Buchblog: Am Dienstag, 19. März 2013

Rollentausch - Andrea Sawatzki über ihre Arbeit als Autorin

Dem „Tatort“ hat sie den Rücken gekehrt, doch nicht dem Verbrechen. Die Schauspielerin Andrea Sawatzki hat einen Kriminalroman geschrieben, in dem Polizisten nur Statisten und Gut und Böse schwer voneinander zu unterscheiden sind.


Warum hat eine Schauspielerin auf einmal das Bedürfnis zu schreiben?

AS: Bei mir war das eigentlich schon immer da. Bereits als Kind habe ich gern und viel geschrieben. Vielleicht kann man es so sehen, dass die Schauspielerei eine Vorstufe zum Schreibenwar. Auch als Schauspielerin muss mansich sehr intensiv mit Charakteren auseinandersetzen und Biografien für eine Figur erschaffen.

Als „Tatort“-Kommissarin Charlotte Sänger haben Sie eine Figur gespielt, die sich in Opfer und Täter besonders gut hineinversetzen konnte. Beherrscht die Autorin Sawatzki das auch?

AS: Man kann da durchaus Parallelen sehen. Durch die Arbeit an meinen Rollen habe ich ein Verständnis für die Menschen entwickelt. Als Autorin macht es mir großen Spaß, nicht nur in einer Figur zu sein und eine Figur zu ergründen, sondern die Fäden aller Figuren in der Hand zu halten und zu bestimmen, was als nächstes passiert. Die Bilder, die ich dabei vor mir habe, sind durchaus sehr filmisch.

Warum haben Sie den Krimials Genre gewählt?

AS: Das war wirklich nicht so vorgesehen. Ich habe nach einem Genre gesucht, das die Menschen interessiert, das sie spannend finden, auch wenn ich mich inhaltlich einem schwierigen Thema widme.

In Ihrem Buch geht es um die verstörte junge Frau Manuela Scriba, die traumatische Erlebnisse ihrer Kindheit verdrängt hat und nun im Verdacht steht, einen alten Mann getötet zu haben. Hätten Sie sich auch vorstellen können, einen lustigen Berliner Regionalkrimi zu schreiben?

AS: Nein, das hätte mich nicht so interessiert.

Wie würden Sie Ihre Protagonistin beschreiben?

AS: Manuela Scriba ist eine sehr weiche Frau und sehr verletzlich. Sie hat gelernt, diese Verletzlichkeit nicht nach außen zu tragen. Sie glaubt, nur überleben zu können, wenn sie ihren Mitmenschen etwas vorspielt. Sie ist eine absolute Einzelgängerin, die zugleich große Angst vor der Einsamkeit hat.

Auf eine klassische Ermittlerfigur haben Sie verzichtet und richten den Blick stattdessen aufdie Vergangenheit der Verdächtigen.Warum?

AS: Es war mir sehr wichtig, die Entwicklung meiner Hauptfigur sehr behutsam zu vermitteln. Ich wollte die Opfer und Täterrollen nicht klar verteilen. Um diese Balance halten zu können, habe ich mich dazu entschlossen, die harsche Ermittlungsarbeit außen vor zu lassen. Ich wollte der Geschichte eine ruhige Grundstimmung geben. Deshalb ist es in meinem Buch auch kein Kommissar, sondern eine Psychiaterin, die dem Verbrechen auf den Grund geht.

Sie haben einmal gesagt, die bösen Rollen interessierten Sie mehr als die guten. Ist das beim Schreiben auch so?

AS: Es ist auf jeden Fall so, dass ich ergründen möchte, warum ein Mensch böse wird. Es ist immer ein tiefes Sich hinein versetzen in eine Figur. Kaum jemand ist von Natur aus böse. Ein Verbrechen kann auch ein Hilfeschrei sein.

Das Verbrechen also als eine Therapie?

AS: So weit würde ich nicht gehen. Eine Straftat ist nie heilsam. Aber durch ein Verbrechen werden manchmal jene Menschen auffällig, die sonst niemandem auffallen würden.

Die Sprache, die Sie verwenden, ist stellenweise recht derb. Eine bewusste Provokation?

AS: Manuela Scriba will kein Opfer sein und kämpft deswegen permanent gegen die Welt an. In ihrem Fall ist die Sprache auch eine Hilfe zur Abwehr. Ich beobachte das oft bei Menschen, die schüchtern sind und verletzlich wirken. Sobald sie in die Enge getrieben werden, kommt bei ihnen eine Sprachgewalt und eine Sprachauswahl zu Tage, die einen überrascht und vor den Kopf stößt. Deswegen war es für mich ein sehr reizvolles Element, dass Manuela Scribaso redet.

Spürt man bei seinem Debütroman eigentlich auch so etwas wie Lampenfieber?

AS: Lampenfieber würde ich das nicht nennen. An dem Buch kann ich nichts mehr verändern. Der Roman ist geschrieben, und ich liebe ihn sehr. Es wird einerseits Menschen geben, die ihn mögen, und andererseits welche, denen das vielleicht zu hart ist, was ich geschrieben habe. Aber damit muss man leben, wenn man an die Öffentlichkeit geht.

Werden Sie weiter schreiben?

AS: Ja. Ob mein nächstes Buch aber wieder ein Krimi sein wird, steht noch nicht fest.

Lesen Sie selbst Krimis?

AS: Manchmal schon. Ich mag Nicci French sehr gern. Sonst lese ich aber eher Schicksalsberichte. Was mich interessiert, ist die kriminelle Energie, die Menschen haben. Ich bevorzuge Geschichten, bei denen deutlich wird, warum ein Täter etwas gemacht hat. Was ich nicht mag, ist dieses Schwarz-Weiß-Denken: Das ist der Täter, das das Opfer, dann kommt der Kommissar und schnappt sich den Täter. Das finde ich zu wenig. Das geht mir zu schnell.

Dass Sie zum „Tatort“ zurückkehren würden, war ja nur ein Gerücht. Könnten Sie sich prinzipiell ein Comeback als TVKommissarin vorstellen?

AS: Ich finde, es muss nicht unbedingt noch ein neuer Kommissar ins Fernsehen. Es gibt da gerade schon sehr viele.

Und wie wäre es mit einer Rolle als Polizei-Psychologin?

AS: Das wäre durchaus reizvoll, ja.

Das Interview ist ursprünglich im Revolverblatt erschienen

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