»Ein funkelndes Stück Literatur«


Ein Lektoratstipp

 

Von Thomas Tebbe, Programmleitung Internationale Literatur über Sten Nadolnys »Das Glück des Zauberers«


Seit vielen Jahren habe ich das außerordentliche Glück, die Bücher unseres Autors Sten Nadolny zu betreuen. Als 1983 seine »Entdeckung der Langsamkeit« erschien, konnte ich, damals noch als Buchhändler, den Erfolg dieses großartigen Romans über den Polarforscher John Franklin verfolgen. Es handelt sich um einen historischen Roman, doch seine bis heute anhaltende, weltweite Popularität ergibt sich aus dem zeitlosen Bemühen des Autors, den Menschen und ihrer Zeit auf die Schliche zu kommen. Er tut dies seit seinem bestechend präzis beobachteten – und übrigens hinreißend komischen – Erstling »Netzkarte«, in dem ein junger Mann auf Reisen durch die geteilte Bundesrepublik die erstaunlichsten Abenteuer erlebt. Immer erzählt Sten Nadolny dabei aus einer mit großem Bedacht gewählten, überraschenden Perspektive.

So stattet er seine Figuren wie in der »Entdeckung der Langsamkeit« mit besonderen Eigenschaften aus, oder er versetzt sie gleich in eine andere Zeit. Im »Gott der Frechheit« muss sich beispielsweise der Götterbote Hermes in der Gegenwart zurechtfinden, den Held aus »Weitlings Sommerfrische« verschlägt ein phantastischer Bootsunfall zurück in die eigene Jugend. Das Resultat solch unfreiwilliger Orts- oder Zeitwechsel sind für den Leser inspirierende und für die Figuren oft verblüffende neue Einsichten in die eigene Biografie oder das Wesen des Menschen.

Auch in seinem jüngsten Roman »Das Glück des Zauberers« bedient sich Sten Nadolny zweier Kunstgriffe, um seinem literarischen Anliegen Ausdruck zu verleihen. Er stellt nicht nur einen 106-jährigen, indianischen Helden Pahroc in den Mittelpunkt seiner Geschichte, sondern er verleiht ihm überdies die Fähigkeit zu zaubern. Und dabei ist mit Zaubern durchaus keine Taschenspielerei gemeint, Pahroc kann durch Wände gehen, er kann fliegen und Dinge herbeizaubern, wenn er es für nötig hält. Seine Geschichte, die 1904 beginnt und in unseren Tagen endet, ist zugleich die Geschichte des 20. Jahrhunderts – betrachtet durch die Augen eines außergewöhnlichen Mannes, dessen Kunst es ihm ermöglicht, den Ereignissen seiner Zeit mit ungewöhnlichen Mitteln zu begegnen. Wichtiger aber vielleicht ist, dass Pahroc noch etwas mit anderen Helden aus dem Nadolny’schen Werk teilt: seinen Humor, seinen Eigensinn und seine große Menschlichkeit. Diese wunderbaren Eigenschaften machen »Das Glück des Zauberers« zu einem funkelnden Stück Literatur, das einen kurzweiligen, erfrischend anderen Blick auf unsere jüngste Geschichte wirft.


Sten Nadolny, geboren 1942 in Zehdenick an der Havel, lebt in Berlin und am Chiemsee. Für sein Werk wurde er unter anderen mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis 1980, dem Hans-Fallada-Preis 1985, dem Premio Vallombrosa 1986, dem Ernst-Hoferichter-Preis 1995 und dem Weilheimer Literaturpreis 2010 ausgezeichnet. Nach seinem literarischen Debüt »Netzkarte« erschien 1983 der Roman »Die Entdeckung der Langsamkeit«, der in alle Weltsprachen übersetzt wurde, und inzwischen zum modernen Klassiker der deutschsprachigen Literatur geworden ist. Danach veröffentlichte Sten Nadolny die Romane »Selim oder Die Gabe der Rede«, »Ein Gott der Frechheit«, »Er oder ich«, den »Ullsteinroman« und zuletzt der gemeinsam mit Jens Sparschuh verfasste Gesprächsband »Putz- und Flickstunde«. Für seinen Familienroman »Weitlings Sommerfrische« bekam er 2012 den Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag.

© Peter Peitsch / peitschphoto.com

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