Alleine Reisen als Frau
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Alleine reisen als Frau

Spannende Bücher von interessanten Frauen

Donnerstag, 09. August 2018 von Piper Verlag


»Alleinreisen ist eine Chance, mutiger und selbstbewusster zu werden.«

Carina Herrmann 

Der Dichter Matthias Claudius schrieb einst: »Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.« Dieser Ausspruch lässt sich erweitern: Wer alleine verreist, hat noch mehr zu erzählen. Ein Solotrip bedeutet, auf sich selbst gestellt zu sein und deshalb mit der Umwelt intensiver in Interaktion zu treten. Dadurch lassen sich ganz neue Reiseerfahrungen machen, die in einem Urlaub mit Begleitung unmöglich wären. Einige Alleinreisende inspirierte der Aufenthalt in der Fremde dazu, darüber ein Buch zu verfassen.

Jack London hat dies getan und auch Goethe, Reinhold Messner und Hape Kerkeling berichteten über ihre Solotrips. Werner Herzog hielt in »Vom Gehen im Eis« fest, wie er zu Fuß einen Gewaltmarsch von München nach Paris antritt. Die Kurzliste an Klassikern offenbart: Die Erfahrung des alleine Reisens liegt traditionell in Männerhand. Sie schnallen ihren Rucksack an, werden zum Backpacker und ziehen los. Sie machen dies, weil sie es können.

Insbesondere die jüngere Lektüre – wie das Buch »Instinkt« von Sarah Marquis – weist darauf hin, dass es immer mehr alleinreisende Frauen gibt und sie ihre Erfahrungen in spannenden Büchern festhalten. Eine richtige Welle diesbezüglich lösten Elizabeth Gilbert mit »Eat, Pray, Love« und Cheryl Strayeds mit »Wild« aus. Geschickt drehten sie am Stereotyp und verdeutlichten auch den letzten Zweiflern: Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass Frauen solo reisen. 
 

Alleinreisende Frauen Bücher

Reisebloggerin & Autorin Carina Herrmann im Interview

Wo erreichen wir dich gerade?
Auf Bali, der Insel der Götter.

Stell dich bitte kurz vor. Was sollte man über dich wissen?
Mein Name ist Carina, Reisesüchtige, Wissensdurstige und Chips-Junkie. Vor knapp fünf Jahren hat mich das Reisefieber erwischt und seitdem nicht mehr losgelassen. Gemeinsam mit dem Drang täglich in die Tasten zu hauen, beschäftigt das mich seit etwa drei Jahren nun Vollzeit.

Was ist dein Lieblingsort?
Diese drei streiten sich um Platz Nummer eins: Die Westküste Australiens, Chiang Mai in Thailand und New York City.

Was hast du bei deinen Reisen / Unternehmungen immer dabei?
Alles, was ich besitze und in meinen 40 Liter Rucksack passt.

Was ist dein liebstes Buch für unterwegs?
Das wechselt wöchentlich. (Aber unter uns muss ich zugeben: Ich bin ein eingefleischter Harry Potter Fan.)

Und was ist dein Soundtrack unterwegs?
Momentan ist mein liebster Roadtrip-Soundtrack Taylor Swifts 1989. Ich weiß, ich weiß... dieses Interview liest sich wie das einer 14jährigen.

Was ist Heimat?
Jeder Ort an dem meine Lieblingsmenschen sind oder ich die Straßen auswendig kenne.

Gib uns deinen wichtigsten Reisetipp:
Nicht zu viel planen und immer auf das Bauchgefühl hören.

Worum geht es in deinem Buch?
Im Grunde darum, wie man sich selbst kennenlernt. Und wie mir das Alleinereisen dabei geholfen hat.

Blick ins Buch
Meerblick statt FrühschichtMeerblick statt FrühschichtMeerblick statt Frühschicht

Warum ich losreisen musste, um bei mir selbst anzukommen

Ein persönlicher Rundgang durch Angkor Wat, Reisfelder auf Bali und ein Roadtrip entlang der legendären Great Ocean Road: Dies sind nur drei der Highlights, die die erfolgreiche Reisebloggerin Carina Herrmann während ihrer einjährigen Reise durch Australien und Südostasien erlebte. Ihre Traumreise begann als Befreiungsschlag. Denn die junge Frau gab dafür ihren harten Alltag als Krankenschwester in einer Kinderkrebsstation auf, verkaufte all ihren Besitz und begann alleine ihre Reise um die Welt. Sie schreibt über ferne Länder, Menschen und Kulturen -- aber auch über Ängste, Sehnsüchte und neuen Mut.
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Prolog

Ich habe sechs Jahre, zwei Monate und einen Tag als Krankenschwester auf Kinderkrebsstationen gearbeitet.
Wie viele kleine Patienten ich betreut und wie viele ich verloren habe, weiß ich nicht. Aber ich weiß noch genau, welche kleine Patientin mich gebrochen hat. Und den Moment, als es passierte.

Als ich mich nach dem Abitur für die Ausbildung zur Kinderkrankenschwester entschied, hatte ich nicht vor, in die Onkologie zu gehen. Ich glaube, niemand plant diesen Schritt. Irgendwann wird man in einem Vorstellungsgespräch gefragt, ob dieser Fachbereich generell in Frage kommt. Oder man bekommt einen Job mit guten Konditionen angeboten, den man in Zeiten von Stellenmangel unmöglich ablehnen kann. Aber ich bezweifle, dass jemand dieses Fachgebiet wirklich bewusst wählt. Ich erinnere mich heute noch an die Warnung, die eine meiner Ausbilderinnen uns mit auf den Weg gab: Solltet ihr jemals in die Kinderonkologie gehen, bleibt dort nicht länger als maximal zwei Jahre, sonst frisst es euch auf. Ich hätte besser auf sie hören sollen …

Jahrelang war ich ein sehr unsteter Mensch. Schon seit der Ausbildung war ich immer wieder auf der Suche nach Veränderung. Ich dekorierte meine Wohnung mindestens einmal im Monat um, zog alle zwei Jahre in eine neue Stadt, begann ein Medizinstudium und gab es wieder auf. Mir wurde damals klar, dass ich schon als Krankenschwester zu viel Verantwortung trug – als Ärztin hätte ich noch schwerere Entscheidungen treffen müssen. Auch dieser Versuch füllte nicht die Leere in mir. Das Gefühl, dass mein Leben doch mehr sein müsste. Erfüllter. Glücklicher. Dazu kamen die Kinder, die mich immer häufiger auf der Arbeit festhielten, mich nicht gehen ließen, selbst wenn die Dienstzeit beendet war. Die mich selbst an freien Tagen zurück auf Station zogen. Sie forderten es nicht ein, niemand bat mich, zu bleiben, aber ich hatte das Gefühl, es wäre meine Pflicht. Ich sagte mir, ich müsste das so machen. Überstunden, Besuche an dienstfreien Tagen, stundenlanges Grübeln, während ich eigentlich freihatte. Die Vorstellung, einen Patienten in einem schweren Moment allein zu lassen, auszustempeln und nach Hause zu gehen, empfand ich als unerträglich. Sobald ich das Krankenhaus verließ, um mein eigenes Leben zu leben – vollgestopft mit Besitz, Hobbys und Freunden –, fühlte ich mich schuldig. Wie konnte ich ausgehen, feiern und das Leben genießen, wenn es den Eltern und den Kindern in der Klinik so schlecht ging? Vom Kopf her war mir klar, dass das Quatsch war, aber die Gedanken und Schuldgefühle ließen sich einfach nicht mehr abstellen. Ich konnte nicht mehr abschalten und merkte zunehmend, wie ich mich von meiner Arbeit komplett ausgefüllt und doch immer betäubter fühlte.
Auf einer Irland-Reise mit einer Freundin im Sommer 2010 fasste ich dann den Entschluss, nach Australien zu gehen. Er kam ganz plötzlich, ohne großes Aufheben, und setzte sich einfach in meinem Kopf fest. Während wir eine Woche lang mit dem Mietwagen die engen Straßen zwischen Grün und Steinmauern entlangfuhren und Lady Antebellum aus der Anlage dröhnte, die wir mit unseren Stimmen tatkräftig unterstützten, fühlte ich mich frei. Der Job war endlich einmal weit weg – die Verpflichtungen, Sorgen und die Trägheit, die mich sonst die meisten Tage gefangen hielten, waren wie weggeblasen, und ich wusste instinktiv, dass ich eine Auszeit brauchte. Länger als eine Woche Irland. Als wir am letzten Abend in einem Pub saßen, vor einer dampfenden Schale Shepherd’s Pie, erzählte ich meiner Freundin von meiner Idee, ein Working-Holiday-Visum für Australien zu beantragen. Sie starrte mich genauso erstaunt an, wie ich mich fühlte, als die Worte aus mir heraussprudelten.
Zurück in Frankfurt, holte mich der Alltag schnell wieder ein, aber mein Vorhaben war in Stein gemeißelt. An einem Freitagvormittag setzte ich mich vor dem Spätdienst an den Laptop und füllte das Online-Formular für den Visums-Antrag aus. Alles war unkompliziert und verständlich, und eine halbe Stunde später sagte mir eine automatische Antwort, dass es einige Wochen dauern könne, bis ich Bescheid über die Zu- oder Absage erhalten würde. Ich ging also zur Arbeit und verfiel in meine Routine, bis ein paar Stunden später die Antwort der Visumsbehörde in mein Postfach flatterte. Mit einer Zusage. Auf nach Australien!

Ich plante also eine Reise auf unbestimmte Zeit, mit allem, was dazugehörte: Kündigung, Auflösung meiner Wohnung und meines Besitzes und Abschied auf Zeit. Ich konnte mir nicht erklären, warum ich so radikal vorging für etwas, das vielleicht nach sechs Wochen schon wieder vorbei sein würde, wenn ich von Heimweh geplagt den Rücktritt antreten würde, aber etwas in mir verlangte danach. Nach einem klaren Schnitt und der Freiheit, komplett neu entscheiden zu können, was danach kommen soll. Diese Reise sollte eine Auszeit sein, um mir zu überlegen, was ich eigentlich wirklich wollte, und zugleich war sie ein unbewusster Ausstieg aus der Spirale an negativen Emotionen, in der ich mehr und mehr versunken war. Mich zog es in die Welt hinaus, von der ich bisher noch nicht mehr gesehen hatte als ein paar Ecken innerhalb europäischer Grenzen, und weg von meinem Leben, das mich in den vergangenen Jahren alles andere als glücklich gemacht hatte.

Vier Monate bevor ich aufbrach, wurden zwei neue Patienten eingeliefert. Fast gleich alt und viel zu jung, um zu verstehen, was mit ihnen passiert, bekamen sie gleichzeitig dieselbe Diagnose gestellt: eine seltene Krebsform, die eine geringe Überlebenschance und Monate voller Qualen im Krankenhaus für sie bedeutete. Gemeinsam durchlitten die beiden Familien Schmerz, Trauer und immer wieder Hoffnungsschübe – und wir als Schwestern mit ihnen. Zum ersten Mal verlor ich mich völlig. Die Distanz, die so unglaublich wichtig ist in diesem Beruf, löste sich mit jedem Tag mehr in Luft auf. Ich konnte mich diesen Familien aus eigener Kraft nicht entziehen. Das Gefühl, ihnen etwas zu verweigern, was ihnen zustand, mein Mitgefühl, meine Schulter zum Anlehnen und meine fachliche Betreuung, brachte mich dazu, immer wieder auf Station zu kommen, selbst wenn es aus dienstlichen Gründen nicht notwendig war. Ich fühlte mich verpflichtet, ohne dass mir jemand diese Pflicht aufgetragen hatte. So fieberte ich dem Beginn meiner Reise entgegen und dem Abstand, der damit kommen würde und den ich so dringend brauchte.
Kurz vor meinem letzten Arbeitstag wurde mir die Chance verwehrt, nicht noch einen weiteren Patienten in meine regelmäßig wiederkehrenden Albträume aufnehmen zu müssen. Eins der beiden Kinder verstarb sehr plötzlich. So schnell, dass ich schon, eine halbe Stunde nachdem mich der Anruf zu ihrem kritischen Zustand auf der Nachbarstation erreichte, zu spät kam. Die Trauer der Familie war wie eine Mauer, gegen die ich lief. Ich hielt es nur wenige Minuten in dem Zimmer aus, das nun viel zu schnell viel zu ruhig geworden war. Statt piepsender Monitore erfüllte Verzweiflung die Luft und erstickte mich. Ich schaffte es gerade noch ins Nachbarzimmer, bevor ich in Tränen ausbrach. In diesem Moment erkannte ich, dass ich schon viel zu lange gewartet hatte. Dass der Entschluss, diese Reise zu machen, der Ausweg aus meiner Verzweiflung war, bevor mir überhaupt bewusst war, dass ich dringend einen Ausweg brauchte.
Zuerst fühlte es sich egoistisch an, einfach zu gehen. Meinen Job endgültig zu kündigen, meinem Beruf den Rücken zu kehren und den vielen Familien, die noch kommen würden. Ich fühlte mich schwach, weil ich täglich Schwestern sah, die schon dreimal so lange wie ich in diesem Beruf arbeiteten und es immer noch schafften, die Distanz dazu zu erhalten. Ich fühlte mich schwach, weil ich einfach aufgab. Davonlief. Den einfachen Weg wählte. Rauswollte, weit entfernt sein von alledem. Aber ich wusste genau, wenn ich bliebe, würde ich entweder innerlich absterben oder irgendwann in der versteckten, vergrabenen Trauer untergehen.
Diese Reise würde meine Trauerverarbeitung und mein Befreiungsschlag werden. Ich würde mich von unzähligen Patienten und viel zu vielen Erinnerungen verabschieden, die ich nun lange Jahre mit mir herumgetragen hatte. Es wurde dringend Zeit, loszulassen …


Der Aufbruch in ein neues Leben


Glaube daran, dass du es kannst.
Und du bist schon halb da.
Theodore Roosevelt

Der Zug rollt langsam los. Ich sitze am Fenster und sehe meine winkenden Eltern aus dem Blickfeld verschwinden. Einen Abschied am Flughafen wollte ich nicht, also bin ich nun auf dem Weg nach Frankfurt, um dort noch eine Nacht bei Freunden zu verbringen, bevor meine Reise endgültig startet. Abschiede sind nicht meine Stärke, und der letzte Monat war gepflastert damit – mit kleinen und großen, mit leichten und schweren. Unterbewusst weiß ich bereits, dass ich zu vielen Bereichen meines alten Lebens nicht zurückkehren werde, aber aussprechen tue ich das nicht. Ich versichere meinen Kollegen, dass ich sicherlich von Heimweh geplagt in sechs Wochen wieder am Eingang der Station stehen werde, bereit, die Arbeitsroutine wieder aufzunehmen. Mein Chef betont beim Abschied, dass ich jederzeit in meine Stelle zurückkehren könne. Das Gefühl, das diese Aussage in mir auslöst, ist widersprüchlich. Ich glaube, entweder ich bin in einem Monat zurück oder gar nicht. Dieser Gedanke ist eine Mischung aus dem heimwehgeplagten Kind, das ich einmal war und das keine zwei Wochen im Ferienlager ohne durchweinte Nächte verbringen konnte, und der Person, die ich gerade ganz neu kennenlerne. Die gerade ihre sichere Stelle gekündigt und ihren gesamten Besitz verkauft hat, ihre Wohnung aufgelöst hat und nur noch sechs gefüllte Umzugskisten im Keller ihrer Eltern besitzt. Immer mal wieder frage ich mich, wer diese Person eigentlich ist, die mich die letzten Monate fast täglich mit ihrer neu entdeckten Courage überrascht. Ich schätze, ich werde es herausfinden.
Meinen Freunden erkläre ich, dass diese Auszeit nicht lange dauern wird und dass sie kaum merken werden, dass ich überhaupt weg war. Um sie zu beruhigen und um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Ich sage ihnen, dass wir vermutlich mehr Kontakt haben werden als während meines Alltags in Frankfurt, weil ich viel mehr Zeit haben werde.
Aber da ist auch ein Teil von mir, der aufatmet. Der viel weniger aufgeregt und nervös über das ist, was kommt, und stattdessen Erleichterung verspürt. Erst jetzt komme ich dazu, die letzten Monate Revue passieren zu lassen. Es fühlt sich an, als hätte ich nur auf eine innere Aufgabenliste gehört, ohne mir zu erlauben, näher darüber nachzudenken. Vielleicht hätte ich sonst beim Gedanken daran, was ich gerade eigentlich plane und tue, aus Angst vor meiner eigenen Courage aufgegeben.
Nachdem ich das Visum für Australien erhalten hatte, liefen die nächsten Schritte wie von selbst: Ich recherchierte, wie lange meine Kündigungsfrist im Krankenhaus war, und überlegte, wann ich meinem Chef von meinem Ausstieg erzählen sollte. Ich wollte fair sein. Ihm entsprechend meiner Kündigungsfrist nur sechs Wochen zu lassen, um nach einem Ersatz für mich zu suchen, würde es nicht leicht machen. Für die Onkologie gab es lange nicht so viele Bewerbungen wie für andere Fachgebiete. Ein Ausstieg auf Zeit, unbezahlter Urlaub oder ein Sabbatical kamen mir gar nicht erst in den Sinn. Ich brauchte einfach einen klaren Schnitt.
Als ich mich mit meiner Mitbewohnerin zusammensetzte, mit der ich eine schöne Altbauwohnung in Frankfurt Niederrad teilte, kam die gleiche Frage auf. Lohnt es sich, eine Zwischenmieterin zu suchen, wenn nicht klar ist, wann ich eigentlich wiederkomme? Ich liebte unsere Wohnung. Sie war absolut einzigartig, mit einer Badewanne in einem verwinkelten Teil des Badezimmers, einem Hochbett in meinem Zimmer, das den Raum in Schlaf- und Wohnbereich teilte, und einem kleinen gemütlichen Balkon, der davon abging. Also musste ich mir selbst die Frage stellen, wie sehr ich an diesem Leben festhalten wollte. Letztendlich traf meine Mitbewohnerin den Entschluss, ebenfalls auszuziehen. Der Mietvertrag wurde also gekündigt und bei mir fielen die letzten Grenzen. Ich verkaufte meine gesamten Möbel über Aushänge in der Uni, Kleinanzeigen im Internet und verschiedene Facebook-Gruppen. Abgesehen von meinen Büchern und Erinnerungsstücken wurde mein kompletter Besitz auf ganz Frankfurt verteilt. Alles, was am Ende übrig blieb, passte in einen Kleinwagen.
Beim Weggeben meines Besitzes war mein Mantra, dass ich alles nach meiner Rückkehr auch wieder anschaffen könnte. Damit ließ sich dieser Prozess schmerzfreier überstehen. Zugleich sah ich freudig zu, wie sich mit jedem Verkauf meine Reisekasse füllte. Und das entwickelte sich zur Sucht. Dinge, von denen ich mich anfangs noch nicht trennen konnte, wurden doch noch auf die Aushänge verteilt, und jeder Euro, der auf meinem Konto landete, war ein kleines Versprechen auf weitere Abenteuer.
Meine Arbeitskollegen sahen mich mit großen Augen an und fragten mich immer wieder, ob es mir denn keine Angst machen würde, komplett ohne Besitz dazustehen. Ohne Basis, zu der ich zurückkommen könnte. Die Sicherheit, dass hier noch etwas auf mich wartete. Für mich fühlte sich das alles mehr und mehr wie ein Befreiungsschlag an. Mit jedem Stück, das ich verkaufte, mit jedem Vertrag, den ich kündigte, fühlte ich mich freier und leichter. Etwas hatte mich festgehalten, da war ich mir sicher. Natürlich dachte ich dennoch pflicht- und verantwortungsbewusst darüber nach, was nach meiner Rückkehr passieren würde. Vielleicht entdeckte ich gerade meine Abenteuerlust, aber ich war nicht leichtsinnig. Ich würde nach meiner Rückkehr einen Geldpuffer brauchen. Einen neuen Job und eine neue Wohnung zu finden würde Zeit kosten. Zeit, in der ich essen und irgendwo schlafen musste. Eine neue Wohnung kostet Miete und Kaution. Und wenn ich kein möbliertes WG-Zimmer für die Anfangszeit fände, bräuchte ich auch neue Möbel. Deshalb legte ich ein zweites Konto an, auf dem ich gut 3000 Euro für »die Zeit danach« ansparte. Durch Extra-Schichten im Krankenhaus, Feiertagszuschläge, freiwillige Dienste an Weihnachten und Silvester und den Verkauf meiner Sachen hatten sich beide Konten gut füllen lassen.
Auch diese Erklärungen konnten besorgte Freunde und Verwandte nicht beruhigen, mich hingegen absolut. Mit knapp 7500 Euro auf meinem Reisekonto, Referenzen und übersetzten Zeugnissen für die Jobsuche und genug Geld für Notfälle im Gepäck war ich gut vorbereitet.
Immer wieder versuche ich mir vorzustellen, was da nun eigentlich vor mir liegt, aber sosehr ich mich auch anstrenge, das Bild bleibt nebelig. Morgen werde ich zum ersten Mal in meinem Leben auf einen fernen Kontinent reisen. In eine völlig fremde Kultur mit völlig fremdartigen Menschen und einer ganz anderen Mentalität. Zumindest stelle ich mir das exotische Australien in meinem noch nicht weit gereisten Kopf so vor. Exotisch. Anders. Fremd.
Der letzte Abend vor meiner Abreise geht erstaunlich ruhig und entspannt vorüber. Ich schlafe gut und bin zuversichtlich, gut vorbereitet in mein neues Abenteuer zu reisen. Schließlich habe ich die letzten vier Monate exzessiv Planung, Vorbereitung und Recherche betrieben. Mein Reiseführer steckt, farblich codiert mit Post-its, in meinem Handgepäck, einem kleinen 15-Liter-Rucksack, der optimal ist für Tagesausflüge sowie für Einkäufe und Städte-Erkundungen. Mein großer 55-Liter-Rucksack ist gefüllt mit der perfektionierten Anzahl der nützlichsten Kleidungsstücke und Utensilien, die man auf einer Langzeitreise benötigen könnte. Alles an mir ist bis zum Maximum optimiert. Ich wäre das ideale Covermotiv für eine Backpacker-Zeitschrift. Und doch habe ich mit meinen dreißig Jahren noch nie einen Fuß in die weite Welt gesetzt. Die ganze Vorbereitung hat mich gleichermaßen beruhigt und motiviert. Wenn ich gut ausgestattet bin, kann keine Situation unerwartet sein. Wenn ich gut informiert bin, kann ich die sorgenvollen Fragen meiner Familie und Freunde mit Gegenargumenten abwiegeln. Und wenn ich alles bis ins Detail geplant habe, kann mir nichts Schlimmes passieren.
Seit Monaten verbringe ich ganze Tage damit und brüte über meinem Reiseführer, markiere sämtliche Sehenswürdigkeiten, recherchiere Hostels an allen erdenklichen Orten und finde heraus, wie ich mit fremden Währungen, Sprachen und Kulturen zurechtkommen kann. Das Schrecklichste für mich ist Ungewissheit. Solange ich weiß, was auf mich zukommt, fühle ich mich sicher. So stapeln sich nun die Informationen der letzten sechs Monate im meinem Hirn. Auch wenn es eine künstliche Sicherheit ist, kann ich mir so wenigstens einreden, ich sei auf alles, was kommen könnte, vorbereitet.
Meine erste Woche in Sydney werde ich in einem sorgfältig ausgewählten Hostel verbringen. In einem hübschen Viertel, mit vielen anderen Reisenden und in einem Frauen-Schlafsaal, der vermutlich voller Deutscher sein wird. Das sagen zumindest die vielen Bewertungen auf der Buchungsseite: »Viele Deutsche.« Auch dieser Punkt lässt mich ruhig schlafen, denn dort werde ich erst einmal keine Probleme mit meinem eingerosteten Schulenglisch haben und kann andere nach Tipps fragen. Obwohl ich mich in der Klinik mit ausländischen Patienten immer gut verständigen konnte, zweifele ich stark daran, dass mein Englisch unter Muttersprachlern wirklich bestehen kann.
Meine Route für das erste halbe Jahr ist auch bereits durchgeplant. Ich habe keine Ahnung, ob ich überhaupt so lange dort sein werde, aber im Fall der Fälle bin ich gut organisiert. Von Sydney werde ich nach Brisbane reisen, von dort nach Hervey Bay, eine Tour nach Fraser Island machen, auf die einzige Sandinsel der Welt, die mit Tropenwald bewachsen ist, und dann entlang des Great Barrier Reefs bis nach Cairns. Ich weiß, welche Busanbieter es dort gibt und dass an der Ostküste keine Zugstrecken existieren. Ich weiß, dass jetzt die optimale Reisezeit für Australien ist und dass es vermutlich sehr heiß sein wird. Auf meiner Karte sind entlang der Route mehrere Markierungen angebracht, ordentlich farblich codiert. Dinge wie »Schöne Insel« – »Kann man gut schnorcheln« – »Hübsche Unterkunft hier« stehen darauf. Ich bin bestens vorbereitet. Alles wird gut.
Am nächsten Morgen verabschiede ich mich von meinen Freunden und werde von einer Arbeitskollegin an den Flughafen gebracht. Seit gestern scheint auch mein Körper zu realisieren, dass es ernst wird. Erst hat mich ein Schwindel geplagt, der auf einem Hochseeschiff nicht schöner hätte sein können. Seit der Nacht quälen mich Bauchschmerzen. Anfangs dachte ich noch, ein fieser Virus hätte sich breitgemacht, aber da die Bauchschmerzen verdächtig aufwallen, wenn ich über den Abschied nachdenke, ist klar, was mich wirklich zwickt.
Im Auto meiner Freundin muss ich schon das erste Abenteuer hinter mich bringen: Sie drückt mir eine Thrombose-Spritze in die Hand. Auch wenn ich schon unzählige gesetzt habe, habe ich mir noch nie selbst eine verpassen müssen.
Meiner Freundin fällt der Abschied schwerer als mir, und ich frage mich langsam, ob mir eigentlich klar ist, was ich hier mache. Nachdem ich meinen perfekt ausgestatteten Rucksack am Check-in des Flughafens abgegeben habe und durch die ersten Sicherheitskontrollen gegangen bin, stehe ich mit meinem Reisepass in der einen Hand und dem Flugticket in der anderen am Fenster und blicke auf das Rollfeld hinaus. Ironischerweise hat es angefangen zu schneien. In den wenigen Momenten, in denen ich darüber nachdenke, mein Work-&-Holiday-Visum tatsächlich komplett auszunutzen, träume ich von zwölf Monaten ohne Schnee. Ohne Winter und ohne Kälte. Schließlich ist es in Australien immer irgendwo warm. Ich schließe kurz die Augen und fange bei dem Gedanken, zwölf Monate nicht mehr frieren zu müssen, an zu lächeln. Kälte war schon immer eines der unangenehmsten Dinge für mich. Seit DREIßIG Jahren verabscheue ich nichts so sehr wie den deutschen Winter, in dem mir immer kalt ist, egal welche Kleidung ich trage. Aber das hat in weniger als 24 Stunden erst einmal ein Ende.
Im Flugzeug freue ich mich wie ein kleines Kind darüber, dass ich eine ganze Sitzreihe für mich habe und in meiner Sitztasche ein herausklappbares Entertainmentprogramm mit den neuesten Kinofilmen finde. Die kommenden Stunden sind geschenkte Zeit. Ich kann tun und lassen, was ich will, ohne schlechtes Gewissen, dass ich eigentlich irgendetwas erledigen müsste. Filme schauen, Serien durchhecheln, schlafen, essen. Die letzten Jahre habe ich mich konstant unter Druck gefühlt. Auf meiner To-do-Liste gab es immer Dinge, die ich eigentlich schon lange hätte erledigen sollen, die restliche Zeit hielt mich mein Job auf Trab. Zeit war nie wirklich »frei«, und selbst die Tage, die ich im Schlafanzug mit meinem Laptop im Bett verbrachte, waren immer von meinem schlechten Gewissen begleitet, die Zeit nicht effektiv zu nutzen. Im Flugzeug kann ich nun gar nichts anderes tun als das, wozu ich Lust habe. Sämtliche To-dos sind abgehakt, ich habe keinen Job mehr und auch keine anderen Verpflichtungen, die mich in irgendeiner Weise fordern.
Meine WG war komplett aufgelöst, mein Besitz verkauft, verschenkt oder eingelagert und mein Job gekündigt. Ich hatte keine feste Aufgabe mehr und war sehr gespannt, was das mit mir anstellen würde. Natürlich hatte ich vor, unglaublich viel zu sehen, das würde meine Zeit intensiv füllen. Aber ich musste ab diesem Moment gar nichts mehr und konnte mich voll auf meine Reise konzentrieren – und darauf, herauszufinden, was ich eigentlich von meinem Leben erwarte. Das war die große Frage. Die einzige Verpflichtung, die ich mir selbst auferlegt hatte, war, meinen drei Monate alten Reiseblog zu füllen, damit zu Hause alle wissen, dass es mir gut geht und ich noch nicht von einem Hai angegriffen, einem Krokodil gefressen oder einer tödlichen Spinne oder Schlange gebissen worden war. Tatsächlich waren das die Hauptsorgen, die mir in den letzten Wochen immer wieder vorgetragen wurden: die vielen verschiedenen Arten, auf die ich in Australien sterben könnte. Ich wusste also mittlerweile, dass es spezielle Anzüge gibt, mit denen ich am Great Barrier Reef schwimmen kann, ohne dass mich die tödlichen Quallen dort erwischen, dass ich im Busch immer kräftig auftreten muss, damit die Schlangen die Vibrationen spüren und sich verziehen, und dass ich niemals T-Shirts ohne Ärmel tragen sollte, damit ich nicht vom Ozonloch Hautkrebs verpasst bekomme. Ich war aufgeklärt und vorbereitet, quasi ein weiblicher Chuck Norris. Und ich hatte absolut keinen Schimmer, was mich wirklich erwartete.

Ein Buch gegen die Angst, alleine zu verrreisen

Ob Mann oder Frau: Vielen macht es Angst, alleine zu verreisen. Zumeist stecken dahinter zwei Sorgen: Kann ich mich selbst aushalten oder wird mir langweilig? Was passiert, wenn ich mein Geld und meinen Pass verliere? Bei Frauen kommt oft noch die Angst dazu, sich nicht hinreichend behaupten zu können und in gefährliche Situationen mit Männern zu geraten. Für alle, die diesbezüglich Zweifel haben, können Ratgeber eine bedeutende Hilfestellung sein. Sie geben wertvolle Tipps an die Hand, wie der Urlaub alleine als Frau unterhaltsam, interessant und sicher ist. In diesen Büchern berichten Autorinnen über eigene Erfahrungen und bereichern sie mit Ratschlägen, worauf alleinreisende Frauen zu achten haben. Folgende Bücher können als Ratgeber und zur Vorbereitung auf die Ferien ohne Begleitung dienen:

  • »Meerblick statt Frühschicht« von Carina Herrmann
  • »Comeback mit Backpack« von Gitti Müller

Die Reisebeschreibungen und Ratschläge machen Mut, selbst die innere Grenze zu überwinden und solo in den Urlaub aufzubrechen. Auf diese Weise lassen sich ganz neue Erfahrungen sammeln, die mit Reisebegleitung unmöglich gewesen wären.


Je mehr Bedenken mein persönliches Umfeld äußert, desto mehr
Argumente fallen mir ein, die für eine Rucksackreise und gegen
meine eigenen Zweifel sprechen.


Gitti Müller, die als fast 60jährige nochmal als Backpackerin unterwegs war

Blick ins Buch
Comeback mit Backpack Comeback mit Backpack

Eine Zeitreise durch Südamerika

1980 zog Gitti Müller als Backpackerin in die Welt. Mit einem One-Way-Ticket gelangte sie an den Amazonas, erkundete die Anden und lauschte den Wellen am Pazifikstrand. Fünfunddreißig Jahre später schultert sie erneut den Rucksack in Richtung Südamerika … Familie und Freunde halten die Idee für verrückt, doch unbeirrt macht sie sich auf, ihren Traum ein zweites Mal zu verwirklichen. Mitreißend und offenherzig schildert sie, wie sie als 24-Jährige ohne Google Maps und Smartphone ahnungslos in Militärdiktaturen stolperte, sich im Urwald verlief oder Travellerschecks unter die Kleidung klebte, und spiegelt daran augenzwinkernd ihre Erfahrungen von heute. Berichtet von generationsübergreifenden Begegnungen in Hostels und verrät, wie faszinierend das Alleinreisen als Frau immer noch sein kann. Ein leidenschaftlicher Beweis, dass die große Freiheit kein Verfallsdatum kennt.

2015 Deutschland digital

Wiedererwachen
Eines Morgens ist die Idee plötzlich da. Ich liege noch im Bett, gerade aufgewacht, die Haare wirr, die Lider schwer, und denke: Montevideo. Wie ein Hauch von zartem Frühnebel, der sich jeden Moment verflüchtigen will, schwebt und wabert der Gedanke hinter meiner Stirn. Müsste ich jetzt einen Wecker abstellen oder einen Blick auf die Uhr werfen, er wäre fort. Bestimmt. Hätte ich einen ganz normalen Job mit festen Arbeitszeiten, wäre ich ins Bad geeilt, hätte unter der Dusche gedanklich meine To-do-Liste aktualisiert, dann einen starken Kaffee getrunken, und es wäre nicht mal mehr der Ansatz einer Erinnerung daran geblieben. So aber halte ich die Augen geschlossen und sehe den Schriftzug Montevideo vor mir. Der nächste Gedanke ist: Da muss ich hin. Unbedingt!
Das Dösen am Morgen kann ich mir erlauben, denn ich bin Freiberuflerin. Vor mehr als drei Jahrzehnten habe ich meinen sicheren Arbeitsplatz in einem Reisebüro aufgegeben, das Abitur nachgeholt und studiert. Seitdem verdiene ich mein Geld mit Jobs für Film und Fernsehen. Die Aufträge kommen mit beständiger Unregelmäßigkeit herein und rauben mir oft den Schlaf, den ich erst wiederfinde, wenn das Honorar eingegangen und die Miete gesichert ist. Dann geht alles von vorne los. Themen suchen, Exposés schreiben, Klinken putzen …
Heute habe ich keine Termine, nur einen ahnungslosen Schreibtisch, der auf Einfälle wartet, während ich in Jogginghose und XXL-Pullover in die Küche schlurfe, um mir einen großen Latte macchiato zu machen. Es ist einer jener Tage des großen Freiheitsversprechens. Für diese Tage habe ich meine finanzielle Sicherheit und die »Wie war dein Wochenende?«-Gespräche aufgegeben.

Ich trinke meinen Kaffee, und der Montevideo-Gedanke schaut mir dabei zu. Wo zum Teufel liegt das eigentlich, Montevideo?, denke ich und schalte meinen Laptop ein, um nachzuschauen. Jetzt sind die Würfel gefallen. Aus dem Gedanken ist Handeln geworden, somit kann er sich nun nicht mehr verflüchtigen. Ich gebe »Montevideo« bei Google Maps ein und blicke gespannt auf die sich aufbauende Landkarte. Na klar! Uruguay, dieses winzig kleine Land zwischen den beiden Riesen Argentinien und Brasilien. Hauptstadt: Montevideo. Uruguay ist eines der ganz wenigen Länder in Südamerika, die ich während einer Rucksackreise vor 35 Jahren nicht besucht habe. Ich habe den kleinen Staat wohl schlicht übersehen. Und nun sitzt er in meinem Kopf und will nicht mehr fort.
Während ich mir einen Smoothie zubereite, starre ich, den Kopf in die Hände gestützt, auf das wirbelnde Grünzeug im Mixer vor mir. Feldsalat und Spinat drehen sich mit zunehmender Geschwindigkeit und lassen das Bild einer Pirouetten drehenden Eisprinzessin entstehen. Mit einem leicht durchsichtigen Tutu und einem dicken grünen Rucksack auf dem Rücken vollführe ich Sprünge und doppelte Rittberger. Was für ein verrücktes Bild, denke ich. So ein Rucksack wäre ja wohl eher hinderlich auf der Eisfläche. Aber das Gefühl von Leichtigkeit, von Freude und Freiheit, wie ich da über das imaginäre Eis schwebe – es kommt mir irgendwie bekannt vor. Und tatsächlich, ein grüner Rucksack spielt in dieser Erinnerung auch eine Rolle. Es ist lange her, aber immer noch lebendig. 1980.


1980 Frankreich analog


Nix wie weg
Ich gehöre zur Generation der Babyboomer. Wir waren damals viele, und eines einte uns: Wir wollten anders sein als unsere Eltern, total anders. Weg von den Wohnzimmern mit Schrankwänden aus deutscher Eiche, weg vom Wirtschaftswunder und Konsumterror der Siebzigerjahre, weg vom spießigen Sonntagnachmittagsmief, von Hütchen, Schühchen, passenden Täschchen, weg von all dem, was nach Konvention und Langeweile roch. Man könnte auch sagen, ich bin Generation N, Generation Nix-wie-weg. Manche tuckerten in den Siebzigern und frühen Achtzigern mit dem VW-Bus durch Afghanistan, andere flogen nach Indien und meditierten in Aschrams oder fuhren nach Ibiza, wo sie in Höhlen wohnten und Armbändchen flochten. Einige bauten Schulen in Nicaragua oder gruben Brunnen in Afrika, andere schlossen sich den Beduinen an und fanden das Glück in der Wüste. Ich schaute mit 13 am Kölner Hauptbahnhof den Zügen hinterher und wanderte mit 19 nach Paris aus. Mit 23 stand ich in der Wartehalle des Flughafens Roissy und wollte mal wieder nix wie weg, aber diesmal richtig. Richtig weit. Und richtig lange.
Meine Stiefel waren gut zwei Nummern zu groß, aus schwerem Leder mit dicker Sohle. Trotzdem kam ich mir darin kein bisschen klobig vor. Im Gegenteil: Ich fühlte mich leicht wie eine Eisprinzessin. Die groben Schuhe gaben meinen zu dünnen Beinen sicheren Halt und das gute Gefühl, zuverlässigen Kontakt zur Erde zu haben. Auch wenn ich noch auf dem zubetonierten Grund der Abflughalle Paris-Roissy stand. Noch. Doch schon bald sollten sie mich trockenen Fußes durch Urwaldflüsse bringen. Im hohen Gras der Tropen sollten sich Giftschlangen die Zähne an ihrem harten Leder ausbeißen, und auf 4000 Meter Höhe in den Anden sollten mich die dicken Sohlen vor Steinen, Geröll und Dornen schützen. Wohlwollend betrachtete ich sie. Handarbeit, maßgefertigt vom Schuster meines Stadtviertels Montmartre. Ich wollte sie so groß. Schick waren sie nicht gerade, und in Paris, wo ich die letzten drei Jahre gelebt hatte, waren sie allemal ungewöhnlich. Sie wogen gut zwei Kilo. Schon deshalb würde ich sie unterwegs immer tragen müssen, damit ich sie nicht im Rucksack zu schleppen brauchte.
Unverwüstlich stand ich also in den neuen Schuhen am Check-in-Schalter, während um mich herum flatterhafte Betriebsamkeit herrschte. Menschen blickten nervös auf ihre Uhren. Männer trugen Aktenkoffer geschäftig hin und her, so, als hätten sie Dringendes zu tun. Gepäckstücke wurden geschleppt, gezogen, eine ältere Dame suchte verzweifelt nach ihrem Flugticket. Lautsprecherdurchsagen meldeten krächzend den kleinen Henry, der seine Mutter verloren hatte, sowie Ankommende, die ihre Abholer nicht finden konnten. Inmitten dieser planmäßigen Unruhe fühlte ich mich seltsam ruhig. So ruhig wie noch nie. Alles war in diesem Moment perfekt. Ich musste nichts mehr tun, nichts mehr überlegen und nichts entscheiden. Es war, als stünde die Zeit still. Ich stand ähnlich still, atmete tief durch und fühlte mich großartig. Ich war jung, hatte unendlich Zeit, keine Verpflichtungen, keine Verabredungen, nicht einmal eine Flugreservierung. Ich flog Stand-by. Das war billiger und hieß: Gab es einen freien Platz, flog ich um 14 Uhr nach Cayenne. Gab es keinen, flog ich am nächsten Tag oder am übernächsten. Und zwar nur hin. Es war ein One-Way-Ticket.
Ich hatte auch keinen materiellen Ballast: keine Wohnung, um die ich mich kümmern musste, keine Rechnungen, die auf Bezahlung warteten. Alles, was ich besaß, war stillgelegt. Bücher und Kleider in Kisten gepackt, der Haushalt aufgelöst, Nützliches verschenkt und Unnützes weggeworfen. Auszeit von meinen Sachen. Bis auf zehn Kilo geplanter Nützlichkeit, verstaut in einem grünen Rucksack mit Metallgestänge. Tagelang hatte ich hin und her geräumt und gerückt, dieses rein, jenes raus, entschieden und wieder verworfen.
Zuletzt kamen fein säuberlich auf eine Liste und in den Rucksack: 1 Jeans, 1 Bermudashorts, 4 T-Shirts, Unterwäsche, 4 Paar Strümpfe, 1 langärmliges Tropenhemd, 1 Bikini, wasserfeste Sandalen, 1 Bettbezug zum Reinschlüpfen wegen der Wanzen, 1 Moskitonetz wegen der Mücken, 1 Kamera und 4 Filmrollen. Zudem 1 Wäscheleine und 4 Wäscheklammern sowie 1 Stück Kernseife, Zahnpasta und Zahnbürste. Außerdem ein nicht unerheblicher Vorrat an Zigarettentabak und Papierblättchen. Um den Bauch, direkt auf der Haut, trug ich einen cremefarbenen Geldgürtel mit 2500 Dollar in Travellerschecks und 500 Dollar in bar, sorgfältig eingewickelt in Plastikfolie, damit sich die Scheine nicht auflösten, wenn ich schwitzte. Außerdem befand sich mein frisch ausgestellter Reisepass darin, mit einem Visum für Französisch-Guayana. Frühestens in einem Jahr wollte ich zurückkommen. Wenn überhaupt.

Die letzten beiden freien Plätze in der 14-Uhr-Maschine gingen an uns. Es hatte geklappt.
Während die üblichen Durchsagen gemacht wurden, rutschten wir ungeduldig auf unseren Sitzen herum. »Kneif mich«, sagte ich, und Christian, mein französischer Freund und Reisegefährte, knuffte mich in die Rippen. »Kneif du mich«, sagte Christian, und ich startete eine Kitzelattacke. Wir beide waren die Einzigen an Bord, die ausgelassen lachten und alberten. Um uns herum nur Geschäftsleute. Klar, wer machte schon Urlaub in Guayana. Wir ja auch nicht. Wir gingen auf Entdeckungsreise nach Südamerika, und die fing nun mal in Cayenne an. Wir hatten nicht einmal eine Reiseroute und wollten so lange bleiben, wie uns die Dollar trugen.
Drei Jahre lang hatten wir beide gearbeitet und jeden Cent gespart. Ein heruntergekommenes Zimmer in der Rue Lamarck am Fuße des Montmartre war unser Zuhause gewesen. Ein Dachzimmer, eine ehemalige chambre de bonne, an dessen Schrägen wir uns die Köpfe stießen. Die alten, teilweise abgelösten Tapeten mit den großen gelben Sonnenblumen hatten wir notdürftig an den schiefen Wänden festgeklebt. Wir wollten ja nicht lange bleiben. Nur mal kurz arbeiten und sparen und dann nichts wie weg. Unser Leben bestand aus »métro, boulot, dodo«, wie die Pariser sagen, also aus »Metro fahren, arbeiten, schlafen«. Und träumen. Wir schwärmten von dieser Reise wie Teenager von einem Idol, das sie doch gar nicht kannten. Abends, wenn wir unseren billigen Wein tranken, malten wir uns aus, unter Palmen zu liegen, frischen Lobster zu essen und Cuba Libre zu trinken. Wenn der Sommer in Paris den Asphalt dampfen ließ und wir schwitzend zu unseren Jobs trotteten, stellten wir uns vor, unter tropischen Wasserfällen zu duschen oder im glasklaren Wasser des Titicacasees zu schwimmen.
Dass wir tatsächlich irgendwann am Titicacasee saßen und nicht etwa auf Ko Samui, hatte etwas mit einer Münze zu tun. Wir konnten uns nämlich anfangs nicht einigen, wohin die Reise gehen sollte. Christian wollte nach Asien, ich nach Südamerika. Unbedingt nach Südamerika. Warum, wusste ich selbst nicht so genau.
Jahre später fiel es mir dann ein. Ich hatte bei meinem ersten Freund, in den ich unsterblich verliebt gewesen war, ein Gemälde gesehen: Ein alter Mann, ein südamerikanischer Indianer, sitzt, eingehüllt in seinen Poncho und gestützt auf einen Stock, auf einem Felsen und schaut in die Ferne. Mit seinem Blick hatte er mich eingefangen und ließ mich nicht mehr los. Darin war so viel Wissen, so ein unerschütterliches Vertrauen in das Leben, die Gewissheit, es würde schon alles gut werden. »Da geht es lang!«, sagte dieser Blick. Als wären Zukunft und Vergangenheit in seinen Augen vereint, war er von einer Präsenz, die mich fortan nicht mehr losließ.
Ich lieh mir das Bild aus und versuchte, diesen alten Mann zu malen. Das Muster seines Ponchos in allen Einzelheiten, das tiefe Kobaltblau des Himmels, das so ganz anders, so viel klarer war als in Deutschland. Ich verbrachte Stunde um Stunde, Tag um Tag mit dem Versuch, den Ausdruck des alten Mannes zu treffen, und während ich ihn betrachtete und ihn malte, freundete ich mich mit ihm an. Als das Bild fertig war, versprach ich ihm, eines Tages nach Südamerika zu kommen und ihn zu besuchen.
Christian hingegen träumte von Asien, er wusste damals auch nicht, warum. »Vielleicht war ich in meinem früheren Leben ein Thai«, probierte er mich zaghaft zu überzeugen. Weil keiner von uns nachgeben wollte, warfen wir eine Münze. Ich hatte Kopf, Christian Zahl. Es fiel Kopf. So einfach war das. Christian war ein guter Verlierer, das musste man ihm lassen. Und von da an träumten wir beide gemeinsam von Südamerika.
Als das Flugzeug endlich abhob, wurde alles wahr, wonach wir uns all die Jahre gesehnt hatten. Die große Freiheit, ja, es gab sie wirklich. Das war genau das Gefühl, für das ich meine Blitzkarriere in Paris hingeschmissen hatte. Die totale Unabhängigkeit auf Zeit. Ein Gefühl, das stärker war als all die Zweifel, die mich zwischendurch immer wieder überkommen hatten. Etwa wenn mein Chef sagte: »Warte doch noch ein paar Jahre mit der Reise.« Oder wenn die Eltern fassungslos den Kopf schüttelten und einfach nur seufzten: »Nä, nä, nä, Kindchen …« Oder wenn Freunde rieten: »Mach das doch, wenn du alt bist.«
Alles gut gemeinte Ratschläge, aber ich roch die Lunte: Wäre ich nach ein paar Jahren Luxusleben noch bereit, in billigen Bruchbuden abzusteigen? Würde ich mich in drittklassige Züge setzen, zwischen Ziegen und Hühner? Würde ich Flusswasser trinken, wenn es kein anderes gab? Wäre ich dann nicht schon viel zu vernünftig?
Vielleicht hätte ich bereits Kinder. Und ein Haus, das abbezahlt werden müsste. Und einen Friseur, zu dem ich einmal im Monat ginge; »meine« Kosmetikerin, »meinen« Käseladen, »meine« Boulangerie, »mein« Oberbekleidungsgeschäft. Wie alle Pariserinnen. Vielleicht liefe ich in ein paar Jahren nur noch in High Heels herum, und die Vorstellung, klobige Stiefel anzuziehen, wäre völlig absurd. Selbst wenn nicht: Hätte ich dann überhaupt noch den Mut, alles hinter mir zu lassen? Den schönen Arbeitsplatz, das satte Gehalt, den guten Wein (den ich dann bestimmt trinken würde), die Restaurantbesuche mit Austern, Coq au vin und fünf Nachspeisen, die geräumige Wohnung mit begehbarem Kleiderschrank, das fließende Leitungswasser, den Kühlschrank, das französische Bett? Würde ich alles hinter mir lassen können, wenn ich einmal ins Reich der Bequemlichkeit abgetaucht wäre? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich hatte da so meine Zweifel. Und diese Reise wollte ich unbedingt machen. Nicht später. Nicht wenn ich in Rente war. Oder an Krücken lief. Sondern jetzt.
Die Wolken flogen wie Zuckerwatte am Fenster vorbei, und ich saugte das Gefühl von unendlicher Freiheit und zitternder Erwartung in mir auf, als gelte es, den Rekord im Glücklichsein zu brechen.

Eine Reise in fremde Länder und zu sich selbst

Ein näherer Blick in die Bücher von alleinreisenden Frauen zeigt, dass es sehr vielfältige und individuelle Werke sind. Jede Autorin bringt ihre eigene Lebensgeschichte mit, die sie dazu bewogen hat, alleine zu verreisen. Häufig befand sie sich an einem Wendepunkt in ihrem Leben und nutzte den Aufenthalt ohne Begleitung im fremden Land als Reise zu sich selbst. Exotische Kulturen, malerische Landschaften und imposante Städte werden so zu aufregenden Kulissen für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Selbst. Wer bin ich? Wohin soll mein Lebensweg gehen? Dies sind zwei typische Fragen, die sich viele Reisebuchautorinnen stellen.

Manch ein Leser beziehungsweise eine Leserin ist in einer vergleichbaren Situation und findet sich in dem Buch wieder. Damit können die Werke eine Art Lebenshilfe darstellen und zum Nachdenken anregen. Für andere Leser gibt es hingegen kein einschneidendes Ereignis, das den Impuls zum Verreisen gegeben hat. Vielleicht ist in letzter Minute der Reisepartner abgesprungen oder es fand sich gar keiner. Auch dann ist der Urlaub ohne Begleitung ein Abenteuer mit sich selbst. Aufmerksame Reisende erfahren viel über den eigenen Charakter und entdecken an sich neue Seiten. Unter Umständen entwickeln sich so ungeahnte Interessen oder eine bestehende Schüchternheit wird abgeworfen.


Eine Lektüre auch für den Mann

Bücher von alleinreisenden Frauen über das Reisen ohne Begleitung sind in erster Linie für Frauen geschrieben. Doch auch Männer können an dieser Reiselektüre Gefallen finden. Dies trifft vor allem auf Werke zu, bei denen das Geschlecht des Autors aufgrund des gewählten Inhalts und seiner Aufbereitung irrelevant wird. Ein Beispiel dafür ist das Buch »Loslassen«“ von Katharina Finke. Sie erzählt darin, wie sie als moderne Nomadin fremde Länder und Menschen entdeckt und zwar mit nichts als dem Inhalt eines Koffers als ihren Besitz. Auf diese Weise lässt sich geschlechterunabhängig reflektieren, was gutes Reisen ausmacht und warum ein Solotrip und der Verzicht auf Luxus eine wertvolle Bereicherung sein kann. Dass auf dem Buchcover der Name einer Autorin zu lesen ist, ist unerheblich.

Blick ins Buch
Loslassen – Wie ich die Welt entdeckte und verzichten lernteLoslassen – Wie ich die Welt entdeckte und verzichten lernte
Als Katharina Finke nach der Trennung von ihrem langjährigen Freund ihren Mietvertrag kündigt, entschließt sie sich, alles loszulassen, was sie bindet. Sie verschenkt und verkauft beinahe ihren ganzen Besitz und macht das Reisen zu ihrem Alltag. Als moderne Nomadin arbeitet sie rund um den Globus, lebt aus dem Koffer und wohnt auf Ausklappsesseln und in Luxusappartements. Sie lernt, ihren Impulsen zu trauen und ihre Ängste zu erforschen; schätzt die Erfahrungen, die sie unterwegs sammelt, und das intensivere Lebensgefühl, das sie durch die Befreiung von materiellen Dingen verspürt. Sie erlebt, wie radikale Freiheit überglücklich und zutiefst einsam macht. Dies ist ein Buch darüber, was es heißt loszulassen. Und woran es sich lohnt festzuhalten.

Loslassen


Fast alles, was ich besitze, passt auf eine Buchseite. Bis auf wenige Ausnahmen sind dies Dinge, die ich wirklich brauche: zwei Mäntel, zwei Jacken und zwei Blazer; drei Jeans, zwei Stoffhosen, acht Röcke und zwei Dutzend Kleider; ein Paar robuste Schuhe für den Winter, zwei mit Absätzen, zwei leichtere für den Sommer, Sandalen und Sportschuhe; Socken, Strumpfhosen, Unterwäsche, Sportklamotten; ein Bikini, eine Sonnenbrille, zwei Gürtel, eine Mütze und ein paar Schals; Haarbürste, Zahnbürste, eine Handvoll Kosmetikprodukte sowie Schmuck; ein Fön, zwei Handtücher, ein Schlafsack und ein Bügeleisen, alles in der Reisevariante; außerdem Strickjacken und Pullis, Kurz- und Langarmshirts sowie ein paar Blusen und Tunikas; zwei große und eine kleine Handtasche, ein Geldbeutel, ein Rucksack und ein paar Jutebeutel; zwei Reisepässe; ein Thermobecher, ein Korkbehälter für Salz; Notizbuch, Recherche- und Finanzunterlagen, ein paar Stifte; Kopfhörer und eine Schlafbrille; Adapter für Smartphone, Kamera und Laptop, auf dem sich auch meine digitale Bücher- und Musiksammlung befindet; dazu noch ein paar gedruckte Bücher, die ich nach dem Lesen wieder gegen neue tausche. Das einzige Stück, das nicht in mein Reisegepäck passt, ist mein Rennrad. Alles andere, selbst mein Kung-Fu-Schwert und die Kung-Fu-Schuhe sowie eine bunte Decke aus Bali kann ich in einer Tasche und einem Koffer verstauen, wenn ich unterwegs bin.
Des Weiteren besitze ich einen Koffer und einen Umzugskarton mit Erinnerungsstücken, die ich bei meinen Eltern untergestellt habe. Darin: ein Tennisschläger, antikes Geschirr und Fotos. Eine Wohnung habe ich nicht. Genauso wenig wie Möbel oder ein Auto. Und das alles ist kein Experiment oder eine Übergangslösung. Es ist mein Alltag seit fast fünf Jahren.
Das Komische ist: Jetzt, wo ich aufschreibe, was ich alles besitze, kommt es mir vor, als wäre es viel. Dabei ist es nur ein Bruchteil dessen, was die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt besitzt: Zehntausend Gegenstände nennt beispielsweise jeder Deutsche laut einer Statistik sein Eigen. Tendenz steigend.
Bei mir war das früher genauso. Bis zum Sommer 2012. Damals saß ich in einem winzigen Zimmer direkt unter dem Dach eines alten Hauses in Lissabon, als plötzlich eine E-Mail auf meinem Laptop-Bildschirm aufpoppte: »Katharina, ich will umziehen. Was sollen wir mit unserer Wohnung machen?«, fragte mich Arjun, von dem ich seit einigen Monaten getrennt war, der aber noch in unserer gemeinsamen Mietwohnung in Hamburg lebte.
Meine Bleibe in der portugiesischen Hauptstadt hatte ich Ana zu verdanken, die ich dort über Freunde kennengelernt hatte. Sie bot mir an, in ihrer Dreizimmerwohnung unterzukommen. Allerdings war nur noch die Abstellkammer frei. Für mich kein Problem. Doch Xavi aus Spanien, der das angrenzende Zimmer bewohnte, machte sich darüber lustig. »Loca Alemana – verrückte Deutsche«, nannte er mich. »Auf drei Quadratmetern leben und arbeiten – das ist doch nicht normal!«
Das war der kleinen, zierlichen Ana unangenehm, weil sie selbst Architektin war, und so versuchte sie, die Kammer für mich wohnlicher und bequemer zu machen: Sie gab mir einen Stuhl, damit ich mich an den kleinen Tisch unter dem winzigen Dachfenster setzen konnte, auf den gerade so mein Laptop und eine Tasse passten.
»Deine Sachen kannst du in dem eingebauten Schrank unterbringen«, sagte sie und organisierte mir später noch zwei schon etwas in die Jahre gekommene Campingmatratzen mit Blumenmuster in den Farben der portugiesischen Flagge: rot und grün. »Damit kannst du bestimmt besser schlafen!«
Ich schichtete die Unterlagen auf einen Sessel, den ich jeden Abend ausklappen musste, um darauf zu nächtigen. Dann gab es allerdings keinen Platz mehr zum Stehen oder Sitzen. Auch die Tür der Kammer ging dadurch nicht mehr auf, was mich jedoch freute, weil ich so etwas ungestörter war, denn zu meinem Zimmer gab es keinen Schlüssel und es konnte jederzeit jemand hereinplatzen. Privatsphäre hatte ich also nur bedingt. Meine Mitbewohner kamen vor allem immer dann, wenn das Internet ausfiel und sie den Router, der in meinem Zimmer stand, wieder in Gang bringen wollten. Und das geschah häufiger, da wir direkt neben Sé, der Kathedrale von Lissabon, in einem Viertel wohnten, wo viele der alten Bauten keine gute Netzabdeckung hatten.
Schockiert von Arjuns E-Mail saß ich noch immer ratlos vor meinem Laptop, als Ana bei mir hereinschaute.
»Tudo bem? – Alles klar?«, fragte sie besorgt.
»Pois … – Also …«, begann ich zögernd, und sie fragte auf Englisch weiter: »Was ist los, K?«
Dann erzählte ich Ana von Arjuns Nachricht. Sie schlug sofort vor, in unser Lieblingscafé zu gehen. Es lag nur wenige Schritte von Anas Wohnung entfernt, direkt an der Kathedrale. Dort setzten wir uns draußen in die Sonne und bestellten wie immer einen Garoto, Espresso mit einem Schuss warmer Milch, und Ananassaft mit frischer Minze. Es roch nach Meer, der Wind wehte salzige Luft den Tejo hinauf, an dessen Ufer die portugiesische Hauptstadt liegt. Die berühmte Straßenbahn Nummer 28 ratterte an uns vorbei und einen der sieben Hügel Lissabons hinauf zum Castelo. Das alte gelb-weiße Gefährt war vollgepackt mit Touristen, die pausenlos fotografierten. Als die Bahn vorüber war, zündete Ana sich eine Zigarette an, blies den Rauch in die vor Hitze flirrende Luft und fragte mich: »Hat dich seine E-Mail überrascht?«
»Sehr, so etwas hatte ich von Arjun nicht erwartet.«
Der wesentliche Unterschied zwischen uns war, dass ihm oft die Vorstellung von etwas ausreichte, ich es aber wirklich erleben wollte. »Ich will später nicht sagen: Das wollte ich auch immer machen – und es am Ende nicht getan haben«, sagte ich oft zu ihm. Er nannte mich deswegen manchmal seine kleine Antigone und zitierte Sophokles: »Ich will alles sofort und vollkommen – oder ich will nichts.« Mein größter Wunsch war immer, die Welt zu entdecken. Das setzte ich schließlich auch in die Tat um. Ich begann um die Welt zu reisen. Auf Europa folgten die USA, Kanada, Australien, Neuseeland und Indien. Zwischendurch flog ich immer wieder nach Deutschland, meist nach Hamburg, zurück.
»Wie war es für dich zurückzukehren?«, fragte Ana.
»Es war komisch und fühlte sich fremd an«, gab ich zurück. Ich habe mich immer nach der Ferne gesehnt, erklärte ich ihr. Wenn ich dann zurück in Hamburg war, fühlte ich mich dort auf Dauer nicht mehr wohl. Ich packte also gleich wieder die Koffer. So kam es, dass ich erst nach Buenos Aires flog und schließlich in Portugal strandete. Eigentlich war der Aufenthalt nur als Zwischenstopp auf dem Weg zurück nach Deutschland geplant gewesen – ich verlängerte jedoch immer wieder. Als freie Journalistin konnte ich selbst entscheiden, wo ich arbeiten wollte. Ich wusste allerdings auch, dass ich Lissabon bald wieder verlassen würde, denn meine nächsten Reisen waren schon geplant: Recherchen im Süden Portugals und Aufträge in New York.
»Überlege dir, was für dich wichtig ist«, riet mir Ana auf unserem Rückweg.
Als ich wieder in meiner kleinen Kammer saß und mich umsah, wurde mir klar, dass ich in den letzten Monaten nicht mehr gebraucht hatte als das, was ich bei mir hatte: Kleidung, Laptop, Handy. Und die Menschen um mich herum. Die Wohnung in Hamburg allein zu behalten würde eine Bürde für mich bedeuten. Insbesondere den Gedanken, dass ich mich während meiner Reisen aus der Ferne immer wieder um Zwischenmieter kümmern müsste, empfand ich als belastend. Also antwortete ich Arjun: »Lass uns die Wohnung auflösen.«

~

Einen Monat später flog ich von Lissabon nach Hamburg. Während des Fluges hatte ich ein mulmiges Gefühl, das ich nicht wirklich einordnen konnte. Ich empfand Aufregung, aber auch Angst. So etwas hatte ich noch nie zuvor erlebt. Mir war zum damaligen Zeitpunkt nicht bewusst, was für Konsequenzen die Wohnungsauflösung für mein Leben haben würde. Aber ich spürte, dass sich viel verändern würde.
Eine Stunde nach meiner Ankunft in Hamburg stand ich vor unserer Altbauwohnung in Eimsbüttel. Arjun nahm mich zur Begrüßung in den Arm. Lange und intensiv. Er presste meinen Kopf sanft an seine Schulter. Mit seinen knapp ein Meter neunzig war er fast zwanzig Zentimeter größer als ich. In der Wohnung roch es nach Kaffee. Alles wirkte wie immer. Doch das unbehagliche Gefühl aus dem Flugzeug wollte nicht verschwinden. Arjun bot mir Franzbrötchen aus unserer Lieblingsbäckerei an. So, als wollte er mir das Heimkommen im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft machen. Aber auch das konnte nichts an meiner Stimmung ändern. Ich bedankte mich, und wir setzten uns auf den großzügigen Südbalkon.
Von den Blumen und Kräutern, die ich angepflanzt hatte, als wir noch gemeinsam hier gewohnt hatten, waren nur noch verdorrte Stiele übrig. Arjun bemerkte meinen kritischen Blick und entschuldigte sich: »Sorry, aber ich hab einfach keinen grünen Daumen.«
»Das macht jetzt ja auch nichts mehr«, sagte ich.
Er guckte mich mit seinen großen braunen Augen traurig an. Ich wich seinem Blick aus und sah ins Wohnzimmer. Quer über den alten, heruntergekommenen Dielenboden verstreut lagen Stapel aus Notizen und Zeitungsartikeln. »Du hast noch gar nicht angefangen, die Kisten zu packen?«, fragte ich überrascht.
»Nein, ich wollte damit auf dich warten.«
Ich stand auf, trat durch die Balkontür und lief durchs Zimmer. Alles war wie früher. Außer, dass sich die Papierstapel in meiner Abwesenheit auf das Sofa, den kleinen Couchtisch und den Schreibtisch ausgeweitet hatten. Die Möbel versanken förmlich unter Papierbergen.
An die Stelle meines Unmutes über die Unordnung trat plötzlich Wehmut. Vor drei Jahren waren wir zusammen eingezogen. Und obwohl ich nun schon über ein Jahr nicht mehr hier wohnte, war alles noch sehr vertraut und mit so vielen Erinnerungen verbunden: Die Füße des Sideboards hatte Arjun durch Bücher ersetzt. Es war bereits einmal zusammengebrochen, weil er so viel Krimskrams darin verstaut hatte. Vor den alten grün-weißen Kacheln in der Wohnküche stand der Kühlschrank. An ihm hing immer noch ein Zettel mit der Botschaft: »Wir sind im Ribs.« In dieser Eckkneipe gegenüber unserer Wohnung hatten wir oft noch einen Absacker getrunken. Der Zettel stammte von einem Abend, an dem Arjun mit Freunden gefeiert hatte und ich nachkommen sollte. Wir hatten in unserer Wohnung eine schöne Zeit verbracht. Mit viel Beständigkeit, aber auch Freiheit für jeden von uns.
»Ist schon schade«, bemerkte Arjun plötzlich, als könnte er meine Gedanken lesen. Er war nun auch vom Balkon hereingekommen und stand hinter mir. Ich drehte mich um und stimmte leise zu: »Ja.« Unsere Blicke trafen sich. In diesem Moment erinnerte ich mich daran, wie wir uns bei meinem letzten Besuch in Hamburg noch in den Armen gelegen, ich ihm seine schwarzen Locken gekrault und wir gemeinsam geweint hatten. Jetzt schien alles nüchterner.
»Was machst du eigentlich mit deinen Sachen?«
»Ich werde mich von ihnen trennen«, antwortete ich.
In meiner kleinen Kammer in Lissabon hatte ich lange nachgedacht, ob ich meinen Besitz, der sich bis dato noch in der Wohnung befand, aufheben oder ausmisten sollte. Und ich hatte mich informiert: Die Sachen einzulagern, kostete mindestens dreißig Euro im Monat. Davon könnte ich unterwegs schon meine Handyrechnung bezahlen. Viel wichtiger für die Entscheidung, den Großteil meines Besitzes aufzugeben, war jedoch die Erkenntnis, dass ich auf Reisen an die meisten Dinge in Hamburg keinen Gedanken verloren hatte. Es ging mir gut ohne meinen Schreibtisch, mein Bücherregal oder meinen opulenten Kleiderschrank. Zu wissen, dass ich jeden Moment meine Siebensachen packen und weiterziehen konnte, hatte mir ein Gefühl von Freiheit gegeben, bei dem mir nichts fehlte.
Diese Leichtigkeit verschwand jedoch schon bei dem Gedanken daran, was sich noch alles auf unserem Dachboden befand und wie es mir immer davor gegraut hatte, ihn zu betreten. Mich durch schwere, ungeordnete und staubige Kartons wühlen zu müssen. Einen nach dem anderen zu öffnen und meist erst beim letzten zu finden, was ich gesucht hatte. Wenn überhaupt. Auf den Reisen, die vor mir lagen, konnte ich solche Gefühle und Gedanken nicht gebrauchen. Arjun hörte zu, nickte und schaute ein wenig ratlos.

Eintauchen in fremde Kulturen

Reisen in fremde Länder bedeutet, sich mit fremden Kulturen auseinanderzusetzen. Besonders aufregend ist dies, wenn es sich um exotische Regionen der Erde handelt, in denen das Leben ganz andere Wege nimmt als daheim. Auf diese Weise lässt sich erlernen, dass das Dasein kein starres Gerüst mit festgeschriebenen Normen ist. Es ist eingebettet in einen kulturellen Kontext. Was für einen selbst selbstverständlich und normal erscheint, kann für jemand anderen befremdlich sein. Dadurch erhalten Begriffe wie Toleranz und Akzeptanz eine neue Definition. Um einen authentischen Einblick in andere Erfahrungswelten auf weit entfernten Kontinenten zu gewinnen, sind Reisebücher von alleinreisenden Frauen ideal. Sie sind auf sich selbst gestellt und können nur durch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Gegenüber, der lokalen Kultur und sich selbst bestehen. In die magische Welt der australischen Ureinwohner entführt die Autorin Marlo Morgan mit dem Bestseller „Traumfänger: Die Reise einer Frau in die Welt der Aborigines“. Ihre Erinnerungen an ein mehrmonatiges Zusammenleben mit den Aborigines sind die Basis für ein erstaunliches Werk, dessen Geschichten aus einer anderen Welt und Zeit zu stammen scheinen.


Die richtige Urlaubsplanung

Rucksack packen und losziehen – grundsätzlich kann ein Urlaub allein als Frau so einfach sein. Wer jedoch noch nicht häufig solo verreist ist und sich unsicher fühlt, sollte die Auszeit ohne Begleitung sorgfältig planen. Bücher können eine Organisationshilfe sein. In ihnen finden sich praktische Tipps, woran gedacht werden sollte. Teilweise sind die Ratschläge auf bestimmte Reiseziele bezogen, sodass der Leser von wertvollen Insidertipps profitieren kann. So erfährt man, in welchen Stadtteilen die Unterkunftssuche empfehlenswert ist und in welchen Bezirken es nachts für Frauen ohne Begleitung brenzlig sein kann. Vereinzelt werden auch Restauranttipps gegeben, die auf spezielle Vorlieben wie eine glutenfreie oder fleischlose Küche eingehen. Äußerst hilfreich können sich zudem generelle Tipps erweisen.

So kann ein Buch dazu inspirieren, im Urlaub als sinnvollen Zeitvertreib eine bestimmte Sportart zu erlernen oder sich mit Themen wie Naturkunde sowie Fotografie näher auseinanderzusetzen. Auf diese Weise kommt in den Ferien erst gar nicht das Gefühl auf, die Reise wäre allein angetreten worden.

 

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