Argumente gegen das vollkommene Leben


... SCHEISS AUF DIE ANDEREN: Machen Sie doch, was Sie wollen!

Ab heute ist Schluss mit dem Selbstfindungszwang. Denn niemand ist glücklicher, beliebter oder spiritueller als Sie selbst! Der neue, erfrischend andere Nicht-Ratgeber von Rebecca Niazi-Shahabi.

Inzwischen kennt man Individualismus nur noch in seiner negativen Form. Persönliche Eigenheiten scheinen heute etwas zu sein, mit dem man seine Umgebung quält und terrorisiert. Wer eine Party veranstaltet, weiß, was gemeint ist. Längst reicht es nicht aus, neben dem geplanten Menü noch ein vegetarisches Gericht bereitzuhalten, nun müssen außerdem noch milch- und glutenfreie Köstlichkeiten angeboten werden, und bald werden auch Salz und Soja auf der schwarzen Liste stehen. Raucher können nur eingeladen werden, wenn man über einen Balkon oder eine Terrasse verfügt, Musik gibt es, wenn man Nachbarn hat, die nicht dauernd die Polizei rufen. Auf Kindergeburtstagen ist es noch schlimmer, dort kann man sich mit der falschen, weil nicht feinstaubfreien Malkreide oder dem politisch nicht korrekten Kinderfilm schnell Feinde machen. Doch daraus zu schließen, dass sich die Verteidigung der eigenen Andersartigkeit in unserer Gesellschaft vollkommen überlebt und deswegen erledigt hat, ist voreilig. Wir kämpfen nur meistens an den falschen Fronten. Es gibt viele Momente, in denen unser Recht auf individuelle Lebensgestaltung ernsthaft bedroht ist und wir es verteidigen sollten.
Zum Beispiel wird uns das Recht abgesprochen, in der Stadt zu leben, die wir lieben und in der
unsere Freunde wohnen, wenn das Arbeitsamt von uns erwartet, für einen Arbeitsplatz den Wohnort zu wechseln.

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… DAS SCHLECHTE GEWISSEN ANDEREN ÜBERLASSEN


Ein kompromisslos gutes Leben zu führen ist unmöglich. Irgendwann wird man immer sündigen. Aber manche stellen sich so dar, als wären sie sündenfrei, und wir sind merkwürdigerweise bereit, ihnen zu glauben. Manche lieben Tiere und sind deswegen Veganer; wir dagegen sind natürlich auch gegen Massentierhaltung, aber wir haben nicht die Disziplin, auf Fleisch zu verzichten. Aufgrund unserer Inkonsequenz glauben wir, uns nicht zu diesem Thema äußern zu dürfen. Das ist schade, denn die
Tierschützer tun dies dafür umso mehr. Da wird für einen Schlachthofbetreiber schon mal die Todesstrafe gefordert, und Fleischessern wird jedes moralische Gewissen abgesprochen.
Dabei kann man sehr wohl Fleisch essen und trotzdem gegen Massentierhaltung sein. Dafür werden Tieren alle guten Eigenschaften zugesprochen, von denen wir Menschen noch » eine ganze Menge
lernen können «. Zum Beweis werden Videos rumgeschickt, auf denen man etwa Schildkröten sieht, wie sie einem Artgenossen helfen, der auf den Rücken gefallen ist. Es handelt sich dabei eindeutig um ein instinktives Verhalten, denn weder helfende noch hilflose Schildkröten reagieren aufeinander, sobald alle wieder auf ihren vier Beinen stehen.
Den Menschen, die von diesem Verhalten noch » eine Menge lernen können «, wird also unterstellt, dass sie eine Person, die vor ihnen auf der Straße stürzt, links liegen lassen würden. Trotz logischer Schwächen wird dieses Menschenbashing aber geliket und weitergepostet. Der Vorwürfe im Netz sind viele, manche posten täglich, woran das Ego der Menschen alles schuld sei, und es ist ganz klar, dass damit unser Ego gemeint ist – und nicht etwa das der Kritiker. Am vorwurfsvollsten sind die Kommentare unter den Katastrophenmeldungen auf der Website der Tagesschau. Da kann man unter dem Bericht über das Erdbeben in Nepal lesen, dass wir gefälligst einmal im Monat weniger essen gehen oder auf den Kauf der fünfzehnten Handtasche verzichten sollten, um das gesparte Geld an die Leidenden in Nepal zu spenden.
Natürlich wird der Verfasser dieses Kommentars kein Geld auf das von der Tagesschau-Redaktion eingerichtete Spendenkonto überweisen, denn er hat sich ja schon durch seinen moralinsauren Vorwurf an ein anonymes Publikum ausreichend von seinen Schuldgefühlen entlastet. Haben Sie kein schlechtes Gewissen, wenn Sie nicht immer perfekt nach Ihren eigenen Moralvorstellungen handeln –
andere tun es auch nicht, sie stellen sich nur so dar.

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… SICH NICHT BLENDEN LASSEN


Wer Glückstipps gibt, wirkt automatisch so, als habe erdas Leben im Griff. Wer postet, dass man etwas riskieren solle, vermittelt den Eindruck, als wäre er besonders verwegen und risikofreudig. Wer Kurse gibt, in denen man angeblich lernt zu lieben, ohne Besitzansprüche zu stellen, behauptet von sich, dass er diese Kunst beherrscht. Wer Empfehlungen parat hat, wie man sich von seinen alten Mustern befreit, wird bereits zu seinem neuen, besseren Selbst gefunden haben.
Leider lässt man sich von Menschen, die allzu sehr von sich überzeugt sind, leicht blenden. Schaut man aber genauer hin, dann kann es sein, dass Menschen, die behaupten, dass sie endlich den Mut gefunden haben, alles anders zu machen und ihren Traum zu leben, ein Leben führen, das sich gar nicht groß von unserem unterscheidet. Auf die Darstellung kommt es also an. Ein Beispiel eines besonders gelungenen Bluffs ist die Aktion » 100 days without fear « der jungen Amerikanerin
Michelle Poler. Eine Aktion, mit der sie auch andere Menschen inspirieren möchte, ihre Ängste zu überwinden und somit das Leben voll auszukosten. Ihr Vorhaben, in hundert Tagen hundert Ängste zu überwinden, hat sie in kleinen Videos dokumentiert. Doch wer die Videos anschaut, wird mit der Banalität von Michelle Polers Ängsten konfrontiert. An einem Tag lässt sie sich die Beine wachsen, davor hat sie nämlich bisher immer Angst gehabt, an einem anderen wechselt sie die Windel des
Babys einer Freundin, auch davor hatte sie sich bisher gefürchtet. Einen anderen Tag verbringt sie ohne ihr Handy.
Das sind alles Dinge, die man selbst auch schon mal ausprobiert hat – aber ohne groß ein Wort darüber zu verlieren. Fast jeder hat einmal damit experimentiert, wie es ist, einen Tag lang auf etwas zu verzichten. Jeder überwindet tagtäglich kleine Ängste, wie etwa sich die tiefe Wunde an seinem Finger genauer anzuschauen oder alleine zu einer Veranstaltung zu gehen, ohne auch nur einer Menschenseele von diesen Heldentaten zu erzählen. Doch Michelle Poler hält inzwischen Vorträge über ihr Projekt, und es kommen viele Zuhörer. Inzwischen reichen schon Stichwörter wie » Ängste überwinden « und » wirklich zu leben «, um die Leute in Scharen anzulocken.
Es lohnt sich aber, genauer hinzusehen, was einem da als strahlendes Vorbild vorgeführt wird.


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… GENIESSEN UND SCHWEIGEN


Es ist verführerisch, ein außerordentliches Erlebnis auch anderen zu zeigen, zumal man ja selbst dauernd mit Fotos von Traumurlauben und Superbabys bombardiert wird. Es schadet ja nicht, im Gegenteil, gehört nicht das Posten danach inzwischen schon zum Erlebnis dazu ? Warum sollte der Gentleman oder die Lady genießen und schweigen, sind das nicht irgendwelche Benimmregeln aus dem
letzten Jahrhundert ?
Es geht hier nicht um die vornehme Zurückhaltung um ihrer selbst willen oder gar um den Hinweis darauf, dass man schließlich nicht seine schlechten Seiten und Niederlagen posten würde und man daher auch nicht seine persönlichen Siege herumzeigen dürfe. Es geht darum, dass Genuss ohne Schweigen nicht möglich ist. Wer seine besonderen Momente postet, entwertet sie, er macht sie zu Material, mit dem er sich vor anderen darstellt, und sich selbst zum Objekt, das er vorführt. Genauso missbraucht er das Publikum, das nun Beifall klatschen muss. Dass dieses Beifallklatschen nicht einfach ist, wird offensichtlich ausgeblendet. Dabei weiß doch jeder, dass das Vorführen schöner Erlebnisse selten Mitfreude bei anderen auslöst (außer vielleicht bei der eigenen Mutter), sondern eher Neid. Diesen Neid wandeln die meisten durch einen bewussten Akt in Großzügigkeit um; die Energie, die das kostet, mag man aber wirklich nur für gute Freunde aufbringen, und bitte nicht zu oft.
Wer diesen Aufwand ständig und von jedem einfordert, erntet keine Bewunderung – er nervt.
Der Kommentar eines Freundes unter den Post seines Bruders mit Fotos eines dreimonatigen Segeltörns ist ein gut gemeinter Hinweis darauf, dass wir wahre Freunde nicht beeindrucken müssen, um von ihnen gemocht zu werden. Er schrieb : » Lieber Lars, wir lieben dich, aber nun
möge dein Glück zu Ende gehen, damit wir dich auch weiterhin lieben können. «

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Auszug aus Rebecca Niazi-Shahabi´s Buch »Scheiß auf die anderen«

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Kommentare zu diesem Blog
1. Gratulation!
Brigitte am 07.10.2015

Sehr geehrter Herr Kieling,

herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Auszeichnung, die Sie mehr als verdient haben! Es ist jedesmal eine Freude für mich, Ihre interessanten Dokumentationen zu sehen und Ihre schönen Bücher mit den tollen Fotos zu lesen! Bitte machen Sie weiter so und bleiben Sie GESUND und bitte achten Sie weiterhin auf Ihre Sicherheit bei Ihren so oft gefährlichen Reportagen!! (Jaja, ich mach mir halt Sorgen...)

Alles Gute!
Brigitte aus Freiburg

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