und Sie, lieber Serge, als jüdischer Franzose mit ihrer gemeinsamen Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit sinnbildlich für einen wichtigen Bereich der deutsch-französischen Aussöhnung. Ihr gesamtes Leben haben Sie dem politisch-moralischen Anliegen verbunden, die Erinnerung an die NS-Verbrechen wachzuhalten und überall auf der Welt dem Antisemitismus entgegenzutreten.

Vor genau einem Jahr, am 20. Juli 2014, haben Sie beide im Élysée-Palast aus der Hand von Staatspräsident Hollande eine der höchsten Auszeichnungen empfangen, die die Französische Republik zu vergeben hat. Heute, ein Jahr später, darf ich Ihnen beiden für Ihre außergewöhnlichen Verdienste das von Bundespräsident Gauck verliehene Bundesverdienstkreuz 1. Klasse übergeben. Dass es in beiden Fällen, im Élysée-Palast wie hier im Hotel de Beauharnais, der 20. Juli ist, der Tag des Attentats gegen Adolf Hitler, ist kein Zufall. Sie stehen damit beide in einer Reihe mit anderen Kämpfern gegen das Nazi-Unrecht. Anders als Stauffenberg haben Sie Ihren Kampf gewonnen. Dafür danken wir Ihnen von ganzem Herzen.
 

Aus der Laudatio von Botschafterin Susanne Wasum-Rainer anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse an Beate und Serge Klarsfeld am 20. Juli 2015 in der deutschen Botschaft in Paris.

Beate Klarsfelds Reaktion auf die Laudatio zur Verleihung

Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich Susanne Wasum-Rainer antworten würde. Ich musste das Wesentliche dessen zum Ausdruck bringen, was ich erlebt hatte. Also bezog ich mich auf einen Satz, mit dem mich Serge in jenen Tagen im November 1968 ermutigte und der mich noch viele Jahre begleiten sollte:

Wenige Stunden nach meiner Verurteilung zu einem Jahr Gefängnis für die »Ohrfeige« versicherte mir Serge: »Die Deutschen werden dich würdigen, aber erst, wenn du alt bist.« Nun, heute bin ich alt und werde geehrt. Damals war die Welt nur zweigeteilt, und jedes Mal, wenn ich handelte, hatte ich für die einen recht und für die anderen unrecht – in Deutschland mehr als anderswo: Als ich von Ulbricht oder Honecker Beifall erhielt, war ich im Westen die Böse; als ich in Warschau oder Prag demonstrierte, wurde ich im Osten zur Bösen. Dennoch glaube ich, dass ich einen geraden Weg verfolgt habe. Die Welt und Deutschland waren geteilt, doch ich habe mich seit meinen Anfängen in der Politik als »wiedervereinigte Deutsche« bezeichnet. Für das Kind Deutschlands, das ich war, war Berlin eine ungeteilte Stadt und Deutschland ein einziges Land, eine einzige Nation. Das verstand ich nur undeutlich, weil die Schule mir nicht viel dabei half, die Geschichte Deutschlands zu begreifen und den Weg zu erfassen, der uns in die Katastrophe geführt hat, die den Hintergrund meiner Kindheit bildete. Diese Nähe zu Berlin hat mir ein Nationalgefühl vermittelt, das vielen jungen Deutschen fremd ist. Vor mehr als 40 Jahren schrieb ich: »Es ist so aufregend wie schwierig, deutsch zu sein.« Ich konnte eine der Ersten sein, die einen zerbrechlichen Steg zwischen Juden und Deutschen und auch zwischen Franzosen und Deutschen errichtete.

Es gab zwar Hindernisse und schwierige Momente, aber keine Entmutigung: Ich habe mich stets auf das berufen, was sich an jenem berühmten 7. November 1968 ereignete: die Vorhersage Serges und der Rosenstrauß von Heinrich Böll. Der Mann, den ich am meisten liebte, und der Mann, den ich am meisten achtete, hatten mich zur gleichen Zeit gelobt. Heute ist es mein siegreicher Konkurrent bei der Wahl für das Amt des Bundespräsidenten im Jahr 2012, Joachim Gauck, den ich sehr schätze, der das Fingerspitzengefühl besitzt, uns, Serge und mich, zusammen mit Ihnen auszuzeichnen, liebe Botschafterin, liebe Susanne, die Sie mir so viel Freundschaft und Zuneigung gezeigt haben. Hoffen wir schließlich, dass das schöpferische, vernünftige, großzügige und zutiefst demokratische Deutschland auf lange Sicht zugeben kann, dass sein Vorgänger Hitlerdeutschland gewesen ist.

 

Die Antwort Serges als Jude war nicht länger, aber komplexer:

Für mich, Serge Klarsfeld, war diese Botschaft, die die von Otto Abetz und Ernst Achenbach gewesen ist, nicht die Gesandtschaft Deutschlands in Frankreich, sondern die deutsche Botschaft beim deutschen Militärkommandanten im besetzten Frankreich. Diese Botschaft ist heute wieder zur Botschaft Deutschlands geworden, eines Deutschlands mit einem ausgeprägten Sinn für die Verantwortung, die dieses Land heute in Europa und der Welt besitzt. Es ist eine Verantwortung, die ich schon als junger Mann bei Hans und Sophie Scholl erkannte, die ich später schätzte bei meiner geliebten Frau Beate, die ich in den Schriften von Karl Jaspers und Heinrich Böll wiederfand und die mich schließlich so sehr bewegte, als Willy Brandt 1970 vor der Gedenkstätte des Warschauer Ghettos niederkniete – eine ebenso provokante wie grundlegende Geste wie Beates Ohrfeige zwei Jahre zuvor in Berlin. Willy Brandt und Kurt Georg Kiesinger, »Die beiden Gesichter Deutschlands«, das war der Titel von Beates erstem Artikel in Combat am 14. Januar 1967, in dem sie dem ehemaligen Widerstandskämpfer den ehemaligen Nazi gegenüberstellte.

Viele Söhne und Töchter der deportierten Juden Frankreichs sind mit Beate und mir in dieser Botschaft Deutschlands versammelt, und ich kann in ihrem Namen erklären, dass ihr Handeln, wie bei allen oder fast allen Juden, nicht von Rache geleitet wurde. Das Verbrechen, die Shoah, war zu ungeheuerlich, um Rache zu fordern. Sie war sogar zu ungeheuerlich, um auf eine unerlässliche Gerechtigkeit hoffen zu können, von der im Übrigen die meisten Entscheidungsträger und großen Vollstrecker der »Endlösung der Judenfrage« – wenn auch unvollkommen – eingeholt wurden. Wir, die Söhne und Töchter, haben dabei unsere Rolle gespielt, was auch die wichtigsten Komplizen der Vichy-Regierung einschließt. Aber was erwarteten wir uns von Deutschland?

Zunächst, dass Deutschland und die Deutschen leiden, wie wir gelitten haben; und Deutschland hat gelitten: engere Grenzen, einige Jahre lang kein deutscher Staat, dann zwei antagonistische Staaten vor einer Wiedervereinigung, die vierzig Jahre benötigte, bevor sie Wirklichkeit werden konnte. Die Deutschen haben durch den Krieg beträchtliche Verluste an Menschen erlitten, eine Zerstörung der bedeutendsten Städte, gewaltige Bevölkerungsverschiebungen, die Teilung des Landes, den Übergang vom Hitlerismus zum Stalinismus für Millionen Deutsche, die dadurch von 1933 bis 1989 die Freiheit nicht mehr oder überhaupt nicht erlebt haben. Doch nach und nach haben Westdeutschland und dann das wiedervereinigte Deutschland ihren demokratischen Charakter gestärkt, die Freiheit des Individuums respektiert und den Mut gezeigt, sich mit Hitlerdeutschland auseinanderzusetzen. Man hält das Gedenken an die Opfer aufrecht, wie die vielfältige Berliner Museumslandschaft mit ihrem Nebeneinander von Holocaust-Denkmal, Reichstag, Topographie des Terrors, Jüdischem Museum, Haus der Wannsee-Konferenz und Bahnhof Grunewald belegt. Es ist ein Deutschland, das seiner Politik der Entschädigung der Opfer und der Solidarität mit dem Staat Israel verbunden ist, ein Deutschland, das Juden aufnimmt, die für einen Besuch hierherkommen oder sich niederlassen wollen und erneut eine bedeutsame Bevölkerung deutscher Juden darstellen, die eines Tages vielleicht wieder so außergewöhnlich sein wird wie die der deutschen Juden vor 1933.

Sehr geehrte Frau Botschafterin, liebe Susanne Wasum-Rainer, wir bedanken uns dafür, dass Sie unseren Vorschlag akzeptiert haben, uns gerade am 20. Juli zu empfangen: Der 20. Juli 1944 vor 71 Jahren war der einzige beinahe sympathische Tag der Besetzung, da die deutsche Militärpolizei an diesem Tag in Paris Mitglieder der SS und der Gestapo verhaftet hat. Leider dauerte das nur ein paar Stunden, weil der Putsch rasch scheiterte und der SS-Mann Alois Brunner Hunderte jüdischer Kinder in seine Gewalt nahm, die Teil des letzten großen Transports von Drancy nach Auschwitz am 31. Juli werden sollten.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde, wir können unsere Erinnerung nicht davon abhalten, unaufhörlich in die Vergangenheit und wieder zurück zu reisen, und wir werden weiterhin von einem Tag auf den anderen und auch im Jahr 1942 leben, was uns stärker als anderen bewusst macht, welche Entfernung – die 1945 für alle unvorstellbar war – das heutige Deutschland von jenem trennt, das zu unserem Henker werden sollte.

Vor einigen Wochen sind unsere Memoiren in Frankreich erschienen. Zu unserer Überraschung wurden sie von der Kritik und der Öffentlichkeit mit Zustimmung aufgenommen.
 

So schrieb beispielsweise Julie Clarini in Le Monde:

Das Buch ist voll von spektakulären Szenen – eine fabelhafte Intuition Beates, die sie aus den regelmäßigen Kontakten mit Kreisen deutscher Aktivisten übernimmt: Um einen Fall entstehen zu lassen, muss die moralische Stärke eine sensationelle Dimension gewinnen. Große Kunst des politisch militanten Aktivismus – 20 Jahre vor dem Erfindungsreichtum von Act Up. Nichtsdestoweniger entfaltet sich unter ihrer Feder ein Leben der Akten und Archive wie auch der Heldentaten, so aufregend wie gelegentlich auch karg.

Das Engagement »lässt immer eine Lücke, durch die man sein eigenes Abenteuer mit leichter Faszination betrachtet«, bekennt Beate. Genau diesen Eindruck erwecken die Memoiren: Das Leben der Klarsfelds ist ein zwischen der Vergangenheit und der Zukunft gespanntes Abenteuer, das man als Leser glücklich teilt.

 

Ähnlich urteilte Aude Lancellin im L’Observateur:

Ein der Gerechtigkeit geweihtes Leben … ein packendes Dokument, in dem man die Kraft und die Härte wiederfindet, die den Klarsfelds eigen sind und die ihre Stärke ausmachen. Ein Werk, beachtenswert wegen der historischen Dichte jeder Seite wie auch wegen der Überlegungen zum Engagement, die hier feinsinnig ausgeführt werden.

 

Für uns waren diese Memoiren eine Gelegenheit, gegen den Front National in die Offensive zu gehen. Le Nouvel Observateur stellte ein Foto von uns beiden auf die Titelseite; die Schlagzeile lautete: »Wenn Marine Le Pen gewinnt […] Der Alarmruf der Klarsfelds«. In vielen Interviews, die die Medien von uns erwarten, greifen wir diese Partei der extremen Rechten, welche die Republik bedroht, schonungslos an. Diese Offensive trägt dazu bei, einen Konflikt zwischen dem Vater Jean-Marie und der Tochter Marine in Gang zu bringen. Letztere möchte sich, ohne die Ideologie zu verleugnen, der sie seit ihrer Kindheit anhängt, von einem in Konkurrenz stehenden Vater befreien, der sie wegen seiner Ausfälle stört. Unsere Angriffe fördern diese Krise; wir erwarten, dass sie den Front National untergraben. Andere meinen dagegen, die Krise würde dem Front National sogar nützen. Bei den Regionalwahlen im Dezember 2015 werden wir sehen, wer recht hatte.

Dieses Buch mündet nicht in ein friedliches Pensionistendasein oder mit der Aussicht auf Ruhe. Solange wir leben und als Paar zusammenstehen, müssen wir aktiv bleiben. Die Geschichte kennt kein Ausruhen.

Blick ins Buch
ErinnerungenErinnerungen
Mit einer spektakulären Ohrfeige machte Beate Klarsfeld 1968 die NS-Vergangenheit von Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger öffentlich. Gemeinsam mit ihrem Mann Serge brachte sie zahlreiche NS-Schergen vor Gericht, verfolgte die Schreibtischtäter und Schlächter des Holocaust. Die Klarsfelds gaben den namenlosen Opfern der Shoah eine Stimme, machten das Schicksal der Ermordeten künftigen Generationen zugänglich. In ihren Erinnerungen erzählen die beiden von ihrem lebenslangen Kampf gegen das Vergessen, Verdrängen und Vertuschen. Zwei mutige Streiter für die Erinnerung, die eine große Liebe zueinander verbindet.

Vorwort von Arno Klarsfeld

Diese Memoiren sind ein Abenteuerbuch, ein Kriminalroman, die Schilderung einer juristischen Schlacht, ein Kurs in staatsbürgerlicher Bildung, ein Leitfaden für Kämpfer, ein historisches Epos, eine prickelnde und dauerhafte Liebesgeschichte, ein einmaliges Lehrstück fürs Leben.

Sie handeln davon, wie es zwei jungen Menschen mit nichts oder fast nichts als Intelligenz, Energie, einer robusten Gesundheit, Gerechtigkeitsgefühl, Engagement und Findigkeit gelang, die deutsche Geschichte und Frankreichs Geschichtsbild zu verändern.

Als Beate 1968 Kanzler Kurt Georg Kiesinger geohrfeigt hat, einen ehemaligen NS-Propagandisten, verurteilten die Berliner Richter sie zu einem Jahr Gefängnis und fragten: »Wie konnten Sie Gewalt gegen unseren Kanzler anwenden?« Beate erwiderte: »Gewalt ist, der deutschen Gesellschaft einen Nazikanzler aufzuzwingen!«

Es heißt oft, es sei nicht gut, vor allen anderen recht zu haben. Das stimmt und stimmt auch wieder nicht. Manchmal genügt es, lange genug zu leben, die Kleider der Jugend gegen die des Alters einzutauschen, und Ihre Verdienste werden offiziell anerkannt. Beate, die einen Bundeskanzler geohrfeigt hat und in Deutschland mehrfach zu Gefängnisstrafen verurteilt wurde, ist 2012 als eine der beiden Kandidaten für das Amt des deutschen Bundespräsidenten aufgestellt worden.

Ja, sie hatten vor allen anderen recht.

Man hat ihnen gesagt: »Ihr schafft es nie, dass die Nazis, die für die Deportation der Juden aus Frankreich verantwortlich waren und jetzt unbehelligt in Deutschland leben, verurteilt werden.« Nach einem dramatischen Kampf, mit illegalen Aktionen, Entführungs- und fingierten Mordversuchen und minutiösen historischen Forschungen zu den Verantwortlichkeiten der NS-Verbrecher haben sie es 1979 in einem Musterprozess in Köln geschafft. Damals wollten die deutschen Politiker und die deutsche Gesellschaft die Hauptverantwortlichen für die Ermordung der Juden nicht vor Gericht stellen; heute bemühen sie sich sogar, auch die letzten noch lebenden Buchhalter und Aufseher der Vernichtungslager abzuurteilen.

Man hat ihnen gesagt: »Es bringt nichts, die ermordeten Juden zu zählen.« Sie taten es, präzise und sehr auf Wahrheit und Mitgefühl bedacht, und gaben den 80 000 Juden, die in Frankreich Opfer der »Endlösung« wurden, wieder eine Identität, ja sie spürten sogar Fotos von fast der Hälfte der 11 000 deportierten Kinder auf. Diese Individualisierung der Opfer ist heute Basis jeder Aktivität des Gedenkens.

Man hat ihnen gesagt: »Ihr schafft es nie, Frankreichs Geschichtsbild zu ändern.« Heute zitiert jeder Präsident der Französischen Republik bei den Feierlichkeiten zum Gedenken an die Razzia des Vélodrome d’Hiver die Schlusspassage von Serges historischem Standardwerk Vichy-Auschwitz: »Die Juden in Frankreich werden immer in Erinnerung behalten, daß zwar das Vichy-Regime einen moralischen Bankrott erlitten und sich entehrt hat, indem es entscheidend zur Vernichtung eines Viertels der jüdischen Bevölkerung beitrug, daß aber die übrigen drei Viertel ihr Überleben wesentlich dem aufrechten Mitgefühl aller Franzosen verdanken, die von dem Augenblick an ihre praktische Solidarität bewiesen, als sie begriffen, daß die jüdischen Familien, die den Deutschen in die Hände fielen, zum Tode verurteilt waren.«

Man hat ihnen gesagt: »Das ist nicht Barbie, das ist zu weit weg, das ist zu gefährlich.« Sie haben ihn aufgespürt, in Südamerika eine Kampagne gegen ihn geführt, sie haben ihn zurückgebracht und dafür gesorgt, dass er vor Gericht gestellt und zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Man hat sie gefragt: »Wieso demonstriert ihr für die Menschenrechte sowohl in rechtsextremen Diktaturen wie im Argentinien der Generäle, in Stroessners Paraguay, in Banzers Bolivien und in Pinochets Chile als auch in den Volksdemokratien Osteuropas wie der Tschechoslowakei oder Polen? Ihr müsst euch für eine Seite entscheiden!« Sie haben sich für die Freiheit entschieden, und heute sind die Diktaturen Südamerikas untergangen und die des Ostblocks zusammengebrochen.

Zu Beate, die sich schon 1968 als »wiedervereinigte« Deutsche bezeichnete, hat man einmal gesagt: »Es bringt nichts, sich öffentlich für ein wiedervereinigtes Deutschland starkzumachen, Europa will das nicht.« Sie ließ sich nicht entmutigen, sie gab nicht auf und behielt recht.

Ja, manchmal ist es hilfreich, dass einige vor allen anderen recht haben, weil die Geschichte unvorhersehbar ist, weil die Geschichte das ist, was die Menschen, ob gut- oder böswillig, daraus machen. Und dem unseligen »Triumph des Willens« kann ein gütiger und menschenfreundlicher Wille entgegentreten.

Diese Memoiren wenden sich an Herz und Verstand und nehmen Sie mit ins zerbombte Berlin, nach Nizza in das Schrankversteck eines jüdischen Kindes, das seinen Vater, umringt von Brunners Gestapoleuten, für immer fortgehen hört, an den Pariser Métro-Bahnsteig, wo Serge und Beate sich am Tag der Eichmann-Entführung begegneten, in südamerikanische Gefängniszellen, ins Beirut der Hisbollah, in den Iran der Ajatollahs, ins Serbien von Mladić und Karadžić, ins Wien Waldheims, auf die Jagd nach Mengele, ins Syrien Assads, der Eichmanns Vertrauten Brunner schützte …

Serge und Beate haben alles erreicht, oder fast alles. Sie sind bis an ihre Grenzen gegangen und dabei ausgeglichen und heiter geblieben. Sie überstanden unversehrt Sprengstoffpäckchen und Autobomben, Drohungen und Druck ließen sie kalt.

Sie haben alles erreicht, denn sie hatten und haben ein glückliches Familienleben, ihre beiden Kinder Lida und Arno, ihre Enkel Emma und Luigi, Hunde, Katzen und sogar einen kleinen Affen, den sie aus Brasilien mitgebracht haben.

Und ich, ihr Sohn Arno, der sie so sehr liebt und dem sie alles gegeben haben, frage mich oder besser verdränge die Frage, was aus mir wird, wenn sie nicht mehr sind.

Sie, lieber Leser, müssen dieses Buch lesen, denn danach werden Sie glücklich, erobert, gestärkt und optimistisch sein. Sie werden als besserer Mensch aus der Lektüre hervorgehen, nachdem Sie sich in dieses einzigartige Abenteuer des 20. und 21. Jahrhunderts gestürzt haben.

Hätte die deutsch-französische Partnerschaft eine Seele, trüge sie die Namen von Beate und Serge.

 

Arno Klarsfeld

Paris, im Mai 2015

 

 

BEATE

 

Eine deutsche Kindheit

Drei Wochen nach meiner Geburt marschierte Hitler in Prag ein. Mein Vater, Versicherungsangestellter in Berlin, räumte brav seine Bleistifte weg und küsste meine Mutter Helene und sein einziges Kind Beate-Auguste. Dann verließ er den Hohenzollerndamm im gutbürgerlichen Bezirk Wilmersdorf, wo das Proletariat noch einige Hinterhöfe wie den unseren bewohnte, und ging auf eine lange Reise: Der Infanterist Kurt Künzel begab sich zu seiner Einheit. Den Sommer 1939 verbrachte er bei Manövern, den des Jahres 1940 irgendwo in Belgien.

Auf einem Foto sieht man ihn vor einer Kommandantur in Neufchâteau bei Bastogne mit strahlendem Lächeln Wache stehen. Im Sommer 1941 wurde sein Regiment nach Osten verlegt. Im Winter brachte ihn eine höchst willkommene doppelseitige Lungenentzündung von der russischen Front zurück in verschiedene deutsche Kasernen, wo er sich um die militärische Buchhaltung kümmerte. Nach der schnellen Befreiung 1945 durch die Engländer stieß er wieder zu seiner kleinen Familie, die jetzt in dem Dorf Havelberg lebte, wo meine Mutter und ich, durch die Bombenangriffe aus Berlin getrieben, widerwillig von einer Verwandten, die eine Bäckerei besaß, aufgenommen worden waren. In Sandau, in einem Stall, inmitten einer völlig verängstigten Schar von Alten, Frauen und Kindern, erlebten wir die Ankunft der sowjetischen Kosaken auf ihren langmähnigen kleinen Pferden. Polnische Zwangsarbeiter quartierten sich im Haus unserer Cousine ein und nahmen sich unsere Habseligkeiten. Was vermutlich nur gerecht war, da wir 1943 einige Monate in Wohlstand bei meinem Patenonkel verbracht hatten, der als hoher Nazifunktionär einen Posten in Lodz bekleidete, das inzwischen den Namen Litzmannstadt trug.

All denen, die meinen, dass Kindheitseindrücke die Grundentscheidungen eines Lebens maßgeblich beeinflussen, sei gesagt, dass die sowjetischen Soldaten uns nichts zuleide taten und weder meine Mutter noch ihre sechsjährige Tochter belästigt oder vergewaltigt wurden.

 

Ende 1945 kehrten wir nach Berlin zurück. Bis 1953 teilten wir uns zu dritt ein Zimmer. In der Uhlandstraße, später in der Holsteinischen Straße, immer noch in Wilmersdorf. Wir hatten ein Zimmer in einer jener Wohnungen, deren rechtmäßige Bewohner von den Alliierten zur Untervermietung an Flüchtlinge gezwungen wurden. Wir kamen bei einem Opernsänger unter, der nur noch für Beerdigungen engagiert wurde. Mit uns lebte dort eine alleinstehende Dame, die als Köchin arbeitete. Für mich als kleines Mädchen war es eine eigenartige Zeit. Man könnte meinen, dieses provisorische Leben voller Ungewissheit sei ganz vergnüglich gewesen, aber die Ängstlichkeit meiner Eltern, ihr Kummer darüber, dass ihr ganzes Hab und Gut in Rauch aufgegangen war, und die allgemeine Verunsicherung bedrückten mich. Es herrschte so etwas wie tiefes Unbehagen, in dem sich die Niedergeschlagenheit der Trauernden und die Verbitterung derer mischten, die das beengte Leben in den Gemeinschaftswohnungen ertragen mussten. Für meine Eltern war das Leben als Fremde bei Fremden sehr schwer.

Ich war sieben, acht, neun Jahre alt, und es sah nicht so aus, als würde es für die Familie Künzel aufwärtsgehen. Manche meiner Freundinnen, wie etwa Margit, hatten jetzt eine richtige Wohnung mit einer Küche, einem Bad und eigenen Zimmern für sich und ihre Eltern. Wir dagegen waren auch weiterhin den Launen und der Ungeduld unserer Vermieter ausgeliefert. Während ich darauf wartete, dass unsere Lage sich besserte, passte ich mich den Umständen an, wie ein kleines Mädchen sich jeder Realität anpassen kann – besser als Jugendliche oder Erwachsene. Ich glaube, ohne dass es mir bewusst war, bin ich härter geworden. Im positiven Sinn, das heißt, ich jammerte weder, noch verwünschte ich die ganze Welt, noch beneidete ich die, die mehr Glück hatten als ich. Für mich ist dieser Teil meines Lebens eine prägende Erfahrung, damals habe ich gelernt, Schwierigkeiten zu überwinden und kritischen Situationen zu trotzen, so schlimm und schmerzlich sie auch sein mögen.

In der Volksschule war ich eine brave und gewissenhafte Schülerin. Wegen der Raumnot wurden die Schüler auf zwei Unterrichtsblöcke verteilt, einen am Vormittag und einen am Nachmittag. Kam dann im Winter der Kohlemangel dazu, hatten wir ganz frei. Meine Mutter ging putzen. Bevor mein Vater irgendwann in einer Geschäftsstelle des Amtsgerichts Spandau angestellt wurde, klopfte er Steine von den Trümmerfeldern für den Wiederaufbau. Auf diesen unübersichtlichen Terrains verbrachte ich, den Wohnungsschlüssel um den Hals, ganze Tage mit meinen Freundinnen, wir spielten Verstecken, versuchten, bis unters Dach der zerbombten Häuser zu klettern, und suchten vor allem nach geheimen Schätzen.

In der Schule gab es Mädchen, die ihren Vater im Krieg verloren hatten, und andere, die endlos auf seine Rückkehr aus sowjetischen Gefangenenlagern warteten. Die Schule lag fünf Minuten von mir zu Hause entfernt auf dem runden Nikolsburger Platz. Sie befand sich in einem imposanten weißen Gebäude mit einer Fassade voller Einschusslöcher. Ich bin sehr gern zur Schule gegangen. Unsere Lehrerinnen waren aufmerksam und wohlwollend, jeden Tag wurden warme Milch und Schokolade verteilt, und überdies traf ich dort meine beste Freundin Margit. Wenn ich morgens das Haus verließ, nahm ich mein Mittagessen in einer Blechbüchse mit. Ich erinnere mich nicht, Hunger gelitten zu haben. Ich erinnere mich vielmehr, dass ich Kartoffeln gegessen habe, bergeweise Kartoffeln! Selten mit Fleisch. Etwas abwechslungsreicher fielen unsere Mahlzeiten aus, wenn meine Mutter aus den Häusern, in denen sie arbeitete, Dinge mitbrachte, die man ihr dort schenkte. Manchmal lagerte sie ein als Butter dienendes Fett zwischen den Scheiben der doppelverglasten Fenster, um es frisch zu halten. Doch die Außenscheibe war zerbrochen, manchmal schlüpften Vögel hinein, und ich beobachtete entzückt und mucksmäuschenstill von der anderen Zimmerecke aus, wie sie das Fett aufpickten. An Feiertagen kaufte mein Vater mir ein Eis, die einzige Leckerei, die meine Eltern mir in jener Zeit bieten konnten. Ich erinnere mich auch noch an die Frauen, die mit dem Zug aufs Land fuhren und sich mit Eiern und Gemüse eindeckten, die sie in großen Säcken auf dem Rücken trugen. Ich erinnere mich an meine Schuhe mit Holzsohlen und an den Stoff, den meine Mutter sich im Tausch gegen Wertmarken beschaffte, die so ähnlich wie Lebensmittelmarken aussahen, und aus dem sie unsere Kleidung nähte. Ich erinnere mich an das Improvisationstalent der Berlinerinnen, die einen zu klein gewordenen Mantel einfach in ein Kleid verwandelten.

Man vermied es, über Hitler zu sprechen. Ich weiß noch, dass ich vor April 1945 im Kindergarten kleine Gedichte für den Führer auswendig aufgesagt habe. Ich verbrachte meine Kindheit inmitten von Ruinen und wusste nicht, warum Berlin zerstört und in vier Besatzungszonen aufgeteilt worden war. Die Welt, in der ich aufwuchs, wurde mir nicht erklärt, alles beschränkte sich auf den Satz: »Wir haben einen Krieg verloren, jetzt heißt es arbeiten.« Mein Vater war nicht gesprächig, meine Mutter war es nur, wenn sie meinem Vater Vorwürfe machte, was nicht selten geschah.

Als ich mit etwa vierzehn in die Pubertät kam, verstanden sich meine Eltern wieder besser: Fortan war ich das Objekt ihrer Nörgeleien. Beide hatten von den großen Umbrüchen, die sie miterlebt hatten, nichts vergessen, aber auch nichts daraus gelernt. Sie waren keine Nazis, aber sie hatten wie die anderen Hitler gewählt und fühlten sich doch in keiner Weise verantwortlich für das, was unter den Nationalsozialisten geschehen war. Wenn meine Mutter sich mit ihren Nachbarinnen unterhielt, jammerten sie über kurz oder lang stets über ihr ungerechtes Schicksal und beschworen die Erinnerung an die in den Wirren des Krieges verloren gegangenen geliebten Dinge herauf. Nie ein Wort des Mitleids oder Verständnisses für die anderen Völker, schon gar nicht für die Russen, denen sie alles Böse nachsagten.

Berlin war erfüllt vom Dröhnen der Versorgungsflugzeuge. Es war die Zeit der Berlin-Blockade. Ich stellte keine Fragen, weder anderen noch mir selbst. Ich ging den mir vorgezeichneten Weg: 1954 wurde ich in der evangelisch-lutherischen Kirche am Hohenzollernplatz konfirmiert, doch ich war schon damals nicht gläubig; bis heute ist mir die Frage nach Gott fremd. Dabei zeigte sich zu jener Zeit die Vorsehung gnädig: Wir zogen in eine Zweizimmerwohnung, und ich hatte endlich mein eigenes Reich.

Meine Freude darüber lässt sich kaum in Worte fassen. Zum ersten Mal im Leben hatte ich mit meinen Eltern eine normale Wohnung. Die Ahrweilerstraße 9 war ein reizloses Gebäude. Doch es besaß in meinen Augen eine wunderbare Eigenschaft: Es beherbergte unser Zuhause, bescherte uns eine eigene Adresse und lag, Gipfel des Glücks, in meinem Lieblingsviertel. Die Fenster unserer Wohnung gingen sowohl auf den Hof als auch auf eine wenig befahrene Straße hinaus, die von Bäumen und Häusern wie dem unseren gesäumt war.

Die Wohnung hatte eine Küche und ein Badezimmer, es gab Warmwasser und Zentralheizung. In meinem Zimmer und in dem meiner Eltern stand jeweils eine Couch, die wir abends vorm Schlafengehen auszogen. Diesen unglaublichen Luxus, diesen modernen Komfort mit einer richtigen Heizung – in unseren vorherigen Wohnungen war es in sämtlichen Zimmern kalt gewesen; ich erinnere mich an den winzigen Ofen, um den wir eng zusammenrücken mussten, wenn wir es wenigstens ein klein wenig wärmer haben wollten –, diese Revolution in unserem Leben verdankten wir Tante Ella, die sehr viel cleverer war als meine Eltern. In dieser Wohnung habe ich sieben Jahre gelebt, bis ich 1960 Berlin verließ.

Ganz in unserer Nähe lag der Rüdesheimer Platz, auf dem die Anwohner in den Sommermonaten mit ihren Kindern picknickten, sich amüsierten und Neuigkeiten austauschten. Ich führte meinen neuen Freund dorthin spazieren, den Basset einer jüdischen Dame, für die meine Mutter putzte und die mich nach Schulschluss oder nach den Hausaufgaben auf ihn aufpassen ließ. Sie wohnte in der Ahrweilerstraße 7 und war jetzt die einzige Jüdin in diesem Viertel, das, wie mir gesagt wurde, vor 1933 so viele Juden gezählt hatte.

Mit sechzehn wechselte ich vom Gymnasium auf die Höhere Wirtschaftsschule in Schöneberg, die mir als Sprungbrett in ein möglichst baldiges Erwerbsleben dienen sollte. Im Gymnasium hatte ich mich gelangweilt. Ich wollte unbedingt einen Beruf erlernen und mich von der elterlichen Bevormundung befreien. Denn damals ging zu Hause gar nichts mehr. Mein Vater trank und ließ sich gehen, was den Unmut meiner Mutter noch verschärfte. Bald darauf bekam er Krebs, an dem er 1966 mit 58 Jahren starb. Die täglichen Streitereien machten die Stimmung zu Hause unerträglich. Ich war dabei, zu ersticken.

Ich wusste nicht, wer ich war, und wollte es auch gar nicht wissen. Doch da ich ständig wartete – worauf? – und sich nichts tat, muss ich wohl eine gewisse Unzufriedenheit empfunden haben. Sie äußerte sich darin, dass ich keinerlei Begeisterung für die Perspektiven aufbrachte, die sich meine Mutter für mich ausdachte: ein Sparkassenbuch, eine Aussteuer, eine passende Heirat wie die meiner Cousine Christa. Prompt erklärte die Familie, dass ich eine schlechte Tochter sei. Wahrscheinlich habe ich mich selbst gerettet. Ich habe mich durchgesetzt; ich bin nie wieder dem »rechten« Weg gefolgt, der, das sah ich, überallhin führt, nur nicht ins Glück.

 

Kaum hatte ich am 13. Februar 1960 meinen 21. Geburtstag gefeiert, dachte ich nur noch an eins: weg aus dieser Stadt, obwohl mich eine tiefe, aber unerklärliche Zuneigung mit ihr verband. Auf meinen häufigen Streifzügen von West- nach Ost-Berlin, vor allem sonntags, machte ich mir die Sehenswürdigkeiten, die Museen, ja selbst die Straßen der geteilten Stadt zu eigen. Anders als für mein Umfeld im Westen endete Berlin für mich nicht am Brandenburger Tor: Jenseits davon ging die Stadt Unter den Linden weiter, die ebenso mir gehörten wie der Tiergarten. Politik und Geschichte waren mir vollkommen fremd; auf undefinierbare Weise empfand ich nur, dass Berlin, auch wenn es nicht so aussah, eine Stadt war. Ich mochte den Charme des Ostteils sogar lieber, der so düster und so arm war, wo es mir aber stets vorkam, als hätte ich eine Verabredung mit einer unbekannten Vergangenheit. Vermutlich entwickelte sich auf diesen Streifzügen, bei denen ich außer Träumereien nichts im Sinn hatte, lange vor der Wiedervereinigung meine erstaunliche Gewissheit von der Einheit meines Landes. Trotz des entzweiten Territoriums war ich nicht nur in einem Teil, sondern in ganz Deutschland verwurzelt.

 

Begegnung auf einem Métro-Bahnsteig

Am 7. März 1960 um sieben Uhr früh kam ich in Paris an. Der Himmel war grau, die Gare du Nord war grau, meine Stimmung war grau und gedrückt. Meine Mutter hatte mir das Schlimmste prophezeit. Für sie war ich nur noch eine junge Frau, die dem Verderben anheimfallen würde oder bereits anheimgefallen war. Mein Vater hatte sich von mir abgewandt, in seinen Augen war Paris das Bordell Europas, er sah mich schon als Bordsteinschwalbe. Ich konnte nur wenige Worte Französisch und schrieb mich sofort bei der Alliance Française ein. Drei Tage später war ich Au-pair-Mädchen und blieb es über ein Jahr. Ich hätte mir gewünscht, man hätte mich an meinem jeweiligen Wohn- und Arbeitsplatz ein wenig als älteste Tochter betrachtet. Viele deutsche junge Frauen wurden Au-pair-Mädchen, um Französisch zu lernen, Freundschaften mit Franzosen zu knüpfen, mit deren Kultur und Anschauungen in Berührung zu kommen. Doch nur wenige unter ihnen haben die Möglichkeiten, die Paris bietet, wirklich genutzt, und viele fuhren enttäuscht wieder heim, weil sie nicht das Leben führen konnten, das sie sich vorgestellt hatten.

Meine erste Gastfamilie wohnte in der Rue du Belvédère in Boulogne. Ich schlief auf dem widerwärtigen Dachboden des Einfamilienhauses, wo ich wegen der Spinnen vor Angst zitterte. Zweimal täglich brachte ich das Kind, auf das ich aufpasste, zur Schule und holte es wieder ab. Sieben Stunden täglich wusch, bügelte, kochte und putzte ich. Ich war fleißig und liebte die Sauberkeit, weshalb ich mit ungebremstem Eifer zu Werke ging, und wenn ich dann abends meine Lektionen im blauen Buch der Alliance Française lernen sollte – in dem die Musterfranzosen Monsieur und Madame Vincent jungen Mädchen, die Frankreich entdecken und lieben lernen wollen, bestimmt nicht so viel Arbeit aufhalsen würden –, war ich zu erschöpft.

Zum Glück wurde ich bald rausgeworfen: An einem Sonntag hatte ich gewagt, in Abwesenheit meiner Arbeitgeber ein paar Freunde einzuladen, und der Hausherr kam zurück, als wir vor dem Fernseher saßen. Vor seinem Fernseher: »Sie hätten ihn kaputt machen können, und die Reparatur hätten sicher nicht Sie bezahlt! Sie können sich eine neue Stelle suchen.«

Die fand ich am Bois de Boulogne in der Rue Darcel bei den Fallauds. Der Hausherr versuchte mir den Hof zu machen, Madame Fallaud interessierte sich nicht für ihren Haushalt und telefonierte endlos mit ihren Freunden. Fast die ganze Sorge für den vierjährigen Dominique und den siebenjährigen Marc war mir überlassen; ich lernte Nudeln kochen, Nudeln und noch mal Nudeln. Zwei Monate war ich jetzt schon in Paris. Beim Einkaufen wagte ich inzwischen, französisch zu sprechen, denn bei der Alliance traf ich nur Ausländer, und den Franzosen zu antworten, die mich, angelockt von meinem die Ausländerin verratenden Stadtplan, im Quartier Latin ansprachen, traute ich mich noch nicht.

Noch kannte ich die Stadt kaum, aber sie verzauberte mich. Was gab es nicht alles zu entdecken! Welch ein Unterschied zu den eintönigen West-Berliner Neubauten! Ich ging gern durch die alten Straßen des Marais oder jene zwischen Boulevard Saint-Germain und Seine und bewunderte die harmonischen, ausdrucksvollen Fassaden. Hier schienen die Menschen voller Lebenshunger, und keiner war wie der andere. Ein Spaziergang in Saint-Germain oder auf den Champs-Élysées war wie ein Theaterbesuch. In Paris bin ich aufgeblüht; ich hatte und habe bis heute das erregende Gefühl, tief mit dieser Stadt verbunden zu sein.

 

An einem Tag im Mai stand ich wie üblich am Bahnsteig der Station Porte de Saint-Cloud und wartete auf die 13-Uhr-15-Métro, wegen des Anschlusszugs an der Station Michel-Ange/Molitor am Haltepunkt des vorderen Zugteils. Ich spürte einen bohrenden Blick und schaute auf: Ein schwarzhaariger junger Mann in einem Glencheck-Anzug und mit einer Aktentasche in der Hand sah mich an: »Sind Sie Engländerin?«

Das war natürlich eine Falle. Serge gestand mir später, dass eine Deutsche diese Frage immer mit »Nein« beantwortete. Und damit war man im Gespräch. An der Station Sèvres-Babylone stieg er mit meiner Telefonnummer in der Tasche aus und ging zur Hochschule für Politikwissenschaft. Drei Tage später rief er zu meiner größten Freude an, und wir sahen uns in einem Kino in der Rue du Colisée Sonntags … nie! an. Serge beendete gerade sein Studium und war fast so arm wie ich. Mit seiner Ernsthaftigkeit und seiner Fantasie gefiel er mir sofort.

Auf einer Parkbank im Bois de Boulogne erzählte er mir, dass er Jude war, dass er seinen Vater in Auschwitz verloren hatte. Ich war überrascht, aufgewühlt. Unwillkürlich schreckte ich zuerst zurück. In Berlin hatte ich kaum je Gutes über die Juden gehört. Warum musste mir das passieren? Aber Serges Blick strahlte so viel Wärme aus; ich schmiegte mich an ihn.

Er erzählte mir von seinem Vater, der, das spürte ich, als Vorbild in ihm weiterlebte: Er hatte sich 1939 freiwillig zur Fremdenlegion gemeldet, war 1940 einer der wenigen Überlebenden seines Regiments in der Schlacht an der Somme, floh aus der Gefangenschaft, wurde im September 1943 in Nizza verhaftet und starb in Auschwitz in der Gaskammer.

Kommentare

Kommentieren Sie diesen Beitrag:

Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtangaben und müssen ausgefüllt werden.

Weitere Blogs zum Thema
Themen
Kategorien
News
08. Juni 2018
Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln
Der bulgarisch-stämmige Autor Ilija Trojanow erhält für sein literarisches Werk den Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln verliehen. Mit seinen Werken engagiert er sich für Toleranz und ein friedliches Miteinander von unterschiedlichen Kulturen.
News
07. Juni 2018
Women's Prize for Fiction 2018
Die britisch-pakistanische Autorin Kamila Shamsie erhält für ihren Roman »Homefire« den Women's Prize for Fiction 2018. Die Auszeichnung gilt als Großbritanniens prestigereichster Preis für von Frauen geschriebene Literatur. »Hausbrand« erscheint am 4. September 2018 im Berlin Verlag.
News
30. Mai 2018
»Deutscher Science-Fiction-Preis«
Der Piper Verlag freut sich, dass Andreas Brandhorst und Robert Corvus für den Deutschen Science-Fiction-Preis 2018 in der Kategorie »Bester deutschsprachiger Roman« nominiert worden sind.