»Der König von Köln«


Tilman Röhrig feiert seinen 70. Geburtstag

Tilman Röhrig »Die Könige von Köln«

Termine: Am Donnerstag, 02. April 2015 von Piper Verlag / Tilman Röhrig

Happy Birthday, Tilman Röhrig

Woran erkennt man das Alter? Und wie kommt man dorthin? Tilman Röhrig feiert mit dem PIPER Verlag Geburtstag und sinniert über das Älterwerden.

 

Wir wünschen alles Gute zum 70. Geburtstag! Besonders gefreut haben wir uns auf der kleinen Feier über die wunderbare Geburtstagsrede von Tilman Röhrig. Aus diesem Grund können Sie hier die »Alters-Rede« des Autors von »Die Könige von Köln« nachlesen! Viel Vergnügen.

 

 

»Es ist geschafft. Tatsächlich bin ich heute siebzig geworden. Grund genug einige Gedanken über das Alter zu verlieren. Gehen wir weit zurück.


Als Junge wollte ich stets mehr sein als ich war. Ich erinnere mich ans Kinderheim in Verden an der Aller - einige von euch wissen, dass ich in meinen Jugendjahren in etlichen Heimen verwahrt wurde – Nun denn: das Kinderheim in Verden. Dort verliebte ich mich in ein braunhaariges Mädchen. Ich war so sieben, die Angebetete acht. Sie war also nicht so eine von diesen dummen, jüngeren Puten.
Es war ein heißer Sommertag. Wir wanderten mit der Gruppe zum Baden an die Aller. Auf dem Weg erklärte ich der Schönen, dass ich schwimmen könnte ›mindestens acht Züge‹. Sie staunte und ich versprach sehr lässig: ›Zeige es dir nachher.‹


In der kleinen Badebucht zog die Aller ruhig dahin. Unter den Augen des Mädchens schritt ich ans Ufer, wasserte und vollführte den ersten Schwimmzug, den zweiten - beim dritten dann berührte mein rechter Fuß eine Pflanze. Sofort schlug es Alarm in mir: Schlingpflanzen umwickeln dein Bein, sie zerren dich erbarmungslos in die Tiefe. Alle Märchenschrecknisse überschlugen sich.  In höchster Not hob ich beide Füße aus dem Wasser. Dabei tauchte der Kopf tief ins Nass und ich ertrank.


Gerettet wurde ich vom Betreuer, das Wasser reichte ihm nur bis zum Oberschenkel. Während ich hustete, spuckte, und der Helfer mir immer wieder auf den Rücken klopfte, gelang mir ein Blick zu meiner Freundin. Aus großen Augen schaute sie mir mitleidig und auch bewundernd zu.  Meinem Ego aber war diese Anteilnahme nicht genug. Kaum stand ich wieder fest auf den Beinen, beugte ich mich zu ihr. ›Komm mit hinter die Büsche. - Da zeig ich dir, wie ich rauchen kann.‹ Für diesen Liebesbeweis trug ich stets ein irgendwann gestohlenes Dreierpäckchen mit Zigaretten bei mir.

Mit vierzehn trug ich drei Pullover übereinander, um breitschultriger daher zukommen. Dies nutzte wenig. Die Stärkeren verprügelten mich dennoch.

Ich wollte Schauspieler werden, jemand anderes sein. Dies gelang mir dann auch mit Erfolg. Nach mehr als acht Jahren am Kölner Schauspielhaus, verließ ich das Theater. Mich lockte Höheres, mich lockte die Schriftstellerei. Ein langer neuer Weg begann. Kaum hatte ich die ersten Buchschritte getan, ereignete sich Einschneidendes: Mit noch nicht ganz 29 Jahren nahm mich eine Eva an ihr Herz, stahl mir den Rest meiner Jugend und brachte - wer sie kennt, mag es kaum glauben - sie brachte Ordnung in mein Leben. Noch heute leben wir glücklich getrennt von einander.

Wann wurde mir von außen bewusst gemacht, dass ich älter werde?
Bis Dreißig fragte jeder: Was wird das werden mit dir? Ab Dreißig hieß es nur noch: Was bist du geworden? Ein Indiz.
Deutlicher aber erfuhr ich es an jenem Tag in einer Grundschule. Damals rauchte ich noch Pfeife, auch während der Autofahrt. Ich kam etwas zu spät in die Klasse. Die Pfeife noch zwischen den Zähnen, legte ich meine Büchertasche vorn aufs Pult. Ein Kleiner in der ersten Reihe knuffte seinen Nachbarn in die Seite und meinte wissend: ›Alte Männer rauchen immer Pfeife.‹

Nun, das Rauchen habe ich längst aufgegeben. Jünger bin ich dadurch nicht geworden, vielleicht etwas gesünder und tatsächlich siebzig.

Ach ja, nur noch eins: Jüngst las ich beim Bischof in Essen. Ein schöner Saal. Nach der Lesung signierte ich, wie üblich. Eine ältere Zuhörerin blieb nach der Unterschrift neben dem Tisch stehen, wartete bis die anderen gegangen waren. Dann trat sie noch einmal vor. ›Sagen Sie, Herr Röhrig, waren sie als Junge mal auf Walcheren in Holland?‹
›Ja.‹
›Und dort im Kinderheim?‹
›Ja.‹
Die Dame hob den Busen. ›Dann habe ich von Ihnen meinen ersten Kuss bekommen.‹ Sie errötete leicht und verabschiedete sich lächelnd.
Beim Einpacken meines Buches bemerkte ich eine weitere ältere Dame, die noch in der Stuhlreihe saß. Als die andere gegangen war, kam sie nach vorn. ›Verzeihen Sie die Frage : Waren sie als Kind mal auf Walcheren in Holland?‹
›Ja.‹
›Und dort im Kinderheim?‹
›Ja.‹
Die Dame strich sich eine weiße Strähne aus der Stirn. ›Ich wusste es. Dann habe ich damals von Ihnen meinen ersten Kuss bekommen.‹ Sie lächelte und ging davon.

Tja. Soviel über das Älterwerden.«

Kommentare zu diesem Blog
1. Wunderbare Rede!
Bärbel Gaertner am 11.04.2015

Ich bin ganz begeistert von der Rede Tilman Röhrigs, sie ist sehr originell, nachdenklich machend und gleichzeitig muss man schmunzeln. Ein Geschenk für den Leser .... Herzlichen Glückwunsch zum runden Geburtstag und danke für die vielen wunderbaren Romane.

2. Schriftsteller durch und durch.....
Ute am 13.04.2015

Einfach herrlich..die Rede... Was man vom Schriftsteller erwartet wenn er Tilman heißt....viele ,viele schöne Jahre wünsche ich aus Blue Hill, Maine, USA.....

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