Balbi, Das Olivenhaus Rezepte
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Ligurische Rezepte

für glückliche Esser

Donnerstag, 16. April 2015 von Rezepte aus »Das Olivenhaus« von Margherita Balbi


Angelinas Lieblingsgerichte*

*alle Rezepte sind für 4 Personen berechnet

Hier finden Sie eine kleine aber feine Zusammenstellung der besten und leckersten ligurischen Rezepte aus dem Buch »Das Olivenhaus« von Margherita Balbi! Die herzensgute Dame und begnadete Köchin Angelina besitzt eine gemütliche Trattoria in einem ligurischen Dorf. Sie ist gut mit unserer Protagonistin Anna befreundet und verrät Ihnen ihre absoluten Lieblingsgerichte. Auch wir können sie euch nur empfehlen und wünschen viel Spaß beim Nachkochen und einen guten Appetit!

Kräuter-Tomatensauce

Zutaten:

  • 1 Zwiebel
  • 3 EL Olivenöl
  • 1 Dose geschälte Tomaten bzw. 300 frische, geschält und gewürfelt
  • ½ Bund Petersilie
  • 1 Lorbeerblatt
  • 4 Salbeiblätter
  • 1 Zweig Rosmarin
  • 1 Teelöffel zerriebener Oregano
  • 1 Teelöffel Thymian oder 1 Zweig frischer Thymian
  • 1 Knoblauchzehe
  • 1 Prise Zucker
  • Basilikum-Blätter
  • Salz, Pfeffer
  • geriebener Pecorino

Zubereitung:

Die Zwiebel mit den Kräutern und der ganzen Knoblauchzehe im Olivenöl anbraten, Tomaten und eine Prise Zucker zugeben, 20 Minuten auf kleiner Flamme weiterköcheln, bis die Sauce eingedickt ist. Nudeln (z.B. Spaghetti) nach Packungsanweisung al dente kochen und abgießen. Mit Basilikum-Blättern und geriebenem Pecorino servieren.

Zitronenkuchen

Zutaten:

  • 200 g Mehl
  • 200 g Speisestärke
  • 1 TL Backpulver
  • 3-4 Bio-Zitronen
  • 400 g weiche Butter
  • 400 g Puderzucker
  • 5 Eier
  • 2 EL Limoncino (wahlweise)

Zubereitung:
Zitronenschale abreiben, Saft auspressen, 1/8 L abmessen. Mehl, Speisestärke und Backpulver in eine Schüssel sieben. Butter und Puderzucker cremig rühren, die Eier und 1/8 L Zitronensaft und Zitronenschale zugeben, mit der Mehlmischung verrühren. Den Teig in eine Gugelhupfform streichen. Im vorgeheizten Backofen bei 225 Grad 45 Minuten backen. Übrigen Zitronensaft mit Limoncino verrühren. Den warmen Kuchen mit einem Holzstäbchen einstechen und mit der Zitronensaft-Limoncino-Mischung (oder nur mit Zitronensaft) beträufeln. Mit Puderzucker bestäuben.

Hühnerbrust mit Artischocken

Zutaten:

  • 600 -800 g Hühnerbrust (oder Truthahnbrust)
  • 4 Artischocken (oder 1 Dose eingelegte, ohne Öl)
  • 1 dl Weißwein
  • 3 EL Olivenöl
  • 2 Eier
  • Saft von 3 Zitronen
  • Abrieb von 1 Zitrone
  • 1 EL gehackte Petersilie
  • 1 Knoblauchzehe (ganz)
  • 4 EL Brühe

Zubereitung:
Die Hühnerbrustfilets in Streifen oder Würfel schneiden. Olivenöl erhitzen, Fleischstücke und Knoblauchzehe zugeben und von beiden Seiten 5 Minuten anbraten, mit Wein ablöschen. Hitze reduzieren und zugedeckt 5 Minuten weiterschmoren. Artischocken von den harten Blättern befreien, achteln und das innere Holz herausschälen, in Salzwasser 15-20 Minuten kochen. (Alternativ: 1 Dose abgetropfte Artischocken). Zum Hühnerfleisch geben und 5 Minuten mitschmoren.

Eier verquirlen, mit Zitronensaft, Zitronenschale, Brühe und Petersilie vermischen. Hühnerfleisch von der Kochplatte nehmen, die Brühe und Eimischung zugeben und sorgfältig einrühren. Unter ständigem Rühren eindicken lassen. Vorsicht, die Sauce darf nicht kochen, sonst gerinnt das Ei. Petersilie darüber streuen.

(Anmerkung: Dieses Gericht schmeckt statt mit Artischocken auch mit Zucchini oder Pilzen sehr gut)

Vegetarische Pasta alla Carbonara

Zutaten:

  • 1 Zwiebel
  • 1 Knoblauchzehe
  • 3 EL Olivenöl
  • 300 g Zucchini
  • 2 Eigelb
  • Salz, Pfeffer, Muskatnuss
  • 400 g Spaghetti
  • Salz, Pfeffer
  • Parmesan

Zubereitung:
Zwiebel in Streifen schneiden, mit der ganzen Knoblauchzehe im Öl anbraten. Fein geschnittene Zucchini zugeben und leicht anbraten. Nudeln nach Packungsanweisung kochen. Sobald die Nudeln gar sind, abgießen, wenig Wasser (ca 2 EL) aufheben. 2 Eigelb aufschlagen und mit der Zucchini-Zwiebel-Mischung vermengen. Falls die Sauce zu fest ist, etwas heißes Nudelwasser zugeben. Mit Parmesan servieren.

(Anmerkung: In Italien rechnet man 80 Gramm Nudeln pro Person, wenn es einen weiteren Gang gibt, sonst auch 100 g.)

Orangentarte (Crostata all’arancio)

Zutaten für den Mürbeteig:

  • 200 Mehl
  • 75 g Zucker
  • 1 Ei
  • 100 Butter
  • 3 Bio-Orangen

Zutaten für den Belag:

  • 1/2 Päckchen Vanillepuddingpulver
  • 2 EL brauner Zucker
  • 1 Zitrone
  • 2 Eier
  • 2 Eigelb
  • 150 g Puderzucker
  • 1 TL Limoncino oder Orangenlikör
  • 150 ml Schlagsahne

Zubereitung:
Mehl mit Zucker, 1 Ei, Butter und 1 Prise Salz zu einem glatten Teig verkneten. In Folie wickeln und 30 Minuten kalt stellen.

Flache Tarte-Form ausfetten. Den Teig auf einer bemehlten Arbeitsfläche ausrollen, in die Tarte-Form geben, mehrmals einstechen. Den Backofen auf 200 Grad bzw. Umluft 180 Grad vorheizen, den Mürbeteigboden 10 Minuten backen.

2 Orangen und 1 Zitrone waschen und die Schale abreiben. Orangen und Zitrone auspressen und mit dem Puddingpulver verrühren. 1 Orange schälen, in 6-8 dünne Scheiben schneiden und mit braunem Zucker bestreuen. 2 Eier, 2 Eigelbe, Orangenschale und Puderzucker schaumig rühren, die Pudding-Orangen-Mischung unterrühren. Sahne steif schlagen und unter die Creme heben, mit Limoncino bzw. Orangenlikör vermischen. Im Backofen 30 Minuten backen. Herausnehmen, die Orangenscheiben auf dem Kuchen verteilen. Nochmals 15 Minuten backen. Erkalten lassen und mit Puderzucker bestreuen.

Blick ins Buch
Das OlivenhausDas Olivenhaus

Roman

Schmale rosafarbene Häuser, in der Luft der Duft von Rosmarin, Ginster und Lavendel, der Blick über die Hügel bis hinunter zum strahlend blauen Meer – all das möchte Anna nicht mehr nur im Urlaub genießen. Sie kauft sich ein Haus in einem ligurischen Dorf und dazu bald einen Olivenhain. Nachbar Ottavio bietet ihr an, sie in die Kunst des Olivenanbaus einzuweihen, wenn sie im Gegenzug eine Kontaktanzeige für ihn aufgibt. Nach einem turbulenten Sommer stellt sich für Anna heraus, dass ein Olivenzweig manchmal nicht nur zu innerem Frieden führt, sondern auch zur Liebe …
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KAPITEL 1

Das wilde Tier oder wie alles begann

Anna liebte das Meer und betrachtete es zu jeder Tageszeit in seiner ganzen Pracht.

An manchen Morgen wirkte es wie ein impressionistisches Bild mit unzähligen Schattierungen von Blau: Direkt vor der Küste lag ein Dreieck in Türkis, das in sanften Kreisen in intensives Graublau überging. Danach folgte ein schmaler Streifen, der die Farben des hellen Dreiecks wieder aufnahm. Graublau, Türkis und Blau – wie die Klänge einer perfekten Symphonie wechselten sich, je nach Licht, die verschiedenen Töne miteinander ab. Aus dem dunklen Blau wurde lebendiges Lila, so, als wenn ein geübter Maler mit vergnügtem Lächeln einen Topf Farbe über dem Meer ausgekippt hätte. Erst wenn die Sonne langsam höher stieg, tauchte in der Ferne wieder der helle Dunst auf, vor dem sich die Konturen von fernen Inseln abhoben und Abenteuer in fernen Welten verhießen.

Im grellen Licht des Mittags schließlich verschwammen die Umrisse von Land und Meer. Dann kündigten ein paar sanfte Wolken an, dass die Sonne ihren Zenit überschritten hatte und bald die Landschaft wieder in wärmendes Licht eintauchte.

Den späten Nachmittag hatte Anna wie oft im Herbst unten an der Küste verbracht. Ende September waren deutlich weniger Menschen am Strand: ein älteres Paar, das gelassenes Glück ausstrahlte, zwei Frauen, die ihr Buch aus der Hand gelegt hatten und fasziniert in den Sonnenuntergang sahen. Anna liebte diese Jahreszeit, und fast schwerelos schwamm sie im tiefblauen Wasser. In der Ferne zog ein Segelschiff vorbei, durch dessen aufgeblähte Segel die Abendsonne leuchtete. Die Luft war bereits kühler geworden, nur das Wasser hatte noch die Wärme des Sommers gespeichert, es erfrischte ihre Haut und sogar ihre Gedanken, wenn sie sich seinen sanft gekräuselten Wellen überließ. Wie als Entschädigung für die sich zurückziehende Wärme sandte die untergehende Sonne funkelnde Lichtreflexe aus. An Nachmittagen wie diesem war die Landschaft in ein atemberaubendes Licht aus Kupfer- und Rosatönen gehüllt.

Bevor Anna in ihr Haus in Albereto superiore hinauffuhr, ließ sie ihr Auto in einer der schmalen Seitenstraßen stehen und schaute wie immer bei Angelinas Trattoria vorbei. Als sie die Stufen zum Corso Italia hinunterging, verströmten die Jasminsträucher immer noch betörenden Duft. Sobald sie in den Vico della Mandorla einbog, vermischte sich der Duft von Jasmin mit dem verführerischen Geruch von gegrilltem Fisch, Knoblauch und Zitronen.

Angelina band sich gerade eine frische weiße Schürze um, bevor der Ansturm der Gäste begann, als sie Anna gut gelaunt durch das Küchenfenster begrüßte.

»Komm rein! Die acciughe al limone sind gerade fertig geworden.«

Der Gastraum mit den einfachen Holzstühlen und blauweiß karierten Tischdecken war noch leer, und Anna ging geradewegs in die Küche. Auf der blitzsauberen Anrichte standen aufeinandergestapelte Tontöpfe, die Angelina für Risotti und Fischsoßen verwendete. Allerdings blieb es ihr Geheimnis, wie sie es geschafft hatte, die alte Marmorplatte an der Gesundheitsbehörde vorbeizuschmuggeln, die sonst jedem Lokal eine hygienisch einwandfreie Aluminiumplatte aufgezwungen hatte. Vor dem Mittag- und Abendessen saßen hier lauter abitués, Gäste, die zu Freunden geworden waren und das Privileg genossen, in Angelinas Gesellschaft, mitten in ihrer Küche, ein köstliches Gericht nach dem anderen zu genießen: frische Kräutersoßen mit Oregano, Salbei und Rosmarin, in Zitronensaft eingelegte Sardinen, mit wildem Fenchel gebratene Rotbarben, in Tomaten, Wein und Petersilie geschmorte Tintenfische. Außerdem war Angelina leidenschaftliche Entdeckerin längst vergessener frugaler Gerichte, die sich durch raffinierte Einfachheit auszeichneten und die für sie und ihre Gäste eine höchst abwechslungsreiche kulinarische Reise in die Vergangenheit waren. Von ihren Gästen – oder sollte sie sagen Freunden? – erfuhr Angelina im Gegenzug alles, was sich im Dorf ereignete, sodass »Da Angelina« nicht nur eine ausgezeichnete Trattoria, sondern auch ein soziales Zentrum mit beständigem Informationsaustausch war.

Angelina zerrieb noch ein paar Oreganoblüten über den in Olivenöl und Zitronensaft schwimmenden Fischen, bevor sie den Teller vor Anna abstellte. »Kompliment für das gute Timing!«, rief sie gut gelaunt.

»Na siehst du, darauf kommt es doch im Leben an!«, entgegnete Anna und stellte ihre Badetasche auf den Stuhl neben sich.

Angelina schnitt ein paar dicke Scheiben von ihrem knusprigen Brot ab, das sie wie immer am Nachmittag in ihrem Holzofen gebacken hatte, und reichte es Anna.

»Noch nie habe ich so eine gut schmeckende Verbindung von Kräutern und Fischen gegessen wie bei dir.« Anna zupfte ein Stück Brot ab und tunkte es in das nach Zitrone und Oregano schmeckende Öl.

Angelina freute sich, wie immer, wenn sie ihre Gäste glücklich machen konnte. Neugierig sah sie Anna unter ihrem kurz geschnittenen braunen Pony an.

»Na, wie geht’s dir? Setzt dir die Einsamkeit da oben nicht langsam zu?«

»Einsamkeit? Ich verstehe überhaupt nicht, was du meinst.« Anna kaute genussvoll auf einer Sardine.

»Ich meine, dass es bei dir da oben nicht gerade dicht bevölkert ist. Aber das wusstest du ja schon, bevor du aus München hierhergezogen bist.«

Anna protestierte lachend und mit vollem Mund. »Stimmt doch gar nicht! In Albereto superiore wohnen ebenso viele Menschen wie Katzen, und jede Nacht läuft eine vierköpfige Wildschweinfamilie durchs Tal. Gestern habe ich sie schon um neun Uhr gesehen, als ich den Müll weggebracht habe. Hast du eine Ahnung, was zwischen Wildschweinen, Menschen und Katzen alles passieren kann!«

Genussvoll spießte Anna ein Stück Fisch auf die Gabel und betrachtete es von allen Seiten.

»Köstlich, diese acciughe. Ihre Haut sieht aus wie Schiefer, blau schillernd, wie der Himmel von Albereto nach einem Gewitter.«

Belustigt sah Angelina ihr zu. »Jetzt übertreib nicht mit deinen Fischchen! Und den Teller musst du nicht mitessen, ich hab noch mehr davon.«

Angelina holte eine große weiße Porzellanschüssel aus dem Kühlschrank, die randvoll mit eingelegten Fischen war.

»Übrigens danke, dass du mir diesen Ottavio zum Grasmähen vorbeigeschickt hast«, bemerkte Anna, immer noch kauend.

»Ist wohl ein Frühaufsteher, er muss kurz nach sechs aufgetaucht sein. Ich habe ihn um zehn gerade noch getroffen, als er schon wieder wegfahren wollte. Wirkt ziemlich bodenständig, ein bisschen wild, aber irgendwie nett.«

»Oh ja, Ottavio«, lachte Angelina. »Ein Mann mit Prinzipien, ist wohl so was wie einer der letzten Aufrechten hier. Seit seine Mutter gestorben ist, hat er die Olivenhaine der Familie übernommen, und er pflegt sie perfekt.«

Anna war noch zu sehr mit ihren Sardinen beschäftigt, um überhaupt aufzusehen. »Meine Nachbarin Domenica war jedenfalls begeistert, dass es bei mir endlich pulito aussieht – ›sauber geputzt‹! Bevor ich hierherzog, habe ich das über Badewannen und Küchenböden gehört. Ich wäre jedenfalls nicht auf die Idee gekommen, dass eine Grasfläche sauber geputzt sein kann!«

Mit dem Zipfel ihrer weißen Schürze wischte sich Angelina ein paar Schweißtropfen von der Stirn.

»Du musst die Leute hier verstehen: Im Gras sind nachts Katzen und Mäuse, und wenn man Pech hat, Schlangen, Marder, Füchse und Wildschweine unterwegs. Und eine ordentlich gemähte Grasfläche trennt die Bereiche von Menschen und Tieren klar voneinander ab.« Konzentriert rührte Angelina in einem schweren Eisentopf, während Anna die letzten Tropfen Öl mit etwas Brot auftunkte. Neugierig schnupperte sie, in Erwartung neuer Köstlichkeiten, Richtung Herd.

»Was kochst du denn da?«

»Scampi mit Zucchini und geriebener Zitronenschale. Ich probiere gerade eine neue Soße aus: frisch und leicht, eine Verbindung von Land und Meer. Für kommenden Sonntag möchte ich ein Zitronenmenü kreieren.«

»Klingt gut. Wann kochst du es für mich?«

»Zu deiner Hochzeit.« Angelina drehte sich kurz um, sodass Anna sehen konnte, wie ihr der Schalk aus ihren braunen Augen blitzte. »Aber bis dahin müssen mir noch ein passendes Hauptgericht und ein Dessert einfallen.«

»Fang nicht schon wieder mit diesem leidigen Thema an.« Anna rückte ein Stück von Angelinas inoffiziellem Marmortisch ab. »Du weißt doch, dass ich nach meiner Trennung von Rolf eine Auszeit brauche.«

»Aber das ist doch schon drei Jahre her!«, rief Angelina aus, eine Spur ungehaltener, als es ihre Absicht war. »Findest du nicht, dass du dich allmählich wieder umsehen könntest? Ich kann ja verstehen, dass dir Rolf mit seiner Eifersucht das Leben schwer gemacht hat. Aber nicht jeder Mann ist eifersüchtig wie er. Es gibt auch ein paar nette Exemplare.«

»Aber wirklich nur ein paar. Aber das weißt du ja schließlich besser als ich«, antwortete Anna leicht genervt.

Angelina tat es sofort leid, das Thema Männer überhaupt angesprochen zu haben. Sie wollte ihre Freundin nicht verärgern, vor allem, da sie auf Harmonie an ihrem Küchentisch ganz besonderen Wert legte. Rasch wechselte sie das Thema.

»Die Wildschweine werden hier allerdings immer mehr zur Plage. Ottavio war vor zwei Tagen deshalb schon völlig verzweifelt. Stell dir vor, ausgerechnet an seinem Geburtstag haben sie in seinem Garten alle zweiunddreißig Salatköpfe gefressen!«

Fröhlich faltete Anna ihre Serviette zusammen. »Na siehst du, die haben sich eben an Ottavios Salatbuffet bedient!«

Angelina lächelte, während sie zu einem Glas mit knallgelbem Inhalt griff. »Kurkuma, genau, das fehlte noch. Ein phantastisches Gewürz, das vielen Krankheiten vorbeugt.« Genießerisch entnahm sie einen halben Teelöffel davon. »Allerdings braucht es eine Prise Pfeffer, weil es sonst seine Wirkung nicht freisetzen kann.« Sorgfältig schraubte sie das Glas wieder zu und stellte es in den Gewürzschrank voller bunter Gläser zurück. »Mach dich bitte nicht lustig über Ottavio. Früher ist er zur See gefahren, er spricht allerdings nicht viel darüber. Er hat einiges von der Welt gesehen und blickt etwas weiter als die Leute hier. Die meisten sind ihr Leben lang kaum über ihre Hügel hinausgekommen. Als er vor ein paar Jahren zurückkam, lebte er mit einer Frau zusammen. Die scheint aber verschwunden zu sein, jedenfalls sieht man ihn immer allein. Und jetzt fallen auch noch die Wildschweine über ihn her.«

Anna packte ihre türkisfarbene Badetasche und ging Richtung Tür. Die Sonne hatte ihre Haut gebräunt und ihrem dunkelblonden Haar kleine Glanzlichter aufgesetzt. »Tja, so ist das Leben, und die Wildschweine gehören in unserer Gegend eben auch dazu.«

Auf der Bank vor Angelinas Trattoria saßen wie immer Giancarlo und sein Freund Augusto beim abendlichen Aperitif, während Hund Ciccio eine Schüssel Kartoffelchips verschlang.

Alle drei waren hocherfreut, Anna zu sehen, besonders Ciccio, der genau wusste, dass jetzt eine zweite Runde folgte und er Annas Chips abbekam.

»Willst du einen Albereto speciale?«

»Aber gern.«

Giancarlo mit der wehenden weißen Mähne war der Baukünstler im Ort, der zusammen mit seinem Freund Augusto ein kleines Bauunternehmen betrieb. Giancarlo und Augusto waren ausgewiesene Feinschmecker und Stammkunden bei Angelina, wo Anna die beiden auch kennengelernt hatte. Wegen seiner Fähigkeit, alte, halb verfallene Häuser perfekt wiederherzurichten, und natürlich wegen seiner wehenden Mähne, wurde Giancarlo im Dorf Michelangelo genannt. Augusto, mit schmaler Nase und weißem, glatt zurückgekämmtem Haar, kümmerte sich um das Geschäft, während sich Michelangelo am liebsten seinen eigenwilligen Entwürfen widmete. Ihr unterschiedlicher Charakter ließ sich allein schon an der Kopfbedeckung ablesen: Während Augusto für die Arbeit eine nach hinten verdrehte Baseballkappe trug, knüpfte Michelangelo jeden Morgen drei Knoten in ein blau gestreiftes Herrentaschentuch, das er sich, einen Knoten vorne, zwei hinten, mit Schwung über die Mähne zog. Auch an dieser Kopfbedeckung als Schutz gegen Staub und Zement war zu erkennen, ob beide auf eine ihrer zahlreichen Baustellen gingen oder doch, unbedeckt, am späten Vormittag schnurstracks in Angelinas Trattoria. An Feiertagen unternahmen sie kulinarische Ausflüge in die unmittelbare Umgebung, um Stockfisch, Pilze oder geschmortes Wildschwein zu essen, was jedes Mal damit endete, dass beide reumütig zu Angelina zurückkehrten, wo es fast alles, aber keinen Stockfisch und keinen Wildschweinbraten gab. Angelina fand, dass Stockfisch nicht gut riecht, und die zerstörerischen Wildschweine hasste sie, wie die meisten Bewohner der Gegend, und mochte sie noch nicht einmal als Braten in ihren Töpfen sehen.

»Oh ja. Ein Albereto speciale. Heute genau das richtige Getränk für mich«, fand Anna, glücklich, in der Gesellschaft ihrer drei Freunde zu sein.

Zwei Albereto speciale später fuhr Anna gut gelaunt die gewundene Straße in ihren Weiler hinauf und wich erst im letzten Moment einem Lastwagen aus, der eine unverhältnismäßig große Zementmischmaschine aufgeladen hatte und in waghalsigem Tempo Richtung Küste fuhr. Meist sah Anna kurz auf die Autonummer, bei Ortsfremden bremste sie nämlich vorsichtshalber, während man den Einheimischen auch bei waghalsigen Ausweichmanövern vertrauen konnte.

Als sie vor zweieinhalb Jahren zum ersten Mal einen Kurzurlaub an der ligurischen Küste gemacht hatte, war die Straße noch unasphaltiert, was die ersten Touristen aus dem Norden nicht im Mindesten gestört hatte. In zwei aufeinanderfolgenden Sommern hatte Anna bei Angelina gewohnt, an ihren Drehbüchern gearbeitet und die verschlossenen, etwas halsstarrigen Einwohner von Albereto allmählich ins Herz geschlossen.

Schon damals, als die ersten Touristen aus Norditalien ins Dorf gekommen waren, wurden sie von Michelangelo und Augusto bei zahlreichen gemeinsam eingenommenen goti, wie hier das Ein-Deziliter-Glas hieß, ins Dorfleben integriert. Die Freundschaft zu den Künstlern hatte beide Seiten bereichert und schließlich auch dazu geführt, dass Michelangelo und Augusto glückliche Besitzer von Sammlungen neuer Kunst geworden waren. Für die zahlreichen Essenseinladungen der beiden hatten sich die Künstler aus der Stadt mit eigenen Werken bedankt. Außerdem wurden Michelangelo und Augusto im Winter häufig zu ausgesuchten Theaterpremieren in Mailand oder Rom eingeladen. Als eines Sommers auch in Albereto mehr und mehr nach Modegetränken wie Aperol Spritz verlangt wurde, hatten Michelangelo und Augusto einen orangefarbenen Drink mit dem Namen Albereto speciale kreiert, der aus viel Gin, Carpano und rotem Cinzano bestand. Mit ihrem schwarz-weißen Mischlingshund Ciccio im Schlepptau, der am liebsten die zu jedem Glas gereichten Kartoffelchips fraß, waren beide von Bar zu Bar gezogen, hatten dem jeweiligen barista die richtige Mischung beigebracht und einen politischen Preis ausgehandelt, der etwa ein Drittel unter dem ähnlich gehaltvoller Getränke lag. Natürlich verstand es sich von selbst, dass man Albereto speciale nur in Gesellschaft ihrer Erfinder trank und die Einladung dazu in eine der drei Bars von Albereto als besondere Ehre galt.

Es geschah eines Abends beim dritten oder vierten Glas dieses nicht ungefährlichen Getränks, als Michelangelo seiner Freundin Anna verkündete, er würde es begrüßen, wenn sie hierbliebe, und dass er ihr gerne ein Haus ganz nach ihren Wünschen bauen würde. Ein mögliches Objekt, ein verfallenes rustico mit einem Baum in der Mitte, stand gerade zum Verkauf. Annas Frage, ob es denn auch eine Zufahrtsstraße gab, wurde von den beiden Herren mit einer nonchalanten Geste weggewischt. Wieso brauchte man eine Straße, wenn es einen Baum in der Mitte gab! Das Baumaterial würde ohnehin per Helikopter, und der restliche Kleinkram mit dem Esel transportiert. Eine Straße zu bauen, das war doch überhaupt nicht der Rede wert! Natürlich könnte man eine Zufahrtsstraße in zwei Tagen mithilfe einer kleinen ruspa bauen. Anna war gerührt, was die angebotene Hilfe und die Geste der Freundschaft anbetraf, behielt sich aber vor, die Idee mit dem Baumhaus noch zu überdenken.

Hund Ciccio, der seine Anhänglichkeit gerecht zwischen seinen beiden Herrchen verteilte, war ebenso wie diese eine angesehene Persönlichkeit im Ort. Bei seinen morgendlichen Spaziergängen, die er nach durchzechten Nächten der beiden Baukünstler oft genug allein unternahm, wurde er von allen respektvoll mit »Ciao Ciccio« begrüßt.

Teilnehmer der kulinarischen Ausflüge war manchmal auch der Bürgermeister, il Conte, der, obwohl militanter Exkommunist, alljährlich von seiner resoluten Ehefrau gezwungen wurde, am Tag der Schutzheiligen Santa Teodora ein schweres Kreuz durchs ganze Dorf zu tragen. Zur Runde gesellte sich manchmal auch der Dorfpfarrer, Don Primo, der zu später Stunde am liebsten »Love me tender« zur Gitarre sang. Und schließlich gab es den verrückten Peppino, der unablässig rauchend durchs Dorf ging, malte, rätselhafte Gedichte schrieb und allen, die es hören wollten oder nicht, erklärte, dass er der geistige Nachfahre Friedrich Nietzsches und überhaupt das einzige lebende Genie auf der Welt sei.

Die Sommermonate hatte Anna auch in diesem Jahr in Albereto verbracht und die liebenswürdigen, wenn auch etwas halsstarrigen Bewohner ins Herz geschlossen. Im Vorjahr war Angelinas Mann gestorben und hatte sie mit dem gerade eröffneten Restaurant und einer siebzehnjährigen Tochter allein zurückgelassen. Zwar war Bruno für die Küche zuständig gewesen, doch Angelina mit den Sommersprossen, den sanften braunen Augen und dem halblangen, dunkelbraunen, Haar, die bei allen beliebt war, traute sich durchaus zu, die Trattoria auch allein zu führen, die ja bereits ihren Namen trug. Außerdem hatte sie keine andere Wahl.

An vielen Abenden in Angelinas Küche, wenn die letzten Gäste gegangen waren, waren Anna und Angelina zu guten Freundinnen geworden.

Anna begann, sich immer mehr in Albereto heimisch zu fühlen und sich sogar von ihrer Trennung von Rolf zu erholen, dessen krankhafte Eifersucht nebst ein paar anderen Unverträglichkeiten schließlich, nach sieben halbwegs glücklichen Jahren und vielversprechenden Plänen, doch zum definitiven Aus geführt hatte. Die gelben und rosafarbenen Häuser von Albereto, die sich Schutz suchend aneinanderschmiegten und von Pergolen und Olivenbäumen umgeben waren, hatten bei Anna ein nie gekanntes Gefühl von Heimat und Geborgenheit ausgelöst.

»Warum bleibst du nicht den Winter über hier?«, hatte Angelina am Ende des dritten Sommers ihre Freundin gefragt.

»Caterina ist gerade ausgezogen, du kannst ihr Zimmer haben. Seitdem sie in Mailand Design studiert, lässt sie sich hier sowieso kaum noch blicken. Und du sagst doch selber, dass du in der Großstadt sowieso nicht mehr schreiben kannst!«

Trotzdem war Anna im September, wie auch in den Sommern zuvor, wenn auch schweren Herzens, abgereist.

Doch dieses Mal war es anders: Der Blick über das Meer hatte sich in ihrer Seele festgesetzt, und als sie wieder in München war, brach ihr vor lauter Heimweh fast das Herz. Das Leben ohne Angelina, ihre tröstenden Nudel- und Fischgerichte und ohne die Menschen von Albereto war ihr schwer geworden.

Es war ein regnerischer Tag kurz nach dem Oktoberfest, Anna hatte sich gerade an ihr Manuskript für eine Auftragsproduktion gemacht, Mord aus Rivalität und Eifersucht, als Angelinas Anruf kam. Ihre Stimme überschlug sich fast vor Aufregung.

»In Albereto superiore ist ein Haus zum Verkauf angeboten. Die Besitzer sind Mailänder und haben es eilig mit dem Verkauf, weil sie kurz vor der Scheidung stehen. Es ist ein kleines Natursteinhaus oben an der Passstraße, an der Kreuzung, du weißt schon, wo es nach Casale geht. Wahrscheinlich bist du schon mal daran vorbeigefahren. Der Besitzer war bei mir, eine unglaubliche Nervensäge, angeblich ist er Architekt, was ich zu bezweifeln wage.« Angelina kicherte in den Hörer.

»Beim Essen hier hätte er sich neulich fast an einer Gräte verschluckt.«

»Hast du sie ihm extra hingelegt?« Annas Stimmung, sie saß gerade schlecht gelaunt und müde an ihrem Schreibtisch, besserte sich schlagartig. Plötzlich war sie hellwach.

»Erzähl weiter.«

»Vielleicht lernst du den Typen bald kennen, du kannst ihn sicher in eines deiner Drehbücher einbauen«, fuhr Angelina fort und kicherte immer noch. Anna war jetzt sicher, dass die Sache mit der Gräte auf Angelinas Konto ging.

»Ich bin gestern Abend vorbeigefahren, das Haus ist neu gebaut, es gibt zwei Terrassen, eine zur Straße, eine zu den Weinbergen hin. Die Terrasse zur Straße ist noch nicht fertig, aber mit Holzbalken überdacht. Früher war das Haus ein Stall, keine Ahnung, wo der Typ die ganzen Genehmigungen hergekriegt hat. Wahrscheinlich, weil er so unsympathisch ist und ihn jeder sofort wieder loswerden will. Ein Stück Land, drei piane, gehört auch dazu. Scheint schon lange brach zu liegen, du hättest ein bisschen Arbeit damit.«

»Klingt interessant«, kommentierte Anna und dachte an das Baumhaus, das ihr Michelangelo vorgeschlagen hatte.

»Gibt es auch eine Straße?«

»Natürlich, direkt vorm Haus. Domenica, die oberhalb wohnt, sagt, dass das Gelände darunter früher sehr fruchtbar war. Lass dir die Gelegenheit also bloß nicht entgehen!«

Und so war Anna zwei Wochen später nach Albereto superiore gefahren, um sich das Objekt anzusehen. Zur Besichtigung hatte sie einen befreundeten Architekten aus München mitgenommen, der dreimal um das Haus gegangen, die Zentralheizung gesucht und mehrmals »Aha« und »Hmhm« gesagt hatte. Trotz aller Mängel hatte er ihr zum Kauf geraten. Die Lage inmitten unberührter Natur, aber nur wenige Kilometer von der Küste entfernt, ein paar Nachbarn, jedoch nicht allzu nah, und der Blick über das Meer machten das Haus zu einem einmaligen Objekt. Fünf Monate würde ihr Maurerpaar mit den merkwürdigen Kopfbedeckungen wohl brauchen, schätzte ihr Architekt, bis die Terrasse überdacht, die untere Stützmauer saniert und ein paar Schönheitsreparaturen durchgeführt wären.

Michelangelo und Augusto waren noch am selben Nachmittag mitsamt Ciccio mit ihrer Ape zur Besichtigung erschienen. Zwar waren beide betrübt, dass es nicht das Baumhaus geworden war, erklärten sich aber nach Annas überzeugender Argumentation, dass es doch zwei Bäume vor der Haustür, außerdem ein paar wohlmeinende Nachbarn und immerhin eine Straße gab, durchaus zur Kooperation bereit.

Ende Oktober, einen Tag vor ihrem Geburtstag, war Anna nach Mailand gefahren, um den Notarvertrag zu unterzeichnen.

Der angebliche Architekt und Besitzer, Signor Centenaro, hatte seine Noch-Gattin dabei, die einen schmuddeligen Fiat fuhr, auf dessen Rücksitz lauter Notenblätter lagen. Er selbst war in Anwesenheit seiner Gattin völlig verstummt. Signora Centenaro war Opernsängerin, hatte pechschwarze Haare, eine vor Anstrengung heisere Stimme und schien hocherfreut über den Gedanken, Haus und Gatten so schnell wie möglich loszuwerden. Sie habe einen neuen Lebensgefährten und wolle demnächst in Catania die »Aida« singen, verkündete sie Anna stolz, die das gar nicht wissen wollte. Außer dem Scheck in ihrer Handtasche über den offiziellen, zu versteuernden Kaufpreis hatte Anna die nicht deklarierte zweite Hälfte des Geldes in einer blauen Plastiktüte, zusammen mit einem Apfel, ihrem Notizbuch und der Unità mitgenommen, weil sie davon ausging, dass niemand in einer banalen Einkaufstüte vierzigtausend Euro, schon gar nicht zusammen mit einem kommunistischen Blatt, vermutet hätte. Wie in solchen Fällen üblich, hatte der Notar vor der Übergabe diskret und mit den Worten »Fate voi!« für einen Augenblick den Raum verlassen.

Fast ein Jahr schon pendelte Anna also zwischen München und Albereto superiore, das etwa zwanzig Minuten vom unteren Dorfteil und vom Meer entfernt lag. Im ersten Frühling hatte sie einen hässlichen Zementrand von der unteren Terrasse entfernt, die Holzbalken der Veranda erneuert und vorsichtige Kontakte zu den Nachbarn geknüpft. Zugegeben, die Menschen auf den Hügeln, sozusagen die Ureinwohner des ganzen Gebiets, waren nicht ganz so aufgeschlossen wie die Bewohner der Küste. Aber Angelina hatte ein paar geschickte Informationen über Anna, ihre deutsche Freundin mit den großen blauen Augen, ausgestreut, nämlich, dass sie schrieb und sich von ihrem in jeder Hinsicht schrecklichen und sie schlecht behandelnden Ehemann getrennt hatte.

»Sie ist in Ordnung, und sie wird einen besseren finden«, hatte ihre Nachbarin Domenica kurz angebunden kommentiert, obwohl sie Anna kaum kannte. Bei ihrem Antrittsbesuch war Anna dann von allen Nachbarn freundlich aufgenommen worden.

Außer Domenica, die ein bisschen die Stimme aller im Weiler war, waren das die schöne Giuseppina aus den Abruzzen, eine von zwei Zwillingsschwestern, die hierher geheiratet hatten und die alle Pinuccia nannten, die runde Ginestra, die nur im Winter hier lebte, weil sie unten an der Küste einen Andenkenladen besaß, in dem sie auch Gasflaschen und Glühlampen verkaufte, und Maria, die mit ihrem Mann Antonio hier lebte. Von Antonio und Domenicas Bruder Camillo abgesehen, der gelegentlich zum Hühner- und Kaninchenschlachten und gerne zum Essen vorbeikam, lebten in dem kleinen Weiler nur Frauen. So wunderte sich auch niemand darüber, dass Anna alleine eingezogen war.

In den ersten Wochen hatte Anna in den Pausen, wenn ihr Maurerpaar nicht renovierte, noch ein paar neugierige Freunde aus München eingeladen, aber allmählich zog sie sich am liebsten für mehrere Wochen hierher zurück, wenn sie schreiben wollte. Die Opernsängerin und ihr Gatte hatten das Haus in einem desolateren Zustand zurückgelassen, als auf den ersten Blick zu erkennen war. Zwei Jahre würde die Sanierung wohl dauern, schätzte Michelangelo, bedächtig den Kopf wiegend und immer noch enttäuscht, dass seiner Phantasie so enge Grenzen gesetzt waren. Anna hatte die wichtigsten Schritte mit ihm besprochen und wusste, dass er sie, auch in ihrer Abwesenheit, sorgfältig ausführen würde.

Den Sommer wollte Anna in Albereto, den Winter in München verbringen, um weiter ihre beruflichen Kontakte zu pflegen. So stellte sie sich jedenfalls dieses Jahr vor, denn der Sommer in Deutschland kündigte sich noch verregneter an als sonst.

Nach ein paar Kurven führte die Straße durch einen dichten Wald aus Steineichen, bis man plötzlich nach einer Lichtung, wie in einer bunten Theaterkulisse, zwei Häusergruppen vor sich sah. Hangabwärts schmiegten sich verschachtelte rosafarbene und gelbe Häuser zwischen die stufenförmig angelegten Weinterrassen, während ein paar Häuser aus Natursteinen mit kleinen Pergolen davor genau gegenüber am unteren Rand der Hügelkuppe lagen. Zwischen zwei Pinien führte ein schmaler Weg bis zu einer etwas ausgetretenen Steintreppe, an deren Ende sich Annas Haus befand. Es roch nach Ginster, Rosmarin und Lavendel, den Anna links und rechts der Treppe gepflanzt hatte.

Sobald Anna den Motor ausstellte, kam Kater Nerino in Galoppsprüngen über die Straße geeilt. Grigetta, eine immer freundliche, grau getigerte Katze, lag schon lauernd vor der Haustür, Fortunato, der frechste, hatte es sich auf der Terrassenmauer bequem gemacht. Die drei Katzen lebten bei Anna, sobald sie die Haustür aufschloss, ohne dass die wiederum wusste, was die drei in ihrer Abwesenheit trieben. Katzen lassen sich eben auch in Albereto superiore nicht gerne in die Karten sehen, dachte Anna. Am Abend kam meist noch Poldo hinzu, ein riesiger roter Kater, der sich, seinen Schrammen nach, heftige Kämpfe mit den anderen Katzen aus der Nachbarschaft lieferte. Da er nahezu unstillbaren Hunger hatte, servierte ihm Anna manchmal, wenn es die anderen nicht sahen, ein rohes Ei, das er genussvoll aufschlürfte. »Andere Leute haben einen Wachhund, ich habe eine Kampfkatze«, dachte Anna jedes Mal, wenn sie Poldo lädiert, aber fröhlich von Weitem durchs Gras hüpfen sah.

Anna hatte gerade das Kaminfeuer angezündet und es sich mit Papier und Stift in ihrem blauen Sessel bequem gemacht, als sie hörte, wie jemand mit zögernden Schritten die Treppe herunterkam.

»Buona sera, Signora. Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen«, hörte sie eine tiefe, sympathische Stimme sagen. Kurz darauf tauchte eine Gestalt im roten T-Shirt vor der Eingangstür auf.

Es war Ottavio.

Es war schon dunkel geworden, und Anna verstand nicht, warum Ottavio, nachdem er gestern am frühen Morgen Gras gemäht und sie die Rechnung sofort beglichen hatte, noch einmal zu ihr gekommen war. Angelinas Worte fielen ihr ein, dass er allein lebte und ihm seine Frau davongelaufen war. Wenn sie sich recht erinnerte, hatte er sie am Morgen, als sie mit der Kaffeetasse in der Hand auftauchte, mit höchst interessierten Blicken gemustert. Hatte er sich Hoffnungen gemacht, weil sie alleine lebte, so wie er?

An diesem Nachmittag im Spätsommer war Ottavio Sessarego lange im letzten Sonnenlicht auf seiner weinüberwachsenen Terrasse gesessen. Er war 57 Jahre alt und früher zur See gefahren, erst seit ein paar Jahren bestellte er sein ererbtes Land auf den Hügeln. Am Morgen waren schon die ersten herbstlichen Nebelschwaden über sein einsames Haus gezogen.

Seit zwei Jahren lebte er ganz allein in einem Haus mitten im Wald, nachdem er als junger Mann auf den Weltmeeren unterwegs gewesen war. Nach seiner Rückkehr hatte er ein paar Jahre mit einer schüchternen Frau gelebt, die im Dorf kaum jemand kannte und die ebenso lautlos verschwand, wie sie aufgetaucht war. Er ernährte sich weitgehend von dem, was er selbst anbaute und war in seinen Ansprüchen bescheiden geworden. Seine beiden Brüder waren längst in die Stadt gezogen und meldeten sich selten bei ihm. Sie waren ihm dankbar, dass er das Erbe der Eltern übernommen hatte und Oliven anbaute, was ihnen, von Mailand oder Rom aus besehen, ziemlich fremd geworden war. Durch die Jahre auf See hatte sich Ottavio auch an die Einsamkeit gewöhnt, seine wenigen Freunde, mit denen er in seltenem, aber doch regelmäßigem Briefwechsel und Gedankenaustausch stand, waren in der ganzen Welt verstreut. Nicht, dass er nach der Trennung von seiner Frau menschliche Gesellschaft alles in allem besonders vermisst hätte.

Am frühen Abend dieses strahlend schönen Septembertags saß Ottavio immer noch unter der Pergola und hörte in den Wald hinaus. Als es langsam dunkel wurde und sich in der frischer werdenden Luft der nahe Herbst ankündigte, hielt Ottavio von einem Augenblick auf den anderen, und er hätte selbst nicht zu sagen gewusst, warum, seine Einsamkeit nicht mehr aus. Er trank noch einen Schluck Wein und sah zu den Sternen hinauf, so, als würde er sich von ihnen eine Antwort erwarten. Vielleicht war eine kleine Sternschnuppe genau in diesem Moment zu ihm unterwegs? Er hatte schon lange darüber nachgedacht und an diesem Abend entschieden, sein Leben zu ändern. Ottavio seufzte und beschloss, sich gesprächigere Gesellschaft als die seiner schwarz-weißen Katze zu suchen.

Im Wald war doch auch niemand allein, die Bäume nicht, die sich dicht aneinanderdrängten und die Gesellschaft der anderen suchten, die Tiere nicht, die mit ihren vielfältigen Stimmen die Nacht erfüllten. Während er immer wieder in den Wald hinauslauschte, kam es ihm vor, als würde er genau in diesem Augenblick aus einer jahrelangen Starre erwachen. Und so beschloss Ottavio Sessarego, mit dunklen Augen und der Sehnsucht im Blick, sich auf den Weg zu seiner Nachbarin Anna Gutroth auf der anderen Seite des Hügels zu machen.

Denn wann immer Menschen beschließen, ihr Leben zu ändern, ist es der erste Schritt, dass sie sich einem anderen anvertrauen. Vielleicht sehnte er sich nach menschlicher Gesellschaft, weil er am Nachmittag seine Vorräte für den Winter geordnet hatte: eingelegte Sardinen und winzige Kapern in grobem Salz, hohe Gläser mit duftendem Oregano, in Rotwein und Zimt eingelegte Brombeeren und leuchtend rote Kirschen, mit Zucker in der Sonne gegart und so haltbar gemacht. Sogar eine Flasche Mispellikör nach einem uralten Rezept seiner Mutter und eine Flasche Nocino, zu San Giovanni angesetzt, hatte er in der Ecke versteckt gefunden. Und plötzlich kam ihm der Gedanke unerträglich vor, all seine Schätze auch in diesem Jahr wieder alleine zu genießen.

Anna hatte sich gerade Notizen für ein Theaterprojekt gemacht, mit dem sie nach ihrem Drehbuch unbedingt beginnen wollte, und hatte nicht die geringste Lust auf eine Unterbrechung. Mit distanzierter Miene bot sie Ottavio ein Glas Wein an. Auf einen wie Ottavio, der sie mit dunklen, melancholischen Augen ansah, voll unbestimmter Erwartungen, war sie nicht gefasst. Doch zum Glück war es gerade das leise prasselnde Kaminfeuer, das sie rechtzeitig daran erinnerte, dass auf dem Land das uralte Gesetz der Gastfreundschaft über allem stand. Hatte sie nicht selbst oft diese Gastfreundschaft erlebt? Sie kannte doch nur zu gut die Geborgenheit eines Herdfeuers, den Trost eines guten Essens und verständnisvollen Gesprächs!

Anna schenkte Ottavio also ein Glas Wein ein. Und plötzlich fiel ihr auf, dass ihr alter Holztisch mit den kunstvoll gedrechselten Beinen vielleicht doch für fröhliche, gemeinsame Essen und nicht nur als Schreibtisch gedacht war. Mit diesem Gedanken hatte sie den Tisch doch in dem kleinen Antiquitätenladen in Lagaccio gekauft! Wie sehr hatte sie sich gewünscht, dass ihr Haus mit den zwei Pinien davor nicht nur für sie, sondern auch für andere ein Ort der Geborgenheit und des Rückzugs werden würde.

Und so beschloss sie, Ottavio zuzuhören, während er mit kleinen Schlucken den herben vino nero trank und das Glas mit seinen Händen nervös auf der Tischplatte hin- und herschob.

Unter seinen roten T-Shirt-Ärmeln wurden beeindruckend muskulöse, gebräunte Arme sichtbar. Verlegen fuhr er sich durch die kurz geschnittenen dunklen Haare mit leichten Spuren von Grau. Seine Gesichtszüge mit der geraden Nase und den etwas weit auseinanderstehenden braunen Augen wirkten angenehm klar. Bei genauem Hinsehen offenbarte sich hinter dem leicht melancholischen Ausdruck etwas Kluges und überaus Liebenswürdiges, wie Anna an diesem Abend fand.

»Die Einsamkeit«, sagte Ottavio und presste die Worte mit sichtlicher Anstrengung hervor, »ist wie ein wildes Tier. Sogar am Tag, wenn die Sonne noch über die Hügel scheint, wirft es seine Krallen aus. Nachts kriecht es unter meine Bettdecke und quält mich, noch mehr als die Kälte, die jede Falte meiner Bettdecke ausfüllt! Und am Morgen sitzt es schon wieder am Küchentisch, bevor meine Katze überhaupt ihre Milch angerührt hat!«

Anna erschrak ein bisschen. Die Einsamkeit – ein wildes Tier? Das hatte sie noch nie gehört!

Schon viel zu lange, so teilte er Anna ohne Umschweife mit und sah ihr dabei fest in die Augen, war die Einsamkeit zu seiner ständigen Begleiterin geworden. Denn nach seiner Scheidung hatte er sich weitab von den Menschen in seinem Haus verkrochen, und die Einsamkeit hatte ihm fast das Herz gebrochen.

»Inzwischen habe ich mich an die Kälte gewöhnt, die mir nachts die Haut hinaufkriecht, an meine eigene Trägheit, die mich in der Gesellschaft des Ungeheuers hält. Dabei spüre ich so viel Lebenslust, tief in mir verborgen, und würde manchmal am liebsten die Hügel hinunterspringen!«

Mit traurigen Augen, in denen doch eine vage Hoffnung auf ein anderes Leben aufglimmte, erzählte Ottavio Anna von den Gemüsegärten und dem Olivenhain, den er bestellte, von seiner unbändigen Kraft, die er noch verdoppeln könnte. Ja, wenn … Wenn nur diese Einsamkeit nicht an ihm nagte und wenn es nur eine Gefährtin gäbe, für die er sorgen könnte!

»Weißt du, ich wohne in einem einsamen Haus im Wald, aber da gibt es all die Geräusche des Tages und der Nacht, das Flügelschlagen, das Summen, Zwitschern und Pfeifen. Ich höre es die ganze Zeit: Nicht einmal die Tiere im Wald sind allein!«

Er rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her.

»Ich weiß, ich habe viele Fehler. Aber das heißt doch nicht, dass ich ohne Liebe leben muss! Irgendwo muss es doch eine Gefährtin geben, die genau zu mir passt!«

Plötzlich lächelte er verschmitzt. »Das habe ich von meiner Katze gelernt! Meine Camilla hat schwarz-weißes Fell, es ist seidenweich, und Augen wie Bernstein mit dunklen Sprenkeln. Für mich ist sie die schönste Katze der Welt, und sie hat sich letzte Woche ausgerechnet mit einem hässlichen, einohrigen Kater davongemacht!« Anna musste lachen. Was für ein drolliger Typ, dachte sie und schenkte Ottavio noch ein Glas Wein ein.

»Was für eine Erkenntnis«, sagte sie laut und und betont ernsthaft, »damit hast du ja schon den wichtigsten Schritt auf der Suche nach Liebe gemacht, nämlich, dass jeder Mensch auf seine Art liebenswert ist.«

Ottavio warf Anna einen Blick zu, als wollte er sagen, »endlich versteht mich jemand!«, dann betrachtete er seine kräftigen Hände. Die Ränder seiner Fingernägel waren voller Erde, was Anna, nach dem ersten erstaunten Blick, gar nicht unangenehm fand.

»Manchmal erinnere ich mich, dass ich mit meinen Händen nicht nur knorrige Olivenbäume und harte Erde anfassen kann«, sagte Ottavio und dachte an die letzte Nacht unter der Pergola. Seine Augen, in denen es plötzlich verwegen blitzte, bewegten sich im Raum hin und her, von Annas blauem Sessel vor dem Kamin bis zu der Kredenz, in der ein paar einsame Gläser mit Apfelgelee und Quittenmarmelade standen, sie wanderten von drinnen nach draußen, offensichtlich schien er etwas zu suchen, das die Distanz und Fremdheit zwischen ihnen ein wenig verringern konnte. Schließlich fiel sein Blick auf die Zweige des einzigen Olivenbaums, der unterhalb der Terrasse wuchs.

»Hast du den gepflanzt?«

Anna nickte. Bislang besaß sie nur diesen einzigen Baum und freute sich am Morgen, wenn die Sonne durch seine silbrigen Zweige schien. Sie überlegte einen Augenblick, ob sie Ottavio das Geheimnis des Bäumchens preisgeben sollte. Sie lächelte und sah ihn an.

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