Die Fünfziger und wie sie uns bis heute prägen


Buchblog: Am Dienstag, 28. Februar 2017 von Piper Verlag / Florian Huber

»Jeden Morgen saß die Vergangenheit mit am Tisch.«

Nach Jahren der Zerrissenheit träumten die meisten Deutschen 1945 davon, ein normales Leben in der wieder vereinten Familie zu führen. Aber die private Welt hinter den Haustüren war nicht jener Ruhepol, den sich alle ersehnten. Was geschehen war, hinterließ tiefe Spuren im Alltag der Familien.

SPIEGEL-Bestseller Autor Florian Huber erzählt im Interview die Hintergründe zu seinem Buch »Hinter den Türen warten die Gespenster. Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit«. Er erklärt, warum es notwendig ist, einen Blick hinter die Fassade des »goldenen Jahrzehnts« zu werfen. Seine Aufarbeitung liefert so den Schlüssel zum Verständnis dieser Zeit und der folgenden Generationen.



Nach Ihrem Spiegel-Bestseller »Kind, versprich mir, dass du dich erschießt« haben Sie ein neues Buch über die Nachkriegszeit in Deutschland geschrieben – worum geht es darin?

Es ist die Fortsetzung meines letzten Buches, nämlich aus der Frage heraus: Wie haben diejenigen Familien weitergelebt, die sich 1945 nicht umgebracht haben? Das war ja die große Mehrheit, die aber zuvor alle Ähnliches durchgemacht hatten. Daher war meine Frage: Wie haben diese Millionen Männer, Frauen und Kinder, die der Krieg, die Gefangenschaft und ihre Erlebnisse für Jahre auseinandergerissen hatte, wieder zueinander gefunden? Und zu welchem Preis?

Wie sah der Alltag einer typischen Familie in den Fünfzigerjahren aus?

Der war nicht selten sehr turbulent und ungeordnet. In vielen Familien fehlten die Männer oder kamen spät zurück, stattdessen tauchten andere Verwandte, Omas, Onkel oder Tanten auf und waren plötzlich wieder weg. Alle sahen zu, wie sie irgendwie ihren Platz finden konnten. Das verbreitete Bild von der konservativ-ordentlichen Rollenfamilie am Nierentisch war zumindest lange Zeit mehr Wunsch- oder Zerrbild als Wirklichkeit.

Wie war es für Kinder, in dieser Zeit aufzuwachsen? Wie war das Eltern-Kind-Verhältnis?

Für die Kinder waren die Umstände hart und entbehrungsreich, aber gerade durch den Überlebenskampf der Eltern waren viele Kindheiten geprägt von innerer und äußerer Freiheit. Die wenigsten empfanden sie als muffig und öde. Während aber die meisten Kinder ein enges Verhältnis zu ihren Müttern hatten, herrschte gegenüber den Vätern Kälte, Distanz und sogar Furcht. Zwischen ihnen standen der Krieg und das lange Wegsein.




Welche Rolle kam den Frauen zu?

Nachdem die Frauen in Deutschland jahrelang die Ernährer und Manager der Familien in einem Krieg der Männer gewesen waren, sahen sie sich vor die Wahl gestellt: sich unterordnen wie zuvor oder die gewonnene Selbständigkeit verteidigen. Keine andere Wahl als immer weiter zu kämpfen, hatten dagegen die, deren Männer tot waren. Gemeinsam war ihnen allen, dass ihre Leistungen nie recht gewürdigt worden sind.

Wie haben sich die Männer – Rückkehrer aus dem Krieg – wieder in ihrem alten Leben eingefunden?


Manche haben ihren Platz gar nicht mehr gefunden, die meisten haben zumindest lange dafür gebraucht. Die vielen Jahre an der Front und hinter Stacheldraht haben die Männer stark verändert, und die Familien zu Hause waren auch nicht mehr dieselben. Der Wunsch, dass bei der Rückkehr alles so sein möge wie zuvor, war demnach eine große Illusion. Wahrscheinlich waren die Männer sogar die größten Verlierer in dieser Zeit.

Wie wurde in Familien mit der Vergangenheit umgegangen – und was hat dies mit den Familien gemacht?

In fast allen Familien herrschte das ungeschriebene Gesetz des Schweigens. Die Männer wollten nichts von ihren schrecklichen Erlebnissen oder ihrer Schuld preisgeben, die Frauen ließen alles, auch um ihrer eigenen Ruhe willen, auf sich beruhen. Die Kinder spürten zwar, dass da etwas im Verborgenen schwelte, aber sie trauten sich nicht, gegen die dicken Mauern anzurennen. So nahm das Ungesagte und Ungehörte seinen eigenen Weg: in Reizbarkeit, Strenge und Aufsässigkeit, in Andeutungen und Missverständnissen, in den berüchtigten Familiengeheimnissen. Vielfach hat das dazu geführt, dass man sich kaum gekannt hat, obwohl man jeden Tag am gleichen Tisch saß.

Für wen haben Sie dieses Buch geschrieben?


Ich habe beim Schreiben an niemanden speziell gedacht. Aber inzwischen meine ich, dass sich sowohl die Generation meiner Eltern als auch meine eigene in den von mir geschilderten Schicksalen wiederfinden kann. Denn vieles von dem, was die Leute in der Nachkriegszeit bewegte, hat seine Spuren im Zusammenleben unserer Generationen bis heute hinterlassen.
 

Florian Huber, geboren 1967 in Nürnberg, promovierte zur Umerziehungspolitik der britischen Besatzungsmacht in Deutschland. Er lebt in Hamburg als Autor von historischen Sachbüchern wie »Meine DDR. Leben im anderen Deutschland« und »Schabowskis Irrtum. Das Drama des 9. November«. Darüber hinaus ist Florian Huber Autor von preisgekrönten Dokumentarfilmen zu zeitgeschichtlichen Stoffen wie dem Mauerfall, dem Olympia-Attentat 1972 sowie dem 11. September.

2015 erschien im Berlin Verlag sein von der Presse hochgelobter Bestseller »Kind, versprich mir, dass du dich erschießt. Der Untergang der kleinen Leute 1945«, der in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.

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