Eine hintersinnige Kurzgeschichte


von Radek Knapp

Titus, der Krankenpfleger

 

Im Kellergang des Altersheimes »Weiße Tulpe« standen zwei Särge und versperrten dem Krankenpfleger Titus den Weg zur Garderobe. Titus blieb stehen und sah sich diskret um. Dann nahm er einen kleinen Anlauf, sprang mit einem Satz auf die andere Seite und landete genau vor dem Kästchen, in dem seine Krankenpflegeruniform hing. Im selben Moment hörte er hinter seinem Rücken eine Stimme, die nichts Gutes bedeutete: »Ich habe alles gesehen! Das ist schon das dritte Mal in diesem Monat!«
Er drehte sich um und erblickte die Oberschwester, die auf ihrem Bürosessel in den Gang gerollt war und wie eine Straßenwalze auf ihn zusteuerte: »Wollen Sie mich mit dieser Hüpferei ins Grab bringen? Ich frage mich, wo ist der Krankenpfleger geblieben, nach dem man die Uhr hat stellen können? Wissen Sie es vielleicht?«
Das war eine gute Frage, die sich Titus auch selber oft stellte. Zum Glück musste er nicht antworten, denn die Oberschwester tat es:
»Der ist jetzt wohl ein Sportler geworden, wie? Der hüpft jetzt in der Früh über Särge und ist inzwischen so disziplinlos, dass er sich gestern von Schwester Sylvia eine Ohrfeige hat geben lassen müssen.«
Das war typisch für ein Altersheim. Die Menschen bewegten sich hier wie Schnecken. Viele so gut wie gar nicht mehr. Wenn sie mit ihren Augenlidern zwinkern konnten, war das schon gut. Nachrichten hingegen verbreiteten sich blitzschnell. Die Ohrfeige, die er von Schwester Sylvia kassiert hatte, hatte allerdings nichts mit Disziplinlosigkeit zu tun gehabt. Dennoch senkte Titus den Kopf als Zeichen seiner Zerknirschung. Er wollte sich endlich umziehen und auf seine Station gehen. Außerdem bemerkte er inzwischen, dass aus einem Sarg ein Stück Stoff heraussah. Es war der Ärmel eines Nachthemds, auf den die Initialien H.R. gestickt worden waren. Das H. stand für Hermine. Das R. für Rafla. Und wo Frau Raflas Nachthemd war, war sie selbst nicht weit.
»Wenn Sie mir noch mal so ein Leichtathletikprogramm hinlegen, werden Sie bei mir Windeln sortieren«, rief die Oberschwester. »Und zwar so lange, bis Sie nachts träumen, dass Sie selber Windeln tragen. Ist das jetzt zu Ihnen durchgedrungen?«
Die Oberschwester hob ihren schwarzen Fettstift in die Höhe wie einen Zauberstab. Sie schwenkte ihn über Titus, als wollte sie ihn in einen Blutegel verwandeln oder noch viel lieber in eine Einwegspritze, weil die in Altersheimen immer sehr knapp sind. Dann rollte sie auf ihrem Sessel zurück in ihr Büro. Zwei Sekunden später hörte man wieder die Tasten ihres Computers.
Titus stieß einen theatralischen Seufzer aus, öffnete seine Garderobe und zog seine Uniform heraus. Sie war längst nicht mehr so weiß wie am ersten Tag. Inzwischen hatte sie viele Flecken, die er längst hätte auswaschen sollen. Aber jeder Fleck war eine Erinnerung, und er mochte Erinnerungen. Der grüne auf dem Unterarm erinnerte ihn zum Beispiel an die erste Mittagsfütterung von Herr Mrkwicka. Und der rote an seinen alten Kumpel Knut. Knut hatte als Zivildiener in der »Weißen Tulpe« eine ruhige Kugel schieben wollen statt Panzer zu fahren. Er war zwei Meter groß und machte Bodybuilding. Als er aber das Zimmer fünf betrat, mussten Titus und zwei Schwestern ihn gleich wieder herausführen. Obwohl Knuts Magen in einer viel besseren Verfassung war als die Mägen der Patienten, hatte er sich wegen des Geruchs auf Zimmer fünf direkt übergeben müssen. Eine Woche später schickte er Titus ein Foto, auf dem er quietschvergnügt und mit einem Magen, der wieder gut arbeitete, einen Panzer putzte.


Titus zog sich die Uniform an und ging aus der Garderobe. Er umrundete die beiden Särge in gebührendem Abstand und ging zur Treppe, die zu seiner Station führte. Auf dem Treppengang hingen viele Bilder, die aussahen, als wären sie von Kindern gemalt worden. Kinder malen allerdings vorwiegend Blumen oder ihre Eltern, die wie Strichmännchen aussehen oder keinen Hals haben, wofür die Kinder von Kinderpsychologen oft für schwachsinnig erklärt werden. Auf diesen Bildern sah man aber weder Blumen noch Eltern. Auf dem Bild, das mit H.R. unterschrieben war, sah man ein Pferd, das so kurze Beine wie bei einem Hamster hatte. Neben dem Pferd stand ein Mensch, der es fütterte. Der Mensch hielt einen Teller, der so groß war wie der Tisch im Tagesraum. Kein Mensch könnte jemals so einen großen Tisch heben. Aber der Mensch auf dem Bild hielt dem Pferd den Tisch ohne Probleme hin und lächelte sogar dabei. Auf dem Teller lagen Schnitzel, Kartoffeln und der Ribiselkuchen, den es immer am Freitag gab. Zum Ausklang der schweren Woche sozusagen. Dieses Bild hatte Frau Rafla vor vier Monaten gemalt, weil sie immer eine Extraportion Ribiselkuchen von Titus bekam. Als Titus sie fragte, warum sie sich nicht als Patientin, sondern als Pferd, noch dazu eins mit den Beinen eines Hamsters, gezeichnet hatte, antwortete sie: »Das ist ein Geheimnis. Aber morgen erzähl ich’s dir.« Doch der Morgen verschob sich immer auf den nächsten Tag, und jetzt lag das Geheimnis des Pferdes mit den kurzen Beinen im gelben Sarg, über den Titus gesprungen war, weil er sich nicht verspäten wollte.

~


In dem Zimmer, um das Titus sich zu kümmern hatte, lagen drei Patienten. Eigentlich waren es bis gestern noch mit Frau Rafla vier gewesen. Aber die zählte jetzt nicht mehr, weil sie unten vor Titus’ Garderobe lag. Außerdem gab es noch die »Neue«, die so genannt wurde, weil sie Alzheimer hatte und morgens jeden mit einem: »Servus. Wie ist dein Name?« grüßte. Dann gab es noch den Herrn Mrkwicka, der einst ein Hitlerjunge gewesen war und dem Schwester Kristina aus Warschau immer ein Hakenkreuz auf die Serviette malen musste, damit Herr Mrkwicka sein Mittagessen schneller aufaß. Der dritte war Herr Schlangenbaum, der »Hoho« rief, wenn das Frühstück serviert wurde. Er war früher Operettensänger gewesen, und sein »Hoho« klang kultiviert und frivol, genauso wie in der »Fledermaus«.
An diesem Morgen kam Titus ganz leise ins Zimmer, um die Patienten beim Aufwachen zu beobachten. Er holte einen Hocker unter dem Bett hervor, wo früher der fünfte Patient, Herr Detlef, gelegen hatte und setzte sich ans Fenster. Wenn ein Patient neunzig ist, ist das Aufwachen besonders sehenswert. Das liegt daran, dass die biologische Uhr eines Patienten auch neunzig ist. Aus diesem Grund kann ein neunzigjähriger Patient nicht morgens aus dem Bett springen und gleich unter die Dusche laufen wie ein dreißigjähriger. Im Gegenteil. Wenn ein neunzigjähriger Patient aufwacht, merkt es außer ihm niemand. Zuerst taucht vor den Augen eines neunzigjährigen Patienten sehr verschwommen die Decke auf. Dann kommen langsam die Wände nach. Anschließend tastet der Patient mit der Zunge den Gaumen ab, um die Stelle zu fühlen, wo früher mal seine Zähne gewesen waren. Am liebsten würde er mit der Zunge aber nicht nur seinen Gaumen, sondern gleich das ganze Zimmer abtasten, weil er sich selber nicht sicher ist, ob er schon das Bewusstsein erlangt hat oder nur in einen anderen Traum gefallen ist.
Irgendwann aber verwandelt sich der weiße Fleck über ihm in das bekannte Gesicht eines Krankenpflegers, und der Patient lächelt voller Dankbarkeit. Aus dieser Dankbarkeit heraus hatte sich Frau Rafla zum Beispiel immer von selbst aufgerichtet und Titus die Hand gedrückt. Und wenn sie besonders schnell aufgewacht war, so schnell, dass sie sich noch erinnern konnte, was sie geträumt hatte, erzählte sie Titus, was sie gerade in ihrer Bewusstlosigkeit gesehen hatte. Frau Rafla hatte seit zwanzig Jahren denselben Traum geträumt. Und zwar, wie sie als achtjähriges Mädchen auf der Kärntnerstraße dem Kaiser Franz Joseph Nelken zugeworfen hatte. Eigentlich war es kein Traum gewesen, sondern eine echte Erinnerung, die sie im Schlaf überkam. In ihrem Traum ließ Kaiser Franz Joseph allerdings die Kutsche anhalten, verbeugte sich vor Frau Rafla und fragte: »Nehmen wir eine Abkürzung über den Prater?«
Während die Patientinnen meistens von Blumen und Kutschen mit Kaisern träumten, träumten die Männer von großen historischen Ereignissen. Herr Mrkwicka träumte davon, wie er mit zum Deutschen Gruß erhobener Hand vor der Oper dem Führer zuwinkte. Auch ihm winkte im Traum der Führer zurück und gab Herrn Mrkwicka noch nach fünfzig Jahren das Gefühl, ein gesunder junger Mann zu sein, der für Großes bestimmt war. Manchmal ging aber nicht alles so glatt. Gelegentlich gab es Patienten, bei denen man sich in das Aufwachen regelrecht einmischen musste.
Als Titus vor zwei Wochen Herrn Detlef beim Aufwachen geholfen hatte, hatte er dabei festgestellt, dass Herr Detlef ihn zwar bereits freundlich anschaute, dafür aber nicht atmete. Nicht atmen heißt in einem Altersheim aber noch lange nichts. Das ist mehr oder minder an der Tagesordnung. Immer wieder gab es Patienten, die weder atmeten noch einen Puls hatten und trotzdem eine Stunde später schon ihre Jause mampften.
Titus hatte sich also an Herr Detlefs Bett gesetzt und damit begonnen ihm die Wangen zu tätscheln. Je länger Titus die Wangen tätschelte, desto röter wurden sie, was hieß, dass Herr Detlef schon wieder auf dem besten Wege war aufzuwachen. Aber als Herr Detlef sich bereits innerlich sammelte und drauf und dran war seinen ersten Morgenatemzug zu tun, ging plötzlich das Licht im Zimmer aus. Herr Detlef erschrak über die plötzliche Finsternis so sehr, dass er, als das Licht wieder anging weder atmete noch einen Puls hatte und sich auch noch zur Wand gedreht hatte. Beleidigt hatte er sich einen Punkt an der Wand ausgesucht, den er nun anstarrte. Und das war schon bedenklich. Denn wenn sich ein Patient diesen einen Punkt aussuchte, dann war es höchste Eisenbahn. Trotzdem tätschelte Titus ihm weiter die Wangen. Erstens, weil noch alles offen war, solange die Wangen getätschelt wurden. Der Ball war noch im Spiel, sozusagen. Und zweitens galt Herr Detlef für die anderen Patienten noch als quietschlebendig. Wenn die anderen Patienten etwas nicht mochten, dann wenn neben ihnen ein Toter lag. Obendrein einer, der am Tag zuvor so wie sie selber noch eine ganze Jause verputzt und es aus eigener Kraft in den Tagesraum geschafft hatte. Während Titus also weiterhin Herrn Detlefs Wangen tätschelte, die jedoch immer blasser wurden, drückte er diskret drei Mal den gelben Knopf über Herrn Detlefs Bett. Der Knopf führte zu Dr. Ring, der das Dreimal-Klingeln-System höchstpersönlich eingeführt hatte. Einmal klingeln hieß, der Patient hatte sich verschluckt. Zweimal das Herz. Dreimal – aus und vorbei.
Als Dr. Ring fünf Minuten darauf mit seinem Stethoskop ins Zimmer kam, begrüßte er zuerst die anderen Patienten und setzte sich dann mehr oder minder zufällig an Herrn Detlefs Bett. Da es nichts mehr zu tätscheln gab, verwickelte Dr. Ring Herrn Detlef in ein Gespräch. Während er ihn demonstrativ mit dem Stethoskop untersuchte, erkundigte er sich danach, was Herr Detlef heute so geträumt hatte und warum er gestern den ausgezeichneten Heidelbeere Joghurt stehengelassen hatte. Dann neigte er sich zu Herrn Detlef, um den anderen Patienten zu zeigen, dass Herr Detlef ihm die Antworten zuflüsterte. Unterdessen gab er Titus diskret das Zeichen die Räderblockade an Herrn Detlefs Bett zu lösen. Titus tat so, als würde er auf dem Fußboden etwas suchen und löste die Blockaden. Daraufhin sagte Dr. Ring ganz laut, damit alle im Zimmer es hören konnten: »Wenn ich schon da bin, machen wir gleich mal eine Routineuntersuchung. Ein kleiner TÜV hat noch niemandem geschadet, Herr Detlef. Titus wird Ihnen das Händchen halten.«
Er wartete einen Moment ab, um zu zeigen, dass Herr Detlef ihm wieder eine Antwort zuflüsterte, und schüttelte entrüstet den Kopf:
»Na, das würde Ihnen so passen«, rügte er den toten Herrn Detlef. »Schwester Sylvia haben wir für solche Lappalien nicht parat. Nur wenn wir gastroskopieren nehmen wir die Sylvia, weil sie so beruhigend auf die Patienten wirkt. Aber heute werden wir nicht gastroskopieren. Worüber Sie auch wirklich froh sein sollten. Denn eine Gastroskopie ist ja kein Pappenstiel.«
Dr. Ring stand auf und gemeinsam mit Titus schob er das Bett Richtung Tür. Währenddessen richtete sich Dr. Ring an die übrigen Patienten: »Morgen gibt es wieder ein Wetterhoch, meine Herrschaften, was gut für den Blutdruck ist. Dann heißt es, langsam ein- und ausatmen«. Aber die Patienten hörten nicht auf die Worte von Dr. Ring, die normalerweise für sie wie ein Evangelium waren. Stattdessen versuchten sie angestrengt Herrn Detlef in Augenschein zu nehmen. Sogar die »Neue« legte ihre Rassel auf ihre Decke und lehnte sich weit aus dem Bett. Aber Titus und Dr. Ring manövrierten das Bett mit Herrn Detlef darin so geschickt aus dem Zimmer, dass kein einziger Patient auch nur einen Blick auf ihn erhaschen konnte. Erst als sie draußen waren, blieb Dr. Ring kurz stehen und sagte: »Langsam werde ich zu alt für diesen Fasching.« Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und ließ Titus das Bett bis zum Lift allein schieben.
Während Titus nun in Zimmer fünf saß, den Patienten beim Aufwachen zuschaute und sich Erinnerungen ins Gedächtnis rief, dachte er auch an Frau Rafla, die nicht mehr aufwachen würde. Es ärgerte ihn, dass Frau Rafla in der Nacht gestorben und damit in den Nachtdienst gefallen war. Denn der Nachtdienst hat in keinem Altersheim einen guten Ruf. Auch in der »Weißen Tulpe« gab es zwischen dem Nachtdienst und dem Tagesdienst eine strikte Trennung, um nicht zu sagen Kampf. Das Nachtpersonal verachtete das Tagespersonal, weil das Tagespersonal ihnen verweichlicht vorkam und weil es heimlich Obstschnaps im Medikamentenschrank versteckte.
Das Tagespersonal wiederum konnte den Nachtdienst nicht ausstehen, weil der Nachtdienst zu viel herum philosophierte und noch mehr schlief. Eigentlich kam der Nachtdienst ausschließlich in die Arbeit, um sich auszuschlafen und sich dann fröhlich in der Früh aus dem Staub zu machen. Alles, was in der Nacht erledigt gehörte, fiel somit dem Tagesdienst zu. Deshalb hatte sich der Nachtdienst auch Frau Rafla unter den Nagel gerissen. Nicht, weil er so fleißig war, sondern weil er dem Tagesdienst eins auswischen wollte. Das Einzige, was der Nachtdienst nämlich wirklich gut beherrschte war, dem Tagesdienst Arbeit zu hinterlassen und Streiche auszuhecken. So waren nicht nur die beiden Särge in der Früh vor Titus’ Garderobe das Werk des Nachtdienstes, der Nachtdienst war sogar imstande, tote Patienten zum Scherz zu verstecken. Der tote Patient fiel dann dem Tagesdienst irgendwo in die Arme. Daher war der Tagesdienst immer ein wenig im Stress, wenn er einen Schrank oder eine Garderobetür öffnete. Das Problem war, dass man den Nachtdienst jedoch nicht dingfest machen konnte. Wenn man einen Nachtdienstler zur Rede stellte, erfolgte immer dieselbe, abgedroschene Antwort: »Ich hab nichts gesehen.« Nacht war eben Nacht, und dagegen konnte niemand etwas ausrichten.
Titus’ Chef, der Krankenpfleger Rudi, war ein ehemaliger Nachtdienstler, dem man es sogar ein halbes Jahr später noch ansehen konnte, dass er ursprünglich vom Nachtdienst kam. Seine Nachtdienstnatur erkannte man daran, dass er absichtlich die Tür aufriss und »Titus« brüllte. Er machte das, um die Patienten zu erschrecken. Aber an jenem Morgen hatte er Pech. Einen Patienten, der noch schlief, konnte man nicht erschrecken, man konnte ihn höchstens aufwecken.

~


Dr. Ring war kein gewöhnlicher Arzt. Er war nicht nur der einzige Doktor in der »Weißen Tulpe«, er hatte auch längst das Alter überschritten, in dem man diesen Beruf noch ausüben durfte. Jeden Winter verbreitete sich die Nachricht, dass Dr. Ring bald in Pension gehen, und dass man Anfang nächsten Jahres einen jungen Arzt anstellen würde. Aber jedes Jahr gingen der Januar und der Februar vorbei, und Dr. Ring war immer noch im Dienst. Man sagte, dass die Direktion es nicht übers Herz brachte den alten Doktor zu entlassen. Offenbar wartete man darauf, dass Dr. Ring eines Tages von selbst abtreten würde. Doch in Wahrheit fand sich einfach niemand, der seine Arbeit übernehmen wollte. Kein junger Arzt hatte Lust in der »Weißen Tulpe« zu arbeiten, wo es keine Kranken gab, sondern nur Leute, die sich für gesund hielten und dann trotzdem so schnell das Zeitliche segneten wie nirgendwo sonst.
Darum stand Dr. Ring bereits in seinem zweiundvierzigsten Dienstjahr und versuchte so gut es ging zu verbergen, dass er von Jahr zu Jahr vergesslicher wurde. Nichts fürchtete er so sehr wie die Vorstellung, eines Tages die Weiße Tulpe nicht als Arzt, sondern als Patient zu betreten.
Wenn die gelbe Glocke in seinem Kabinett läutete, ging Dr. Ring zu seinem Medikamentenschrank und öffnete ein Geheimfach. Er holte dort eine Schnapsflasche und ein Gläschen heraus. Wenn die Schwester einmal läutete, kippte Dr. Ring ein Gläschen, wenn sie zweimal läutete zwei, und bei drei Klingellauten, dem Zeichen dafür, dass für irgendeinen Patienten alles vorbei war, drei. Als an einem Tag einmal vier Patienten starben, brachte er es auf neun Gläschen und hätte beinahe selbst einen Herzanfall bekommen. Obwohl seine Trunksucht allgemein bekannt war, hütete Dr. Ring sein Geheimnis so sehr, dass er im Dienst ausschließlich flüsterte, um sich nicht durch seinen Atem zu verraten.
So kam es, dass Dr. Ring immer einen sitzen hatte, wenn er am Bett eines Toten erschien. Um sich vom Tod eines Patienten zu überzeugen, hob er sanft dessen Kopf an und blickte ihm eine Weile ins Gesicht, so, wie man einer Geliebten ins Gesicht sieht. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass er den Patienten schon mal gesehen hatte, legte er den Kopf vorsichtig ins Kissen zurück, vorsichtiger, als wenn der Patient noch am Leben wäre, und kam ins Reden:
»Sehen Sie, was Sie nun angestellt haben?«, rief er, denn jetzt musste er nicht mehr flüstern. »Wollten Sie mit mir nicht nächste Woche einen Ausflug in den Prater machen? Wir wären zuerst ein bisschen spazieren gegangen und hätten uns dann im Weingarten einen genehmigt. Wussten Sie, dass man in unserem Alter sogar Karussell fahren kann, wenn man ein Glas getrunken hat? Am Ende hätten wir uns sogar vielleicht in eine Geisterbahn getraut.«
Dr. Ring hob den linken Arm des Patienten hoch und schüttelte den Kopf:
»Immerhin haben Sie nicht viel leiden müssen ... Ein Schlaganfall sieht bestimmt nicht appetitlich aus, aber wenn er schon kommen soll, dann am besten im Mai, wo die Krankenschwestern nicht so viel an den Tod denken.«
Dr. Ring tastete nach dem nichtvorhandenen Puls des Patienten und klärte ihn auf:
»Die Direktion will alles schriftlich haben. Ich möchte keine Schwierigkeiten bekommen und Ihnen ist das jetzt sowieso egal.«
Damit ließ Dr. Ring den Arm des Patienten wieder los, zückte einen Kugelschreiber und begann ein Formular auszufüllen, das er immer mit sich trug. Ab und zu warf er dem toten Patienten einen Blick zu, um ihm zu zeigen, wie sehr er sich für die Direktion genierte.

Während Dr. Ring das Formular ausfüllte, erschienen die Schwestern im Saal und lenkten mit gemeinsamen Kräften die anderen Patienten ab. Sie gingen von einem Bett zum anderen und teilten Süßigkeiten aus. Sogar bei denen, die eine Diät hielten, wurde eine Ausnahme gemacht. Hier und da setzte sich eine Schwester unaufgefordert auf den Bettrand und schob mit bloßer Hand ein Bonbon in den offenen Mund des Patienten. Während der angenehm überraschte Patient sich die Süßigkeit auf der Zunge zergehen ließ, streichelte ihm die Schwester die Stirn, lächelte und sah ihm direkt in die Augen wie eine Stewardess auf internationalen Fluglinien.
Die Patienten freuten sich, dass man sich so übertrieben mit ihnen beschäftigte und erkundigten sich, ob heute ein Feiertag war oder ob jemand vom Personal Geburtstag hätte?
Die Schwestern nickten nur und schoben ein weiteres Bonbon nach. Sie kümmerten sich so lange um die Patienten, bis sie von Müdigkeit übermannt einnickten und man dann ungestört den Toten aus dem Zimmer fahren konnte.
Aber immer fand sich einer, der sich nicht beirren ließ. Einer, der erriet, dass die Schwestern diese Komödie nur spielten, weil jemand gestorben war und der dann unwillkürlich zu dem Bett blickte, an dem Dr. Ring gerade stand.
Wenn dieser Patient dahinterkam, wer der Tote war, kam er aus dem Staunen nicht heraus, dass es ausgerechnet einen erwischt hatte, der immer gesünder gewesen war als er selbst, der die Namen der gesamten Fußballnationalmannschaft auswendig gekannt und überhaupt den Eindruck gemacht hatte, als würde er das ganze Zimmer überleben.
Wenn der Patient das sah, fragte er sich, wie lange es noch bei ihm dauern würde? Wann würde Dr. Ring, der noch nie ein Wort mit ihm gewechselt hatte, sich über ihn beugen und einen Ausflug in den Prater vorschlagen? Wann würde man ihn mit einem Laken zudecken und in einem Bett, an dem diskret kleine Räder angebracht waren, aus dem Zimmer fahren?
Wie um die Antwort darauf zu finden wanderte seine Hand zu seinem Gesicht und befühlte die Wangen, die Stirn und die Nase. Vor allem die Nase, die vor dem Tod ein kleines Stück wächst, untersuchte der Patient fieberhaft. Als er nichts Außergewöhnliches feststellen konnte, atmete er auf. Dann rief er eine Schwester und ließ sich ein Bonbon geben, nach dem man überraschend schnell einschlief.

~


In seinen vierzig Dienstjahren in der »Weißen Tulpe« hatte Dr. Ring nur eine einzige Patientin irrtümlich für tot erklärt. Eigentlich war Frau Turtelbaum auch selbst etwas schuld daran gewesen.
Jedes Jahr im Frühling klagte sie über einen bevorstehenden Herzinfarkt, der sie das Leben kosten würde. Jedes Mal erschien daraufhin der Pfarrer, um ihr die letzte Ölung zu geben. Sobald Frau Turtelbaum die letzte Ölung dann bekam, geschah ein Wunder. Die Schmerzen verschwanden und bereits Ende Mai sah man sie wieder im Park die Alleen abschreiten und nach etwas suchen. Nur ein einziges Mal, als der Pfarrer wegen einer schweren Grippe nicht erschienen war, schien alles auf eine Tragödie zuzusteuern. Die Schmerzen in Frau Turtelbaums Brust waren von Tag zu Tag stärker geworden, und schließlich läutete eines Nachts die Glocke in Dr. Rings Kabinett.
Denn Frau Turtelbaum hatte die Hoffnung aufgegeben, ihre letzte Ölung zu bekommen. Sie hatte sich zur Wand gedreht und einfach aufgehört zu atmen. Dr. Ring war daraufhin an ihrem Bett erschienen und hatte ein Formular ausgefüllt, das den Tod Frau Turtelbaums bescheinigte. Daraufhin war die achtzigjährige Patientin in den Kühlraum gebracht worden.
Aber offenbar war der Kühlraum mit den anderen Toten gar nicht nach dem Geschmack von Frau Turtelbaum gewesen. Denn schon zwei Stunden später war sie wieder zum Leben erwacht. Sie stemmte sich in ihrem Sarg hoch und blickte sich um. Als sie aber nichts außer tiefster Finsternis sah, kam sie zu dem Schluss, dass sie im Fegefeuer gelandet war.
Vorsichtig stieg sie aus ihrem Sarg und hielt Ausschau nach dem Erzengel Gabriel, der in diesen Fällen erscheinen musste. Frau Turtelbaum zweifelte nämlich nie daran, dass sie nach ihrem Tod in den Himmel kommen würde.
Als aber nach einer Stunde noch immer nichts geschehen war, begann Frau Turtelbaum in der Nase zu bohren. Außerdem war sie enttäuscht, dass man sogar noch nach dem Tod eine Gänsehaut bekommen konnte.
Doch dann wurden ihre Gebete erhört. Plötzlich öffnete sich eine Tür in der Wand, und eine in weißes Licht gehüllte Gestalt trat herein.
Frau Turtelbaum nahm sofort den Finger aus der Nase, strich sich das Totenhemd glatt und kniete nieder. Sie war genauso aufgeregt wie an jenem Morgen vor dreißig Jahren, an dem ein Lieferwagen ihren Dackel überfahren hatte.
»Guten Tag. Ich heiße Josefine Turtelbaum«, sprach sie die weiße Gestalt an. »Habe ich die Ehre mit Erzengel Gabriel, von dem ich in der Bibel so viel Gutes gelesen habe?«
Die weiße Gestalt blieb wie angewurzelt stehen und versuchte verzweifelt auszumachen, woher die Stimme kam.
Frau Turtelbaum sorgte sich, dass der Erzengel sie wegen der Dunkelheit womöglich nicht erkennen konnte und rutschte auf den Knien ein Stück näher.
»Ich bin eine arme Witwe aus Österreich, die gestern in der Weißen Tulpe gestorben ist«, informierte sie den Erzengel.
Erst jetzt erblickte der Erzengel Frau Turtelbaum, die ihm munter zulächelte. Aber statt sie in seine Obhut zu nehmen, wich er Schritt für Schritt zurück. Erst bei der Tür blieb er stehen, suchte dort wie in Zeitlupe Halt, verlor dabei aber das Gleichgewicht und fiel im nächsten Moment ohnmächtig zu Boden.
Frau Turtelbaum sah verblüfft auf den Erzengel herunter, der genau vor ihr zu liegen kam. Sie berührte seinen Kopf und drehte ihn ins Licht.
Es war niemand anderer als Titus. Er atmete regelmäßig und schien abgesehen von der Ohnmacht in guter Form zu sein. Frau Turtelbaum kratzte sich am Kopf und überlegte eine Weile. Dann beugte sie sich fürsorglich über den fünfzig Jahre jüngeren Krankenpfleger und fächelte ihn mit dem Zipfel ihres Totenhemdes langsam wieder zurück ins Leben.

Seitdem fühlte sich Titus tief in der Schuld von Frau Turtelbaum. Vor allem fürchtete er aber, dass Frau Turtelbaum eines Tages alles weitererzählen könnte. Um sie zum Schweigen zu bringen, schmuggelte er regelmäßig Punschkrapfen in die »Weiße Tulpe«, die er der Achtzigjährigen auf einem großen Teller vorsetzte.
Wie ein Kellner verbeugte er sich vor ihr und breitete Frau Turtelbaum die Süßigkeiten auf dem Nachttisch aus.
»Ist da auch Marillenmarmelade drin?«, fragte Frau Turtelbaum jedes Mal, ohne die Punschkrapfen eines Blickes zu würdigen.
»Und ob! Ich habe zweimal nachgeschaut«, beteuerte Titus, als würde von der Marillenmarmelade in den Punschkrapfen sein Leben abhängen.
»Das hast du letztes Mal auch gesagt. Und dann waren Zwetschgen drin. Wenn meinem ersten Mann, Gott habe ihn selig, etwas nicht schmeckte, öffnete er das Fenster und warf es hinaus.«
»Mit dem Teller?«, erschrak Titus.
»Und ob! Gabel und Messer warf er noch hinterher.«
»War das nicht etwas ... verschwenderisch?«
»Mein Mann war bei den kaiserlichen Dragonern gewesen. Dort aß man sogar Kirschen mit einer Gabel. Das ganze Besteck war aus Gold. Deshalb hatten die kaiserlichen Dragoner ein geheimes Sprichwort. Das lautete: – ›Friss, Vogel, oder stirb.‹«
Titus konnte darin keine Verbindung zu den Punschkrapfen erkennen, hütete sich aber Frau Turtelbaum darauf hinzuweisen.
»Und wie lange waren Sie das erste Mal verheiratet?«, erkundigte er sich, weil Frau Turtelbaum diese Frage sehr mochte.
»Nicht lange. Der erste Krieg brach aus, und mein Mann kam an die Front. Täglich erreichten uns Meldungen über Tausende von Toten. Ich wusste, dass mein Mann jeden Tag fallen könnte, und eines Tages kam tatsächlich ein Brief von der Front, in dem man mir den Tod meines Mannes mitteilte. Er war gerade mit anderen Offizieren beim Mittagessen gewesen, als in der Nähe eine Granate einschlug. Mein Mann hatte sich vor Aufregung an einem Zwetschgenkern verschluckt und war tot vom Stuhl gefallen.
Die anderen Offiziere hatten darüber den Kopf geschüttelt, aber man hatte ihn dennoch in allen militärischen Ehren bestattet. Auf seinem Grabstein steht:
›Dem mutigen Martin Turtelbaum, der für Gott und Vaterland gefallen ist.‹«
Frau Turtelbaum biss in den Punschkrapfen und Titus begriff endlich, warum die Achtzigjährige eine Abneigung gegen Zwetschgenmarmelade hatte.
»... drei Jahre später habe ich wieder geheiratet«, fuhr sie mit vollem Mund fort. »Diesmal dauerte es zwanzig Jahre, bis ich Witwe wurde. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, ahnte ich schon, dass es nicht gut gehen würde. Mein Mann arbeitete in einer Munitionsfabrik. Manchmal brachte er eine Granate mit nach Hause. Er stellte sie beim Mittagessen auf den Tisch und erklärte mir alles der Reihe nach. Ich musste die Granate loben, und erst dann konnten wir essen.
Alle in der Fabrik waren stolz auf meinen Mann. Der Fabrikdirektor schwärmte regelrecht von ihm. Denn sobald man einen Freiwilligen brauchte, meldete sich mein Herbert als erster. Eines Tages war es soweit. Man probierte eine Granate mit verkürzter Schnur aus. Offenbar dachte man, dass man mit einer verkürzten Zündschnur den Krieg schneller gewinnen würde. Es war der letzte Test, den Herbert gemacht hatte, und die Zündschnur war so gut gelungen, dass er nicht einmal Zeit hatte ›Prosit Neujahr‹ zu sagen. Von meinem heldenhaften Ehemann blieb nur die Hose übrig, die an der Fabrikdecke klebte und die alle betroffen anstarrten.
Man holte die Hose herunter und legte sie in den Sarg. Auf dem Friedhof hielt der Pfarrer über Herberts Hose eine flammende Predigt gegen den Krieg, der uns die besten Männer raubte, und vergoss dabei Krokodilstränen. Dann senkte man den Sarg ins Grab, und Herberts Kameraden sangen ein Lied, das er so gerne am Wirtstisch sang:
›Alle nannten sie eine graue Maus, aber ich kaufte ihr den ersten Rosenstrauß!‹«
Frau Turtelbaum blickte zu Titus auf.
»Wo hast du diese Krapfen gekauft? Die sind gar nicht so übel ... Als der Krieg zu Ende war, wollte ich nicht wieder heiraten. Der dritte Krieg kommt sicher, dachte ich, und kaufte mir stattdessen einen Dackel. Ich habe ihn zehn Jahre gehabt, als ihn eines Tages ein Lieferwagen überfuhr, der Bananen geladen hatte.«
Der Gedanke an den verunglückten Dackel schaffte das, was die beiden Ehemänner samt den Weltkriegen nicht fertiggebracht hatten. Zwei schwere Tränen rollten ihre Wangen herunter.
»Nicht doch, nicht doch ...«, tröstete Titus sie und reichte Frau Turtelbaum ein Taschentuch. Als das nicht half, begann er von seinen Liebesabenteuern in den Nachtlokalen Wiens zu erzählen. Er ging ganz nah an ihr Ohr, damit ihn die Schwerhörige besser verstehen konnte.
»Vor einer Woche habe ich im ›Bermuda Dreieck‹ ein nettes Mädchen kennengelernt. Sie hieß Regina. Wussten Sie überhaupt, dass das auf Latein Königin heißt?«
»Und weiter?« brüllte Frau Turtelbaum zurück.
»Was weiter?«
»Wirst du sie heiraten?«
»Nach zwei Tagen?«
»Aber durchgenudelt hast du sie gleich, was?«
»Noch vor Mitternacht«, brüllte Titus zurück.
Frau Turtelbaum winkte ab.
»Da habe ich schon geschlafen und von meinem Dackel geträumt. Er war eine Hündin und hieß auch Regina.«
»Nicht möglich!«, rief Titus und lief rot an.
»Ich möchte Ihr Gespräch, das man übrigens bis in den Keller herunterhört, ja nicht stören ...«, mischte sich da die Oberschwester ein, die gewöhnlich um diese Zeit den Nachmittagsrundgang machte und soeben in der Tür erschienen war, »... aber warum hat Frau Enzian um diese Zeit noch kein Gebiss?«
Sie zeigte auf eine Patientin, die das Zimmer mit Frau Turtelbaum teilte und die ganze Zeit über am Fenster saß. Auf Frau Enzians Schoß lag ein großes Heft, das bis zum Rand nur mit zwei Worten vollgeschrieben war: Elsa Enzian.
Titus zuckte mit den Schultern. Aber Frau Turtelbaum, die ständig auf dem Laufenden war, klärte die Oberschwester auf:
»Sie hat ihr Gebiss heute wieder ins Klo gespült. Es war das vierte in diesem Monat.«
Die Oberschwester ging zu Frau Enzian und begann ihr Vorwürfe zu machen.
»Haben Sie eine Ahnung, was ein Gebiss heutzutage kostet? Einmal zahlt noch die Krankenkasse, aber dann muss Ihre Familie dafür aufkommen. Außerdem verstopfen Sie damit den Abfluss, und eine Reparatur ist sündteuer.«
Frau Enzian würdigte die Oberschwester keines Blickes.
Sie hielt genauso wenig von künstlichen Gebissen wie der Patient Wendel, der dadurch berühmt geworden war, dass er neun Gebisse zum Verschwinden gebracht hatte, bevor er gestorben war. Als Herrn Wendel die letzten Zähne gezogen worden waren, hatte er sich strikt geweigert das künstliche Gebiss zu verwenden. Er hatte gesagt, dass er sogar lieber mit bloßem Gaumen kaute, selbst wenn er davon Kieferkrebs bekommen sollte. Als alle schliefen, hatte er sich dann aus dem Heim gestohlen und sein Krankenkassengebiss unter den Tulpen vor dem Eingang begraben. So kam es, dass drei Jahre später unter jeder Tulpe ein Gebiss von Herrn Wendel ruhte. Immer wenn er wieder einmal ein Gebiss losgeworden war, war es ihm wie den Tulpen vor dem Eingang ergangen. Er war aufgeblüht und nicht wiederzuerkennen gewesen. Um zu zeigen, dass Frau Enzian genauso wie der berühmte Patient Wendel dachte, ließ sie vor der Oberschwester einen lauten Furz los.
Die Oberschwester lief rot an und ließ ihre Wut an Titus aus.
»Stehen Sie nicht so herum. Los, suchen Sie!«
»Was soll ich denn suchen?«
»Das Gebiss von Frau Rafla! Es muss hier noch irgendwo sein.«
Titus marschierte zum Regal und nahm eine graue Schachtel herunter. Er schepperte damit.
»Hier ist es. Und jetzt?«
»Geben Sie es Frau Enzian.«
»Aber Frau Enzian konnte Frau Rafla nicht ausstehen«, bemerkte Titus.
»Noch ein Wort…!« Die Oberschwester berührte ihr Kinn mit der Faust, um Titus zu zeigen, was ihn erwartete, wenn er noch ein Wort sagen würde.
Titus nahm das Gebiss heraus und ging zur Patientin Enzian.
»Machen Sie mal Aaa ...«, befahl er.
Frau Enzian öffnete bereitwillig den Mund, ohne ihr Heft wegzulegen. Titus schob das Gebiss hinein.
»Und jetzt sagen Sie was ...«
»Elsa Enzian«
»Passt wie angegossen«, staunte Titus.
Die Oberschwester drehte sich um und ging triumphierend zur Tür. Bevor sie hinausging, blieb sie kurz stehen und zeigte mit dem Finger auf Titus.
»Sie garantieren mir, dass sie nicht mehr alleine auf die Toilette geht. Und übrigens: Wenn ich noch einmal bei Frau Turtelbaum Punschkrapfen sehe, werde ich andere Seiten aufziehen, verstanden?«
Frau Turtelbaum schlang den letzten Bissen hinunter und salutierte wie ein kaiserlicher Dragoner: »Jawoll, Herr General!«
Die Oberschwester warf der Achtzigjährigen einen verblüfften Blick zu und verließ dann kopfschüttelnd das Zimmer.
Obwohl Titus und Frau Turtelbaum einander in diesem Augenblick nicht ansahen, tauchte auf ihren Lippen dennoch das gleiche durchtriebene Lächeln auf.

~


Es gab einen Ort in der »Weißen Tulpe«, den Titus öfter als andere Plätze aufsuchte: Die alte Terrasse. Früher, als die Weiße Tulpe noch ein Hotel gewesen war, in dem ausschließlich wohlhabende Herrschaften abstiegen, hatte sie als Aussichtspunkt gedient, von dem man die ganze Gegend überblicken konnte. Nun stand dort altes Gerümpel und am Eingang war ein Schild mit der Aufschrift: »Betreten auf eigene Gefahr« angebracht worden. Abends zwängte sich Titus hier durch kaputte Möbel und Betten bis zum Geländer hindurch und genoss die Aussicht. Aber statt wie die Hotelgäste von einst die Gegend zu bewundern, konzentrierte er sich auf die erleuchteten Zimmer der Patienten. Selbst wenn ein Zimmer nicht erleuchtet war, wusste Titus, was sich dort abspielte.
Auf diese Weise sah er, wie Frau Turtelbaum in ihrem Bett schlief und im Traum mit ihren beiden Ehemännern und dem Dackel Regina spazieren ging und dennoch so am Leben hing, dass ihr nicht einmal der Aufenthalt im Kühlhaus etwas anhaben konnte.
Ein Bett weiter sah Titus Frau Enzian, die kurz vor dem Einschlafen noch einmal fieberhaft ihren Namen in ihr Heft hineinschrieb, um am nächsten Morgen zu wissen, wer sie war. Aus der Ferne erinnerte sie an die verstorbene Patientin Fiala, die das Bett vor ihr gehabt hatte. Noch heute lachte man über Frau Fialas Angewohnheit, die Nachttischlampe die ganze Nacht brennen zu lassen. Sie hatte behauptet, dass es nichts Wirksameres gegen den Tod gab als eine brennende 100-Watt-Glühbirne. Und dennoch hatte man sie eines Morgens leblos im Schein ihrer Nachttischlampe gefunden.

Titus atmete die Mailuft ein, und sein Blick wanderte zum Männerflügel. Nur in einem Zimmer brannte noch das Licht. Es war das Zimmer des Patienten Eichel, der sich so sehr für den Krieg begeisterte, dass er heute noch den Krankenschwestern statt Liebesherzen Hakenkreuze auf Servietten zeichnete und in seiner Jugend freiwillig als Soldat nach Stalingrad ging, um eine Woche später für immer ohne Beine nach Hause zurückzukehren.
Titus’ Blick ging aber noch weiter. Er ging so weit, dass er sogar Frau Rafla sah, die bereits im Kühlhaus lag und trotz Alzheimer nicht vergessen hatte am gleichen Tag zu sterben wie ihr Mann ein Jahr zuvor.
Und wenn Titus sich richtig konzentrierte, dann sah er sogar wieder die tote Patientin Malik, die als junges Mädchen so religiös gewesen war, dass sie täglich drei Stunden lang zu Jesus Christus gebetet hatte. Um Jesus zu gefallen, war sie nie wie andere Mädchen ausgegangen, und wenn, dann nur in die Kirche. Bereits mit zwanzig hatte sie sich von allen gefallen lassen müssen, dass sie eine alte Jungfer sei und es immer bleiben würde. Aber Frau Malik hatte das nicht gestört, denn sie hatte auf Jesus vertraut und war heimlich davon überzeugt gewesen, dass er ihre Opferbereitschaft mit ewiger Jugend belohnen würde. Als sie dennoch zusehends älter wurde und schließlich mit sechzig einen Schenkelhalsbruch erlitten hatte, ging Frau Malik ein Licht auf. Endlich begriff sie, was alle ringsum schon längst gewusst hatten. Aus einem jungen Mädchen war eine Kandidatin für ein Altersheim geworden. Jesus hatte sie betrogen. Es war so, als hätte sie für ihn niemals existiert. Eines Tages hatte Frau Malik dann das Jesusbild vom Nachttisch genommen, das sie fünfzig Jahre lang wie einen Schatz gehütet hatte, und gerufen: »Ich habe mir von dir schon zu viel gefallen lassen! Geh zu einer anderen!« Dann hatte sie Jesus aus dem Fenster geworfen und ihm so lange nachgesehen, bis er auf dem Boden in tausend Stücke zersprungen war.

Plötzlich spürte Titus, dass jemand hinter ihm stand. Er drehte sich um und sah Dr. Ring. Der alte Arzt, der ihm auf die Terrasse gefolgt war, war offenbar dabei nach Hause zu gehen. Er trug Mantel und Hut.
»Denken Sie auch das, was ich denke?«, sprach Dr. Ring Titus an und blickte, ohne eine Antwort anzuwarten, über dessen Schulter nach oben.
Einen Augenblick sahen die beiden Männer, zwischen denen ein halbes Jahrhundert lag, schweigend hinauf.
»Ich denke gar nichts«, log Titus schließlich.
»Ich schon. Dreimal dürfen Sie raten, was.«
Der junge Krankenpfleger vernahm einen Hauch von Rum und schüttelte den Kopf.
Dr. Ring zeigte mit dem Finger auf eine bestimmte Stelle am Himmel und sagte:
»Ich denke, dass der liebe Gott sich dort oben inzwischen einen solchen Bart hat wachsen lassen, dass wir daran in den Himmel raufklettern könnten. Allerdings hat die Sache einen Haken. Nämlich den, dass es in der ›Weißen Tulpe‹ niemanden gibt, der Lust hätte überhaupt noch irgendwo hinaufzuklettern. Uns eingeschlossen.«
Dr. Ring lüftete den Hut und verbeugte sich übertrieben, wie jemand, der zu viel getrunken hat.
»Einen schönen Abend noch«, sagte er und verließ die Terrasse.
Von Dr. Ring blieb nur ein Hauch von Rum zurück. Titus sog die Luft ein und staunte, wie gut Alkohol zur Mailuft passte. Eigentlich wollte Titus gleich wieder hineingehen, stattdessen blieb er stehen, blickte nach oben und hielt diskret Ausschau nach jenem Bart, von dem Dr. Ring gesprochen hatte.

 

 


Diese Kurzgeschichte ist erstmaling 1997
in einer Anthologie bei Goldmann erschienen.

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