Alle Infos zu »Spinnenkuss / Elemental Assassin«
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Mittwoch, 08. Januar 2014 von Jennifer Estep


Alle Infos zu »Spinnenkuss / Elemental Assassin«

Die am häufigsten gestellten Fragen zu „Spinnenkuss“ hat Jennifer Estep zusammengefasst.

Um was geht es in der »Elemental-Assassin«-Reihe?
»Elemental Assassin« spielt in der fiktionalen Südstaaten-Metropole Ashland im Herzen der Apalachen, wo die Staaten Tennessee, Virginia und North Carolina zusammentreffen. Das Buch handelt von Gin Blanco, einer Auftragsmörderin, genannt die Spinne, die in ihrer Freizeit einem Barbecue-Restaurant namens »Pork Pit« arbeitet. Darüber hinaus ist Gin ein Elementar bzw. eine Person, die eines der vier Elemente kontrollieren kann – Luft, Feuer, Eis und Stein. Gin besitzt dabei die seltene Gabe, sogar zwei Elemente kontrollieren zu können: Eis und Stein. Neben Elementaren wie Gin leben in Ashland außerdem Riesen, Zwerge und Vampire.

Es gibt momentan 10 Bände der Reihe, angefangen mit »Spinnenkuss«. Zudem habe ich einige Kurzgeschichten zu der Reihe verfasst.

Warnung: Die »Elemental-Assassin«-Reihe ist für eine erwachsene Leserschaft gedacht!

Wie viele Bücher umfasst die »Elemental-Assassin«-Reihe?
Momentan habe ich mindestens 12 Bücher geplant. Ich tendiere dazu, in Handlungsbögen zu schreiben, die gerne mehrere Bände umfassen, bevor ich den einen Plot abschließe und einen anderen beginne. Zum Beispiel dreht sich die Haupthandlung der ersten fünf Bücher – »Spinnenkuss« bis »Spider's Revenge« – vornehmlich um Gin und ihre Erzfeindin und es werden viele wichtige Fragen beantwortet. 

Auch Band 6 ist noch in diesem Handlungsfeld angesiedelt. Die Bände 7-9, »Widows Web« bis »Heart of Venom« , machen einen neuen Handlungsbogen auf, der die Beziehung zwischen Gin und Owen behandelt – und einige Fragen, die in diesen Büchern aufkommen, werden schließlich in den Bänden 11 und 12 beantwortet. Natürlich würde ich gerne noch weitere Bücher in der Reihe schreiben, aber das hängt von den Verkaufszahlen ab. Also, wenn euch meine Romane gefallen, erzählt unbedingt euren Freunden davon!

Außerdem gibt es einige Kurzgeschichten von mir, die zur »Elemental Assassin«-Reihe gehören, und die ich auf meiner Website zur Verfügung stelle. Diese Kurzgeschichten sind nicht notwendig, um die Reihe zu verstehen, aber ich dachte, die Geschichten würden Lesern sicherlich Spaß machen und eine tolle Ergänzung zur Reihe sein.

Warum ausgerechnet eine Auftragsmörderin? Das klingt ja nicht sonderlich sympathisch.
Seit der High-School, als ich begann epische Fantasy zu lesen, faszinieren mich Assassinen und die moralischen Fragen, die sie aufwerfen. Verdienen es manche Leute zu sterben? Wird man automatisch zu einem schlechten Menschen, wenn man jemanden für Geld umbringt? Gibt es Momente, in denen ein Auftragsmörder Schuld empfindet? Diesen Fragen wollte ich auf den Grund gehen, daher entwarf ich meine eigene Auftragsmörderin, Gin Blanco, mit ihren eigenen Motivationen, Eigenarten, Stärken und Problemen.

Auftragsmörder sind vielleicht nicht die sympathischsten Charaktere oder Identifikationsfiguren, aber ich finde, sie gehören zu den faszinierendsten. Außerdem wollte ich über eine sehr kluge, starke und taffe Protagonistin schreiben, was mir meiner Meinung nach mit Gin Blanco gelungen ist.

Was genau ist »Urban Fantasy«?
Urban Fantasy ist ein Genre, das in den letzten Jahren stark an Popularität zugenommen hat. Urban-Fantasy-Romane spielen im Normalfall in einer modernen Welt (d.h. mit Autos, Elektrizität usw.), in der es aber auch Magie und magische Kreaturen gibt. Elementare, Vampire, Riesen, Zwerge, Dämonen, Elfen, Selkies, Trolle, Hexen, Zauberer ... all diese Kreaturen und mehr können in der Urban-Fantasy vorkommen.

Im typischen Urban-Fantasy-Roman liegt der Fokus auf einer einzelnen Hauptperson, aus deren Sicht die Geschichte, meist aus der Ich-Perspektive, erzählt wird. Die Leser folgen dieser Person und all ihren Irrungen und Wirrungen. Beispiele für Urban-Fantasy-Romane sind, unter vielen anderen, meine »Elemental-Assassin«-Romane, »Die dunklen Fälle des Harry Dresden« von Jim Butcher oder die »Rachel-Morgan«-Reihe von Kim Harrison.


Blick ins Buch
SpinnenkussSpinnenkuss

Elemental Assassin 1

Gin Blanco führt ein Doppelleben: Tagsüber serviert sie das beste Barbecue der Stadt. Nachts kennt man sie unter dem Namen »die Spinne« als gefürchtete Auftragskillerin mit einem Talent für Elementarmagie. Doch als sich ihre neue Mission als Falle entpuppt, stürzt Gins Welt ins Chaos. Welcher ihrer unzähligen Feinde kennt ihre wahre Identität? Um ihren Gegner zu enttarnen, muss die Spinne ihr Netz verlassen und die Seite wechseln. Doch das Letzte, was man im Kampf gegen übermächtige Magier braucht, ist Ablenkung – besonders in Form eines sexy Detectives.
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1

 

»Ich heiße Gin, und ich töte Menschen.«

Unter normalen Umständen hätte mein Geständnis überraschtes Keuchen ausgelöst. Bleiche Gesichter. Nervöse Schweißausbrüche. Unterdrückte Schreie. Ein, zwei umgeworfene Stühle, weil die Leute zu entkommen versuchten, bevor ich mein Messer in ihrer Brust versenkte – oder in ihrem Rücken. Solange die Verletzung zum Tod führte, war ich nicht besonders wählerisch.

Aber nicht hier.

»Hi, Gin«, antworteten vier Leute unisono, in perfektem Einklang und dumpfer Monotonie.

Innerhalb der von Mauern umschlossenen Räume der Ashland-Klinik sorgte mein Geständnis, so wahr es auch sein mochte, nicht einmal für eine gehobene Augenbraue und noch weniger für markerschütternde Angst und Ehrfurcht. Ich war relativ normal, verglichen mit den Missgeburten und der Magie, die diese Anstalt füllten. Wie Jackson, dem zwei Meter zehn großen Albino-Riesen, der links von mir saß, schlimmer sabberte als ein Bernhardiner und vor sich hin brabbelte wie ein drei Monate altes Baby.

Ein langer Faden durchsichtigen, glänzenden Speichels hing von seinen riesigen Lippen, aber Jackson war zu sehr damit beschäftigt, dem plump tätowierten Gänseblümchen auf seinem Handrücken Unsinn zuzuflüstern, um sich darum zu kümmern. Oder das Naheliegende zu tun und sich den Mund abzuwischen. Ich rückte ein wenig von ihm ab, um nicht in Kontakt mit dem nassen Schleim zu kommen.

Widerlich. Aber Leute wie Jackson waren typisch für die Klinik. Klinik. Die Bezeichnung brachte mich immer zum Lächeln. So ein hygienisches Wort für dieses Drecksloch.

Es war schon schlimm genug, dass ich nun seit fast einer Woche hier festsaß. Aber was mir wirklich auf die Nerven ging, war der ständige Lärm – und dass ich gezwungen war, dem Gebäude zuzuhören. Die Schreie der Verdammten und Geistesgestörten waren, so wie es alle Gefühle und Ereignisse mit der Zeit tun, schon vor langer Zeit in den Granitwänden und Böden der Klinik versickert. Da ich ein Steinelementar war, konnte ich die Vibrationen der Wände und der Decken spüren und das ständige irre Geplapper selbst durch den billigen Teppich und meine weißen Baumwollsocken hindurch wahrnehmen.

Als ich hier angekommen war, hatte ich zunächst versucht, mich den Steinen zuzuwenden, in dem Bemühen, meine eigene Magie zu nutzen, um dem Element ein wenig Trost zu spenden. Oder zumindest um die Schreie genug zu dämpfen, damit ich nachts schlafen konnte. Aber es hatte nichts geholfen. Die Steine waren nicht mehr in der Lage, meiner Magie zu lauschen oder auf sie zu reagieren. Genau wie die armen Seelen, die auf ihnen herumschlurften.

Inzwischen blendete ich die nicht enden wollende Kakofonie aus Geräuschen und Gebrabbel einfach vollständig aus – wie ich es mit so vielen anderen Dingen auch tat.

Eine Frau, die mir im schiefen Kreis aus Plastikstühlen gegenübersaß, beugte sich vor. Sie nahm Blickkontakt zu mir auf. »Gin, das hast du jetzt schon mehrmals behauptet. Wir haben darüber auch bereits gesprochen. Du hältst dich nur für eine Auftragsmörderin. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bist du keine.«

Evelyn Edwards. Die Psychiaterin, die eigentlich alle Verrückten in dieser magischen Irrenanstalt heilen sollte. In ihrem engen schwarzen Kostüm, der elfenbeinfarbenen Bluse und den Schuhen mit niedrigem Absatz strahlte sie Selbstbewusstsein und professionelle Ruhe aus. Eine eckige Brille saß tief auf ihrer spitzen Nase und betonte ihre grünlichen Augen. Ihre Haare waren zu einem kurzen verwuschelten Bob geschnitten. Evelyn war hübsch, aber auf ihrem fahlen Gesicht lag ein hungriger Ausdruck – ein Ausdruck, den ich sofort erkannte. Es war der kalte Blick des raffinierten Jägers.

Und genau deswegen war ich heute hier.

»Ich bin sicherlich keine einfache Auftragsmörderin«, hielt ich dagegen. »Ich bin die Spinne. Sie haben garantiert schon von mir gehört.«

Evelyn verdrehte die Augen und warf einen Blick zu dem großen Wärter, der gleich hinter dem Stuhlkreis stand. Er kicherte kurz, dann hob er den Finger an die Stirn und zeigte einen Vogel.

»Natürlich habe ich schon von der Spinne gehört«, sagte Evelyn betont geduldig. »Jeder hat von ihm gehört. Aber du bist es sicherlich nicht.«

»Sie«, verbesserte ich sofort.

Wieder kicherte der Wärter. Ich zog verstimmt eine Augenbraue hoch. Eigentlich ging der Witz auf seine Kosten, denn er hatte mit diesem Lachen gerade sein Leben verwirkt. Ich wurde nicht gern verspottet, selbst wenn ich die letzten paar Tage damit verbracht hatte, mich als Irre auszugeben.

Um Leute umzubringen, muss ich in ihre Nähe kommen. Muss mich in ihre Welt begeben. Das mögen, was sie mögen. Ihre Gewohnheiten annehmen. So denken wie sie.

Mich für diesen Auftrag in Evelyn Edwards Welt zu begeben, hatte bedeutet, dass ich mich in die Ashland-Klinik einliefern ließ. Für Evelyn und die Wärter, die auf ihre Befehle hörten, war ich nicht mehr als eine weitere Verrückte, die man von der Straße aufgesammelt hatte, in den Wahnsinn getrieben durch Elementarmagie, Drogen oder eine Kombination aus beidem. Ein weiteres armes verlorenes Sorgenkind des Staates, das ihrer Zeit, ihrer Aufmerksamkeit, ihrer Rücksicht oder ihres Mitgefühls im Grunde jedoch nicht wert war.

Ich hatte die letzten paar Tage in der Klinik damit verbracht, Evelyn und die anderen davon zu überzeugen, dass ich genauso verrückt war wie der Rest der brabbelnden Psychos. Hatte mit wirrem Gesichtsausdruck behauptet, dass ich eine Auftragsmörderin sei. Hatte gesabbert und mit den schleimigen Erbsen, die es zum Mittagessen gab, die Wände bemalt. Ich hatte mir sogar während der Bastelstunde Strähnen meiner langen blondierten Haare abgeschnitten, und das alles nur, um die Illusion aufrechtzuerhalten. Die diensthabenden Wärter hatten mir die Schere abgenommen, allerdings erst nachdem ich es geschafft hatte, im Gemeinschaftsraum damit eine Schraube aus einem der Tische zu drehen.

Und genau diese Schraube verwandelte ich kurze Zeit später in eine fünf Zentimeter lange, spitze Waffe. Genau diese Schraube hielt ich nun in der Hand. Und genau diese Schraube würde ich Evelyn in die Kehle rammen. Die Waffe schmiegte sich in meine Handfläche, lag kalt auf meiner vernarbten Haut. Hart. Solide. Beruhigend.

Natürlich brauchte ich eigentlich keine Waffe, um die Irrenärztin zu töten. Ich hätte Evelyn auch mit meiner Steinmagie erledigen können. Hätte nach der elementaren Macht greifen können, die durch meine Adern floss. Hätte die unzähligen Granitsteine nutzen, aus denen die Klinik erbaut war, und dafür sorgen können, dass das gesamte Gebäude über ihrem Kopf zusammenbrach. Meine Steinmagie einzusetzen fiel mir genauso leicht wie das Atmen.

Vielleicht war es verkorkster professioneller Stolz, aber ich setzte meine Elementarmagie nicht zum Töten ein, außer mir blieb absolut keine andere Wahl und es gab definitiv keinen anderen Weg, den Auftrag zu erledigen. Sonst war es einfach zu leicht. Aber noch wichtiger war, dass Magie hierzulande Aufmerksamkeit erregte. Besonders Elementarmagie. Wenn ich anfing, Gebäude über Leuten zum Einstürzen zu bringen oder ihnen den Schädel von herabfallenden Ziegelsteinen einschlagen ließ, würden die Polizei und noch andere, widerwärtigere Charaktere es bemerken – und anfangen, ein ungesundes Interesse an mir zu entwickeln. Ich hatte mir über die Jahre mehr als genug Feinde geschaffen, und ich hatte nur deswegen so lange überlebt, weil ich mich im Schatten hielt. Weil ich vollkommen unbemerkt in Gebäude eindrang und wieder verschwand, genau wie meine achtbeinige Namenspatronin es tat.

Davon abgesehen gab es eine Menge Wege, dafür zu sorgen, dass jemand das Atmen einstellte. Dafür brauchte ich nun wirklich keine Magie.

»Die Spinne.« Evelyn verzog für einen Moment den Mund und erlaubte sich ein amüsiertes Kichern. »Als könnte jemand wie du die Spinne sein. Der gefürchtetste Killer des Südens.«

»Östlich des Mississippi«, korrigierte ich sie erneut. »Und natürlich bin ich die Spinne. Tatsächlich werde ich Sie umbringen, Evelyn. In drei Minuten. Der Countdown läuft.«

Vielleicht lag es an der Art, wie meine grauen Augen sie ruhig anstarrten. Vielleicht lag es auch an dem vollkommen emotionslosen Tonfall meiner Stimme. Aber das Lachen erstarb in ihrer Kehle wie ein kleines Tier in der Falle. Und bald schon würde sie selbst folgen.

Ich stand auf und streckte die Arme über den Kopf, um die Schraube in meiner Hand besser zu greifen. Mein weißes Hemd mit den langen Ärmeln rutschte nach oben, als ich mich reckte, und gab den Blick auf meinen flachen Bauch frei. Der große Wärter starrte auf meinen Schoß und leckte sich die Lippen. Dead man walking.

»Genug von mir«, sagte ich und ließ mich wieder auf den Stuhl fallen. »Lassen Sie uns über Sie reden, Evelyn.«

Sie schüttelte den Kopf. »Gin, du weißt doch, dass das gegen die Regeln verstößt. Therapeuten dürfen nicht mit Patienten über sich selbst sprechen.«

»Warum nicht? Sie stellen mir jetzt schon seit Tagen Fragen. Versuchen, mich dazu zu bringen, über meine Vergangenheit zu reden. Über meine Gefühle zu sprechen. Mich damit abzufinden, dass ich kalt bin, ›emotional distanziert‹, wie Sie sagen. Ich würde es gerne einmal andersherum probieren, wissen Sie. Ich habe gehört, Ricky Jordan gegenüber waren Sie auch immer ganz redselig.«

Sie riss die Augen hinter ihrer Brille auf. »Woher – woher kennst du diesen Namen?«

Ich ignorierte ihre Frage. »Ricky Robert Jordan. Siebzehn Jahre alt. Ein Luftelementar mit einer schweren bipolaren Persönlichkeitsstörung. Soweit ich gehört habe ein netter, aber verwirrter Junge. Sie hätten sich wirklich nicht mit ihm einlassen sollen, Evelyn.«

Die Seelenklempnerin umfasste ihren langen goldenen Kugelschreiber so fest, dass ihre Knöchel knackten. Der Wärter runzelte die Stirn, während er zwischen uns hin- und hersah, als trügen Evelyn und ich ein Tennismatch aus. Jackson und die anderen drei Patienten, die um uns herumsaßen, fuhren einfach damit fort zu sabbern, zu gurgeln und Blödsinn zu murmeln, vollkommen verloren in ihren eigenen verschrobenen Welten.

»Richtigstellung«, fuhr ich fort. »Sie hätten ihn nicht als Ihr Psycho-Spielzeug missbrauchen sollen. Sind Sie in Panik geraten, als ihm klar wurde, dass Sie Ihren Ehemann nie für ihn verlassen würden? Hat er gedroht, seinen Eltern zu erzählen, dass Sie ihn verführt haben, wie Sie es mit allen hübschen jungen Männern machen, die in Ihre Obhut gegeben werden? Haben Sie ihn deswegen mit Halluzinogenen vollgepumpt und zu seiner Familie nach Hause geschickt?«

Evelyn atmete inzwischen stoßweise. Der Puls an ihrem Hals flatterte wie die zerbrechlichen Flügel eines Kolibris.

Ich beugte mich vor und fing ihren panischen Blick ein. »Mommy und Daddy Jordan waren überhaupt nicht begeistert, als Ricky einen Nervenzusammenbruch erlitt und sich in seinem eigenen Kleiderschrank aufhängte, Evelyn. Doch bevor er sich das Leben nahm, hat er Ihnen einen Brief geschrieben, um Sie wissen zu lassen, dass er ohne Sie einfach nicht weiterleben könne.«

Normalerweise hätte ich mich mit dieser Erklärung gar nicht aufgehalten. Was für ein Klischee, dass der Auftragsmörder seine Motive zum Besten gab. Unter normalen Umständen hätte ich mich in die Klinik eingeschlichen, Evelyn umgebracht und wäre verschwunden, bevor irgendwer auch nur bemerkt hätte, dass sie tot war. Aber Evelyn Edwards wissen zu lassen, warum sie starb, war Teil des Auftrags. Und brachte mir eine zusätzliche halbe Million Dollar ein.

»Deswegen bin ich hier, Evelyn. Deswegen werden Sie sterben. Weil Sie den falschen Jungen gefickt haben.«

»Wärter!«, schrie Evelyn.

Das war das letzte Wort, das sie je sagen sollte. Ich machte eine schnelle Bewegung aus dem Handgelenk, und die spitze Schraube sauste durch den Raum und bohrte sich in die Luftröhre der Ärztin. Volltreffer. Evelyns Schrei verwandelte sich in ein pfeifendes Keuchen. Sie rutschte von ihrem Plastikstuhl und knallte auf den Boden. Ihre Hand schloss sich um die Schraube, dann zog sie das Metallstück heraus. Blut spritzte auf den Teppich, wo es ein Muster wie aus einem Rorschachtest bildete. Dumm von ihr. Sie hätte vielleicht eine Minute länger gelebt, wenn sie die Schraube hätte stecken lassen.

Der Wärter fluchte und warf sich nach vorne, doch ich war schneller. Ich machte einen Satz und griff nach dem goldenen Kugelschreiber, den Evelyn auf den Boden hatte fallen lassen, stand auf und rammte ihm den Stift ins Herz.

»Und du«, murmelte ich dem zuckenden und mit den Armen wedelnden Mann ins Ohr, »für dich werde ich nicht mal bezahlt. Aber wenn man bedenkt, dass es dich antörnt, Patientinnen zu vergewaltigen, betrachte ich es als Dienst an der Öffentlichkeit. Ich mache es verdammt noch mal für die Allgemeinheit.«

Ich riss den Stift aus seiner Brust, um dann noch zweimal zuzustoßen. Einmal in seinen Bauch, einmal in die Eier. Das lüsterne Licht in den Augen des Wärters verblasste flackernd, bis es schließlich erstarb. Ich ließ ihn los, und er knallte auf den Boden.

In weniger als dreißig Sekunden war es vorbei. Spiel, Satz und Sieg. Zu einfach. Ich war nicht einmal außer Atem.

Meine grauen Augen huschten zu den anderen vier Leuten im Raum. Jackson sabberte immer noch still vor sich hin. Die anderen beiden Männer starrten zu Boden, als wäre irgendetwas nicht in Ordnung, aber sie könnten einfach nicht herausfinden, was es war. Die vierte Person, eine Frau, kniete bereits auf dem Boden. Sie tauchte ihre Finger in Evelyns dunkles Blut, dann leckte sie es ab, als wäre es der süßeste Honig. Vampire. Sie fraßen wirklich alles.

Das verrückte Murmeln des Granitbodens verstärkte sich, angefeuert durch das frische Blut, das durch den groben Teppich sickerte und den Stein benetzte. Das harte, dissonante Geräusch sorgte dafür, dass ich die Zähne zusammenbiss. Ich war froh, wenn ich diesen Ort und seine Geräusche hinter mir lassen konnte. Weit, weit hinter mir.

Ich riss den Stift aus dem Schritt des Wärters und sammelte meine Schraube ein. Zeugen waren übel, besonders in meinem Job, deswegen dachte ich kurz darüber nach, auch Jackson und die anderen zu töten. Aber ihretwegen war ich nicht hier. Und ich schlachtete auch keine Unschuldigen ab, nicht einmal diese jämmerlichen Seelen, für die es wahrscheinlich besser wäre, tot und damit frei von ihren verbeulten sterblichen Hüllen zu sein.

Also steckte ich meine bluttriefenden Waffen ein und machte mich auf den Weg zur Tür. Bevor ich den Flur betrat, warf ich einen kurzen Blick über meine Schulter zurück auf Evelyn Edwards leblosen Körper. Ihre weit geöffneten Augen und ihr Gesicht zeugten von schockierter Überraschung. Ein Ausdruck, den ich über die Jahre schon sehr oft gesehen hatte. Egal wie böse die Leute waren, egal welche Grausamkeiten sie begingen oder wen sie betrogen: Keiner von ihnen konnte je wirklich glauben, dass der Tod sie holen kam, überbracht von einer Auftragsmörderin wie mir.

Bis es zu spät war.

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